e; ARBEIT.
5 Ä oO
2
JAHRGANG 1929
Verlag
Vereinigung „Freunde der Neuen Wege“
, ROOK Rn
PACIFIC SCHOOL
I. Betrachtungen.
‚Nicht müde werden! AR ‚Ragaz
Halb und ganz. Alfred Bieten-
holz-Gerhardt .
Vom Sinn der Passion "Jesu für
die Welt. Hans Boehringer .
Die grosse Speisung. Ernst Hu-
RR, bacher
Falsche Selbständigkeit b> Ra-
eaz :
Seite
1
57
II. Religiöse, ethische
Seite
Blumhardt und wir. L. Ragaz 4 u. 58
Schwermut und Anfechtung. Ju-
lia Inger Hansen .
Zur sexuellen Frage. 1. AR
Problem der Familie. Alfred
Bietenholz x
2. Momentbilder aus einer
matologischen Klinik. Rene
Gu£rin ‘
Das en des: Neck
110
219
23
ee ber “
Taten tun. L. Ragaz
Ein Em wird de % Ra-
Der u zur Gemeinschaft Ma
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Wir und der Alltag. L. Ragaz
Christus allein. L. agaz Fl pe:
und kulturelle Fragen. }
«
Testamentes und wir.
Inger Hansen . .
Theologia und Gemeinschaft.
Emil Brunner .
vs in der Völkerwelt. y3 Ra-
Julia
IN. Politische und soziale Fragen.
Katholizismus und Sozialismus,
. Ragaz . 28, 133, 187, 235,
Aktiver Pazilismus. Hans Kohn
Zum Gedächtnis Gustav Lan-
dauers.
1. Erinnerung an einen Tod.
Martin Buber
2. Der Lebensgang eines Re-
volutionärs, Hans Kohn
Sr Begegnung mit Landauer.
L. Ragaz . LE
Zur Branntwein-Initiative. Jo-
Zur Petition um das Frauen-
hannes Tscharner .
stimmrecht. L. Ragaz .
Seite
281
82
161
165
171
186
187
43
z
Seite
401
Br, a 1529. L. Ragaz IRA
Der Löwe Tolstoi. Charlot
Strasser j 440, 512
Das Wort, das wir brauchen.
L: Ragaz . IE
Seite
Du sollst nicht töten. Leo Tol-
stoi . A 227
Gruss an Förster. L. Ragaz : 233
Wege zum Sozialismus. E. Am- x
stein 270
Von der wahren Sendung des
Proletariats. Matuschka .
Frauendenken. Martin Buber u.
Gustav Landauer . 217
Der sozialistische Bruderkrieg
und seine Ueberwindung. L,
Ragaz . . 348
Die "Weil am Jahresschluss.
L. Ragaz 5 RR 576
ische en N Versön
L gsbundes in Tartu .
tagung.
Tagung, für ‚Christentum und
Sozialismus in Wien. Oskar
Ewald . .
Jahresversammlung der „Freun-
i- de der Neuen wer "Robert
il pe emne KR
18
182
R.
Wie ie noch? Felix
Eine internationale religiös-so-
- zialistiscaeo Zusammenkunft. -
L.Ragaz .
Die Motion Lejeune.
kelberger I:
Zwei Militärgerichtsentscheide
% neuester Zeit. Clara Ra-
Yale Helden. L. Ragaz i
V. Aussprache.
"Zur Frage der Pressereform.
> We
- Zusammenschluss. K. SR
- Die Presse. Erich Schairer .
A. Bietenholz-Gerhardt .
Neue Wege. A. K.
Einspruch aus der deutschen
Jugendbewegung gegen die
Presse". va Edmond u.
Peter Adams . .
Katholizismus ee Fortschritt.
Ein katholischer Arbeiter .
Zur Chronik
Personalia
Monatsschau
Personalia
- Monatsschau . £
- Der Fall Bietenholz e
Erklärung zum Fall Bietenholz
Personalia
Monatsschau
- Oskar Ewald in der Schweiz
"Wiederum
Monatsschau
Personalia
Monatsschau .
Die Abrüstungspolitik der eng.
lischen Arbeiterregierung . .
Unser Protest gegen das Rote
Bee in.
verurteilt. Georg
Eriih
Friedens-Trauertag. Emil Fuchs
Mitschuldig. H. ur ;
Seite
71
129
Seite
Zur Frage der Presse. Erich
Schairer . .
Zur deutschen Lage, Eberhard
Lempp u. L. Ragaz . a
Zur Verhandlung über Remar-
que. Hedy Bruckmann, Klara
Wiedmann u. L. Ragaz . .
Zur innern Lage Deutschlands.
Eberhard Lempp u. L. Ragaz
Zum Problem der Technik. X.
u. L. Ragaz :
VI. Rundschau.
Sinn und Wert der Nachtruhe.
Ernst Kalbe .
Ein glückliches Versehen .
Pfäffikoner Abrüstungsversamm-
unsere EA
Monatsschau
Zur auswärtigen.
englischen Arbeiterregierung .
Neues von der chinesischen
Hungersnot u. ihrer Bekämp-
fung. Johannes Witte
Monatsschau R
Dokumente .
Der Bund der religiösen Sozia-
listen Oesterreichs an den
Kardinal Piiffll in Wien >
Erklärung christkatholischer
Geistlicher }
Professor Einstein als Anstifter
Redaktor Rusch zum Bellenzer
sog. Gottesdienst . ae
L. "Stük-
Politik der,
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Proben militaristischer "Polemik
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zur ab 1 Abwehr und Verständigung
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De Mortius . .
Ein Missverständnis .
VII. Aus der Arbeit.
Heim Neukirch a. d. Th.
Casoja. Z
Heimetli Obersommeri . .
a sozialer Kurs in Ca-
Aa "und "Bildung (Sommer-
programm 192 £
Mütterwoche im Bed £
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Wer macht mit? .
Friedens- und Hilfsdienst 1999 .
Internationale Volkshochschule
in Lieira .
Die Reichenauer Konferenz Er
Heim-Volkshochschule Haberts-
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52
53
152
374
Religiös-sozialer Frauenkurs in
Casoja
Arbeit und Bildung. TR
Mütterwoche im Bendeli. Frieda
Grai-Baumann . . . -
Zwei Versammlungen . .
Herbst-Ferienwoche im „Heim“
Neukirch a. d. Th.
Casoja-Kurs für "Arbeiterinnen
Arbeit und Bildung. Winter-
programm 1929/30 (erste
Hälite) .
Kurs über Wissenschaft, Philo-
sophie und Religion in Bern
VIH. Von Büchern.
Ernst Staehelin: Der Jesuiten-
orden und die Schweiz. L.R.
Max Zeltner: Vom Charakter
philosophischer Systeme und
ihrer Bedeutung für den Ein-
zelnen,
Zwei Schriften über den Sinn
der Wissenschaft. NE v. Mu-
alt.) IRR:
ce: Wirz: Heinr. "Pestalozzi.
Peter Burri:
OS nee. sch
Gerhard Kittel: Jesus und die
Juden. Hans Bruppacher .
Paul Pilüger: Der Kranken-
Christentum und
Seite
53
Fa ic ipkeigee i. d. Schweiz
Raben Friedmann: Leo Tolstoi.
Julie Schlosser: Wir und die
Kreatur, L. R. EN
Dr. Franz Kobler: Das Hand-
buch der Gewaltlosigkeit. L.R.
Wilhelm Kambli: Die Heiligkeit
des Lebens. L.R..
Leonhard Ragaz: Von Christus
zu Marx — von Marx zu
Christus, L, R.
Pazifistischer Kr
„Neues Deutschland“. L. R. .
IX. Redaktionelles.
Zur neuen Fahrt
Seite
55
Zum Jahresschluss .
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1, 59
596
Seite
496
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Nicht müde werden!
Lasset uns das Rechte tun und nicht müde werden. Denn wir
werden zu seiner Zeit ernten, wenn wir nur nicht ablassen.
- Galaterbrief 6, 9.
Im Tun des Rechten kann man schon müde werden. So nämlich -
hat der Apostel wirklich gesagt, nicht: „Lasset uns Gutes tun“ so
im allgemeinen — wobei man etwa an allerlei Liebestätigkeit und
Gemeinnützigkeit, ja sogar an Vielgeschäftigkeit „guter Werke“
denken könnte — sondern: „Lasset uns das Gute tun“, genauer:
„das Rechte‘“,') das, was uns aufgetragen ist, die Sache, der wir
dienen sollen und der wir uns verschrieben haben.
Darin kann man schon etwa müde werden. Auf zweierlei Art.
Es kann einem zu viel der Last werden, zu viel der Aufgaben, zu
viel der aufreibenden Mühsal. Körper und Geist mögen nicht mehr,
Erschöpfung stellt sich ein. Eine schwere Sache: unter seiner Last
auf dem Wege zusammenbrechen, mitten im heissen Tagewerk die
Sichel sinken lassen, den Arm erlahmen fühlen, da wo der Kampf
am härtesten, vielleicht auch aussichtsreichsten wird. Und doch ist
dieses Müdewerden nicht das Schlimmste. Davon gibt es ja viel-
leicht eine Erholung durch Ausspannen und Ausruhen, durch Ent-
lastung und Stellvertretung. Aber wenn man am Rechten selbst
müde wird? Wenn es damit nicht vorwärts will? Wenn Enttäu-
schungen und Niederlagen sich häufen? Wo soll da Hilfe herkom-
men? Und doch ist das eine Erfahrung, die jeder Arbeiter und
Kämpfer für das Rechte etwa machen wird: man wird müde.
Und doch sollen wir nicht müde werden, das heisst: nicht ab-
lassen, nicht „feige werden“, „nicht verzagen“, wie es eigentlich
heisst. Auch hiefür gibt es ein Ausruhen. Wir dürfen bloss nicht
meinen, dass alles durch unser Tun gemacht werden müsse. Es wird
auch ohne uns gemacht. Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch
eine Nacht geben muss, nicht nur einen Tag, auch einen Herbst und
Winter, nicht nur einen Frühling und Sommer; wir dürfen nicht
meinen, dass wir nicht bloss zu säen, sondern auch die Saat zum
Keimen und Reifen zu bringen hätten. Das Rechte, an dem wir ver-
zagen, ist wohl aufbewahrt; es wird zu seiner Zeit seinen Sieg schon
erweisen. Vielleicht ganz plötzlich und wunderbar wird durchbre-
chen und dastehen, was wir so heiss erkämpft und so schmerzlich
erhofft, woran wir so bitter verzagt. Lasset es nur wachsen! Das
„Unverhofft kommt oft“ gilt davon im grossen und grössten
Stil. Alles, alles, was du Wesentliches und Wahres geglaubt und er-
strebt — es ist wohl aufbewahrt und wird seinen Tag sehen. Da
1) Der griechische Text: „to kalön“ wird am besten so übersetzt.
1
Ne
darist du ganz getrost sein. Ja, es wird gesch
hofft, Erstaunliches, Wunderbares. So gross i
segen und die Auferstehungskraft des Rechten, so gross der Leben- ie
dige, zu dessen Reich und Macht es gehört. Das ist mehr als sicher,
mehr als verbürgt!
Daran gilt es tapfer festzuhalten, wenn man müde werden will. @
Das Schwere solcher Zustände besteht nun freilich gerade darin, dass
man darin dieses Gefühl nicht hat,. dass man diese Zuversicht ver
liert, dass alles öde und hoffnungslos aussehen will. Aber dann gilt
es eben, sich zu sagen, dass wir den Sieg nicht immer fühlen
müssen, wie wir auch Gott nicht immer fühlen müssen. Wie Gott
da ist, auch für uns da ist, auch dann, wenn wir ihn nicht fühlen,
so ist der Sieg des Rechten gesichert, auch dann, wenn wir es nicht
so empfinden, und wie Gott gerade darin G ott ist, „grösser als
unser Herz“, gar nicht etwa ein Gebilde unseres Herzens, so be-
weist in solchen Zeiten des Verzagenwollens auch das Gute, dass
es über uns ist, dass nicht wir es machen. Gerade in solchen Er-
müdungen und Verdunkelungen unserer „Vitalität“ tritt dann jene
Kraft ein, die unvergleichlich mehr ist als alles blosse Gefühl: „Es
ist aber der Glaube eine Zuversicht dessen, was man hoffet, ein
Nichtzweifeln an dem, was man nicht siehet.‘“‘ Dieser Glaube erfasst
mit seinem Dennoch den allmächtigen Gott, dessen Wesen das
Schöpfungs- und Auferstehungswunder ist. Er kann darum auch
im Dunkeln harren, kann die Nacht und den Winter ertragen; denn
er sieht nicht nur in der Nacht die Sterne — es gibt ja auch sternen-
lose Nächte — sondern er ahnt auch in der dunkelsten Nacht die
schaffende Kraft der Tiefe, die ja in der Nacht und im Dunkel am
geheimnisvoll gewaltigsten wirkt, er spürt mitten im schärfsten
Winter schon Frühlingsahnung und vernimmt im Sterben das schöp-
ferische Lebenswort. Das Rechte ist sicher, es ist sicherer als unser
Gefühl. Traue ihm doch, auch wenn du seinen Sieg nicht schaust.
Es hat noch nie getäuscht. Es ist grösser als du und wir alle!
Darum gilt es, auch wenn man müde wird, doch nicht „abzu-
lassen“. Das ist freilich wichtig, ja entscheidend. Dieses „Ablassen“
ist die tötliche Gefahr in Zeiten des Müdewerdens. Denn wenn man
dann von einer Sache lässt, so ist sie nachher nur schwer mehr
aufzunehmen. Diese Ermüdungsgefahr tritt nach alter Erfahrung
mit Vorliebe unmittelbar vor der Entscheidung auf und enthüllt sich .
damit als eine der bedrohlichsten Formen der Versuchun £.
Nur gerade jetzt nicht ablassen, nicht „feige werden“! Alles hängt
davon ab! Von den letzten fünf Minuten hängt alles ab! Jetzt
noch fest bleiben, bis zur Verzweiflung, und alles ist ewig gewon-
nen! Freilich, schwerer noch mag das Ausharren durch lange, öde
trostlose Strecken voll scheinbar nutzloser, stets aufs neue ent-
täuschender Anstrengung sein. Das erfordert nicht den Heroismus
2
- Geheimnis der Fruchtbarkeit. Nicht der, vielleicht nach lan-
waltiger Anspannung, sondern den noch viel Erösssten der stets
erneuten Geduld des Glaubens. Aber nun steckt gerade darin das
. ger Vorbereitung, rasche und strahlende Erfolg einmaliger Tat ist
_ das, was am meisten zeugend nachwirkt, sondern die treue, unver-
drossene, scheinbar hoffnungslose Mühsal des Kampfes und der
Arbeit. Gethsemane und Golgatha schaffen mehr als Ostern, Ostern
ist sozusagen nur ihre plötzlich sich öffnende Wunderblüte. Elias,
‚der das Feuer vom Himmel zwingt, und Jesajas, der Sanherib von
Jerusalems Mauern vertreibt, wirken nicht so stark, wie des Jere-
4
mias Ringen und Kämpfen mit Gott. Und was ergreift uns am Leben
Pestalozzis am meisten? Etwa sein glänzender Erfolg von VYverdon
_ und nicht viel mehr die langen, dunklen, verzweifelten — und doch
nicht verzweifelten — Jahre auf dem Birrfeld? Nicht ablassen! —
- und dann werden wir zu seiner Zeit ernten „ohne Aufhören“. So
übersetzt Luther, wie so oft wörtlich genommen falsch, sachlich
- aber wunderbar zutreffend. „Ohne Aufhören.“ Rascher, glänzender
. Erfolg verwelkt rasch, was ewiges Leben haben soll, muss von
Tränen und Herzblut langer Mühsal des Glaubens und der Liebe
getränkt sein. Nicht ablassen, ja sogar auch an die Ernte, an den
Erfolg nicht denken, einfach treu sein, einfach dabeibleiben in Dun- .
- kel, Kälte und Einsamkeit, getreu bis in den bittern Tod des Leibes
und der Seele hinein, und die Krone des Lebens senkt sich als ewiger
‚Sieg — auf dich? — nein, auf das Rechte, das du geglaubt und ge
wollt, herunter. Auch das ist gewiss, sicherer als jedes Naturgesetz,
es ist mehr als verbürgt. Es ist über uns! Wir brauchen es nicht
immer zu fühlen, dürfen dies vielleicht gar nicht, aber es
steht fest wie der Himmel über uns. „Was der Mensch sät, das
wird er ernten“ — die Saat des Sterbens aber ist die Ernte des
Lebens.
Ganz das Gleiche gilt auch von dem mehr äusserlichen Müde-
werden. Es steht übrigens manchmal im Zusammenhang mit dem
andern. Wir verlieren Hoffnung und Zuversicht, wenn wir durch
ein Uebermass von Anstrengung erschöpft sind. Es ist gut, dass
wir dies nicht vergessen und mit der Abhilfe am rechten Orte ein-
setzen. Ein wenig Entlastung, ein wenig Ruhe, ein wenig Abwechs-
lung, Ausspannung, Erholung bringt uns auch Mut und Vertrauen
wieder. Leib und Seele stehen in gottgeordnetem Zusammenhang.
Gott selbst tritt uns in der Müdigkeit entgegen und gebietet uns
Halt, damit wir nicht in Arbeit und Kampf für ihn — ihn selbst
verlieren. Wir müssen zur Quelle aller Kraft zurück. Aber oft ist
es auch umgekehrt. Leib und Seele ermatten, weil Glaube und Hofi-
nung, vielleicht auch, — was wohl das Allerschlimmste ist — die
Liebe müde werden. Dann muss eben jenes tiefere Ruhen eintre-
ten, das Gott walten lässt, in dem das Rechte ewig sieghaft verwahrt
*)
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ist. Damit kommen auch Leib und Seele zur Ruhe. Sie sinken in den
heiligen Schlummersegen der Nacht und des Winters. Und erheben
sich zu Morgen und Frühling, wenn der Sieg von Gott aus herunter-
gestiegen ist auf die Erde, wenn die Winde wieder frisch von seinen
Bergen wehen, wenn die Quellen der Tiefe wieder fliessen und die
Pforten des Lebens wieder geöffnet sind. Es gilt vom Aussen und
Innen das Wort: „Verbirgst du dein Antlitz, so erschrecken sie; du
nimmst weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder zu
Staub. Du sendest deinen Odem aus, so werden sie geschaffen und
du erneuest die Gestalt der Erde.“ Völlig wunderbar ist, wie Leib
und Seele aus der Ermattung des Todes aufleben, wenn Gott wieder .
sein Antlitz zeigt, wenn der Sieg des Rechten sonnenstark durch die
Wolken bricht und man wieder arbeiten und leben kann. Darum aber
gibt es auch mitten in jener mehr äusserlichen Müdigkeit stets eine
Hilfe. Auch wenn du nicht sofort heraus kannst aus deiner Mühsal,
wenn du in Not und Unkraft ausharren musst, wenn du unter der
Last erliegen willst, meinst, es sei mit deiner Kraft, Gesundheit,
Leistungsfähigkeit aus, so kommt das Wort zu dir, das das sichere
Wunder der Hilfe einschliesst: „Knaben werden müde und matt und
Jünglinge straucheln‘“ — das heisst: auch stärkste natürliche „Vi-
talität“ hilft nicht, sie kann bald versagen, es kommt auf sie gar nicht
so sehr viel an — „aber dieaufden Herrnharren, kriegen
neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen
und nicht ermatten, dass sie wandeln und nicht müde werden!“
| | L. Ragaz.
Blumhardt und wir.)
1
Als Christoph Blumhardt, der Sohn, anfangs August 1919 fast
unmerklich in jene höhere Welt hinüberging, deren Bürger und
Zeuge er auf dieser Erde gewesen und nur immer mehr geworden
war, wie Wenige vor ihm, da bedeutete dieses Ereignis nur
1) Dieser. Aufsatz ist schon vor mehreren Jahren geschrieben worden.
Schon damals zu spät. Er musste dann aus Gründen redaktioneller Taktik im-
mer wieder zurückgestellt werden (dies geschieht oft auch mit den Beiträgen
des Redaktors) und scheint nun vollends veraltet zu sein. Dennoch habe ich
mich entschlossen, ihn noch zu veröffentlichen, und zwar in- unveränderter
Form. Aus folgenden Gründen: Der äusserlichste ist der, dass dieser Aufsatz
zu einer grösseren Reihe von Darstellungen unserer „Väter“ gehört, die nach
und nach erscheinen soll. Wichtiger ist der zweite, dass die Verständigung
über Blumhardt in jeder Hinsicht von grosser Bedeutung für die Sache ist
der die „Neuen Wege“ dienen. Zum Dritten aber mag der Aufsatz vielmehr
Blumhardt infolge dieses Aufsatzes, ein Anlass zur Fortsetzung des ‚Gesprächs“
mit der „neuen Theologie“ werden. Es ist seit seiner Äbfassung freilich
durch Lauterbach in Gang gekommen. Das war aber doch nur ein Anfang und
4
En ae SR: ri
für einen ganz kleinen Kreis von Menschen etwas, wenn auch für
hr
diese freilich etwas sehr Grosses: eine Verwaisung der Welt. Die
"Welt selbst hatte anderes zu tun. In Versailles war soeben der
„Friede“ zustande gekommen, hoch wogten noch die Wellen der
Revolution, der Fortsetzung des Krieges. Das bewegte die Welt.
Sie hatte keine Ahnung davon, dass dieser Mann, der siebenund-
siebzigjährig, müde, aber froh und friedlich wie ein Kind in einem
Gartenhaus eines schwäbischen Dorfes entschlummerte, eine ge-
‚ waltige, tiefernste aber auch tief trostvolle Deutung all dieser Ge-
schehnisse und der noch kommenden gegeben hat und selbst ge-
wesen ist, weil er sie von Gott aus schaute und: sein Leben das
grosse Tun Gottes in Bescheidenheit und Grossartigkeit veran-
schaulichte.
Seither ist der Name Blumhardts in der Welt gross geworden
und weithin gedrungen. Das Licht, das zuletzt, nach früherem
starkem Aufleuchten, in Boll nur noch ganz still und wenig be-
achtet gebrannt hatte, ging auf einmal hell und gross wieder Vielen,
- einem weiteren Kreis als je, auf. Und es wird — dessen bin ich
gewiss — nur immer heller und grösser werden, alles jeweilen zu
seiner Zeit. Aber wie es nun zu gehen pflegt: mit diesem Vordrin-
gen des Namens Blumhardt entsteht auch — oder droht zu ent-
stehen — der Streit um ihn, der Streit, meine ich, um seine richtige
Auslegung, in höherem Ton geredet: um seine rechte Jüngerschaft.
dieser stand besonders im Zeichen des religiös-sozialen Problems, genauer:
der Stellung zum sozialen Problem. Eine Fortsetzung ist also wohl am
Platze, und zwar eine solche, die tiefer auf die einzelnen religiösen Pro-
bleme eingeht. (Man verzeihe das Wort!) Dass ich es im Geiste der Freund-
schaft und mit dem Willen zur Verständigung versuche, wird man hoffentlich
spüren.
Inzwischen ist allerdings die Lage nicht nur durch das Lauterbacher Ge-
spräch, sondern auch durch das Erscheinen eines weiteren Bandes von Blum-
hardts Predigten und Andachten verändert worden. (Vgl. das No-
vermberheit.) Dieser Band, der meine in diesem Aufsatz über seinen Charakter
ausgesprochene Vermutung vollauf bestätigt, scheint auf den ersten Blick meine
ganze Erörterung unnötig zu machen. Ich könnte einfach erklären: „Lest nach
dem andern auch diesen Band, und ihr wisst, wo Blumhardt steht.“ Trotzdem
halte ich den Aufsatz nicht für überflüssig, werde aber freilich noch einen, wenn
auch kürzeren, im Anschluss an das neue Buch schreiben.
Endlich noch ein Wort zu den „Laien“, die ja die grosse Mehrheit der
Leser der „Neuen Wege“ bilden und auf die ich immer in erster Linie Rück-
sicht nehme. Werden sie von diesem Aufsatz etwas haben? Ich glaube doch,
und zwar besonders vom Mittelstück, wenn sie nur ein wenig Geduld walten
lassen. Blumhardt ist für sie, als Befreier von der Theologie, sogar ganz be-
sonders wichtig. Die „Laien“ mögen überhaupt nicht erschrecken, wenn viel-
leicht in der nächsten Zeit dann und wann in den „Neuen Wegen“ Erörterun-
gen auftauchen, die stark „theologisch“ aussehen. Man kommt gerade auf dem
Wege zur „Laienreligion“ nicht darum herum. Aber man dari sicher sein, dass
der Kampf um diese für mich im Zentrum alles Hoffens und Handelns steht und
dass von mir nicht ein Steckenbleiben in abstrakter Theologie zu befürchten ist.
&
De
BERN Di, \
\ 5 yRy a
Das Erste, was sich auf dieser Linie einstellte, war eine Er
scheinung, die in ähnlichen
Fällen noch stets wiedergekehrt ist:
der Versuch, das Originale, Durchbrechende, Revolutionäre seiner |
Gestalt zu verschleiern, abzuschwächen, diese dem Durchschnittli-
Erschreckende zu verschweigen oder ins Harmlose zu ziehen. Aus
solchem Bestreben hat man seinerzeit Pascals „Pensees“ beschnitten
chen, allgemein Gebilligten anzugleichen, das allzu Kühne, allzu
B | . und verstümmelt herausgegeben und des heiligen Franz älteste und Y
...... echteste Biographie zerstört, ja auch das Bild Christi ist davon viel
00. leicht nicht verschont geblieben. Diesem Loos ist auch Blumhardt
TR nicht entgangen. Es hatte sich schon zu seinen Lebzeiten um ihn her-
RR um eine Gemeinde gebildet. Zu ihr gehörten neben andern auch viele
liebe, feine, treue Menschen, denen es an Kraft und Weite des Geistes
fehlte und die das starke Bedürfnis spürten, Blumhardt sozusagen
zum frömmsten und bravsten der Menschen zu machen. Diese Kreise
hatten in ihrer tiefen, oft aber etwas unselbständigen Verehrung
für ihren Meister grosse Angst, ihn irgendwie in einem nach ihrer
Meinung ungünstigen Lichte dastehen, ihn irgendwie in die Kämpfe
des Tages, besonders die politischen, hineingezogen zu sehen. Fast
unmerklich deuteten sie ihn und seine Sache wieder zu dem Pie-
37 tismus zurück, von dem doch Vater und Sohn Blumhardt aus-
gegangen waren, um ihn zu überbieten und damit zu überwinden.
Andere, die nicht so weit gingen, weil sie Blumhardt doch besser ver-
standen und selbst grössere Statur besassen, entgingen vielleicht nicht
Bd.) ganz dem Quietismus, der Neigung, das Aktiv-Revolutionäre
in dem Mann und seiner Botschaft hinter das stille Warten auf das
‚ Reich in Geduld, Vertrauen und Gebet allzu stark zurückzudrängen.
Man kann, bei voller Einsicht in das Unzulängliche solcher
Schlagworte, diese Auffassung Blumhardts die mehr konserva-
tive nennen. Das Buch von Eugen Jäckh: „Blumhardt, Vater
und Sohn“) vertritt diese Auffassung zwar in gemässigter Form,
aber ich habe trotzdem den bestimmten Eindruck, und nicht ich
allein, dass es sich etwas zu stark auf dieser Linie bewege. Damit
habe ich gleich auch das Wichtigste genannt, was ich dagegen ein-
zuwenden habe. Das Buch besitzt sonst viele Vorzüge, besser, es
besitzt einen grossen Vorzug, aus dem alle übrigen entspringen:
Der Veriasser, als einstiger langjähriger Adlatus Blumhardts, ist
im Besitze des „Stoffes“ gewesen, wie Wenige. Er verfügt über
eine reiche Kenntnis des’äusseren Lebens, besonders Blumhardt des
Sohnes; er hat auch die schriftlichen Dokumente: nachgeschriebene
Predigten und Andachten, Briefe und so fort in einer Vollständig-
keit benützen dürfen, die beneidenswert ist. Aus diesem Schatze
1) Im „Furche“-Verlag erschienen,
6
PO Wenn ich in diesem Sinne es warm
. doch ehrlicherweise gestehen, dass ich mich an einigen Punkten in
Kir
=
ıem äusserst wertvollen Besitz.
entschiedenem Widerspruch dazu befinde.
Zwei Mängel des Buches treten für mein Urteil zunächst hervor.
Jäckh teilt sein Werk in einen Abschnitt über das Leben und einen
über die Lehre Blumhardts, des Vaters und des Sohnes, ein. Damit
entsteht sofort eine grosse Schwierigkeit. Wie Jäckh selbst so gut
als ich weiss, haben weder der Vater noch der Sohn Blumhardt eine
„Lehre“, im Sinne einer Theologie, gehabt. Sie haben eine B ot-
‘schaft gehabt und haben diese verkündigt, so wie ihr Erleben
"und das Gebot der Stunde es verlangte, aber sie haben kein System
‚gehabt, der Sohn wenn möglich noch weniger als der Vater. Sie
redeten das lebendige Wort, das aus Gottes Munde geht. Sie waren
Menschen der Tat, sie waren Realisten, sie dürsteten nach Wirklich-
keiten aus Gott, erlebten solche, redeten daraus, und das Wort be-
. kam aus diesem Zusammenhang Sinn und Kraft. Scheinbare Wider-
sprüche blieben darum nicht aus; sie finden ihre Auflösung nicht
in einem harmonisierten System, sondern im Ganzen ihres Erlebens.
Sobald man daraus eine „Methode‘“ macht, verändert man ihren
Sinn und gerät vielleicht in schweren Irrtum.
Mit dieser Gefahr habe auch ich bei der Schaffung meines Blum-
hardtbuches gerungen. Ich habe ihr dadurch zu entgehen versucht,
dass ich einmal alle theologische Systematik vermied, sodann die
„Botschaft‘‘ mitten in den lebendigen Zusammenhang des „Kampfes“
stellte, weiter dadurch, dass ich das Paradoxe, Augenblicksgemässe,
Revolutionäre in diesen Worten ganz zur Geltung kommen liess,
endlich dadurch, dass ich, mein eigenes Glauben und Hoffen mit dem
Blumhardts verbindend, aus dem Buche ein Bekenntnis machte.
Es ist fraglich, ob ich damit die Gefahr ganz gebannt habe; viel-
leicht versuchte ichs heute anders. Jäckh aber scheint mir den Feh-
ler zu begehen, dass er die Botschaft zu sehr zu einer besonderen
Lehre macht und diese in ein Schema spannt, das nach meinem
Empfinden allzustark den üblichen Kategorien der Frömmigkeit
und Theologie entspricht.
Dazu kommt ein Zweites. Jäckh gibt eine Biographie so-
wohl des Vaters Blumhardt als des Sohnes. Nun besitzen wir vom
Vater schon eine, und zwar eine, die man klassisch nennen darf, die
von Zündel. Von ihr kann die Jäckh’sche schon wegen ihrer Kürze
nur ein blasses Nachbild sein. Beim Sohn aber kommt hinzu, dass
von ihm überhaupt keine Biographie mehr möglich ist. Denn das
Eigentlichste seines Kampfes spielte sich in einer Sphäre ab, zu der
keine Biographie reicht. Es geschah gleichsam im Hintergrund
seines Lebens. Davon nun haben bloss einige Wenige etwas mehr
71
eigebig mit und dieses wird dadurch selbst zu
"empfehle, so muss ich
ee
gewusst. Diese Wenigen hätten vielleicht davon berichten können,
wenn sie länger gelebt und dazu den Mut gefunden hätten. Diese
Wenigen sind gestorben, oder wenn es unter den Lebenden solche
noch gibt, so ist schwerlich zu erwarten, dass sie uns jenen Bericht
geben. Vielleicht so 11 das wirklich auch nicht sein. Aber wenn dann
doch eine Biographie geschrieben wird, dann mangelt das Bild, das
zustande kommt, des Hintergrundes und verliert die rechte Be-
deutung. In diesem Sinn ist das Bild Blumhardts, das Jäckh
zeichnet, eben nicht — Blumhardt. Ich weiss, was ich damit sage.
Denn ich kenne selbst, und zwar genau, einen andern Blumhardt,
einen sehr viel gewaltigeren, wenn auch äusserlich noch kleineren.
Damit komme ich auf das Dritte, das schon zu Beginn dieser
Besprechung angedeutet ist. Ich muss von dem Buche Jäcks noch
in einem andern Sinne sagen: es ist nicht der ganze Blumhardt,
den man darin hat, sondern nur ein Aspekt davon, es ist nicht
das Bild Blumhardts, sondern nur ein Bild von ihm. Denn wie
gesagt, eine Tendenz, und zwar gewiss eine unbewusste, aus des,
Verfassers Auffassung von Blumhardt stammende, waltet darin,
Blumhardt möglichst nach der milden, versöhnenden, der für Staat,
Kirche und Gesellschaft nicht allzu anstössigen Seite zu zeigen. Es
ist ein freundliches, gütiges, aber, verglichen mit dem Urbild, etwas
mattes Bild; es ist nicht der „brausende‘“ Mann, als den Blumhardt
sich selbst gern bezeichnet hat und als den ihn die Augenzeugen
seiner grössten Tage kennen, nicht der stürmische, revolutionäre
Blumhardt, der über Kirche, Theologie und Theologen und allerlei
Anderes Worte gesprochen hat von einer Gewalt, Schärfe und Derb-
heit, die unsereins doch nie gewagt hätte, nicht der erschreckend
kühne Mann, der Dinge sagte und tat — und zwar aus Gottes Hei-
ligkeit und Freiheit heraus! — wozu niemand von uns den Mut
und freilich auch niemand die Kompetenz hätte. An zwei Punkten
ist mir die Tendenz des Jäckh’schen Buchs besonders aufgefallen: in
der Stellung zur Kirche und zum Krieg. Gewiss hat Blumhardt dar-
über all das gesagt und geschrieben, was Jäckh zitiert — aber er
hat auch Anderes gesagt, was Jäckh nicht zitiert, und zwar durch-
aus Entgegengesetztes. Das weiss ich genau. Und zwar bis in die
letzten Tage hinein! Man müsste, um den ganzen Blumhardt zu
bekommen, beides zitieren. Dann könnte man ja versuchen, die
einheitliche Wurzel dieser scheinbar sich widersprechenden Haltung
aufzuzeigen — was freilich nicht jedermanns Sache wäre! — aber
es käme auf alle Fälle ein ganz anderes, und zwar nach meiner An-
sicht unvergleichlich gewaltigeres Bild Blumhardts heraus.
Ich gebe aus den von Lejeune veröffentlichten Predigten und
Andachten (wovon nachher) nur ein paar Beispiele des wirk-
lichen Blumhardtstiles:
—,Wir dürfen einen Spruch [wie Klagelieder Jerem.3, 24] nicht so ohne
weiteres von uns sagen. Die Meisten, die alles nur so nachschwätzen, die
lügen. Das Lügen versteht die Christenheit kolossal.“ (S.203.) „Schliesslich
ist's mit allen Männern Gottes so gewesen [sc. wie mit Moses]; darum sind sie;
was sie sind, für Gott. Mustermenschen bloss im legalen Sinn zwingens nie-
mals, nur freie Leute bringens durch, die das Alte desavouieren können, so-
weit sich's auf blosse Formenreiterei beschränkt. Wer etwas für den lieben
Gott ist, ist ein freier Mensch. Luther ist ein freier Kerl gewesen, hat ge
schimpft auf alles, weil da die Stimme Gottes auf einmal radikal anders wurde;
da gab’s freilich eine Revolution, aber was konnte mann machen? Da muss
Einer her, der schimpft, dass die ganze Welt donnert, der die Ketten zerreisst,
mit aller Macht protestiert gegen den Unsinn, den man sich aufgeladen in den
Zeiten. Es gilt sein, nicht scheinen.“ (S.214.) „Da kann man predigen, soviel
man will, die Leute gehen nur für sich in die Kirche, nicht für den lieben
Gott. Predigt man‘ ihnen, was ihnen nicht schmeckt, so schimpfen sie, und
wenn’s ihnen gefällt, dann loben sie’s; wenn kein Profit dabei herauskommt,
finden sie’s falsch. ... Um das müssen wir kämpfen und nicht weichen [näm-
lich um die Verherrlichung Gottes auf Erden]; dann erwarte ich auch, dass es
unsereinem etwas herrlicher geht — aber solange es dem lieben Gott so mise-
rabel geht, dürfen wir für uns nichts erwarten, als dass es heisst: „Leide dich!“
(S.219.) „Von diesem Standpunkt muss man das Johannesevangelium hoch-
schätzen: es ist etwas Göttliches darin, alles andere ist mir wurst, es mag ein
Namen darüber stehen, welcher es will, und wenn’s gar nicht in der Bibel
stünde, sondern meinetwegen in Indien gefunden wäre. Ich wollte fast, es
stünde gar nicht in unserer Bibel, sondern wäre erst heute aufgefunden, da
könnte man umsomehr das Göttliche festhalten.“ (S.222 und 223.) „Was man
lebt, was man arbeitet, was man treibt, kommt vor Gott und für Gott, so dass
man ein Diener Gottes ist, ohne dass man erst einen schwarzen Rock zu kau-
fen braucht. Mit der Mistgabel in.der Hand kann man das Werk des Herrn
treiben.“ (S.260.) „Wie hat doch der Heiland so gar nicht herkömmlich ge-
redet; oft klingt es fast unanständig, was man von ihm erzählt: „Zöllner und
Huren sollen ins Reich Gottes vor den Pharisäern, — nein, das ist doch gar
zu grob geredet! Wie gemein! Wie hässlich!“ hat es damals geheissen. Da-
gegen wie schön, wie abgerundet, wie vollendet reden im Vergleich zum Hei-
land die Gelehrten und geschulten Pharisäer, die Schriftgelehrten. Er ändert
Sitten und Herkommen, hält gar nichts auf den Tempel und stellt alles auf den
Kopf, wie ein Revolutionär erscheint er seiner Zeit, trotz aller seiner
Sanitmut und Demut.“ (S.340.) „Ich sage es besonders in unserer Zeit: Unser
Gutes ist das grösste Hindernis des Reiches Gottes, unsere guten Einrich-
tungen, deren wir uns rühmen, die kein Mensch ändern darf, unsere von den
Vätern ererbten Dinge.“ (S.550.) „Solche Kämpfer gab es in Israel und solche
Kämpfer müssen auch wir sein; denn auch jetzt kann es kommen, dass alles
das, was Gott fordert, unbequem ist, und das, was wir gemacht haben und
in was wir uns eingewöhnt haben, das scheint uns bequem zu sein. Da findet
Gott auch in unserer Mitte Murren und Trotzen genug. Es geht heute ein
Gericht durch unsere Zeit; ein Finger der Wahrheit deutet auf diese und jene
Lüge und Täuschung in Sitten und Religionen, und ein Finger der Gerechtig-
keit verlangt, wir sollen der Stimme der Wahrheit folgen und über manches
uns besinnen, ob es nicht anders gemacht werden sollte. Wenn menschliche
Geschlechter jahrzehntelang in Ruhe so fortleben, ohne durch starke Wasser
der Geschichte gerüttelt und geschüttelt zu werden, dann lebt sich eine Menge
Behaglichkeit ein in allerlei Gewohnheiten und Sitten. Schliesslich nehmen
diese Gewohnheiten und Sitten das Ansehen von Gott ein, und da kann es
kommen, dass alles nur darauf bedacht ist, diese menschlichen Einrichtungen
zu verteidigen, weil in diesen die Gesellschaft ihren Bestand zu haben scheint;
es sieht aus, als ob alles zusammenbreche, wenn solche in der Zeit gewordenen
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BE". inrichtungen stürzen. Wer einmal selbst in etwas Verkehrtem Fachmann
er et Ist dann oft auch zu feige, um das Recht Gottes zu behaupten
Nr. an sich und gegen sich.“ (S. 354.) „Da kann es werden, dass man schliesslich
mit einer biblischen Wahrheit als ein Verderber des Staates und der
"nd Kirche sich ansehen lassen muss.“ ($.368.) „Es muss alles drunter und drü-
RN, ber gehen, dass der wahre Sinn Gottes wieder mehr Raum gewinnnt.“ (S. 339.)
NR Aus solchen Worten hört man die Stimme des wirklichen Blum-
hardt heraus. Das ist wahrhaftig kein Pietismus und kein Quietis-
mus! Er hat aber noch ganz andere gesagt! Und noch revolutio-
närer, noch anstössiger als sein Wort konnte seine Tat sein. Es hat
nie ein Mensch gelebt, der weniger konventionell gewesen wäre.
Das konnte auch gar nicht anders sein. Ein Mann Gottes kann nicht
konventionell sein. Es wäre darum ein starker Verstoss gegen das,
was Blumhardt sein sollte und soll, wenn wir versuchten, ihn so
darzustellen, dass er vor den hochmögenden Generalsuperintenden-
ten und Professoren der Theologie und dazu vor allen korrekten
und geruhsamen Frommen bestehen könne. Sie sollen sich von ihm
richten lassen, nicht er von ihnen — wahrhaftig!
Ich weiss wohl, dass man solchen Worten wie den soeben ge-
hörten gegenüber sich auf einen spätern Blumhardt, den Blumhardt
des letzten Stadiums, beruft, der wieder anders geredet habe.
Aber das scheint mir gerade ein fundamentaler Fehler Jäckhs und
mancher Andern mit ihm zu sein, dass sie ganz einseitig den Greis
Blumhardt sozusagen für den wahren Blumhardt erklären. Dann
ist nicht anders möglich, als dass etwas Falsches herauskommt.
. Man bedenke doch, was es heisst, sozusagen nur den Blumhardt
über sechzig oder gar über siebzig gelten zu lassen und sein ganzes
früheres Leben beinahe als einen Irrtum hinzustellen. Dass dies ge
schehen ist, weiss ich, und weiss, was ich sage. Es ist auch gar
nicht unmöglich, dass man sich dabei auf einige dem Augenblick
entsprungene Worte Blumhardts berufen kann. Und doch ist’s ein
mit, Händen zu greifender Irrtum. Man bedenke doch, was heraus-
käme, wenn man — um vorläufig ein Beispiel aus einer andern Sphäre
zu nennen — nur den Goethe der Gespräche mit Eckermann als den
„wahren“ Goethe gelten liesse, oder wenn man, um auf den Boden .
zu treten, dem Blumhardt angehört, Luthers, Zwinglis, Calvins
Schriften aus ihrer frühen Manneszeit, um von der Jugend zu
schweigen, als Irrtümer, die sie später hinter sich gelassen, bezeich-
nen wollte. Dann müsste man ja ihr ganzes Wirken durchstrei-
chen. Und was müsste man dann erst von Franziskus und Pascal
sagen, um von einem Andern nicht zu reden? Ist nicht genau das
Umgekehrte geschichtliche Wahrheit: dass gerade in der ersten und
zweiten Periode, gerade in der „revolutionären“ Periode des Auf-
tretens solcher Menschen ihr Eigentlichstes hervortritt, das, was '
grösser ist als sie, das, was ihr besonderes Werk ausmacht, das,
worauf man später zurückgreift, wenn es gilt, ihren Weg fortzuset-
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Sogar, wenn nötig, gegen seine eigene Auslegung; denn auch er
‚kann gelegentlich den Sinn seines Lebens missdeutet haben, wie er
denn — was ich wieder so genau als nur möglich weiss — solche
Missdeutungen auch etwa wieder selber aufgehoben hat. Es geht
- durchaus nicht an, das Wort Blumhardts, er habe einst „mit seinen
Ketten gerasselt‘“, das sich offenbar auf Stil und Ton seiner Polemik
. gegen Christentum, Kirche, Theologie und Gesellschaft bezieht (die
oft in Schroffheit und drastischer Derbheit kaum hinter Luther zu-
rückblieb — ich könnte unglaubliche Beispiele nennen) so auszu-
legen, als ob damit dieser ganze Kampf als Irrtum hätte abgetan
sein sollen. Wenn ich nicht sonst Zeugnisse genug für das Gegen-
teil hätte, so wüsste ich es aus eigenen Gesprächen mit ihm, in wel-
chen sein Innerstes hervortrat. Es müsste gegen jeden Versuch jener
andern Deutung im Namen der ganzen Bedeutung Blumhardts ein
scharfer Protest erhoben werden. Schliesslich käme man ja auf die-
sem Wege dazu, den ganzen Blumhardt als einen Irrtum durch-
zustreichen.
{ch will damit den grossen besondern Sinn der allerletzten
Periode Blumhardts nicht geleugnet haben. Nur darf dieser Sinn
nicht einfach konservativ gedeutet werden. Dies Ziel blieb
das gleiche wie vorher. Es blieb revolutionär, nur die Taktik
. wurde anders. Sie wurde stiller, gewissermassen resignierter. Aber
wer Blumhardt ganz nahe kam, oder immer nahe stand, der hörte
noch in der letzten Periode aus seinem Munde Aussprüche, die an
Radikalismus sowohl der Hoffnung auf das Kommende, als auch
gerade der Verneinung des Bestehenden nicht. hinter seinen brausend-
sten Jahren zurückblieben. Ich selbst habe solche Worte, zum Teil in
sehr intimen Stunden, aus dem Munde des greisen Blumhardt ge
hört und treu im Gedächtnis behalten. Dafür setze ich mein Wort
ein. Und nun darf ich doch wohl sagen: das war der „wahre“
Blumhard. Darnach muss man den andern deuten und nicht
umgekehrt. Sogar aus den allerletzten Zeiten Blumhardts habe ich
diese Deutung seines Wesens und Wollens durch ihn selbst, und
zwar aus berufenstem Munde.
Ich fühle mich durch die Treue gegen meinen Meister, ‘den ich
wie einen Vater, im höchsten Sinne, verehrt und geliebt habe, ver-
pflichtet, diese meine Auffassung auszusprechen. Und ich fordere,
dass man den ganzen Blumhardt gebe, so gut es jeder vermag.
Es ist dann Gottes Sache, das daran wirken zu lassen, was je-
weilen wirken soll, sei’s in Einzelnen, sei’s in ganzen Zeiten. Viel-
leicht wird dann bald der eine, bald der andere Blumhardt der
„wahre“ sein, je nach den Umständen Gottes, wie ich sagen möchte.
11
zen, W nd sie selbst in einer späteren Periode oft wieder zu vie- Ei
: lem von dem zurücklenken, was zu überwinden ihre eigentliche Be-
rufung war? Sollte es sich mit Blumhardt nicht ähnlich verhalten?
*
und Predigten Blumhardts, auch derer, die nicht meinem Denken
entsprechen. Denn deswegen können sie doch wichtige Wahrheit
enthalten, die einst wieder an die Reihe kommen muss.
5
An diesem Punkte nun hat mein eigenes Blumhardtbuch ein-
gesetzt‘) Es ist, wie ich durchaus zugestehe, teilweise entstanden
aus dem Gefühl einer gebieterischen Verpflichtung, dem verklei-
nerten und übermalten Bilde Blumhardts das andere entgegen-
zustellen. Zuerst war bloss meine Absicht, einfach ein Zeugnis für
den verstorbenen Meister abzulegen, und zwar ein ganz kurzes,
schlichtes, unpolemisches, ich wagte zu sagen: evangeliumartiges,
im Sinne eines Berichtes von dem Gesehenen und Gehörten.
Aber dann strömte mir so vie) des wertvollsten Materials zu, vor
allem Predigten und Tagebücher (nicht Blumhardts selbst, sondern
über Blumhardt von Besuchern Bolls geführte), dass es mich ein-
fach Sünde: und Schaden dünkte, wenn dieser Goldschatz von Gott
her für die Menschen vergraben bleiben sollte. So aber sah es da-
mals aus. Zugleich fiel der Beginn dieser Arbeit in eine Periode,
wo gerade die konservative Auffassung Blumhardts durchaus die
Herrschaft zu behaupten schien, wo man ihn, wie eine seiner treu-
sten und verständnisvollsten Jüngerinnen mir sagte, „mit einer pie
tistischen Scheere beschnitt“. Da hab ichs, nach schwerem Gewis-
sensringen, gewagt, habe Stücke aus diesem Schatz und damit das
andere Bild Blumhardts gezeigt. Und ich sagte mir: „So steht es
nun da, unverlierbar, so lange das Papier meines Buches dauert
und, auf Grund davon, auch nachher.“ Und seither ist ja jener ver-
borgene Schatz ans Licht gerückt und wird es weiter tun.
Ist nun mein Bild das wahre, das allein wahre, das ganze, das
ganz und gar richtige und getreue? Es fällt mir nicht ein, das zu
meinen. Ich habe es nie gemeint und von Anfang an erklärt, dass
ich es nicht so meine. Nein, ich wollte nur, dass man auch dieses
Bild sehe und dann es Gott überlasse, die volle Wahrheit zur Gel-
tung zu bringen. Zwar darf ich sagen, dass ich durchaus nicht
etwa das Bild des Meisters nach meinen eigenen Wünschen und
Tendenzen zurechtmachen wollte. Ich hatte dafür denn doch zu viel
Ehrfurcht vor ihm, der mir stets ein Heiligtum war, an das ich
nichts Fremdes oder Unreines kommen liess. Auch war Blumhardt
so wenig ein Gebilde meines eigenen Willens gewesen, sondern mir
mit solcher Ueberlegenheit entgegengetreten, .dass dadurch von
vornherein eine gewisse Objektivität gesichert war. Ich darf jeden-
falls sagen: es ist ein Bild, das die Liebe gezeichnet hat, und
1) Der KampfumdasReich Gottesin Blumhardt. Vater
undSohn— und weiter! Rotapfel-Verlag, Zürich.
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"Darum bin ich auch so lebhaft für die Herausgabe aller Schriften ?
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. zwar eine ehrfurchtsvolle Liebe. Aber selbstverständlich ist es nicht
dasganze Bild. Es war mir stets klar, dass in diesem Manne Tie-
ien seien, die ich höchstens ahnen könne, dass das von ihm erkannte
Land der Wahrheit sehr viel umfassender sei als das meinige. Ich
konnte und kann darum Bilder Blumhardts, die ihn wieder von
einer ganz andern Seite darstellen, durchaus gelten lassen und von
. ihnen zu lernen trachten. Dies namentlich dann, wenn sie sich ihrer
' eigenen Grenzen bewusst sind. Auch ich zeichne nicht den gan-
zen Blumhardt, kann es nicht, auch ich bleibe weit hinter ihm
zurück. Ich muss unter das von mir gezeichnete Bild schreiben:
'„Blumhardt — wie ich ihn sah.“
. Was habe ich denn gewollt? Ich wollte wesentlich — und das
ist nun mein positiver Zweck gewesen und es war auch durch-,
aus der beherrschende Zweck — einfach von Blumhardt Kunde
geben, und zwar eine Kunde, die über den engen Kreis der
„Boller“ hinausreichte. Ich wollte auch nicht bloss zu einigen ent-
weder schon eingeweihten oder noch einzuweihenden Theologen
reden und ihrer Gourmandise religiös-theologische Feinheiten bie
ten, nein, ich wollte zu dem grossen Volke reden, das auch Blum-
hardt vor allem am Herzen lag, zum Laienvolk und besonders auch
zu „Ungläubigen“, und diesem Volk wollte ich eben nicht einige
‚geistliche Leckerbissen bieten, sondern das einfache Brot, das ihm
doch unbekannt war und zum grossen Teil noch ist: die Bot-
schaftvom Reiche Gottes, diese neue Art, die Sache Chri-
sti zu verstehen, welche doch die urälteste ist, diese so freie, kühne,
revolutionäre Art. Ich wollte sieihm bieten zu Trost, Hilfe, Weglei-
tung, Aufrüttelung. Aber wenn diese Botschaft verstanden werden
sollte, so musste sie erklärt, erläutert werden. Diesem Zwecke dienen
meine Einführungen. Sie sollen an Blumhardt heranführen, nicht
mehr. Dadurch, dass zu den Lesern zunächst ein Mensch wie sie
selbst in ihrer Sprache redete, sollten sie die Sprache Blumhardts
verstehen lernen. Ich nahm sie an der Hand und führte sie zu Blum-
hardt, dass sie bei ihm blieben.
Dass mir dies gelungen ist, zeigt mir der Erfolg. Mein Buch ist
in Blumhardts Erwachen, dem es dienen sollte, sozusagen unter-
gegangen.
Ich halte aber sehr energisch daran fest, dass es ein Dienst
war, ein Dienst an Blumhardt, an der gemeinsamen Sache, nicht
etwa an mir selbst. Es gehört schon die ganze geistige Rohheit
eines gewissen neuorthodoxen Pfaffentums dazu, um mir das Letz-
tere vorzuwerfen, mir vorzuwerfen, dass ich Blumhardt für mich
ausgebeutet habe. Genau das Gegenteil habe ich getan. Nie habe
ich Blumhardt für mich in Anspruch genommen, immer bin ich für
ihn eingestanden. Wenn ich nicht mehr von ihm öffentlich ge-
redet habe, so geschah dies aus einer heiligen Scheu heraus. Nur
13
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solche, die wissen, was Blumhardt uns war, können diese Scheu
überhaupt verstehen. Sie war sogar, wie ich nun einsehe, allzu
gross. Jedenfalls aber habe ich mich nie mit Blumhardts Federn
geschmückt. Andere haben es getan und dafür gelegentlich Steine
auf ihn geworfen, ich habe es nicht getan, habe aber ihm ein Denk-
mal der Liebe und Verehrung errichtet. Blumhardt ist mir für mein
persönliches Leben unendlich viel gewesen, aber nie, weder in mei-
ner. Predigt, noch in meinen, Kollegien, noch in meinen Schriften,
habe ich Blumhardts Gedanken benützt, sondern nur das ausge-
sprochen, was Gott in harter Arbeit mir selbst gegeben hat. Und
als ich nun doch daran ging, meiner Dankbarkeit Ausdruck zu ge-
ben, da habe ich die reifste Frucht meiner bisherigen Lebensarbeit
auf diesen Altar gelegt, habe in der schlichtesten Form mein eigenes
Denken ausgesprochen, um einen Schlüssel zu dem Wesen des Mei-
sters zu bieten. Diesen Sachverhalt hat ein Freund verstanden, der
Blumhardt kennt wie Wenige und mich auch genau kennt: „Alle
Andern haben von Blumhardt bloss genommen, Sie allein haben
ihm gegeben, und zwar Ihr Bestes.“
Das sei bloss zur Abwehr von Verdächtigung und Missdeutung
gesagt. Mein Buch ist im übrigen gewiss mangelhaft. Ich schriebe
es heute anders, noch einfacher, noch lebendiger — möchte es
wenigstens tun. Aber Eines soli man wissen, was die sonst so Viel-
merkigen nicht gemerkt haben: dieses Buch enthält auch mein Be
kenntnis. Die Einleitungen zu den Blumhardt-Worten enthalten so-
gar Vieles, was Blumhardt selbst weder gesagt noch gedacht hat
und was ich doch zu seiner Erlätiterung sagen durfte, ja musste.
Denn, wohlverstanden: es handelte sich schliesslich nicht um Blum-
hardts Person und individuelle Theologie (vorausgesetzt, er hätte
überhaupt eine solche gehabt), sondern um seine Sache, die auch
unsere Sache ist. Es dient ihm am besten, wer ihm so dient. So
ist mein Buch freilich nach ungewöhnlichen Gesichtspunkten ge-
schaffen, aber das passt, wie mir scheint, sehr wohl zu einem Buch
über Blumhardt. (Fortsetzung folgt.) LE Rapaz;
ALLESILTESLLITESITTESLITBESLTESSLZERSLLTESILITEITTETIITETITTETTITESTTTETITTTTTTTETITETOITETTEETTTETSTELTTEETTTETTLETTITTTETTTTLETTLETTTETTTTTLEERTERTETTTTETTETTTTITESTTTTTTTTTTTTTTTRITETTN
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DLLLESTITTESTITETTTTTT ET
I: Aussprache
ARABTEBTTTEEERBRTBLTERERREREERTRERUREREERRRUKERERRRTRRTELTERRUERRBERTERERERERERKERRRRRTKKRTUSLTERETRERRRKELTRRTRURKELERTERERKRKLEKTERKTKERKRRKTLDKLRKTTERTLKENRERRN
LLIIITTSETT IT
IRERTRIEEERRENE
SITES
Zur Frage der. Pressreiorm.
Dass neben der parteipolitischen Fesselung der Presse auch ihre wirt-
schaftliche Knebelung durch die Abhängigkeit von den Inseratgebern, z. B.
Alkohol-, Kino-, Automobilkapital, für die Bildung einer freien öffentlichen
Meinung, für die Feststellung der sachlichen Wahrheit in vielen Dingen und
auch geradezu für die Volksmoral unheilvoll ist, steht unter uns wohl fest.
‚ Oifenkundig ist wohl ebenfalls, dass daneben auch allein schon der Ratio-
nalisierungsgedanke genügen sollte, um eine Pressreform zu rechtfertigen. -Die
14
B & %
Arbeits- und Materialvergeudung dadurch, dass alles Mögliche jeweils statt nur
einmal, so und so oft gedruckt wird, z. B, ein Geschäit die gleiche Anzeige
statt einem Blatt einem halben Dutzend in einer Stadt geben muss, ist enorm
und verteuert die allgemeinen Lebenskosten beträchtlich.
Klar ist aber auch, dass eine solche Rationalisierung des Zeitungswesens,
wenn auch nur vorübergehend, leicht für die darin beschäftigte Arbeiterschaft,
und zum Teil auch für die Unternehmerschaft, sehr nachteilig sein könnte.
Als — freilich ferne — Lösung erschiene mir eine weitgehende stadt- bezw.
bezirksweise Zusammenfassung der Presse in je ein politisch und finanziell
unabhängiges Organ, bei dessen Leitung und Gestaltung das öffentliche Inter-
esse massgebend mitzureden hätte (nicht zum wenigsten auch im Inseratenteil),
‚und in dem den verschiedenen Weltanschauungen und politischen Richtungen
in billiger Weise Platz.einzuräumen wäre. Getragen dächte ich mir diese Or-
gane von Genossenschaften, in denen sowohl die Hersteller der Zeitungen wie
auch die Leser, ferner die Vertreter der öffentlichen Interessen, z. B. also die
Erziehungsbehörden, etwas zu sagen hätten.
Diesen Organen könnte z. B. durch ein Monopol für alle geschäftlichen
‚usw. Anzeigen inklusive Plakate sicherlich eine solche finanzielle Unterlage
gegeben werden, dass das Organ allen Wohnungsinhabern des betreffenden
Ortes oder Bezirkes unentgeltlich zugestellt werden könnte, wobei auch einiges
für die Volksbildung herausschauen könnte. Der Gefahr, in soviel Lesestoif zu
ertrinken, würden die Meisten wohl bald durch Auslese des sie interessierenden
Stoffes entgehen.
Die Generalredaktion des Blattes hätte neben einer allgemeinen Aufsicht
zur Wahrung von Anstand und Ehrbarkeit nur darüber zu wachen, dass jeder
ernsthaften Richtung und Meinung angemessener Raum eingeräumt würde, ohne
über den Inhalt der Veröffentlichungen urteilen zu dürfen. Gegen ihren Ent-
scheid wäre letztlich Berufung an die Generalversammlung der Genossenschaft
oder sogar Urabstimmung zu gewährleisten
Gesinnungsgruppen, z.B. politische Parteien, von solcher Bedeutung, dass
sie einen regelmässigen Anteil am Textraum des Blattes — täglich, wöchentlich
usw. — zu beanspruchen hätten, könnten sich natürlich auch noch eine eigene
Redaktion für ihren Textteil bestellen; erlaubte es der Ertrag der Annoncen, so
wäre ihnen an diese Redaktionskosten sogar ein Zuschuss aus der Kasse der
Zeitung zu entrichten. 3 ) 3
Dies nur einige flüchtige Notizen, geschrieben mit dem klaren Bewusstsein,
dass sie äusserst unverwirklichbar sind, solange wir nicht den Artikel 31 der
Bundesverfassung über die Handels- und Gewerbefreiheit gründlich geändert
haben, was die allgemeine Ueberwindung des Privatkapitalismus im Denken so
gut wie in der Gesetzgebung voraussetzt. dc
Es wäre überhaupt eine hervorragend wichtige Aufgabe der sozialisti-
‚schen Bewegung, sich mit diesem Paragraphen näher zu beiassen, der auch
gegenüber olfenkundigen und lebenswichtigen Forderungen des Volkswohls
die Freiheit des Geldverdienens schützt, die unserem Volk leider
vielfach unendlich „heiliger“ ist als die Freiheit des Gewissens.
(Fortsetzung folgt.) A. Bietenholz-Gerhard.
Aus dem Leserkreis zum neuen Jahr.
1. Neue Wege.
Ein Neujahrswortund-wunsch.
In Amerika sagte mir einmal ein religiöser Sozialist: „Neue Wege
kann man nur in der „Neuen Welt“ gehen.“ Und in der Tat ist
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mancherlei in Amerika so, dass einer, der die ausgetretenen Wege
nicht mehr gehen kann, sich dort ungemein wohl fühlt. Die Luft
ist so frei — es ist schon wahr! Und der Materialismus des Ameri-
kaners hat seine Wurzel in einem gesunden Realitätssinn. Dieser
— so dämonisch er ist, solange ihn die Materie bindet, treibt wun-
derbare Früchte, sobald er eine Verbindung mit dem Geist eingeht.
Immer wieder fiel es mir auf, dass man drüben nicht fragt: „Wie
denken Sie über...?“ Oder: „Wie stehen Sie zu der und der
Frage?“ Sondern, da heisst’s, wenn man zeigt, dass man Friedens-
freund oder Sozialist oder sozialistischer Christ ist, auf Fragen ant-
worten, die sehr real sind: „Was taten Sie während des Krieges?“,
oder: „Wie leben Sie, um mit den Arbeitern zusammenzukommen ?“
Jedenfalls nie: „Was denken Sie?“, sondern immer „Was tun Sie?“
Und da das Tun aus dem Denken entspringt, so ist das sicher eine
tiefere, umfassendere Frage, denn denken, schwärmen, ersehnen
kann man viel — das. wenigste davon wird getan.
Aber wenn wir es so nehmen, dass „Neue Wege“, so wie in der
‚sogenannten „Neuen Welt“, auch bei uns in Europa etwas sein müs-
sen, was den Zustand intellektueller Erkenntnis überschreitet und
zu lebendiger Lebensgestaltung wird, dann werden auch wir aus
der Faustischen Problematik schneller zur Erlösung in befreiendem
Geiste, in lebendigem Leben kommen!
‘In Wirklichkeit gibt es keine neuen Wege. Es gibt nur einen
einzigen Weg, der immer war, immer ist und immer sein wird!
Der uns aber durch die Wolken immer wieder verdunkelt wird, die
unser eigenes allzu menschliches Getriebe produziert. Und die fin-
steren Mächte sind gewaltig am Werk. Besonders dort werfen sie
sich mit aller Macht vor eines Menschen Weg, wo einer ganz ernst
machen will mit der Nachfolge Christi. Darum tut alle Tage neue
Klarheit not. Und besonders wenn ein neues Jahr beginnt, ist es
. gut, scharf und deutlich zu sehen, welches die Marksteine an unse-
rem ewig neuen, ewig alten, ewig zukünitigen Wege sind. Die
Wahrheit ist so gross, grösser als die Welt. Denn die Wahrheit ist
Gott. Aber die Wahrheit ist eine Paradoxie. Aber die Wahrheit ist
so. klein — sie geht in eines einzigen Menschen hohle Hand. Wes-
halb ihr Kinder und Pathologen oft viel näher sind als Professoren
und Theologen — denn sie sind „Schriftgelehrte‘“ — und’ die Wahr-
heit braucht einfältige Kinder.
Im vorigen Jahr feierte ich Weihnachten bei den Arbeitern im
Osten. Berlins und bei den Obdachlosen im Asyl; bei dieser Ge
legenheit konnte ich deutlich den neuen Weg herniederglänzen füh-
len. Die neue Wirklichkeit, vor der die Lüge unserer heutigen kon-
ventionellen; Welt eines Tages zusammenbrechen wird. Die einfache
selbstverständliche. Brüderlichkeit, nach der heute noch unbewusst
alle Herzen lechzen.
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W
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a.
u
” .
ey
n kann man.
es sind dann nur wieder Worte, die Gedanken hervorrufen. Wäh-
‚rend die Wirklichkeit Gottes, um die es uns geht, im lebendigen
2 Leben besteht. Leben kann man nicht lehren. Man kann darüber
nicht reden. Sonst wird es ja wieder Dogma, Lehre. Gepreste
. Blumen, Herbarium, sind nicht Leben. Wissenschaft von dn
SRH,
Und kommt doch dem Geheimnis schimmernder Flügel und leich-
ten Tanzes nicht bei. Neue Wege können keinesfalls das Beschrei-
Schmetterlingen braucht Kästen mit vielen aufgespiessten Leichen.
ben und intellektuelle Problematisieren mit der Wissenschaft gemein
haben. Sie werden jedenfalls lebendig gegangene Wege mutiger
Menschen sein, die das Abenteuer des Glaubens nicht scheuen und
das Verhängnis der Berufung nicht von sich abwerfen wollen. Sie
werden ihre Herzen nicht verschliessen vor der Stimme der Liebe,
- die immer und zu allen, die sie hören wollen, dasselbe redet.
Und auch heute zur Jahreswende hört man sie reden, hört man
sie rufen, wie sie zu allen Zeiten gerufen hat:
„Eines Bruders Not — ist aller Brüder Not!
Aller Brüder Not ist deine Not!
Wo einer hungert, friert, ohne Obdach ist,
Da bin ich hungrig, frierend, ohne Obdach!
Da bist du hungrig, frierend, ohne Obdach!
. Ich und mein Bruder sind eins.
Du und dein Bruder sind eins!“
So die Liebe in jedem Herzen, das sie ergriffen hat. Und wer
dann hingeht und tut das, was ihm auf seine ihm eigene Weise zu
tun gegeben wird, der geht „neue Wege‘ — der fand den ewig
alten, einen Weg. Den Weg ins Leben. In dessen Herzen ist das
Weihnachtslicht inwendig aufgebrochen. In dessen Seele hat das
neue Jahr der Seele wirklich begonnen.
Dass solches Vielen geschehen möge, die den Mut haben, es zu
erleiden, ist der beste Neujahrswunsch für unsere ganze Erde. Da-
mit auf ihr Jesus Christus mehr werde als ein neuer Name für die
alte Herzenshärte einer unbrüderlichen Welt!
2. Zusammenschluss.
Nun brennen zum letzten Mal die Lichtchen am diesjährigen
Weihnachtsbaum! Wenn sie verlöschen, dann ist Weihnachten ge
wesen, und die Festfreude ist mit ihnen erloschen, — der Alltag
mit aller Arbeit, Not und Plage fordert wieder sein Recht. Der
graue Alltag, wie man ihn zu nennen pilegt.
Noch brennen die Lichtchen, — ich schaue sinnend in ihr Leuch-
ten und Glänzen und frage nach ihrem Sinn. Sie brennen wunder-
bar ruhig, fast bewegungslos, in ganz: zart abgetöntem bläulich-
17
sehr schlecht von den neuen Wegen — denn
rötlichem Schein, so schön in Form und Farbe, wie nur Weihnachts-
kerzen am grünen Weihnachtsbaum brennen können. Nichts ist an
ihnen von flackernder Unrast, nichts von lachender Freude, viel
mehr eine sinnend ernste Abgeklärtheit, die von ewiger Trauer
spricht, etwas, was unsere Seele glauben macht, ihr Licht könnte
nie verlöschen, ihr warmes Leuchten nie aufhören. Und doch —
vielleicht eine halbe Stunde noch, dann werden sie aufgehört haben
zu brennen, — dann wird es dunkel im Zimmer sein.
Wird es dann auch mit unserer Weihnachts- und Festfreude zu
Ende sein? Ist sie so kurzlebig wie ein Weihnachtslicht? Reicht
sie nicht über die Feiertage hinaus? Wird sie nicht hineinreichen in
den Alltag? Wird sie nicht bei uns bleiben und den Alltag verklären ?
Der wahre Sinn der Weihnacht liegt wohl in dem Gruss der
Engel: „Siehe, ich verkündige euch grosse Freude,“ — dürfen wir
nun nicht die Verheissung anreihen: „Und eure Freude soll niemand
von euch nehmen!“
Gott gab die Freude. Er misst nicht kärglich zu. Was er
schenkt, gibt er zu dauerndem Besitz, so dürfen wir wohl glauben,
dass die Freude, die allem Volke widerfahren soll, als eine blei-
bende gedacht war von ihm, dem Geber.
‚Schneller, als ich gedacht, sind meine Lichtchen abgebrannt. Ich
muss meine Zuflucht zur elektrischen Lampe, dem Augenblickslicht,
nehmen, um weiter schreiben zu können. Das macht mich wieder
noch nachdenklicher. Mit unserm Weihnachtslicht muss es eben
doch anders sein! Wir sollten nie in Sorge sein müssen, dass es
vor der Zeit — mitten herein, da wir noch gern feiern oder arbeiten
wollen, erlischt, sodass wir dann gewissermassen eine Anleihe bei
dem nächstbesten Lichte zu machen nötig hätten. Ja, ich möchte im
Gegenteil mein Weihnachtslicht, meine Weihnachtsfreude mithinein-
nehmen in die nun kommenden Tage, die so oder so Arbeitstage
sein werden. Sie sollen nicht, unter keiner Bedingung, grauer All-
tag werden, sondern Tage aus Gott für Gott, mit einem stillen,
feinen, warmen Glanz in aller und trotz aller Dunkelheit rundum.
Dieser Glanz muss bleiben, wenn wir den Grundgedanken der hei-
ligen Weihnacht fest im Herzen lebendig erhalten: Das Kind ist ge-
boren, es ist zum Leben gekommen, zu dem Leben, an dem unsere
Herzen und Seelen ihr Leben entzünden können. Des Kindes Leben
wurde Hingabe an die Menschenbrüder und -schwestern, — unseres
muss das, wenn es seiner Art sein soll, auch werden.
Wie aber kann es das werden? Wem von uns wird es möglich
sein, zu all denen zu gelangen, die unserer Hilfe, unserer Treue un-
serer Liebe, unserer mittragenden, Kräfte bedürfen werden? Ja, wer-
den wir zur rechten Zeit erfahren, wer auf uns wartet und wo
unsere Gegenwart zu Trost und Freude ersehnt wird?
18
ister, ernster Seele kam und nun einen Widerhall sucht in andern
en, — in allen, die es aufnehmen und es zu, lebenerweckender
Kraft werden lassen wollen. Wie es zu mir kam, so gebe ich’s wei-
ter: „Ich wünsche innig, heisst es, dass die Verbindung zwischen
uns im kommenden Jahre nur immer mehr eine Gemeinschaft des
Kampfes für Gott würde. Vielleicht, dass ein Ring von Menschen,
_ die in Kampf und Gebet für Gottes Sache verbunden sind, jetzt
das Notwendigste ist, was es gibt.‘ Ist nicht in Wahrheit dies das
- Notwendigste? Mein Wunsch ist’s, dass wir Leser und Freunde der
„Neuen Wege“ uns mit ganzer Seele zu diesem Ringe zusammen-
'schlössen, — still im Geist, — dass wir, wie Blumhardt es nannte,
„einebrennende Gemeinde würden, deren Warten auf die Zu-
kunft des Herrn zu einem Kampf, zu einer Arbeit um das Vergehen.
von Himmel und Erde, das verheissen ist, werden soll.“ Von Weih-
nachten her, das sei unser Wünschen und Wollen, möge das Neue,
das durch die frohe Botschaft von Christi Menschwerdung zu uns
gekommen ist, in uns zu einem Feuer werden, das in uns alles
falsche Leben verbrennt, damit wir gegen alle falschen Unterlagen
des Lebens der Menschen (die gerade in besonders scharfer Deut-
lichkeit zum Weihnachtsfest in die Erscheinung zu treten pflegen
und sich von Jahr zu Jahr zu steigern scheinen) in heiligem Feuer
brennen.
Liebe Freunde, wir müssen uns, im Geiste innig verbunden, in
heiligem Ernste die Hände reichen zu gemeinsamem Glauben und
Beten, und wir sollten in stillen Morgen- und Abendstunden, wenn
das laute Treiben der Welt draussen für kurze Zeit zum Schweigen
gekommen ist, fürbittend unsere Hände falten, derer gedenkend, die
im heissesten Kampf um Gottes Reich auf Erden stehen, für sie,
die kämpfen müssen auf Tod und Leben — um das Leben, um
unser aller Leben. Wir müssen beten, dass sie nicht ermatten in
ihrem Glauben, in ihrer Hofinung, ihrer Liebe, — wir müssen
Glaubenhaltenfürsie Wir dürfen jaM it kämpier sein,
wenn wir’s auch vielleicht nur ganz in der Stille sein können. Das
aber ist nicht nur unser Vorrecht, viel mehr noch unsere Aufgabe.
Diese Aufgabe weise uns den rechten Weg. Sie sei das Licht, am
“ Weihnachtsglanz entzündet, das uns ins neue Jahr hinein und durch
jeden Tag, durch jede Stunde desselben hindurch leuchten soll. Die-
BE Ds ae an ne in
19
nr h Als / ’ h , Y b; Y * %, E BisE xt
: ‚ : REST ei
ee ; Yanoret am Weih-
ses Licht soll uns verbleiben, wenn längst am Weih
nachtsbaum herabgebrannt sind, — es soll. uns selber
machen, als lebendige Zeugen göttlichen Lebens! er
‚28. Dezember 1928.
HERRLIKAHNERHÄNTUREFEENAEEERTERUEERREEEADEEEEIERDEEEEEEREESARRUEEERFAHTFEFRUGEEEESTREEEPEEEEHETNEEAHHEEEFUNEEEFUINEEENIDEERERDEEDTNNEEHAEHEEAUBERTRRANIDBRAEREREHNIBEERUBIEETDEETNUHEE
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-
1. Von den Kriegsdienstgegnern.
Das stille Walliahrtsstädtchen Sonntagsberg in Niederösterreich beher-
bergte vom 27.—31. Juli dieses Jahres gar seltsame Gäste: Asiaten und Euro-
päer, Amerikaner und Australier kamen dort zusamınen, um teilzunehmen am
3. Kongress der seit 1921 bestehenden Internationale der Kriegs-
dienstgegner. Achtzehn Nationen aus vier Erdteilen (nur Afrika blieb
fern) waren durch 150 Delegierte vertreten. Merkwürdig verschieden waren
die Kreise, denen all unsere Kameraden entstammen. Friedlich sassen da zu-
sammen Katholiken, Protestanten, Juden, Grossdeutsche, Nazarener, Bahaisten,
Sozialdemokraten, Kommunisten, Anarchisten, Christokraten, Zionisten, Tol-
stoianer, Freidenker und Freireligiöse! Mögen ihre Ansichten in verschiedenen
Punkten wesentlich sich voneinander unterscheiden, im ernsthaften Willen, ent-
schieden gegen jeden Krieg und jede Kriegsdienstpflicht zu kämpfen, waren sie
einig: Si vis pacem, para pacem!
Am Freitag den 27. Juli, abends fünf Uhr, erölinete der Vorsitzende der -
Internationale der Kriegsdienstgegner, A. Fenner-Brockway, mit kurzen
Begrüssungsworten die Konferenz. Er erinnerte an die vierhundert Kriegs-
dienstverweigerer der ganzen Welt, die augenblicklich ihrer Ueberzeugung
wegen in den Gelängnissen liegen.
Frau Olga Misar (Vorsitzende des Bundes der Kriegsdienstgegner
Oesterreichs) gab ihrer Freude darüber Ausdruck, dass es möglich geworden
sei, dass wir Menschen aus vielen Ländern, mit verschiedenen Sprachen, wegen
der einen Idee zusammenkommen konnten. Sie erwähnte, dass den neun russi-
schen Kameraden, unter Führung Valentin Bulgakovs (Tolstois letztem Sekre-
tär), die Einreisebewilligung durch die österreichische Regierung verweigert
worden sei. Trotzdem konnte Russland durch Nikolai Scheier mann, einen
in Schweden lebenden Russen, vertreten sein. Schmerzlich berührte ihre Mittei-
lung, dass die Sozialdemokratische Partei die Einladung zur Teilnahme am
Kongresse ausgeschlagen hatte. Darum freute uns die Anfrage der Arbeiter-
schait des am Fusse des Sonntagsberges gelegenen Städtchens Rosenau beson-
ders, als sie um die Entsendung von fünf Reierenten aus dem Kreise unserer
Freunde für ihre Sonntagnachmittagsversammlung baten.
Der Führer der 'herrschaitslosen Sozialisten Oesterreichs, Rudolf
Grossmann, empland es als Sühne (denn für ihn trug Oesterreich die
Schuld am Kriege, „..... von hier aus wurde die Brandfackel des Krieges in die
Welt hinausgetragen“), mitzuhelien, dass der Antimilitarismus durchbreche.
Sein Wunsch „Krieg dem Kriege!“ entspringe dem Willen, Träger höchster
Kulturgüter zu sein.
Mahatma Gandhi liess uns durch seinen Freund und Mitarbeiter
Ratendra Prasad seine Grüsse überbringen; auf diese Weise hörten wir
auch, dass Gandhi seine augenblickliche Anwesenheit in Indien dringend not-
ne Egächiet Doch im kommenden Jahre hofft er selbst nach Europa zu
ommen!
Mir fehlen die Worte, um das erste gemeinsame zu Tische sitzen zu schil-
20
08
h war“ Be \ n » ’ ig 2 b er ‚
Brown, ehrenamtlicher Sekretär unserer Internationale der _
# ‚Italien konnte überhaupt keine Delegierten entsenden, auch nicht schriftlich B.
_ (der Zensur wegen) an uns gelangen, da die Freunde in Italien alle unter dr
Aulsicht der „Schwarzhemden“ stehen. Harald Bing, von den britischen i
No more war Mouvement, durchreiste das Land und erfuhr in Unterredungen,
- was dort im Geheimen verborgen gearbeitet und auch geduldet wird für unsere.
Sache. Wiederholte Hausdurchsuchungen sind an der Tagesordnung. —
BE: Der Sonntag begann mit einer gemeinsamen Andacht. Es war ein Wagnis,
für so verschiedene Bekenntnisse eine gemeinsame Feier zu veranstalten.
" Doch sie gelang. Nur Wenige blieben fern. Premysl Pitter (Tschecho-
slovakei) leitete sie. Wer hätte nicht freudig miteinverstanden sein können, als
die kurzen Worte eines jungen Katholiken ausklangen in die Bitte: Dein Reich
- komme!? Das vertraute Lied „Näher, mein Gott, zu dir,“ deutsch und eng- I
- lisch zugleich gesungen, liess deutlich die gemeinsame Grundlage wahrnehmen. 0
- Solche Augenblicke muss man erlebt haben, und wenn sie uns nur etwas Ge- E
meinsames, alle Umiassendes, spüren liessen, war’s eben nicht zu „fassen“, oe
- kann es mit Worten nicht wiedergegeben; werden. % j “
= Dr. Hans Kohn, Delegierter für Palästina, zionistischer Publizist, fand '
mit seinem weitausholenden Referate über die zukünftige Politik der
Internationale der Kriegsdienstgegner das stärkste Interesse. Er führte aus, dass,
soziologisch betrachtet, sich die bisherige Tätigkeit der Internationale der Kriegs-
dienstgegner im Stadium der Sekte befunden habe, aus der sie herauswachsen
und zu einer starken Volksbewegung werden müsse. „Wir wollen keine Mär-
- tyrer hervorbringen, aber wir wollen energisch für die Aechtung jeden Krie-
ges kämpfen. Die Internationale der Kriegsdienstgegner muss ihre Kräfte auf
die wichtigsten Punkte konzentrieren in denjenigen Ländern, wo das Miliz-
system zumeist als das Ideal bezeichnet wird.“
Zu diesem Zwecke muss sie (die I. d. K.) nicht nur die Bünde radikaler
Antimilitaristen wie die Quäker, die Internationale der Kriegsdienstgegner, das
"internationale antimilitaristische Büro in Holland, mit denen sie in enger Füh-
lung steht, umfassen, sondern sie hat künitig Verbindung zu suchen mit dem
Internationalen Friedensbüro in Genf, der sozialistischen internationale, der
deutschen Jugendbewegung, mit den Lehrerorganisationen und anderen kultu-
rellen und politischen Bewegungen, die mit dem Pazifismus sympathisieren.
„Wir müssen für die Stummen und Kleinen eintreten, für jene, die nicht für
sich selbst sprechen können, für die kleinen Länder, die gerade die grössten
Gefahrenherde des Friedens sind, und der Gedanke des Antimilitarismus muss
in diese Länder durch Publikation von Schriften in ihren Sprachen hineingetra-
gen werden.“ DE
Mit den uns näher stenenaen Gruppen ist eine Kerntruppe des Antilimita-
rismus zu bilden, fernerstehende sollen als Propagandabasis benutzt werden,
21
von. welcher aus weitergearbeitet werden kann. Auf die Zusammenarbeit aller
religiösen Pazifisten, welche während der letzten fünizehn Jahre
bezeichnenderweise die stärkste Stosskraft ausübten, ist das allergrösste Ge-
wicht zu legen! Aa j
Wichtigste Aufgabe ist die Bekämpiungder Wehrpflicht und die
Erringung der Gewissensfreiheit auch auf staatlichem Gebiete. ehe für -
die zukünftige Arbeit muss die Solidarität der menschlichen Gesellschaft und _
die Achtung vor der Würde des Menschen sein. 2
Die Diskussion über dieses Referat bedurfte des ganzen Abends; in den
paar Freistunden des Sonntagnachmittags bot sich Zeit für die Sammlung dar-
aufhin, ‘wer deren bedurfte, zog hinauf, an der mächtigen Dreifaltigkeitswall-
fahrtskirche vorbei, dem Berghange zu. ’
Am Montagmorgen forderte Dr. Helene Stöcker Anerkennung des
Rechtes der Unterdrückten auf Revolution. Es zu verneinen, hiesse erst recht,
die Heiligkeit des Menschenlebens verneinen. Das Proletariat müsse aber an-
dere Mittel finden, als der Staat sie gebrauche. .
A. Fenner-Brockway, der Sekretär der englischen Unabhängigen
Arbeiterpartei, wies auf den Steuerstreik von 90 000 indischen Bauern hin, der
ein Beispiel für gewaltlosen Widerstand sei. Der Krieg ist durch die
Intellektuellen allein nicht aufzuhalten. . Die insame Front der Transport-
arbeiter, Lokomotivführer, Ingenieure, Chemiker und Bergarbeiter aber werde
ihm Halt gebieten.
Walter H. Ayles erwähnte, dass die engliche Landesbewegung, in der
sich viele Tausend Mitglieder befinden, hoffen dürfe, in einigen Jahren einen
etwa drohenden Krieg durch ihren moralischen und numerischen Einfluss ver-
hindern zu können. Denn die Engländer haben die stärkste Bewegung, ein
gutes Monatsblatt und mehrere Mitglieder als Abgeordnete im Unterhaus!
Dann übte Walter Ayles Kritik am Kellogg-Pakt. Nach seiner Ansicht be-
deutete Briands erster Paktvorschlag nichts anderes, als den Versuch, die Neu-
tralität Amerikas in einem etwaigen Kriege Frankreichs gegen England oder
Italien zu gewinnen. Durch die Vorbehalte der Grossmächte, die den Kellogg-
Pakt annehmen wollen, werde der Krieg an sich immer noch anerkannt, wenig-
stens in einigen Fällen. Diese aber sind die einzigen, in denen Krieg überhaupt
noch ausbrechen kann. Er anerkennt jedoch den Wert der Diskussion über den
Pakt, der die grossarligste Propaganda für den Gedanken der Kriegsäch-
tung ist. Die Volksmassen müssen erkennen, dass vollständige Ab-
rüstung die einzige Möglichkeit ist, den. Krieg für immer zu ächten.
JamesSaunders, Neuseeland (Australien), war während des Krieges
zwei Jahre lang im Kerker, schlechter behandelt als ein Verbrecher. „Der Krieg
ist sinnlos,“ sagte er, „alle Menschen verlieren nur durch den Krieg, auch die
sogenannten Sieger. Wir waren weit vom Kriegsschauplatze entiernt und doch
haben wir entsetzlich gelitten, weil England unser Geld und unsere Männer
brauchte.“ Die Antikriegsbewegung ist auf Neuseeland besonders mächtig.
Seit Kriegsende standen 40 000 Menschen vor den Gerichten, weil sie nicht
einrücken wollten!
EugenRelgis, Redaktor des „Adeverul“, der die rumänischen Frie-
densireunde und Kriegsdienstgegner auf dem Kongress vertrat, brachte den
Antrag ein, eine pazifistische Internationale zu schaffen, die alle
pazifistischen Gruppen zusammenfassen soll, um unter Hintansetzung aller
ıdeologischen Gegensätze dem internationalen Kampf gegen den Krieg einen
iesteren organisatorischen Rückhalt zu geben. Herr Relgis hat seinen Vorschl
auch unserem Gesinnungsireunde Romaim Rolland übermittelt. Dieser
antwortete darauf in einem ausführlichen Briefe an den Kongress, mit welchem
er uns seiner brüderlichen Sympathie versicherte. Dem Optimismus von Eugen
Relgis und Professor Georg Fr.Nicolai, die auf ein plötzliches und baldiges
Verschwinden des Krieges, hervorgerufen durch die Uebersteigerung seiner
Mittel, zählen, teilt Romain Rolland nicht: „Der Krieg,“ so schrieb er,
22
heitzumVerschwindengebrachthat“
Di ER NE EN Re Re DON uhr Kr , ae
„mit neuen und gigantischen Mitteln ausgerüstet, droht
‚erst dann zu verschwinden, nachdem er die Mensch-
„Die Menschheit ist in Gefahr! Organisieren wir
ihre Verteidigung! Stellen wir alles, was uns trennt, zurück. Alle
unsere Verschiedenheiten der Weltanschauung, alle unsere politischen, reli-
- giösen, sozialen und philosophischen Unterschiede. Es ist nicht die Aufgabe
des gegenwärtigen Augenblicks, einen allein gültigen Lehrsatz
“ auszuarbeiten, um ihn durch einen einstimmigen Beschluss den Friedensfreun-
den aufzuerlegen. Jede Theorie, sei sie nun wissenschaftlich oder religiös, ist
Gegenstand der Diskussion. Wenn man die Einigkeit der Geister zu streng
:begründen will, zerstört man sie,“
j „Es handelt sich für uns in dieser Stunde um nichts anderes, als in der
ganzen Welt eine einige Front gegen den Krieg herzustellen. Verkünden
„wir den Widerstand, die Widersetzlichkeit, die Ableh-
nung,dasunbedingte Nein gegenüber dem Kriege!“
„Wenn wir schon einen alle umfassenden Grundsatz brauchen, auf welchem
wir unsere Tätigkeit aufbauen wollen, dann genügt hierfür der Grundsatz der
Solidarität, der gegenseitigen Hilfe, ich möchte sagen, der Gemeinschaft
aller Lebenden. Das ist ein klarer und unmittelbarer Gedanke. Und ob
nun die einen oder die andern von verschiedenen Ueberzeuguingen ausgehen
mögen (sei es von dem Glauben an einen göttlichen Vater, dessen Kinder wir
alle sind, oder sei es von einen wissenschaftlichen Monismus), für uns ‘alle
handelt es sich mit zwingender Notwendigkeit um die Erfüllung einer
zwingenden sittlichen Pflicht, eines kategorischen Imperativs.“
„Vereinigen wir alle unsere geistigen Kräfte, die uns das Leben gibt, gegen
die Gewalten des Todes!“
Die vorgelesenen Worte Romain Rollands vermochten wohl alle Anwesen-
den zu begeistern und mehr als das.
Der Holländer, Albert de Jong, Sekretär der Internationalen anti-
militaristischen Kommission (Sitz: Haag, Holland) skizzierte die Organi-
sation des Konterkriegs durch folgende drei Punkte:
Die Arbeiter, die Anhänger des Generalstreikes gegen den Krieg sind,
sollten sich sofort vereinigen, um
1. Festzustellen:
a) welche Betriebe in jedem Lande für Kriegszwecke arbeiten;
b) welche Betriebe beim Kriegsausbruch in Kriegsbetriebe umgewandelt
werden können (Farbstoffe und Giftgase; Kunstseide und: Sprengstoife);
2. In einem jeden solchen Betrieb einen Fabrikausschuss zu bilden, der
festzustellen hätte:
a) In welcher Weise im Kriegsiall die vorhandenen Vorräte an Kriegs-
material mit wenigstmöglicher Gefahr für die Umgebung unbrauchbar ge-
macht werden können;
b) Was technisch im Betrieb geschehen muss, um die Maschinen und
Geräte zur Anfertigung von Rüstungszeug unmöglich zu machen;
‘c) In welcher Weise die Beförderung von Rüstungszeug und Soldaten
praktisch zu verhindern wäre; R
d) Wie die Organisation des Generalstreiks vorgenommen werden müsste.
Nur auf diese Weise wird es gelingen, die breiten Massen, die letzten
Endes die Kriegsverhinderung vorzunehmen haben, schon heute wirksam und
wirklich in den Kampf gegen den Krieg einzubeziehen und die Nowendigkeit
der Kriegsverhinderung in ihrem Geiste zu verankern.“
Am Dienstagmorgen, den 31. Juli, fuhren wir wieder nach Wien zurück.
Nachmittagsviereinhalb Uhr waren wir Kriegsdienstgegner offizielle Gäste
beim Bürgermeister im Rathaus von Wien. Es wird gewiss einzig dastehen,
dass ausgesprochene Antimilitaristen von den Vertretern der Behörden emp-
fangen werden!
23
Als Abschluss der internationalen Konferenz fand am Abend im grossen
Saale des Arbeiterheimes des 10. Bezirkes an der Laxenburgerstrasse eine
öffentliche Kundgebung statt, welche Frau Olga Misar leitete.
- Als Redner stellten sich zur Verfü :PremyslPitter- Tschecho-
slovakei, Madeleine Vernet - Fankeick: Tarini Sinha - Indien,
Professor Dr. J. Ude - Graz, RudoliGrossmann- Wien, Frei-
herr von Schönaich, Generalmajor a. D. Letzterer wurde stürmisch
begrüsst. Dies ist leicht verständlich, wenn man bedenkt, dass dieser ehe-
malige Militär 38 Dienstjahre hinter sich hat, dann den Mut zur Umkehr aui-
brachte und jetzt bereits seit zehn Jahren antimilitaristisch tätig ist.
Den Höhepunkt des Abends stellte das mutige Referat des katholischen
Priesters und Hochschulprofessors Dr. Ude dar. Vom Standpunkte der katho-
lischen Moral aus wies er nach, dass gerechte Kriege nicht mehr geführt wer-
denkönnen. Die Folgerung ist für ihn, der nur ein Schüler seines Meisters,
dem er unbedingt nachfolgen will, klar. Bedauerlich waren die während dieses
Referates immer stärker werdenden Rufe gegen die Kirche. Proiessor Ude be-
merkte doch, dass er ganz isoliert stünde und dass auch das Volk ihm helfen
müsse in seinem Kampfe. Ruhiger wurde es erst gegen den Schluss hin, bis
die ungefähr 1500 Anwesenden sich ganz still verhielten und als das Wort fiel
„Kriegsdienstverweigerung ist internationale, heilige
N SD Alfred Rusterholz.
2. Die modernen Kriegsmethoden und der Schutz der Zivilbevölkerung.
Die von der Internationalen Frauenliga für Frieden und
Freiheit veranstaltete Studienkonferenz, die vom 4.—6. Jan. in Frankfurt
a.M. tagte und sich hauptsächlich mit den modernen Kriegsmethoden und dem
Schutz der Zivilbevölkerung befasste, hat mit Recht in der Presse und im
Publikum grosse Beachtung gefunden und darf wohl als ein voller Eriolg be-
zeichnet werden.
Wie von den Veranstalterinnen der Konferenz immer wieder betont wurde,
handelte es sich dabei selbstverständlich nicht bloss um die Verurteilung der
modernen Kriegsmethoden, sondern um die Verurteilung des Krieges über-
haupt. Es sollte nur anhand der furchtbaren Entwicklungen, welche die Kriegs-
technik genommen hat, die ganze Furchtbarkeit des Krieges dargetan werden.
Und auch da wieder war es durchaus nicht die Meinung der Veranstalterinnen
der Konferenz, bloss mit der Furcht zu wirken, bloss darauf hinzuweisen:
diese Schrecken erwarten euch und eure Kinder, darum müsst ihr einen neuen
Krieg zu verhindern suchen. Nein, es lag ihnen mindestens ebenso sehr daran,
den Konierenzteilnehmern und der Bevölkerung überhaupt vor Augen zu füh-
ren, wie die Menschheit als Ganzes geschändet wird, wenn sie es weiter dul-
det, dass Wissenschaft und Technik, Erfindungsgabe und Genie dazu ausge-
nützt werden, immer neue Methoden der Zerstörung und Vernichtung zu er-
sinnen, wie in einer solchen Atmosphäre der tückischsten Mordvorbereitungen
alles Menschliche ersticken muss. Und wie verschieden die Redner und ihre
Themen waren, so tauchte gerade dieser Gedanke beinahe bei jedem derselben
wieder auf.
x Es war schon bezeichnend, dass der Vertreter des Frankfurter Magistrats,
Bürgermeister Gräf, in seinem Begrüssungswort davon ausging, was er als
Vorsteher der Frankfurter Fü rsorge von den Nachwirkungen des Krieges
spüre. Im Gegensatz zu gewissen Gepilogenheiten bei uns in der Schweiz
erklärte er, dass jeder irrenärztlich untersucht werden sollte, der heute noch
von Krieg spreche und dass jeder, der den Krieg propagiere, als Verbrecher
erklärt werden sollte. Er führte auch das schöne Wort des Frankfurters Lud-
wig Börne an: „Sind Friede und Freundschaft unter den Menschen Träume?
Nein, der Hass und Krieg sind Träume, aus denen man bald erwachen wird“
24
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5 ri *7,
er Giftgaskrieg zu den
le sei |
Zusammenhang damit die Frag:
n Mitteln gehöre oder nicht. Wie e
auf hinwies, wie er sehr oft:
heit“ willen, heute liegt die Sicherheit in der Abrüstung, und der Kampf spielt
sich nicht mehr ab zwischen Nation und Nation, sondern zwischen jenen, die
diese Wahrheit erfasst haben und jenen, die noch in den alten Anschauungen
stecken.“ Sehr interessant war auch sein Nachweis, wie namentlich die kleinen
Völker und die rohstoffarmen Völker in einem Kriege von vornherein wehrlos
. wären, weil man sie durch das Abschneiden der Rohstofizufuhr sofort lahm-
' legen könnte, ja, wie sie auch jetzt schon infolge ihrer ökonomischen Abhängig-
keit praktisch einen grossen Teil ihrer nationalen Unabhängigkeit eingebüsst
haben. Mussolini kann sich noch so drohend gebärden, wenn ihm England
nicht das Petroleum für seine Kriegsschiffe und Luftschiffe liefert, so muss er
es beim Drohen bewenden lassen. \ FR
Diese wirtschaftliche Seite der Frage wurde dann noch einmal in der abschlies-
senden Versammlung von seiten der Kommunisten aufgegrilfen, die eine
Besiegung des Krieges selbstverständlich nur im: Zusammenhang mit dem '
Sturz des Kapitalismus erwarteten und für diesen Sturz des kapitalistischen
Wirtschaftssystems auch Wafiengewalt anwenden würden. Dem gegenüber be-
__ tonte die Vorsitzende der abschliessenden Tagung, Frau Perlen aus Stutt-
gart, mit aller Entschiedenheit, dass die Frauenliga zwar immer für eine Um-
gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Sinne des Sozialismus. einge-
standen sei, dass sie’aber auch in diesem Kampie um eine bessere soziale Ge-
rechtigkeit den Sieg niemals von der Waffengewalt her erwarte.
Der Vortrag von Dr. Steck, dem Chef der eidgenössischen Gasschutz-
stelle, hat, auf jeden Fall in unserer schweizerischen Presse, Anlass zu einigen
Erörterungen gegeben. Wie war er aufzufassen? Erwies er die Möglichkeit
eines Gasschutzes, und wenn ja, wie kam dann die Konferenz dazu, In ihrer
Schlussresolution sich dahin zu äussern, „dass es keine wirksamen: Schutz-
massnahmen gegen die Zerstörungsmittel gebe, die die Wissenschaft in den
Dienst des Krieges stelle“? In einem Leitartikel der „Basler Nachrichten“
(Nr. 9, 10. Januar) wird klipp und klar dargelegt, dass die Ausführungen Dr.
Stecks zu dem unwiderleglichen Schluss der Zulänglichkeit unserer heutigen
Gasschutzmittel geführt hätten und dass die Veranstalterinnen der Konferenz
die Tatsachen, die ihnen da vorgeführt worden seien, wissentlich und geilissent-
lich unterschlagen hätten. In Wirklichkeit sind die Meinungen darüber ver-
schieden, was Dr. Steck mit seinen Ausführungen beweisen wollte. Was er
erreichte, war ganz sicher das, dass man wohl .den Eindruck bekam von sehr
sorgfältig ausgedachten und ausgeklügelten Schutzvorrichtungen für den Solda-
ten und den Sanitätler, Schutzvorrichtungen, die unter günstigen Bedingungen
auch richtig funktionieren werden, die aber im besten Falle eine sehr dünne‘
Scheidewand zwischen Leben und Tod aufrichter. Von dem „Kollektivschutz“,
den man: so freundlich der Zivilbevölkerung zuspricht, kann nicht einmal so viel
25
beantwortet, geht daraus her-
rauf | als Sachverständiger bei Giftmord-
. zugezogen werde und wie die Giftmörder immer zu. den verächt
Verbrechern gezählt werden, weil der Giftmord ein besonders feiger
ch bringt er die erschreckende Zunahme der Giitmorde seit dem
NW Zusammenhang mit der ganzen Verrohung, die durch den Krieg
erzeugt wurde. 2 SINE en a
‘. „ Erancis Delaisi, der bekannte französische Nationalökonom, sprach
in seiner Arbeit über „Die Verknüpfung der Kriegs- und Friedensindustrien“
den Gedanken aus: „Bis dahin haben sich die Völker gerüstet, um der „Sicher-
Tee
tw
die Uebersiedlung einer ganzen Bevölkerung in solche Unterstände, wie das
trag, der auch nichts anderes als eine theoretische Auseinandersetzung sein
konnte, die aus Erfahrungen des Weltkrieges stammende Schilderung des ehe-
maligen Gasschutzoffiziers Studienrat Waldus Nestler, die in ihrer An-
schaulichkeit und Bewegtheit und Eindringlichkeit wie mit Fackelschein die
Tatsächlichkeit des Giftgasschutzes beleuchtete: Theoretisch für die Mannschaft
vielleicht noch denkbar, praktisch für die Zivilbevölkerung unmöglich,
Aber dass auch für die ade der Gasschutz sehr illusorisch werden
kann, ging aus den Ausführungen Dr. Gertrud Wokers und des schwedi-
schen Hauptmanns Brunkogs hervor. Dr. Woker wies namentlich auf _
die Kombinationseifekte der Giftgas-, Explosiv- und Phosphorverbindungen hin,
denen gegenüber die Gasmasken und sogar die Gasanzüge nicht mehr genügen,
und Hauptmann Brunskog illustrierte die verschiedenen Möglichkeiten solcher
kombinierter Angriffe, indem er anhand von Zahlen die „Fortschritte“ der
Militärtechnik darlegte. Auch hier wieder trat es deutlich zutage, wie nament-
lich die kleinen Länder den Angriffen der sie umgebenden Nachbarn wehrlos
preisgegeben sind; aber auch grössere Länder, wie Deutschland, können bei
der heutigen Fahrtweite der Luftgeschwader bis tief über ihre Grenzen hinein
erreicht werden. Jede Aktion der Landheere und Meeresflotten kann durch
Lufitangriffe verhindert werden, ja ihre Existenz ist schwer gefährdet.
Es ist natürlich nicht möglich, in einem einzigen Berichte auch nur an-
nähernd die Fülle des Tatsachenmaterials wiederzugeben, das in dieser drei-
tägigen Konferenz zusammengetragen wurde. Die Veröffentlichung der ver-
schiedenen Referate ist in Aussicht genommen, und es ist sehr zu hoffen, dass
sie zustande komme. Denn wenn auch das Wissen um die Dinge noch nicht
Erkenntnis bedeutet, so ist doch das Wissen ein Schritt zur Erkenntnis hin,
und auf jeden Fall ist es nicht umsonst, dass die Militärfreunde so ängstlich
bemüht sind, das Publikum, die Massen, im Dunkel zu lassen über das, was
ihnen bevorstünde, wenn es noch einmal zu einem Kriege käme. Den Schleier
dieses Geheimnisses etwas gelüftet zu haben, ist zweifellos eines der Verdienste
der Frankfurter Konferenz. Sehr schön war auch das Zusammenwirken der
verschiedenen Nationalitäten und der Vertreter der verschiedenen Wissens- und
Berufsgebiete, von Laien und Fachleuten, von Männern und Frauen. Es war die
Konferenz wirklich ‘selbst eine Illustration zu Delaisis Ausspruch, dass der
Kampf um den Frieden nicht ein Kampf zwischen Nationen und Rassen ist,
sondern ein Kampf zwischen denen, die den furchtbaren Ernst der Stunde er-
fasst haben und an die Möglichkeit einer Besiegung des Krieges glauben und
denen, die blind und starr am Alten festhalten, weil sie fürchten, es falle alles
zusammen, wenn an der altgeheiligten Institution des Wehrwesens gerüttelt
wird. Clara Ragaz.
3. Baltische Konferenz des Versöhnungsbundes in Tartu, 27.31. Oktober 1928.
Die baltischen Völker haben erst nach jahrhundertelanger wirtschaftlicher
und nationaler Unterdrückung ihre staatliche Freiheit und nationale Unabhän-
gigkeit wieder erlangt und machen nunmehr grosse Anstrengungen, ihr politi-
sches, soziales und kirchliches Leben neu aufzubauen. Sie haben dabei nicht
nur die schwierige Frage der deutschen und russischen Minderheiten. die vor
dem Kriege die herrschende Klasse bildeten, zu lösen, sondern als unmittel-
bare Nachbarn Soviet-Russlands dessen militärische Uebermacht und kommu-
nistische Propaganda zu fürchten, befinden sie sich auch in einer schwierigen
internationalen Lage. Wir finden deshalb nicht nur die allgemeine Wehrpflicht
in diesen Staaten, sondern auch freiwillige militärische Schutzverbände, denen
26
Y
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2)
sich selbst Frauen ‚anschliessen und in zahlreichen Schulen sind militärische
Er
Uebungen obligatorisch. !
Die Konferenz, die von der schwedischen Gruppe zusammen mit dem inter-
nationalen Büro vorbereitet wurde, hatte sich die Aufgabe gestellt, die Bewe-
gung in diesen Ländern fest zu begründen. Das Programm behandelte die
Grundfrage unserer Bewegung: die Bruderliebe und ihre Anwendung im indi-
viduellen, politischen, sozialen und kirchlichen Leben. Die Konferenz zählte
etwa 220 Teilnehmer, davon die überwiegende Mehrheit aus Estland, ferner
Delegierte aus Lettland, Finnland und Schweden. Sie hinterliess in der Oefient-
lichkeit einen sehr tiefen Eindruck, besonders auch in kirchlichen Kreisen, und
führte zur endgültigen Bildung einer selbständigen Gruppe in Estland. Eine
ähnliche Konferenz wird für 1929 in Riga vorgeschlagen, um die Bewegung in
Lettland einzuführen.
Verschiedene Redner, wie Nathanael Beskow und Pastor- Thysell aus
Schweden, Siegmund-Schultze, Hermann Hoffmann, Deutschland, Emile Fabre,
Frankreich, Rev. Elmslie, England, und Dr. Ewald, Oesterreich, hielten vor und
nach der Konferenz erfolgreiche Vorträge in den verschiedenen benachbarten
Ländern wie Lettland, Finnland, Schweden und Dänemark.
Die Befestigung der Bewegung in diesen Gebieten scheint besonders wich-
tig aus dem Grunde, weil unsere ‚Arbeit von hier aus am besten Eingang: fin-
den wird nach Rüssland, wann immer die Zeit dafür kommen wird.
(Mitteilungen des Versöhnungsbundes.)
4. Auf einer deutschen Jugendtagung.
Am Neujahrstag früh fuhr ich ins „Reich“ hinaus, zum Jahrestrefien einer
Jugendbewegung, der sogenannten Köngener. Ein ehemaliger Schüler, der
Sohn ‚eines grossen Vorkämpiers der Friedenssache, hatte mich dazu einge-
laden und freundschaftlich genötigt. Es handelte sich um eine der Friedens-
frage gewidmete Woche. Nahe bei der alten Reichsstadt Schwäbisch-Hall er-
hebt sich auf einem freien Hügel mächtig, mit Türmen und Wällen die Com-
burg. Es ist eine Feste aus grauer Vorzeit. Als ihre einstigen Besitzer als
Kreuzfahrer ins Heilige Land zogen, übergaben sie die Burg den Benedik-
tinern, die dort eine romanische Kapelle und viel später eine stolze Barock-
kirche erbauten. Jetzt hat sich in den alten Hallen ein Volkshochschulheim ein-
gerichtet, das, im Geiste eines parteiüberlegenen Sozialismus geleitet, Sozial-
demokraten und Kommunisten, Freidenker und Katholiken, Nationalisten und
Internationalisten in grosser Harmonie zu ernstem geistigem Suchen vereinigt
und Mittelpunkt von viel anderem neuem Leben ist. Und da sage man noch, es
gebe nichts Neues unter der Sonne!
Auch zu unserer Tagung war eine sehr bunte Mischung von Geistern ein-
geladen: Bürgerliche, Sozialdemokraten, Kommunisten, Nationalisten, National-
soziale, Katholiken und Protestanten, Kirchliche und Unkirchliche, Gläubige und
Ungläubige. Es konnte einem schon etwas bange vor solchem Babylon werden.
Und doch, am Ende leuchtet etwas auf wie eine höhere Einheit, die aus dem
Chaos unserer Tage zu einer neuen Schöpiung führen will.
Es war ein heisses Ringen. Die ganze Tiefgründigkeit und Problemireudig-
keit des besten deutschen Wesens trat einem greifbar entgegen, aber auch die
Berufung des deutschen Volkes zu führender geistiger Schöpfungsarbeit. Frei-
lich auch gewisse Gefahren des deutschen Wesens: das Hängenbleiben in den
Problemen, eine gewisse Scheu vor dem Aktivwerden in den Dingen des poli-
tisch-sozialen Lebens, überhaupt vor praktischer Weltgestaltung aus dem Ge-
danken heraus, eine Ueberbetonung des Seins gegenüber dem Sollen, des
Schicksals gegenüber der Freiheit — auch eine Ueberschätzung der materiellen,
der „realpolitischen“ Tatsachen, die wohl als Reaktion auf eine einstige Ueber-
schätzung reiner Geistigkeit zu deuten ist, und ein damit verbundener gewisser
2%
Pessimismus gegenüber dem Glauben an die Macht und Kraft des Guten.
Hierin bedarf die deutsche Art immer wieder einer Ergänzung, eines „Korrek-
tivs“. Aber diese Art bleibt ein unvergleichlicher und unersetzlicher Wert.
Sie ist, freilich zunächst noch jenseits des politischen und ‚wirtschaftlichen
Kampfplatzes, in heisser Arbeit daran, sich selbst wiederzufinden; sie wird
auch ihr ,„‚Korrektiv“ gewinnen. Es ist davon für die Welt viel zu hoffen. Und
es ist schon heute draussen Vieles und Grosses, das bei uns nicht ist. Auch
eine solche Aussprache, an sich schon eine Verheissung, ist bei uns noch un-
möglich. 1
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Zur Weltlage C}
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Katholizismus und Sozialismus.')
F
1. Das Problem.
In Wien hat vor kurzem eine religiös-sozialistische Tagung
stattgefunden, deren Thema war: „Kann ein Katholik Sozialist
sein?“ Es sprachen ein katholischer Arbeiter, ein hervorragender
Vertreter der österreichischen Sozialdemokratie, ein katholischer
Professor der Theologie, ein in einem allgemeineren Sinne auf dem
Boden des „religiösen Sozialismus‘ stehender Philosoph und ein
mehr intellektueller Führer eines revolutionär gestimmten Katholi-
zismus. Die Veranstaltung erregte grosses Aufsehen. Der Zudrang
war so stark, dass der bestellte grosse Saal am ersten Tage die Menge
bei weitem nicht zu fassen vermochte. Das Zentralorgan der öster-
reichischen Sozialdemokratie begrüsste die Tagung mit warmer
Sympathie und brachte darüber ausführliche und getreue Berichte.
Die durch das alles aufgeregten Wellen haben sich noch nicht
beruhigt. E
Dieses Ereignis ist ein Symptom für die Entwicklung des Prob-
lems, das sich nur immer deutlicher als das Problem unserer Zeit
erweist: der Auseinandersetzung von Christentum und sozialer
Frage, hinter und über welcher die Frage nach Gott steht, aus der
sie stammt und zu der sie hinlenkt. Und zwar handelt es sich also
in diesem Falle um die besondere Auseinandersetzung zwischen
Katholizismus und Sozialismus. Diese ist offenkundig in ein neues
Stadium getreten. Noch vor wenigen Jahren war in einer angesehe-
nen katholischen Zeitschrift, in welcher sonst nicht leicht so törichte
Dinge stehen, die Bemerkung zu lesen, mit dem Sozialismus dürfte
es nun wohl so ziemlich vorbei sein. Es war, unter dem Eindruck
ara,
3 “
KW
ZITEHIEETTERIIERN
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Sram
des Rückschlages auf die Revolutionszeit, die gleiche kurzsichtige
. 4) .Da der Aulsatz sonst für dieses Heft zu lang geworden wäre, sollen
eine Reihe von ausführlichen Zitaten zur Illustration der ‚„katholisch-sozialisti-
schen“ Bewegung in einem II Teil gebracht werden.
28
E Eesiniten sich diese beiden Grossmächte, rein nach ihrem allgemei-
nen Wesen betrachtet, zu einander ? Zunächst stehen sie vor uns
als gewaltige Gegner, "aber sind sie das eigentlich nicht gerade dar-
um, weil sie einander so nahe verwandt sind? Weisen nicht schon‘ Fi
die Namen ‚auf diese Verwandtschaft hin? Katholizismus heisst la-
teinisch Universalismus — er ist etwas, das auf eine al
- gemeine Verbindung der Menschen abzielt. Will dies nicht auch der
Sozialismus? Sozialismus heisst ja Genossenschaftlichkeit, Genos-
senschaitlichkeit der einzelnen Menschengruppen wie der ganzen 5
Völkerwelt. Es ist damit schon gesagt, dass für beide Mächte der
Internationalismus charakteristisch ist. Sie sind Organi-
sationen und Bewegungen, welche, über Nation, Rasse, Sprache,
Kultur. hinausgreifend, die Menschen und die Menschheit in einem
letzten geistigen und sozialen Ziele vereinigen wollen. Sie glauben
also an die Möglichkeit und Notwendigkeit, das Völkerleben einem
sittlichen Gesetz zu unterwerfen. Dieses nimmt im einen
Falle religiöse, im andern politisch-soziale Gestalt an, im einen
Falle heisst das Ziel das Reich Gottes, im andern (soweit wenig-
stens bloss der „weltliche“ Sozialismus in Betracht kommt) das
Reich des Menschen, aber es ist in beiden Fällen ein geistig-ethisches
Ziel, das im Gegensatz zu den blossen naturhaften Gegebenheiten
steht. Beide Mächte anerkennen keine sogenannte Eigengesetzlich-
keit des politischen und wirtschaftlichen Lebens, sondern wollen
ihm, jede auf besondere Art, ihr Gesetz auflegen. Beide sind sie
gewaltige Versuche, jenes Chaos, in das die „Eigengesetzlichkeit‘“
die Welt geführt, zu bändigen "und zu gestalten. Gerade darin be-
steht wohl zu dieser Stunde ihre mächtige Berufung. Man könnte
in diesem Zusammenhang, einen Gesichtspunkt anwendend, der in
noch gewaltigerem Sinn und Mass für das Verhältnis zwischen dem
Christentum überhaupt und dem Sozialismus gilt, behaupten, der
Sozialismus sei der weltliche Katholizismus unserer Tage, er sei
ein Ersatz für den Mangel an einer andern Form, sei die erste Welle
einesn euen Katholizismus, einer neuen Einigung der Menschheit.
Bei dieser nahen Verwandtschaft der beiden Mächte ist es nicht
verwunderlich, dass sie zum Teil die gleichen Gegner bekämpfen
und von ihnen bekämpft werden. Ein solcher gemeinsamer Gegner
29
Katholizismus ld Soli Es: and. die beiden stärksten. =
- Mächte (der heutigen Welt, insofern wir an organisierte und durch
_ Institutionen verkörperte geistige und soziale Kräfte denken. Wie
erT P} Sm 5 »
N N EN er
+
1
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ist der Liberalismus. Gegen ihn wendet sich das kommunr
stische Manifest von Marx und Engels nicht weniger als der Syl-
labus errorum Pius des Neunten. Diesem Liberalismus gegenüber,
der sich auf die Autonomie des einzelnen Menschen und seiner
Gruppe stellt, vertreten sie, der Katholizismus in religiöser, der
Sozialismus in politischer Form, die Autorität der Gemeinschaft.
Sie wenden sich, was auf der gleichen Linie liegt, gegen den Indi-
vidualismus und Subjektivismus. Während diese —
nach ihrer Meinung und auch in Wirklichkeit, sofern sie sich näm-
lich von G ott trennen! — die Menschenwelt in Atome auflösen
und damit zum Kampf Aller gegen Alle führen, verlangen und er-
streben sie eine neue Bindung. Sie sind, wenn man diese Begriffe
‘ein wenig’ über ihren gewöhnlichen Sinn hinaus dehnt, autori-
täre und imperialistische, infolge davon auch zen-
tralistische Systeme. Sie sind, wieder in einem erweiterten
Sinne, Kirchen, der Katholizismus eine religiöse, der Sozialis-
mus eine.weltliche. Insofern. wenden sie sich auch gegen den Pr o-
testantismus. Man hat nicht ohne Grund öfters darauf hin-
gewiesen, dass dieser vermöge seines Individualismus eigentlich
dem Sozialismus ferner stehe als der Katholizismus. Dieses Urteil
hat freilich, wie sich zeigen wird, bedeutsame Einschränkungen zu
erfahren und trifit auf alle Fälle viel weniger das Wesen des Prote
stantismus als gewisse Formen seiner historischen Erscheinung,
aber es hat doch auch sein bestimmtes Recht. Es ist dafür auch
bezeichnend, dass einer der Schüler von Saint Simon und Vater des
modernen Sozialismus (im weiteren Sinne), der grosse Philosoph
August Comte, der Verkünder des Altruismus und Positivismus, ein
scharfer Gegner des Protestantismus ist, eben wegen dessen Sub-
jektivismus.
Ein rascher Blick auf die Geschichte scheint diese nahe
Verwandtschaft zwischen Katholizismus und Sozialismus zu bestä-
tigen. Birgt nicht der Katholizismus aller Zeiten ein mächtiges Ele-
ment des Sozialismus — wieder in einem allgemeineren Sinne des
Wortes — ja des Kommunismus in sich? Man denke nur an das
Mönchtum, an die Aussprüche der Kirchenväter über das Eigen-
tum, an das Zinsverbot der mittelalterlichen Kirche und die Auf-
fassung des Kirchengutes als patrimonium pauperum, Erbteil der
Armen, an ihren Antimilitarismus, der zum Beispiel in der Einrich-
tung der Treuga Dei zum Ausdruck kam, an die Parteinahme der
besten Päpste für die Völker gegen die Grossen, und vieles, vieles
dieser Art. Wenn man das Denksystem ins Auge fasst, worin der
römische Katholizismus sich selbst am vollendetsten ausgedrückt
hat und zu dem er sich heute mehr als je bekennt, das des Thomas
von Aquino, so ist es charakterisiert durch das, was man heute
Solidarismus nennt. Es erhebt sich aus jener Welt der Genossen-
30
MED
schaitlichkeit, die uns in den Zünften entgegentritt und ist in seiner.
Soziologie deren verklärtester Ausdruck. |
Sollten also Katholizismus und Sozialismus, da sie so nahe
Blutsverwandte sind, nicht die besten Freunde und Bundesgenossen
sein? Müsste nicht der Katholizismus den Sozialismus mit Freuden
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begrüssen und der Sozialismus für den Katholizismus ein beson-
' deres Verständnis haben? Ja, aber könnte es nicht auch umgekehrt
sein? Könnten sie nicht vielleicht gerade wegen dieser Verwandt-
schaft in heitigste Feindschaft gegen einander geraten? Sind denn
Blutsverwandte immer Freunde und Genossen ?
2. Der Kampf.
In der Tat hat sich denn auch bald die Feindschaft eingestellt.
Allerdings nicht sofort. Wir müssen vielmehr die Tatsache beden-
ken, dass sich gegen das erste Auftreten des Kapitalismus eine
leidenschaftliche katholische Opposition erhob. Ich nenne zum Be-
weis dafür nur drei grosse Namen: Saint Simon, Lamen-
nais und Ketteler. Saint Simon, der Zeitgenosse der französi-
schen Revolution und der geniale Vorläufer des modernen Sozialis-
mus, betrachtet diesen doch als eine Erneuerung des Christentums,
als nouveau Christianisme, wie der Titel einer seiner Schriften lautet.
Des gewaltigen Priesters Lamennais „Paroles d’un croyant“ aus dem
Anfang der dreissiger Jahre sind bis auf diesen Tag das flammend-
ste Manifest christlicher Demokratie gegen die Volksknechtung
durch die neue Mammonsherrschaft. Ketteler, der Bischof von
Mainz, dessen Buch über „Die Arbeiterfrage und das Christentum“,
aus dem Anfang der sechsziger Jahre, eine der ersten zusamenfas-
senden Erörterungen dieses Problems bildet, ist ein Freund La-
salles. Er nimmt, ein scharfer Gegner der Unfehlbarkeit des Papstes,
den ersten Band des „Kapital“ von Marx zum vatikanischen Konzil
nach Rom mit. Hätte dieses Konzil über Marx und die Arbeiter-
bewegung verhandelt, statt über die Unfehlbarkeit des Papstes,
wäre das nicht dem Geist Christi entsprechender gewesen? Wäre
es nicht eine bessere Bestätigung der ‚„Unfehlbarkeit“ des Papsttums
gewesen? Und wie hätte die Geschichte‘ dann anders verlaufen
können! Es ist der gleiche Bischof Ketteler, von dem das Wort
stammt, die soziale Wirksamkeit müsse in diesem Jahrhundert die
Legitimation der Echtheit der Kirche gegenüber der Welt sein.
In diesem Anfangsstadium reagiert also der echt christliche Geist
im Katholizismus mit aller Schärfe gegen die an Kapitalismus auf
steigende Verweltlichung, Paganisierung, Mammonisierung der Ge-
sellschaft. Es ist bezeichnend, dass auf der protestantischen Seite
eine ähnliche Entwicklung vor sich geht. Hier hören wir den Pro
test Carlyles und der „christlichen Sozialisten“
Englands, dann, auf dem Festland, die prophetischen Aeusserungen
31
eines Wichern, und müssen auch im Auftreten eines Stöcker
noch die Opposition des christlichen Gewissens gegen die neue
Entwicklung anerkennen. ig KyRE
Aber dann erlahmt diese ursprüngliche Empfindung in beiden
Lagern des westlichen Christentums gleichmässig. Auch der Katho-
lizismus, der im Syllabus errorum den Liberalismus verdammt hat,
soweit er als Politik, Weltanschauung und Kultursystem auftritt,
lässt ihn als Wirtschaftsordnung ziemlich unbehelligt gewähren.
Er beschränkt sich im wesentlichen darauf, seinen üblen Auswüch-
sen, der Verelendung, Proletarisierung, geistigen Entwurzelung der
Volksmassen ein immer reicher ausgebautes vereinsmässiges System
der Caritas und Seelsorge entgegenzustellen. Er erkennt zwar
immer wieder den schlimmen „Geist“, der sich mit dem kapitalisti-
schen System verbinde, lässt aber das System, ohne es, so viel ich
weiss, in seiner „Moraltheologie‘“ gerade ausdrücklich zu billigen,
im Grossen und Ganzen unangefochten, ist höchstens auf Milderun-
gen bedacht. Dafür wendete er sich mit aller Wucht der Leiden-
schaft gegen den Sozialismus. Warum denn?
Wenn wir die Gründe, welche zu der Feindschaft zwischen Ka-
tholizismus und Sozialismus geführt haben, analysieren, so lassen
sie sich zunächst auf drei Kategorien zurückführen.
Sie sind einmalsozialer Natur. Hier spielt eine zentrale Rolle
die Frage des Eigentums. Es ist der stets wiederkehrende Vor-
wurf des Katholizismus gegen den Sozialismus, dass dieser das
Privateigentum aufhebe. Dieses aber gehöre zu Gottes Schöpfungs-
ordnung und sei. die Grundlage auch des sittlichen Lebens. Der
Katholizismus verteidigte damit einen der Eckpfeiler der sittlichen
Welt. Er tut das mit Berufung auf Thomas von Aquino. Die bür-
gerliche Welt ist ihm für diesen Dienst sehr dankbar; er aber bindet
sich damit, zu seinem Verhängnis, aufs engste an sie.
Zu den sozialen gesellen sich ethische Einwände. Der So-
zialismus, behauptet man auf katholischer Seite, untergrabe die Eh e
und das Familienleben und damit einen andern Eckpfeiler
der sittlichen Welt. Er predige sogar die freie Liebe. Ueberhaupt
verkündige er ein Ideal des Genusses und zügellosen Sichauslebens,
das zum Christentum im schärfsten Gegensatz stehe. Man beruft sich
im ersten Punkte etwa auf Bebels „Frau“ oder andere, noch tiefer
stehende Erzeugnisse der sozialistischen Literatur. Neuerdings bietet
die sozialistische Verteidigung, ja manchmal beinahe Verherrlichung
der Abtreibung einen nur zu gern benützten Anlass zu solchen
Anklagen.
Im Mittelpunkt des Schlachtfeldes aber tobt der Kampf der
Wel tansc hauungen. Der Sozialismus ruht, behauptet man
katholischerseits, auf dem Materialismus und Atheismus.
Er ist darum der Erbe und Testamentsvollstrecker des Liberalismus
32
em von ee a am ren in- = *
ers Hauptsache des Lebens. Infolge davon wird seine ganze Le
bensauffassung eine grundandere. Nicht Weltgenuss, sondern Welt-
entsagung ist sein Ideal. Und an das Gute im Menschen kann er
bloss auf Grund der Erlösung durch Christus glauben. Ein Para-
‚dies auf Erden vollends kennt er nicht. Im einzelnen nimmt man
auf katholischer Seite noch besonders Anstoss an der Forderung
- der sozialistischen Programme, dass die Religion Privatsache sei
und daher Kirche und Staat getrennt werden sollten. Davon be-
- fürchtet man namentlich eine Entchristlichung der Schule und damit
des ganzen Volkslebens überhaupt. Auch stehe diese Forderung
MPERETE
«
j in einem Grundwiderspruch zum. katholischen Prinzip. Denn der
; Katholizismus wolle von der Kirche aus direkt oder indirekt alles
- Leben dem Gesetz Christi unterwerfen.
3 So wehrt sich der Katholizismus nach seinem Gefühl gegenüber
dem Sozialismus sozusagen seines Lebens. Er bekämpft ihn mit
R: umso grösserer Leidenschaft, als er die lebendige Wucht spürt, mit
der diese Macht auch gegen ihn vordringt. Es gilt besonders, die
katholischen Arbeitermassen vor dem drohenden Abfall zu bewahren:
darum organisiert er diese zuerst in mehr geselligen, geistlich gelei-
‚teten Vereinen (besonders „Gesellenvereinen‘), dann, als dies nicht
mehr genügt und die sozialistische Gewerkschaftsbewegung sich
mächtig entfaltet, in eigenen „christlichen“ oder „christlich-sozialen“
Gewerkschaften. Er gliedert seiner politischen Organisation, eben-
falls um die Arbeiter festzuhalten, eine besondere „christlich-soziale“
an. Er verbündet sich gegen den Sozialismus mit der bürgerlichen
Welt und unterstützt deren Vorgehen gegen ihn fast immer. Er be-
nützt in diesem heissen Kampie alle Mittel, oft auch die einer skrupel-
lesen Demagogie und einer unbedenklichen Verleumdung des Geg-
ners, daneben aber auch ernsthaftere: ein gründliches Studium der
sozialen Probleme gerade durch seine geistlichen Vertreter und eine
gewisse Aufgeschlossenheit für sozialpolitische Reformen. Der So-
zialismus muss sterben, wenn die Religion leben soll.
Der Sozialismus seinerseits erwidert diese Feindschaft von Her-
zen. In der katholischen Kirche glaubt er, nächst dem politisch-
wirtschaftlichen Kapitalismus, seinen schlimmsten Feind erblicken
zu müssen. Die Kirche ist es, die durch die Ablenkung der Men-
*
Ber
33
des Menschen, der dessen tiefe Verderbtheit und Erlö-
lürftigkeit völlig übersieht. Der Katholizismus aber kennt
weltliches Ziel und betrachtet dessen Erstrebung als die ®
ern
schen vom Diesseits auf das Jenseits sie in Dummheit und Knecht- \
schaft erhält. Durch ihre, übrigens immer bloss nach untenge
richtete Predigt der Zufriedenheit und Genügsamkeit ‚schwächt sie
den Drang nach sozialer Gerechtigkeit und wird die stärkste Hel-
ierin der Ausbeuter. Sie ist die Vertreterin eines überlebten Denkens.
Der Sozialismus zieht gegen sie auch im Namen der Wissenschaft zu
Felde und geht (wenigstens auf dem Festlande) weithin ein Bündnis
mit dem Freidenkertum flachster Art ein. Dieses wird gerade in ka-
tholischen Ländern zu einer eigentlichen sozialistischen Gegenkirche,
ähnlich wie für die bürgerliche Welt die Freimaurerei. Wo wir in
sozialistischen Kreisen einen wilden Kirchenhass oder auch Reli-
gions- und Christentumshass finden, da ist er sehr oft.eine Reaktion
auf starken katholisch-klerikalen Einfluss. Aus dieser Stimmung ist
das Wort geboren, Religion sei „Opium fürs Volk“, und aus dieser
Stimmung heraus wird es immer wieder aufgenommen. Das ist ja
auch die Wurzel jenes Fanatismus der „Gottlosigkeit“, der im rus-
sischen Bolschewismus am Werke ist, alle Religion mit Stumpf und
Stil auszurotten. Die Religion muss sterben, damit der Sozialismus
leben kann.
So stellt sich uns dieses gewaltige Ringen der beiden Gross-
mächte dar. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod. „Der Sozialismus
muss sterben, damit die Religion leben kann“ und „die Religion
muss sterben, damit der Sozialismus leben kann“. Wir haben auf
der einen Seite eine Macht, die sich verzweifelt für Gott wehrt
und darum sich gegen den Menschen wendet, weil er von Gott ab-
gefallen scheint, und auf der andern Seite eine Macht, die sich ver-
zweifelt für den Menschen wehrt und darum sich gegen Gott
wendet, weil er das Recht des Menschen zu verneinen scheint. Das
ist wohl die tiefste Formulierung, die wir diesem Gegensatze geben
können.') Der Katholizismus, der an sich gegen eine radikale
Umgestaltung der sozialen Verhältnisse nichts haben könnte,
sie sogar fordern müsste, kann dies darum nicht, setzt sich sogar
dagegen, weil er diese Forderung verbunden sieht mit einer Leug-
nung des Heiligsten; der Sozialismus, der an sich keinen Grund
hätte, die Religion zu befehden, sieht sich gezwungen, dies zu tun,
weil die Religion seine grimmigste Feindin geworden ist.
Der Kampf ist für beide Lager gleich tragisch. Für den Sozia-
lismus bedeutet er einen gewaltigen Verlust an Stosskraft. Die Ar-
beiterschaft, die ja ohnehin durch den Streit zwischen Sozialdemo-
kratie und Kommunismus schon zerrissen ist, wırd durch den kon-
fessionellen, überhaupt religiösen Gegensatz noch mehr geschwächt.
Der Sozialismus kann nur schwer zum Siege vordringen, solange
er die Weltmacht des Katholizismus gegen sich hat. Der Katholi-
ee Vgl. dazu den Aufsatz über „Sozialismus und Freidenkertum“ im Juni-
eft.
34
zismus umgekehrt wird durch die Gei
Sozialismus an seinem Leben bedroht. Was würde aus ihm, wenn
“ur . a ‘
= NE
ahr eines ihm feindlichen
einmal die katholischen Arbeitermassen von ihm abfielen? Aber
diese Gefahr steht vor seinen Toren.) Doch noch schlimmer ist die
andere: dass er durch den Kampf gegen eine gewaltige und not-
wendige weltgeschichtliche Bewegung innerlich verarmt und er-
starrt. Sollte das Bündnis mit der vergehenden bürgerlichen Welt
ihn nicht noch ärger am Leben bedrohen, als der Ansturm des
Sozialismus ? ö
3. Die Wendung.
Aber nun steht ja, wenn nicht alle Zeichen trügen, eine grosse
Wendung unmittelbar bevor, ja sie ist in Symptomen, in Vorläufern
und Vorläufer-Bewegungen schon da.
Der Umschwung hat wohl schon mit der Wirksamkeit Leos
desDreizehnten eingesetzt, den man darob, wohl etwas über-
treibend, den „Arbeiterpapst‘“‘ nennt. Seine berühmte Enzyklika
über die soziale Frage, besser: Arbeiterfrage (Rerum novarum: De
‘conditione opificum 1891) hat zwar durchaus keine neuen sozial-
reformatorischen Gesichtspunkte aufgebracht (sie ist darin mit der
schöpferischen Arbeit des Sozialismus und auch mancher Art von
Sozialreform nicht zu vergleichen), atmet auch nicht gerade sozialen
1) Georg Beyer, ein Redaktor der sozialdemokratischen „Rheinischen
Zeitung“, berichtet darüber in seiner sehr gut orientierenden Schrift über
„Katholizismus und Sozialismus“ Folgendes: Der "deutsche
‘katholische Reichstagsabgeordnete Joos teilt der Internationalen Konferenz
katholischer Arbeitervereine in Antwerpen (1926) auf Grund von Berichten
katholischer Vertrauensleute aus den Industriegegenden mit, dass die katholi-
sche Ärbeiterschaft dem Unternehmertum (gemeint ist das katholische) „fremd,
kalt, feindselig, gespannt gegenüberstehe“. „Sie empfinde bitter die laxe reli-
‘ giöse, antisoziale wie auch die merkwürdige politische Haltung katholischer
Unternehmer.“ Auf rein religiösem Gebiet sei die katholische Arbeiterschaft
noch durchaus zuverlässig. Sie sei aber kritischer als jemals, was die Ver-
ireter der Kirche betrifft, von denen man allgemein Parteinahme im sozialen
Gegenwartskampf erwartet: „Ist der Priester kein Seelsorger, sondern ein
Geldsorger oder ist er nur für bessere Kreise der Gemeinde zugänglich, dann
ist das Vertrauen aufs stärkste erschüttert. Im Grenzgebiet von Religion und
Wirtschait und Religion und Politik wird die Meinung der Geistlichen heute
nicht mehr als Evangelium gewertet.“
In dem Berichte von Joos heisst es weiter: „Im ganzen Deutschen Reich
hat sich die geistige und praktische Haltung der katholischen Arbeiter zur so-
zialistischen Bewegung vollkommen geändert. Der Gegensatz ist zwar noch
da, aber er wird im wesentlichen nur noch in weltanschaulichen Fragen emp-
funden, nicht so sehr mehr in der Verfolgung sozialer und wirtschaftlicher
Ziele.“
Seither hat sich, wie die deutschen Maiwahlen, bei denen Hunderttausende
von katholischen Arbeitern sozialistisch stimmten, und dann der Arbeitskampi
in der Ruhr gezeigt haben, die Lage noch sehr stark in dieser Richtung ent-
wickelt. In Oesterreich vollends hat die Zahl der aus der Kirche sogar aus-
getretenen Arbeiter die 150,000 erreicht.
35
Enthusiasmus, aber sie hat ein dreitaches Verdienst von allergrösster
Tragweite: Einmal hat sie das soziale Problem mit Wucht in den
Mittelpunkt des katholischen Denkens gestellt. Sodann ist sie doch
den übelsten Auswüchsen des Kapitalismus entgegengetreten, hat da-
mit für viele dessen Zauber gebrochen und das Recht der Arbeiter-
bewegung ins Licht gestellt. Endlich hat sie — und das scheint mir
das Wichtigste — in Verbindung mit Leos sonstigem Wirken (vgl. die
Enzyklika Immortale Dei 1885) eine neue Orientierung der Kirche wie
im Politischen, so auch im Sozialen vorbereitet, und zwar im Sinne
einer Loslösung der Kirche von ihrer bisherigen engen Verknüpfung
mit den bestehenden Ordnungen und Mächten und einer Aenderung
' ihrer konservativen, ja reaktionären Haltung. Vielleicht dass man
erst in der nun angebrochenen Periode die volle Tragweite dieser
Schritte erkennen wird.
Die Enzyklika Leos des Dreizehnten steht im übrigen freilich
noch auf dem Uebergang zwischen zwei Perioden. Wenn sie. den
Kapitalismus in seinen Auswüchsen bekämpfte und als System frei-
lich ablehnte, so noch viel schärfer den Sozialismus, und zwar auf
Grund jener sozialen, ethischen und religiösen Einwände, die wir
dargestellt haben, besonders auch mit Berufung auf die Notwendig-
keit eines gewissen Privateigentums. Dementsprechend war auch
die Wirkung. Man fuhr in der Bekämpfung des Sozialismus fort,
nur dieantikapitalistische Haltung trat stärker her-
vor. Im Zusammenhang mit der Rückkehr zu Thomas von Aquino,
die sich auf dem Gebiete der dogmatischen Lehrbildung vollzog,
fing man an, dem kapitalistisch-liberalen Staat das mittelalterliche
Genossenschaitsideal, in Form einer Beruis- und Ständeverfassung
der Gesellschaft, und dem modernen zentralisierten National-
staat den Korporationsstaat entgegenzustellen. Man gelangte auf
diesem Wege zwar nicht bis zum Sozialismus, aber zum Soli-
darismus. Es entstanden aus dem ersten Enthusiasmus für das
Vorgehen Leos Bewegungen wie die „christliche Demo-
kratie“ eines Abbe Lemire und Romolo Murri und der „Sil-
lon“ von Marc Sagnier. Der Name Romolo Murri zeigt, dass be-
sonders der sogenannte Modernismusvon diesem sozialen Zug
ergriffen war.') Eine eigenartige Wirkung dieses Geistes ist auch die
Arbeit des kürzlich verstorbenen Paderborner Geistlichen W. Ho-
hoff, der sich mit grosser Kühnheit um den Nachweis bemühte
(besonders in dem Buch: „Die Bedeutung der Marxschen Kapital-
kritik“), dass die marxistische Wertlehre durchaus im Einklang mit
der katholischen Moraltheologie stehe, welche nur solche ökonomi-
schen Werte anerkenne, die aus der Arbeit entstanden seien.
(Seine Haltung hat eine gewisse Aehnlichkeit mit der des prote-
.. .) Der berühmte Roman „Il Santo“ (Der Heilige) von Antonio Fogazzaro,
einem seiner Vertreter, ist von einem franziskanischen Hauch durchweht.
36
stantischen
„Der radikale deutsche Sozialismus und die christliche Gesell-
- schait“).‘) Nachdem auf diese soziale und religiöse Maienblüte der
Reif der päpstlichen Verurteilung durch die Enzyklika Graves de
communi re 1900 gefallen war, blieb doch die ausgesprochen anti-
kapitalistische Haltung in mancherlei Formen bestehen. Sie wird
vielleicht am besten durch die Worte des gleichen Jesuitenpaters
H. Pesch gekennzeichnet, von dem auch ‚das Stichwort „Soli-
darismus“ stammen soll: |
5» Wir müssen das Volk darüber belehren, dass der individualistische Ka-
pitalismus in schärfstem Gegensatz steht zur christlichen Soziallehre und Mo-
ral, dass eine Verfassung, welche die Volkswirtschaft in die Summe von Einzel-
wirtschaften auflöst, von denen jede ungehemmt und ohne Mass dem eigenen
Gewinn nachgeht, wo die Bedarisdeckung des Volkes nicht Ziel ist, sondern
zum blossen Mittel wird im Dienste privater Gewinnsucht, wo die Persön-
- /lichkeit des Arbeiters der gebührenden Anerkennung und Achtung entbehrt,
seine Stellung im Produktionsprozesse verkannt, der Lohn nur als lästiges
Kostenelement in der privatwirtschaftlichen Berechnung, als Minderung der
Rentabilität empfunden wird; wo der Stärkere den Schwachen rücksichtslos
niederkonkurriert, mit allen Mitteln dem Untergang zuführt, wo die Unwahr-
haftigkeit der Reklame usw. sich herrlich lohnt, wo ein nicht unbeträchtlicher
Teil der Einkommen Beuteeinkommen ist, wo Drohnen ohne volkswirtschaft-
liche Leistung vom Schweisse des Volkes leben und sich mästen, dass eine
Wirtschaftsverfassung, in welcher die Volkswirtschaft ganz von dem privaten
Geldinteresse beherrscht wird, wo man den Profit unter dem Schleier einer
veriälschten Produktionskostenberechnung und mit. den dunklen Mitteln der
Geheimdiplomatie raffinierter Bilanzen zu verdecken versteht, wo der materia-
listische, mammonistische Geist oberster Leiter ist, — dass eine solche kapita-
listische Wirtschaftsverfassung nur im Gegensatz zur christlichen Moral ge-
worden ist und bis heute ihre schmachvolle Existenz gefristet hat. Kapita-
lismus und Christentum stehen einander gegenüber wie
Feuer und Wasser.“2) :
Von hier bis zum Sozialismus war nur ein kleiner Schritt
mehr. Er wurde getan. Vor allem unter dem Eindruck des Zusam-
menbruchs von 1918 und der Revolution. Es erhob sich zunächst
aus den Reihen gerade des lebendigsten Katholizismus ein sozialer
Radikalismus und Enthusiasmus, der wie ein wunderbarer Gottes-
frühling anmutet. In Deutschland erfasste diese Bewegung beson-
ders die Kreise der „Grossdeutschen Jugend“, deren Führer der
auch uns wohl bekannte Nikolaus Ehlen ist, die des „Neuen Volks“
von Vitus Heller und der „Gottesknechte“ von Willy Hammelroth
mit dem „Ruf zur Wende“, und andere mehr, während in Oester-
er,
1
1) Dem Geist dieser Periode gehört auch das Wirken eines Caspar De-
curtins an, das ein ungleich grösseres Format besass, als was wir heute
bei uns in der Schweiz als „Christlich-sozial“ kennen,
2) Der letzte Satz ist wohl eine Anspielung auf Bebels bekanntes ober-
flächliches Wort: „Christentum und Sozialismus stehen einander gegenüber wie
Feuer und Wasser.“ Schon Pfarrer Hohoff hatte darauf erwidert: „Nicht
Christentum und Sozialismus, sondern Kapitalismus und Christentum stehen
einander gegenüber wie Feuer und Wasser.“
31
FON BUNG O3: 7 odt, des Verfassers der Schrift:
DR er an
Wo ‚an Pro
D ik und
der Kirche, wenn auch nicht ganz frei von Ketzergeruch.
sich nicht Sozialisten, aber sie sind Sozialisten in jenem
Sinne des Wortes, „religiöse Sozialisten“. Denn was ihnen
gegangen ist, das ist der göttliche Sinn des Sozialismus un I
sozialen Gärung, die Verheissung Gottes darin und sein Gericht —
_ über Kirche und Christenheit, dazu die Liebe zum Proletariat und
das Verständnis für seine Not und Hoffnung. Aus diesen Kreisen
steigen Worte auf wie diese: ä ee
„Kein Gott hat gesagt, dass nur einige diese Erdengüter haben sollen, dass
der eine den Acker, die Fabrik, das Geld, der andere das Sklavenlos, die Ar-
beit, den Hunger, das Elend haben sollen. Bodenreform! Zerschlagt radikal
den Grossgrundbesitz. Er ist unsittlich geworden. ... Du, Arbeiter, darist
nicht Lohnsklave bleiben, Sklave der Maschine. Durch deiner Hände ‚Arbeit
entstehen diese Werte — du bist vor Gott und der Gerechtigkeit Mitteilhaber
an den Werken. ... Mit der Arbeitslosenversicherung, Invaliden- und Kran-
kenversicherung erlösen wir kein Proletariat! Tiefer, radikaler, christlicher
müssen wir vorgehen!“ ! |
‚Es ist ein wundervoller Geist, eine Erhebung christlichen Helden-
tums. Die katholische „Kölner Volkszeitung“ hat vor einiger Zeit in |
1
‘ einer besondern Beilage, die „Tribüne“ genannt, ähnliche Stimmen,
offenbar besonders aus priesterlichen Kreisen, zu Worte kommen
lassen. Es finden sich darunter solche von einer Tiefe und Schön-
A heit und einer revolutionären Gewalt, wie der gesamte religiöse
3 Sozialismus ihrer nur wenige hat. Dem Herzen eines lebendigen
hate Katholizismus entströmen Gluten, die der durch Theologie und
Bürgerlichkeit abgekühlte Protestantismus nicht kennt. Im übrigen
ist die Aehnlichkeit dieses Geistes mit dem der „religiösssozialen“
Bewegung innerhalb des Protestantismus wohl von selbst aufge-
allen. Es sind Bruderbewegungen; sie stammen aus einem Mut-
terschoss. Auf jener Seite machen, wie soeben angedeutet wor
un. . den ist, auch einige enthusiastische junge Priester mit. Sie leben
Bar auf dem Wege des Franziskus das Leben des Proletariats mit und
x machen das Opfer der Eucharistie zu einer existentiellen Wirklich-
Von einem von ihnen, Ernst Thrasolt, stammt der folgende
ers!
Zn a2 Zt 4
„Tritt ein! — Es seien unsere Gemeinde
Die Armen, die Verächtlichen, die Diebe,
Die Ausgestossenen aller Welt, die Feinde,
Die uns ins Antlitz schlagen und uns hassen:
Um sie, nicht um uns zu suchen, gehen wir auf die Gassen.
1) Es seien noch besonders erwähnt Prof. Steinbüchel mit seiner -
Schrift: „Der sittliche Sinn des Sozialismus“ und Dr. Pieper: „Kapitalismus |
und Sozialismus als seelisches Problem“. Pieper ist der frühere Leiter des
„Katholischen Volksvereins“, j |
38
| heitskämpfer“, in Deutschland das neugegründete „Rote Blatt der
_ katholischen Sozialisten“. Stark im Mittelpunkt der Bewegung steht
Katholik, im Beruf einfacher Hilfsarbeiter, ein Beweis für die gei-
@ wegungen sind aber selbst nur Symptome der grossen sozialisti-
7 schen Gärung im Schosse des Katholizismus.
= Wie begründen diese katholischen Sozialisten — im weiteren und
3 engeren Sinne des Wortes — ihre Haltung gegenüber der bisherigen
Stellungnahme der Kirche? Sie gehen einfach auf der Linie weiter, .
- die jene Worte des Paters Pesch bezeichnen. Für sie ist jene päpst-
liche Enzyklika zwar Wegweisung, aber nicht ohne weiteres letzte
2 Lösung. Sie legen auch Thomas von Aquino anders aus. Privat-
_ eigentum: ja, aber will denn der Sozialismus dieses einfach be
seitigen? Will er überhaupt das Eigentum abschaffen und nicht bloss
_ bestimmte Formen des Eigentums? Und können denn die bis-
- herigen, speziell die kapitalistischen, vor der christlichen Moral be-
stehen? Stellen sie das dar, was Thomas als Privateigentum ver-
teidigt? Hat er dieses nicht mit Schranken umgeben und ist
nicht Leo der Dreizehnte ihm darin gefolgt? Wenn man diese
Einschränkungen: dass das Eigentum nicht dem Egoismus dienen
soll, sondern Gott und dem Nächsten, dass es aus der Arbeit
stammen soll, nicht aus Wucher und Ausbeutung, auf die heutige
Wirtschaftsordnung anwendet, ist sie dann nicht gerichtet? Für
ihre Ansicht, dass das letzte Wort des Katholizismus über Sinn
und Form des Eigentums noch nicht gesprochen sei, dürfen sie
sich auf einen Ausspruch des jetzigen Papstes berufen: „Alles ist
vergänglich, an der katholischen Lehre gemessen, nur ein Öleich-
nis, auch der Eigentumsbegriff.“ Und was sollte im übrigen im
Sozialismus der christlich-katholischen Moral widersprechen? —
Aber die Aufhebung der Ehe und Familie, die freie Liebe
und all das Andere? Als ob dieses mit dem Sozialismus etwas
39
nur liebe are Re
Hr h "RG BAUN® FE Dies RBIE 2:
ieb der letzte Schritt, — was aber nicht qualitativ zu ver
was könnte es noch Grösseres geben, als die soeben
ng laltung? —: das Bekenntnis zum Sozialismus.
und d ritt in die sozialistisca Bewegung und Orga-
nisation. Auch er ist, wie wir wissen, getan worden. Es gibt
nun in Deutschland und in Oesterreich Gruppen „katholischer So-
‚zialisten‘“. Sie gehören den Parteiorganisationen und auch dem
„Bund religiöser Sozialisten“ an. Auch haben sie ihre eigenen Or-
gane, in Oesterreich, den seit einigen Jahren bestehenden „Mensch
. unser Genosse Otto B.aauer, ein durchaus kirchlich gesinnter
stige Kraft, die im Proletariat schlummert. Diese organisierten Be
ie - Hr f £ PO
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zu tun hätte! Als ob das nicht gut bürgerlich und mit
um ”
NEIN
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4
Sozialismus bloss missbräuchlich durch Geister dritten Ranges ge-
legentlich verbunden wäre! Als ob nicht gerade der Kapitalismus
das Familienleben an den Wurzeln zerstörte, dadurch dass er ihm
seine Lebensbedingungen zerstört: die Wohnung, die freie Zeit,
die Existenzsicherheit, die Würde, und als ob nicht der Kapitalis-
mus durch die Entseelung der Arbeit, die Entwürdigung des Men-
schen und Entfreudung des Lebens jenes Genuss- und Betäubungs-
fieber erzeugt hätte, das sich im Wirtshaus und Kino — bei denen
„droben“ aber anderswie — stillt!! — Aber Materialismus
und Gottlosigkeit des Sozialismus? Einmal: der sogenannte
Geschichtsmaterialismus bedeutet nicht einfach Leugnung des Gei-
stes. Die Materie aber, hat sie nicht von Gott aus eine sozusagen
sakramentale Heiligkeit? Sieht nicht der Sozialismus etwas davon?
Sodann: die Religion ist nach den sozialistischen Program-
men „Privatsache“, d. h. Sache der persönlichen Ueber-
. zeugung des Einzelnen. Die religiösen oder antireligiösen An-
sichten von Marx und Engels sind nicht massgebend. Weiter: die
Macht‘: des Bösen ! Hat der Sozialismus sie nicht auf neue
und unerhörte Weise als eine gesellschaftliche aufgedeckt,
wie man sie einst gar nicht sah? Und gehört der Glaube an die
Möglichkeit des Guten, die Hoffnung auf das Reich nicht zum
echtesten Bestand des Evangeliums? Nicht Rousseau, sondern
die Propheten und Apostel stehen in letzter Instanz hinter
dem sozialistischen Glauben. Wo aber bleibt euer Glaube?
Was aber die Religion als „Privatsache“ betrifft, so ist das
eine Formel, die gerade das fromme ‚Empfinden des Ein-
zelnen schützen soll, und die Trennug von Kirche und Staat ist
ein Nebenpunkt, gehört nicht zum Kern des Sozialismus, wobei
übrigens in manchen Ländern die Kirche ob dieser Trennung sogar
aufgelebt ist. Endlich: Woher stammt diese „Gottlosigkeit“? , Ist
sie nicht Schuld der christlichen Gesellschaft? Ist diese selbst nicht
viel gottloser? Ist nicht vor allem der Kapitalismus die Göttlosig-
keit selbst? Und wie ist Gott den Proletariermassen wieder zu
bringen? Nur als Hort sozialer Gerechtigkeit.
Aber ist nicht der Sozialismus ganz auf das Diesseits ge
richtet? — Gewiss, darum ist er auch kein Ersatz für das Chri-
stentum, sondern bloss eine Auswirkung seiner Verheissung
und Forderung in das Diesseits hinein, damit aber, in seinem we-
sentlichen Sinne, zu dieser Weltstunde Gottes Wille, Gottes Gebot.
5. Grundsätzliches und Ausblick.
% Diese Darstellung des „katholischen Sozialismus“, der freilich
eine Ergänzung durch eine Selbstdarstellung folgen wird, ist auch
mit dieser nur eine Skizze, statt eines grossen Gemäldes. Sie will
40
Bi -
BEN
&
,
nur auf eine Bewegung von gewaltiger Tragweite hindeuten, die
selbst noch in den Anfängen ist. Auch soll sie selbst nur ein An-
fang sein. Aber einige Fragen erheben sich doch schon ‚jetzt, die
eine Antwort erheischen. n |
Wie hoch ist die Wichtigkeit dieser Bewegung innerhalb der
römischen Kirche einzuschätzen? Laufen wir nicht Gefahr, sie zu
Br überschätzen? Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer! Und
was wird die Hierarchie dazu sagen? .Kann sie nicht jeden Augen-
blick mit ihrem Veto vernichtend dazwischen treten, wie sie es
der „christlichen Demokratie“ gegenüber getan hat? Wenn dann
die „katholischen Sozialisten“ standhielten, wären sie keine kirch-
lichen Katholiken und wenn sie nicht standhielten, wären sie keine
richtigen Sozialisten mehr.
Ich antworte: Was die Tragweite der Bewegung anbelangt, so
darf man sie, wie in allen ähnlichen Fällen, nicht nach der Quan-
tität, sondern nur nach der Qualität abschätzen. Auf diese
kommt es an. Die Bewegung hat ihre Bedeutung vor allem als
Symptom einer Entwicklung, von der nicht abzusehen ist, wie
der Katholizismus ihr entgehen könnte. Darum ist auch anzunehmen,
dass die Leitung der Kirche sich besinnen wird, bevor sie den auf-
glimmenden Sozialismus in ihrer Mitte zertritt. Sollte sie dies doch
tun — nun, dann würde das den Beginn einer Katastrophe von un-
absehbarer Tragweite bedeuten. Denn die sozialistische Flut auf-
| " zuhalten, vermögen auch die uralten Wälle der Ecclesia Romana
nicht. Sie mag: den ‚Pforten der Hölle‘ widerstehen, aber nicht aus
diesen kommt nach seinem letzten Sinn der Sozialismus. Gott
aber widerstehen kann sie nicht und»wenn sie’s täte, so wäre es ihr
Tod. Entweder — Oder: entweder wendet sie sich mit Wucht und
Leidenschaft gegen die Gottlosigkeit, die der Kapitalismus bedeutet,
und dann kann sie den Sozialismus nicht mehr verdammen, oder sie
zieht es vor, diesen zu verdammen und jenen zu schonen, und dann
besiegelt sie ihren Untergang. Unendlich folgenschwer wird ihre
Entscheidung auf alle Fälle sein.‘) Sie ist schliesslich eine Frage der
Beweglichkeit der Kirche und diese eine Frage ihrer Lebendigkeit.
Viel wird dabei von der Haltung des Sozialismus abhan-
gen. Wenn die Kirche sich vorerst zu seiner stillschweigenden Dul-
dung in ihrer Mitte und später zu seiner „Rezeption‘ entschliessen
soll, dann muss auch er eine Wandlung durchmachen. Er muss —
das ist das punctum saliens — alles fallen lassen, was als wirkliche
„Religionsfeindschaft“, besser: als wirkliche und wesentliche An-
tastung des Gottes- und Christusglaubens empfunden werden kann.
Er muss, als Partei (nur so kann es gemeint sein) in Sachen der
1) Es wäre dem Papste allfällig zu raten, dass er vor der Entscheidung die
Einleitung und. den Schluss der „Wunder des Antichrist“ vonSelma
Lagerlöf läse. '
41
Weltanschauung loyal, ehrlich, ohne Hintergedanken, wenn mög-
lich im Geiste der Ehrfurcht und Ritterlichkeit volle Freiheit der Be
wegung walten lassen. Er muss als Partei die Verbindung mit der
Freidenker-Kirche energisch abschütteln. Er muss, in diesem |
Sinne, Volksbewegung, das heisst allem Volk zugängliche
Bewegung werden. Auch dieser Zusammenhang, ist in jenem Bei
richt von Joos durch Folgendes angedeutet: |
„In den jungsozialistischen Kreisen treten religiös gefärbte Gedanken und
Willensbewegungen auf. Die Sozialisten, die zur positiven Kulturarbeit über-
gehen, werfen die freidenkerische Gesinnung über Bord. In katholischen
Gegenden bemühen sich gemässigte Sozialdemokraten stark darum, mit dem
demokratischen Teil der katholischen Arbeiter in Fühlung zu bleiben. Ein
scharfer Kampf gegen die Sozialisten fände in katho-
lischen Arbeiterkreisen keine Begeisterung mehr... .
In einer ganzen Reihe von Berichten wird auf die Gefahr verwiesen, dass auch
die weltanschaulichen Grenzlinien nach und nach verwischt werden könnten.
Für die Weiterentwicklung hängt alles ab von dem Cha-
rakter, den die sozialdemokratische Bewegung an-
nimmt“)
. Einige Fragen bleiben jedenfalls noch übrig. Können Katholi-
zismus, als römische Kirche verstanden, und Sozialismus wirklich
zusammengehen ? Es ist rein theoretisch schon zu denken, aber wird
es auch praktisch möglich sein? Einmal: beide sind doch auch
Machtorganisationen, sind, sozusagen, Religionen. — Kann die
eine die andere neben sich dulden? Müssen wir nicht noch ein-
mal bedenken, dass vielleicht gerade eine gewisse Verwandtschaft
sie zu Gegnern macht? Es ist merkwürdig: der Protestantismus
mag dem Sozialismus in gewisser Beziehung ferner stehen als der
Katholizismus und doch ist bei uns die Frage: „Kann ein Prote
stant Sozialist sein?“ längst in bejahendem Sinne entschieden. Der
Protestantismus gibt eben. dem Einzelnen viel mehr frei für eine
„Politik aus dem Glauben“,‘) während der Katholizismus ein aus-
gearbeitetes Lebenssystem ist. Ferner: Wie steht es mit der Frage
der Autorität? Der Katholik anerkennt in letzter Instanz doch
den Papst als solche, während der Sozialismus (wenigstens der welt-
liche) ganz auf die menschliche Autonomie abstellt. Muss es da
nicht zu Konflikten kommen? Wird der Kulturkampf (z. B. der um
die Schule) sich stets vermeiden lassen? Und wie soll sich dann
ein katholischer Parteisozialist stellen, wenn die Kirche das Eine
und die Partei das ganz Andere verlangen? Endlich: Der Ka-
tholizismus ist doch auch eine sehr konservative Macht, die
auf Erhaltung abzielt, während der Sozialismus eine revolutio-
näre ist, die auf Umsturz ausgeht — muss es da nicht zu Konflik-
1) Die Sperrungen sind beidemal von mir.
2) Das ist der Titel eines bedeutsamen Buches von E i
einem der Führer des neuen Katholizismus. Ne
42
grosse Ketzerei — wird er diesen Charakter ablegen kön-
oder sollen? Was aber die römische Kirche betrifft, so stossen
damit wieder auf die Frage ihrer Beweglichkeit und Lebendige
Ich stelle diese Fragen wirklich nur als solche, ohne sie zu be-
‚antworten. Es sind einige Probleme dieser Bewegung. Der „katho-
lische Sozialismus“ wird sie lösen müssen. Dass er mir von Herzen
‚sympathisch ist, hat wohl die ganze Darstellung gezeigt. Nur das
‚will ich andeuten, dass mir auch diese Teilbewegung des „religiösen ‘
- Sozialismus“ nur ein Hinweis auf etwasnoch Grösseresist,
dessen wir harren müssen und das ganze gewaltige und tragische 1
Problem des Verhältnisses von Katholizismus und Sozialismus nur .
ein Teil des grösseren: wie die Sache Gottes und die Sache des
Menschen neu zusammenkommen können im Reiche Christi, nur
_ ein Ausdruck der Gottesfrage, die immer mächtiger an unsere Ge
sellschaft herandringt. Aa
16. Januar.
TIER
ad
L. Ragaz.
Y (Zweiter Teil folgt.)
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ER Be Zur Chronik... .*.., Re
F 1. Weltpolitisches. 5
- Ein Weihnachtsengel flog durch die dunkle Welt: Bolivien und
Paraguay haben das Schwert in die Scheide gesteckt. Dass das auch ein
Erfolg des Völkerbundes war, sollte kein anständiger Mensch leugnen. Ohne
die neue Atmosphäre der Welt, aus welcher der Völkerbund entstanden ist,
und die er doch auch hat schaffen helfen, wäre dieses Feuerlein wohl zu
- einem grossen Brand geworden, und wer weiss, wie weit er um sich gegrifien
hätte. Es heisst, den Hass gegen eine Sache doch ins Absurde treiben
"und in eine Polemik der Lüge und Lächerlichkeit verfallen, wenn man dem
Völkerbund, den man unaufhörlich bekämpft und damit schwächt, einen Vor-
wurf daraus macht, dass er nicht sofort ein Heer ins Chaco schickte oder schicken
"konnte, um die Streitenden zur Raison zu.bringen. Kennt die Dummheit und
Gemeinheit der Oppostion gegen den Völkerbund denn keine Grenzen? Dass
_ u.a.äuch der Papst und die panamerikanische Organisation eingrilfen, vermin-
- dert den Wert der Aktion des Völkerbundes nicht. Denn auch diese waren ge-
mE
PRERREERRRRRRERN:
ANTITRRIERREREEN
SHUTNS
u
da ale
43
wiss durch sie beeinflusst. Diese Friedestiftung in Südamerika bleibt einer der
grossen Aktivposten in der Bilanz des Jahres 198. BR -
Lugano kann man dazu wohl kaum rechnen. Es schloss bekanntlich mit _
dem Faustschlag Stresemanns auf den Spieltisch des Kursaals ab. Ein solcher
Faustschlag kann unter Umständen etwas Beireiendes haben, doch diesmal
schwerlich. Immerhin wurde durch diesen Faustschlag das Problem der
Minderheiten neu markiert, das freilich das punctum saliens des euro-
päischen Friedensproblems ist. Die Probleme der Reparation und der Räumung
der Rheinlande hängen, wie hier wiederholt gezeigt worden, damit eng zusam-
men. Wenn sich „Sicherung“ im Osten schaffen liesse, dann wäre Frankreich
wohl zu weitergehendem Entgegenkommen gegen Deutschland bereit. Das ist
also die grosse Frage. Im Osten müsste man natürlich Deutschland auch ent-
gegenkommen. Ob man das will? Und ob es leicht wäre? Wie wir neuer-
dings aus sehr guter privater Quelle erfahren, ist man dort nicht bereit, von den
durch den Friedensvertrag erworbenen Gebieten und Rechten auch nur das
Geringste wieder aufzugeben, im Gegenteil geneigt, davon noch mehr zu for-
dern. Ganz schlimm scheint es besonders auch in der polnischen Ukraine
zu stehen. Diese sei gesonnen, sich um jeden Preis von Polen loszulösen, sobald
eine günstige Gelegenheit komme. Ueberhaupt trachte die Gesamt-Ukraine,
ein Land mit einer Bevölkerung von dreissig Millionen, nach Zusammen-
schluss und Selbständigkeit. Ebenso bleibt Mazedonien eine ofiene Wunde.
Es ist in der Ferne und offenbar auch in der Nähe schwer zu sagen, wie
hier Hilfe werden soll. Man möchte wohl an irgend eine Art von Föderation
denken, die in losen Formen verbände, was nicht zusanimengehören will und
doch zusammenleben muss. Ohne eine gewisse Entwertung der politischen
Grenzen und Entspannung des krankhaften Nationalgefühls wird es auf keinen
Fall gehen. Man erkennt in diesen Zuständen den Fluch jahrhundertelanger
Unterdrückung des selbständigen nationalen, religiösen und kulturellen Lebens
dieser Völker, das sich nun in überreizter Selbstbehauptung rächt. Hier wird
besonders die katholische Kirche ein grosses Friedenswerk tun können, das
einzelne ihrer Vertreter schon kräftig angefasst haben.
Ein besonderer Faktor der Lage ist natürlich auch hier Soviet-Russ-
land. Neuerdings mehren sich die Gerüchte, dass eine Aktion von Polen und
Rumänien, unterstützt von den Westmächten, gegen Russland geplant sei. Wahr-
scheinlich handelt es sich mehr um gegenseitige Angst, die aber, wie immer
in solchen Lagen, gefährlich ist. Jedenfalls aber gewinnt in diesem ganzen Zu-
sammenhang die Aktion Russlands, welche Polen und Rumänien, wie auch den
baltischen Staaten, eine besondere Bindung auf Grund des Kellogg-Paktes zum
Teil vorschlägt und zum Teil vorschlagen will, eine grosse Bedeutung. Möchte
etwas Rechtes daraus werden! Der Kellogg-Pakt kann doch seinen Wert be-
kommen, wenn die Völker nur wollen.
Erfreulich ist in diesem Zusammenhang auch die Kunde — die hoffentlich
der Wahrheit entspricht — dass in Rumänien das neue Regime die Rechte
der Minderheiten zu achten gesonnen sei. Hoffentlich werden auch die politi-
schen Gefangenen, allen voran der schwer misshandelte Sozialist Bujor, ihre
Kerkertore sich öfinen sehen! — Am andern Ende Europas, im Elsass, hat
der Schuss auf Fachot, den Staatsanwalt des Kolmarer Prozesses, auch wieder
gezeigt, wie dringend notwendig es auf diesem schicksalsvollen. Boden wäre,
dass etwas von der Ordnung eines neuen Europa verwirklicht würde,
Die endgiltige Regelung der Reparationen und die Räumu ng
derRheinlande stehen nun: also im Vordergrund: der weltpolitischen Pro-
bleme: Damit werden tieiere Fragen aufgerollt: Ist es recht, dass: Deutschland
Reparationen zahlen muss? Recht ist, grundsätzlich gesprochen, dass: über-
haupt für einen Krieg „repariert“ werden muss, Dass diese Notwendigkeit: der
2
auch ıh eits
‚nicht noch viel um-
as, was Deu chl: dund Wirtschaftsmacht
an) x u ner =; 7 - r
auch dabei berechnen m Im Hintergrund erhebt sich
der Schuld am Kriege. Dieses kann nicht begraben wer--
sung im offenen Lichte finden, nicht eine der Selbstgerech-
, sondern eine des Selbstgerichtes und der Busse. Es bleibt
cht, dass er dies für sein Volk hartnäckig geltend macht.
Chronik behaupteten Ungunst der Zeiten für die Demokratie. Diese Ungunst
ist grossenteils eine Frucht des Krieges. Was würde uns erst ein neuer brin-
_ gen? Bedenken wir auch, was seit langem der Balkan als politischer Wetter-
zeiger bedeutet! N
Schauen wir noch einen Augenblick über Europa hinaus, so beobachten
wir die grosse Unruhe des Islam, die auch in die Vorgänge in Atfgha-
nistan hineinspielt — neben dem Gegensatz von Russland und England, der
_ fast überall auch mitwirkt. China hat einen neuen Schritt zu seiner Einigung
vollzogen, indem die südlichen Nationalisten sich mit den nördlichen Konser-
vativen „endgültig“ versöhnten. Allerdings heisst es auch: „Tsching Kai Schek
sprach die Hoffnung aus, dass China noch vor Ablauf von 15 Jahren eine
Armee, eine Marine und eine Luitflotte ersten Ranges besitzen
werde.“ Das wäre Nemesis für Europa und Fluch für China selbst. In In -
‚dien ist bemerkenswert das Wiedererscheinen Gandhis auf der politischen
Bühne! Der indische Nationalkongress habe eine Verständigung zwischen Hin-
_ dus und Moslems gezeitigt. An England ist ein Ultimatum gerichtet worden:
wenn es nicht bis zum Ende des Jahres 1929 Indien die Stellung eines Domi-
nions, das heisst die volle Autonomie, einräume, dann werde Indien sich unab-
hängig erklären. Gandhi erklärt, er werde, wenn England jenen Schritt nicht
_ tue, am 31. Dezember 1929 die indische Unabhängigkeit proklamieren. Und
was dann? Und was nun? Man darf auf Gandhis weiteres Tun gespannt sein.
Von ihm ein andermal mehr.t) ;
Die Perspektive auf die Befreiung Asiens und Afrikas von Europa bleibt fort-
während eine überragende Aufgabe. Vielleicht ist es darum doch verheissungs-
voll, dass Amerika unaufhaltsam seine Verbindung mit Europa verwirk-
lichen muss. Die Sache mit Bolivien und Paraguay, in der Europa, Südame-
rika und Nordamerika zusammenwirkten, war darum wohl auch unter diesem
Gesichtspunkt gut. Dass die Vereinigten Staaten je länger je mehr die Not-
wendigkeit dieser Verbindung einsehen, zeigt auch das heisse Ringen um die
-Ratifikation des Kellogg-Paktes, das gegenwärtig dort vor sich geht.2) Es ist
doch vielen Amerikanern mit diesem Kellogg-Pakt bitter ernst; er ist auch in
dieser Hinsicht nicht umsonst da. Das Militär ist aus Nicaragua doch auch
zurückgezogen worden. Dazu haben zwanzig südamerikanische Republiken
bei Anlass der neuesten panamerikanischen Konferenz einen Schiedsgerichts-
1) Er ist übrigens auch an einer Weltkonferenz christlicher junger Män-
ner zu Mysore in Südindien aufgetreten.
2) Und nun zu seiner Ratifikation geführt hat.
45
ER r- ”
B .*» ne Lem ® Ku pl,
, A rtrag unterzeichnet, der grundsätzlich jeden Krieg ausschliesst. So wird doch
Bi - Be. wieder und immer Ach über dieser Neuen Welt die weisse Fahne des
AR "Friedens sichtbar.
Ri N 2. Gegen und für den Frieden. i |
4
BR. Unmittelbar nach Weihnachten pflegen unsere Zeitungen in breiter Auf-
No ‚machung die militärischen Kurse des folgenden Jahres anzuzeigen. Sie haben
SR Be! es auch diesmal getan — auch eine Bestätigung dessen, was über die Weih-
An nachtslüge im Dezemberheft gesagt worden ist. Es ist kaum ein Gegengewicht
dazu, wenn der schweizerische Bundesrat seinen Willen, den Beitritt zum
ER, Kellogg-Pakt zu empfehlen, kundtut. Denn dass er daraus keine Folgerungen
= h ziehen wird, ist das Sicherste des Sicheren. Klassisch ist der Satz in seiner
Aa Botschaft: „Es wird dadurch ja kein positives Tun von uns geiordert.“ Da |
haben wir den ganzen heutigen Schweizer: wenn er nur nichts „tun“ muss,
es sei denn Geldverdienen, Spielbanken beschliessen, Wahlen machen, Sport
treiben, ästhetisieren, psychologisieren und, um seine Tatlosigkeit zu recht-
fertigen, tiefsinnig tun. kl FE
Ein Anwachsen der Oppostion gegen unseren schweizerischen Militaris-
mus (den kein wütendes Leugnen aus der Welt schafft) ist trotzdem deutlich, |
auch in bürgerlichen Kreisen. (Darf man sagen: auch?) Und das gilt wohl von
aller Welt. Die amerikanischen Kirchen haben 180,000 Unterschriften J
zugunsten der Bestätigung des Kellogg-Paktes an den Kongress geschickt. |
Pe Eine Anzahl dänischer Pfarrer, denen sich zwei ehemalige Kriegsmini- |
ster (!) anschliessen, fordern ihr Volk zu völliger Abrüstung auf.!) Einen denk-
würdigen Fall von Bekehrung vom geistlichen Militarismus zum Pazifismus |
stellt der Mecklenburger Domprediger und lutherische Landesbischof Tol-
zien dar. Dieser hochgebildete Mann war während des Krieges einer der
wütendsten „Kriegstheologen“, so eine Art deutscher Pfarrer Bolliger. Aber
nun hat er eine völlige Wendung gemacht, und zwar offenbar ganz von innen
her. Er bekennt sich heute rückhaltlos zum Pazifismus. Offen bricht er mit
seiner bellizistischen Vergangenheit und erklärt: „Die christliche Kirche wird
pazifistisch sein oder untergehen.“ Eine solche Tat hat um so mehr zu bedeu- °
ten, als man weiss, wie schwer es gerade einem Theologen fällt, statt andere
BE N
1) „Wir, die unterzeichneten Pfarrer der Dänischen Evangelisch-lutherischen
Landeskirche, halten es für unsere Pflicht, gegenüber dem Volk, zu dem wir
TR und der Kirche, der wir dienen, als unsere Ueberzeugung zu er-
ären:
dass jeder Krieg — auch der sogenannte Verteidigungskrieg — im abso-
Iuten Widerspruch mit den Grundprinzipien des Christentums steht, wie diese
im Evangelium Jesu Christi geofienbart sind. Dass sicherste Mittel, zu ver-
hindern, dass internationale Streitigkeiten durch Krieg entschieden werden,
besteht darin, dass wir von dem oben genannten grundlegenden Gesichts-
punkt aus für die Abrüstung arbeiten und dadurch Verständigung und Frieden
unter den Nationen schaffen.
Wir würden es als eine Ehre für unser Volk erachten, ialls es als das
erste die Abrüstung durchführte. d
Wir richten hiermit die Aufforderung an alle unsere Mitdiener der Lan-
deskirche, sich dieser Forderung anzuschliessen.“
Dazu bemerkt einer der Initianten: „Von ungefähr 1600 Pastoren unter- -
schreiben 135, leider keiner der Bischöfe, wohl aber zwei frühere Minister:
Piarrer P. Dahl, Minister für die Landeskirche in der sozialistischen Regierung
und Pfarrer El. Povlsen, auch Minister für die Landeskirche in der radikalen
Regierung Zahle.
Die konservative Presse hat natürlich ei
eröffnet“ ne heitige Kampagne gegen uns
46
dervolle Gelegenheit, seinen Einfluss zu mehren. ö | Be.
Der anschwellenden Flut der Friedensbewegung stehen freilich iehreree
schwerwiegende Tatsachen gegenüber: Einmal die wachsenden Rüstungen fast Ki
- aller. Völker zu Lande, auf und unter dem Wasser, in der Luft und anderswo, 5
vor allem auch die Militarisierung der erwachten und erwachenden östlichen
und südlichen Völker; sodann ein der Friedensbewegung parallel gehendes
ermattetes Zurücksinken Vieler, besonders derjenigen Jugend, die den Krieg
‚ nicht so recht miterlebt hat, in die alten Denkweisen, endlich die Militarisie-
rung der Sozialdemokratie, von der später die Rede sein soll, und die ihrer-
_ seits wieder besonders durch das Vordringen des Faschismus bedingt ist.
Dieser Reaktion der vis inertiae gegenüber ist es gut und notwendig, wenn
- der Internationale Kongress gegen den Giitgaskrieg zu
- Frankfurt, den die Frauenliga für Frieden und Freiheit einberufen hat, wie-
der einmal mit voller Deutlichkeit zeigt, was der Welt bevorstünde, wenn sie
- nicht rasch imstande ist, das Höllenlfeuer des Krieges auszulöschen. Davon ist
besonders berichtet worden.
F Die ganze Unheimlichkeit der Dinge, um die es sich hierbei handelt, illu-
striert folgende Tatsache: Die Kölner Bevölkerung ist schon lange über Vor-
räte von Blaukreuz-Gas beunruhigt, die sich auf der Wahner Heide in der
Nähe der Stadt, in grossen Flaschen aufbewahrt, befinden sollten. Man dachte
daran, diese Flaschen ins Meer zu versenken (so wie man es in Amerika nach
dem Kriege gemacht hatte), befürchtete davon aber einen ungeheuren Fisch-
tod. So entschloss man sich denn, die Flaschen in einen riesigen Betonsarg
zu betten und zu vergraben. „Besser das Gas als die Menschen,“ bemerkt dazu
die „Menschheit“. x
Die ",Sonntagszeitung“ glaubt übrigens nicht an „Kriegsreste“ und er-
wartet eine „iröhliche Urständ“ dieser Gase!1)
1) Dass die deutliche Feststellung der vom Giitgaskrieg her der Welt
drohende Gefahr unsere Gegner alarmieren werde, war zu erwarten. Ihre Front
reicht von den Kommunisten über gewisse Sozialdemokraten bis zur äussersten
Rechten. Die „Basler Nachrichten“ leisten sich folgende Unterschie-
bungen:
T Der Kongress habe den Sinn des Referates von Dr.Steck, dem Chef
des schweizerischen Gasschutzes, sozusagen geiälscht, indem er in seiner
Schlussresolution die Unmöglichkeit eines Schutzes der Zivilbevölkerung gegen
den Giftgasangriff behauptete; 5
2. Der Kongress sei eine blosse Aktion zugunsten der Pläne Moskaus;
3. Der Kongress sei eine Sabotage der Aktion des Völkerbundes, die aut
ein Verbot des Giftgaskrieges abziele, während der Kongress der (nach
Dr. Oeri offenbar geheuchelten) Utopie einer Aufhebung des Krieges nachjage.
Eine böswilligere Entstellung eines offenkundigen Sachverhaltes ist nicht
denkbar.
Zum Ersten: Abgesehen davon, dass die Vorschläge Dr. Stecks für den
Schutz der Zivilbevölkerung allen Kongressteilnehmern mit voller Deutlichkeit
die Unmöglichkeit eines solchen Schutzes bewiesen, verschweigt Dr.O., dass
vor und nach Dr. Steck noch eine ganze Reihe von Rednern mit ebenso grosser
und zum Teil sehr viel grösserer Kompetenz gesprochen haben, die alle den
Schutz vor dem Giltgas für unmöglich erklärten. Unter diesen Rednern beiand
sich neben dem berühmten Toxikologen Prof. Lewin auch unser Freund- Stu-
47
n
Auch die Dienstverweigerung er reift immer mehr die Gemüte
Ye
und führt beständig zur Tat. In der Schweiz n wir die letzten Monate wie-
der eine kriegsgerichtliche Verhandlung nach der andern erlebt, die damit zu
tun hatte. Am meisten Aufsehen erregt hat eine in Basel stattgefundene, in
deren Mittelpunkt unser Freund Dr. Georg Mattmüller stand. Ihn hat,
neben dem Christen und Abstinenten, vor allem der Arzt zum Dienstverweige-
rer gemacht. In seinem Falle wurde nun einmal eine militärgerichtliche Ver-
handlung zu einer edlen und geradezu erfreuenden Sache. Nicht nur war dem
Angeklagten Gelegenheit zu einer ausführlichen, schriftlichen und mündlichen,
Darlegung der Bew ünde seines Tuns gegeben worden, sondern es schlug
Be de nechler dd h. Vorsitzende des Militärgerichtes) Dr. Bäsch-
lin einen Ton an, der ein wenig an den bekannten Prozess Gandhis erinnerte,
und der Auditor (d.h.amtliche Ankläger) Dr.Henrici war es selbst, der die
Absprechung der bürgerlichen Ehrenrechte als widerrechtlich und schmählich
brandmarkte. So fiel denn auch das Urteil verhältnismässig mild aus: drei
Wochen Gefängnis, dazu die Ausstossung aus dem Heer (die aber eine Gunst
dienrat Waldus Nestler, der den ganzen Weltkrieg mitgemacht hat, zum
Teil gerade als Gasschutzoffizier in einer wichtigen Stellung. Auf Grund der
Aussagen.dieser Männer, wie des Eindrucks, den die Darstellung von
Steck gemacht, ist die Resolution entstanden. Die Fälschung des Tatbestandes
liegt also nicht auf Seiten des Kongresses!
Zum Zweiten: Wenn Dr.O. tut, als ob der Frankfurter Kongress ein Unter-
nehmen im Dienste Moskaus gewesen und die Veranstalterinnen sozusagen des-
sen Agentinnen seien, so ist das Demagogie von der niedersten Sorte. Dr. O.
weiss ganz sicher, in welch schariem Gegensatz zum Bolschewismus gerade
die, auf welche seine Behauptung zielt, stehen. Wenn er aber so wenig von so
bekannten Dingen wüsste, dass er seine Behauptung selbst glaubte, so wäre
seine Journalistik leichtfertig. Er muss ferner wissen, dass die radikalen Pazi-
fisten der ganzen Welt für den russischen Abrüstungsvorschlag, der ja einfach
ihren eigenen Zielen entspricht, eingetreten sind, ohne dass es ihnen im übrigen
eingefallen wäre, dem bolschewistischen System zuzustimmen. Sie fürchten
halt, zum Unterschied von Dr.O., den Weltkrieg noch mehr als den Bolsche-
wismus.
Drittens: Ebenso haltlos ist Dr. O.s Behauptung, der Frankfurter Kon-
gress sei eine Art Sabotage der Aktion des Völkerbundes. Armselig ist, wie
er der Versuchung nicht widerstehen kann, trotzdem in diesem Falle gar kein
Anhalt dafür vorlag, doch den üblichen Spruch über „Frauenlogik“ zu tun,
weil diese Frauen nämlich so „unlogisch“ seien, statt das Leichtere: das Ver-
bot des Giftgaskrieges, das Schwerere zu fordern: die Beseitigung des Krieges
selbst. Ja, das muss freilich eine seltsame Logik sein, die verlangt, man solle
die Wurzel einer Giftpflanze beseitigen, statt bloss ein paar Blätter abzuschnei-
den! Auch Feldmarschall Foch hat sich wohl der „Frauenlogik“ schuld ge-
macht, als er auf die Frage, warum man denn nicht den Giftgaskrieg verbiete,
antwortete: „Man könnte ebenso gut den Krieg selbst verbieten.“ Zum Ver-
bieten ist der Giftgaskrieg schon das Leichtere, wenn es aber:sans Halten
geht, dann ist das eine kindische Utopie! Dr.O. ist-gescheit genug, um zu
wissen, wie wenig ein neuer Weltkrieg sich um solche Vorschriften, bestimmte
Waifien nicht zu brauchen, bekümmern würde, wie er auch weiss, wie wenig
sich der letzte darum bekümmert hat. Vielleicht waltet bei ihm in dieser Sache
eine besondere „Logik“, keine „Frauenlogik“, aber die Logik derer, die sofort
nur noch rot sehen, wenn etwas, das nach Antimilitarismus aussieht, vor ihnen
auftaucht.
Diese ganze Polemik gegen ein Unternehmen, dessen Bedeutsamkeit für
den Kampi gegen den Krieg jedem ehrlichen Menschen einleuchten muss. ist
eben durch und durch ebenso unwahr, wie sie nicht fair ist. '
48
bei dieser Gerichtsverhandlung das Auf
ti in La Chaux-de-Fonds, zum viertenmal vor dem Gericht stehend, fünt
te Gefängnis und fünf Jahre Verlust des Aktivbürgerrechtes erhielt, aller-
dings nun endlich auch aus der Armee ausgeschlossen wurde, so hat dabei
neben der reaktionären Dickköpiigkeit der heutigen welschen Schweiz wohl
‚auch politische Feindschaft mitgewirkt. Fügen wir hinzu, dass unser Freund
Hans Anderiuhren in Zürich wegen Verweigerung der Militärsteuer
fünf Tage Gefängnis erhielt. Wir danken allen diesen Bekennern für ihre Tap-
ferkeit und Treue und wünschen, dass ihr Tun nicht nur der Sache, sondern
auch ihnen selbst zum Segen gereiche.
Jerbrechen macht, es nicht zur Pflicht machen, sich der Vorbereitung
_ eines Verbrechens zu entziehen? Wird man vielmehr nach wie vor Leute, die
dies tun, als Verbrecher behandeln?
Also Bewegung gegen den Krieg, Reaktion, wieder Bewegung. Ich erwarte,
E 3. Soziales und Formalpolitisches.
S Es sei an die vorhergehende Rubrik gerade die schon angekündigte Be-
- merkung über die Militarisierung der Sozialdemokratie an-
geschlossen. Diese kündigt sich auf allerlei Weise an. Vor allem in dem
- neuen Wehrprogramm der deutschen Sozialdemokratie. Gewiss vertritt es vor-
läufig noch nicht den wirklichen Militarismus. Es bekennt sich zur völligen
Abrüstung als dem Endziel und stellt allerlei Forderungen auf, welche den
Zweck haben, der Reichswehr die schlimmsten Zähne auszubrechen (natürlich
ganz illusorische Forderungen), aber es bedeutet doch eine Aufrüstung, bedeu-
_ tet eine Ablenkung von der Bahn eines sozialistischen Antimilitarismus zu
F einem neuen, wenn auch vorläufig nur keimhaft vorhandenen, sozialistischen
_ Militarismus. Denn wenn irgendwo, so gilt hier das Wort: „Wer dem Teufel
den kleinen Finger gibt. ..“ Die Motivierung mit der Gefahr, dass Deutsch-
land eines Tages Aufmarschgebiet für den Völkerbund gegen Russland werden
- könnte, ist typisch: denn immer und immer gibt es einen solchen Anlass. Einst
war es die „französische Revanche“, dann „der Zarismus“, nun ist es „die
europäische Kontrarevolution“ — und morgen? Auf diesem Wege gelangt man
bloss wieder in den Abgrund. — Die gleiche Tendenz zeigt sich auch ander-
_ wärts. Auch in der Schweiz. Natürlich — denn im Nachmachen ist ja der
- Schweizer immer gross. Unsere „Radikalen“ berufen sich dabei auf Musso-
- lini und sehen nicht, dass sie auch hierin mit dem bürgerlichen Spiesser
_ aufeiner Bank sitzen. Von Frankreich weiss man, wie es steht, ebenso von
Belgien. Natürlich wäre nichts verkehrter, als etwa von den Kommuni:*
_ sten etwas Besseres zu erwarten. Diese sind bloss konsequenter, was freilich
- den Humbug einer kommunistischen „Arbeiterschutzwehr“ in der Schweiz
nicht geringer macht.
b Das Ganze ist eine Etappe mehr in der „Verbürgerlichung“ des Sozialis-
mus, die nur durch den Vorstoss eines neuen, d. h. erneuerten Sozialismus,
überwunden werden kann. Wahleriolge, wie neuerdings wieder einer in der
Tschechoslovakei, werden daran nichts ändern!
f 49
’ dämmern der
uss man annehmen, dass man es weniger gespürt hätte,
um einen hochgeachteten Arzt gehandelt hätte, der seine
ingsvoll vertreten konnte, sondern um einen einfachen und geistig
ren Bauernsohn oder Arbeiter. Wenn unser Freund Eduard
Eine Frage: Wird der Beitritt zum Kellogg-Pakt, der doch den Krieg zum
Der Faschismus breitet sich freilich aus, wie die schon erwähnten
Vorgänge in Südslavien zeigen. Natürlich wird er nicht durch „sozialistischen
Wehrwillen“ wirksam bekämpft. Welche Fäulnis er erzeugt, zeigen die neuer-
lichen Vorgänge in Mailand: wütende Selbstzerileischung. Bereicherung der
Führer an den öffentlichen Mitteln, Gewalttat und Korruption jeder Art. Es
scheint sich nun auch herausgestellt zu haben, dass das Attentat auf den König,
das zwanzig Todesopfer und eine entsprechende Zahl von Verletzten gekostet,
wirklich von den Faschisten selbst veranstaltet war, wohl, um den Duce zum
Re oder gar Imperatore zu machen! Ein solches System stürzt sich selbst; es
braucht nur ein bisschen viel Geduld beim Warten darauf.
Das Problem der Stellung der katholischen Kirche zur
Arbeiterbewegung ist in einer Krise des Zentrums zum Ausdruck ge-
kommen. Der, übrigens nichts weniger als revolutionäre, Abgeordnete Steger-
wald, der Vertrauensmann des Arbeiterflügels, ist als Vorsitzender der Partei
abgelehnt und dafür ein Prälat gewählt worden. Sollte das etwa symptomatisch
sein? Stegerwald iordert dafür seinerseits einen Arbeiterrat als Ergänzung der
politischen Organisation der Partei. Daneben beschäftigt die Frage des „ka-
tholischen Sozialismus“ fortwährend den Episkopat und die führen-
den Köpfe der römischen Kirche. Die Haltung ist schwankend; man wird
wohl zusehen wollen. Im Rheinland ist inzwischen ein Organ des „katholi-
schen Sozialismus“: „Das rote Blatt der katholischen Sozialisten“, unter der
Redaktion von Heinrich Mertens, gegründet worden. Gewiss ein rechtes Zei-
chen der Zeit!
Wir hoffnungslos es aber noch bei den gewerkschaftlich organisierten
Arbeitern der Vereinigten Staaten aussieht, beweisen zwei neuerliche Beschlüsse
des Amerikanischen Gewerkschaftsbundes (American Federation of Labour). Er
verurteilte das Labour College (Arbeiterhochschule) von Brookwood. Warum?
Weil man daselbst gewagt hatte, sogar über die Politik des Gewerkschaftsbun-
des. Diskussion zuzulassen. Also eine „Parteidisziplin“, wie gewisse Schweizer
Genossen sie fordern, nämlich für andere! Ferner: Es war eine Adresse an
Prof. John Dewey, den weltberühmten Pädagogen und Philosophen des Prag-
matismus, vorgeschlagen. Das wurde abgelehnt. Warum? eil Dewey in
Russland gewesen sei; 2. weil er über Russland geschrieben habe; 3. weil er
gefunden habe, dass nicht alles in Russland schlimm sei. So nach „The World
To Morrow“. Das dürite fast für die „Basler Nachrichten“ genügen.
In der Schweiz beteiligen sich die sozialdemokratischen Frauen lebhaft an
der PetitionfürdasFrauenstimmrecht, die der Bundesversamm-
lung eingereicht werden soll, während die katholischen Frauen, reaktionär wie
der ganze offizielle schweizerische Katholizismus (wenn es nicht gerade um
Spielbanken geht!), ablehnen. Bei einer Abstimmung, die der bürgerliche „Bund“
veranstaltet, erklärten sich rund viertausend Frauen gegen, aber siebentausend
für das Stimmrecht. Auch wenn man dieses nicht überschätzt, muss man schon °
darum dafür sein (abgesehen von anderen Gründen), weil es eine Demon-
stration ist und weil — Schulthess dagegen ist. Man versteht hoffentlich,
was ich meine!
Die ganze Verkommenheit unserer Zustände beleuchten die Finanz-
skandale, besonders die mit der „Gazette du Franc“ verbundenen, aber auch
viele andere, dazu die Verbrecherschlacht in Berlin, von der aller-
fei berichtet wird, und der eine in Köln vorausgegangen ist. Den Geist un-
seres Wirtschaftssystems beleuchtet auch folgende, einer grossen Tageszeitung
entnommene Notiz, die den Kenner der Geschichte des Kapitalismus übrigens
sehr vertraut anmutet: „Um eine Wirtschaftskatastrophe in Kanada und in den
Vereinigten Staaten zu verhindern, erwägt man ernstlich den Gedanken, sich
eines Teils der Riesenvorräte [von Getreide] künstlich zu entledigen; mit an- |
deren Worten: man würde es in den Chicagoer und Winnipeger Börsenkreisen
mit Freuden begrüssen, wenn eine grössere Weizenmenge, wie es be-
50
"die Bogen. eine so) jesells Ing :
ngs unsere Freunde, die | Pfarre Eckert in ne
) Und wie weit mus ekomn
hrung einer „Frau nalrat“, es unternehmen, für
in Graubünden au eihnachten Kleider und Lebens-
geoisie einen wahren Goldstrom in ihre Kassen fliessen sieht, und es uns
tteln zu einer wirklichen und ehrenvollen Hilfe Sealschalig: nicht fehlte.
An ee Tr N: Kirchliches.
ehem Aussicht zu bestehen, dass der Kirchenstaat, ‚freilich in
beschränktem Masse, wieder hergestellt wird, indem der italienische
Staat dem Papst ein Stück an den Vatikan grenzendes. Land abtritt. — In Preus-
sen erstrebt die katholische Kirche ein ihr günstiges Konkordat und hat
h ; ebenfalls Aussicht, es durchzusetzen. Das Gleiche scheint in Baden der Fall zu
E- ‚sein. — ‚In Salzburg soll eine katholische Universität gegründet
werden. — In Frankreich hat die Regierung Poincares sich genötigt ge-
2 sehen, zugunsten der katholischen Missionen einen Teil der laizistischen, d.h.
antiklerikalen Kampigesetze zu mildern — ein grosser Eriolg für die Kirche.
> — Diese gibt sich auch gewaltige Mühe, den verlorenen christlichen Orient
- zurückzuerobern. Diesem Zwecke dient eine neuerliche Enzyklika: Rerum
Pr.
.
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Orientalium und dazu dauernd das „Orientalische Institut“ in Rom. — Bei An-
lass des fünfzigjährigen Priesterjubiläums des jetzigen Papstes soll ein „Hei-
liges Jahr“ gefeiert werden, mit viel Ablass für die, welche für die Kirche und
den Frieden 70) beten.
— Der deutsche Staat wendet für die Kirchen jährlich 150 Millionen
" Mark, für Preussen allein 71 (künftig x Millionen auf. Kann sich eine solche
Kirche je gegen den Staat wenden?
5. Kulturelles und Unkulturelles.
In die ganze Unruhe des Islam hinein gehört die Einführung der
lateinischen Schriftinder Türkei, die sich zur Abschaffung des
Fez und des Schleiers gesellt. So etwas ist als Zeichen der Zeit wichtiger, als
manches hochpolitische Ereignis. (Nebenbei: Die meisten Koran-Ausgaben
werden scheint’s in Deufschland gedruckt.) Natürlich regt sich auch der
Widerstand gegen diese Europäisierung, die vielleicht schlimmer ist, als die
politische — im grossen gesehen, nicht gerade in allen Einzelheiten, — daneben
aber auch einiges Gute hat.
Die Regierung der chinesischen Provinz Honau bedroht jede Anpilan-
_ zung von Mohn (aus dem bekanntlich Opium bereitet wird) mit Todesstrafe.
— Neuseeland hat ein vollständiges Alkoholverbot mit ganz geringer
Mehrheit abgelehnt. — Bulgarien hat die Glücksspiele verboten — es ist
halt ein Balkanland, steht nicht auf der Höhe schweizerischer Hotel-Kultur! —
Dafür hat unsere Bundesversammlun g die Initiative, welche den Ge-
1) Wenn solche Männer in der Hitze des Kampfes etwa einmal allzu starke
Worte brauchen, sollte man, nach all den von der Kirche nicht gesprochenen
Wahrheitsworten, sich nicht so sehr darüber aufregen.
51
mmen sein, wenn Schwei-
a ,(was ı 2
st von. dem alten Bündner Bauernstolz übrig. ist), hr unsere
meinden das Recht des Schnapsverbotes gewähren will, abgelehnt — selbstver-
ständlich im Interesse des „wahren“ Kampfes gegen den Alkohol. — Der State
Attorney Tuttle in-New York, ein hochgestellter Beamter für die Ueber-
wachung des Handels (d. h. Schmuggels) mit Betäubungsmitteln tr
ium, Kokain, Heroin usw.) hat letzthin erklärt, die Zentren dieses andels
seien aller Wahrscheinlichkeit nach Frankreich und die Schweiz. Also eine
neue Ehre der Schweiz. Entrüstete Proteste, die aus lauter Phrasen bestehen,
können diese Vermutung natürlich nicht entkräften. Man erinnere sich unseres
sehr wenig ehrenvollen Verhaltens in Sachen der Opiumkonvention, wo eine
englische Frau und ein amerikanischer Geistlicher uns Mores lehren mussten.
Findet sich bei uns niemand, der diesen Dingen gründlich und rücksichtslos
nachginge? Das wäre wichtiger als sehr vieles andere. An solchen Dingen
hängt das Los der Völker. — 15 Millionen Menschen sollen nach einer unge-
fähren Berechnung im Durchschnitt täglich ins Kin.o gehen. Kommentar un-
nötig!
hie Gotteslästerungs-Affären haben zu reden gegeben. Ein
Stück von Hasenclever, „Ehen werden im Himmel geschlossen“, scheint
wirklich eine Frucht gemeiner Gottlosigkeit zu sein. Gegen so etwas muss
natürlich gekämpft werden, nur, wenn irgend möglich, nicht mit Gesetzespara-
graphen! Anders scheint der Fall des Berliner Zeichners Georg Grosz zu
liegen, der Christus am Kreuz, in kriegerische Embleme eingezwängt, über Blut
und Leichen, dargestellt hat. Das kann auch Protest gegen dıe Lästerung
Christi durch die Christen sein. Der Künstler selbst erklärt: „Und so sehe ich
Christus als einen Propheten der Liebe, und in meiner Zeichnung wollte ich
diesem Gedanken Ausdruck geben: Wenn Christus im Weltkrieg wiedergekom-
men wäre und hätte in den Schützengräben gepredigt: „Du sollst deinen Näch-
sten lieben!“, so wäre er aufs neue gepackt und gekreuzigt worden,“ Ueber-
haupt: Wer lästert Gott am meisten, die „Gottlosen“ oder die „Frommen“?
Im übrigen ist es schon so: es handelt sich bei allem, was wir auch in
dieser Chronik dargestellt haben, zuletzt um den Kampf um Gott, BR:
12. Januar.
Personalia. Mathilde Wrede ist gestorben. Wer noch vor einigen
Jahren diese lebenstrahlende königliche Frau gesehen hat, kann das kaum glau-
ben. Eine ganz grosse Seele nicht mehr unter uns, wenigstens nicht in ihrer
Leibeshülle. Mehr zu sagen, ist unnötig.
Bern. Die Leser der „Neuen Wege“ werden herzlich eingeladen, die Aus-
spracheabende über das Thema: „Mein Glaube“ zu besuchen. Das einlei-
tende Referat hält jeweilen Piarrer Karl von Greyerz. Sie finden statt: Frei-
or den 8 Februar und Freitag den 1. März, abends 8 Uhr, im
aheim.
ABEUBERERHELRBEEREGRERLERERRURTEDERRRERROTARSERRURTORRRERERTERERURERURBRRDERERRELDTLKRERAUETERHERERKAUHERKERKARTRERDTLLTRTERLHLEHRRTHRRTELTELERTKKRRELLRTLEKTILTTELLTKRKSRARTRRTRRATREAERE
Aus der Arbeit ©;
BALLLILLLLLLELELLLLLELLIIELLLLLLLLLLELLLLELLLLLLLLTELLELLLELELTEETTTETETETETITTETTSETTTTTTETTETTETETTTLTLTETTTTETTLTTTTOTTTOTTLLTTTLTITEETITTITELTLLETTTTTTITTTTTETTELERRRETTLTTTETTPFRFEFR,
„Heim Neukirch“ an der Thur.
Beginn des Sommerkurses 15. April. Dauer 6 Monate.
Neben den praktischen Arbeiten im einfachen Haushalte, in Küche und
Garten, in Kinderstube und Krankenzimmer, im Handarbeitsfach für Erwach-
sene und Kleinkinder, neben Turnen, Spiel, Singen und Lesen sind für be-
sondere Stunden vorgesehen: Haushalt- und Ernährungsiragen, Besinnung über
unsern Körper und seine Ausbildung, Kinderpilege, Kräfte in der Natur um
und in uns, Erziehungsiragen, Leben und Werke bedeutender Männer und
Frauen. Unser Land und Volk, andere Völker, Aufgaben in der Gegenwart.
LLTLTTTTTTIT TTS
©
LITILETIT TE T
52
N
ld für ‘den Kurs beirägt F Fr. 50.—; ‚wo nähe, kann es
anz erlassen werden.
ng mit diesem Kurse sind Männer ud: Frauen eingeladen var
De { chen unter der leitung: von Fritz Wartenweiler im „Nuss-
Sa k a: Ds Ringen unserer Väter um die Wahrheit.
Bi, en Oktober: Tolstois Leben und Werk.
3 Ferner sind vorgesehen zwei vierwöchige Kurse für einfaches Mädchen-
urnen: \
1. Im Mai oder Mitte April bis Mitte Mai.
E 2. Mitte Juli bis Mitte August.
e Diese Kurse sind gedacht für Frauen und Töchter, Leiterinnen von en
_ gruppen, Arbeits- und Haushaltungslehrerinnen, auch "Lehrerinnen auf anderen
- Stufen, überhaupt für alle, die mithelfen wollen, unseren Mädchen ein gesundes -
"Turnen und Spielen zu: bringen.
Kost und Unterkunft Fr. 90.— pro Monat: Kursgeld Fr. 20.—.
Auf Anfragen antwortet gerne und Anmeldungen nimmt entgegen Dide
» lumer, „Heim“, Neukirch a.d. Thur.
5 - Casoja, Valbella eb Chur.
} „Casoja“, das Volkshochschulheim für Mädchen in Valbella ob Chur, 1500
Meter hoch, teilt mit, dass der Frühlingskurs auf hauswirtschaftlicher Grund-
3 lage am ‘9. April 1929 beginnen wird. Dieses Frühjahr wird der Kurs das erste
* Mal fünf Monate dauern. Mädchen, die sich nicht für fünf Monate frei machen
können, werden auch nur für drei Monate aufgenommen. Schülerinnen, die das
Kursgeld nicht selber bezahlen können, erhalten eventuell Beiträge aus dem EN
E _ Kostgelderionds. Casoja steht allen Mädchen offen, die mindestens achtzehn 7,
Jahre alt sind und bereit sind, in den Kursen ihren Fähigkeiten entsprechend Ei
mitzuarbeiten.
g Ausführliche Prospekte und Jahresberichte sind zu beziehen durch: Casoja,
| Ernsha ob Chur, Graubünden. G.R.
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BANTUDTIIRETEU AN RLTLTTTLETLTEFTILTTITIEEITTLITTEEETTLELILETTEELLILELLIETIELIIEEITLETZESTEETZEETITERITETTZEETIETTIETTZEELIEELZERIIEETIEEITEETIHELLZ ELITE REZELZZETIEETIE LIE EL EE
{3 Von Büchern ©)
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FERTHRRTTRKTTDTERERERKESTTTRRURETRDRKTTERATERTIUTELKODERERERDERNEREDETLELDDTETFRRERDERERURERERRERDERURENERDERETTRETKRRERENTERDERURERERDERDERERRDERRETEEEERRRERRRRRUENE KLLIEETTTTTETTTTTTTTTE ET
LLIITITTTTTTITTT
FALLIETTITTTT TE
LLITITTTTTITTTITe
- Ernst Stähelin: Der Jesuitenorden und die Schweiz. Geschichte
ihrer Beziehungen in Vergangenheit und Gegenwart. Verlag Helbing u.
Lichtenhan, Basel.
Längst hätte ich gern diese Schrift besprochen, wollte es aber in einem be-
stimmten Zusammenhang tun; weil dies sich nun nicht verwirklichen liess,
unterblieb die Ausführung jenes Vorsatzes. Das bedauere ich sehr. Denn es
handelt sich in diesem Buche des Basler Kirchenhistorikers um ein wichtiges
und grundlegendes Werk. Nicht nur ist der Jesuitenorden ein Thema von der
gewaltigsten weltgeschichtlichen Bedeutung, sondern es bildet auch im beson-
deren seine Verbindung mit der Schweizergeschichte eine von den wichtigsten
53
Partien. Und diese Verbindung ist mit der Ausweisung des Ordens aus der.
Schweiz noch nicht abgeschlossen. ’ ah,
Der Verfasser stellt dieses aufregende, auch ein wenig unheimliche Stück
unserer Geschichte nicht nur mit seiner gewohnten Gründlichkeit, Sachkenntnis
und Freiheit des Geistes dar, sondern auch mit einer bedeutenden Kunst leben-
diger und spannender Darstellung. Es ist dem Schreibenden selbstverständlich
nicht möglich, daran fachmännische Kritik zu üben. Nur das Eine ist er zu
‚bemerken gezwungen, dass er dem Verfasser nicht beistimmt, wenn dieser das
Verbot des Jesuitenordens für die Schweiz auch weiterhin aufrecht erhalten
möchte. Wenn man Freiheit will, muss man sie für alle wollen. „Freiheit ist
immer die Freiheit der Andern.“ (Rosa Luxemburg.) Und ich bin sicher, dass
die Ina im Lande uns weniger schadeten, als sie von aussen her, noch dazu
im Märtyrerschein, tun. Auch fürchte ich sie nicht. Davon vielleicht ein an-
dermal mehr. Diese Meinungsdifferenz hindert mich nicht im geringsten, das
bedeutende Buch nachdrücklich zu empfehlen, und zwar nicht nur T eologen,
sondern auch Historikern und Politikern. Die Jesuiten in der Schweiz — wen
interessierte das nicht? Und wer über dieses Thema mitreden, wer auch nur
ein Urteil darüber haben will, muss künftig das Buch von Stähelin EB
haben. ER
Max Zeltner: Vom Charakter philosophischer Systeme und
ihrer Bedeutung für den Einzelnen. (Im Zusammenhang mit
einer Kritik von Spenglers Untergang des Abendlandes.) Bayerische Druk-
kerei und Verlagsanstalt, München.
Wenn ein Schweizer eine philosophische Schrift verfasst, so ist das a priori
ein Anlass zur Freude. Denn es ist ein Beweis, dass trotz aller Unfruchtbar-
keit unseres schweizerischen Bodens in dieser Beziehung dennoch die Pflanze
der Idee darauf gedeiherı kann. Und erst recht muss man sich freuen, wenn
eine solche Schrift auch an sich wertvoll ist. Das darf aber von der vorliegen-
den schon gesagt werden. Das Wertvollste daran ist vielleicht, dass sie so gar
keinen Dilettantismus zeigt. Man merkt, dass der Verfasser ebensowohl philo-
sophisch wie exakt wissenschaftlich sehr gut orientiert ist. Und gerade diese
ac Ki u e ı Z ı D Ze
Verbindung von allgemein philosophischer mit speziell-wissenschaftlicher Schu- i
lung kommt der Behandlung des besonderen Gegenstandes, dem die vorliegende
Schrift gilt, sehr zugute. Denn im Mittelpunkt der Erörterung steht die Prüfung
der Spenglerschen Lehre vom Untergang des Abendlandes. Wenn das fest-
gestellt wird, so ist damit freilich auch ausgesprochen, dass die Anzeige dieser
Schrift (nicht die Schrift selbst, die 1925 erschienen ist) zu spät kommt. Der
Schreibende bedauert dies von Herzen. Die ewige Arbeits- und Kampfes-
bedrängnis, worin er lebt, ist die Ursache auch dieses Versäumnisses.
Man könnte nun mit einer gewissen Ironie sagen, dieses Zuspätkommen
sei ein Zeichen davon, wie die Schrift Zeltners recht behalten habe. - Sie be-
deutet ja eine Kritik Spenglers, und Spengler ist heute, scheint es, „erledigt“. -
ee eine Sensation, ein Blender, ein Bluff (vielleicht ein genialer), nicht
mehr.
Wirklich? So wenig der Schreibende seinerzeit sich durch Spengler hat
blenden lassen, so widerwärtig ihm dessen ganzes Gebaren mit seiner Eitelkeit,
seiner Anmassung, seiner Unwahrheit war, so muss er nun doch bezweifeln,
dass die von ihm aufgeworfienen Probleme „erledigt“ seien. Besonders seine
Grundthese vom notwendigen Untergang des Abendlandes und seinen beson-
deren Formen kann man — leider! — durchaus nicht einfach als widerlegt be-
trachten. Darum aber muss die Auseinandersetzung mit Spengler weitergehen.
Wer sie vornimmt, der wird auch nach der Schrift von Zeltner greifen. Sie ent-
hält für die Beurteilung des Spenglerschen Systems wertvolle Gesichtspunkte.
Und sie ist gerade auch deswegen nicht veraltet, weil sie ohne jene polemische
Leidenschaft geschrieben ist, die meistens nur für einen bestimmten Moment
ihr Recht hat, sondern sehr unbefangen und ruhig vorgeht, nicht ohne einige
54
und darum mit der Freiheit ‚rechnet. ; “L. R..
KR RE rn neuen Fahrt.
it. sagen. Denn das scheint mir die Aufgabe der richtigen Lei
fach nur nehmen, was ihr zufällig zuhanden kommt oder bloss be-
Jahrgang zu Jahrgang durchbringe. Eine solche Zeitschrift stürbe
besser heute als morgen. Nein, sie muss ein Ziel haben, muss ein
- Werk tun, muss das anfassen, was not tut, was gerade jetzt, dran zu
E kommen hat. Jeder Jahrgang muss eine Art Feldzug sein. Darum
ist freilich etwas wie ein Programm notwendig. Aber dieses Pro-
"gramm darf auf der andern Seite nicht zu steif und eigensinnig sein.
F ‚Man muss sich doch auch von den Winden Gottes treiben lassen.
In dem, was aus der Zeit her an uns kommt, ist doch auch, neben
‚menschlicher Verwirrung und Eitelkeit, etwas von seinem Schaf-
- fen, das weiser und grösser ist als das unsrige. Die Arbeit der Re
- daktion wird also eine Verbindung eigenen Wollens und dessen,
was ihr aufgenötigt wird, sein und das ist Kurshalten, ist Mitarbeit
mit Gott. Und das ist freilich die schwerste Arbeit, das ist Kampf,
- ist Aufpassen, ist Gehorsam, ist Selbstverleugnung.
So möchte ich es, um gerade damit zu beginnen, mit. den „Be-
F trachtungen“ halten, "die ich mit Regelmässigkeit, wenn auch nicht
gerade Ausnahmslosigkeit, fortzuführen gedenke. Ich habe mich
dafür in den letzten Jahrgängen an bestimmte Gesamtthemen ge-
- halten. Aber das hat, wie jeder Zwang, neben dem Helfenden, etwas
stark Hemmendes. Darum will ich es nun so machen, dass ich zwar
stets ein Gesamtthema, sogar zwei — welche sage ich aber nicht! —
- vorwiegend im Auge behalte, daneben aber doch gebe, was mir die
Stunde schenkt oder aufnötigt.
Im übrigen soll das bisherige „Programm“ — in dem nun um-
schriebenen Sinne — weitergeführt werden. Das Thema der Er-
_ neuerung des Sozialismus, besonders das des „religiösen Sozialis-
mus“, drängt sich auf. Daneben wollen wir tiefer in dieletzten
Fragen und Aufgaben all unseres Glaubens und Tuns vordringen,
55
ö 1 orsichti Be
sche "das lei er er „
Slauben an die Zukunft der Menschheit, und damit
3 landes, der gegenüber dem Spenglerschen Fatalismus,
alismus- und zur Gewaltvergötterung führt, mit ‚der sitt-
5 Allzuviel. über das Programm des neuen Tahebanges will ich.
tung einer Zeitschrift zu sein: Sie muss vor allem Kurshalte u, |
‚nicht das Steuerruder hin und her schlenkern lassen. Sie darf nicht
{ arbeiten, was der Tag bringt, immer nur, damit sie sich selbst von
x
i
j Re pad \ ARE vg k
N Ani
I TEE FREE en.
soweit de nur können. Wertvolle Beiträge dazu sind vor!
den. Ich hoffe, dass auch die sozial-ethischen Fragen, beson
sexuelle Not, mehr drankommen. Gerüstet sind auch solche
träge. Ebenso schon längst Beleuchtungen bestimmter Seite
menschlichen Tuns vom sozialen Gesichtspunkt aus und Mon
graphien von Führer-Oestalten. Fortführen werden wir natürli
‘die „Aussprachen“, die Berichterstattung, die Orientierung über (
"Weltlage, die Bücherschau. ee re
Was die Orientierung über die Weltlage betrifft, so schwanke
ich, ob ich nicht zu der früheren Form zurückkehren solle. Ich hab e
einen Teil dessen, was früher unter der Rubrik „Zur Weltlage“
stand, jetzt in der „Zur Chronik“ untergebracht. Es schien mir
wichtig, nachdem einige Jahre lang die leitenden Gesichtspunkte für
2 eine Beurteilung der Tagesereignisse von höherer Warte aus heraus-
| gearbeitet worden, nun an dieser Stelle mehr bestimmte einzelne
Gesichtspunkte, Probleme, Zeitiragen zu behandeln und die Tages-
'ereignisse gesondert und auch mehr im Einzelnen zu betrachten.
Das hat Vorteile, aber auch Nachteile, wie ich sehr wohl einsehe.
. Gern möchte ich darüber das Urteil von Lesern hören. Falls die
Rubrik „Zur Chronik‘ beibehalten wird, so darf ich versichern,
dass ich. daran bin, sie fortwährend zu verbessern, ihr im Verhält
nis zu dem, was die gewöhnlichen Zeitungen bringen einen beson-
dern Stil und mehr Originalität zu geben. Es fehlt mir dafür nur an
Zeit.
Soviel also in Kürze zur vorläufigen Orientierung der Leser. Und
nun noch einmal die Bitte: Helfet, liebe Freunde, treulich bei der
Verbreitung der „Neuen Wege“, unermüdlich, das ganze Jahr hin-
durch. Hefte werden immer, nach Möglichkeit, zur Verfügung ge-
‚stellt. Verbreitet besonders solche Beiträge, die euch bemerkenswert
vorkommen. Helft die conspiration de silence brechen, die sich ‚auf
* uns gelegt hat. Und schicket auch Beiträge. Denn trotzdem wir nicht
KR an Stofinot leiden, muss doch immer ein frischer Zustrom sein. Be
0. teiligt euch auch ander „Aussprache“. Schicket kleine Berichte,
SS kurze Aeusserungen, schreibt dem Redaktor eure Meinung, lieber
höflich, aber wenn ihrs nicht anders könnt, auch unhöflich. Dass
den „Neuen Wegen“ und uns allen die Winde Gottes frisch und
freudig zur neuen Fahrt wehen und wir sie recht benutzen möchten!
EI, DerRedaktor.
Redaktionelle Bemerkungen.
In diesem Heft kommt wieder einseitig der Redaktor zum Worte. Er darf
aber versichern, dass dies Zufall ist und eine Ausnahme bleiben wird.
Für die Veröffentlichung einiger Beiträge, die schon lange warten, beson-
auch Buchbesprechungen, bitte ich um weitere Geduld. Ich tue, was. ich
ders
kann.
ir Ueber die Wiener Konferenz der „religiösen Sozialisten“ soll, wenn
(möglich, ein „Originalbericht“ gebracht werden.
56
|
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4
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Et Halb und ganz.
Br £ T
„Lots Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule“
a 1. Mos. 19, 28.
Lot zieht aus Sodom fort, um nicht mit umzukommen „in der
Missetat dieser Stadt“. Seine Frau geht mit.
Aber sie geht nur halben Herzens mit, zur andern Hälfte ist sie
noch bei dem, was sie verlassen hat, bei Heim und Herd, Hab und
Gut, die sie aufgeben soll. Mit halbem Herzen folgt sie Gottes Be-
a
fehl, mit der andern Hälite bleibt sie bei dem, was von Gott gerich-
tet ist. Das zieht ihre Blicke zurück, hemmt ihre Füsse; sie kommt
nicht mehr weiter und erstarrt, äusserlich einigermassen Menschen-
-
form behaltend, zur Salzsäule.
Es ist unser aller Geschichte, soweit sienur mensch-
_ lich ist. Gewiss, wir hören Gottes Ruf, wollen auch folgen,
_ machen uns auf den Weg, sehen ein, dass vieles darangegeben, da-
hintengelassen werden muss, dass man mit Mammon zu brechen
hat, um in Gottes Land zu kommen.
Aber wir tun das alles doch nur mit halbem Herzen — da kom-
- men wir aus eigener Kraft nicht weiter, behalten einigermassen das
Ansehen eines Christenmenschen und landen doch in steinerner
Starrheit und bitterem Tod.
Wie der Einzelne, so erst recht die Gemeinde, die Kirche.
Ich las einmal eine Zeitungsanzeige einer Wirtschaft, die zu einer
„Bettagsmetzgete“ einlud. Im Prospekt eines Kinos, der dieser Tage
verschiedenen Zeitungen beilag und Vorstellungen einer Tänzerin an-
kündete, wurde sie „eine der Dezentesten im weiten Nuditätenkabi-
nett unserer Bühnen“ genannt und es hiess, in einer ihrer Darbie-
tungen „grenzt ihr Tanz an Gottesdienst“. Aber ob gleich die Welt
Mammons so krass das Heiligste selbst in den Dienst ihrer Geld-
macherei stellt, vermag doch unsere christliche Gemeinde nieganz
mit ihr zu brechen. Sie protestiert da und dort gegen Auswüchse.
Aber das ist nur Halbheit. Ein ganzer Bruch mit dem Kino- und
Alkoholkapital z. B. würde, bei der Einheitsfront des Privatkapita-
lismus, den Bruch auch mit allen bedeuten, die indirekt daran ver-
dienen, zuerst einmal mit der Presse, letzten Endes mit der ganzen
bestehenden Ordnung, die der Welt Mammons alle Freiheit lässt
und lassen muss, weil ihr Reich ja von eben dieser Welt ist. Wo
führte das hin!
Aber ist es denn wirklich.so, dass Ganzheit derartig ins Extrem
führt, geradezu die weitere Existenz verunmöglicht?
57
Tempel bleiben. Da geraten die Priester und Gelehrten „a
sich“ über ihn, und seine Eltern kommen in die grösste Aufregung,
fast in Verzweiflung. Ate " RE
Dies war der Anfang zu einem Leben ohne Stätte, da er :
Haupt hinlegen konnte, zu Taten wie der Tempelreinigung, je
unerhörten, eigenmächtigen Einmischung in die Kompetenzen d
berufenen Tempelpriester, zu Gethsemane und Golgatha.. —
Der Weg der Nicht-Halbheit, der Ganzheit, der Absolutheit ist
der Weg zum Kreuz — nur dass das Kreuz kein Ende, sondern nach
der göttlichen Paradoxie des Stirb und Werde ein Anfang it.
Und noch eins: „ganz“ bedeutet kein vorbereitungsloses „So-
fort“, Ganzheit nicht Ueberstürzung. Nach jenem Zurückbleiben
im Tempel ging Jesus zunächst noch wieder mit seinen Eltern heim,
war ihnen untertan und wartete nicht nur bis er erwachsen war,
sondern noch ein ganzes Jahrzehnt länger, dann erst war seine
Stunde gekommen.
Wenn so langes Warten für Jesus nötig war, der mit zwölf Jah-
ren schon solche Ganzheit besass, wie sollte da nicht erst recht
Zeit nötig sein, dass Gott zu unserer Halbheit hinzutue!
A.Bietenholz-Gerhard.
Blumhardt und wir.')
(Schluss.
4.
Als eine besonders wertvolle Frucht meines Buches betrachte ich
die Herausgabe der Predigten Blumhardts durch Robert Le-
jeune.) Denn ich bilde mir wirklich ein, dass ich durch meinen
Vorstoss stark mitgeholfen habe, die verschlossene Türe zu diesem
Schatze zu öffnen. Mein Buch wollte eigentlich nur Vorläufer und
Wegbereiter sein. Seine ganze Methode war darauf berechnet.”) Und
es gehört zum Pro meines Lebens, dass ich das Aufgehen jener Türe
1) Vgl. Nr. 1.
2) Christoph Blumhardt: Eine Auswahl aus seinen Predigten,
Andachten und Schriften. (Rotapfel-Verlag, Zürich.) Der zweite (zuerst er-
ae Band enthält Predigten und AÄndachten aus den Jahren 1888 bis
1896.
3) Ich habe zum Beispiel auch aus diesem Grunde aut genaue Angabe der
Quellen verzichtet.
58
rs
4 gl
flossen so wie es der Augenblick und Anlass gebot unmittelbar
als ein geistiges Ereignis ersten Rang
Ausg"
‚Bitzius, um auch etwas in seiner Art Grosses zu nennen), sondern
aus dem Reichtum Gottes. Gerade das war es natürlich, was
den mächtigen Eindruck, den Eindruck des Prophetischen oder auch
- Apostolischen machte. Aber nun ist nicht sicher, dass das aufge-
_ schriebene Wort auf nicht besonders vorbereitete Leser die gleiche
Wirkung übe. Auch ich habe einige Mühe gehabt, in den vorliegen-
- den Band hinein zu kommen. Es muss wohl, damit jene volle Wir-
kung zustande kommen könne, eine Vorbedingung erfüllt sein: dass.
Blumhardts Wort dem Leser wieder in den ihm bekannten lebendi-
gen Zusammenhang seiner ganzen Existenz und Bedeutung gestellt
‚werde. Dann bekommt es seinen ursprünglichen Sinn und seine Voll-
- macht wieder, kann es sie wieder bekommen. Doch besteht auch
- hier eine Wechselwirkung: diese Predigten werden mithelfen, die
ache, auf die es Blumhardt ankam, lebendig und zu einer Sache
Vieler zu machen. Es muss also von beiden Seiten her gearbeitet
werden. Inzwischen müssen die Predigten ihren stillen Weg gehen;
_ ihr voller Tag wird schon kommen. Man wird einst mit gierigen
_ Händen nach ihnen greifen:
Der erste Band hat ja bis jetzt nicht gerade einen grossen „Er-
folg‘“ gehabt. Das hängt nun freilich, ausser mit dem genannten
Umstand, noch mit zwei andern zusammen. Einem äusserlichen zu-
nächst. Der Band ist etwas umfangreich. Man begreift ja schon, dass
die Auswahl schwer wurde, aber für den Aufang wäre vielleicht eine
_ grössere Beschränkung geboten gewesen. Dann fehlt eine Erleich-
_ terung in Form von Ueberschriften, Gruppierung nach dem Inhalt,
Dingen, die man nicht gern vermisst. Für eine neue Auflage und für
die weiteren Bände würde ich sehr empfehlen, diesen beiden Män-
geln abzuhelfen.’) Dazu gesellt sich allerdings noch eine andere
Hemmung. Dieser erste Band führt uns noch nicht, wenn ich mich
wieder so ausdrücken darf, an den ganzen Blumhardt heran, son-
1) Vgl. Nr. 11, 1925.
2) Das ist auch tatsächlich geschehen.
59
ch habe ich schon in meiner frühern kurzen Bspre
hingewiesen, dass für die richtige Wirkung beson-
dern bloss in ein Vorstadium des eigentlichen Blumhardt, freilich
in das, welches dem Durchbruch seines Eigentlichen unmittelbar
vorausgeht. Der Blumhardt dieses Stadiums hat sich zunächst noch
von pietistischen Eierschalen zu befreien und diese werden manchen
Lesern, vor allem solchen, die aus irgend einem „Modernismus“
herkommen, zu schaffen machen. Sie werden vielleicht an diesem
Hindernis hängen bleiben. Auch ist seine Haltung sehr stark nega-
tiv, in dem Sinne, dass er sich mit äusserster Schärfe gegen all das
wendet, was er „Fleisch“ nennt, d. h. gegen allen falschen Anspruch
des Menschlichen, sei es nun weltlicher oder religiöser Art. Das
„Sterbet, auf dass Jesus lebe!“ ist jetzt die Losung. Dieser gemäss
wird Gottes Anspruch, Gottes Recht, so stark betont, dass alles an-
dere seinen Wert zu verlieren scheint, namentlich alles menschliche
Tun. Der ganze positive Inhalt der Blumhardtschen Botschaft
vom Reiche Gottes tritt noch nicht in seiner reichen Fülle hervor.
Er kündigt sich an, und zwar im Verlaufe des Bandes ganz sichtlich
mehr und mehr; aber der Gottesfrühling, der dann später hervor-
tritt, zeigt doch bloss das erste Grün und die ersten Blumen; noch
fahren die Stürme immer wieder rauh über das Land. Das Wort
vom Gericht über alles „Fleisch“ bleibt der beherrschende Ton.
I.
Hier nun hat Eduard Thurneysen mit seiner Schrift über
Blumhardt angeknüpit.‘) Diese, aus zwei Vorträgen entstanden, will
u
u Yan
nicht eine Biographie, überhaupt nicht eine ausführliche Darstel- ”
lung, sondern nur eine Würdigung, oder wenn man will, Beurtei-
lung, Beleuchtung sein, wie seine Schrift über Dostojewski. Es ist
eine geistvolle Auffassung, in vornehmer Form vorgetragen, voll
Ehrfurcht und Wärme für den grossen Gegenstand. Man liest die
Schrilt mit Spannung, und wer Blumhardt sonst nicht kennt, wird
durch diese Darstellung einen tiefen Eindruck von ihm erhalten.
Auch wer ihn schon kennt, wird im Einzelnen dieser Darstel-
lung durchaus zustimmen können. Einer ihrer Vorzüge besteht
gerade darin, dass sie sowohl die pietistische wie die quietistische
Auffassung Blumhardts mit klarer Entschiedenheit ablehnt. (Vgl.
S. 44 fi. u. 51 ff.) Das Zweite ist uns besonders wichtig, weil damit,
soviel ich sehe, etwas beseitigt wird, was uns Andere von der auch
durch Thurneysen vertretenen Denkweise der sogenannten Barth-
Gogartenschen Theologie’) zu trennen schien. Ebenso erfreulich und
Trennungen auihebend scheint mir das, was Thurneysen (S. 75)
über Blumhardts Betonung des Menschen sagt: „Es ging Blum-
hardt recht eigentlich um den Menschen — freilich um Gottes
willen, aber um Gottes willen um ihn.“ Anders meinen wir es ja
auch nicht und wenn in diesen Worten Thurneysens ein Bekenntnis
1) Verlag von Chr. Kaiser, München, 1926.
2) Zu deren Hauptträgern nun auch Emil Brunner gehört.
60
2
-
h
‚liegt, so sind wir auch in diesem Hauptpunkte einig. Endlich möchte.
ich noch besonders hervorheben, was er über das Verhältnis der
beiden Blumhardt zu einander sagt (S.59 £):
. „Es gehört zum Bilde dieser beiden Männer, dass sie in der Sache völlig
Eins gewesen sind. Und so ist hier einmal das Merkwürdige geschehen, dass
es nicht zum Konflikt zwischen den Generationen gekommen ist. — — — Wir
Heutigen kennen fast ausschliesslich eine Jugend, die im Proteste gegen ihre
Väter ihre eigentliche jugendliche Lebensbewegung sieht. Aber ist das im
Grunde das Gesunde, das Normale? Vielleicht gehört es mit zur Botschaft, die
die beiden Blumhardt unserem Geschlechte auszurichten haben, dass sie uns
zeigen, wie ein Jugendleben auch im Anschluss, und gerade im Anschluss an
das väterliche Leben gut und bewegt und lebendig weitergehen kann. Dann
nämlich, wenn Väter und Söhne, Söhne und Väter eins werden in dem, was
über Vätern und Söhnen, über den Generationen steht.“
Das habe ich, ohne leider mich dieser Stelle in Thurneysens
Schrilt zu erinnern, aus die ich mich sonst berufen hätte, gelegent-
lich ebenfalls als Regel des Reiches Gottes erklärt. Möchte sie
unter uns eine Tatsache werden. Denn Thurneysen meint ja das
„Väter und Söhne‘ sicher nicht bloss im leiblichen Sinne!
So liesse sich an der Thurneysenschen Darstellung noch viel des
Wertvollen hervorheben. Aber es wäre wieder unehrlich und ganz
sicher nicht im Sinne Thurneysens, wenn ich meinen Widerspruch
verschwiege. Und so gestehe ich denn offen: Auch das ist nicht
der ganze Blumhardt, es ist, in diesem Sinne, nicht Blumhardt,
wie er wirklich war, sondern Blumhardt im Gewande einer bestimm-
ten Theologie, eben der Theologie, zu deren wichtigsten Trägern
Thurneysen selbst gehört. Anders gesagt: es ist nicht Blumhardt
der Stürmer und nicht Blumhardt der Weise, nicht Blumhardt der
Held und nicht Blumhardt das Kind, was alles er abwechselnd war,
sondern Blumhardt als geistvoller und bahnbrechender Theologe.
Wenn man mir das Bild erlaubt: dieser Blumhardt trägt mir zu sehr
den Rock, den der Pfarrer oder Professor trägt, den aber der wirk-
liche Blumhardt nicht trug. Oder noch anders: dieser Blumhardt
ist mir zu abgeklärt, zu ruhig, zu unanfechtbar, der wirkliche war,
bis zuletzt, ziemlich anders.')
Dieses Urteil steht nun umsomehr im Widerspruch zu der Schrift
selbst, als diese wie keine andere den Anspruch einer sozusagen
authentischen Darstellung erhebt. Sie erklärt, dass sie „im Unter
schiede von einigen bisher erschienenen Büchern über Blumhardt“
1) Dass Thurneysen das Bild Blumhardts zu einseitig sieht, beweisen auch
Bemerkungen wie die: „Er hielt keine Vorträge, schrieb keine Bücher, er be-
gründete keine Zeitschrift.“ (S.8.) Er hat sogar sehr viele Vorträge gehalten,
in Deutschland und in der Schweiz, hat Predigten herausgegeben, hat eine Zeit-
schriit geschrieben. Denn die „Vertraulichen Blätter“ waren schliesslich doch
auch eine solche. Ebenso halte ich es für unrichtig, von einer Abneigung
Blumhardts, des Sohnes, gegen die Oifenbarung Johannis zu reden. Sie hat
ihm, so viel ich sehe, stets sehr viel bedeutet, wenn er sie auch mit geistvoller
Freiheit verstand.
61
\
versuchen wolle, „Blumhardts Gedankenwelt aus ihren eigenen Vor-
aussetzungen heraus.... zu entwickeln.“ Diese Erklärung muss
. fast notwendig so verstanden werden, dass alle Anderen, die über
Blumhardt geschrieben, ihn nicht von seinen eigenen, sondern von
fremden, also willkürlichen, vielleicht gar tendenziösen Vorausset-
zungen aus dargestellt hätten.) Dagegen muss von mir selbst-
verständlich Widerspruch erhoben werden. Wenn ich für meine
Person, wie man soeben wieder gesehen hat, durchaus zugebe, dass
das Bild von Blumhardt, das ich entworfen und das in mir lebt,
mein Blumhardtbild und nicht das Blumhardtbild sei, und ich
durchaus bereit bin, einem andern, auch dem von Thurneysen ent-
worfenen, ebenfalls Wahrheit zuzubilligen, so muss ich doch sehr
entschieden darauf bestehen, dass ich nicht Blumhardt tendenziös
zurechtmachen wolite, sondern dass es mir ein heiliges Anliegen
war, ihn getreu darzustellen.
Ich halte in diesem Sinne an meinem Anspruch durchaus fest.
Und ich behaupte ebenso fest: Blumhardt lässt sich durchaus nicht
einfach für die Barth-Thurneysensche Theologie in Anspruch neh-
men, sondern steht in allen Hauptpunkten sogar eher gegen sie,
wenigstens insofern das in Betracht kommt, was uns Ändere von
ihr trennt.
Das ist nun eine, prinzipiell gesprochen, sehr weittragende
These. Es liegt mir daran, von vornherein ihren Sinn zu erläutern.
Es wäre ja nicht unmöglich, dass gerade Blumhardt das beste Mit-
tel einer Verständigung zwischen den zwei „Gruppen“, in
welche die religiös-soziale Bewegung auseinandergegangen ist —
hoffentlich nur zeitweilig — bedeuten könnte. Was ich hier in diesem
Sinne sagen werde, soll also nur ein erstes Wort sein, das nachher
seine Ergänzung finden wird.
Es verhält sich mit der Stellung der beiden „Gruppen“ zu Blum-
hardt genau so, wie überall sonst. Ihr Unterschied tritt fast ganz,
wenn nicht ganz, zurück, solange sie einem gemeinsamen Wider-
part, der üblichen Theologie und Religion, gegenüberstehen, aber
er tritt sofort hervor und erscheint gross, ja entscheidend, wenn sie
unter sich sind. (Was übrigens, nebenbei gesagt, auch eine Mah-
nung sein könnte, überhaupt nicht zu sehr bloss „unter sich“ zu
sein!) So ist auch ihre gemeinsame Familienähnlichkeit mit Blum-
hardt gross, wenn sie mit andern geistigen Familien verglichen wer-
den, mag ihnen aber zweifeihaft werden, wenn sie sich miteinander
vergleichen. Dieser Tatsache entsprechend möchte ich sagen: Gewiss
kann sich die sogenannte Barthsche Theologie (wie ich um der
Kürze willen sagen will, ohne die geistige Selbständigkeit der übri-
1) Diese Auffassung wird besonders durch eine ärgerliche, sicher nicht
vom Verfasser verschuldete Buchhändler-Anzeige nahegelegt, die gerade diesen
Anspruch betont. =
62
age
r Bewegung antasten zu wollen) für fast alle
‚gegen die traditionelle „Theologie“ mit
It fen; aber ich muss hinzufügen: man kann
gut gegen sie selbst als Ganzes auf Blumhardt
ber für den Beweis ausführlich anzutreten, bin ich jeder-
Ezeit berest.. \ Arge
. Um nun wieder speziell zu Thurneysen zu kommen, so mus
ihm zugestanden werden, dass der vorliegende Blumhardband
iner Auffassung verhältnismässig stark entgegenkommt. Insofern Bi
stehe ich nicht an, zu erklären, dass dieser Unheil angerichtet hat. Er.
_ Denn er zeigt eben nicht den ganzen Blumhardt; er liefert zu sehr
gerade der sogenannten Barthschen Theologie neues Wasser auf
- die ohnehin damit wohl versorgte Mühle. Ich bin, auf Grund mei-
. ner Kenntnis sehr vieler Predigten und Andachten aus der folgen-
den Periode, ganz sicher, dass uns aus dem nächsten Band ein an-
derer Blumhardt, ein weiter gekommener Blumhardt, entgegentreten
' wird. Dann werden wir wieder miteinander reden müssen.
Vielleicht lässt sich zur Kennzeichnung des Unterschiedes am
besten an ein polemisches Wort Thurneysens anknüpfen, das sehr
_ wahrscheinlich gegen mich, zum mindesten auch gegen mich, ge-
richtet ist. Er tadelt es (S. 18) lebhaft, dass man „beliebt habe,
- Blumhardt in den höchsten Tönen neben Aposteln und Reforma-
toren zu nennen‘ und erblickt darin ‚ein Zeichen der unklassischen
Zeit, in der wir leben und die kein Mass und keine Ordnung Br
kenne“. Dieser Zurechtweisung gegenüber möchte ich erklären,
dass ich ruhig und fest dabei bleibe, Blumhardt „neben Aposteln
3 und Reformatoren zu nennen“. Was das Apostolische betrifft, so
: habe ich ihn meines Wissens nie an die Seite der Apostel gestellt —
f
2
ich liebe solche Schablonen nicht — wohl aber behauptet, seit den
Tagen der Apostel und Reformatoren sei nie mehr so geredet wor- i
den, mit solcher Vollmacht und Ursprünglichkeit. Im übrigen bin -
ich sogar weiter gegangen und habe merken lassen, dass sich in |
diesen Männern, besonders in Blumhardt dem Jüngern, das Leben
Jesu für unsere Tage erneuert habe. Und nun erkläre ich in aller
Bescheidenheit und Festigkeit zugleich, dass das nicht ein Urteil
der Mass- und Ordnungslosigkeit ist, sondern ein ganz nüchternes
Zeugnis von dem, was ich, als reifer Mann, der ziemlich kritisch
_ nach Boll kam, gesehen und gehört habe. Schliesslich weiss ich auch
etwas von Aposteln und Reiormatoren! Da steht Zeugnis gegen
Zeugnis und das meinige steht wahrhaftig nicht allein. Thurneysen
erlaubt allerdings unserer „unklassischen Zeit“ solche Erfahrungen
nicht. Aber ich muss ihm entgegenhalten, dass mir die Kategorie
„klassisch“ und „unklassisch“, da wo es sich um die Geschichte des
Reiches Gottes handelt, viel zu literarisch, um nicht zu sagen „pa-
pieren“ ist. Was frägt Gott nach „klassisch“ und „unklassisch“ —
Du 2
63
oder fragt er etwa zuerst die Professoren der Kirchengeschichte um f
Erlaubnis, wenn er einen Ort und einen Mann findet, durch den er
seine Wahrheit neu offenbaren kann? Gott ist ein lebendiger Gott,
der immerfort wirkt (Joh. 5,17). Wenn ich meine Bibel recht ver-
stehe, so ist er sehr unklassisch, indem er mit Vorliebe dort er
scheint, wo die Menschen, besonders die Theologen, ihn am wenig-
sten erwarten. Warum, nebenbei gefragt, redet die sog. Bartlısche
Theologie so gern vom Paradox Gottes, wenn sie dann Gott doch
plötzlich wieder in das kirchengeschichtliche Prokrustesbett spannen
will? Und da wir nun bei der Kirchengeschichte sind: wenn ich
Blumhardt mit der Reformation in einen bestimmten Zusammenhang
gebracht habe, so geschah es, wie sofort gezeigt werden soll, in sei-
nem eigenen Sinn und hatte vor allem die Meinung, dass das Auf-
brechen der Reichgotteshoffnung die notwendige und legitime Fort-
setzung dessen sei, was uns die Reformation geschenkt. Dabei bleibe
ich und habe dafür gute Gründe, seien es klassische oder unklassi-
sche. Und nichts für ungut!
Ich will nun aber, so gut es in diesem Aufsatz möglich ist, zu
zeigen versuchen, wie und inwiefern Blumhardt die Cadres der so-
genannten Barthschen Theologie überall zerbricht und in dem vorhin
genauer bezeichnetem Sinne an allen Hauptpunkten gegen sie steht.
Und zwar stelle ich nun fest, dass dies sogar von dem vorliegenden
Blumhardtband gilt, der, wie gesagt, noch am ehesten für Thurn-
eysens These benutzt werden kann. Auch er geht fast von Anfang
an und immer mehr über das, was man bisher als das Spezifische
der sogenannten Barthschen Theologie betrachtet, hinaus und wider-
spricht ihm. Ich beschränke mich darum zur Widerlegung Thurn-
eysens absichtlich auf diesen für meine These verhältnismässig
ungünstigen Band.
Da ich mich selbst zu der in den folgenden Blumhardtworten
ausgedrückten Denkweise bekenne, so entwickelt sich nun ein Stück
„Gespräch“ mit der „neuen Theologie“.
Um gerade mit dem „Klassischen“ zu beginnen, so scheint es
freilich auf der Linie der „neuen Theologie“ zu liegen, Gottes
Wort auf die Bibel einzuschränken, das Gegenteil aber, — mit
Berufung auf die Bibel — die offenkundige Leidenschaft Blumhardts.
Lebendige, nein, fortschreitende Offenbarung ist seine Losung, ist
sein Hunger und Durst.
„Unsere Bibel ist im Himmel. Ein Buchstabe kann uns nichts nützen, wenn
es nicht von oben gegeben wird.“ (S.10.) „Wir können mit lauter Bibel Chri-
stus töten. Was ist grösser: die Bibel oder Christus?“ (S.62.) „Oft ist’s mir
verwunderlich, dass so viele mir widersprechen, wenn ich sage: Wir bedürfen
der Offenbarung Jesu Christi, wir bedürfen trotz aller Erkenntnis, trotz aller
Bibeln, die wir haben, trotz aller Kirchen und aller Theologie, wir bedürfen
des Herrn Jesu selbst.“ (S.12.) „Das... steht mir fest: eine wirkliche Fr-
|
kenntnis der Schrift ist nicht möglich, ohne dass wir etwas Göttliches vorher
64
|
von Christus empfunden und betastet haben, wir müssen es ergriffen haben
4 durch Anschauung — nur auch in etlichen Dingen muss es anfangen — dann
‚geht uns auf einmal ein Licht auf für alles... Es ist nicht die Erklärung der
‚Schrift die Hauptsache, sondern. die Anschauung Gottes ist die Hauptsache
‚und die Anschauung Christi und die Anschauung des Heiligen Geistes.“ S.
166 und 167.) „Zur Gründung der Gemeinde Jesu Christi braucht’s nach der
Schrift Alten und Neuen Testamentes immer wieder Offenbarung. Ein Moses
- kann nicht mit Abraham durchkommen, es muss sich in ihm selber wieder das
offenbaren, was Gott in seiner Zeit leben will. Ein David kann nicht mit
einem Moses durchkommen; es offenbart sich in David das, was in seiner
Zeit leben soll. Spätere Könige, soweit sie das Reich Gottes suchen, haben
er haben. Wir müssen etwas von Gott geschaut haben, wir müssen etwas
"
R
j
viel an der Vergangenheit, aber es bedarf einer Offenbarung für sie durch '
Propheten und Priester für das, was in ihrer Zeit Gott leben will. In
Johannes dem Täufer, in Jesus, in den ersten Aposteln vorerst, dann wieder
im zweiten Teil der apostolischen Geschichte, in Paulus — es muss sich wie-
. der und wieder zeitgemäss offenbaren, was heute Gott in Christus leben
will.“ (S.348.)
Das alles klingt anders, als wir es von der „neuen Theologie“
hören. Damit hängt ein Zweites zusammen. Diese „neue Theologie“
betont (gewiss mit gutem Grund) das Objektive der Wahrheit und
bekämpft darum den Anspruch einer gewissen Subjektivität. Sie tut
das besonders auch so, dass sie alles „Erleben“ Gottes per-
horresziert und lächerlich macht. Man wagt darum kaum mehr,
davon zu reden. Blumhardt aber, der Mann der Objektivität Gottes
ohnegleichen in unserer Zeit, redet ruhig von „Erleben“ Gottes:
„So dürfen wir auf ein unmittelbares Reden Gottes für seinen Namen, ein
Reden des Geistes Gottes für Christus, unsern Jehova, erwarten, und erfahren
eben dadurch, wie auch durch besondere Erlebnisse, wer Gott ist.“ (S. 309.)
„Ohne Erlebnisse aber geht es nicht; wir dürfen ganz dreist sagen: Es ist auch
hieute noch Oifenbarung nötig, und die Offenbarung ist nicht abgeschlossen mit
der Bibel.“ (S. 308.)
Er geht so weit — nicht ohne sich auf die Bibel berufen zu dür-
fen (vgl. Jerem. 31, 31 ff.), uns Allen, soweit wir Gott dienen wollen,
das Prophetische zuzusprechen, das die „neue Theologie“
wieder so sehr auf die Bibel beschränkt:
Es ist ein Zeichen von der Blindheit unserer Augen, dass wir die
Fäden nicht erkennen können, an welchen Grosses geschieht und an deren
Ende Grosses liegt. ..... Wir sollten aber der Vergangenheit und der Gegen-
wart und der Zukunft Meister sein, nicht als Götter, aber als klarblickende
Menschen, die ganz genau wissen: Auf diesen Pfaden ist das und das, wie
auf jenen Pfaden das und das geworden. Auf diesen Pfaden ist nichts,
auf jenen ist nichts, hier ist nichts und dort ist nichts, aber da! Da ist etwas!
Dem müssen wir nach. Die Propheten haben das gewusst und das ist mensch-
lich, das zu wissen. Prophetie ist das Menschlichste, was es überhaupt gibt.
Ohne Prophetie sind wir keine rechten Menschen; wir sind degradiert, wenn
wir des göttlichen Geistes entbehren.“ (S.511 und 512.) „Dafür müssen wir
prophetisch werden und das ist nicht so schwer.“ (S. 516.)
Wenn Blumhardt auf diese Weise allen Menschen Einiges, zu-
spricht, was die „neue Theologie“ ihnen mit besonderer Schärfe ab-
spricht, so spricht er andern ebenso scharf ab, was sie ihnen zu-
65
er.
B
i a a a in en
ht, nämlich den Pfarrern, den berufsmässigen Predi
„neue Theologie“ legt grosses Gewicht auf dasgepr edi
ft, und in den Kreisen der jüngeren Pfarrer kann man wohl
th, dass es ihr Beruf sei, „das Wort Gottes zu sagen . Blum
ist anderer Meinung: a
cher
ie
..
»
wirkl -h ernst meint.“ (S.521.) „Es kommt .. . das, was Gott schaffen
Es bleibt etwas rein Göttliches, und ein Pfarrer dari DE nicht sagen, er
rede Wort Gottes, in dem Sinne, wie man es heute sagt.
auslegt, sagen könnte, er rede Wort Gottes. Auch Worte der Schrift sind nicht
an und für sich Wort Gottes; erst wenn Gott seinen Engel dazu sendet, ist es
immer wie frisches Brot, anders nicht. .... Wir sind keine Wort-Gottes-Fabri-
kanten. Das Wort Gottes lässt sich überhaupt nicht fabrizieren; denn es ist
persönlich; es läuft dahin und dorthin nach dem Befehl Gottes.“ (S. 577.)
Und dann heisst es wieder vom Erleben:
„Wenn wir merken, dass wir so schauensuntüchtig und erlebensuntüchtig
sind, dass wir Göttliches nicht verstehen, obwohl wir wissen, dass es unter
uns ist, wenn wir weder Gerichte Gottes recht erkennen, noch Gnaden Gottes
verstehen und benutzen, dann muss es uns doch recht in die Busse treiben und
zum Weinen vor Gott bringen in unsern Sünden und Schulden, dass wir wieder
neugeboren werden und Schauensleute und Erlebensleute werden möchten im
Reiche Gottes.“ (S.190.) „Gott will erfahren, will erlebt sein, und ehe er
erlebt ist, macht er auch keinen Anspruch auf besondere Treue, mit besonderen
Zielen, wie er sie von seinem Volke fordert, welches ihn erlebt hat.“ (S. 306.)
Desto weniger hält Blumhardt auf die Theologie, die leider
auch durch die „neue Theologie“ wieder zu Ehren gekommen ist.
Die Dogmatik speziell nennt er eine „schlimme Sache“ (S. 199).
‚„Der Geist Gottes schwebt nicht in philosophischen und theologischen
Systemen herum und spricht nicht aus irgend welchen menschlichen Gedanken
über Gott und Christus oder sich selbst, sondern der Geist Gottes will uns zu
Kindern machen.“ (S.417.) „Mein Herz dürstete freilich nach Gott, nach dem
lebendigen Gott, aber dass man vorher durch die Schlammwellen der Theo-
logie schreiten müsse, das wollte mir nicht gefallen.“ S. 539.)
Wie eine Warnung an die „neue Theologie“, die ja freilich das
auch nicht will und bis heute nicht getan hat, wovor er warnt,
aber schliesslich‘ dahin führen könnte, klingt es, wenn er sagt:
„Es könnte jemand aus den paulinischen Worten heraus ein i
. ”. €
geschniegeltes System austülteln, und der Apostel könnte ihm a De
selben Eifer entgegentreten, wie er den damaligen Christen entgegengetreten ist
wenn ein solcher Systemmacher nun meinen sollte, auf diesem Gesetzesweg
werde es gewonnen.“ (S. 525.)
. Nicht weniger trifft Blumhardts Kritik die Kirch e, während
leider die „neue Theologie“ eher jene neue Kirchlichkeit begünstigt
die mit der Reaktion eingesetzt hat und übrigens, wie ich glaube,
mit ihr vergehen wird. Blumhardts Meinung ist:
„Verlasset euch nicht auf eure Kirch ü
Haufen; wer darin sein Teil hat, wird Ts ee ee
’ «
man Kirchen, rechts und links, und richtet sich ein Se a
66
c il
auch auf dem Boden des Reiches Gottes nicht ganz in die Hand der Menschen,
n sollte sich sehr _
. genieren, so etwas zu sagen, wie wenn der nächste beste Mensch, der die Bibel
5 net mich nicht als einen Prediger, nehmet mich als einen, a \
ergessen: das en
e Zeit ins Gericht zu geben be
eber ist: Gott oder die Welt, Ch stus Se das Chrisienkuun
Geist.“ (S.439.) „Ich gestehe offen, dass ich noch nie in einer
n bin, ohne den Schmerz zu empfinden über einer gewissen Ver-
he in-den Herzen der meisten ‚Kirchgänger sich vorfindet. Was
IR tel vom Geist erwartet das erwartet.man jetzt von der Kirche.“
sie ja auch den Unterschied von Reich Gottes und Religion
‚erstmals Map zenjberter und diese im Namen von jenem verwor-
fen hat:
„Wir haben uns - ;„ auch Mühe gegeben, zu erkennen, dass wir unser
ristentum nicht identifizieren dürfen mit Christus und dass, wenn wir uns
des Christentums rühmen, wir damit noch nicht berechtigt sind, uns Christi
zu rühmen. .... Wir haben zu erkennen gesucht, wie das Christentum sozu-
sagen eine Nebenwelt geworden ist, in welcher Christus als Gott verehrt wird,
ähnlich wie die Welt von Gott redet. Aber wie die Welt von Gott redet, ohne
göttlich zu werden, so die Nebenwelt, das Christentum, von Christus, ohne
nach Christus zu werden.“ (S. 440.) „ES gibt jetzt wieder eine christliche Reli-
gion, gerade wie damals eine jüdische. Und nichts ist gefährlicher für den
Fortschritt des Reiches Gottes, als eine Religion; denn eben damit werden wir
wieder heidnisch.“ (S. 513.) „Es ist ein Jammer, dass man die Beziehungen
zu Gott so wenig mehr schätzt und haben will und statt dessen die Beziehun-
gen zu den Menschen gesetzt hat. Aber es ist auch eine Freude, dass wir
heute in allen unsern menschlichen Religionen zugrunde gehen. Ihr. werdet
sehen, dass alles noch in den Staub fällt, was wir an Stelle Gottes gesetzt
_ haben. Man muss sich endlich einmal den lieben Gott selbst gefallen lassen.“
6. 575.)
Dieser Kritik verfällt auch die Reformation. Gottes Wege
führen auch über sie hinaus. Wieder etwas, was in eine den gegen-
wärtigen Losungen der „neuen Theologie“ entgegengesetzte Rich-
tung weist. (Ich erinnere an die Auseinandersetzung über die
„klassischen“ und „unklassischen‘“ Zeiten.)
- „Die Reformation ht die Kirche auseinandergesprengt, dass sie nun da-
liegt, wie einige einzelne dreissig Splitter, und jeder dieser Splitter trägt die
Eigenart des Ganzen an sich, in jedem Splitter ist der Charakter des alten Ge-
steins zu erkennen und es ist nichts gewonnen! .. .Nein, nein, das sind alles
löcherichte Brunnen, damit ist nichts gewonnen.“ (S.184.) „So möchte ich
auch nicht um die Koniessionen eifern, obwohl in allen Konfessionen Wahres
und Richtiges ausgesprochen ist und wir ihnen dankbar sein müssen, dass sie
so vieles konserviert haben, was vielleicht sonst verloren gegangen wäre. Aber
nicht die Konfessionen sind es, welche auf die Dauer mit Gewalt festgehalten
werden müssen; denn es ist eine menschliche Herrschaft und diese ist gefähr-
licher für das Reich Gottes als viele andere Dinge in der Welt.“ (S.339.) „Auf
dem festen Grund Jesus Christus gehen wir vollkommeneren Gestaltungen ent-
gegen, als diejenigen sind, welche sowohl die alte römische Kirche als die
reiormatorischen Kirchen uns gebracht haben.“ (S.362.) „Auch ein Mann wie
Luther, der für seine Zeit die von Gott gewollte Wahrheit persönlich bezeu-
gen soll, kann für anderes Geschriebenes, welches für seine Zeit keine Bedeu-
tung hatte, keinen Sinn haben; es regiert eben Gott und sein Geist, nicht ein
Bibelspruch. 18.533.)
67
a Kritik erstreckt sich auf das ganze Chris tentu m, wie
mann
"Es UNISR
ar
Zu dem, was Luther nach Blumhardt nicht gesehen hat, gehört
ohne Zweifel die Botschaft vom kommenden Reic heGottes, die
Hoffnung. Dafür hat die Rechtfertigung durch den
Glaubenallein eine Stellung bekommen, die nicht der Wahr
heit der ganzen Bibel entspricht und die heute einer Berichtigung
und Ergänzung bedarf. An dieser Stelle wird Blumhardts Wider-
spruch gegen die „neue Theologie“ mit ihrer Erneuerung der Recht-
fertigungslehre besonders scharf und fundamental. So wenig als
wir bestreitet er deren Kern und Wahrheit, aber er weist ihr eine
andere Stellung in der ganzen Wahrheit an.
„So ist mehr bei uns das Bestreben aufgekommen, selig zu werden, als das
Bestreben, das Reich Gottes zu_sehen, und durch alles hindurch ist das als
oberstes Verlangen und Sehnen in den Herzen gewesen: O nur selig, nur selig!
... Es ist dieses Sehnen entschuldbar, .. . aber doch müssen wir es von uns
wegbinden lassen, die Binde von unseren Augen, dass wir vor allem erkennen:
das Reich Gottes ist's, das wir erstreben, sollen, und im Reich Gottes erst
haben wir die rechte Seligkeit. Wollen wir zuerst die Seligkeit unddann
das Reich Gottes, so wird keine Klarheit werden auf Erden, sondern des, Jam-
mers wird immer mehr werden und der Dunkelheit wird nicht gewehrt ...
Darum hat Gott eine neue Anregung gegeben und hat unser Herz bewegt, dass
wir hinfort laut in die Welt hinausrufen: Nein, liebe Christen, wir wollen
jetzt nicht an unsere Seligkeit denken, wir wollen nicht das Gute zuerst für
uns suchen; wir wollen Knechte sein, wir wollen seine Seligkeit suchen,
seine Ehre, sein Reich! Dann wird uns schon das Unserige zufallen. Denn
wir wollen nicht uns zunächst in Sicherheit bringen und dann zufrieden sein,
sondern wir wollen es uns zu Herzen gehen lassen, das Seuizen der ganzen
Kreatur, das Jammern und Stöhnen unzähliger Menschen — denen mit unserem
Seligsein wahrlich nicht geholien ist — wenn wir rufen und beten: „Dein Reich
komme!“ und wenn wir es mit heissem Kämpfen und Ringen und mit Drein-
gabe unseres eigenen Wohlseins, ja selbst unserer Seligkeit, erlangen, dass Gott
dreinsieht und über aller Schöpfung in Christo Jesu hervorleuchten lässt das
Licht des neuen Anfangs, mit dem Feuer, das den Boden dieser Welt durch-
fressen wird, dass das Fleisch und das Sündenwesen dieser Zeit vergeht und
der Geist aufkommt in der Ruhe, welche verheissen ist.“ (S.88 und 89.) „Es
ist ungemein deprimierend, wie ein ganz kleines Wörtchen solche Verwirrung
auf Jahrhunderte hinaus anrichten kann. Weil Luther gesagt hat: Meine Ge-
rechtigkeit suche ich im Glauben, hat die ganze lutherische Kirche einen fal-
schen Weg eingeschlagen.“1) (S.147.) „Darum rufe ich euch allen zu: Ver-
gesset euch selbst und gedenket des Reiches Gottes!“ (S
99.) „Die Gerechtigkeit Gottes muss in die Welt hinein, sonst nutzt alles Chri-
stentum nichts.“ (S.436.) „Nun aber antworten mir aber gleich viele Leute:
Sehet einmal den an! Jetzt soll man wieder Werke tun! Der ist ja katholisch
geworden! — und wie die Leute reden, die immer nur den Sonntagsrock an-
haben wollen. Aber rede einer, wie er will, der Arbeitskittel muss u wi
der her, und gottlob, es gibt viele Leute, denen die Sonntagsarbeit nicht ir
genügt, die wir doch nur zu unserem Vorteil haben. Es wacht ei a
Geist auf, und viele Menschen haben schon den Drang in sich — Be
auch noch nicht wissen, wie sie es treiben sollen —: aber sie woll nd r
ee den ... . Und wer Augen hat, der sieht es und Den
mit Hingabe an das Reich Gottes sich selbst zunächst vergisst und brennend
1) Thurneysen meint, Blumhardt habe
standen. Das ist mir schon zweifelhaft; sic
dessen Mitte er lebte, nicht missverstanden.
Luther in diesem Punkte mi
missver-
her aber hat er das Luthertum, in
68
Wort nic
denn es muss
nen gescheiten Ge-
ınmal nur hunc er!
'eitausend Jahre g
indern, sonst ko
illst du dich da ni
ür mich, sondern ich für den lieben Gott! Und wenn ich in
o soll es mir recht sein, wenn mich der liebe Gott hinein-
Ri ? 5 Es ist begreiflich, dass bei dieser Stimmung Blumhardt das Wort
Br ‚der Gnade fast ebensowenig hören mag, wie das von der
Seligkeit, obschon er seine Wahrheit selbstverständlich nicht ver-
E kennt... “ ee st
„In Zion [d.h. in der wahren Gottesgemeinde] ist alles auf Gerechtig-
_ keit bedacht; es ist also ein anderer Ort, als die Christen haben. Die Christen
sehen immer nur auf Gnade, die Zionsleute auf Gerechtigkeit. Das ist ein Un-
terschied. In Zion will alles Volk Gericht und Gerechtigkeit, das ist die Freude
3
3
der Zionsleute; man sucht zunächst für sich nichts Gutes, man sucht nur das
B
Recht Gottes.“ (S.572.) „Wie ist’s möglich, dass man jahrhundertelang von
Gnade reden mag, als ob Gnade das Ziel der Wege Gottes wäre.“ (S.125.)
„Was soll ich dir, mein Gott, für Opfer schenken?
u - Ich will mich ganz in deine Gnad’ versenken.“
In diesem Vers ist die wichtigste Frage ausgedrückt, auf die es ankommt: „Was
- sollen wir opfern?“ Aber die Antwort hier ist falsch; denn das ist kein Opfer:
- sich in die Gnade versenken. Das ist gerade, wie wenn man zu einem guten
Freund sagen würde: „Lieber Freund! Was soll ich dir opfern? Ich will mich
in dein Haus setzen und mich recht gütlich darin tun!“ (S.149.)
Es liegt selbstverständlich auf dieser Linie, wenn Blumhardt die
Bedeutung des Menschen und des menschlichen
Tuns für das Reich Gottes ganz anders einschätzt, als die soge
nannte Barthsche Theologie, die leidenschaftlich drauf aus ist, sie
zu vernichten:
„Wir wollen ihm [d.h. Christus] helien, wir wollen keine Faulenzer sein
als Christen, die nichts wollen, als [geistlich] schmausen, sondern wir wollen
arbeiten, wir wollen leiden, wir wollen dulden, ja wir wollen auch sterben in
unserm Herrn Jesus, und unsere einzige Sorge ‚sei nur die, dass sein Werk
fortgehe, dass die Ehre Gottes ausgebreitet werde über alle Himmel, über alle
Menschen und über alle Tiefe.“ (S.36.) „Es darf uns ein Druck sein und eine
= Beschwernis, wenn sich für das Volk Gottes auf Erden nichts zum Tun
machen will, durch welches man mit der ganzen Person Gott entgegenkommt;
denn man spürt es wohl, dass auch unsere Hofinung zu Gott in Christo auf die
Erlösung der Schöpfung von ihrem Seufzen nur dann gleichsam emporsteigt,
wenn wir auf solchem Wege sind.“ (S.134.) „Im Himmel macht es immer
grosse Freude, wenn jemand etwas tut, sei’s auch etwas ganz Kleines, wenn
man nur sieht: der denkt an nichts anderes, als dass er allezeit und überall
gehorsam werde irgend einer Wahrheit von Gott, gehorsam einem richtigen
Wort, welches ihm ins Herz fällt. Ich möchte sagen: Der ganze Himmel spannt
darauf, solche Jünger zu haben; Beter hat er genug, Andächtler ‚hat er genug;
Disputierer und Rechthaber hat er übergenug, aber Täter hat er nicht genug.“
(S. 249.) „Sie meinen, da komme einmal etwas vom Himmel her, wodurch mit
einemmal wie mit einem Zauberschlag alles anders werde, und unterdessen sei
es erlaubt, das Leben so gehen zu lassen, wie es eben geht, wenn man nur
69
1, endlich umkehren, du dum-
ken: Gerade umgekehrt muss
Spy 1 ee ee
$ : in soweit,
dabei seine geistlichen Verrichtungen beibehalte. ne ee Ver:
dass man höchst geistliche Leute antrifft, welche in schau in a
hältnissen und ungerechten Lebenslagen sich befinden, ohn al als Schwin-
rühren, hierin etwas zu ändern. Deren Glaube könnte aber einm Br he
del bezeichnet werden müssen . . . Soweit wir an uns ah er vs
LAT nr ns 348.) en es st heutzutage ein
i ir ihm den . 348.) » > s
a nie, Den sich herzugeben, weil es erst neu ae
i a
N en er ae Ey Predigten od ei:
erloren gegangen. .. . n meint, mit Ki „und
Kan sei er damit ist's aber nicht getan.“ (S. 253.) „Wo ihr he ei
Leben das Rechte tut und das Unrechte verleugnet, da ist das Reich = r
sonst nirgends.“ ($.254.) „Wollte Gott, ich könnte gar nichts mehr von he
logie und hätte bloss Beweise des Lebens, nur auch in meinem Haus, so =
es könnte auch den Einfältigen und den Hungernden und Dürstenden Br
noch offenbar werden, dass Jesus nicht mit Ansichten die Welt erneuern will,
sondern mit Taten.“ (S.375.) „Alle Welt spannt jetzt darauf, dass das Christen-
tum auch etwas leiste in den brausenden Wellen der menschlichen Gesellschait.
Aber was ist Christentum? Christus soll etwas zu sagen haben, und wer
Glauben hat, der richte sich auf Christus, der zum tatsächlichen Leben für
Gott führen will.“ (S.255.) „Faulenzer ziehen den Schlairock an. Wer arbeiten
will, der zieht womöglich seinen Rock aus, macht sich hemdärmelig, um recht
gewandt, frisch und lebendig bei der Sache zu sein. Es gibt Arbeit für Gott,
die muss ausgerichtet sein mit gegürteten Lenden, nicht im Sonntagsrock‘... .
Befriedigung gibt doch nur die eigene Arbeit für Gott, und das ist Werktags-
arbeit, für welche wir gegürtet sein müssen, um mit Anstrengung, oft gegen
die ganze Wucht der Welt, etwas zu tun, was nach dem Sinne Gottes ist. Es
gibt eine Ausrichtung praktischer Dinge, die der Wahrheit und Gerechtigkeit
des Reiches Gottes aufhelfen, und dafür müssen wir mit dem ganzen Menschen
zur Hand sein.“ (S.498.) „Nehmet euch selber wichtig; ... . wenn keine Leute
da sind, in denen Jesus leben kann... da ist an uns die Schuld, wenn’s ins
Stocken kommt und nicht richtig läuft.“ (S.194.) „Es gehört auch zur Regie
rung Gottes, wenn es... . durch menschliche Kräfte ein wenig Tag wird.“
(S.231.) „Es sagen mir viele: „Du meinst immer, wir könnten etwas machen;
was können wir Menschen machen? Das Reich Gottes kommt von selbst.“ Da
weise ich aber auf das Wort hin: „Dein Glaube! .. . Dein Glaube hat dir
geholfen, der bricht durch; den müssen wir finden.“ (S.297.) „Wir geben uns
oit der Meinung hin, Gottes Sache laufe immer gleich fort, das sei ganz einer-
lei, wie wir uns benehmen. ... An die Möglichkeit eines Stillstandes der gau-
zen Sache, wenn die Berufenen nicht richtig stehen, denken wenig Leute.“ (S.
337.) „Es ist [mit dem Tun der Menschen für das Reich Gottes] gerade wie
wenn eine Festung, die in Feindeshand ist, wiedererobert und dem Vaterland
zurückgegeben werden soll. Wenn nun in dieser Festung Leute sind, die im
Stillen immer auf die Erlösung warten, auf den Sieg-.des Vaterlandes, so helfen
diese durch ihr blosses Dasein, durch den Geist, in dem sie da sind mit dass
der Platz dem Vaterlande doch gleichsam gehört. Durch ihre Tränen und ihre
Sehnsucht, durch ihren Hunger und ihre Armut, während der Feind im Lande
ist, helien sie geistig mit und sind Vaterlandsfreunde.“ (S.484.) „Mit Bezie-
hung auf unsere Rettung ist der liebe Gott sozusagen gebunden. Was wir ihm
tücht sale Hand geben, kann er nicht tun.“ (. 580.) „Das, meine Hdben
Freunde, muss uns heute ans Herz gelegt werden: Ihr seid Mithelfer Gottes
werdet elend zugrunde gehen, wenn ihr nicht wollt mithelfen.“ (S.
1) Wenn man uns einen Vorwurf daraus macht
j 2 1 dass wir etwa davon reden
wir sollen „Mitarbeiter“ Gottes sei B = Y
gleichen Verdammnis. ein, dann ist also Blumhardt in der
70
chen Gottund Weit
seins“, aber die ganze Leidenschaft und die ganze
e: chkeit Blumhardts am entgegengesetzten Pol: in der Be-
hauptung der „Immanenz“ Gottes, (diese als Ziel verstanden) des
Kommens Gottes in die Welt, seines Eingehens in die Welt, im
Sinne des: „Das Wort ward Fleisch“, in der Wirklichkeit Gottes
' auf Erden durch sein Reich. Zwar wiederhole ich gerade an diesem
_ Hauptpunkte auch, dass in der Periode, die dieser Blumhardtband
- mit seinem Grundmotiv: „Sterbet, auf dass Jesus lebe“, wieder-
spiegelt, auch die Grundtendenz jener Theologie bei Blumhardt
stark zur Geltung kommt, wie sie denn überall und immer die
Voraussetzung seines nach der andern Richtung verlaufen-
den Denkens und Wollens bildet; aber diese Richtung ist eben
schon hier ganz anders. Ich lasse wieder Blumhardt selbst reden.
„Durch Israel soll die Erde Gottes Land werden, ein väterliches Erbe den
Kindern, welche daraus alle Gaben des Lebens nehmen konnten. Von oben und
- von unten, sozusagen vom Himmel und der Erde her war dieser Jehova zu er-
warten als der Schöpfer Himmels und der Erde. Es gehört zur Wahrheit Got-
tes, dass das Leben der Menschen auf Erden nach allen Richtungen hin sich
göttlich erweise. Das irdische Leben in irdischem Treiben und Arbeiten soll
_ „nicht weniger göttlich wahr und berechtigt sein, als die innerlichen Schwin-
gungen des Geistes .... Darin besteht die Vollendung des Reiches Gottes, wenn
auf Erden Gottes Wille geschieht wie im Himmel.“ (S.301.) „Das Reich Gottes
— muss zunächst in den Sumpf der Welt hinein. Da wollen wir Pfähle schlagen
und darauf hinstehen, da wollen wir Bretter darauf legen und dann dort woh-
nen. Und wenn alles wogt und braust um uns her und ängstlich aussieht — in
den Sumpf der Welt hinein wollen wir das Reich Gottes bauen helfen und emsig
sein darin, bis Gott den Sumpf festgründet, auch unter unserm Schreien ... .
und wenn’s gerade über der Hölle ist und über dem Tod — mitten darauf wol-
len wir das Reich Gottes pflanzen, und siegreich muss es sein, mag’s kosten, was
es will.“ (S. 327.) „Die ständigen Glieder [unseres Hauses] sind darin einig, dass
wir nicht durch viel Anhören von Predigt und Andachten Gott vornehmlich
dienen können, vielmehr durch ein besseres Tun, das ins einfache Leben hinein-
reicht. Denn nicht ein Efklimmen von geistigen Höhen in Worten und Gedan-
ken soll Gottesdienst heissen bei uns, sondern das Leuchten der Herzen im
"Leibesleben und das brennende Bemühen, da wo gelebt wird, Gottes Ehre zu
bezeugen; das sei unser Gottesdienst. So müssen wir uns allerdings gleichsam
——- umdrehen und eine andere Richtung einschlagen, und zwar diejenige, die von
‘Anfang gemeint war, als Boll gegründet wurde. Da sollte nicht eine neue Pre-
digtstation, sondern eine neue Lebensstation gegründet werden.“ (S.
445.) „Es handelt sich [jetzt] darum, Netze zu spinnen, um die Men-
schen zu fangen, aber wohlverstanden: nicht, um sie zu -bekehren —
bekehren werden sie sich nie — aber um die Menschheit zu um-
klammern, dass sie gleichsam in Zwang und Eisen geschlagen wird. Jetzt
muss es ein Christusvolk geben, das alle die Ratten und Mäuse, die Tiger und
die Raubvögel der Menschenwelt zu umklammern versteht, um ihnen zu sagen:
71
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SOHN BR KEN EL er ri fr HR EZ Zu u EEE en Be Li % N te Al: 17
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t haben wir euch. .. . Es geht aufs Gericht los, auf die Krisis, nic 1
Be aıns — das ist auch Ins verkehrt, dass wir Gericht und Ve
immer verwechseln! — sondern auf eine Krisis, In welcher es sich a -
delt: entweder hörst du, Menschheit, auf für die Erde, oder du lässest dich um-
wandeln: für die Zwecke Gottes.“ (S.515.) „Alle Fragen, in welchen wir... .
in unserer Zeit stehen und durch welche wir bewegt werden, gipfeln in der
. Frage: Haben wir einen wahrhaftigen Gott oder nicht?“ (S.291.) „Der Geist, der
Jesus und die Herrlichkeit Gottes in Jesus auf Erden — dick unterstrichen:
auf Erden — tötet und nicht leiden will, der muss erst überwunden wer-
den.“ (S.390.) „Wir müssen auf den Boden, auf den Jesus getreten ist, und
das ist der Boden dieses irdischen Lebens.“ ($.416.) „Hüte dich vor einem
Winkei! Hüte dich vor deiner Kleinlichkeit und suche die Welt — in der Welt
ist Jesus zu finden.“ (S.506.) „Wir haben nichts anderes zu tun, als uns in
dem zu stärken: Wir wollen die Verpflichtungen auf uns nehmen, die uns in
der Nachfolge Jesu Christi auferlegt sind, dass wir der Menschen welt
den Krieg erklären, an uns und an anderen, damit wir in die Gottes welt
hineinkommen — nicht in den Himmel — der geht uns zunächst nichts an —
sondern hier, auf Erden.“ (S.507 und 508.) „Es ist ein Wort vom Himmel:
Jesus soll leben, und zwar hier auf Erden!“ (S.541 und 542.) „Nehmet’s
wichtig! Unser Tun und Leben gehört der Erde, und mit jedem Atemzug, mit
ganzer Lust und Freude sollen wir ihn angehören. Sie ist kein so verzweifelter
Boden, wie man immer meint. Hier kann viel gearbeitet werden; mehr kann
hier für Gott geschehen, als wenn hunderttausend selige Menschen sterben.“
(S. 194.)
Freilich erlebt Blumhardt damit, was Andere, die diesen Weg
gehen.
„Wenn man heute mit warmem Herzen dem Reiche Gottes Vorschub lei-
sten will und den Menschen begegnen mit hofinungsvollen Gedanken: „Euer
Gott kommt, denn er lebt! .... dann heisst man einen einen „Optimisten“ (man
muss ja einen Namen haben) oder heisst einen einen „Schwärmer“ oder heisst
einen einen „talschen Propheten“ oder gibt einem wer weiss welche Namen.!)
. „.. Aber, ihr Lieben, reisset euch los von diesem Unglauben, denn es ist das
eigentlich ein Tribut, welchen wir der Sünde und dem Tod zahlen Tag für
Tag. .... Es ist die grösste Schmach, die wir unserem Gotte antun können,
wenn wir sagen: „Hier auf dieser Erde wird ewig nichts.“ (S.385 und 386.)
„Das Göttliche ist allezeit bereit, es fragt sich aber, ob du bereit bist.“ (S. 556.)
So wird das Wort Fleisch, wird Gott Herr und Wirklichkeit auf
Erden — in Jesus! Das ist der Sinn der Losung: J !
\ 3 g: Jesus! Jesus
ist der Christus. Darum ist das Motiv des ganzen Predigtbandes:
ae Fa Jesus lebe!“ Denn in ihm ward das Wort Fleisch,
wie 5 an a und will, dass die Erde voll werde von Gottes
; e a ic a T as ist vielleicht der allerentscheidendste Punkt:
I nn x Sud a in dem uns die Evangelien melden, nicht
ee, n ristus — Jesus als der Mensch, in dem uns
ott otienbar wird, der Jesus, der seinen Fuss auf diese Erde setzte
der unter Kranken, Armen, Zöllnern und Sündern wandelte. das
Brot und die Fische vermehrte — Gott unter den Menschen. Hier
tut sich der letzte, tiefste Unterschied zwischen Blumhardt und uns
und der „neuen Theologie“ auf: Soll in letzter Lini
Paulus gelten? Damit werden wir freili T Linie Jesus oder
Blumhardts gewiesen. reilich auf die weitern Stadien
1) Z.B. „Idealist“ oder „Evolutionist“.
72
"
bewei
‘ellen aber beweisen, wie mir scheint, klar genug,
lumhardts denn doch ein anderer ist, als der, we-
ıten Barthschen Theologie lebt, und dass diese
keinen Fall etwa gegen uns Andere auf Blumhardt berufen
ig: at. e)
sen, W
E:: Das ist, wie ich zu Beginn dieser Erörterung bemerkt, in mei-
nen Augen von grosser Tragweite. Doch möchte ich noch einmal
_ zu erläutern: versuchen, wie ich es meine. u ALT RE
Einmal: über Recht und Wert der sogenannten Barthschen Theo-
logie soll damit kein Urteil gefällt werden. Es ist ja wohl nicht
_ ihre Aufgabe, sich vor Blumhardt zu rechtfertigen. Sie mag gerade
so wie sie ist, ihren guten Sinn haben. Dem will und kann ich hier
_ nicht weiter nachgehen. Was sie meiner Ansicht nach vermeiden
sollte, ist bloss der Versuch, gewissen Gestalten der Vergangenheit,
- heissen sie nun Kierkegaard, Dostojewski, Blumhardt oder Paulus
_ und Calvin, ihr Kleid umzulegen. Eine ehrfürchtige Auseinander-
. setzung mit ihnen wäre sicher viel fruchtbarer, während in solchen
Methoden etwas Gewalttätiges liegt, das sich rächen kann.')
Ich möchte aber noch einmal feststellen, dass auch wir Andern
_ es vermeiden müssen, Blumhardt gerade für unsere besondere Art
- in Anspruch zu nehmen. Wir dürfen uns gewiss auf ihn berufen,
aber nicht im Sinne der Ausschliesslichkeit, nicht im Sinne eines
gewissen Dogmatismus und Methodismus. Vielmehr möchte ich
mir, eine frühere Andeutung aufnehmend, den Vorschlag erlauben,
_ dass wir versuchen sollten, uns gerade im Namen unserer gemein-
samen geistigen Abstammung von Blumhardt (die sich ja weit-
gehend auch mit der Abstammung von Kierkegard und Calvin ver-
bindet: im Reiche des Geistes gibt es vielfache Vaterschaft!) zusam-
_ menzufinden, im Bewusstsein einer Einheit, die schliesslich doch
viel wesentlicher ist, als die Unterschiede. Wenn wir alle auf die-
sem Boden stehen, sollten wir dann Grund haben, einander zu be-
kämpfen? Freilich nur dann nicht, wenn wir alle bereit sind, leben- e
dig zu bleiben und gerade auch von diesem Meister immer wie-
der zu lernen. Oder sollte uns nicht gerade er gross genug sein,
1) Fast richtiger, freilich viel weniger sympathisch, als Thurneysens Me-
thode erscheint mir darum Günther Dehns direkter Angriff auf die Blum-
hardt in der Form, dass er sie, nicht mit diesem Ausdruck, aber der Sache nach,
des Titanismus beschuldigt. Titanismus ist ja eines der Stichworte für
Ketzer, die in dieser Schule eine Rolle spielen. Es konnte nicht anders sein,
als dass sich diese Wendung einstellte. In der Tat: Wenn irgend jemand, so
musste Blumhardt von dieser Seite des Titanentums beschuldigt werden. (Vgl.
Neuwerk, Februar 1926: Günther Dehn: Christoph Blumhardts Kampf
um Gott.) Nur glaube ich, dass in diesem Vorwurf sich mehr eine Schwäche
der Theologie, die ihn erhebt, kundtut, als eine Schwäche der Sache oder Per-
son Blumhardts. Ganz sicher könnte man jenen Vorwurf auch noch ganz an-
derswohin richten — wenn man einmal auf diesem falschen Wege ist!
73
m
el
”
er ( zu ihm uns in der Demut vor (
a
& st
Es steht nicht im Widerspruch damit, wenn ich den Wunsch
ausspreche, dass wir alle auch wieder uns von Blumhardt be
freien müssen. Denn das geschieht in seinem eigensten Sinne.
3 Nichts wäre ihm schmerzlicher gewesen, als ein, wenn möglich noch
0. in sich selbst zerrissener, Blumhardtismus, eine Blumhardttheologie,
Be in „Gruppen“ zerfallend, ein Streit um die rechte Blumhardtausle
gung. Ich könnte mir denken, dass er, wenn er das erleben müsste,
mit einem jener sehr derben Worte, die ihm bei solchen Anlässen
zur Verfügung standen, dazwischen führe. Wir wollen darum auch
ihm zuliebe von allem Streit um die rechte Auffassung Blum-
hardts lassen, wir alle, die wir irgendwie mit seiner Sache verbun-
den sind. Was er selbst wollte, war ja am allerwenigsten seine eigene
Person oder gar Theologie, sondern die Sache Gottes in der Welt.
Gott war ihm so gross, dass es ihm Bedürfnis, ja Zwang war, in
allem Leben irgendwie eine Bewegung auf seine Wahrheit und
sein Reich hin zu erkennen und gelten zu lassen — was selbst-
‚A verständlich ein kräftiges, ja scharfes Nein am rechten Orte nicht
Br ausschloss. Vor allem war es ihm das innigste Anliegen, die Frei-
TE heit Gottes aus der Gebundenheit der Welt herauszukämpfen. Ich
Ü weiss, wie er einmal in bezug auf ein bestimmtes Gebiet dieser
Freiheit erklärte, dass er dafür mit blutigem Schweiss gekämpft
habe.) Er liebte nicht Anhänger, sondern Freie. Es war ihm durch-
aus klar, dass Menschen, die von der gleichen Gesinnung getragen
seien, anderswo stehend ganz anders wirken müssten als er. Ja,
er war froh darüber, dass es solche gab, denn er war sich, wie ich
genau auch wieder aus seinem eigenen Munde weiss, gerade in der
letzten Periode der Schranken seines Wirkens schmerzlich bewusst.
Es muss ja auch zugestanden werden, dass er überhaupt seine
Schranken hatte. So z. B. im politischen Urteil, worin wir uns dar-
um am allerwenigsten an ihn binden dürfen, aber auch in viel wich-
tigeren, fundamentaleren Dingen. Er war Wahrheit, aber nicht die
Wahrheit. Darum wäre es ganz verkehrt, wenn wir bei unserem -
Tun und Lassen allzu ängstlich fragen wollten, was Blumhardt dazu
sagen würde. Wir sollen in Freiheit Gott fragen, und gerade wenn |
5 wir das tun, gehen wir am treuesten in Blumhardts Fusstapfen. So |
..,) Wenn Karl Barth im Römerbrief von einem Hauch phili rG
mütlichkeit sprich 1 philisterhafter Ge-
betonen, u ee re dit ausgegangen sei, so ist jedenfalls zu
: ve e alle F
lich“, um vom „Philisterhaften“ zu Anderes He „gemüt-
M
74 ö
g
Is „echt“ anerkenne oder nicht. Ich beziehe meine
von ihr. Kurz: ich habe immer Wert darauf ge-
bar zu sein und gedenke dabei zu bleiben.
um hielte ich es für falsch, wenn wir uns darüber streiten
am kompetentesten sei, "Blumhardt richtig auszulegen
wenigsten an. Nichts ist der. Sache der Grossen im Reiche Gottes
se und je hinderlicher gewesen, als ein solches sei’s mehr sei’s
. weniger berufenes Hüten ihres Erbes. Nirgends pflegt ihr Geist
stärker vergewaltigt zu werden, ais in solchem Streit um das Erbe.
Solche Menschen haben überhaupt keine Erben. Gerade hier voll-
zieht sich eine rein geistige Zeugung und diese auf sehr paradoxe
Weise. Es kommt am allerwenigsten darauf an, ob man Blumhardt
„nach dem Fleisch“ gekannt, ob man mehr oder weniger oit und
lang in Boll gewesen sei und anderes derart. Dass Gottes Sache Boll
zerbreche und darüber hinaus weit und frei in die Welt gehe, war
- beider Blumhardt grosse Sehnsucht.
Also lassen wir den Streit um sie. Schliessen wir uns, jeder so
guter kann, um ihre Sache zusammen. Führen wir ihren Kampf
weiter. Ringen wir um das von ihnen Ersehnte. Seien wir: treue
Arbeiter. Helfen wir einander dabei, statt uns zu befehden. Werden
wir klein, auf dass Gott gross werde.
Aber das freilich steht mir fest: in diesem weiten, unpersön-
lichen Sinne verstanden bedeutet Blumhardt den Weg, der ganze
- Blumhardt — den Weg selbstverständlich nicht in dem Sinne, dass
er an die Stelle dessen treten sollte, der spricht: „Ich bin der "Weg,
die Wahrheit und das Leben,‘ nein, selbstverständlich nur in dem
Sinne, dass er den Weg weist, die Wegrichtung, worauf heute die
Sache Gottes sich vorwärts bewegt. Dass er aber das bedeutet,
dessen bin ich für meine Person ganz sicher. IERasaZ:
5 - Aussprache el):
Die Presse.
1. Eine Zeitung ohne Inserate.
Ich möchte zu der Aussprache über die Presse gern auch einen Artikel
von Dr. Erich Schairer, dem Redaktor und Herausgeber der in Stuttgart (Tü-
binger-Strasse 18) erscheinenden „Sonntagszeitung“, abdrucken, der den Titel:
1a)
tlich gleichgült ist, ob Be Bewisse at
Erbe zu hüten. Auf das Erbe“ kommt es natürlich am
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}
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BUNTER a euer TEN 2 Brunv
KR er te [x Ay IS fr ı we \ a”
uf h ” EN ur N
SEES. N; 97 €) -
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..Mein Spleen“ trägt. Dieses auch sonst ganz ausnahmsmässig charaktervolle
DR und tänlere Blatt Ver zichtet nämlich auf Inserate, weil das In sera TEE das
ist, was der Artikel darstellt. Was das bedeutet, kann jeder ermessen, rn
} wie stark Zeitungen von Inseraten leben. Der Artikel lautet, mit einer Auslas-
sung, folgendermassen:
: MeinSpleen. j
Der Pariser Korrespondent der „Vossischen“ hat sich kürzlich, im An-
schluss an eine gerade aktuelle Skandalgeschichte, in seınem Blatt ausführlich
über die Unfreiheitder PresseinFrankreich aus resprochen. Die
französische Presse sei vollständig in der Hand dreier Monopolisten: der Nach-
richtenagentur Havas, der Inseratenfirma Renier und der Zeitungshand-
lung Hachette. Diese drei Diktatoren seien in der Lage, jeder, auch der
grössten Zeitung bei Strafe des Ruins ihren Willen aufzunötigen. Sie hätten den
„Quotidien“, der anfangs unabhängig war, in die Knie gezwungen; : soeben
seien sie im Begriff, dem eigensinnigen Millionär Coty seinen „Ami du Peuple“
abzuwürgen (es ist aber noch nicht so weit, Coty hat unverschämt viel Geld);
und dann werden Beispiele erzählt, wie durch Inseratenboykott jegliche oflene
Kritik, namentlich an wirtschaftlichen Mißständen, aber auch sogar die von
Theateraufführungen, unterdrückt werde. Ein Journalist hatte es gewagt, zu
behaupten, der Genuss von Champagner zum Dessert sei für’den Magen nicht
bekömmlich; er flog am andern Tage, Inserate wurden abbestellt und das Blatt
hatte eine Schadenersatzklage des Verbandes der Champagneriabrikanten auf
dem Hals. Ein anderes Blatt hatte einen Artikel über die Kinderarbeit in der
Glasindustrie aufgenommen. Es wurde, ebenfalls durch Drohung mit Schaden-
ersatzklage und Inseratenboykott, gezwungen, in einem neuen Artikel wahr-
heitswidrig das Gegenteil zu behaupten.
Scheussliche Zustände, wird der gute Leser der Tante Voss gedacht haben.
Aber sind sie bei uns inDeutschland anders? Höchstens dem Grad, nicht
dem Wesen nach, kann ich versichern. Die Beherrscher des Zeitungswesens
Nachrichtendienst und Inseratenvergebung, sind noch nicht
ganz monopolisiert; die Verleger selber sind besser organisiert als in Frank-
reich, was aber wenig zu bedeuten hat; der Zeitungshandel spielt in
Deutschland bei weitem nicht die Rolle wie dort, wo das feste Abonnement viel
weniger üblich ist als der Einzelverkauf auf der Strasse. Aber wer schon etwas
von Hugenberg gehört hat, der hat vielleicht eine Ahnung, wie die Nach-
richten zustande kommen, die ihm sein Lokalblatt ( unabhängige Schriftleitun
mit eigener Berliner Redaktion“) serviert. Und über die Abhängi keit auch d :
deutschen Zeitungswesens vom Inseratenteil liessen sich Bänd R Be.
weisen daherbringen, wenn die armen Herren Kollegen reden dürfte Diese Ab-
hängigkeit erstreckt sich auch auf die sozialdemokratisc Ha a
an kommunistische Presse, der man es vielleicht nicht zutrauen
Man hat mich in der letzten Zeit oft i :
men Spleen fallen lassen und Inserate bee an
= 5: une wie wir sie haben, wäre natürlich de Pb.
ionskrait der 5.-Z. gross genug, um eine Menge von Inserat i :
könnte dann, heisst es, das Blatt erwei en anzuziehen. Ich
Mark mehr verdienen, so dass ich erde we o en
brauchte, die ich zahlen muss, obwohl ich behaupt h es nicht so zu seuizen
zu ea wie die anderen Zeitungsverleger Pie Sen So
ber ich will hart bleiben. I % jet -
len und will auch im ne een Rn we
i er D gang n Grundsa
nicht fallen lassen. Schliesslich ist der Stolz auch ein bisschen etwas wert, mit
dem ich behaupten kann, die einzige deutsch er b
haben, die auf die Einnahmen aus Inn ee RE
Erich Schairer.
VD
76
}
ams unterzeichneten Erklärung heisst es u. a.:
„Wir glauben, gegenüber dem Versuch, die „Pressa“ von heute als Kultur-
macht ersten Ranges aus- und darstellen zu wollen, die Verpflichtung zu haben,
_ das bewusst verschwiegene Wort von dem, was die „Pressa“ wirklich ist,
-
E
u
\
‚sagen zu müssen. Wir können nicht anders, als in der Veranstaltung der
„Pressa“ ein Schaustück zu sehen, das auf Profit berechnet ist, dem Profit dient
und eben den Profit zum Richter über das Unternehmen macht. Es gehört zu
der alle Grenzen und Ehrfurcht niederlegenden Geschäftstüchtigkeit, diesmal
das Geschäft mit dem Wort zu machen; es gehört zu der Umnebelung, das
‚Geschäft, das Amüsement mit dem klingenden Namen der Kultur zu drapieren.
IOTM
Eine solche „Kultur“ verdient den Namen nicht. Das Unternehmen ist unwahr,
verführerisch und nähert sich in vielen Stellen der Gotteslästerung. Einen Sinn
‚hat es und den erkennen wir an: es offenbart das ganze Irrsal unserer Zeit.
Weil dieser Sinn dem nicht durch Zivilisation betäubten Menschen offenbar ist,
können wir das Unternehmen aktiv in keiner Weise unterstützen. Es ist Irr-
lehre der Kulturmenschen, durch Aktivität des Mittuns womöglich sich bessern
zu wollen. In der Monotonie des Tuns fehlt überhaupt das Organ, den Ein-
spruch zu sagen und zu Gehör zu bringen, wenn nicht Abstand genommen
_ wird, Abstand, der nicht in sektenhaitem Gerechtigkeitsdünkel, sondern aus der
schmerzlichen Verantwortung genommen wird, dass dem Volke durch den
Zivilisationsbetrieb die Seele geraubt wird.“
Auch in der Juni/Juli-Nummer des „Neuwerk“ hat, wie ich erst jetzt sehe,
Piarrer Adams sich zu dieser Sache geäussert. Er bemerkt dort: „Die
Erklärung steht gegen einen aktivistischen Zug in der neuesten Jugendführung,
die Jugend vorzeitig in die Gegebenheiten hineinzustellen, ohne ihr den Dienst
der Weisung zur Dämonie der Wirklichkeit zu tun“ ..... was zur Folge
haben kann, dass „alle Verantwortlichkeit dem Jetzt unserer Aufgabe gegen-
über abgleitet in kampilose Anerkennung einer für diese selben Menschen dann
mehr und mehr unproblematisch erscheinenden Wirklichkeit.“ Eine im Ange-
sicht gewisser Entwicklungen der Jugendbewegung sehr notwendige Warnung!
Dann heisst es von der „Pressa“ weiter: „Die Pressa muss als das seine innere
Unwahrhaftigkeit und Gebundenheit nicht verraten wollende und doch tat-
sächlich auf Schritt und Tritt verratende Kind des privatkapitalistischen Wirt-
schaftssystems erscheinen.“ „Gellissentlich ist alles ausgemerzt, das diese Seite
zeigen könnte. Kein Erzeugnis der Schmutz- und Schundliteratur, kein Wort
von der schmählichen Rolle, die die Presse im Krieg gespielt hat, kein Wort
von der beschämenden Haltung der Presse im Alkoholkampi, kein Wort davon,
wie „öffentliche Meinung“ gemacht wird.“ Besonders wendet sich Adams
auch gegen die Ausstellung des „Wortes“. „Dem Wort Gottes wird Richter-
kraft-und Heiligkeit dadurch genommen, dass es zum Ausstellungsobjekt herab-
gewürdigt wird.“ (Ich habe geschrieben: „Es gibt Dinge, die man nicht aus-
stellt.“) ..... „Es widerspricht dem Geist des Evangeliums Jesu, seine Bot-
schaft in das reklamehaft aufgemachte Unternehmen einer Presse hineinzu-
bannen.“ .... „Das Wesen des Heiligen Geistes ist durch eine Statistik der
Bir
"|
kirchlichen Sonntagspresse ebensowenig spürbar und dokumentierbar als der
Mächtigkeitserweis des Wortes durch Mitbeteiligung der das Wort predigen-
den Kirche an einer Ausstellung der Welt- und We tanschauungspresse. ;
Alles ganz auch meine eigene Ansicht.
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Tagung für Christentum und Sozialismus in Wien. y
Am 17. und 18. November des vergangenen Jahres fand die ersie öflent-
liche Tagung der religiösen Sozialisten in Wien statt. Der äussere Eriolg war
ein ausserordentlicher, fast überwältigender. Trotz bescheidener Werbetätig-
keit hatten sich sehr viele Interessenten angesagt und noch mehr am Eröffnungs-
abend, einem Samstag, eingeiunden; so viele, dass sie der grosse Saal der Be-
zirskvertretung (IX. Bezirk) nicht annähernd fassen konnte. Alle Vorräume
waren bis zum Rande voll; bis ins Stiegenhaus staute sich die Menge, so dass
sich die Leitung entschloss, im Hofe, unter freiem Himmel, eine Parallelver-
sammlung zu improvisieren, an der denn auch, ungeachtet der rauhen Jahres-
zeit, die Teilnahme eine sehr zahlreiche und intensive war. Auch am nächsten
Tage, der die Fortsetzung und den Abschluss der Tagung brachte, hielt das
Interesse an. Der Menschenstrom flutete zwar in seine Ufer zurück, aber ein
Verebben oder gar Versanden war nicht zu bemerken. Der religiöse Sozialis-
mus Oesterreichs ist damit eine Sache der Oefientlichkeit geworden, während
er bis dahin bloss im stillen, ja, fast im Verborgenen gewirkt hatte Dies iindet
ausı ee en er Zeitungen, die proletarischen wie
erlichen, die rechts wie die li ührli
Be De Fre Ircchten. nks stehenden, ausführliche, spaltenlange
. Vor allem natürlich die Presse der sozialdemokrati i
religiöser Sozialismus ja von Anbeginn nee Re et “;
noch: einverleibt ist, und die katholische, christlich-soziale Presse die sich a
Stellungnahme gedrängt sieht, weil sie in ihrem Besitzstande vielleicht so i
den Grundlagen ihrer Existenz, bedroht ist. Schon das Thema des Eröft ae
abends, das auch zweifellos zum grossen Teile den Eifekt der Ma Er
anne seibt hat, art an eo; ug: Kann der Katholik Sozialist seh? ZU
{ rage sprachen drei Redner: der Fü ER u
er ER Bauer (wohl zu Bra . ee
annten sozi ' ifü er: E . 4
nissen Parteiführer und trüheren Staatssekretär), der
i sorg r. Michael Pfliegler und der sozialdemokratis
tionalrat Dr. Wilhelm Ellenbogen. Otto Bauer Rn
Worte, in denen er seinen, den Lesern des „M ee .
Standpunkt mit Nachdruck und Wärme vertrat Da a
aus, begegnet dem katholischen Proletarier wie a
unwiderstehlicher Gewalt in den
dende Gebilde erblicken. Diese ihre E
! [ ntlalt ähiekei
a ne gerade dadurch beweisen, dass Sie nee en er:
stände und geschichtlichen Belastungen d
78
| Seelen so vieler
gangen sind. RE:
annung des Publikum,
liken, Dr. Piliegler.
atholizismus und Kirche in
- und einem ethischen; dem theoretischen der Weltdeutung, der Lösung des Welt-
- geheimnisses; dem ethischen der Erhöhung, Vergeistigung und Vergöttlichung
- unseres Daseins. In diesem Sinne sei Religion so notwendig für den Einzel-
nen, in welcher Form sie immer sich äussern möge, wie Atem und Herzschlag.
Aus dem Munde eines Parteiveteranen der österreichischen Sozialdemokratie
- klingt ein solch offenes und mutiges Bekenntnis jedenfalls erhebend. Im wei-
teren wollte Dr. Ellenbogen die Religion selbst von Konfession und Kirche un-
terschieden wissen. Er verurteilte die letztere nicht, aber er machte ihr übermäs-
siges Formelwesen und. Entiremdung von den Aufgaben der Gegenwart zum
Vorwurf.. Dieser Teil seiner Ausführungen war, obschon auch. er manche
Wahrheit enthielt, doch der schwächere und nicht geeignet, die Lösung der
schwierigen Frage des Abends herbeizuführen. Schliesslich wies er aui den
tiefen sittlichen und religiösen Gehalt des Sozialismus hin und forderte die
katholische Arbeiterschaft zum Eintritt in die sozialdemokratische Partei auf.
Gleichzeitig fand im Hofe die schon erwähnte Parallelversammlung statt,
in der ich, einer Einladung der Leitung folgend, als Erster das Wort zu einer
improvisierten Aussprache ergriff. Um für diese eine tragfähige Grundlage zu
schaffen, hielt ich es für das Richtige, die Anwesenden zunächst über Wesen
und Ziele des religiösen Sozialismus aufzuklären. In die lebhafte, fast stür-
mische Debatte, die sich entspann, griff später Otto Bauer ein, der auch diese
Parallelversammlung zum Abschlusse brachte.
Das Thema des nächsten Tages — es war ein Sonntagvormittag — lautete:
„Christentum und Proletariat.* Profi. Ude sprach diesmal die Eröffnungs-
worte, Er tat es mit seinem leidenschaftlichen Temperamente, das gelegentlich
den Rahmen der Versammlung zu sprengen drohte. Jeder Stand, jede Berufs-
gruppe müsse den Weg Golgathas gehen; nur so sei die Erlösung vom Uebel,
der Sieg des Guten auch im sozialen Leben, möglich. Nach Ude wurde mir
das Wort erteilt. Ich suchte, die inneren Triebkräite des religiösen. Sozialismus,
wie ich sie erfahren habe, darzulegen. Von seiten der Religion und von seiten
des Sozialismus. Religion ist Verbindung mit der Gottheit — Urgemeinschaft:
und die muss sich als solche auch im Verhältnis von Mensch zu Mensch zur
79
Geltung bringen. Der Sozialismus seinerseits c
ne er nicht bloss eine wirtschaftliche und politische Neuordnung,
sondern eine allgemeine Lebensform darstellt, die über die menschliche Sphäre
hinausgreift; Seren Sozialismus muss die tiefsten Wurzeln der Selbstsucht
austilgen, er muss auch die Isolation im Verhältnis zum Weltall überwinden.
So entdeckt der wahre Sozialismus in der Religion seine ewigen Quellen. Und
hier ist es vor allem die Christus-Forderung der absoluten Verkörperung
des Geistes, die ihn leiten soll. Die Arbeit für das Reich Gottes tritt ın den
Mittelpunkt. Wenn sich Jesus ganz besonders an die Armen gewendet und sie
selig gesprochen hat, so darum, weil er von den Gefahren des Besitzes — und
nicht Dloss des materiellen — wusste, weil er in den Armen noch unverbrauchten
Stoff, jungfräuliche Erde der Menschheit erkannte. Der Proletarier von heute
steht am exponiertesten Punkte der Gesellschaft, er hat die schwerste Last zu
tragen, er bedarf eben darum der höchsten Kraft, sie zu heben, die nur aus
Gott kommt. Gelingt es ihm, so hebt, erneuert, erlöst er die ganze Gesellschaft.
Dies ist jedoch bloss möglich, wenn er nicht allein den persönlichen, sondern
auch den kollektiven Egoismus überwindet, wenn er seine eigene Sache be-
wusst in den Dienst der grossen Gesamtheit und Gemeinschaft stellt; dann
wird er als Klassenkämpfer zugleich — Menschheitskämpfer: dann
wird er nicht allein von seinem Leid genesen, sondern die Krone des Lebens
erringen.
Nach mir kam WilliHammelrath zum Worte, der eigens zu diesem
Zwecke von Deutschland hierher gereist war.!) Hatte ich in der Hauptsache
von der Sendung des Christentums an das Proletariat gesprochen, so sprach er
von der Sendung des Proletariats an Christentum und Kirche. Auch er ging
dabei in gewissem Sinne von der Seligsprechung der Armen aus. Der Prole-
tarier ist heimatlos, besitzlos und rechtlos. Er ist in dieser dreifachen Hin-
sicht der Kreuzesträger des Niederganges unserer Kultur. Aber gerade darum
liegen die grössten Möglichkeiten und Verheissungen in ihm. Und es hängt von
ihm ab, sie zu erfüllen: diese Erfüllung eben bedeutet der religiöse Sozialismus.
Versteht man Marx recht und nicht bloss dem Buchstaben nach, so ist all dies
in ihm wenigstens als Anlage enthalten. Die Forderung der Selbsterlösung des
Proletariers besagt ja, dass er in sich zugleich die ganze Gesellschaft erlöst
indem er sie zur Gemeinschaft mitverantwortlicher und eben darum erst
bis ins Letzte solidarischer Menschen erhöht. Das ist die grösste und tiefste
Revolution, die es jemals gegeben hat; und auf sie kommt es gerade heute an
Wir stellen uns den Abgrund, an dessen Rande wir heute stehen, noch viel zu
gering vor. Wir glauben immer noch, dass es mit ein paar Reformen gescheh
ist. Aber es handelt sich um etwas ganz, ganz Neues. Es ist dies ir Tat der
Liebe, Erlösung und Befreiung oder marxistisch ausgedrückt: Be die
aus der tiefsten Not geboren ist. „Und wenn ich di e ee
1 „U n ich diese Symbole sehe, so sage
ich euch: Hammer und Sichel, Arbeiter und Bauern, das Proletariat. d h
einen Kreuzesweg, es trägt das Kreuz, und das kreuztragend Pre I tarı ak
wird uns erlösen.“ — Die Worte Hammelraths waren Von I b N >
er Wirkung. Eine weihevolle Stille herrschte im Sa ale Oo Be
as Schlusswort ergrifi und die Einheit des Proletariats im erossen
um das Menschheitsziel verkündete, Damit war die Tagung ar Ende. Fa
Ihr äusserer Erfolg steht ausser Zweifel. Ei
; . Ein sol i
nr nun einmal der Gang der Welt ist, zugleich Fee A u a:
ung des inneren Erfolges. Dass dies dem engsten Kreise der religiö ©
zialisten, der noch am selben Nachmittag zu einer Besprechung zus
3 ’
1!) Er steht der katholischen Jugendbewegung nahe, ist Verfasser zweier
bemerkenswerter Schriften, einer F « i
Soviet-Russland, das er bereist hat. neiitelten (und Eu Fa
das letztere Thema gehalten. Er hat in Wien auch einen Vortrag über
SO
seits wird immer deutlicher einsehen
Pr \\
—
"bewusst wurde, ist freilich als ein sehr günstiges Zeichen zu erachten. Es
ı in dieser Zusammenkunft zum einmütigen Ausdruck, dass der religiöse
Sozialismus bloss als ein selbständiges, freies und eigenlebiges Gebilde seine ihm
innewohnende Bedeutung entfalten kann. Er darf sich weder der Kirche noch
dem Marxismus verschreiben. Er würde seine Bestimmung schlecht erfüllen,
wenn er sie darin fände, die Massen wieder beten zu lehren oder doch die-
- jenigen, die es noch tun, vor den Uebergriifen des Freidenkertums zu schützen.
Diese Gefahr, die irgendwie in der Richtung einer Absorption durch den hier-
zulande so mächtigen Katholizismus — sei’s auch durch seinen edelsten Zweig:
die Neuland-Gruppe — liegt, erscheint durch die österreichische Bischoiskonie-
renz des letzten Jahres, welche sich gegen den religiösen Sozialismus summa-
risch und strenge entschieden hat, in der Hauptsache abgewehrt. Umso grösser
ist die Gefahr, die seitens der Parteiorganisation droht. Man hat hier nach an-
fänglicher Zurückhaltung der neuen Bewegung, trotz des freidenkerischen Pro-
testes, ein überraschendes Entgegenkommen gezeigt. Aber wohl mehr aus
taktisch-politischen Gründen, nicht aus innerer geistiger Umkehr, für die noch
keine Zeichen vorliegen — mag es Einzelnen wie dem Genossen Ellenbogen
noch so ernst um ihr Bekenntnis zur Religion sein. Man verspricht sich vom
religiösen Sozialismus, zumal in seiner katholisierenden Form, eine günstige
Einwirkung auf das Landproletariat, das sich den Werbungen einer religions-
_ und kirchenfeindlichen Sozialdemokratie spröde erweist. Man hofft überhaupt,
den so lange hochgezüchteten, nun aber unbequem gewordenen Freidenker-
eintluss zurückzudämmen. Nun ist es klar, dass der Sozialismus als Ganzes
durch diese innere Spannung beider Pole lediglich an Lebendigkeit gewinnen,
vor dogmatischer Erstarrung bewahrt werden kann. Allein das Ziel ist damit
noch lange nicht erreicht. Vielmehr handelt es sich um eine tiefe Durchdrin-
gung und Umgestaltung der sozialen Idee, um eine Revolutionierung der Revo-
lution von Grund aus. Mit den neuen Zielen müssen auch neue Methoden her-
ausgearbeitet werden. Vor allem gilt das für die Art der Agitation und Pro-
paganda; es muss vermieden werden, was nach Umwerbung und Umschmei-
chelung der Massen aussieht. Der proletarischen Wirklichkeit darf kein Ideal-
bild unterschoben werden; die ganze Spannung zwischen Wirklichkeit und Auf-
gabe, Gegenwart und Zukunit, zwischen dem Proletarier, wie er heute ist, und
dem Proletarier, wie er werden soll, muss gehalten werden; wenn wir nicht
wiederum einer charakterlosen Schwächung und Verwischung der Leitmotive
anheimfallen sollen. Pharisäische Selbstgerechtigkeit müsste die Arbeiter-
bewegung ebenso dem Verderben weihen, wie sie Adel und Bürgertum an den
Rand des Unterganges gebracht hat. Christus ist das Gericht aller: darum und
nur darum bedeutet er auch allen das Heil. Es ist mir klar, dass ein Durch-
bruch des religiösen Sozialismus bloss in dem Masse zu erwarten ist, in dem
er diese Erkenntnis auf sich selbst anwendet. Die reine Gesinnung, der Ein-
satz und Opfermut Otto Bauers und seiner Kampfgenossen bedeuten eine Ver-
heissung für die weitere Entwicklung. Sie haben neuerdings bewiesen, dass sie
nichts von den bestehenden grossen Organisationen und alles von der eigenen
Kraft erwarten. Und schliesslich erblicke ich den inneren Erfolg der Sache
vornehmlich darin, dass die Gefahren des äusseren rechtzeitig erkannt und
abgewendet worden sind. Oskar Ewald
8
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nanasasannniseannn
2. Aktiver Pazifismus.
K! 0 Aufgaben und Wege.)
3 ) A
- Bei einer näheren Betrachtung unserer Ziele und unseres We
müssen wir uns über die Voraussetzungen klar werden, von de
wir ausgehen. Wir sind, soziologisch gesehen, heute eine Sekte
Wir müssen aber aus dieser Begrenzung hinaus und uns zur B«& e.
wegung weiten. Es ist unzweifelhaft von grossem seelischem “
_ Werte, dass wir als eine Sekte begonnen haben, eine kleine Gruppe,
eine Ideengemeinschaft zusammengehöriger Menschen, von deren
Zuverlässigkeit man durchdrungen war, die ausgegangen sind, ver-
wandte Menschen zu suchen, diejenigen zu entdecken, die bereits zu
dieser Sekte innerlich gehörten. Wir sind aber an dem Punkt ange
langt, wo wir aus diesem Zustand der Sekte in den Zustand der Be
wegung übergehen, wo wir darauf ausgehen müssen, Menschen zu
gewinnen und zu werben, mit ihnen zu ringen und sie zu überzeu-
. gen, nicht nur sie zu finden und anzuschliessen.
Eine weitere grundlegende Erkenntnis ist die, dass wir nicht
darauf ausgehen, Märtyrer zu machen, sondern im Gegenteil be
dauern, dass es in unsere Sache Märtyrer gibt. Wir kamen zu unse-
rer Bewegung nicht um einiger Hunderter Kriegsdienstverwei-
gerer willen, sei es, sie aus den Gefängnissen zu befreien oder ihr
heroisches und geistbefreiendes Beispiel beglückend mitzuempfinden.
Wir müssen uns als einen Vortrupp, als die moralisch für die
gesamteFriedensirageverantwortlicheGruppe
De . betrachten, gerade aus der in das persönliche Leben zentral eingrei-
Eu ienden Idee der Kriegsdienstverweigerung heraus, die eines abschaf-
Sn fen will: dass Menschen gegen ihre Ueberzeugung, gegen ihren Wil-
2 len, gegen ihre Sehnsucht weiterzuleben, sterben und andere Men-
schen töten müssen. Wir sind nicht dazu da, Heilige und Märtyrer
zu vertreten, die lauter, als wir es je vermöchten, vor Gott und der
Geschichte für ihre Sache zeugen, sondern alle jene, die aufgefordert
werden, für irgend eine Sache zu sterben und zu töten, die ihnen
gleichgültig ist und die sie nicht freiwillig mitmachen würden. Wer
will hier die Heiligkeit ihrer Motive prüfen und richten? Ist der
Wunsch, zu leben und zu schaften, statt für eine Sache zu sterben
oder gar zu töten, die einem innerlich fremd ist, oder die einen nicht
des Mordes wert dünkt, weniger gottgefällig als erzwungenes Hin-
HANFARSSARAANKERKALAGSSEESEERFEADEARHIESUKKIFATESREERSSBRIRERIEIADHAN HUN
1) Rede, gehalten an der zweiten Konierenz der
‚ dienstgegner auf dem Sonntagsberg, Juli 1928. | ternatio na
82
hir
sind,
" Sonne und Mond, die Berge und alles Leben und
'ortruppe aller jener andern Millionen Menschen, die nicht
Krait der theoretischen Auseinandersetzung und den Opfermut
der Märtyrer besitzen, der Kleinen, der Stummen, die nicht für sich
sprechen können. Für diese müssen wir sprechen, und nicht für Hei-
- lige und Märtyrer, die auf Grund ihrer Ueberzeugung für sich selbst
_ sprechen können. Unser Kampf hat nur dann einen Sinn, wenn wir
das Problem tiefer anpacken als bei dem Wunsch des Einzelnen, sich
von der Befleckung durch Gewalt frei zu halten, wenn wir den
heutigen Staatsbegriff mit seinem angemassten Recht,
_ über das Leben des Einzelnen zu verfügen, angreifen; wenn wir den
Staatsabsolutismus dort anpacken, wo er am grossartigsten und am
_ fürchterlichsten ist, nämlich in dem Zwange, zu töten und sich töten
zu lassen. Wir wollen diesen Kampf durch das persönliche Beispiel,
aber auch vor allem auf legale Weise führen, durch Umgestaltung
. der Gesetze und der Staatsauffiassung. Wir bedauern, dass
heute Menschen in den Konflikt kommen müssen, gewisse Gesetzes-
befolgungen zu verweigern, wenn sie ihrem Gewissen und dem
Sittengesetz treu bleiben wollen. Wir wollen diesen Zwang zur
_ Gesetzessabotage aufheben, wir wollen den Staat und das
Zusammenleben der Gruppen vermenschlichen.
Diese Voraussetzungen sollen unserer künftigen praktischen
Tätigkeit Ziel und Wege bestimmen.
In unserem praktischen Bestreben, die pazifistische Internationale
auszubauen, so dass sie ihrem Namen gemäss allumfassend wird
und in allen Ländern ihrer Aufgabe gerecht werden kann, müssen
wir vor allem bestrebt sein, die schwachen Punkte zu stützen, in
‚denen aus historischen oder psychologischen Gründen die pazilisti-
sche Bewegung nicht oder kaum zur Geltung kommt. Von dieser
Konferenz, die schon auf die solid gelegten Fundamente unserer
Bewegung blicken kann, muss der Ruf nach konzentrierter Arbeit an
diesen schwachen Punkten ergehen. Dabei stellen gerade diese
schwachen Punkte die Gefahrenherde dar. Gerade an diesen schwa-
chen Punkten wird der Krieg entbrennen. Unsere Hauptarbeit hat
sich bisher auf England konzentriert. Wir sind sehr stark in Eng-
land. Jeder von uns hat mit Freude gehört, dass in den nächsten
fünf Jahren die englische Bewegung so weit zu kommen hofit, jeden
Krieg Englands zum Stillstand zu bringen. Ich glaube auch, dass
die englische Arbeiterschait das vermag. Aber der nächste Krieg
wird nicht in England ausbrechen. Die pazifistische Bewegung ist
83
aben will. Wir und die Kriegsdienstverweigerer ind
Warn in Eu ER NE
N a LTE ya
N EFF ie Wi} & ee = u; ee
1 aa A ' j . vr I
Ra AN KANN
x
stark in Deutschland, das für einen grossen Krieg heute entwaffnet |
ist, und auch in Oesterreich, das für einen Krieg nicht in Frage
kommt, aber die aufrichtig pazifistische Bewegung ist in den meisten
andern Ländern schwach. Lasse man sich auch nicht täuschen von
Aktionen, wie die Ponsonby-Aktion in England und die Volks-
abstimmung gegen jede Beteiligung an Kriegen ın gewissen deut-
schen Gebieten. Bei der Beurteilung dieser Aktionen muss das Feh-
iender allgemeinen Wehrpflicht in jenen Ländern in Be-
tracht gezogen werden. Das ist der springende Punkt, von dem wir
auszugehen haben. Wenn wir die Menschheit von dem Zwange, Mit-
menschen zu töten, befreien wollen, so müssen wir den Hebel an der
allgemeinen Wehrpflicht ansetzen. Wenn wir für die heutige Mensch-
heit die Freiheit erringen wollen, die für die religiöse Menschheit vor
zweihundert Jahren geschaffen wurde — damals als Gewissensirei-
heit auf religiösem Gebiete — so müssen wir heute Gewissensfreiheit
auf staatlichem Gebiete erkämpfen. Wenn damals der
Moloch der staats- und politikverbundenen Religion auftrat, so haben
wir uns heute gegen den Moloch des nationalen Staates in der glei-
chen Weise zu wenden. Eine neue Aufklärung, eine neue Philo-
sophie der Freiheit tut uns not.
Einige wirklich friedliche Länder wie Skandinavien und Holland
haben neben der allgemeinen Wehrpflicht den Zivildienst für jene
eingeführt, die Wafiengewalt zwischen Völkern ablehnen. Das ist
ein grosser Erfolg unserer Aktionen, aber dieser Erfolg wurde durch
die geographische und historische Lage dieser Staaten erleichtert.
Unsere englischen und deutschen Freunde dürfen die Schwierigkeit
der Aufgabe, vor der wir stehen, nicht übersehen. Es darf nicht ver-
gessen werden, dass die allgemeine Wehrpflicht den meisten Völkern
etwas Heiliges ist, dass sie ihnen durch die Staatsinstitutio-
nen, besonders die Schuie, immer wieder als höchstes Bürgerideal
vorgestellt wird. Sie ist auch als eine grosse revolutionäre Tat
geboren worden. Sie ist in Frankreich mit der ganzen Glorie des
ruhmreichen Jahres 1789 umgeben. Sie war der Ausdruck der
ee der Völker, die die Herrschaft der Autokratie gestürzt
atten. In Deutschland war die Freiheitsbewegung des Jahres
1813 ihre Wurzel. Sie ist dem Volke teuer in den neu entstandenen
Ländern, wie zum Beispiel in den österreichischen und russischen
Nachfolgestaaten, wo die allgemeine Wehrpflicht nach der Mei-
aus a langersehnte, neu errungene und durch
: p Jahrzehnten geheiligte nationale Unabhängig-
keit schützt. Diese Völker waren vor fünfzehn Jahren oft glühend
Antimilitaristen, nun sind sie die eifrigsten Verfechter des Kri -
dienstes, der ihnen ja auch dazu dient, fremde Volksteile zu unter.
werfen und ihnen oft in viel schlimmerer Weise da Ä er ge.
sie vor kurzem selbst erlitten haben Ihr Pa ea.
zifismus war eben
84
4
e Leute erwecken, ihnen zeigen, dass die Wehrpflicht nichts
inmal eine befreiende Bedeutung gehabt haben mag, aber heute:
3 diese längst nicht mehr besitz. Heute ist ein neuer
Freiheitsbegriffiim Entstehen. Das ist die Aufgabe,
die wir zu lösen haben. Die entscheidenden schwachen Punkte im
europäischen Pazifismus sind vor allem Frankreich und die Traban-
tenstaaten Frankreichs, die Tschechoslowakei, Rumänien, Polen, .
Jugoslawien und die russischen Randstaaten. Solange wir in diesen
mittleren und kleinen Ländern nicht Fuss fassen, die infolge ihres
- falschen Nationalismus als nächste Kriegsherde in Europa in Be-
tracht kommen und den Krieg aus ihrer nationalen Ueberhitzung
'. heraus beginnen werden, solange sind wir in Ernstfällen machtlos.
_ Wir müssen die nächsten Jahre benützen, in diesen Ländern Fuss zu
fassen. Wir müssen von diesem Ziele aus sprachlich und inhaltlich
_ unsere Veröffentlichungen bestimmen. In Ländern, wo der Pazifis-
mus schwach ist, in Sprachen, die erst jetzt zum Leben erwacht sind,
- wie zum Beispiel im Litauischen usw., wo noch keine Kunde von
der pazifistischen Bewegung hingedrungen ist, muss es uns gelingen,
Zugang zu finden. Wir müssen unsere Publikationen daher vorwie-
_ gend nicht in englischer und deutscher, sondern in diesen Sprachen
herausgeben. Auch müssen wir sie dem Geiste dieser kleinen Völker
und ihren speziellen Bedürfnissen anpassen.
Eine zweite Richtschnur für das Verhalten pazifistischer Organi-
sationen ist die Erkenntnis dr Notwendigkeit der Zu-
sammenarbeit. Wie alle geistig-sittlichen Bewegungen in die-
ser Zeit sind wir erschrecklich arm an Menschen und an Mitteln.
Aber diese Armut wird noch ausserordentlich verstärkt durch un-
sere eigene Schuld, durch die Zersplitterung in unseren Reihen, die
ihren Grund eben in unserem Sektenwesen hat. Wir müssen mit wei-
ten Kreisen zu einer organisierten Zusammenarbeit kommen, und
zwar auf zweierlei Weise. Erstens gilt es, mit denjenigen Organisa-
tionen eine gemeinsame Arbeitsbasis zu schaffen, die unsern
Standpunkt ganz oder beinahe vollkommen teilen und von denen ich
eigentlich nicht genau weiss, was uns von ihnen auf dem Feld prak-
Aischer Betätigung dem Kriege gegenüber trennt. Dazu gehören
der Internationale Versöhnungsbund, der in seiner Haltung dem
Kriege gegenüber völlig mit uns übereinstimmt, ferner die Inter-
nationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, das Antimilitaristi-
sche Büro, das die syndikalistischen und freisozialistischen Gruppen
umfasst, die pazifistischen Jugendverbände und manche Genossen--
85
i kein sittlicher Mensch-
Sant b, daher haben wir einen schweren geistigen
' vor uns,‘ diesen Völkern die allgemeine Wehrpflicht, die.
ne EN ten x ee e AT
kein Problem ist, zum Problem zu machen. Erst müssen.
ist, sondern ein historisch gewordenes Problem, das
. % = Da [s An f 5 > jagt b L
schaftsorganisationen, schliesslich aber auch eine der groSsien 5
. stigen Kate unserer Zeit, die Society of Friends un Tr W
alle viel verdanken. Diese Bewegungen sind internationaler Art.
Ich betrachte das in dieser gefahrumdrohten Stunde als eine für die |
Willen nahekommen müssen. Hierzu gehört vor allem dasInter-
WE TE IE ER = FOR
> ein e der - gröse St
y 24
müssen mit ihnen zu einem engen, kartellmässigen- Zusammen,
kommen. Zwischen unserm Internationalen Ausschuss und.
kutiven dieser Vereine sollen gemeinsame Sitzungen zur Be
und Durchführung verschiedener Aktionen stattfinden. Wir mü
uns sofort nach dieser Konferenz mit einer Darlegung unserer Er-
wägıungen an diese Verbände wenden und sie zu gemeinsamen
Sitzungen mit uns auffordern. Gewiss, es gibt zwischen einzelnen
von ihnen und einzelnen von uns Unterschiede ideologischer Art =
aber wie dem auch sei, praktisch müssen wir alle zusammenarbeiten.
Friedenssache lebenswichtige Frage. Von gemeinsamen Beratungen
werden wir zu gemeinsamen Aktionen kommen. Gemeinsame Ap-
pelle können so stilisiert werden, dass sie den Anschauungen der
verschiedenen Menschengruppen entsprechen. a x
Daneben müssen wir in und mit anderen Organisationen, die
nicht ganz unsern Standpunkt vertreten, die dem Pazifismuss aber
doch aus geistigen oder soziologischen Gründen in gewisser Weise
nahestehen, zusammenarbeiten; wir müssen in sie eindringen und in
ihnen wirken. Hier handelt es sich im Unterschied von der vorhin
angestrebten Gemeinsamkeit der Arbeitsbasis um eine Gemein-
samkeit der Wirkungsbasis. Ich spreche in diesem Zu-
sammenhange von Bewegungen, die uns häufig selbst gegen ihren
nationale Friedensbüro. Ich würde ungeachtet dessen,
dass ich alles verstehe, was man gegen den Scheinpazifismus der
heute in diesem Büro massgebenden Kreise vorbringen mag, es für
einen der schwersten Fehler halten, wenn wir das Genfer Büro ver-
lassen würden. Es steht für den Frieden und muss in seiner Pro-
paganda, wenn es irgendwie mit seinem eigenen Standpunkt ernst
machen will, immer mehr zu unserm Standpunkt gedrängt werden.
Wir haben schon Erfolge damit erzielt, dass wir auf seinen Kongres-
sen einen klaren und persönlich vertretenen Pazifismus darlegen und
damit für ihn werben konnten. Wenn wir uns heute zurückzögen
so würden wir damit eine wichtige Wirkungsbasis aufgeben Wir
sollten vielmehr innerhalb des Friedensbüros ein Kartell bilden. das
Kartell der aktiv pazitistischen Menschen, jener Menschen. die nicht
nur einen aggressiven, sondern auch einen defensiven Krieg ablehnen
Dieses Kartell wird hervorgehen aus der von mir vorhin geforderten
kartellmässigen Arbeitsgemeinschaft, jener, die nicht für andere den
Pazifismus predigen, sondern bei sich selber, jetzt und hier beginnen
wollen, wirklich pazifistisch zu leben, denen die sittli |
> , die sittlich
ausnahmslos dem sacro egoismo der Stänkeraiscnd we: oe
86
l en In-
h m Teil
2 “stehen zu:
gewe
ngen
ische N
en, das j
vorgeben. ‚Sie werden uns daher zum Teil mit allen Mitteln bekämp-
fen, aber sie werden durch ihre eigenen ‘Parolen genau so wie das
_ Internationale Friedensbüro immer mehr zu uns geführt werden, da
sie in einer gewissen Weise doch nicht sich selbst völlig untergraben
f können. Sie werden niemals ganz so gegen uns vorgehen können,
wie sie gerne möchten, vielmehr werden sie politisch notwendiger:
weise in die von uns vorgezeichneten Bahnen gedrängt werden.
Aber wir werden in den sozialistischen und gewerkschaftlichen In-
_ ternationalen, je nationalistischer dort die einzelnen Gruppen wer-
den und sind, noch einen schweren Kampf zu kämpfen haben. Wir
werden dabei in einzelnen Gruppen, die den Sozialismus tiefer er-
' dassen, wie der Independent Labour Party, wertvollste Bundes-
genossen haben. Bei aller verständlichen Abwendung von Sozial-
- patrioten und Terroristen vergessen wir doch nicht, dass dem marxi-
stischen Sozialismus das Kommunistische Manifest mit seiner richti-
gen Erkenntnis des Wesens des Nationalkriegs und mit seiner Losung
„Proletarier aller Länder, vereinigt euch‘, zugrunde liegt, dass also
- ein marxistischer Sozialist, der den nationalen Kampf und Staaten-
krieg billigt, sich wohl noch Sozialist nennen mag, aber aufgehört
hat, es zu sein. Der Sozialismus ist bei Marx und seinen Nach-
_ folgern in seinem Endziel radikal pazifistisch, er hebt die letzte Ur-
‘sache aller Kriege, den Einzelstaat, endgültig auf und führt die freie
Assoziation der ganzen brüderlich vereinten Menschheit herbei. Aber
der marxistische Sozialismus ist in seinen Mitteln zur Erreichung
dieses Zieles durchaus unpazifistisch. Jedoch in der Ablehnung jeden
Krieges aus nationalen Beweggründen, jedes Krieges bürgerlich-
kapitalistischer Staaten untereinander. muss er radikal pazifistisch
sein, will er sich nicht selber aufs Spiel setzen und die Achtung, die
ihm als einer geistigen Bewegung gebührt, einbüssen. Der soge-
nannte idealistische, unmarxistische Sozialismus, wie er in unserer
Zeit vor allem durch den religiösen Sozialismus, dann durch de Man,
zum Teil durch die englische Arbeiterbewegung und durch die Anar-
chisten vertreten wird, geht von der schon in der Gegenwart wirken-
den Einheit und Solidarität des Menschengeschlechtes aus, von der
Würde und Heiligkeit der Menschenseele. Er ist daher notwendiger-
- weise nicht nur im Endziel, sondern auch in seinen Mitteln und in
der unmittelbaren Gegenwart radikal pazifistisch.
- »Dies müsste auch von derreligiösen Bewegung gelten.
87.
‚feindlich gegenüber. Wir sind für sie entweder
arren oder ideologische Schädlinge, die teils ein
E Ziel ene für unerreichbar halten, und teils mit etwas
Ernst machen wollen, was jene in ihren Resolutionen auch zuwolen
Während es bei den ersten beiden Organisationen politische Gründe
sind, aus denen sich die durch sie vertretenen Menschen langsam
dem Pazifismus nähern werden, so sind es bei der religiösen Bewe-
gung innere Lebensgründe. Nirgendwo sind in den letzten zehn oder
fünfzehn Jahren so starke neue Kräfte hervorgesprudelt, wie bei den
religiösen Bewegungen. Wer vor zwanzig Jahren die offiziellen
Kirchen vor sich gesehen hat, hätte dies niemals für möglich gehal-
ten. Diese Kirchen, den Staats- und Klasseninteressen ergeben, waren
völlig areligiös, erstarrt, Zeugen des Zeitgeistes und der Menschen-
begierden, nicht Gottes und seines Rufes. In all diesen Kirchen,
selbst im deutschen Luthertum, sind heute jugendliche Kräfte durch-
gebrochen. Diese neue religiöse Bewegung lehrt die Menschen nicht
nur verstehen, dass die Wirklichkeit Gottes etwas ganz anderes ist
als Kirche und Staat und alle diese Dinge, vielmehr dass sie eine
Krait ist, die dem Staat und der Kirche nicht dienen, sondern diese
Einrichtungen von Grund aus umgestalten will. Diese religiöse
Bewegung, die vor allem gegen die Starrheit und Herzensträgheit
der eigenen Kirche zu kämpfen hat, wird dem Pazifismus in einer
ungeahnten Weise den Weg bahnen in dem Augenblicke, in dem sie
die Gemüter ergreiit. Das WortGottes hineinzutra
insalltägliche Leben, ins staatliche Leben NE
A el Aoyree Leben, das bedeutet pe
eitdesMenschen,dem Gewissen
ar zugehor-
bedeutet auch die Abschaffung des
‚Ich will hier, da ich sonst keine it fi |
Heimat sprechen. Ich komme aus P A: Dr besteht ken
Sektion der pazifistischen Bewegung; ich habe Ih ale pie
Bericht zu geben vermocht. Aber dennoch sei Be 1f war ae
wiesen, das in diesem Zusammenhang von Inter en
die geistige Neubelebung innerhalb des Re ideı er
nationales und religiöses Leben und ihrer beider Wi di rn
in Hand gehen. Das Judentum hat in den letzte a
ren einen Prozess der Erneuerung durch ht a Jah
Kreise und Schichten erfasst hat. Dies a
sich zu kristallisieren und in Palästin Ba Junge Prozess
nen. Dort gehen manche unter a ee
führen, das — so nehme ich an — auch — einiges Neue durchzu-
2 Bedeutung sein wird. Ich habe mit ale N ee
n lung unserer jungen christlich-kommu a eu
aidhoien gesehen, die aus dem W ac heu SE
heutigen Systems der Ausbeutun unsche nach Ueberwindung des
persönlichen Leben entstanden ist “mn Se heraus durch und im
engen an in u i De wurde eine Reihe
Be Fusanimenhand stärkerafshier ne N engen und lebendi-
. Denn in Palästina gibt es
88
Re ein für r
Erneuerung
F ıt nach is nne ıpazifistisc. en
inem Staate mehrerer Nationalitä-
2 'ingender und schwieriger als das Problem des aussen-
ıen Pazifismus. So hängt zum Beispiel jeder aussenpolitische
ıus, jede völlige Abrüstung in der Tschechoslowakei davon
es gelingt, das Problem des Zusammenlebens
chen und Tschechen in der Tschechoslowakei zu regeln.
- Denn die Tschechen brauchen die Armee nicht zum Kampfe gegen
- den äusseren Feind, sondern zur Niederhaltung der Deutschen im En
"Lande. Ein solches Problem besteht in jedem Staate mit mehreren
Nationalitäten heute, solange es nicht gelingt, diesen Nationalkonflikt
_ wie in der Schweiz zu lösen, dass keine Nationalität, welche auch
au die Mehrheit oder Minderheit sei, die andere beherrschen und
‚so ausbeuten könne Der quantitative Majoritäts-
Eebegriiimuss aufhören, einmachtpolitischer zu
sein, der Vorrechte verleiht. Auch in Palästina besteht
- ein ähnliches Problem. Ich bedauere dies nicht. Pazifistische
3 Ueberzeugungensindnurdannetwaswert,wenn
2 sieauchdortbewährtwerden,woesum die eige-
onen Interessen geht. Denn das gibt uns die Möglichkeit,
E nicht nur theoretische Grundsätze zu haben, was leicht ist, sondern
3 die Möglichkeit, unsern Grundsätzen zu leben. Diese Grund-
e sätzehaben wirebensowieallePazifistennicht
"im Kampfe gegen das andere Volk, nichtin der
Erziehung anderer Völker, sondern inder Er- i
Zziehung unseres eigenen Volkes zu bewähren. ;
_ Wir haben den Kampf gegen den nationalen Chauvinismus und über- x
24 haupt gegen das Bestreben zu führen, andere zu unterdrücken und
nur in eigenem Interesse das politisch-soziale Leben bestimmen zu
wollen. Diesen Kampf, der heute meiner Meinung nach der geistig
entscheidende Kampf ist, haben wir vor allem in unserem Volke
gegen unser eigenes Volk zu führen, gegen die Machtgelüste unseres
eigenen Volkes. Der Pazifismus der Tschechen oder Polen wird nur
dann echt sein, wenn er sich vor allem in der Bekämpfung der Tat-
sache auswirkt, dass es in ihrem Staate ein bevorrechtetes Staatsvolk
und andere, nicht in jeder Weise gleichberechtigte Völker gibt. Erst
so werden sie ihren Staaten die Möglichkeit auch einer pazifistischen
- Aussenpolitik geben. Ich freue mich daher, dass wir Juden, nach
Palästina zurückkehrend, nicht in ein menschenleeres Land kommen
und an diesem konkreten Material, an dieser konkreten Lebensauf-
89
gabe vor uns den Ernst und den Wirklichkeitssinn unserer Grund-
sätze und den Sinn des Judentums bewähren können. N
Andere Bewegungen und Kreise, unter denen wir wirken müs-
sen, sind die Jugend und die Lehrer. Ich halte viel von den Leh-
rern und vor allem von den Volksschullehrern. Der Mittel-
schullehrer vertritt grösstenteils das Bürgertum und den Staat, wie
sie heute bestehen. Der Volksschullehrer lebt dagegen in engem
Kontakt mit dem Volke auf dem Dorfe, in der Stadt und mit den
religiösen Bewegungen. Er kann stärker und eindringlicher als jeder
andere wirken, wenn er eine Persönlichkeit ist. Er ist derjenige
Mensch, der unsere Botschaft ins Volk tragen könnte, und es ist er-
freulich, dass gerade in jenen Ländern, die für uns schwierig sind,
wie Frankreich und die Schweiz, die Volksschullehrer zu Trägern
unserer Gedanken geworden sind.
Das sind die fünf Gruppen, bei denen unsere Arbeit ansetzen
muss. Wir müssen an alle Gruppen appellieren. Unser Wort muss
zu ihnen dringen. Unser Ruf hat in den letzten Jahren weitere Kreise
erfasst, als wir denken. Aber dabei darf es nicht bleiben. Wir haben
bisher nur ein Manifest herausgegeben, das internationale Manifest
gegen die Wehrpflicht. Dieses hat grossen Widerhall gefunden, aber
aus Mangel an Mitteln konnten wir ihm nicht systematisch nach-
gehen. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit
des Ausbaues des Pressedienstes und der Propaganda lenken. Wir -
haben oft das Gefühl (damit stehen wir wieder vor dem Sektenmässi-
gen), dass alle unsere Publikationen im kleinen Kreis bleiben, ‚dass
unsere Presse ausserhalb des Kreises unserer Gesinnungsgenossen
nicht gelesen wird. Wenn ich auch nicht verkenne, dass es einen
grossen Wert hat, uns auf dem Laufenden zu halten und uns durch
Aussprache und Fühlungnahme gegenseitig zu stärken, so muss doch
der Internationale Ausschuss im nächsten Jahre unter Hinzuziehung
von Fachleuten der Presse eine viel weitere Propaganda entfalten
und in die allgemeine Presse einzudringen suchen. Dabei möchte ich
eine Leistung erwähnen, der ich die grösste Bedeutung beilege. Das
ist das Handbuch, das Dr. Kobler soeben in unserem Auftrage her-
ausgegeben hat. Es ist da zum erstenmal versucht worden, unserer
Propaganda, die bisher manchmal einen broschürenhaften und daher
oberflächlichen Charakter hatte, eine tiefere Verankerung zu geben.
Jetzt komme ich zum letzten Punkte, über den ich gern mehr ge-
sprochen hätte, da er mir sehr wichtig erscheint. Wir kommen sicher
hier zusammen, um praktische Fragen zu besprechen und dürfen
keinen Augenblick unserer so knappen Zeit dazu verwenden, über
diese praktischen Fragen hinauszugehen. A
theoretische Klärungen herbeizufi En . Aber doch tut uns not,
mit Dr. Kobler, Dr. Stoecker, Dr. Ewald
: a und de Ligt z
konnten uns nicht losreissen, um hier he et Usa
raufzukommen, da wir über
90
Wir sassen gestern abend -
31 neh. werden nd je nen Ba
3rundlagen unserer Bewegung ausein-
setzen. Ich möchte, dass von dieser Konferenz ein Appell
n unsere Intellektuellen ausgeht. Es gibt überall Menschen bedeuten-
- dichte schreiben, in denen sie ähnliche Dinge sagen, wie wir sie
F. fühlen. Und doch stehen uns diese Menschen nie wirklich zur Ver-
_ fügung und sind im Grunde für uns und das heisst für die Bewegung
3 verloren. Entweder deswegen, weil viele dieser Menschen es gar
nicht ernst meinen. Ich habe ihre Bücher gelesen und habe das Ge-
- fühl, dass sie, wenn sie auf die Probe gestellt werden, ihren Ruf bei
der bürgerlichen Welt nicht aufs Spiel setzen werden, dass ihnen dies
alles nur Roman oder Essay ist, dass es ihnen unverbindlich bleibt,
weil sie wissen, dass es erst dann ernst wird, wenn es von der Stras-
x Eeenecke aus gesprochen wird. Sie schreiben schöne Bücher, aber
wenn es wirklich ernst wird, dann wissen sie von nichts, dann sind
sie auf einmal verschwunden. Dennoch, wir wollen auch sie haben.
Doch gibt es eine zweite Gruppe, zu der wir nur deshalb den Weg
“nicht finden konnten, weil wir uns nicht genügend darum bemüht
- haben. Aber wir müssen uns darum bemühen. Wir brauchen die
- Hilfe dieser Menschen zur Lösung der grossen Fragen, die vor uns
- stehen. Ich möchte Ihnen nur ganz kurz eine Anzahl dieser Probleme
aufzeigen. Ich habe hier, und nicht gern, einige Kameraden mit einer
_ ungeheuerlichen Zuversichtlichkeit von dem nahen Siege unserer Idee
sprechen hören. Ich glaube, darin liegt eine grosse Gefahr. Diese
- Kameraden sind sich über die geistige Lage der Menschheit und
über den Weg des Geistes durch die Geschichte überhaupt nicht ganz
klar. Ich kann Ihnen heute nicht versprechen, dass wir in zwanzig
bis dreissig Jahren die Oberhand und dann eine kriegslose Welt
haben werden. Vor 300 Jahren sind Menschen gezwungen worden, im
Namen der Religion zu töten, später und heute noch im Namen der
_ Nation, in kurzer Zeit vielleicht werden sie im Namen der sozialen
Klasse töten müssen, und wer weiss, ob nicht wieder und wieder
ein neuer Moloch auftaucht, den wir noch gar nicht ahnen. Aber
nichtdervoruns sichtbare Erfolg darfunsfüh-
ren. Niemalsistder Wegdes Geistesandersals
von Minoritäten ausgegangen, niemals anders
alsvonihnengegangenworden. Oft war der Sieg in der
äusseren Welt ein anderer als der Sieg im Reiche des Geistes. Wenn
wir dem nationalen und staatlichen Moloch die Kriegsopfer entreis-
sen, so werden wir vielleicht bald wieder einen neuen Moloch unter
uns haben. Wenn ich desungeachtet heute eine Wendung in der Ge-
91
bevor wir uns nicht viel mehr Zeit nehmen, die
en geistigen Ranges, die uns nahestehen, die Bücher schreiben, Ge-
WER
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ar 4 ' a f P: : x: ae
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schichte der Menschheit sehe, so deswegen, weil wir diese schwere
Problematik hier auf Erden einsehen und wissen, dass es „dee
noch“, „trotzdem“ unsere Aufgabe bleibt, dieseErde zu
einem menschlichen Lebensraum umzugestal-
ten.
Ich will noch einige dieser uns bedrängenden Probleme andeuten,
Probleme, vondenen ichwünschenmöchte, dass das nächste Handbuch,
das die Internationale herausgeben muss, sich mit ihnen auseinander-
setzen möge, nicht um klar definierte Lösungen zu finden — die gibt es
ja nicht — sondern um die Probleme aufzuzeigen, uns vor ihren gan-
zenErnst zu stellen. Ueber das schwierige und verantwortungs-
volle Probleme der Revolution wird heute Frau Dr. Stöcker
noch sprechen. Ein anderes Problem, welches mir noch dringender
erscheint, ist das Problem des wichtigsten politischen Faktors der
Gegenwart, das Problem des Nationalismus. Es gibt eine Art,
leichthin von Internationalismus im Sinne des Antinationalismus zu
sprechen, die sehr verkehrt ist. Ich selber stehe in einer nationalen
Bewegung. Jeder von uns ist durch seine Abstammung bestimmt
und verpflichtet. Wir müssen daran festhalten, dass unsere Art
und unser Sein bestimmt ist, naturhaft und geistig gebunden ist,
durch Zusammenhänge des Blutes und des Schicksals. Jeder von
uns ist morphologisch bestimmt durch Jahrhunderte vor ihm; er
findet sich als Erbe, er hat dieses Erbe zu mehren und zu verwahren
und vor allem auch zu reinigen, zu läutern, es höher zu entwickeln.
Wie uns heute der politische Nationalismus zur Katastrophe führt,
so schadet uns ein gewisses Gerede von Menschen ebenso, die nie-
mals die Frage, was sie ihrem Blute, dem Boden, der sie genährt hat,
und dieser Folge von Vererbungen von Vätern und Müttern schuldig
sind, geklärt haben. Aber zugleich müssen gerade wir, die wir in
dieser Bewegung stehen, Ihnen sagen, dass viel gefährlicher als jede
politische Religion heute die Frage des politischen Nationalismus ist
der der heutige Moloch ist, so wie es vor dreihundert Jahren die
Religion war. Wir dürfen nicht in den Fehler verfallen, die geist-
und naturhafte Tatsache der Nation zu einer
politischen, machtpolitischen und territoria-
len, wirtschaftlichen und strategischen zu ma-
c he n. Der Boden, auf dem wir geboren sind, hat nichts mit dem
zufälligen Staatsterritorium zu tun, dessen Teil er durch militärische
und politische Ereignisse geworden ist. Der Nationalismus als Kul-
turgut gewinnt nichts durch eine Verknüpfung mit der Staatspolitik
er dient nur der Erweckung der schlechtesten Herdeninstinkte. Es
gilt, den Nationalismus zuentpolitisieren wie die
Religion entpolitisiert worden ist. Ich habe vorhin davon gesprochen
dass gerade das religiöse Leben heute neu erwacht und HofnmsR
volles für uns zu Tage fördert. Wenn es uns gelingen wird, den
92
E |
en. Heute betrachten |
keit als ein Gut an sich:
ller Irrtum. Ein
=
freiwilliger Assozi
unserer Kameraden darauf richten, dass ebenso wichtig wie der aus-
_ Ländern die Niederlegung der Grenzen von Volk zu Volk innerhalb
der heutigen Staatsgebiete und die Bekämpfung des Imperialismus
2
_ eines Volkes gegen das andere innerhalb desselben Staates ist. Der
_ Imperialismus der Polen gegen die Ukrainer, der Serben gegen die
Kroaten, der Tschechen gegen die Deutschen, früher der der Deut-
schen gegen die Polen und Elsässer oder der Engländer gegen die
Iren innerhalb. dieser Staaten ist noch stärker abzulehnen als der der
- Engländer in Indien.
Wir haben gestern in unserer Diskussion darüber gesprochen,
was denn eigentlich der Sinn unserer Bewegung ist, und Dr. Kobler
brachte im Zusammenhang damit die Frage der Gewalt und der
Gewaltlosigkeit zur Sprache. Wir kamen schnell darüber überein,
dass diese Problemstellung uns nicht weiterführt, weil sie, vom Men-
schen aus gesehen, unlösbar ist. Es gibt Probleme, die sind vom
Menschen aus unlösbar; es gibt keine logische Ordnung für sie; man
kann diese Probleme handelnd lösen, aber niemals denkend bewälti-
gen. Ein so tiefes, wie das der Gewalt und Gewaltlosigkeit, ist nur
vom gläubigen Menschen aus, aber nicht in unserer Bewegung als
solchen lösbar. Wo ist die Grenze der Gewalt? Ist jeder Zwang
“ unerlaubt? Klar ist, dass jede organisierte, bewaffnete Gewalt
von -Volk zu Volk, von Staat zu Staat unserem Gewissen und
dem Sittengesetz widerspricht. Wie weit reicht aber die Ableh-
nung jeder Gewalt ins individuelle Leben? Das lässt sich nur aus
jederkonkretenSituationherausmit dr Einsetzung
dervollenpersönlichen Verantwortung beantwor-
ten. Es tut not, dass wir in solchen Fragen aus den tiefsten, klarsten
Schichten unserer Vernunit antworten, unbeirrtvonInter-
esse,Vorteil,Leidenschaft, Trieb, dass wir nicht der
Suggestion erliegen, nicht dem Herdentrieb, sondern als verantwort-
iiche Persönlichkeit handeln, dieMengeinunsentmengen.
93
' senpolitische Pazifismus und der Abbau der Grenzen zwischen den
J
>
PEN A LE
also die Grundlage unserer Bewegung S
en zwei Sätze: der vonderSolid arität
schengeschlechtes und der von der Achtu IE:
Leben und Würde jeder men schlichen Per
Jichkeit. Diese Grundsätze sind die einheitliche, tiefe |
zeugung aller grössten Philosophen und religiösen !
‚gewesen. Sie sind im mittelmeerländischen Kulturkreise
erstenmal durch die jüdischen Propheten verkündet und von der St
übernommen worden. Diese zwei Sätze sind seither immer wieder 1
der einen oder andern Form die Grundlage aller Philosophie und
Ethik gewesen. Se
Was ist nun das Charakteristikum dieser Zeit, in der wir leben?
Ich habe es schon angedeutet. Ich glaube nämlich, das Charakteristi-
kum unserer Zeit ist das Ernstmachen, das in die Wirklichkeit
* Hinausgehen, das Bestreben, aus einer Philosophie, aus einer Theo-
rie lebendige Wirklichkeit zu machen. Deswegen glaube ich,
dass unsere Bewegung verheissungsvoll in die Zukunft blicken kann,
denn wir versuchen nichts anderes, als was schon bisher allgemeine
religiöse und philosophische Ueberzeugung war, in die Wirklich
keit umzusetzen, Ernst damit zu machen, und allen Menschen um
uns herum die Möglichkeit zu geben, auch Ernst damit zu machen.
i Hans Kohn (Jerusalem).
IEERRERERBRTERTERSRRTKTERLDERDTRRTDTRDTÄRRRERDTERBRURRERDRDRRDNESERORRERTRDERERDRERTRRKERTERERERSERERKERBTRRSTRKRTERERERKENERURTEKEKENNELRRHERKTLEIERREERERRARKERTHHHRRERERDEHERERRRRIRLRUNE
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Monatsschau.
1. Politisches.
„Geld Bee die Welt“ Die Reparationskonferenz
müsste in einem Saale tagen, worin eine riesige Fahne hinge mit dieser golde-
gestickten Inschrift. Die „Gösch“ könnte wohl ein ne, Dollar ee Ob
wohl jemals, seit die Welt steht, einer Generation von Menschen die sarkasti-
sche Wahrheit jenes Wortes so sichtbar und greifbar nahegetreten ist, wie der
unserigen? Ein Komitee von Bankiers und ähnlichen Leuten präsidiert von
einem amerikanischen Finanzmann und beherrscht von einem andern, be-
Aa a ein ae a Zukunit der Welt. Da werden gewiss keine poli-
schen und sozialen, noch weniger ethische ode iF1ö
walten, wie sie doch die Völker so stark bewegt Babe a 5
gen, sondern, in liebenswürdigsten Formen, die kalte Leidenschaft der mam-
monistischen Berechnung und Weltherrschaitsgi ; =
dation des Weltkrieges! altsgier. Und das ist nun die Liqui-
gebracht! ieges! Das war also sein Sinn! Und so weit haben wir es
Aber ein Trost ist dabei:
ist schon beginnendes Gericht.
Di Mäch ] 1
b d
94
es gerade in diesen Zeiten gewaltige Aussichten. Ich stehe nicht an, zu be-
haupten, dass es damit nun vorbei ist. Nun ist der Papst wieder ein welt-
licher Fürst und damit in alle Weltlichkeit, besonders aber in die Geschicke
eines Landes, verilochten. Dabei ist sein Reich doch wieder so klein, dass
es eine Lächerlichkeit wird. Kinder aller Art mögen sich durch diesen neu-
gewonnenen weltlichen Glanz imponieren lassen,1) eine grosse Zahl von ernst-
haften Menschen, darunter gewiss nicht wenige der eifrigsten und besten Söhne
der Kirche, werden sich enttäuscht abwenden und die ganze Atmosphäre der
katholischen Welt wird eine Veränderung erfahren, und zwar im Sinne einer
Veräusserlichung, deren Ende der Verfall sein muss, vielleicht auch in Form
“eines Abfalls gerade der besten Kräite des Katholizismus.
_ Ich sehe dabei ganz gut ein, dass das Papsttum, wenn man mit rein welt-
lichen Faktoren rechnet, nicht gut anders konnte. Die römische Frage, in die
man sich verwickelt hatte, musste einmal gelöst werden. Zu einem einfachen
Verzicht, was eine grossartige und die eines „Stellvertreters Christi“ allein
würdige Haltung gewesen wäre, ist das Papsttum offenbar schon zu tief in die
Weltlichkeit des Machtprestiges versunken gewesen, und so blieb wohl nur
diese Lösung übrig, die doch keine wirkliche Lösung, sondern eine neue Ban-
nung ist, eine „Gelangenschait“ viel schlimmerer Art, als die von 1870 an war.
So rächt sich das „Testament Konstantins“. Für das Reich Christi gilt eben das
Wort: „Qui mange du C&sar, en meurt.“?)
Eines namentlich muss sehr deutlich hervorgehoben werden: Das faschi-
stische Regime ist ein System des politischen Meuchelmordes. Mögen gewisse
Leute, auch Kardinäle und Päpste, dafür ein kurzes Gedächtnis haben, die Ge-
schichte wird Matteotti und Amendola — um nur diese zwei als Vertreter von
Tausenden zu nennen — nicht vergessen. Darum wird es aber dem Papsttum,
das den Anspruch der Stellvertretung Christi macht, wenig Segen bringen, sich
1) Z. B. wenn es heisst: „Zum erstenmal seit dem Jahre 1870 schulterte
eine italienische Infanterieabieilung, die sich auf dem Platze befand, die Ge-
wehre als militärische Ehrenbezeugung.“ Das tat auch einmal eine Abteilung
Militär vor Christus, aber — um ihn im Namen Cäsars zur Kreuzi-
gung zu führen! Fr : ws <
2) Der ultramontane Publizist Veuillot hat bekanntlich das Wort geprägt:
„Qui mange du Pape, en meurt.“
95
sr os as) A
mit diesem System verbündet zu haben und von ihm Vorteile für die Kirche
zu empfangen. Es gab einmal eine Zeit, wo die Leichen der vom Sohn des Pap-
Eimordeien en Morgen auf den Strassen von Rom lagen oder im Tiber
schwammen und in den Kellern der Engelsburg die vom Vater und Sohn Ver-
gifteten in langen Reihen an Seilen hingen. Unmittelbar auf diese Zeit folgte
die Erhebung eines Teiles der Christenheit gegen Rom. Man hat damals in Rom
solche Dinge auch geglaubt leicht nehmen zu dürfen, aber das Gewissen der
Christenheit hat sie nicht übersehen. Gewiss mag das, was das faschistische
Italien tut, als weniger schlimm erscheinen, und das Papsttum ist daran selbst
nicht unmittelbar beteiligt, aber ob nicht auch die Ma stäbe seither stren-
ger geworden sind? Ich meinerseits glaube nicht, dass das Bündnis des „Stell-
vertreters Christi“ mit einem „Stellvertreter Cäsars“, an dessen Händen das Blut
ermordeter Gegner klebt, deren Mörder er zum mindesten nicht bestrait hat,
jenem etwas anderes als Fluch bringen könne.t) {
Ich betrachte das, was nun in Rom geschehen ist, als eine Katastrophe
des Papsttums. Qui vivra verra!
Ich glaube aber auch nicht, dass Cäsar davon Gewinn haben werde. Der
Stab, auf den er sich stützt, wird ihm durch die Hand stechen. (2. Kön. 18, 21.)
Er hat durch dieses Bündnis, dessen Fundament von beiden Seiten her die
Heuchelei ist (denn es ist ausgeschlossen, dass sie ernstlich aneinander glau-
ben), seine Macht vielleicht für eine kurze Zeit gestützt, aber in einem andern
Sinn sie untergraben und zum Sturz erst recht reif gemacht. Was am faschisti-
schen Systeme etwa noch zukunitsvoll erscheinen mochte, ist damit preis-
gegeben. Es ist jetzt nur noch das bekannte Bündnis von „Ihron und Altar“.
Sobald einmal der reaktionäre Alpdruck weicht und die Erhebung der Völker
stattfindet, stürzt dieser Bau rettungslos zusammen.
Auch hier also sehe ich eine Steigerung gewisser Mächte, die einem Sturz
vorausgeht.
c. Im Osten sind von sehr grosser Bedeutung die Entwicklungen inner-
halb des Bolschewismus. Weniger wichtig ist wohl, was sich auf
Trotzkys Schicksal bezieht; er dürite seine Rolle, die vielleicht nie ganz
echt war, ausgespielt haben. Der Kampf geht um das Bauernproblem, das
von Anfang an die Schicksalsfrage des Bolschewismus war. Es war dies zuerst
in einem für den Bolschewismus günstigen Sinn. Denn auf das Bauerntum
gestützt gelangte er zum Siege. Aber es war ein demagogischer Sieg, ein Sieg
bei dem doch weniger das Bauerntum in Betracht kam, als die Herrschait des
Bolschewismus und bei dem auch sonst die Grundgesetze der sittlichen Welt
wenig bedacht wurden. Das rächt sich nun. Wahrscheinlich wird der Bolsche-
wismus an der Bauernfrage scheitern. Eine demokratische Erhebung d
Bauerntums — vielleicht zeitweilig aber auch mit irgend einer Diktat se
bunden — dazu eine neue religiöse Bewegung, beides mit viel Eins
echten Kommunismus, dürite wohl die russische Zukunftsperspektive sein.&y
1) Welch ein Geist das System beseelt, mit dem d isti
i < } y er „Stellv «
sich verbündet hat, zeigt u. a. folgende Stelle aus einer Rede ns.
Generalsekretärs Augu sto Turati: „Wir lieben unsere Waffe“ [nämlich
un auesehil, ar KO nen ist und es morgen sein wird Wir
uch in Zukunft hinter dem Maschinengewehr ni ; n.
N mern zu lauschen und die Wollust 5 Ma
— „und dann,“ fügen wir im Gei ü : : Re
Wollust im Herzen vor ie Altar rien a Biindnigses: hilzuäEze
2) Wenn man einen Vortrag hört, wi
pen $ ‚ort, wie den von de i i
A k =, jüngst in der Philosophischen Gesellschatt on
nein „Die psychisch-materielle Welt und das Reich Gottes“ ale ©
jährt man mit Freude, dass von diesem Russland h & enen,
warten ist als Bolschewismus. noch Anderes zu er-
96
,., Bedenklich ist stets die Lage am Balkan. Durch die neue Diktatur ist
_ nicht nur das Gebiet der wenigstens formell noch bestehenden Demokratie um
ein weiteres Stück verkleinert und die Freiheitsluft in Europa wieder vermin-
- dert, sondern es wird dadurch auch die gatıze Gefahr beleuchtet, die von jenem
Teil Europas her droht. Eine ganze Wolke schlimmer Geister, aufsteigend aus
altem und neuem Fluch, brütet über jenen Ländern. Neben dem Streit zwischen
den Völkerschaften Jugoslaviens ist der Zustand Mazedoniens immer ein Quell
der Vergiitung. Zu dem Hader zwischen den Balkanstaaten selbst gesellt sich
die diabolische Wühlarbeit Italiens, mit ihm ringt Frankreich!) und der Kom-
munismus, der in jenen Ländern überall ein starkes Ferment ist, schürt die
Flamme der Revolution und weist auf Russland als Retter hin.
Erfreulich scheint mir dagegen zu sein, dass zwischen Russland, Rumä-
nien, Polen, Esthland und Leitland auf Grund des Kellogg-Paktes etwas wie
ein Ostpakt zustandegekommen ist. Es wird sogar berichtet, dass Russland
auf eine gewaltsame Wiedergewinnung Bessarabiens verzichtet habe, was die
Ausschaltung einer weiteren Kriegsgeiahr bedeutete. Auf alle Fälle beweist das
Drängen Russlands auf den Abschluss dieses Paktes seinen. Friedenswillen,
mag dieser auch bloss Angst vor dem Kriege sein. Auch von einer Verständi-
gung zwischen Ungarn und Rumänien ın der Optantenfrage ist die Rede.
Ungarn bleibt freilich ein gefährlicher Punkt. Ob es nicht möglich wäre,
dass im Geiste bedeutender Ungarn der Gedanke aufstiege. Ungarn könnte
gerade aus seinem Unglück Gewinn ziehen und auf neuem Wege Grösse und
Zukunft finden? Und ob nicht die Erkenntnis, dass ein anderer Ausgang des
Weltkrieges es noch viel schwerer getroffen hätte, dazu beitragen könnte? —
Aufs neue arg verstört worden ist das Verhältnis zwischen Polen und Deutsch-
land durch das Memorial des Reichswehrministers Gröner, das überhaupt
stark zu weiterer Vergiftung der Atmosphäre Europas beigetragen hat. Wann
wird der Tag kommen, wo alle diese politischen Händel vor den wahren Pro-
blemen unserer Zeit als Kindereien erscheinen?
Als Kinderei empfindet unsereins das französische Verhalten — ich meine,
das des offiziellen Frankreich — gegenüber dem Elsass. Ist es denn.wirk-
lich so schwer, einzusehen, dass die Elsässer am besten an Frankreich gefesselt
würden, wenn man ihnen alle Freiheit liesse, die sie begehrten, vor allem kirch-
liche und kulturelle Freiheit? Das könnte man nun wirklich vom Beispiel der
Schweiz lernen. Nicht, dass wir uns damit brüsten dürften; es ist uns von
selber zugewachsen; aber das schwächt den Wert des Exempels nicht ab. Spra-
che, Religion, Kultur, regionale Eigenart sind bei uns völlig frei, und wenn
wir die Tessiner noch enger mit uns verbinden wollen, so helfen wir ihnen zu
einer — italienischen Universität! Wenn man aber meint, mit gewalttätigen Aus-
nahmegesetzen Liebe und Treue erzwingen zu wollen, oder gar mit Radio-
propaganda der Herrlichkeit französischer Kultur unter den Elsässern, so ist
das schlechterdings als Zeichen der Verblödung und Verrohung des geistigen
Lebens unserer Zeit einzuschätzen. Als Aktivposten dieser Debatte bleibt bloss
übrig, dass die Elsässer sich wenigstens aussprechen konnten. Und durchsetzen
werden sie sich zuletzt schon. Das Elsass ist zu einer Brücke zwischen Deutsch-
land und Frankreich, überhaupt zu einer europäischen Verbindungsrolle be-
stimnit. Auch das wird sich durchsetzen, auch zum Nutzen Frankreichs.
Föderalismus — und auch Regionalismus — bleibt die Losung,
beide natürlich recht verstanden, unter das Zeichen der völkerverbindenden
Idee gestellt. Wenn unter diesem Zeichen der Kanzler Seipel etwas Was-
Ren Der Widerstand gegen Frankreich in Syrien, wo infolge davon die
ecnmling aufgelöst wurde, scheint ebenfalls mit Italiens Einfluss
im Zusammenhang zu stehen.
97
ser ın den Wein der Anschlussbewegung geschüttet hat, so hat er diesmal
etan.1 - ” .r
= Das fin ar Her zwischen Demokratie und Diktatur ae
diesen Monat zwei Seiten: in Spanien scheint es mit dem re a de
zu gehen, in Deutschland bedeuten die durch die neueste Krise der Sr
rung wieder greifbar gewordenen Schwächen des Parlamentarismus ber r-
kung des Diktaturgedankens. Mit dem Parlamentarismus geht es schon zu
ist recht so! j
ar "Endiich der Kanaltunnel zwischen England und Frankreich, der
sozusagen den insularen Charakter Englands aufhöbe und es enger mit Europa
verbände. Das kann von sehr grosser Tragweite sein, und zwar vorwiegend
in günstigem Sinne. Jedenfalls ein wichtiges Zeichen! „Das Schema dieser
Welt vergeht.“
2. Zwischen Krieg und Frieden.
Es ist natürlich nicht leicht, den Kampf von Krieg und Frieden von den
politischen Vorgängen zu scheiden, da er ein Teil von ihnen und in sie tief
verflochten ist. Indess gibt es Ereignisse und Faktoren dieses Kampfes, die
eine gewisse Selbständigkeit haben. Dazu gehört der Keillogg- Pakt. E ER
spielt immerfort eine grosse Rolle. Deutschland hat ihn ohne viel Mühe,
mit einer erfreulichen Erklärung dazu, angenommen. Der Kampf um seine
Ratifikation, die mit einer Zweidrittelmehrheit erfolgen musste, im Senat der
Vereinigten Staaten muss sehr heitig gewesen sein und allerlei drama-
tische Wendungen erlebt haben. Senator Borah hat einen schweren Stand ge-
habt. Er und Kellogg haben es für nötig gehalten, Konzessionen zu machen,
die den Wert des Paktes eigentlich aufheben. Doch haben sie wohl gedacht, es
sei nun vor allem nötig, seine Ratifikation durchzusetzen, nachher gehe der
Kampf weiter. Sie haben die fünfzehn Kreuzer bewilligt, haben erklärt, der
Pakt erlaube so ziemlich alle Kriege, die man nur wünschen könne — alles
wohl in der Meinung, der eigentliche Sinn des Paktes werde dann schon
zum Durchbruch kommen, ähnlich also wie man es bei der Gründung des Völ-
kerbundes machte. Aus all dem Schwanken über den Sinn und Wert des Paktes
arbeitet sich einiach, auch wieder ähnlich wie beim Völkerbund, die Tatsache
heraus, dass er das sein wird, was man daraus macht. Es gibt eine Partei, die
ihn bitter ernst nimmt — besonders in Amerika — eine, die ihn verlacht,
und eine, die ihn zu einem Instrument der Diplomatie macht. Diese letztere
bringt es spielend fertig, in Frankreich wie in Amerika, mit der Ratifikation des
Paktes die Annahme einer Rüstungsvorlage zu verbinden und jene damit zur
Farce zu machen.
Dass in der amerikanischen Diskussion über den Pakt sehr militaristische
Reden gehalten wurden, ist vielleicht nicht allzu ernst zu nehmen. Es gibt Ame-
rikaner, die das Bramarbasieren lieben. Auch spielt drüben die „bigness“ eine
grosse Rolle; man will immer das quantitativ Grösste und Teuerste haben. also
auch eine grössere und teurere Flotte als England. Daneben sind es die Mili-
ee one mit den Rüstungsindustriellen und den Journalisten, überall
‚ Gegen diese Verpestung war die Frankfu
dieGiftgasgefahr ein sehr heilsames Mitt
sen Eindruck gemacht über die ganze Welt hin.
nalisten, deren Maul mit dem Gehirn durchgeht
tter Konierenz gegen
el. Es hat ganz offenbar gros-
Daran ändern gewissen Jour-
und die durch „vernünftigen
1) Er hat in einer Münchner Rede vesaot: . :
: 3 : gesagt: „So sch
gerade durch seinen Föderalismus für immer n einem a
Art der Schweiz, seinem einzigen und tatsächlichen Vorbild, bestimmt zu sein.“
Was könnte die Schweiz nicht bedeuten, 4 EN
2 wenn sie von den Schwei
getragen würde, statt verraten zu werden. hweızesn
98
tnis der „Kölnisc eitung“ zum Pazifismus
rs interessant, dass diese Zeitung ja ein Hauptorgan der
ist. In Oesterreich ist General Siegfried Popper und in
neralR. A. Bratt aus dem Heeresdienst ausgeschieden, um sich
edensarbeit zu widmen. Die wissen halt, was Krieg ist. r
er Schweiz, wie anderswo, geht die Dienstverweigerung un-
. weigerer gegen die Bedeutung ihrer Sache anzuführen. Abgesehen davon,
dass man diese Zahl sehr viel kleiner macht, als sie wirklich ist — nun, haben
die Bekenner und Märtyrer je durch das Quantum gewirkt und nicht durch
das Quale? Neuerdings ist Emil Ith zum drittenmal in Lausanne vor dem
Militärgericht gestanden. Die Richter haben es über sich gebracht, diesen tap-
‚feren Arbeiter, der für eine Mutter zu sorgen hat, an der er innig hängt, zu
sechs Monaten Gefängnis und fünf Jahren Einstellung im Aktivbürgerrecht
(Steuern bezahlen wird er wohl dürfen!) zu verurteilen und ihm „achtbare Be-
weggründe“ nicht zuzubilligen. Das ist ganz bezeichnend für die berühmte
- Schweizerfreiheit: andere Ansichten als die eigenen sind nicht achtbar. Und für
das heutige Land Vinets ist ebenso bezeichnend, dass man es einem Mann zum
_ besonderen Vorwurf macht, wenn einer auf schwer errungener Gewissensent-
scheidung beharrt. Warum nicht endlich das Vinet-Denkmal in Lausanne
entfernen, auf dem doch das Wort steht: „Le christianisme est dans le monde
—_ la semence immortelle de la liberte?“
Aber die Stimme des Gewissens bedeutet doch etwas. Die 72 Nazare-
_ ner in Jugoslavien, denen Gefängnisstraien bis zu zehn Jahren (und teilweise
nicht zum erstenmal) zugesprochen worden waren, sind wenige Tage vor der
Einführung der Diktatur freigesetzt worden. Zu stark war der Protest aller
Welt. Es freut uns, dass der Impuls dazu diesmal von uns ausging. Ob es
aber.nun dabei bleibt?
2
3. Schweizerisches.
Eine neue schweizerische Schande ist das Verhalten des Dichters Francesco
Chiesa und des Bundesrates Motta (dem der übrige Bundesrat sekundiert) im
1) Einige Stellen aus einer neulich gehaltenen Predigt von ihm lauten:
„Nur der Friede, nicht der Krieg ist vom Geiste Christi. Jeder Krieg, auch
der notwendigste und gerechteste, ist eine Wunde der christlichen Weltordnung.
Wie es der medizinischen Wissenschaft und der Volkswirtschaft gelungen ist,
Pest und Hungersnot zu vertreiben, so muss es dem guten Willen auch gelin-
gen, den Krieg von unseren Ländern zu vertreiben .... Ihr habt gehört: es ist
süss und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben. Ich aber sage euch: es ist
süss und ehrenvoll für das Vaterland zu leben ... .Die Lasten des Krieges dür-
fen nicht so verteilt werden, dass einige dabei reich werden und ein gutes Ge-
schäft machen, während die meisten in Armut verfallen und sogar ihre Spar-
pfennige verlieren... . Wir Zeitgenossen des Weltkrieges sind doppelt verpflich-
tet, die Bedingungen des Friedens zu pflegen. Wir haben den Tränenstrom des
Krieges gesehen, die Klagelieder und die Flüche gehört, den Leichengeruch
gerochen und die Totenlisten gelesen. In dreissig oder fünizig Jahren werden
die grausigen Farben des Krieges verblassen. Wir aber von heute müssen vor
der Zukunit die Stimme gegen den Krieg erheben .. . Die heilige Flamme glüht
“ nicht bloss, wenn Schwerter geschmiedet werden, sondern auch, wenn Schwer-
ter in Pflugscharen und Werkzeuge der Kultur umgearbeitet werden.“
99
ihörlich vorwärts. Nichts ist törichter, als die „geringe Zahl“ dieser Ver--
ER
anz unpolitischer
4 Lugano kommen _
alle des Professors Salvemini, der zu einem ‚Vortrag,
Art an die von Chiesa geleitete Scuola di cultura italiana in Lt
sollte, dem aber Motta unter Zustimmung Chiesas die Einreise ie gert,
weil er Antifaschist ist, während man gegen Vorträge von zwei EEE en
Spitzen nichts einzuwenden hatte. Salvemini, ein berühmter a er
Florenz nach London geflüchtet, die „ireie Schweiz’, die jedem Schi un
abgedankten Prinzen weit offen steht, kann Vorkämpier der Freiheit und De-
rate nicht mehr brauchen. Schade um Chiesa! Von Motta gilt: Non par-
tiamo di loro! Es ist erfreulich, dass im Tessin sich noch eine Oppostion kräl-
tig regt, die Angst für den Geldbeutel ist dort noch nicht der allentscheidende
Faktor. Aber man täusche sich nicht: der moralische Kredit der Schweiz, den
ein besseres Geschlecht von Schweizern angesammelt, ist gründlich aufge-
braucht. Die Verteidigung ihrer „Unabhängigkeit“ durch Bajonette ‚und — Gas-
masken wird das schwerlich gutmachen! Und da hat so einer die Frechheit,
im „Schweizer Soldat“ (Nr. 11) den Antimilitarismus als „idealen Landesverrat“
hinzustellen, einer von diesen Leuten, die alle Tage und auf alle Weise die
Schweiz geistig und materiell verraten und in den moralischen Untergang
treiben, dem der andere dann nachfolgen wird. | 2
Was wir in der letzten Ueberschau in bezug auf das Vernältnis der
Schweiz zum Opiumschmuggel vermuteten, hat sich leider nur zu sehr
bestätigt. In der Opium-Kommission des Völkerbundes trat klar zutage, dass
die Schweiz ein Zentrum dieses edlen Geschäftes ist. Auch eine Gerichtsver-
‘handlung in Zürich hat es gezeigt. Natürlich, wenn man Geld verdienen kann,
wie sollte da der Schweizer nicht eifrig dabei sein! Man sieht wieder einmal,
was entrüstete Proteste wert sind. Mit Mühe gelang es dem Vertreter der
Schweiz, die stinkende Schande ein wenig zuzudecken — was ja die Hauptsache
ist! Ich aber frage wieder: wo ist der Mensch, der dieser Sache nachgeht und
dieser Schande ein Ende bereitet?
Ungefähr zur gleichen Zeit ist bekannt geworden, wie es bei uns selbst mit dem
Alkoholgenuss steht. Die Fürsorgestelle für Alkoholkranke in Zürich
hatte im Jahre 1917 bloss 63 Neuanmeldungen, im Jahre 1928 aber 244. Es wurden
1918 an dieser Stelle 500 Fälle behandelt, im Jahre 1928 aber 1545. Die Schweiz
verbraucht jährlich 5 Millionen Hektoliter alkoholischer Getränke; voran gehen
ihr im Alkoholgenuss nur Frankreich, Spanien, Griechenland und Italien, alle
anderen Völker kommen erst lange nachher. Der Prozentsatz der alkoholkran-
ken Männer in der Irrenanstalt Burghölzli stieg in den Jahren 1926 bis 1928
von 25,5 aui 31,4. Die Uniallverletzungen infolge von Rausch belaufen sich
auf 30—35 Prozent, besonders häufig sind die durch angetrunkene Automobi-
listen verursachten. Etwa 1000 Personen nehmen sich bei uns jährlich das
Leben, bei 27,3 ‚Prozent der Männer ist der Alkoholismus entweder Haupt-
ursache oder wichtiger Begleitumstand davon. Im Jahr 1926 sind daneben
482 Menschen infolge von Rausch oder chronischem Alkoholismus gestorben;
in.1054 Fällen ist dieser wesentliche Nebenursache. Dabei stehen wir in der
Besteuerung des Alkohols am Schwanz der Völker und in bezug auf die Wohl-
feilheit der alkoholischen Getränke an der Spitze. So nach einer Autorität in
Da nen Lot ssor Maier, dem Direktor der grossen Irrenanstalt Burg-
Ich wundere mich darüber nicht! Di
Für nichts Gutes halte ich die Ge
zur Abstimmung kommen soll. Nicht
so sehr begeistert gewesen wäre, abe
ese Zahlen sagen sehr viel.
treidevorlage, die am 3. März
Fr dass Sr für das Getreidemonopol
n wö T dıe ganze Art von Politik, die hint
der neuen Vorl i i ü ine Dec
nn orlage steht, ist ein Fluch. Darum stimme ich für meine Person
‚.. Ueber die Spielbanken hat man
ihre Neueinführung beratenden Kommiss
immer eilig!) die Spielbänkler erklärt hätte
ur vernommen, dass in einer über
ion (in diesen Dingen hat man es .
n, sie wollten mit dem Bundesrat zu-
100
-
‚sammen schon für eine strenge Durchführung des neuen Gesetzes sorgen. Wenn
der Bock .so ernsthaft verspricht, den Garten zu hüten, darf der Gärtner wohl
beruhigt sein. Das schweizerische Komitee gegen die Spielbanken hat wenig-
stens beschlossen, sich nicht aufzulösen.- Im übrigen ist die Schlaffheit, womit
“ man das Ergebnis der Abstimmung vom 3. Dezember im allgemeinen hinge-
_ nommen hat, wenig geeignet, uns zu trösten.
E- Unter solchen Umständen ist es schon am Platze, wenn die Neue Hel-
_ vetische Gesellschaft an ihrer letzten Tagung über die „Krise der
Demokratie“ verhandelt hat. Davon vielleicht ein andermal. Und wenn man
von der Einführung des Frauenstimmrechtes auch keine Wunder er-
. wartet, so darf man doch hofien, dass die Mehrheit der Frauen nach und nach
in gewissen Kämpien energisch auf die Seite des Rechten treten werde. Also
helfen wir vorläufig bei der Petitionsbewegung eifrig mit! Sehr erfreulich ist,
dass bei dieser endlich wieder die sozialistischen Frauenkreise mit den bürger-
lichen zusammenwirken. Möchte das ein gutes Zeichen für die Zukunft sein.
> 4. Sozialismus und soziale Zustände.
In der sozialistischen Bewegung steht, neben den russischen Vorgängen,
die in einem anderen Zusammenhang erwähnt worden sind, das sogenannte
- Wehrprogramm der deutschen Sozialdemokratie. Es ist erfreulich, dass
sich dagegen allenthalben aus der Partei selbst scharfer Widerstand erhoben
hat. Wenn es nur zu einer starken Krise kommt, bevor es zu spät ist. Es ist
eine himmeltraurige Sache, dass unsere schweizerischen Militaristen sich im-
mer kühner auf die Haltung der ausländischen Genossen berufen dürien.
Scharf beleuchtet werden wichtige Entwicklungen durch die Arbeiter-
unruhen in Indien und den Negeraufistand im französi-
schen Kongo. In Indien handelt es sich nicht bloss um durch Aberglauben
erzeugte Kämpfe zwischen Mohammedanern und Hindus, sondern auch um sehr
ernsthafte sozial-wirtschafitliche Unruhen: um die Erhebung der
Arbeiterschaft gegen unerträgliche Ausbeutung und ihre Unterdrückung durch
Vertreter des Bergstamms der Panthans, die zufällig Mohammedaner sind;
vom französischen Kongo aber wird berichtet, dass siebzig Prozent der zur
Zwangsarbeit herangezogenen Neger daran zugrunde gehen, 17 000 allein beim
Bau einer Eisenbahn, und ganze Gegenden aussterben.
Mitten in die furchtbare Kälteperiode fallen deutsche Aussper-
rungen im Textilgewerbe, die insgesamt gegen 60000 Arbeiter mit ihren
Familien treiien, während die Zahl der Arbeitslosen (infolge der Ratio-
nalisierung, die nun der Götze so Vieler ist!) auf über zwei Millionen (neben
den zwei Millionen in England) gestiegen ist. Auch hier apokalyptische Zu-
stände!
Kein Wunder, dass in immer neuen Formen die Verbrecherweltin
den Vordergrund tritt und sich beinahe legitimiert. Warum denn nicht? Das
ist noch lange kein Giitgaskrieg!
Am 15. Januar war der zehnte Jahrestag des Todes von Rosa Luxem-
burg und Karl Liebknecht, beides herrliche Menschen, vor allem
Rosa Luxemburg, wie besonders ihre Briefe jedem zeigen, der nicht sieben
Bretter des Parteihasses vor dem Kopf hat. Auch politisch haben sie das Rechte
gewollt (eine richtige Revolution zu schaffen), es aber freilich mit falschen
Mitteln durchzusetzen versucht. Am 21. Februar aber ist der zehnte Jahrestag
der Ermordung Kurt Eisners. Auch dessen Gestalt tritt immer grösser
und reiner hervor, in dem Masse, als die blutigen Nebel, die über jener ganzen
Periode liegen, zu weichen beginnen.1) Gewaltig und erschütternd tritt das
1) Den Geist, der in all diesen Menschen lebte, offenbart herrlich der Brief,
den Eisner etwa ein Jahr vor seinem Tode (am 1. Januar 1918) an seine Frau
schrieb:
101 N
ma
4
Bild jener Tage uns in den Brieien von Gustav Landauer ent-.
ee, Selbe Martin Buber neuerdings herausgegeben hat. Ein Goldschatz
und eine Lektüre von einzigartigem Wert. Davon anderswo mehr. _
In diese ganze Auflösung und Neubildung der Menschenwelt bricht aus
den Tiefen der Natur, das Chaos zu mehren, die Kälte ein. Für Millionen
eine neue grosse Not. Aber es ist ja wohl gut, dass auch die Natur sich wie-
der zum Worte meldet. Andere Mächte werden sich zu ihrer Zeit auch melden.
5, Kulturelles und Unkulturelles.
Es gibt eine Macht der Wahrheit. Eines der Vanzetti zugeschriebenen
Verbrechen, das stark zu seiner Verurteilung beigetragen, hat sich in nichts
aufgelöst. Wird das den Schlaf des Gouverneurs Fuller nicht stören? In
Deutschland stellt sich die Unschuld eines wegen angeblichen Landesverrates
zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilten Industriebeamten Bullerjahn
heraus, bald nach dem Fall Jakubowsky und anderen derart. Eine literarische
Beleuchtung solcher Dinge ist „Der Fall Mauritius“ von Jakob Wassermann.
Auch eine ganze Zeitbetrachtung liesse sich an die Tatsache knüpfen, dass
ein Feldmarschall Ludendorif, angeblich, um für die Befreiung Deutschlands
(und wohl auch der Vernichtung der Juden und Freimaurer?) Geld zu schaf-
fen, sich mit einem Goldmacher in Verbindung setzt und dem Schwindler
Hunderttausende verschafft. Und das ist der Mann, der jahrelang sozusagen
die Geschicke der Welt in der Hand hielt!
Es gebe in der ganzen Welt etwa 60000 Kino. Davon fielen auf Europa
27318, auf Amerika 20500, auf Asien 4000, auf Airika 640 (für Australien feh-
Een Die Zahlen entsprechen also genau der Höhe der Kultur, nicht
wahr:
Etwas Erfreuliches — wie man sich auch zur Prohibition stelle: Prä-
sident Hoover wünsche 25 Millionen Dollar (also 125 Millionen Franken) für
das Studium wirksamer Mittel zur Durchführung der Prohibition, nicht etwa
der Einführung von Spielbanken!
6. Kirchliches und Religiöses.
. In Basel hat, wie vorher in Bern und im Aargau, eine Feier zum Gedächt-
nis der Einführung der Reiormation stattgefunden. Ich werde, offen ge-
„Als ich gestern Nacht einsam durch die Stadt zum Hotel wanderte — am
Landwehrkanal entlang — überfielen mich schwermütige Gedanken. Da be-
schloss ich, mich von ihnen zu befreien, indem ich sie Dir anvertraute. Es be
drängte mich eine trübe Ahnung, als ob sich mein Schicksal bald vollenden
könnte. Ich weiss, dass ich durch Gefahren wandere, die ich deutlich sehe
und gegen die ich doch blind sein will. Aber ich kann nicht anders Ich
könnte niemals mehr irei atmen, wenn ich nicht‘ jetzt das täte, was ich für
meine Pflicht halte. Dieser persönlichen Verantwortung und "Verpflichtung
kann ich nicht mehr ausweichen — um meiner Seele willen. Aber ich vestehe
ich bringe damit ein sehr schweres Opier. Niemals war ich so inni usd freu-
dig ins Leben verilochten, wie in diesen jahren: Ich hänge an Dir an den
Kindern, an der vielen Arbeit, die noch nicht getan, an den Gedanken die i
mir noch keimen, an dem Häuschen in der Stille, an den Büchern De } “
muss ich mit all dem spielen. Ich sehe klar das Licht in der Finsternis Zd
ich wandern muss. Ich kann nicht los davon. Aber dieser Weo wird dan icht
ne gerade jetzt nicht, wo ich mich in der Blüte der Krait en fühle
n wollte ich Dir einmal sagen! Diese Zeilen sollen Dich nicht ängstigen, es
egt ja nichts Greiibares vor, nur jene nächtliche Ahnun We os
Aber es soll mich nicht überraschen, bevo A
Sei fröhlich und voll Zuversicht — wie ich a gebeichtet.
102
ingegenwärtige gott
s leer und das viele Reden da
Geistlichkeit, die dieses Ereign
hlimm. Es ist auch
sen eine der entscheidenden Losungen war, es, eine Minder-
1, nicht über sich bringt, für einen Mann einzustehen, der um
gebundenen Gewissens willen etwas tut, was heute ein Stück
‚ist, und ausgerechnet der Regierungsrat, der ihn deswegen ab-
n will, es, wenn ich recht verstanden habe, als ein Verdienst der Reforma-
on bezeichnet, dass die Obrigkeit das nun tun dürfe, ohne religiös behelligt
‚werden. Es ist gut, dass wenigstens die trefiliche populäre Festschrift von
Matthäus 23, 28 ff. (Das ganze Kapitel ist lesenswert!!)
Betrübend sind die Vorgänge in der Heilsarmee. General Bramwell
_ Booth mag ein ausgezeichneter Mensch und verdienter General der Heilsarmee
sein, was wir gern annehmen wollen, aber dass er mit seiner Sache vor Ge-
richt geht, verstösst zu stark gegen den Grundsatz von 1.Kor.6, 1 ff. und ist
fi Farge, Verweltlichung. „Wenn aber das Salz dumm wird, womit soll man sal-
zen? rs h
: 13.tebruar... = | L.Ragaz.
a Personalia. Richard Grelling ist in hohem Alter gestorben. Ein
Mann ersten Ranges, dem die Geschichte noch einmal Gerechtigkeit antun
- wird. Sein „J’accuse“ war eines der wichtigen Ereignisse der ersten Kriegs-
jahre. Es war ein einseitiges Plädoyer gegen Deutschland, aber als solches da-
- mals notwendig und im Munde eines Deutschen eine Ehre für Deutschland. Ein
Mann von ganz seltener moralischer Tapferkeit, und auch darin eine Ehre sei-
nes Volkes!
-Eine Friedensgestalt war Pfarrer Konrad Herzog, früher zu St. Peter
in Basel wirkend, seit einigen Jahren an schwerer Krankheit leidend und nun
zu dem Frieden eingegangen, den er in seinem Wesen so schön verkörperte.
* Eine sonnige, grundlautere und grundgütige Natur, fand er, wie mancher
Andere auf seine Art, in dem von den Nebeln des kirchlichen Streites erfüll-
ten Basel nicht die Atmosphäre, die ihm angemessen war. Aber er verbesserte
dafür durch seine Art diese Atmosphäre. In der Reiormpartei stehend, wurde
er doch durch’ eine Freiheit des Geistes, die vor allem aus Herzensreinheit,
Herzensweite und Herzenswärme stammte, über die Parteischranken hinaus-
gehoben und ein edles, erquickendes Element der Versöhnung. Viele werden
seiner in Liebe und Dankbarkeit gedenken. Er verdient es!,
Als Achtzigjähriger weilt noch lebensirisch unter uns PaulPassy. Er
ist, neben Thomy Fallot, Wilfred Monod und Elie Gounelle, weiter „links“,
das heisst im Sozialismus selbst stehend, einer der Pioniere des religiösen So-
zialismus in Frankreich. Zur Pioniernatur gesellt sich in ihm die Bekenmner-
natur. Es tritt uns in diesem Manne jene geistige Tapferkeit und jene Ent-
- schlossenheit, bis zum Ende zu gehen, entgegen, die ein besonderes Merkmal
des französischen Wesens ist. Dem Bekenntnis zum Sozialismus gesellte sich
ein Antimilitarismus der leidenschaftlichsten Art, welcher die Absetzung des be-
rühmten Professors der Philologie an der Sorbonne zur Folge hatte. Während
des Krieges ist auch er, im tieien Bewusstsein des französischen Rechtes, auf
eine andere Linie gerückt, was ihn ein wenig von uns und andern religiösen Sozia-
listen trennte, doch hat man sich nun so ziemlich wieder geiunden. Ein Radika-
103
de wie der Blitz
ıis feiert, in welchem bekannt-
Professor ErnstStähelin („Die Reformation in Stadt und Landschaft Basel
1529) auf diese Seite der Reiormationsfeier hindeutet. Im übrigen gilt davon.
1
3
7
i a 73 / ; “ 22 “
jer ist Paul Passy doch geblieben. Radikal ist seine Siellunguahne Eis a
"gegen das ganze Maschinenwesen. Möge er noch lange als ein Beispiel ewi-
“ ar
Tagesiragen (und immer tapfer dazu), radikal seine Gründung der
ee Seannie „Lieira (Liberte, Egalite. fraternite), mit der jetzt en
internationale Volkshochschule verbunden ist, radikal sein franziskanisch-tol-
stoischer Weg, radikal seine Opposition nicht nur gegen das Auto, sondern
«
Pr
ger Jugend unter uns weilen!
"Basel. „Aufbau“ und „Neue Wege“: Dienstag den 5. März,
abends 8 Uhr, Volkshauszimmer 5, Vortrag von Genosse Dr.S.Brin über:
„Das Judenproblem.“ Zahlreiches Erscheinen erwarten wir gerne. n:
Bern. Zusammenkunft der Freunde der „Neuen Wege Freitag den
1. März, abends 8 Uhr, im Daheim, Il. Stock. Einleitendes Referat von
Pfarrer K.v. Greyerz über: „Mein Glaube.“ Anschliessend Diskussion.
Auch machen wir die Leser der „Neuen Wege“ schon jetzt darauf aufmerk-
sam, dass wir im März einen öffentlichen Vortrag von Prof, O. Ewald aus .,
Wien veranstalten werden. Das Nähere wird noch bekannt gegeben.
Zum Besuche dieser beiden Veranstaltungen sind die „Neue Wege“-Leser
herzlich eingeladen und gebeten, Bekannte darauf aufmerksam zu machen.
Der Ausschuss der Gruppe „Neue Wege“ und „Aufbau“,
Redaktionelle Bemerkungen.
Die Leser werden sich vielleicht wundern, warum in dieser Nummer nicht
der zweite Teil des Aufsatzes „Katholizismus und Sozialismus“
erscheint. Ich möchte ihnen darum erklären, dass es mir wichtig schien, den
Vortrag über „Aktiven Pazifismus“ in diesem Hefte zu bringen. Im
März-Heit soll dann die Fortsetzung des andern kommen. Es schien mir eine
solche Unterbrechung tunlich, weil es sich in dieser Fortsetzung zunächst aus-
schliesslich um Dokumente handelt, die für sich selbst versfändlich und
wichtig sind.
Auf den Vortrag selbst sei noch besonders hingewiesen. Er ist nicht nur
zum Lesen, sondern zum Handeln.
Aus Rücksicht auf den Raum musste wieder Einiges zurückgestellt werden,
so auch eine „Betrachtung“ des Redaktors, die durch eine lä
Bietenholz ersetzt wird.
Druckiehler.
Im Januarheit sind folgende Druckfehler zu berichtigen: Seite 18, Zeile 4
von oben muss es Dauer heissen (statt „Trauer“); Seite 32, Zeile 19 von
unten verteidige (statt „verteidigte“); Seite 46, Zeil =
minister (statt nel I; a
Vorläufige Mitteilung.
Die diesjährige Jahresversammlung der Freunde der Neuen W
soll Sonntag, den 17. März, in Zürich (Gartenhorstre ii
stattlinden. Im Mittelpunkt stehen wird ein Vortrag von Prof. Dr.
Oskar Ewald aus Wien über das Thema: „Wie sollen °
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wir uns zum Freidenkertumi
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Näheres wird, wenn dies mö
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mitgeteilt werden. glich, im Märzheft und anderswie _
104
2 Rh Le See
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En = 2” 2 “ | F Be 5 e>
. Tesy er 5 EN “ a SB, a BR
er Passion Jesu für die Welt.')
Be Markus 10, 35454: ERNEST
ie gingen schon nach Jerusalem hinauf, der baldigen Entschei-
ed Malen hat Jesus versucht, seine Jünger mit seinem bevor-
_ stehenden Leiden und Sterben bekannt und vertraut zu machen. So
hat der Herr alles getan, um seine Allernächsten auf seinen gewalt-
4 samen Tod vorzubereiten. Und dennoch gelang es ihm nicht.
: Sicher ‚war es zunächst die Liebe zu ihrem Meister, die es ihnen
- nicht zugeben wollte, sich mit dieser furchtbaren Tatsache inner-
unserm heutigen Textesabschnitt deutlich genug hervor. Und der
Jünger Verhalten später bei der Gefangennahme Jesu und dessen
-_ erstem Verhör zeugt dafür, wie sehr es einfach über ihr Fassungs-
- vermögen gegangen, dass Jesus von Nazareth als der Christus
Gottes leiden und sterben werde, ja leiden und sterben müsse, wie
_ er selber gesagt, und nun gar aus eigenem Antrieb leiden und ster-
-ben wolle. Sie alle begriffen ihren Meister in dieser entscheidenden
Sache nicht und gingen darum, ein jeder in seiner Weise, hinter sich.
Nicht dass wir ihnen nun daraus auch nur den leisesten Vor-
wurf machen wollten. Wahrlich nicht, das steht uns wirklich nicht
an und liegt uns auch gänzlich fern. Im Gegenteil: indem wir diese
- Tatsache des Jüngermissverständnisses und der daraus folgenden
Flucht, Verleugnung und Verrates einfach ruhig als geschichtliches
Ereignis hinnehmen, fragen wir mit allem Ernst nach den letzten
und tiefsten Gründen und Ursachen solchen Verhaltens. Denn,
_ nicht wahr, wenn überhaupt jemand Jesus hätte begreifen und
sein schweres Ringen und heiliges Wollen hinsichtlich seines frei-
willigen, opferbereiten Sterbens würdigen sollen, so doch die Jün-
ger, die mit ihrem Herrn und Meister das Leben völlig geteilt.
Warum aber konnten sie es denn nicht? Weshalb war zu allem
übrigen Bittern und Herben der Passion Christi dieses Nichtver-
standenwerden seitens seiner Vertrautesten Jesus als vielleicht Aller-
schwerstes auch noch hinzugetan? Warum?
Ob es sich bei Jesu Tod nicht doch um ein menschlich wirklich
unfassliches Geschehen handelt? Wie, wenn der Mensch als Mensch
1) Eine Predigt.
105
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ntgegen, als sich unsere Szene abspielte.e Auch schon zu
ve
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DR =
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ei;
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BE NE TR EN EICHE RER ENT,
von sich aus nie dazu käme, zum wahren und eigentlichen Sinn
des Heilandslebens und damit auch seines eigenen Lebens vorzu-
dringen? Wie, wenn hier im Leiden Christi, aber auch schon in des-
sen The vorher, das ja auch schon um der andern willen gelebt
ward, wie, fragen wir uns, wenn in der Passion Christi, dem Lei-
den und Sterben für andere, entgegen aller sonstigen, naturgegebe-
nen Selbstliebe, das Göttliche, jene andere Welt, in unsere Men-
schenwelt herein- und durchbräche? Wie, wenn Gott selber hier in
Jesu Opfertod am Kreuz den Sinn des Menschenlebens überhaupt
uns enthüllte?
Menschlich, allgemein-menschlich ist, dass wir einen sichtbaren,
äussern Lohn oder Erfolg für unser Tun und Handeln erwarten.
So müssen wir uns gar nicht wundern, dass auch die Söhne des
Zebedäus, Jakobus und Johannes, sich von Jesus eine Belohnung
ihrer eifrigen Jüngerschaft erbaten. „Meister, wir wollen, dass du
uns tuest, was wir dich bitten werden. Gib uns, dass wir sitzen,
einer zu deiner Rechten, und einer zu deiner Linken in deiner Herr-
lichkeit!“ Wir müssten uns vielmehr sehr verwundern, wenn sie,
die offenbar ihrem Temperament gemäss von einem stärkern Ehr-
geiz erfüllt waren als die andern, solchen menschlich durchaus be-
greiflichen Wunsch nicht gehabt hätten. Oder wo sind denn heute
unter uns die Menschen, die nicht Lohnes wegen ihren verschiede-
nen Pflichten und Aufgaben nachkommen? Wo sind beispielshalber
die freiwilligen Helfer und Helferinnen, die gottgeschenkten Kräfte
m einer christlichen Gemeinde? Und wenn es am Ende da und
dort noch geschieht ohne Hoffnung und Berechnung irdischen Loh-
nes, erwartet man dann nicht umsomehr, dass man dafür in seiner
Herrlichkeit einmal zu Ehren komme?
. ©, glaubt es, das Vergelts Gott spielt, offen ausgesprochen oder
sich selber nicht eingestanden, bei allen Menschen eine gewaltige
Rolle. Gewiss wird ja ein jeder Mensch einmal ernten, was er ge-
säet hat, hier oder dort; aber es ist durchaus ein Anderes, ob wir
etwas Gutes tun oder etwas Schlimmes unterlassen aus solchen
selbstischen Beweggründen der Vergeltung. Dabei macht es keinen
so sehr grossen Unterschied mehr, ob wir dann für dieses oder
jenes Leben den Lohn, das Entgelt erwarten. Merken wir denn
wirklich nicht, wie jede an und für sich gute und edle Tat und
Handlungsweise durch jeglichen Haupt- oder auch nur Neben-
gedanken an uns selbst gänzlich entwertet wird? Aber eben. das
völlig reine, selbstlose Sichhingeben und Dienen, wobei man gar
nicht mehr an sıch denkt, sondern ganz und gar aufgeht im Leben
für andere, scheint nun einmal nicht auf dem Bod M
lichen Mensche Oden unserer gewöhn-
andern Welt. nnatur zu wachsen. So stammt es halt aus einer
106
g aul 1
2 "Das inne Sr ut Hiae ich re Sanie de ee
Se ‚ausgedrückt, das „was wird mir dafür ?“ ist ja so sehr
ich, nur ' allzumenschlich; en wir alle sinnen nicht, was
Fee 4; IE
x “Nun aber konnte und wollte Jesus seinen beiden Jüngern ihre
so sehr menschliche und wohl auch ganz irdisch gedachte Bitte
3 nicht erfüllen. Wie sollte er aych, da gerade Er uns Menschen von
_ uns selber, von unserer grossen Selbstsucht und damit von unserer
er Menschennatur erlösen, frei machen will! Niemals wird auch Gott
j ‚auf solch selbstische, immer nur auf Kosten anderer gehende, uns
i ‚selber noch mehr an des Lebens irdische Güter bindende Wünsche
„ eingehen, schon rein um unser selber willen nicht. Unser himm-
lischer Vater ist kein Wunschgott, so wenig als unser Herr und
- Heiland eine Wünschelrute. Lohn gibt einmal der gerechte Gott
einem jeden, und er gebe uns allen einen gnädigen Lohn. Wie sagt
doch Jesus in seiner Bergpredigt: „Dein Vater, der ins Verborgene
sieht, wird dirs vergelten.‘“ Also überlassen wir nur ganz ruhig und
. getrost das Sitzen zur Rechten und zur Linken, das heisst den Lohn,
- unserm Gott und bekümmern wir uns ferner nicht darum! Erfüllen
wir unsere Pflichten pflichtenhalber, helfen und dienen und lieben
- wir aus Mitleid und’ Bruderschaftsgefühl auf Gottes Geheiss und ge-
trieben von seinem Geist! Gott wird dann das Seine schon auch
- tun. So gilt auch uns unseres Heilandes deutliche Absage an die
- bittenden Brüder: „Zu sitzen zu meiner Rechten und zu meiner Lin-
- ken stehet mir nicht zu, euch zu geben, sondern welchen es be-
reitet ist.‘
Aber ein wesentlich Anderes bot dafür bei dieser Gelegenheit
der Bitte um die Ehrenplätze in seinem Reich der Herr den beiden
stürmischen, sich allzu sehr vordrängenden Zebedaiden an: „Kön-
net ihr den Kelch trinken, den ich trinke, und euch taufen lassen
mit der Taufe, da ich mit getauft werde?“ Wenn sie ihm denn zu-
- nächst sein wollen, so mögen sie ihm auch nachfolgen in Leiden
und Tod. Das ist eines echten Jüngers Zeichen, wo einer bis zum
Letzten und Schwersten es nicht anders haben und halten will als
107
sein Herr. „Will hier keine Ehrenkrone tragen, Wo mein Herr die
Dornenkrone trug.“ Denn der Jünger steht nicht über dem Meister.
Wer in Jesu Gottesreich zuvorderst zu sein begehrt, darf nie etwas
mehr gelten wollen als die übrigen, soll es auch nicht vor allem
schön und bequem haben und was dergleichen irdische Dinge und
Genüsse und Güter sind, im Gegenteil, muss Kreuz und Verfolgung
. und Leiden, ja auch den Opfertod nicht scheuen, wenn es eines
Höhern Wille ist. - F .
Leidenskelch und Bluttaufe stellte unser Herr seinen beiden
leidenschaftlichen Jüngern in Aussicht, als sie seine Frage, ob sie
seinen Kelch trinken und sich mit seiner Taufe taufen lassen könn-
ten, sofort bejahend beantwortet hatten: „Ja, wir können es wohl.“
Also diese höchste irdische Jüngerschaft hinter ihm her hat er ihnen
verheissen, und, fügen wir hinzu, haben sie auch als Siegel und
Krone empfangen. Nur diese beiden? Nicht doch, Leidenskelch
und Bluttaufe ward auch noch Tausenden und Abertausenden zu-
teil im Laufe der Jahrhunderte bis auf diesen Tag als Zeichen wahır-
ster Jüngerschaft Christi. Solch Leiden und Sterben um Gottes und
seines Reiches willen aber ist wahrlich nicht mehr menschlich. Dar-
in offenbart sich schon Gottes Kraft, Gottes Herrschaft, Gottes
Sieg inmitten einer selbstsüchtigen Menschenwelt, die immer noch
nach Ehrenplätzen und Lob und Lohn und Ruhm und Geld und
Macht und Gewalt strebt gleich unsern beiden ehrgeizigen Jüngern;
ob sich diese Welt auch christlich nennt, und die Christen mit Was-
ser getauit sind.
II.
Jedoch, was unser Herr den zwei Donnerssöhnen auf ihre be-
sondere Bitte vorausgesagt, ward zum Ausgangspunkt einer ge-
radezu entscheidenden, hochwichtigen Erklärung und Mahnung an
alle übrigen Jünger. Denn die zehn andern, die im Herzen nicht
weniger in Hofinung auf Lohn in Jesu Nachfolge lebten und des-
halb um ihr Entgelt in grösster Angst schwebten, was denn für sie
noch übrig bleiben möchte bei Zusage der Ehrensitze an Jakobus
und Johannes, wurden gar unwillig über ihre beiden Kollegen. Und
so schlichtet der Herr ihren Streit, indem er mit allem Nacharass
sie alle darauf hinweist, dass unter ihnen als seinen Jüngern über-
haupt eine grundsätzlich neue und andere Ordnung di olle
Mag es in der Welt, die von Christus nichts weiss SE icht Be
sen will, nach ihrer Weise recht irdisch und en i I
zugehen, „unter euch, meinen Jüngern, soll es nicht al inc D:
Natürliche, dass Geld und Macht und Name herrsch nl
und Gewalt ausüben, ist bei Jesusjüngern oder al S Fe re
en = Christus aufgehoben und in ein Uebernatüriichee ven
wandelt. „Der Grösste un ne 2
aller Diener und en ee
neue, göttliche Sozialord-
108
gross un heissen will, der trete
es iner natür evorzugtheit und Vor-
rd diene und helfe, wo immer er Menschen durch
iebe nützen und stützen kann. RR ad
Umwertung aller bisanhin gültigen Werte, geradezu eine Re-
‚olution grössten Ausmasses, eine Umschichtung und Umgruppie-
rung sondergleichen, ein totales Umdenken und entsprechend ein
ebenso völlig umgekehrtes Handeln ausgesprochen, ja mehr als das,
auch. in Erscheinung getreten; denn was Jesus in Vollmacht sagt,
_ hat Kraft und ist Leben. Also nicht mehr sich selber leben, nur an
sich selber denken, allein sich dienen und nützen, wie bisanhin,
sondern andern dienen und für andere leben, oder auf den grössten
Gegensatz gebracht: nicht mehr sich ausleben auf Kosten der an-
- dern, vielmehr sich opfern zu Gunsten der Brüder, welch ein Ziel,
welche Zukunft, welch Himmelsgeschenk, das wahrlich nicht unser
7 eigen Fleisch und Blut uns eingegeben! O fast nur zu gross, zu herr-
lich, zu heilig, zu göttlich, um von uns Menschen nur auch im Geist
- ganz eriasst, geschweige im Leben im Verkehr mit den Mitmenschen
-_ geübt zu werden. Jawohl, bei den Menschen als nur Menschen
— ist es unmöglich, von Gott aus aber, das heisst im Glauben an sein
- Wort der Verheissung und Erlösung in Christus, sind auch uns
Menschen alle, auch die schwersten Dinge möglich. Und seht ihr
nicht, wie die Welt ohne diesen Gottesglauben an der Gewalt und
_ Herrschsucht zugrunde geht? Wo aber dienende Liebe als Höch-
stes gilt, und ein opferwilliges Leben für Gerechtigkeit und Frieden
sich Bahn schafft, da ist Reich Gottes, da ist eine Hütte Gottes
bei den Menschen, da ist statt Untergang und Gericht Rettung und
- Hilfe der argen Welt.
Und, fragt zum Schluss euch selber, welches wäre denn der
Sinn des Christuslebens und vor allem seines Leidens und Sterbens,
wenn nicht der, durch sein einzigartig Beispiel dienender Liebe
_ bis in den Tod am Kreuz diese Welt der Selbstsucht, des Geld-
geistes und des Gewaltglaubens und der auf diesen Mächten be-
ruhenden, verschiedenen, einander feindlich entgegengesetzten
Klassen und Stände zu befreien, zu erlösen, zu befrieden, mit einem
Wort, zu retten? Oder, noch einmal, wozu anders sollte Jesus in
diese gottlose Welt gekommen sein, wenn nicht, um in seinem heh-
ren Vorbild dienender Liebe eben dieser unglückseligen Welt Le-
- ben, Heil und Rettung zu werden? Wenn nur auch die Seinen ihm
* als ihrem Herrn nachfolgen und sich nicht mehr wie bis zur Stunde
dienen lassen, sondern gleich ihm einander dienen wollten mit ihrem
Leben bis zum Tod! Hinfort nicht mehr ohne einander und gegen
109
aa aber ist ein Ungeheures, eine recht eigentlich neue Welt, u
ala aa Ba er
Li;
inander, sondern nur noch miteinander und für einander, das ist“
der eigentliche Sinn der Passion Christi, wie seines ganzen Lebens,
das ist aber auch der einzige Sinn unseres Lebens auf dieser
dem Ihm nach, wer ein rechter Jünger ist, in gleichfalls
dienender, helfender, rettender Gottesliebe zu allen Menschen!
Nur so ist das Kreuz Christi aller Welt Hoffnung und Leben. Im
Kreuzeszeichen allein, das ist, in sich hingebender, opferfreudiger,
zu jedem Dienst bereiter Heilandsliebe werden wir auch über alle
widerstrebende, unerlöste Welt siegen. Gott selber gebe uns je und
je Kraft dazu durch den, der uns mächtig macht, Christus!
Hans Böhringer.
Schwermut — Anfechtung.')
Auch eine Kierkegaard-Betrachtung.
I.
Was Kierkegaard getan haben würde, wenn nicht an jenem No-
vembertag im Jahre 1855 der Tod ihm die Augen zugedrückt hätte
— darüber hat man allerlei, zum Teil sehr merkwürdige Vermutungen
aufgestellt. Man hat gemeint, er hätte den Sprung in den Katholi-
zismus getan, und man hat etwas dem diametral Entgegengesetztes
gemeint: dass er dem Christentum den Rücken gekehrt haben würde,
um Atheist und Christentumsieind zu werden. Die Frage lässt sich
nicht beantworten, und fruchtbarer scheint es, noch eine andere
Frage auizuwerfen, die Frage nämlich, was ihn so weit geführt
hatte, dass er sich in seinem Gewissen dazu gezwungen sah, Mi-
nen unter die Kirche zu legen, deren treuer Sohn er gewesen war,
und den Mann anzugreifen, den er sowohl um seinetwillen als
auch aus Pietät dem Vater gegenüber vor allem verehrt hatte. Und
gelingt es einem, die Beweggründe dieses seines letzten Kampfes zu
verstehen, versteht man nicht nur, warum es ging, wie es ging, son-
dern auch, dass es gar nicht anders gehen konnte, dass es für Kierke-
gaard nur diesen einen Weg gab, dann gelingt es vielleicht auch, die
andere Frage zu beantworten, oder jedenfalls eine Ahnung davon
zu bekommen, in welcher Richtung die Beantwortung liege.
Die Frage, warum Kierkegaard Bischof Münster angriti, trotz
seiner eigenen bis zum Tode des Bischofs dauernden Verehrung und
Liebe für diesen Mann, ist am leichtesten zu beantworten: Er musste
ihn angreifen, so sehr es ihm weh tat, weil er einsah, dass der Bi-
schof, christlich und menschlich gesprochen, sich selbst untreu ge-
worden | war, dass er seine besten Möglichkeiten nicht verwirklicht
‘) Vergleiche die „Redaktionellen Bemerkungen“
110
.
so einfluss--
shalb hat Kierke-
tpflanze“ genannt,
hat uns dadurch selbst den Leitfaden in die Hand gegeben, der es
uns ermöglichen sollte, durch das Labyrint zu dringen, das durch
die neuere Kierkegaardforschung fast schon undurchdringlich ge-
worden ist, weil diese sich allzusehr damit begnügt, auf die Suche
nach dem „rätselhaften Punkt in Kierkegaards Leben“ zu gehen, —
_ ein Suchen, das, indem es seinen Scheinwerfer fast ausschliess-
lich auf das sexuelle Gebiet, von dem wir in Kierkegaards Leben
_ absolut nichts wissen, richtet, es zu wirklich prachtvollen Resul-
r
taten gebracht hat. Ein Gebiet, von dem man überhaupt nichts
weiss, bietet ja unübersehbare Möglichkeiten, wenn es sich um
„wissenschaftliche‘“ Hypothesen handelt.
Folgen wir lieber Kierkegaard selbst, wenn er in seinen Tage-
büchern immer wieder sagt, dass das Moment, das sein Leben be-
stimmte und es von dem Leben der meisten anderen Menschen ver-
schieden machte, seine Schwermut war. Und die Tagebücher sind
nun einmal „direkte Mitteilung, Rapport für die Geschichte“. Ganz
besonders die Tagebücher der letzten Jahre seines Lebens zeigen,
- in wie hohem Mass er sich bewusst war, dass sein Leben in einem
- Inkognito gelebt wurde, das seinen Zeitgenossen undurchdringlich
war, dass er aber damit rechnete, dass das Geheimnis dieses In-
kognitos nach seinem Tode entschleiert und dadurch seinem Leser,
„jenem Einzelnen“, der Schlüssel zu seiner schriftstellerischen Wirk-
111
samkeit gegeben werden würde, den seine eigene Zeit nicht hatte
und den sie der Natur der Sache nach nicht haben konnte.
Diese Schwermut abet, die den „teuren Preis“ darstellte, um
welchen Gott ihm die Aufgabe „verkauft“ hatte, das Christentum
des Neuen Testaments wieder zu entdecken und seine Zeit dadurch
aufzurütteln (nicht zum Versteher leider — so weit kam er nicht
_—_ aber er brachte doch durch diese „Entdeckung“ eine heilsame
Beunruhigung in ihr Leben hinein, und der Schlaf der Christenheit
ist seit Kierkegaard nie wieder so gemütlich, so ungestört geworden,
als er vor ihm war) diese Schwermut... wie sollen wir sie Ver-
stehen? Handelt es sich hier nicht um einen pathologischen Fall,
etwas was in die Interessensphäre der Psychiater gehört, und ist
Kierkegaard nicht am leichtesten und am schnellsten dadurch ab-
getan, dass man ihn für „gemütskrank“, für einen Melancholiker er-
klärt? Am leichtesten und sichersten abgetan gewiss — und die-
ser Versuch wagt sich auch immer wieder in Dänemark hervor.
Wider diese Tendenz hat jedoch schon eine dänische Kapazität der
Psychiatrie darauf aufmerksam gemacht, dass eines der zwei Kardi-
nalsymptome der krankhaften Melancholie: die psychische
Hemmung, bei Kierkegaard völlig fehlt; denn seine ganze mäch-
tige schriftstellerische Wirksamkeit fand innerhalb des kurzen Zeit-
raumes von zwölf Jaliren statt. (1840—52.)
Wollen wir uns aber die Sache nicht so leicht machen, dass wir
Kierkegaard als ‚„Geisteskranken‘‘ oder als „Psychopathen“ abferti-
gen, sondern fassen wir die Schwermut als ein rein seelisches Leiden
auf, das doch nie die Grenze des Pathologischen überschritt, dann
erhebt sich vor uns als Christen die weit schwierigere Frage: Wie
ist ein so intensives, ununterbrochen, ein ganzes Leben lang dauern-
des seelisches Leiden verständlich, wenn es sich um einen Christen
handelt? Wie verträgt sich eine solche Möglichkeit mit dem Glau-
ben an den Gott der Liebe, den Vater der Barmherzigkeit und
Gott alles Trostes? Hat Kierkegaards Leben nicht RE Hiob
problem wieder lebendig gemacht, und erheben sich nicht h x
ee und nicht wieder zu verbannende Gen Bi:
ichkeiten, wenn wir ' ; Le
ee ee dieses redlichen und aufrichtig
Es gibt in Kierkegaards Tagebuc :
rung, die für das tiefere Veran Kirk ee K
bedeutungsvoll ist, dass sie verdient. einem 16 a - a
zu werden, als den nur sehr wenigen Kicker a bekannt
den a) den Kommentar seiner We en
uns auch mitten in die hier zu u ne
Dass Gott einen Menschen Draft Kr er Che ine
= us — diesen Gedanken darf man nicht per
er Unterschi | Dt.
schied besteht nur in der Weise, wie man es betrachtet.
112
; TUE
I P Kir. h
mia Br Aet, Arte:
2 Mensch unterliegen solle; denn obwohl es durchaus nicht so ist,
E dass die schwermütige Angst in einem Menschen etwas derartiges
' über Gott sagen will, im tiefsten Sinn sagt sie es eigentlich doch,
jedoch ohne es zu wissen oder sich dessen bewusst zu werden,
gleich wie ein Leidenschaftlicher, von dem gesagt wird, dass er
nicht weiss, was er tut. Der Gläubige dagegen, er greift die Sache
sofort umgekehrt an: er glaubt, Gott tue es, damit er in der Prüfung
bestehen solle. Aber ach — in einem gewissen Sinne kommt es
eben daher, dass Unglaube, Angst, Schwermut etc. gewöhnlich in
der Prüfung unterliegen, weil sie sich im voraus ermüden, und als _
Strafe dafür, dass sie so schlecht von Gott denken, während der
_ Glaube gewöhnlich siegt... Aber es ist eine strenge Erziehung,
_ die von angeborener Angst bis zum Glauben. Angst ist die furcht-
_ barste Form der Anfechtung, und ehe dann die Stufe erreicht ist,
- wo derselbe Mensch im Glauben eingeübt ist, darin eingeübt, alles
umgekehrt zu betrachten, sodass er mutig und vertrauensvoll wird,
wenn das geschieht, was ihn früher fast dazu brachte, in Ohnmacht
und Angst den Atem aufzugeben, — bis er gelernt hat, sich ver-
trauensvoll in das hineinzuwagen, wogegen er früher nur ein Ret-
—_ tungsmittel wusste: die Flucht... ! |
3 Der Mensch, in dessen Seele eine angeborene Angst ist, kann
deshalb sehr wohl eine phantastische Vorstellung von der Liebe
Gottes haben. Aber sein Gottesverhältnis kann sich nicht konkret
gestalten, es gelingt ihm nicht. Hat diese Vorstellung von der Liebe
Gottes einen tieferen Grund in ihm und ist er fromm darum be-
sorgt, diese Vorstellung vor allem aufrecht zu erhalten, so kann sein
Leben in mancherlei Weise und sehr lange Zeit unter diesem qual-
vollen Leiden dahingehen, wo er in concreto nicht den Eindruck
hat, dass Gott Liebe ist (denn die Angst ist ihm immer. zu über-
mächtig und verhindert ihn daran, die Prüfung, die Versuchung
von der rechten Seite zu betrachten: dass sie geschieht, damit er
darin bestehen soll), während er doch umso fester nach dem
Gedanken greift und ihn festhält: Aber Gott ist trotzdem und
dennoch Liebe.
Dies zeugt davon, dass er zum Glauben erzogen wird. Den Ge-
danken: Gott ist dennoch Liebe, in dieser Weise festzuhalten, ist die
abstrakte Form des Glaubens und ist der Glaube in abstracto. So
wird das Konkretwerden des Gottesverhältnisses ihm wohl auch
gelingen.“
Hier gibt Kierkegaard „direkte Mitteilung‘ über sich selbst:
Vor uns aber, die wir dieses lesen und etwas davon verstanden
haben, wie unendlich grosse Mühe es diesen redlichen Menschen
kostete, Gottes Liebe als etwas Konkretes, Reelles zu erleben, —
113
_ Dem Unglauben, der Schwermut wird es sofort angst und bange,
‚ und sie lügen es eigentlich Gott an, dass er das tue, damit der
Er er
12 ed
und die wir vielleicht dieselbe Schwierigkeit ein wenig aus dem
eigenen Leben kennen — vor uns erhebt sich jetzt, da wir den Aus-
gang von Kierkegaards Leben kennen, mit ungeheurer Wucht die
Frage: Warum musste es so gehen? Warum musste er unter der
Ausführung seiner von Gott gestellten Aufgabe so unsäglich viel
in Anfechtung, Angst und Seelennot leiden, um endlich mit einer
scheinbaren Niederlage aus diesem Leben zu scheiden ? Hätte es
nicht anders gehen können? Hat Gott sich wirklich in diesem Men-
schenleben als Liebe gezeigt? Oder war Kierkegaard tatsäch-
lich von Gott verlassen, als er im „Augenblick“ von Oott als dem
Todfeind des Menschen schrieb? Ist dieser Notschrei nicht einem
anderen Notschrei sehr ähnlich: „Mein Gott, mein Gott, warum
hast du mich verlassen ?“
de
Als Kierkegaard starb, waren seine Krälte wahrscheinlich völ-
lig erschöpft. Er hatte seine besondere Berufung gehabt: er sollte
das Christentum des Neuen Testamentes wieder entdecken und seine
Zeitgenossen darauf aufmerksam machen, dass das, was sie Chri-
stentum nannten, nicht Christentum war. Er hatte sein eigenes
Leben so verstanden, dass er leiden musste, um diese Aufgabe er-
füllen zu können, und er hatte das Leiden geduldig auf sich genom-
men und sich damit getröstet, dass das Leiden, wenn es auch sieb-
zig Jahre dauern sollte, doch kurz und vorübergehend sei im Ver-
gleich mit der Seligkeit, die hinter dem Tode seiner wartete. Kierke-
gaards Hofinung war ganz und gar jenseitig. Von einer dies-
seitigen Erlösung wagte man zu seiner Zeit in Dänemark nicht ein-
mal zu träumen. Und sein Leben wurde ja ganz besonders kurz
weil so schwere Bürden auf seinen Schultern lagen — er lebte nicht
viel mehr als die Hälite der siebzig Jahre — starb 42 Jahre alt —
und in der Ewigkeit sollte er dann alle Leiden vergessen und die
Seligkeit erleben, dass Gott doch Liebe ist, trotz allen Hinder-
nissen, die hier auf Erden einem armen Menschen den Glauben
daran fast unmöglich machen können. Die immer wiederholten Lob-
preisungen der Liebe Gottes in den Tagebüchern aus den späteren
Jahren und in den „Erbaulichen Reden“ zeugen, wie das eben ge-
brachte Zitat, davon, wie schwer es ihm fiel. diesen Geda
festzuhalten, wie auch seine schwungvollen Lobpreisun en der U
bekümmertheit der Lilien auf dem Felde und der Vö x u = d Re
Himmel als Trostversuche seines gequälten Gemüte = d E re k B:
Jahren aufzufassen sind, wo die ihm bisher Inbehe n Sk Ir
ah a ihn fast zu Boden drückten m
ierkegaard hatte, als er starb, die er i
en el is A dem wirklichen Chester En
ie Christen - Se
Be die Mauer ee en en a.
eıle seiner Zeit und seiner Kirche ge-
114
ohn ost und Fee
hne Hilfe ı von Gott, aber doch ohne die ausser-
iche Kraft, welche die Apostel und mit ihnen die
hte und es ihnen leicht machte, alle Schwierigkeiten zu
i hinein auszuhalten, die Kraft, vermittelst welcher ein Paulus
gen konnte: „Ich vermag alles in Christus, der mich stark macht!“
ınd die auch hinter den uns so unverständlichen Worten des Jo-
annes liegt: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden
hat. — die Kraft des Heiligen Geistes, die im letzten Jahrhundert
wohl, auch die beiden Blumhardt erlebt haben. Und weil Kierkegaard
‚diese übermenschliche Kraft nicht besass, und nicht einmal wusste,
Jass man sie besitzen konnte, deshalb musste er sich selbst auf-
eiben, ‚wollte er trotzdem seine Aufgabe erfüllen; denn sie war
E zu gross, um mit menschlichen Kräften gelöst werden zu können.
Und als die grobe Arbeit getan war und der Augenblick gekom-
men, wo der Weizen des wiederentdeckten Evangeliums in den
a bereiteten Boden gesäet werden sollte, da hatte er den Weizen
“nicht; da stand er mit leeren Händen da und mit dem verzweifelten
- Ausruf: „Das Christentum des Neuen Testaments existiert gar nicht!
Das Christentum ist gar nicht in die Welt hmeingekommen — es
_ blieb bei dem Vorbild und einigen wenigen Jüngern!“ So ruft nur
ein verzweifelter Mensch!
s So misslang Kierkegaard, was seinem Zeitgenossen in Deutsch-
land, dem älteren Biumhardt, so wundervoll gelang: das Christen-
tum "des ersten Jahrhunderts wieder existentiell zu entdecken und
aufleben zu lassen, dadurch, dass es sozusagen wieder Fleisch und
_ Blut bekam, und durch ein Menschenleben auch anderen, die selbst
nicht so viel erlebt hatten, sichtbar wurde.
Was war denn mit Kierkegaard geschehen? War er, der doch
so grosse Uebung im Leiden besass und auch so viel Leiden frei-
willig auf sich genommen hatte, plötzlich des Leidens überdrüssig
geworden und hatte er sich in Trotz oder Verzweiflung gegen Gott
aufgelehnt? Gewiss nicht! Gott gegenüber hatte Kierkegaard
immer unrecht, und dies war ihm das Erfreuliche. Aber es war
‚etwas Neues dazu gekommen: die Anfechtung. Bisher hatte es sich
"nur um Schwermut und Quälereien von seiten der Menschen ge-
handelt, und wenn er dieses auch schwer trug, so trug er es doch,
ohne deshalb an Gott irre zu werden. Dazu kamen in den Jahren
um 1848 die Geldsorgen. Aber die Anfechtung hatte sich
ihm in diesen Jahren noch nicht genähert; er vermochte noch
immer den Glauben, dass Oott „dennoch“ Liebe ist, festzuhalten;
115
n der Christen besassen, die ihnen das Unmögliche 2 S
'winden und in dem Kampf bis zum Aeussersten, ja bis inden
FE DDR TR WG
RSS oe rt St Tr
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abe b Aa \ 4 ar 1 ar Bi ;
en! 2: hren seines Lebens
-,.&r ruhte noch immer in Gott. In den letzten Jahr „ebens
war es anders: die furchtbarste Qual, die ein Mensch erleben kan 1,
das Aergernis an Gott, klopite an, immer aufdringlicher, -
schwieriger zu überwinden. Der Mann, der „gen „Augenbli Pr
schrieb, war gewiss kein „giltiger Ueberpietist“ — so urteilt nu <
der, der nie selbst diese Qual erlebt hat — er war ein Mensch in
der höchsten seelischen Not. Und in dieser Not antwortete Gott,
als sein Diener die ihm auferlegte Aufgabe erfüllt hatte — oder
jedenfalls den Teil der Aufgabe, der mit menschlichen Kräiten er-
| füllbar war: er zeigte seine Barmherzigkeit darin, dass er ihn von
EN dem letzten Stück des Weges, von dem Leiden und dem Leben,
24 befreite und ihn zu sich rief.
Kierkegaards Tod ein Zeichen von Gottes Barmherzigkeit! Vie-
len wird dieser Gedanke fremd und überraschend vorkommen. Aber
die Erzählungen von seinem Krankenlager und Sterbebett zeigen,
dass es sich so verhält. Und dass er auch selbst seinen Tod so auf-
fasste, kam in den Gesprächen mit seinem Jugendfreund, dem Piar-
rer Boesen, der ihn im Krankenhaus besuchte, zum Ausdruck. Merk-
würdig ist es, zu sehen, wie nun jeder Kampf, jede Anfechtung wie
mit einem Schlag verschwunden ist. Kierkegaard war von dem
Momente an, wo die Feder aus seiner Hand fiel und die Krankheit
ihr wahres Gesicht zeigte, wie verwandelt. Er, der durch und durch
Polemische, der furchtlose Kämpfer, der es ganz allein mit seiner
ganzen Zeit aufgenommen hatte, er war von dem Momente an, wo
er wusste, dass es dem Sterben entgegenging, ein Kind, das sich
danach sehnte, nach Hause, zu seinem Vater zu kommen. Ruhig
und milde wartete er den Tod ab. Diejenigen, welche ihn im Kran-
kenhaus. besuchten, empfingen den Eindruck von etwas schon halb
Verklärtem. Bekanntlich fiel er eines Tages während des heftigsten
Kampfes mit den Vertretern der Kirche und des Gewöhnlichen auf
der Strasse um. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht, und als
man ihn dort empfing, sagte er nur: „Ich bin hierher gekommen,
um zu sterben.“ Der Tod liess jedoch mehr als einen Monat auf“
sich warten, und er wurde zuletzt völlig gelähmt. Die Krankheit
war eine (vielleicht tuberkulose) Rückenmarksentzündung, die sich
wahrscheinlich auf traumatischer Basis entwickelt hatte und viel- ©
leicht einem Fall von einem Baume in seinem sechszehnten Lebens-
jahre entstammte. Erkannt wurde die schleichend verlaufende Krank-
heit erst bei der Untersuchung im Krankenhaus. aber Kierkegaard
hatte schon jahrelang beträchtlich darunter gelitten.
Seine Nichte erzählt von ihrem ersten Besuch in seinem Kranken-
zimmer! „Dass in den Schmerz und die Wehmut auch ein sieges-
ae Gefühl gemischt war, davon bekam ich einen Eindruck,
als ich in das kleine Zimmer trat und von dem Lichtschimmer emp-
116
rin erhabener, seliger Glanz, der, so kam es mir
: innige Liebe, selige, überwundene Wehmut,
x auende Klarheit und ein scherzendes Lächeln. Mir war
eine himmlische Offenbarung, eine Ausstrahlung von Seele zu
‚ein Segen, der mich neu mit Mut, Kraft und Verantwortungs-
IM erfüllte.“ |
Sostirbtgewiss Kern „giftiger Ueberpietist'“
Am wenigsten wird vielleicht die Grösse dieses Sterbebettes
Fo dem Jugendfreund Boesen (der seine Gespräche mit Kierke-
E aufgezeichnet hat) erkannt. Er ist zu sehr Pfarrer, um be-
reifen zu können, dass Kierkegaard, den Tod vor Augen, "nicht tief
beklagt und bereut, dass er die Kirche angegriffen hat. Er macht
ihm deshalb Vorstellungen, aber Kierkegaard lehnt sie ruhig ab.
> Zuletzt versucht er Seelsorger zu sein: „Aber du vertraust doch im
- Tode allein dem Verdienste Jesu?“ Und Kierkegaards Antwort ent-
_ waffnet ihn: „Selbstverständlich! Wem sollte ich doch sonst ver-
Bauen a
R IV.
Aber, selbst wenn wir Kierkegaards Tod als Zeichen von Got-
tes Barmherzigkeit betrachten können, so befriedigt uns diese Er-
_ klärung doch nicht ganz, und vollends nicht, wenn wir verstanden
haben, dass das Christentum, als es in die Welt hineinkam, nicht
- Ohnmacht und Niederlage war — wie unser „Christentum“ es ist —
sondern Sieg undErlösung. Und wieder taucht die Frage auf:
- Hätte es nicht anders gehen können? Wenn wir versuchen, Kierke-
s gaards Leben in Uebereinstimmung mit den Worten und Verheissun-
gen Jesu an seine Jünger, namentlich wie sie uns von Johannes über-
liefert sind (Joh. 14—17) zu bringen, dann wird das uns vielleicht
als eine sehr schwierige Aufgabe vorkommen.- Denn hier ist, so weit
wir urteilen können, ein Mensch, der sein ganzes Leben lang Gott
und seiner Sache gedient hat, der seine ganze Existenz, sein ganzes
Leben in dieser Welt als Einsatz gegeben hat, um Christus nach-
zufolgen, und dem es, weil er es getan hat, auch geschenkt worden
ist, das Christentum neu zu entdecken und so darzustellen, dass
auch Menschen, die es sich nie haben träumen lassen, etwas "Achn-
liches zu versuchen, doch dadurch einen Eindruck von der ur-
117
= a Fe vor A Ted: Sr re rt
Ben lick, desgleichen ich nie später geschen habe. Es
mmer erheilte. Alles war in der Lichtquelle dieser
alt des Christentums
rünglichen einem Ernst, einer Un
lichkeit, einer Energie und rücksichtslosen Hingabe des LiSe
| ar A aften der ersten Christen s
lich, dass keiner von den Gelehrten, die Bücher über ihn schreiben,
dieser Schwierigkeit gegenüber still gestanden ist! Oder sind sie
vielleicht still gestanden? Ist dies die Ursache, weshalb sie sich so
sehr in die Begebenheiten seines Jugendlebens vertiefen, über wel-
ches wir ‘doch gar nichts Positives wissen — was ja übrigens noch
nie einem Gelehrten, auch nicht einem Theologen, die Waffen aus
den Händen geschlagen hat — während sie mit einem Hasenfuss
an den so bedeutungsvollen Jahren 1850-55 vorübereilen und
den „Augenblick“ kurz damit abfertigen, dass diese Schrift die „ge-
dankenärmste‘“ unter Kierkegaards Schriften sei. >
Die Frage stellt sich doch mit einer zwingenden Notwendigkeit
ein: Wie ist ein solches Leben und ein solcher Ausgang des Lebens
Be nur möglich? Wie kann es in Uebereinstimmung mit der Verheis-
Be. sung Jesu, dass seine Jünger, wenn sie ihm treu bleiben, die voll-
Ye kommene Freude erleben werden, gebracht werden? Wie ist es
überhaupt möglich, dass ein aufrichtiger Jünger Jesu sein ganzes
Leben im Schatten der Schwermut und des Seelenleids verbringen
muss? Liegt doch in dieser Möglichkeit der furchtbarste Wider-
spruch!
Ser Ein Weg aus diesem Labyrinth lässt sich nur finden, wenn
: es einem klar wird, dass die Anfechtung nicht von Gott kommt
SER und nicht eine Auszeichnung ist, deren man sich rühmen kann. In
unserer religiös und christlich so grenzenlos flachen Zeit ist die An-
iechtung allerdings so selten geworden, dass es beinahe als Zeug-
nis einer besonders tiefen Seele aufgefasst wird, wenn ein Mensch
daran leidet.') Es ist in dieser Auffassung die Wahrheit, dass die
Anfechtung nicht den ganz flachen Seelen nahe tritt = sie ver-
fallen. dem „Oemütlichkeitschristentum“ — und auch nicht degen
die nie einen ernstlichen Versuch gemacht haben, Christus Be
folgen. Insofern ist die Anfechtung wirklich — christlich gespro-
1) Dies gilt jedenfalls Kierkegaards Vaterland
den kriegsgeschädigten Ländern wird es gewiss ee =
I ER
dem Kriege — in
118
| dass die Anfechtung nie und
von Got mt, sondern immer von seinem Gegner.
istlich verstanden ist sie deshalb etwas,
U
- das überwunden werden soll, und zwar durch
_ dieKraftGottes.
Fr
E-
a nn
a
Satansaufdenehrlichen EntschlusseinesMen-
schen, Christus nachzufolgen! Aber eben deshalb,
weil sie nicht von Gott, sondern von seinem Gegner kommt, ist sie
etwas Vorübergehendes und darf nicht ein permanenter, lebenslanger
_ Zustand werden. Es ist möglich, dass sich die Anfechtung mehr-
' mals in einem Menschenleben wiederholen kann, und dies wird
wohl gar das Gewöhnliche sein bei den Menschen, die überhaupt
- die Anfechtung erleben, aber ein dauernder Zustand darf und kann
sie nicht werden, wenn das Verhältnis zu Gott in Ordnung ist. Denn
es ist wider Gottes Liebe und Treue, einen Menschen, der sich ihn
als Herrn erwählt hat, in die Hand Satans zu geben. Auch Hiobs
Leiden hatten ein Ende. In den Fällen, wo die Anfechtung länger
dauert und permanent zu werden droht (und das bedeutet, dass sie
sich in die besondere Gemütskrankheit, die wir Melancholie nennen,
verwandelt — womit freilich nicht gesagt werden soll, dass alle
Melancholie diesen Ursprung hat) wird deshalb immer eine
Schuld vorhanden sein. Diese Schuld zu entdecken und sich
durch die Vergebung Gottes davon zu befreien, wird deshalb die
Aufgabe des Angefochtenen sein. Und nur damit die Schuld entfernt
_ werde, wird die Anfechtung überhaupt von Gott erlaubt. Die An-
fechtung ist dem Menschen, der sich in Gottes Hand gegeben hat,
ein reinigendes Feuer. (Sirach Kap. 2.) Aber sie ist nicht ein Feuer,
das ewig dauern soll. Sie soll nur gerade so lange dauern, als die
Reinigung es notwendig macht, und während der Anfechtung darf
- der Gläubige immer mit der Hilfe rechnen, von der Lukas 22, 31
spricht: „Der Herr aber sprach: Simon, Simon, siehe, der Satanas
hat euer begehrt, dass er euch möchte sichten wie den Weizen. Ich
aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ Und
nach der Anfechtung soll auch der durch diese stärker Gewordene
„seine Brüder stärken“.
Zieht sich aber doch die Anfechtung in die Länge, trotzdem der
Angefochtene sich keiner besonderen unverziehenen Sünde bewusst
ist, und ist es ihm, als ginge es über seine Kraft, als müsse er unter
der Prüfung zugrunde gehen, dann ist es möglich, dass es sich um
eine unbewusste Sünde handelt, um etwas, das sich in seinem
unterbewussten Seelenleben verbirgt. Es kann in einem solchen Falle
eine gar nicht als Sünde erkannte Schuld sein, vielleicht etwas, das
man für seine beste und edelste Tat, für einen rechten Gottesdienst
119
Anfechtung ist, um es geradeaus zu sagen, die Reaktion .
unde. am
ir PPRTL a U
hält und die doch nicht aus ganz lauteren Motiven NEE |
ist, in dem doch das Ich, wenn auch ganz unbewusst, eine Rolle
gespielt hat, eben während man glaubte, Gott ganz zu dienen.
Die Aufgabe des Angefochtenen — wenn also die Anfechtung in
ganz unerklärlicher Weise doch fortdauert, trotz aller Selbstprüfung
— wird dann sein, sich nicht der Verzweillung hinzugeben, die ihn
immer überwältigen will, sondern den Geist Gottes zu bitten, ihm
auch das Unbewusste seiner Seele zu erleuchten. Dies ist möglich,
weil Jesus uns versprochen hat, dass der Geist uns in alle Wahrheit
leiten soll. Wie die Strahlen eines Scheinwerfers dringt dann nach
einer solchen Bitte das Licht des Geistes in die verborgensten Seelen-
tiefen hinein. Und s o wirksam ist das Heilmittel gegen alle seelische
Krankheit, welches hier dem Gläubigen in die Hand gegeben ist,
dass die Psychiatrie, die qua Wissenschaft nichts von diesen Dingen
wissen kann (obgleich es vorkommt, dass sie etwas von ihren Wir-
kungen sieht) sich eine Nachahmung dieser seelischen Therapie,
die nur der Heilige Geist ausüben kann, geschaffen hat in — ihrer
Psychanalyse!
Auch die Privatbeichte einem anderen Menschen gegenüber
kann dem Angefochtenen eine grosse Hilfe sein, weil ein anderer
Mensch oft Dinge entdecken kann, die dem Kämpfenden selbst ver-
borgen sind. Leider ist diese Hilfe in unseren Tagen und unter
protestantischen Verhältnissen fast nie zu glauben, weil wenige,
sehr wenige Christen die Liebe und den Takt haben, welche allein
die Möglichkeit einer solchen Beichte bedingen. Dasselbe gilt von
den Pfarrern, und übrigens haben diese „keine Zeit‘! Geredet, ge-
predigt muss werden! Das ist nach der Auffassung der meisten
Pfarrer das ‚Eine, das not tut“.
} n N aber noch eine dritte Möglichkeit, eine dritte Ursache
ne kann unter der Sünde Anderer
a a ke Er “ ,‚ dass es sich nicht nur um eine Sünde bei
ngefochtenen Menschen handelt, sondern um die
Schuld der ganzen Generation oder vorhergegangener Generatio-
nen. Also nicht nur um eine individuelle Schuld. sondern um eine
angeerbte Schuld der Vorfahren oder um die Gesamtschuld der
ee
‚er nächsten. Es ist möglich, dass eine wichtige christ-
liche Wahrheit, ein wichtiger Bestandteil des Evaneelium
sen oder .entstellt worden ist, und dass dieser Make 1 m a
tung bei dem Einzelnen verursacht, der eben in ah a
a ne Heilmittel gegen seine Seelenkrank.
1 % . . . Y
ha N Sa 5 a rs ee geistig wird der Mensch
ee N and, g dıe Vitamine fehlen, obschon Ka-
Und hier stehen wir bei dem entscheidenden Punkt. wenn wir
120
vor Augen ge-
Ke A] rsor
hen wollen. Kierkegaards Seelenkrankheit war
omplizierter Fall. Eine Schuld war bei ihm selbst
‚hatte aber ihre Wurzel teils in der ererbten Schwer-
— die Sünde des Vaters, die an dem Kinde „heimgesucht“
wurde — teils und besonders in der geistigen Armut seiner Zeit,
in der Armut, der Sünde der ganzen protestantischen Kirche und
. ihrer Theologie, ja der ganzen „Christenheit“. Und Kierkegaards b
Anteil an dieser dreifachen Ursache seines Leidens wurde ihm
nie ganz äls Schuld bewusst und war wohl auch gering im Ver-
gleich mit der Schuld der Väter und der Zeitgenossen, die er mit- E
tragen musste, obgleich er daran persönlich unschuldig war. n
u Wirkungen zeigt es sich doch als Schuld, wenn auch gröss-
_ tenteils als Krankheit. Wir nennen sie nach den Worten Jesu „Man-
- gel an Glauben“. Denn ein gewöhnlicher Christ darf Kierkegaard
RE. gegenüber nicht von fehlendem Glauben reden — dann schlägt er
sich selbst ins Gesicht. | |
V.
Kierkegaard war durch die Orthodoxie seiner Zeit gebunden,‘
_ und er trug als Erbschaft vom Vater her die dunkle Last der Schwer-
- mut, die es ihm fast unmöglich machte, die Freiheit, die Erlösung
zu ergreifen, die Christus gebracht hat. Viel näher lag es ihm, sich
unter dieses Leid zu beugen und es geduldig und demütig zu tra-
gen. Denn so lehrt das Luthertum, dass man sich zum Leiden ß
(d.h. den Wirkungen der Sünde) einstellen soll. Er war i
begrenzt und gebunden durch die lutherische Lehre von der Ver- w
gebung der Sünde und der Versöhnung. Denn, trotzdem er in sei- 2
- nen späteren Jahren mit vielen falschen Auffassungen brach, die er P
pietätsvoll von dem Vater und Bischof Münster übernommen und |
jahrelang in Ehren gehalten hatte, bis die innere Ueberzeugung ihm
zu mächtig wurde — auf einem Punkte, dem wichtigsten von allen,
verblieb er bis zu seinem Tode lutherisch orthodox.
Im Jahre 1848 schrieb er in seinem Tagebuche: „Der Lehre von
der Vergebung der Sünden muss ich doch immer näher kommen.“
Und gewiss bedeuteten ihm Worte wie Gnade und Sündenverge-
bung in den letzten Jahren seines Lebens unendlich viel mehr als
in den jüngeren Jahren, aber seine Auffassung war und blieb doch
die scholastisch-lutherische, dass Christus Gott versöhnt habe, dass
“ er sich zwischen Gott und uns gestellt habe, weshalb Gott, wenn
er uns ansehe, nicht uns und unsere Sünde sehe, sondern Christus,
der die Sünde verberge. Er kam über die Auffassung von der Ver-
gebung der Sünden nicht hinweg, dass die „Gerechtigkeit Christi“
ein Mantel ist, der die Sinde deckt. Er vermochte nicht zu sehen,
dass Christus nicht nur der Versöhner, sondern auch der Erlöser
121
EEE EEE TEN
ist, der nicht die Sünde deckt oder verbirgt, sondern die Sünde
tilgt, sodass sie garnichtmehr daist, dass er von Gott
die Vollmacht bekommen hat, die Sünde zu töten, weil sein Tod
am Kreuze nicht ein Schauspiel war, das aufgeführt wurde,
um einen zornigen Gott umzustimmen und zu versöhnen, sondern
weil er ein Kampf mit dem Fürsten der Finsternis war, ein Kampf,
dessen Einsatz das Schicksal der Menschen für die Zeit und für die
Ewigkeit, und dessen Siegespreis die Befreiung der Menschheit von
aller Gewalt des Argen, auch von der Gewalt und der Knechtschaft
der Sünde war. RA
Die lutherische Versöhnungslehre und die davon abhängige Lehre
von der Vergebung der Sünden weiss nichts von einem Sieg
über die Sünde. Der Mensch kann nach Luther nur bis zu der
„getrosten Verzweiflung‘ gelangen, die allerdings als Theorie ge-
nügt, in der Praxis dagegen sich immer als Verzweiflung allein
zeigt, die dann wieder eine sehr starke Neigung hat, in ihren Gegen-
satz, das Gemütlichkeitschristentum oder einen gewissen christlichen
Epikuräismus umzuschlagen. Die Sünde ist allerdings nach Luther
durch die Gerechtigkeit Christi gedeckt, aber sie bleibt, wie der
Schmutz des Körpers trotz der Reinheit der Kleidung bleiben
kann. Der alte Adam muss trotz der Vergebung der Sünden in der
Taufe. oder in der „Bekehrung“ durch Reue und Busse ersäuft
werden, und „wir sündigen täglich viel“. Gewöhnlich verbleibt
denn auch die Sünde im Leben der Christen ganz ungestört durch
die postulierte Sündenvergebung. Davon redet ja auch unser sozia-
les Elend eine sehr deutliche Sprache, um von einem so grandiosen
Ausschlag der verborgenen Krankheit, wie der grosse Krieg, ganz
zu schweigen. Und es ist nicht ohne Humor, wenn jetzt der letzte
’*
grosse Prophet des Luthertums in seinem Bestreben, neuen Wein -
in die alten Schläuche zu giessen, doziert, dass alles ethische Tun
dem echten „Pauliner“ nur eine Demonstration zur Ehre Gottes
sein könne. In ihm hat das Luthertum seine höchste Spitze und
ee erreicht. Und die Axt, die schon lange
an den Wurzeln des Baumes des Lut i i
een uthertums liegt, wird wohl nicht
Die Botschaft der Apostel von der Bedeutung des T isti
war eine ganz andere. Sie wussten, dass Christus BR Bi
um die Werke des Teufels zu zerstören, nicht um sie zu verbergen
und zuzudecken. Ihnen war die Vergebung der Sünden etwas Reel-
les, etwas, das den Menschen verwandelte und einen ganz neuen
Menschen schuf, weshalb es auch damals einen guten Sinn hatte
von einer „Wiedergeburt“ zu reden; es war damals eben nicht ein
nn Wort, sondern der einzige wirklich adäquate Ausdruck für
ie eingetretene Veränderung. Die Sünde, die einmal vergeben war
sie war tot und sollte nicht wieder aufleben. Etwas ganz anderes
122
chwer verständlichen aussprechen: ,
mlische Gabe, und teilhaftig worden sind ‚des ‚Heiligen
geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die
zukünitigen Welt, wo sie abfallen, wiederum zu erneuern
>, als die ihnen selbst den Sohn Gottes wiederum kreuzigen
Spott halten.‘“) Denn der Umfang des Verbrechens, dessen
= schuldig gemacht haben, wird durch die Grösse der ‚Gabe
Reedinet, die sie verschmäht haben. Und derselbe Gedankengang
tritt uns entgegen in den Worten des Johannes: „Wir wissen, dass
a aus Gott geboren ist, der sündiget nicht, sondern wer aus Gott
geboren ist, der bewahret sich, und der Arge wird ihn nicht an-
4 tasten.‘“) — Worte, die der grossen „Christenheit“ und auch dem
' grössten Teil der Gläubigen unverständlich geworden sind.
— Und weil Kierkegaard diese grösste aller Wahrheiten des
Christentums nicht kannte und nichts davon wusste, dass „die
_ Sünde stirbt an der Vergebung“, dass sie dadurch vernichtet
wird, aufgelöst wie das Metall durch die Säure, deshalb ver-
x _ mochte er sich nicht von der Bürde der angeerbten Schwermut zu
befreien, sondern musste darunter, menschlich gesprochen, zu-
grunde gehen. Denn die Schwermut war die Folge der Sünde des
Vaters,') die am Kind „heimgesucht“ wurde, und Kierkegaard sah
sich, so lange er lebte, als einen „Pönitierenden‘“) an, nicht nur we-
. gen seiner eigenen Sünde, sondern auch wegen .der des Vaters. Und
hätte er verstanden, dass diese Sünde durch die Vergebung getilgt
war, tot und ohnmächtig war, so hätte er dadurch Kraft bekommen,
sich von der Folge dieser Sünde, der Schwermut, zu befreien.
Die Schwermut war aber die Quelle seiner Anfechtung. Und
diese, die an sich ein so schweres Leiden ist, wird vielfach ver-
doppelt, wenn sie einen Menschen trifft, der schwermütig ist. Es
entsteht in dieser Weise ein circulus vitiosus, der fast nicht zu durch-
brechen ist. Auch die Schwermut ist ein Rätsel, das uns gewiss die
t) Hebr. 6, 4—6.
2):1. Jah. 5, 18,
3) ‚Der ‚Gotteslästerung, der er sich als halbwüchsiges Kind schuldig ge-
macht hatte und die.er selbst für die „unver zeihliche Sünde“ hielt.
») Büssenden.
123
lass die, so einmal Erleuchtete sind, und ae a Er;
5
Psychiater nicht lösen können. Nur wer sie erfahren hat, weiss
etwas davon. Und sehr viele Menschen haben in diesen apokalyp-
tischen Zeiten etwas davon erfahren. Es genügt aber, auf eine Tat-
sache aufmerksam zu machen: Die psychisch-somatische ‚Grundlage
der Schwermut ist eine unnatürlich gesteigerte Sensibilität der Ner-
ven und der Seele, eine ungeheure Empfindlichkeit allen Eindrücken
und ganz besonders solchen gegenüber, die schmerzlicher Art sind.
Der Schwermütige bekommt immer Stösse und Schläge — und seine
Haut ist so dünn! Dinge, die bei normalen Menschen überhaupt
keine Reaktion hervorrufen, lösen bei dem Schwermütigen Schwin-
gungen aus, die noch vibrieren, wenn die Ursache, die sie ausgelöst
hat, längst nicht mehr direkt wirkt. Ist also ein solcher schwer-
mütiger Mensch gezwungen, in einer Welt zu leben, die nur mittelst
einer phantastischen Uebertreibung gut genannt werden kann —
kann er sich nicht in einem Kloster oder einer Einsiedelei verbergen,
sondern muss an dem Kampf ums Dasein, vielleicht gar am Öffent-
lichen Leben, teilnehmen, dann wird das blosse Dasein ihm durch
die Einwirkung der Mitmenschen, denen es ja nicht im Traume
einfällt, einen solchen überempfindlichen Menschen zu schonen, ein
einziges Leiden, eine fortgesetzte Qual.
Man hat sich darüber aufgehalten, dass Kierkegaard so sehr °
unter dem Lächerlichgemachtwerden durch den „Corsaren‘“ ge-
litten hat. Man hat gemeint, er hätte diese Sache mehr überlegen
nehmen sollen. Die, welche so urteilen, beweisen dadurch nur, dass
sie das dicke Fell haben, das eben Kierkegaard fehlte, und — das
er sich so sehr wünschte. Wie seine Seele beschaffen war, konnte er
einfach nicht anders reagieren. Die seelische Ueberempfindlichkeit
machte ihn einerseits zum Dichter — zum willigen Werkzeug der
Inspiration, anderseits aber zu einem unglücklichen Menschen —
zur wehrlosen Beute der Anfechtung.
Denn, wenn ein Mensch trotz seines ehrlichen Willens zur
Nachfolge Christi von dem Leben misshandelt wird, wenn er die
Bewahrung Oottes, den Frieden, die Freiheit und Freude, die den
Jüngern versprochen sind, gar nicht in seinem Leben spürt son-
dern sich als eine wehrlose Beute der Roheit der Menschen fühlt
dann wird diese Misshandlung, die bei dem schwermütigen über-
empfindlichen Menschen vervielfacht wird, eben weil die Seele. ein
so fein empfindendes Instrument ist, unvermeidlich in die Anfech-
tung hineinführen. „Wenn Gott Liebe ist, warum lässt er mich dann
so leiden ? Wenn Christus die Wahrheit ist, warum erfahre ich dann
die Erfüllung seiner Verheissungen nicht?“ Solche Gedanken wer-
den sich immer wieder in die Seele hineindrängen und sind nicht
wieder zu vertreiben. Der grösste Teil des Augenblicks“ ist direkt
aus dieser Verzweiflung geschrieben, zum Beispiel das Stück von
Gott als dem Todfeind des Menschen. Alles musste aufgeboten
124
- an
1 den Gedanken, Gott de Liebe ist, fest-
x: dieser Qual aushalten,
die Hoffnung bewahren kann, dass es doch besser
Aber immer in der Qual bleiben, das ist unmöglich.
andskraft der Seele wird zuletzt gebrochen werden, und
rankheit wird chronisch, wird eine Krankheit zum Tode.
das bedeutet entweder Geisteskrankheit oder Selbstmord. Kann I
s aber mit einem Christen so weit kommen ? Besteht überhaupt eine r-
olche Möglichkeit? Die Tatsachen des Lebens scheinen Ja zu
en — das Evangelium sagt aber ein entschiedenes Nein. Wie A:
löst sich dieser Widerspruch ? |
Liegt die Lösung vielleicht darin, dass das, was wir Christen-
"tum nennen, etwas anderes ist als das, wovon das Evangelium
redet? Und besteht deshalb eine so furchtbare Möglichkeit, weil
wir zwar die Worte des Evangeliums haben, aber 'nicht seine
- Kraft? Dann lieferte ja eben Kierkegaards Leben und seine Nieder-
lage den empirischen Beweis für die Wahrheit seiner einzigen
„Thesis: „Das Christentum des Neuen Testaments existiert gar
nicht!“ Wenn auch Gott in seiner Barmherzigkeit ihn durch seinen
"frühen Tod von der letzten furchtbaren Alternative befreit hat.
- Können wir uns aber. damit zufrieden geben? Erhebt sich nicht
hier die Frage: Muss es denn immer so gehen ? Gibt es denn für den
‚schwermütigen Christen keine Möglichkeit der Befreiung von der
Finsternis der Anfechtung? Hat Gott kein anderes Mittel gegen
dieses Elend als den Tod? Dann würden doch die Lebensbedin-
gungen des Christen viel härter, viel schwerer zu ertragen sein
als die des Nicht-Christen, der doch wenigstens die Not der An-
fechtung nicht kennt, und oft auch mitten in seinem Elend vermag
_— um mit Hiob zu reden — ‚wie ein Tagelöhner sich seines Tags
Eu freuen.“
Es gibt eine solche Möglichkeit der Befreiung und Erlösung!
Es muss eine solche geben, denn sonst hätte Christus nicht die
"Wahrheit gesprochen und wäre also auch nicht die Wahrheit. Wir
rechnen nur mit dieser Möglichkeit nicht, weil wir so entsetzlich
wenig von dem Evangelium erlebt und verstanden haben. ..
VI.
Betrachten wir das Leben der ersten Christen, wie das Neue
Testament (mit dem spät entstandenen Hebräerbrief als einziger
Ausnahme) es uns vor Augen malt, dann sehen wir, dass die An-
fechtung gar keinen Platz in ihrem Leben hatte. Aeussere Trübsal,
Verfolgung und Leiden gab es genug, das führte» sie aber nicht in
die Anfechtung hinein; denn Jesus hatte sie darauf vorbereitet, dass
es so gehen würde, und Trübsal und Leiden vermochten sie freudig
i sn
a Su > bi Y
125
heit seit vielen Jahrhunderten nicht mehr besitzt, ja in dem Grade
nicht mehr besitzt, dass ihr nicht einmal in den Sinn kommt, dass
sie es eigentlich nach dem „Wort Gottes“ besitzen sollte: den
Heiligen Geist, die übernatürlichen Gotteskräfte, die „Kraft aus
der Höhe“. Es fiel doch dem Heiland nicht ein, seine zwölf Jünger
in die Welt hinauszusenden, damit sie ihm diese erobern sollten mit
ihren armen menschlichen Kräften. Wusste doch niemand besser als
er, der mit dem Fürsten dieser Welt in der Wüste, auf dem Oelberg
und an dem Kreuze gerungen hatte, wie unmöglich eine solche
Aufgabe gewesen wäre. Nein, er stattete sie aus mit der Kraft aus
der Höhe, mit der Vollmacht vom Vater, die Sünden zu vergeben
und auch ihre Folgen aus Leib und Seele zu entiernen. Er gab
ihnen Macht, die Dämonen auszutreiben — auch die Dämonen der
Schwermut — und alle Krankheit zu heilen. Und angetan mit die-
ser Kraft zogen sie aus und eroberten ihm die Welt. Ihnen war die
Anfechtung etwas Unmögliches — konnten sie wohl an ihm zwei-
feln, an seiner Wirklichkeit oder an seiner Macht oder an seiner
Liebe, an ihm, der in ihnen lebte und durch sie wirkte? Oder konn-
ten sie den Argen oder seine Macht fürchten, wenn sie sahen, dass
ein Wort, eine Berührung, ein Nennen des Namens des Auferstan-
denen genügte, um das Böse zu vertreiben und den Fürsten der
Finsternis zu entwafinen?
Der ersten Generation der Christen war die Anfechtung eine
Unmöglichkeit. Denn sie lebten in der Erlösung, die Christus ihr
gebracht hatte. Sie hatten keine Lehre von einer Versöhnung und
Sündenvergebung, sondern sie hatten das Erlebnis der Erlö-
sung und der tatsächlichen Freiheit von der Sünde und der Macht
des Bösen. Und diese Botschaft von der Erlösung war das Evan-
gelium, die frohe Botschaft, die sie in die Welt hineintrugen.
und lächelnd zu tragen, weil sie,neben der „lebendigen Hoffnung“
auf die Wiederkunft Christi auch das besassen, was die Christen-
ER
Uns, die wir in der Christenheit des 20. Jahrhunderts leben, ist |
die Erlösung nur ein Begriff, ein Dogma. Wer aber eine Ahnung
haben will von der Fülle der Freude, die aus der Erfahrung der
Freiheit, der Erlösung, bei den ersten Christen wie eine Quelle her-
vorsprudelte, der lese vor allem den ersten Johannesbrief. Oder
auch ein Zeugnis aus der ersten Zeit, welches vor etwa einem De-
zenium eine Auferstehung erlebte nach dem Vergessensein vieler
Jahrhunderte, die sogenannten „Oden Salomos“. Wer diese Psal-
men zu lesen vermag, wer ein Ohr für solche Töne hat. wird un-
widerstehlich hingerissen werden von der jubelnden Freude, dem
überwältigenden Gefühl der Freiheit, der Erlöstheit und überströ-
menden Dankbarkeit gegen Gott, das sich in diesen Oden einen so
volltönenden Ausdruck gibt. Dieser Lobgesang ist ein in Wahrheit
inspirierter. Die Gelehrten haben allerdings versucht, die Oden
126
k n des Heiligen Geistes dementsprechend seltener,
' die Anfechtung ihren Einzug in die Kirche. Denn
2 nun war ein
; seitdem da geblieben. Denn die Anfechtung entspringt der Ohn-
_ Worten des Evangeliums von den grossen Dingen, die dem Gläu-
Er. bigen möglich sein sollten und in der ersten Zeit auch möglich
_ waren, und der unwidersprechlichen Rede der Tatsachen von der
A Armut und Kraitlosigkeit, ja Unerlöstheit der Christenheit. Dass
2 die meisten heutigen Christen trotzdem der Anfechtung entschlüp-
Ten (denn eigentlich sollten alle daran leiden) gelingt nur dadurch,
dass man das Neue Testament gedankenlos liest oder seine eigenen
E traditionellen Auffassungen, sein Luthertum, seinen Calvinismus
hineinliest, statt das Christentum herauszulesen. Und das heisst
— wieder, dass man das „Wort Gottes‘ liest ohne den Geist, der sich
einst in eben diesen Worten Ausdruck gab.
Wer anders liest, wer den Geist des Neuen Testaments auf sich
wirken lässt, der läuft mit Kierkegaard die Gefahr, den Widerspruch
zwischen dem Reichtum der ersten Zeit und der Armut und Ohn-
macht seiner eigenen Zeit zu entdecken. Und er wird in dieselbe
Lage wie Kierkegaard kommen, der aus dieser Spannung und die-
sem Widerspruch heraus sein verzweifeltes: „Das Christentum des
Neuen Testaments existiert gar nicht‘ rief.
VII.
528 geht aus vielen Aeusserungen Mes Tagebuches Kierkegaards
hervor, dass die Möglichkeit ihm vorgeschwebt hat, dass Gott doch
durch ein direktes Eingreifen, ein Wunder, ihm die Bürde der
Schwermut wegnehmen könne. Ganz besonders aus der Aufzeich-
nung vom 11. Mai 1848, worin es heisst: „Alles ist Gott möglich.
Dieser Gedanke ist jetzt im tieisten Sinn meine Losung geworden
und hat eine Bedeutung für mich genommen, die ich mir nicht mög-
lich gedacht hätte. Möchte ich mich doch nie vermessen, zu sagen,
dass es für Gott keinen Ausweg gibt, weil ich keinen sehen kann.
Denn das ist die Verzweiflung und das Vermessene: sein bischen
Phantasie und Derartiges mit den Möglichkeiten zu verwechseln,
über welche Gott verfügt.‘
127
‚hristen ee die ee Kiel ind‘ a 5
Als aber die erste Liebe der Gemeinde kalt t wurde
Kirche da, und nicht nur eine Gemeinde. Und sie ist
- macht und entsteht durch die Spannung zwischen den starken
ee
| . x u
_ Dass diese Möglichkeit nur eine Möglichkeit blieb und sich nicht
in Wirklichkeit verwandelte, das lag wohl vor allem darin, 2
Kierkegaard das Leiden, die Schwermut sowohl als die Verfolgung,
freiwillig auf sich nahm, weil er darin das Kreuz Christi sah.
Auf die Anfechtung dagegen war er nicht vorbereitet, und erst diese
brach tatsächlich seine Widerstandskraft. Der Weg der Anfechtung
wurde aber durch sein freiwilliges Sich-Beugen unter das Leid ge-
bahnt. Er vermochte sich eben nicht von der Theorie von dem „gott-
gewollten Leiden“ freizumachen. Er verstand nicht, wie sein Zeit-
genosse, der ältere Blumhardt, es verstand, dass Gottes Liebe sich
in Heilung, Befreiung, Erlösung im vollsten Sinn des Wortes offen-
baren will. Und dass deshalb ein Mensch im höchsten und eigent-
lichen Sinn Gott nicht dient dadurch, dass er sich dem Leiden hin-
gibt, es geduldig auf sich nimmt, sein Leben im Leiden Gott als
Opfer darbringt, sondern dadurch, dass er im Vertrauen auf
Gott durch das ‚Leiden hindurch zu dem Sieg der vollen Erlösung,
dem Erfülltwerden mit dem Heiligen Geist vordringt. Dass er
sich erst von Gott dienen lassen muss (und nicht nur durch die
Vergebung der Sünden), um ihm dann als Erlöster und Beireiter
selbst dienen zu können.
: Kierkegaard sah selbst jedenfalls bisweilen sein Leiden als eine
Folge davon an, dass er nicht vermochte, zu dem Glauben
durchzudringen, der es Gott möglich macht, Wunder zu tun.
Schon früh, nach dem Bruch mit seiner Braut, hatte er diesen
Mangel eingesehen und zugegeben: „Hätte ich Glauben gehabt
dann wäre ich bei Regine geblieben.“ Und doch hatte er weit
mehr Glauben als alle seine Zeitgenossen. Aber sein Glaube war
nicht von der neutestamentlichen Art. Ein Glaube wie Kierkegaards
befähigt einen Menschen zum Leiden, zum Tragen der Bürden weit
über die Grenze hinaus, wo andere Menschen längst die Sache auf-
gegeben haben. Mit dem Glauben aber, der Berge versetzt und das
Reich des Argen zerstört und dadurch die Welt überwindet, dem
siegreichen Glauben, der in der Apostelgeschichte und in den Bri
fen zum Ausdruck kommt, hatte sein Glaube keine Aehnlichk m
Und wie hätte er auch diesen Glauben bekommen soll > Es gab
ae i i en? Es gab
vielleicht in der ganzen Christenheit zu seiner Zeit i
Menschen, der diesen Glauben hatte: Blumhardt in Mötli Fe
Und der Weg Kierkegaards zu diesem Glauben a h
En u a en Mass mit Hindernissen a Er
unter seinen Zeitgeno : : {
dass Gott alle Dinge, En Seren mit der Auffassung,
liche möglich sei, und weil er allein war ee .
Auffassung nicht festzuhalten, als die W« ee En Sn wur
we a zusammenschlugen, sondern Ben ee re
und nahm e de as Lei
Ss „aus Oottes Hand“ als Ausdruck seines verborgenen
128
De N, aber, warum 'es Sn nicht gelang, ‚war En
tsach die Wirklichkeit, die hinter seinem verzweifel-
ch: „Das Christentum des Neuen Testaments existiert
lag. Ueberall in der Christenheit sah er nur Ohnmacht
ufriedenheit mit dieser Ohnmacht. Nur er sah, dass diese
macht die Wirkung eines Abialls von Ihm war, der "versprochen
ıatte, mit seinen Jüngern alle Tage zu sein. Und eine sichtbare
jemeinde, eine Bruderschaft in Christus, an die er sich hätte halten
Öönnen, gab es überhaupt nicht. Deshalb ver mochte auch er, allein
wie er war, nicht die furchtbaren Wirkungen dieses Abfalls zu
überwinden, ‚sondern musste selbst an diesem Kampfe zugrunde
gehen. Er vermochte nicht durch die dicke Finsternis sich einen
Weg zu ihm zu bahnen, der allein Licht in die Finsternis geben
"könnte, weil er der Gott des Wunders ist und das Reich der Finster-
nis gerichtet hat.
° Kein Mensch vermag mit voller Kraft auf zwei Fronten zu
"kämpfen. Weil Kierkegaards Zeitgenossen sich wie eine Mauer
wider das stellten, das er ihnen bringen sollte, absorbierten sie alle
seine Kräfte; er hatte nicht Kraft genug, um auch den Feind zu
bekämpfen, der seinem eigenen Leben drohte. Und der Vater der
‚Barmherzigkeit und Gott allen Trostes sah dann für diesen ge-
quälten Menschen nur den einen Ausweg: ihn von dem letzten
"Stück des Weges zu befreien und ihn sterben zu lassen, damit er
doch endlich die Freiheit und den Frieden erreichen könne, nach
‚denen er sich gesehnt hatte sein ganzes Leben lang. Es "gibt
abereinenandern Weg. Julialnger Hansen.
VPTGSRELEITETDDERDTELHTEITITTHIEGERIHLEIBITELETTIEILZEDTEIE IB IEEIEEITE LITT DELL LR TEE EEE U ELLILESETTESTESEETTTETTETTETEITEETERDETTESZETTERTETTEETTETT
- Aussprache '@2
ITTTTTTTTITITLETERTERLLTLITERTERTRLRILRLERTERTETTRITERTELERTESTETTETTETTITTETETETETEITERTETERTETESTTTTETTERTESTETESSTETZESTTRTTETITEESTETTETETETETTETTETE
EI I
=
‚wi
ERRRERRREREREENE
ERRERERERERE
EITITTIITE:
BULILELDERTTINTERLSTREREREIAE
1. Katholizismus und Fortschritt.
(Von einem katholischen Arbeiter.)
Wir stehen unzweifelhaft an der Schwelle umwälzender wirtschaitlich-poli-
tischer Ereignisse. Die alte Welt kracht in allen Fugen, ein Neues muss wer-
den. Nun wird häufig behauptet, dass allem Neuen von katholischer Seite die
‚grössten Widerstände entgegengesetzt werden. In der: Tat sehen wir in unse-
rem Lande fast bei jedem Abstimmungskampf die sogenannte katholische Volks-
129
S Di i 2
rn er ,
2 . . F. i ori R 2
rei Arm in Arm mit dem Freisinn. Es ist dies nun nicht, wie es oft dar-
Dee wird, die Schuld der Kirche, wohl aber diejenige gg Sr; wohl-
habender Führer, deren Katholizismus sie nicht hindert, mit der, je ee.
same Sache zu machen, welche die Freiheit der Klöster und die Freiheit r FL
giöser Orden antastete. Das Zusammengehen von Freisinn und
Katholizismus fordert zum schärfsten Protest heraus.
Manche Vorkommnisse der letzten Zeit treiben aber selbst gut kirchlichen
katholischen Arbeitern die Schamröte ins Gesicht. (Vide die letzten eidge-
nössischen Abstimmungen und die Parteistellungnahme dazu.) o
Die katholische Kirche, als der ältesten Internationale, kann sich nicht
national abschliessen; somit ist ein Krompromiss derselben mit den nationalen
Parteien ein Unding. Sie ist geradezu angewiesen auf Frieden zwischen den
Völkern, hat somit alles Interesse, den Militarismus zu bekämpfen. Gegen den
Kapitalismus sind schon viele prominente Katholiken, selbst Priester, aufgetre-
ten. Sie erkannten das Widergöttliche einer Wirtschaftsweise, wo der Profit die
Triebfeder alles Handelns; der Mammon das Wichtigste im Leben ist.
Was kann vom katholischen Standpunkt aus wider den Genossenschafts-
gedanken, wider die Idee der Demokratisierung der privatkapitalistischen Wirt-
schaitsweise eingewendet werden? Absolut nichts! Das aber ist Sozialismus,
nicht das Zerrbild, welches interessierte Kreise aus ihm machen. Leider
kommen in der Presse die katholischen Veriechter des
sozialen Gedankens kaum zum Wort. Man muss oft glauben,
dass System in der Sache steckt. Man will die Katholiken fortschritisieind-
lich haben. Auch in dieser Sache soll einmal mit allem Nachdruck
protestiert werden.
Es stimmt, dass manche Sozialdemokraten von vielen bürgerlichen und
religiösen Institutionen, von Ehe, Familie usw., etwas merkwürdige Auf-
fassungen haben, die mit dem Sozialismus nichts zu tun haben. Aber viele
Katholiken haben auch ihre Passionen. Dürfen wir eine Organisation nach den
Aeusserungen Einzelner oder nach Fehltritten Einzelner beurteilen? Da müsste
man ja jede menschliche Gemeinschaft ablehnen.
Einige wirkliche Gegensätze werden zwischen Katholizismus und Sozia-
lismus freilich bestehen; denn die katholische Kirche ist eine geistige Organi-
sation, während der Sozialismus die diesseitigen Verhältnisse, in seiner heuti-
gen Form unter Ausserachtlassung seelischer Bedürfnisse, ordnet. Aber viel
grösser und vielausgeprägter sind die Gegensätze zwi-
schen einem aufirichtigen Katholizismus und dem Li-
beralismus. Es muss nicht weit her sein mit der welterneuernden reli-
giösen Kraft der christlichen Parteien, die der bürgerlichen Krücken nicht °
entraten können.
Nicht durch zersetzende Spaltungen, wohl aber durch Reiorm von innen
heraus sollten die christlichen Parteien einmal zu einer besseren Stellungnahme
zu den Tagesiragen, die sich heute darstellen als Geltungskampf zwischen Kapi-
tal und Arbeit, kommen. Andernfalls machen sie dem Christentum dicke
Schande. Mögen alle, die es angeht, diese Worte beherzigen und in sich gehen
und kein christlicher Arbeiter mehr Verräterdienste leisten wider seine Arbeits-
kollegen, die einen gerechten Kampf führen gegen den Götzen Mammonismus
und der gerecht bleiben wird, so lang es mit legalen Mitteln zugeht
Aber auch der Sozialdemokratie würde eine Revision Ihres => äcks nicht ®
schaden. Vor allem dürfte der Uniehlbarkeitsstandpunkt, den sich a klei- }
ner oder grosser Führer manchmal insgeheim anmaßt, verschwinden. Stellt sie
auch ihre stellenweise tatsächlich unverständliche Kirchenfeindlichkeit ein, wer-
den ihr von katholischer Seite noch ; = ; -
bürgerliche „Ordnung“ wird dere N MSRrate Bee we Und die
Mehr gegenseitiges Verständnis h 2
Unvollkommen sind sie alle, kein M. ea
Me ET VERREFER
e zwischen allen Organisationen.
ensch wird über alle Kritik erhaben sein.
130
rchfuhr ein sc
In diesem Sinn sind wir katholisch und sozialistisch!
A Lu Ein katholischer Arbeiter.
2. Zur Frage der Presse.
Be Dr BErieh Schairer, der tapfere und geistreiche Redaktor der in
- Stuttgart erscheinenden „Sonntagszeitung“, dessen Aeusserung über Zei-
kleine Schrift veröffentlicht (bei Eugen Diederichs in Jena), die den Titel
. trägt: „Sozialisierung der Presse“, und sich mit den Vorschlägen
. von Bietenholz berührt. Wir empfehlen sie denen, welchen dieses grundwich-
E: tige Problem anliegt und erlauben uns, einen Abschnitt daraus abzudrucken.
RE. „Es ist wahr, in den modernen Zeitungen ist der Textteil, namentlich auch
— der Nachrichtenteil, ganz anders ausgebaut als in denen unserer Väter und
_Grössväter. Aber seien wir ehrlich: ist seine Qualität besser geworden? Nein,
gewiss nicht. Denn der Verleger hat sich nicht etwa gefragt: wie erziehe, wie
bilde, wie veredle ich meine Leser?, sondern: wie verdiene ich Geld? Die
Antwort lautete: durch eine möglichst hohe Auflage, die die Inserenten an-
zieht. Deshalb hat der Verleger bei der Ausgestaltung der Zeitung in erster
Einie auf wenig schätzbare und gefährliche Instinkte der Leserschaft Rück-
sicht genommen. Dem Sensationsbedürinis ist er entgegengekommen, jawohl.
Es ist ein Wettrennen unter den Zeitungen, welche zuerst das Neueste mit-
zuteilen weiss, welche den spannendsten Roman, die prickelndsten Gerichts-
| referate liefert. Ob die neueste Nachricht wahr, der Roman gut, der Skandal-
bericht schön und nützlich zu lesen ist, spielt keine Rolle. Was die meisten
Leser am meisten reizt, das kommt in die Zeitung; nicht, was wahr, gut oder
schön ist.
Also: unsere heutigen Zeitungen sind zwar umfangreicher, berichten
rascher, erscheinen häufiger als ihre Vorgängerinnen vor fünfzig, oder hun-
dert Jahren; aber besser sind sie nicht geworden, sondern viel schlechter.
Und zwar sind es gerade grössere und weit verbreitete Blätter, die dem un-
erzogensten und oberflächlichsten Unterhaltungsbedürfinis, der übelsten Sen-
sationshascherei und noch schlimmeren Instinkten oft die grössten Konzes-
sionen machen. Gestehen wir es offen: das durchschnittliche kulturelle Niveau
unserer Presse ist schlechthin beschämend. Und ihre Verbreitung, die Folge
ihrer Billigkeit; ist deshalb kein Glück. Unser Volk ist um kein Haar ver-
ständiger, klüger, besser geworden, seit auf jeden dritten Kopf eine Zeitung
entfällt. Wohl aber ist es oberflächlicher, gottloser, leichtiertiger geworden.
Gibt es irgendwo einen Menschen, der ernsthaft von sich sagen könnte, er
verdanke der Zeitung eine Förderung seiner sittlichen Persönlichkeit, seines
sozialen Verständnisses, seiner geschmacklichen Erziehung, seiner Bildung,
seiner Kenntnisse? Wird man nicht im Gegenteil feststellen müssen, dass die
Zeitungen an der unglaublichen Kulturlosigkeit unserer Durchschnittsbevöl-
131
" tung undInserat im letzten Hefte stand, hat über dieses Thema auch eine
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P at Eh I Ba ae Ei ie Tr ‘ NE h NEN er)
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& 1: 2 ak
RR In i i i Verarmung der
’ k ‚an der Halbbildung so vieler „Gebildeter“, an der 1
> erner, an der Leere Kg Köpfe und Herzen schuldig oder zum re
Er mitschuldig sind? So sehen in Wahrheit die Verdienste der „auiklärenden
: ind die Früchte der
Tätigkeit der Presse im letzten Menschenalter aus; das sind die Früc d
iur ihres redaktionellen Teils, den die steigenden Inseratenerträg-
i öglicht | die Wahrheit sagen will: die Presse
nisse ermöglicht haben. Wenn man also die eit sag al
hat schwer gesündigt am Volke. Sie hat keinen Schimmer von Verantwortung
empiunden für dessen Erziehung und Heraufbildung. Wie konnte sie auch,
da sie nichts weiter ist als ein geschäftliches Unternehmen mit dem einzigen
Zweck, den Verleger verdienen zu lassen; nicht anders als die ganze Wirt-
schaft, der sie ihren Inseratenteil als Markt zur Verfügung stellte? ü
Aber gehen wir einen Schritt weiter. Auch wenn wir von dem Einfluss
des Inseratenteils auf den übrigen Inhalt der Zeitung absehen und annehmen
wollten, dass ein solcher unmittelbar oder sogar mittelbar nicht bestehe: schon
durch das Inseratenwesen selber ist dem allgemeinen Wohl schlecht
‚ gedient, ja viel geschadet worden. Es ist ein schwerer Fehler des „liberal
gewordenen Staates gewesen, als er das Marktregal fallen liess und das kon-
sumierende Volk dem Ansturm der Produzenten und Händler schutzlos preis-
gab. Die Klagen, die der Jurist Schmölder über die Herrschaft des Schundes
und Schwindels auf dem „freien“ Markt der Inseratenspalten ausgestossen
hat, können heute wiederholt und vermehrt werden. „Jeglicher unmoralische
Eigennutz, alle Unredlichkeiten, welche der Staat, solange er noch ausschliess-
licher Verwalter des Marktregals war, vermittelst seiner Marktordnungen und
Marktmeister vom Marktverkehr fernzuhalten wusste, sind unter der Verwal-
tung der Zeitungsverleger wie aus der geölineten Pandorabüchse empor-
geschnellt.“ So schrieb Schmölder vor vierzig Jahren. Seither hat die Schwin-
del- und Schmutzanzeige üppig weiter gewuchert und sich auch in dem Sinne
als „schlüpfrig“ erwiesen, dass man sie weder strafgesetzlich noch moralisch
hat packen und aus der Welt schaffen können. Selbst „anständige“ Blätter
bringen es nicht über sich, ihr die Spalten zu verschliessen. Man nehme eine
beliebige Zeitung, eine illustrierte Zeitschriit oder gar einen sogenannten
„Volkskalender“ in die Hand und man wird Dutzende, Hunderte von Insera-
ten finden, die handgreiflich darauf ausgehen, das Publikum zugunsten irgend-
eines gemeineren oder nobleren Schwindels zu betrügen. Was dadurch bei der
ungeheuren Verbreitung des bedruckten Papieres unserem Volk für Schaden
zugefügt worden ist, lässt sich schwer ermessen.
Es ist unbegreiflich, wie eine „liberale“ Epoche die Gefahr leicht nehmen
konnte, die in der ‚mangelnden Kontrolle des Marktverkehrs liegen musste,
in der Fessellosigkeit, mit der man Jen Geschäftsmann sich auf die Allgemein-
heit stürzen liess, um Bedürfnisse zu wecken, die nicht bestanden, vorhandene
Bedürfnisse unnatürlich zu steigern oder mit schlechter Ware zu betrügen.
Die ungezügelte Reklame hat lediglich privatwirtschaftlichen Interessen
gedient, dem allgemeinen aber geschadet. Sie hat die Bedürfnisse und Begriffe
verwirrt und den Markt in ein Chaos verwandelt, dessen adäquater Ausdruck
der Inseratenteil einer heutigen Zeitung mit seinem vollständig verworrenen
regellosen Inhalt ist. Der Konsument, der ein Bedürfnis hat und befriedigen
möchte, sieht sich darin hilflos dem Zufall überliefert, Vielleicht findet er das
was er braucht und sucht; vielleicht aber auch nicht, und wenn er gleich ein
halbes Dutzend Zeitungen studiert; oder noch wahrscheinlicher wird er durch
das Reklamegebrüll der Inserenten abgelenkt und verführt sein Bedürfnis
suggestiv verfälscht und falsch befriedigt. Denn auf dem "Markte herrscht
auch in der Zeitung der Produzent oder Händler, der Verkäufer, dessen
Zweck nicht ist, Bedürfnisse zu befriedigen, sondern seine Ware loszuwerden
Wer am lautesten schreit, nicht wer die beste Ware hat, wird reüssieren!“
132
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= \ und Sozialismus.
Ä “ = B En a: \ 1. x h
Pi
IF =
_ Katholizismus
2 Barprr,; Vorbemerkung.')
Ich bringe nun, wie ich in Aussicht gestellt, zu den Ausführun-
gen des ersten Teils meines Aufsatzes über Katholizismus und So-
zialismus eine Reihe von Dokumenten, d. h. Aeusserungen von
E Katholiken, und zwar ausschliesslich von kirchentreuen und mei-
stens von solchen, deren Zeugnis etwas bedeutet, über das ganze
— Problem. Und zwar sind diese Aeusserungen so ausgewählt, dass
darin das Verständnis für das Problem, die Kritik an den
vorhandenen Zuständen und der Wille zu neuen Wegen zum
- Ausdruck kommt. Denn dass es innerhalb des Katholizismus (ge-
- meint ist immer der römische) eine dem Sozialismus, wie dem gan-
- zen sozialen Problem gegenüber völlig verständnislose und rein
ablehnende Haltung gibt, ist zu bekannt, als dass es noch bewiesen
werden müsste; gezeigt werden muss vielmehr, dass es auch eine
— andere katholische Haltung gibt und das sollen diese Stimmen
> leisten. | |
Ich habe die Auswahl so sorgfältig getroffen, als mir möglich
war. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass sie vollkommen sei. Ab-
E neschen davon, dass ich — mit Ausnahme der Enzyklika Leo XIH. :
— nur das Gebiet der deutschen Sprache berücksichtigt habe, sind
- mir vielleicht auch in diesem Rahmen wertvolle und charakteristi-
sche Aeusserungen nicht bekannt geworden. Aber ich werde in den
„Neuen Wegen“ diese so wichtige Sache weiterhin im Auge be-
halten und so wird immer Gelegenheit sein, Uebersehenes nachzu-
holen und neu Auftauchendes zu berücksichtigen. BER
Es schien mir angezeigt, diese Dokumente auf eine Anzahl Ru-
briken zu verteilen, um ihnen mehr Uebersichtlichkeit zu verleihen.
Dass diese Einordnung nicht immer genau stimmen kann, ist selbst-
verständlich, hat aber wenig zu bedeuten. LER:
1. Die Bedeutung der sozialen Frage.
Wenn ich nun als katholischer Bischof es unternehme, unter
allen diesen Stimmen und Vorschlägen auch meine Ansicht über den
1) Es sei hier berichtigt, dass die „Tribüne“, von der im ersten Teil
des era die Rede war, nicht von der katholischen „Kölnischen Volks-
zeitung“, sondern von der sozialdemokratischen „Rheinischen Zeitung“ heraus-
gegeben wurde.
133
vorliegenden Gegenstand auszusprechen, wenn ich auch für mich
den Titel Arbäitertreinel in Anspruch nehme, wenn ich alle christ-
lichen Männer, denen das Wohl des Arbeiterstandes am Herzen
liegt, bitte, auch meine Worte über dieses Anliegen anzuhören und
zu erwägen, so ist es wohl angemessen, dass ich über die Berechti-
gung zu dieser Meinungsäusserung, den : 1
einige Worte vorausschicke. Viele glauben vielleicht, ich hätte als
Bischof keine Berechtigung oder jedenfalls keine hinreichende Ver-
anlassung, mich in derartige Dinge einzumischen; ‚andere werden
meinen, ich dürfe‘als katholischer Bischof mich höchstens an die
Katholiken wenden. Ich bin anderer Ansicht.
Ich glaube schon insoweit ein Recht zu haben, über die Arbeiter-
frage öffentlich mein Urteil abzugeben, als dieselbe sich mit den
materiellen Bedürfnissen des christlichen Volkes beschäftigt. In die-
ser Hinsicht ist sie auch eine Frage der christlichen Liebe. Unser
göttlicher Heiland hat die christliche Religion mit allem für immer
und unauflöslich verbunden, was sich auf die Milderung des geist-
lichen und leiblichen Elendes der Menschen: bezieht. Nach dieser
Weisung hat die Kirche überall und zu allen Zeiten gehandelt. Die
Uebung der christlichen Liebe in den Werken der christlichen Barm-
herzigkeit ist stets ein hervorragender Teil des Lebens der christ-
lichen Kirche gewesen. Aus ihr ist die grossartige Fürsorge für alle
Not der Menschen hervorgegangen. Jede Frage, die sich mit Ab-
hilfe des Notstandes beschäftigt, ist daher wesentlich eine christ-
liche, eine religiöse, an der die Kirche und alle ihre lebendigen Glie-
der sich auf das Innigste beteiligen sollen.
Ich bin ferner berechtigt, über diese Angelegenheit ein Urteil
abzugeben, um zu erörtern, welche Stellung das Christentum mit
seinen Lehren und seinen eigentümlichen Mitteln zu dieser wich-
tigen Frage einnimmt. Jeder Christ, der nicht gedankenlos unter den
wichtigsten Zeitereignissen dahinleben will, muss ja hierüber mit
sich im Reinen sein. Man will den „sittlichen und wirtschaftlichen
Zustand der arbeitenden Klasse‘ heben, und macht für diesen Zweck
bestimmte Vorschläge. Was kann wichtiger sein, als zu wissen, wie
diese Vorschläge sich zum Christentum verhalten, ob wir ihnen
beistimmen, sie unterstützen dürfen oder nicht, welche besonderen
Mittel das Christentum besitzt für die sittliche und wirtschaftliche
Hebung des Arbeiterstandes? Das sind aber lauter Fragen, die
innig mit der christlichen Religion zusammenhängen, und die ich
als Christ und als Bischof gleichmässig zu beurteilen berufen bin.
Meine Ueberzeugung geht aber noch weiter. ] 1
. Ich glaube nicht
nur, dass .die Angelegenheiten des Arbeiterstandes ir tief inner-
liche Beziehung zu dem Christentum haben, ich glaube sogar, dass
alle Vorschläge, die bisher, grossenteils ohne irgend eine Rücksicht
134
wie über den Zweck derselben
|
Du
yo»
politische Gin soziale, ge
tandes hängt von Christus ab. Er hat den Arbeiter-
nisse ren HR u okeinke in
1, was das Christentum für den Arbeiterstand getan hat, zeigt
3 ung. Wenn wir einen Blick werfen auf den Arbeiterstand im
Heidentum und auf den Arbeiterstand im Christentum, dann müssen
1 wir dankbar bekennen, dass der Arbeiterstand Christus alles ver-
3
"dankt. Wie daher der Baumeister mitreden darf, wenn es sich um
‚den Dom handelt, den er gebaut hat, so darf das Christentum ein
Wort mitreden, wenn es sich um die Anliegen des Arbeiterstandes
> handelt, und ebenso darf gewiss auch ein Diener der Kirche seine
Meinung hierüber abgeben.
Ich habe aber nicht nur ein Recht, ich habe auch eine Pflicht,
En tiese Angelegenheiten des Arbeiterstandes mit lebhafter Teilnahme
_ zu-verfolgen, mir eine Ansicht darüber zu bilden und sıe nach Um-
: ständen öffentlich auszusprechen. Mein bischöfliches Amt schliesst
- mich davon nicht aus, sondern ist vielmehr eine besondere Ver-
pflichtung zu dieser Tätigkeit. Als ich zum Bischofe geweiht wurde,
hat mir die Kirche, ehe” sie mir die bischöfliche Weihe und Voll-
macht erteilte, unter andern die Frage vorgelegt: „Willst du den
Armen und den Fremdlingen und allen Dürftigen im Namen des
Herrn liebevoll und barmherzig sein?“ — Und ich habe geant-
wortet: „Ich will.“ Nach den Worten des göttlichen Heilandes:
„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch,“ ist der Bi-
schof ein Stellvertreter Christi, und die Kirche fragt deshalb, bevor
sie diese Stellvertretung einem Priester überträgt, ob er auch den
Willen habe, als Christi Stellvertreter die Liebe Christi gegen alle
hilfsbedürftigen Klassen der Menschen nachzuahmen. Wie könnte
ich daher, nach diesem feierlichen Versprechen, bei einer Frage
teilnahmslos sein, die mit den wesentlichsten Bedürfnissen einer so
zahlreichen Klasse der Menschen sich beschäftigt? Die Arbeiter-
frage geht mich als Bischof so nahe an als das Wohl aller meiner
geliebten Diözesanen, die zum Arbeiterstande gehören, und, weit
Al ’_ rl
135
B Filöser des Arbeiterstandes. Ken Fe \ ins f
ustand der Sklaverei auf seine jetzige Höhe er-
ee een
ek sogenannten Br SUnde nicht zug
| ganz vorzüglich seine göttliche Kraft und sein göttlicher Ur- >
über diese enge Grenze hinaus, als das Wohl aller Arbeiter, mit
denen ich durch Christus in Liebe verbunden bin.
Bischof W. E. von Ketteler: Die Arbeiterfrage und das Christentum.
Die Arbeiterfrage hat daher eine ganz andere Bedeutung, als
alle sogenannten politischen Fragen. Wer die Kammerverhandlun-
gen und die Tagespresse hört, sollte glauben, dass die politischen
Fragen das Allerwichtigste seien, was die Menschen angeht; dass
sie die wichtigsten und wesentlichen Anliegen der Menschheit be-
trefien. Das ist aber eine grosse Täuschung. Die eigentlichen poli-
tischen Fragen haben vielfach nur für einen kleinen Teil des Volkes
ihre wahre Bedeutung, nämlich für den Arbeiterstand der Feder,
‘ für den Teil, der am meisten redet und schreibt und deshalb auch
die Rednerbühne und die Presse beherrscht, und darunter ist es
auch wieder nur eine gewisse Partei, die diese Frage zu einem aus-
schliesslichen Parteiinteresse und zu ihrem persönlichen Nutzen
auszubeuten strebt. Diese Partei beherrscht beide Gebiete und macht
sich auf beiden in der gleichen Weise und mit denselben Gedanken
so geltend, als ob nichts mehr in der Welt zu leben verdiente und
ehrenwert sei, als ihr Denken und ihr Tun für das Heil der Men-
schen. Sie redet daher auch durch beide Organe immer dasselbe.
Unsere Zeitungen sind geschriebene Kammerverhandlungen, und
unsere Kammerverhandlungen sind rezitierte Zeitungsartikel "Alles
aber, was in diesen Kammerverhandlungen und Zeitun sberichten
mit endloser Weitläufigkeit verhandelt wird, berührt k E d : Le.
ben des eigentlichen Arbeiterstandes, der da im Sch ie
neese Se En verdienen muss. Das, was diese Muse
es, was diese Arbeiter und Arbeiterfamilien vom M i
zum Abend denken, sagen und ind / ae Re:
wahrhaft angeht, was re lage und ihre wessen
ürinisse verbessert oder ı ird i FE \
politischen a wird in Wahrheit in allen
anz anders verhä i de ’
haft und ohne en En oe we
deutung. Sie beschäftigt sich mit den wichtig re a
kes, mit Gegenständen, die auch den Arb He a a
und fast alle seine Sorgen in Anspruch a er täglich beschäftigen
Familie Ernährung, d. i. Besthaffun 4 Na oe
der Wohnung für sich, für Weib En = : ahrung, der Kleidung,
an die der Arbeiter notwendig vor all a
danken sich heiten von Morgen bi Ne denkt, auf die seine Ge-
Freuden und Leiden ausmachen Di A end, die den Grund seiner
an = Arbeiterernährungsirage SE ee n ee ..
en weitaus grössten Tei » € Ernährungsfrage für
Teil aller Menschen. Wer zu ihre
einen guten Rat geben kann. d
5 % ‚den w wi
als einen Wohltäter des Arbeileretanden Er
136 Ketteler: Aa.0.
_ maurertums. Ketteler: A a. ©.
Der ungläubige Liberalismus kann esbeiseinenLehren
nicht verhindern, dass der Arbeiterstand seine Lage im Vergleich
zu den Klassen, denen alle Genüsse des Lebens zu Gebote stehen,
für eine Naturwidrigkeit ansieht und sich der Meinung. hingibt,
diese Unordnung müsse durchaus ihren Grund in den mangelhaften
politischen und sozialen Einrichtungen, also in der Bosheit anderer
Menschen, von denen diese herstammen, haben; es müsse daher
einen Fortschritt geben, wo die Triebe aller Menschenherzen, die
Befriedigung fordern, mit irdischen Genüssen ausgefüllt werden
könnten, es müsse Volksfreunde geben, die durch politische und
soziale Einrichtungen diesen Zustand allgemeiner irdischer Sätti-
gung hervorzuzaubern imstande wären. Das ist ja schon jetzt die
unbewusste Grundstimmung so vieler Menschen, und die Ursache
ihres blinden Glaubens an jeden Betrüger. Bei den Voraussetzun-
gen des Unglaubens ist und bleibt der Arbeiterstand ein unseliger,
unglücklicher Stand, der von fast allen Genüssen ausgeschlossen
ist, die ihm für die einzig wahren angepriesen werden, während er
seine grossen Freunde aus der liberalen Partei täglich in diesen
Genüssen schwelgen sieht. Man muss übermässig verblendet sein,
um die notwendigen Konsequenzen dieser ganzen Anschauung
nicht vorherzusehen. Im Heidentum bestand sie darin, dass ent-
weder die Sklaven ihre Herren mordeten, oder dass die Herren ihre
Sklaven mit Peitschen zu Paaren trieben. Das ist das praktische Re-
sultat und die letzte notwendige Konsequenz aller Bemühungen für
den Arbeiterstand, die sich lediglich auf dem Boden des Materialis-
mus bewegen, auf dem ja die grosse liberale Partei gänzlich ihren
Standpunkt gewählt hat. Ketteler: A.a. O.
Wahr ist, dass die Verbindung mehrerer Menschen zu einem
Ziele ihre individuelle Kraft erhöht und ergänzt; unbestreitbar wahr
137
ZU
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N
ji
Bi
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Pa
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a
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ist, dass das auch bezüglich des Arbeiterstandes Anwendung findet,
und dass deshalb Vereinigung, Assoziation und Genossenschaft
eines der kräftigsten Mittel ist, um der Not des Arbeiterstandes
einen Damm entgegenzusetzen und seine materielle Not zu lindern.
Ketteler: A. a. ©.
Das ist ja so überaus betrübend und empörend bei dieser neuen
Sklaverei unserer Tage. Wie manche reiche Fabrikherren benutzen
den ganzen Einfluss, den sie dadurch haben, dass diese armen Leute
ihnen dienen müssen, um ihnen ihren Christenglauben aus der Seele
zu reissen. Ich sage, dadurch, dass sie ihnen dienen müssen,
denn wenn man mir antwortet, dass der Fabrikarbeiter freiwillig
arbeite, so antworte ich, dass diese Freiwilligkeit eine Täuschung
ist. Hier verhält es sich wieder wie mit der Konkurrenz und wie mit
diesem ganzen liberalen volkswirtschaftlichen System: es ist vol
Schein und Widerspruch mit der Wirklichkeit. Der arme Arbeiter
lebt da in seiner Heimat, in der Nähe des Geschäftes. Man sagt ihm,
es besteht Freizügigkeit, du kannst dir wo anders dein Brot suchen.
Wie kann aber dieser Mann mit Frau und Familie auf Reisen gehen,
um diesen Versuch zu machen! Er kann nicht einen Tag den Tage-
lohn entbehren, ohne zu hungern; wie kann er auf den Zufall hin,
ob er Arbeit findet, Wochen lang auf Reisen gehen und nicht nur
den Lohn entbehren, sondern auch die Reisekosten bestreiten! Er
würde dem ofienbaren Bettel und Hungertode entgegengehen; für
ihn besteht keine Freizügigkeit, denn er kann keinen Gebrauch da-
von machen; er ist durch Naturgesetze an den Platz seiner Heimat °
gebunden.
Die unbedingte Freiheit auf allen Gebieten der Volkswirtschaft
— das kann niemand leugnen, selbst der nicht, welcher sie für not-
wendig hält und die Ueberzeugung hegt, dass sie in ihrem letzten
Erfolge heilsam ist — diese unbedingte Freiheit hat zunächst den
Arbeiterstand in eine ganz verzweiflungsvolle Lage gebracht. Durch
Auflösung aller alten Verbindungen wurde der Arbeiter gänzlich
isoliert und lediglich auf sich angewiesen. Jeder Arbeiter stand mit
seiner Arbeitskraft, die sein ganzes Vermögen ausmacht, allein da.
Ihm gegenüber aber stand die Geldmacht, welche in demselben
Masse dem Arbeiter gefährlich wird, wie ihr Inhaber ohne Gewis-
sen, ohne Religion ist und sie daher zur Befriedigung seines Egois-
mus benutzt. Die Grundsätze der modernen Volkswirtschaft hatten
die entgegengesetzte Wirkung bezüglich der Menschenkraft in dem
Arbeiter und der Geldmacht in der Hand des Kapitalisten. Der Ar-
beiter mit seiner Kraft wurde, wie ich vorher sagte isoliert, die
Geldmacht dagegen wurde zentralisiert. Der Arbeiterstand wurde
in lauter vereinzelte Arbeiter aufgelöst, wo jeder gänzlich ohn-
mächtig war. Die Geldmacht verteilte sich aber nicht in mässige
“ MS
138
seinen
ein Produkt dies
erband wurde zer-
hinterlässt
Richtung. De nschen
entwickeln konnten, für den Arbeiterstand die fürchter-
stände. Vor etwa vierzig Jahren war dadurch ein grosser
.
en und physischen Elendes geraten. Ketteler: A. a. O.
_ Die in diesen Kapiteln niedergelegten Gedanken, die den idealen
taatsbürger in seinem Tun und Lassen bestimmen sollen, werden
. auch, so hoffe ich, unsere gesamte, überaus traurige weltpolitische
— Lage von heute genügend kennzeichnen und werden erkennen las-
sen, dass der Riss, der durch unsere Volkswirt-
eschaftund durch unsere Politik hindurchgeht,
Senichtnach Konfiessionenundnicht nach partei-
SpolitischenProgrammendieGesellschaftschei-
@det. Der Riss geht vielmehr hindurch durch
sämtliche Konfessionen und selbst durch die
Epolttischen Parteien,‘ durch alle Berufe und
Stände und wird immer noch deutlicher und
schärfer hervortreten. Unsere heute geltende, nach Kon-
fessionen und parteipolitischen Programmen abgegrenzte Politik ist
keine natürliche, sondern ist eine künstliche, höchst unfruchtbare
- Politik — das muss einmal mit aller Schärfe gesagt werden, damit
es den massgebenden Faktoren hüben und drüben, oben und unten,
Priestern und Laien, endlich zum Bewusstsein komme. Die immer
weitere Kreise ergreifende, unaufhaltsam voranschreitende Prole-
tarisierung aller Stände und Schichten müsste
doch zu bedenken geben. Der Schrei nach Gerechtig-
keit, das Ringen nach menschenwürdiger Exi-
stenz, die für immer mehr Menschen unmöglich wird, muss end-
lich einmal die Einsicht erstehen lassen, dass die parteipolitischen
Rezepte völlig versagen. Die politischen Parteien müssten endlich
doch samt und sonders sehen, dass die Zahl der aus ihren Reihen
sich rekrutierenden, unzufriedenen und revolutionären Elemente be-
drohlich wächst, dass sie schon Legion geworden ist. Immer unge-
- stümer ertönt der Rufnachsozialem Ausgleich. Eine
richtige Politik wird sich demnach unbedingt
auf die Seite der Entrechteten und Ausgebeute-
ten, der sogenannten Proletarier, stellen müs-
sen, um diesen im Kampfe um ein menschenwürdiges Dasein zu
ihrem Recht zu verhelfen. Das wird der Kursder Politikin
139
ieser
dessen Stelle trat der Geldverband in furchtbarer Aus-
s entstanden nun überall, wo sich diese Verhältnisse
les Arbeiterstandes in England in den tiefsten Sumpf des sitt-
8 }
ae
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Br
SL PEN
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y 'E u.“ ’
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der Zukunftsein. Wohl also denen, die diesen Kurs früh ge |
0 nug erkennen und dieser Erkenntnis gemäss bereit sind, ihn auch
zu verwirklichen! a
Be Joh. Uhde: Der ideale Staatsbürger und seine Wirtschaftsethik.
I," Aber der katholische Film ist nicht nur der
: religiöse Film. Haben wir Katholiken nur über das Thema
Religion etwas zu sagen? Und sonst nichts? Sehen wir die so-
zialen Fragen nicht? Gehen wir nicht mit wissenden, bren-
nenden Augen durch die Strassen der Grosstadt? Durch die Prole-
tarierbezirke, durch die Dirnenviertel, an Bars und Tanzdielen vor-
über? Sehen wir nicht die verhärmte Mutter mit dem Bettelkind an
der Strassenecke stehen? Sehen wir nicht die Kinder in Hinterhöfen
spielen, in die kein Strahl der Sonne fällt? Sehen wir nicht die Men-
schen in der Strassenbahn müde und ausgepumpt von der Arbeit
heimfahren ? Spüren wir nicht den heissen Atem der Maschine über-
all, immer das nervenzerreibende Tempo der Grosstadt? Bei der
Arbeit wie beim Vergnügen? Brüllt uns aus der Jazzband nicht die
Maschine entgegen? Sind Revuegirls nicht zu Maschinen gewor-
den? Haben wir zu all dem nichts zu sagen? Brennt uns das nicht
auf der Seele? Wird nur eine Grete Machan vom Leben getötet?
Zerbrechen in dieser Hölle nicht täglich hundert und hundert?
Und hat da der katholische Film nichts zu zeigen? Not und
Elend und Genussucht und wüsten Taumel — und das bittere Nach-
her, das der Film sonst immer verschweigt. Wo ist der katho-
lische Film, der uns die Grosstadt zeigt, wie sie ist? Der nichts
verschweigt. Der die Näherin zeigt, die Modistin, die Putzmacherin,
mit 20 Schilling Wochenlohn, die davon sich erhalten, kleiden, näh-
ren soll, die sich erholen will, vergnügen will, doppelt und drei-
fach, nur um den grauen Alltag für Stunden zu vergessen. Wenn
sie der Prostitution anheimfällt, wer wundert sich? Wer wirft den
ersten Stein? Wo ist der katholische Film, der uns dies zeigt, der
"uns auf die Polizei, in die Spitäler führt, nach Klosterneuburg, der
die Caritas socialis zeigt, wieviel sie tut — und wie wenig es ist
bei der Unsumme von Not! Wo ist der Film, der das alles zeigt,
und immer wieder dazwischen ruft: Du, derduimKinosit-
zest, hilf! Du, der es besser hat als diese, hilf! Du, der du
leichte Worte der Verdammung findest, denk nach: muss das
so sein?! —
Wo ist der Film, der uns durch die Wohnungen der Stadt führt?
Durch das „traute Heim“, wie es für Tausende aussieht? Durch die
Parks und Gärten, vom Kursalon im Stadtpark bis zum ‚„Beserl-
park“ der Vorstadt, durch die Restaurants, vom Sacher bis zur Vor-
stadtkneipe, durch die Vergnügungsstätten, von der Tanzbar bis
zur Praterspelunke? Wo ist der katholische Film über Dämon
140
>
or
Alkohol? Wo ist der kat
Der Film, der nicht predigt, sondern die Tatsachen zeigt, wie sie
‚sind und wie sie von gläubigen Menschen gesehen werden. Der
holüsche Film über die Grosstadt?
u
Film, der nicht hetzt, aber aufrüttelt, der unruhig macht, der Film,
- den man nicht wieder vergisst, der Film, dessen Bilder einen ver-
- folgen der aus satter Ruhe aufschreckt, der Film, der immer wieder
= mahnt: Unddu...?
schen, die Hand anlegen?
Liegen hier nicht Aufgaben? Liegt hier nicht Brachland, das
nur der Saat harrt, um reiche Ernte zu bringen? Wo sind die Men-
„Neuland“, 7. Aug. 1927.
2. Gegen den Kapitalismus.
In der Umwälzung des vorigen Jahrhunderts wurden die alten
Genossenschaften der arbeitenden Klassen zerstört, keine neuen
Einrichtungen traten zum Ersatz ein, das Staatswesen entkleidete
sich zudem mehr und mehr der christlichen Sitte und Anschauung,
und so geschah es, dass Handwerk und Arbeit allmählich der Herz-
losigkeit reicher Besitzer und der ungezügelten Habgier der Kon-
kurrenz isoliert und schutzlos überantwortet wurden.
Aus der Enzyklika Rerum Novarum von Leo XI.
— Es ist eine Folge der Umgestaltung der bürgerlichen Verhält-
_ nisse, dass die Bevölkerung der Städte sich in zwei Klassen ge-
schieden sieht, die eine ungeheure Kluft voneinander trennt. Aus
der einen Seite die Uebermacht des Kapitals, welches Industrie und
Markt völlig beherrscht, und weil es Träger aller Unternehmungen,
Nerv aller öffentlichen Tätigkeit ist, nicht bloss seinen Besitzer
pekuniär immer mehr bereichert, sondern auch denselben in staat-
lichen Dingen zu einer einflussreichen Beteiligung beruit. Auf der
anderen Seite jene Menge, die der Güter dieses Lebens entbehren
muss und die mit Erbitterung erfüllt und zu Unruhe geneigt ist.
Kettelep:7Ara O0:
Die Gottlosigkeit des Kapitals, das den Arbeiter als Arbeits-
kraft und Maschine bis zur Zerstörung ausnützt, muss gebrochen
werden. Sie ist ein Verbrechen anı Arbeiterstande und eine Ent-
würdigung desselben. Ketteler: A.a.O.
Auf der Seite Christi sind die Weltanschauung des Kapitalismus
und seine Folgen unmöglich, und wenn sie doch auftreten, so be-
deutet das schon einen Abfall von Christus.
Abt Ildefons Herwegen von Maria Laach.
Wir sehen den Menschen verflochten mit der Ware, ihn ihr aus-
geliefert, eingeflochten in den Produktionsprozess... So werden
die Menschen zu Materialien, der Besitz überhaupt als unantastbar
erklärt, während doch dem christlichen Besitzgedanken als Wesens-
kern der Verwaltungsgedanke, der Gedanke der Rechenschaftspflicht
innewohnt.
141
i N s “ i
Die Wirtschaft von heute kennt nicht diese Würde des Arbei-
ters. Id Häresie zerstörte sie. Darum fühlt sich die Arbeiterseele
vt, würdelos, berufslos. Beruf ist Verbindung mit dem Werk,
rindine mit etwas Grösserem. Dieser Verbindung ermangeln
die Arbeiter durch die Schuld des Nurkapitalismus, und siebzig
Millionen Deutsche sind den Klauen der Wirtschaftshäresie verfal-
len. Erst in dem Moment, da sich die Wirtschaftsgesinnung an-
dert, da sie den Schöpfergeist Gottes in der Ware sieht, in dem Ar-
beiter den Mitvollstrecker eines ewigen Gottesplanes erkennt, wird
die Menschheit erlöst von dieser Sklaverei, wird auch der Arbeiter
nicht mehr isoliert sein, sondern verbunden mit seinem Werk und
der Menschheit. Friedrich Dessauer.
(Fortsetzung und Schluss folgen.)
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= Rundschau ©
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Monatsschau.
1. Weltpolitisches.
Neue Ereignisse von grösserer Bedeutung sind seit der Abfassung der
letzten Monatsschau nicht auf den Plan getreten. Die damals im Vordergrund
stehenden haben diese Stellung behauptet, vor allem die römischen Vor-
gänge. An dem Urteil, das ich über deren Bedeutung vor einem Monat ge-
fällt, weiss ich nichts zu ändern: die Haltung des Papsttums, die sich bei
diesem Anlass kund getan hat, bleibt für mein Empfinden ein welthistorischer
Fehltritt schlimmster Art. Das gilt vor allem von dem Bündnis mit dem Fa-
schismus. Dass es sich um ein solches handelt, ist, seit ich die letzte Monats-
schau schrieb, vollends klar geworden. Denn das Papsttum hat sich als Ent-
schädigung für das, was es verloren geben musste (und mit Freuden und
unter grossen Gewinn hätte verloren geben sollen) ein sogenanntes Konkor-
dat mit Italien gesichert, das nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als eine
völlige Klerikalisierung Italiens, soweit eine solche durch äussere Massregeln
bewirkt werden kann. Wenn man nun schon Ursache hat, einen solchen rein
machtpolitischen und kirchendiplomatischen Erfolg sehr gering einzuschätzen,
ihn im Grunde als schwere Niederlage zu betrachten, so kommt noch dazu,
dass das Papsttum damit für die nächste Geschichtsperiode sein Schicksal mit
dem des Faschismus verbunden hat. Was das bedeutet, habe ich das letzte Mal
besonders durch die Tatsache beleuchtet, dass der Faschismus ein Regime des
politischen Meuchelmordes sei. Es geschah dies in der Erinnerung an einige
dunkelste Blätter der Geschichte des Papsttums. Nun ist aber noch das mehr
Grundsätzliche hinzuzufügen, dass der Faschismus eine Denkweise verkör-
pert, die gerade das genaue Gegenteil dessen ist, was je und je das grosse
geschichtliche Recht des Katholizismus bildete. Der Faschismus ist eine Ver-
götzung des Staates, wie die Welt sie seit den Tagen des antiken Zäsaren-
wahnsinnes nie mehr gesehen hatte.‘) Im Kampf dagegen bis aufs Messer hätte
. ..,) Dass der Faschismus seiner Idee nach de i
antiken Sinn eigentlich aulhebt, widerspricht diesem ne a
götzung nur scheinbar. Denn zum mindesten im italienischen Faschismus
kommt dessen Idee sehr wenig rein zum Vorschein und spielen Macchiavelli
und der (freilich karikierte) Geist des Imperium Romanum stark mit
142
a
das ihr todfein > Prir
he — sich verbündet, dann
für sie schlimmen Abfall von sich selbst, ja sogar schweren Ver-
bst. Zur Vergötzung des Staates gesellt sich im Faschismus
urch nicht besser wird, dass er sich vorläufig in Worten er-
sie freilich so wild und gottlos meines Wissens — abgesehen
en „christlichen“ Kriegspfaffen — auch nie gehört worden sind. Es
ı ich nicht irre, ausgerechnet ein Papst — ich glaube, es war der
nger ‘des jetzigen — den modernen Nationalismus als eine schlimme
ie (Ketzerei) bezeichnet und das Bestie, was die Päpste in diesen letzten
ten geleistet haben, was ihnen auch neues Ansehen verschafft hat, war ihr
ıftreten gegen den Krieg. Nun verknüpft sich das Papsttum ausgerechnet
' mit dieser Häresie des modernen Nationalismus und stellt sich Seite an Seite
= der gottlosesten Verherrlichung der Gewalt, die die Welt gesehen. Kann
>s eine schlimmere moralische Kapitulation geben?
Aber es gesellt sich dazu eine noch weitergreifende Betrachtung. Die Zu-
kunft der römischen Kirche hing davon ab (man muss jetzt wohl in Form der
Vergangenheit reden), wie sie sich zu den grossen Bewegungen der heutigen
Welt stellte, die sich an das gesellschaftliche Problem anschliessen: zu Demo-
kratie, Sozialismus, Pazifismus, zur ganzen Freiheitsbewegung der jetzigen
und der kommenden Welt. Hätte sie sich dazu bejahend verhalten, so wäre
das unter Umständen ein ungeheurer geistiger Machtzuwachs für sie gewor-
_ den. Es tauchte da freilich die Gestalt des Grossinquisitors bei Dostojewski
_ auf; aber möglich wäre auch gewesen, dass mit einer solchen Entwicklung
eine geistige Erneuerung des Katholizismus Hand in Hand gegangen
wäre. Die Kirche konnte aber auch den entgegengesetzten Weg wählen: sie
konnte mit einer Entschlossenheit, der man Charakter nicht hätte absprechen
' dürfen, sich mit allen Mächten der Reaktion verbünden und mit deren Hilfe ihr
autoritäres System zu seiner alten Macht und Herrlichkeit aufzurichten suchen.
Sie konnte endlich — und es schien mir wahrscheinlich, dass sie dies tue —
einen Mittelweg einschlagen: die reaktionäre Konjunktur machtpolitisch aus-
nutzen und doch sich für die neuen Bewegungen der Geschichte auf alle Fälle
hin offen halten. Zu beobachten, welchen Weg sie wohl endgültig einschlagen
werde, war eine der interessantesten Aufgaben unserer Zeit. Nun hat sie ge-
wählt: sie will entschlossen mit der Reaktion gehen. Es ist das eine Ueber-
raschung; eine solche Kurzsichtigkeit hätten wir Rom nicht zugetraut. Aber
es ist offenbar die Kurzsichtigkeit des Machtwillens und Machtdenkens, die
auch das geistliche Rom wie eine selbstverständliche Atmosphäre umgibt. Es
ist meine feste Ueberzeugung, dass nun, mögen auch noch eine zeitlang ähn-
liche „Erfolge“ kommen, ein Niedergang der römischen Kirche beginnt, der
unter Umständen zur Katastrophe werden könnte. So bin ich denn auch
sicher, weiss es auch zum Teil schon, dass ihre besten Söhne ob dieser Wen-
dung in tiefer Trauer sind.
Gegenüber diesem weittragenden Ereignis ist sogar die Reparations-
konferenz in Paris von untergeordneter Bedeutung. An sich ist diese Be-
deutung freilich gross. Ich habe das letzte Mal mehr den Zug an ihr hervor-
gehoben, der unsympathisch, ja furchtbar ist: die offenkundige Herrschaft des
schweren Geldsackes und seiner Eigner über die Welt. Diese Sache hat frei-
lich, wie ich schon manchmal hervorgehoben, auch eine andere, erireulichere
Seite: sie zeigt der Welt sehr handgreiflich ihre Solidarität — noch ganz
abgesehen davon, dass die Notwendigkeit einer „Reparation“ des Krieges
143
der Nation und selbstverständlich ein blutrünstiger Militaris-
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N ° " Neı 1t . d ein Friedensfaktor ersten Ranges ist. Nı
etwas Neues unter der Sonne und ein 3a und Shyloklk I
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darf es selbstverständlich so wenig bei, dieser Banquier- loklı
der Reparationsirage bleiben, als es beim Dawesplan bleiben ee 12
neue Wendungen A Geschichte müssen und werden uns auch von dieser
Herrschaft des Dollars über die Welt befreien, die in den ersten Aeusserun
gen des neuen Präsidenten Hoover ihre ganze ‚Kälte und Härte zu zeigen
scheint!) Was im übrigen in Paris vorgeht, wissen Wenige genau. Es ist
selbstverständlich, dass noch allerlei weltpolitische Spekulationen damit ver
bunden werden. So meint man, die Schwere der deutschen Reparationslast
werde davon abhängig gemacht werden, ob Deutschland sich entscheide, der
„westlichen“ Partei zuzufallen, deren Front gegen Russland gerichtet sei oder
ob es das nicht tue. Es mag wohl sein, dass dergleichen in Paris auch eine
Rolle spielt, nur glaube ich, dieser Gegensatz Ost-West oder Russland-
England spiele bei weitem nicht mehr die Rolle, die viele, besonders in
Deutschland, ihr zuschreiben. Da hat sich wohl manches geändert. Ein Welt-
bewerb um die industrielle Ausbeutung Russlands scheint mir beinahe wahr-
scheinlicher als ein Krieg gegen es.
Dies umsomehr, als die russische Krisis sehr rasch fortzuschreiten
scheint. Besonders in ihrer wirtschaftlichen, und hier wieder ihrer agrari-
schen Form muss sie nach dem Urteil von Kennern noch schwerer sein, als
man im allgemeinen weiss. Aber auch in der politischen Form scheint sie sich ©
zuzuspitzen, um von der mehr geistigen Form, die sich erst leise ankündigt, ©
zu schweigen. Trotzkys Schicksal und Tun ist wohl eines jener symboli- 7
schen Zeichen der Lage, wie sie in solchen Fällen gern auftreten. Dass der 7
besondere Kelloggpakt Russlands mit Polen, Rumänien, Estland und Lettland 7
zustande gekommen ist, und Russland ihn so sehr begehrt hat, ist ein neues 7
|
Zeichen dafür, wie wenig Russland jetzt und in absehbarer Zeit Krieg will.
Es ist aber wohl auch nicht zu fürchten, dass die Westmächte mit ihren öst-
lichen Verbündeten zusammen diese offenkundige Schwäche Russlands zu
einem vernichtenden Schlag benützen werden. Dafür gibt es sehr viele starke 7
Hemmungen.
Ein wenig erfreuliches Licht auf die Lage hat dagegen die Dokumen-
tenfälschung geworlien, mit denen ein deutschireundliches holländisches
Blatt für einige Wochen die Welt vergaste. Man konnte da plötzlich mitten
in die grosse Lügenküche hineinsehen, in der allüberall Krieg gebraut wird.
Ganz besonders peinlich war es, zu beobachten, wie sofort, ohne dass man
auch nur einen Augenblick abgewartet hätte, ob diese „Dokumente“ echt
seien oder nicht, in den „kriegführenden“ und „neutralen“ Ländern ein wildes
Lärmen einsetzte, das sogar — so willkommen war der Anlass — nicht ein-
mal verstummte, als die Fälschung offenkundig war. Eines konnte man bei
diesem Anlass wieder besonders deutlich sehen: dass wir die Atmosphäre
des Friedens nicht bekommen können, solange wir die heutige Presse und die
Generalstäbe und Militärs haben. Denn belgische Militärs waren zwar nicht
an jener vorgegebenen Beratung, aber seltsamerweise an der Fälschung be-
teiligt — natürlich nicht im Interesse des Friedens. j
In der letzten Sitzung des Völkerbundsrates kam di i
4 I l e Frage der Minder-
heiten zur Verhandlung. Es ‚zeigte sich, dass für ihre Bean = dieses
Kreise nur sehr wenig, Verständnis vorhanden ist. Hier wünscht man im
u a en a ne Minderheiten an ihre jeweiligen Mehr-
\ s, was nicht geschehen wird. Es ist im j i
Frage doch in diesem Gremium verhandeit werden ee
en b ”
Eee ee EEE Wr #N]
A ;
) Auch in Hoovers Aufsatz: „Der amerikanische Individualismus“, den
die „United Press“ verbreitet, tritt ein Geis
Van x b) t üti
gerechtigkeit hervor, ob dem einem öl das He ee
144
sr
sicht. zu: sein, dass en San
nalen Gerichtshof des Völkerbundes beitreten.
u sehr grosser Tragweite. Es käme fast dem Ein-
“gleich. Gerade darum müssen die Amerikaner gegen
als ob er mit Pestbeulen behaftet wäre. Aber sie haben
und hochmütigen Bedingungen, die mit Recht zurück-
en, auf eine einzige reduziert. Es scheint, ‚dass man diese
en ind man wird gut daran tun. Denn man muss in solchen Fäl-
j ene Brücken bauen.
Noch etwas Gutes kommt aus Amerika: ein Streit, der seit langer Zeit
ınd Peru trennte, der um die an. Bodenschätzen reichen Länder T acna
Arica, ist nun "friedlich beigelegt durch Zuteilung der zwei Länder
je einen "der ‚genannten Staaten. Ein erfreuliches Zeichen ist das doch.
er wird es durch den neu ausgebrochenen Bürgerkrieg in Mexiko in
einem Wert etwas vermindert. Auch in China bricht diese Flamme wieder
hervor. Aber man darf hoffen, dass sie in beiden Fällen nicht einen neuen
‚grossen Brand, sondern bloss das Nachzucken des alten bedeute.
2. Die Friedensbewegung .
im engern weist diesmal auch nicht sehr viel Bemerkenswertes auf. Einiges
ist auch unerfreulich. So eine gewisse Spaltung der deutschen Frie-
densbewegung, deren „linker Flügel“, vertreten besonders durch die
‚Zeitschrift: „Das andere Deutschland“, nun die Führung übernommen hat.
nerfreulich ist daran, dass es überhaupt zu solchen Spaltungen kommt. Im
"übrigen kann man sich ja nur darüber freuen, dass ein Mann wie General von
'Schöneich (den alle Militaristen nach Möglichkeit verdächtigen und anschwär-
zen — ohne Erfolg, seine Lauterkeit ist unantastbar) an der Spitze der
"grössten deutschen Friedensorganisation steht. Noch bedauerlicher — im an-
‚gedeuteten Sinn —- ist der Konilikt, infolge dessen Förster mit der
„Menschheit“ gebrochen hat. Es wird der „Menschheit“ schwer fallen,
diesen Schlag zu überstehen. Alle diese Streitigkeiten innerhalb der Friedens-
‚bewegung — es gibt deren noch viel. mehr, sie iehlen fast nirgends — zeigen,
wie der Geist, aus dem Völkerkrieg entsteht, auch in den Reihen der ihn be-
kämpfenden Menschen und Organisationen lebt. Es wäre ganz verkehrt, dar-
aus den Schluss zu ziehen, als sei gegen den Krieg nichts zu machen, wohl
aber muss man den daraus ziehen, dass die ganze Friedensarbeit und Friedens-
bewegung noch gar sehr der Läuterung und Vertiefung bedarf.t)
In der Schweiz geht der Kampi zwischen Militarismus und Antimili-
‚tarismus mit ungebrochener Heitigkeit weiter. Als im Grossen Rat des Aar-
gaus bei der Beratung eines neuen Unterrichtsgesetzes das Obligatorium des
militärischen Vorunterrichtes der Jugend höherer Schulen wieder beschlossen
') Da Försters Bruch mit der „Menschheit“ an einem in der „Mensch-
heit“ ohne sein Wissen veröffentlichten, gegen die katholische Zentrumspartei
gerichteten, antiklerikalen Artikel (von sicher verkehrter Art) anknüpite, der in
der katholischen Presse grossen Zorn erregte, so konnte der Eindruck ent-
stehen, dass Förster für römisch- katholische Ungnade in einem Masse emp-
findlich sei, das Protestanten und andere mit seiner Berufung nicht verträg-
lich fänden, so möchte ich auf Grund genauerer Kenntnis der Vorgänge mit-
teilen, dass dieser Eindruck falsch wäre, dass der Konilikt zwischen För-
ster und Röttcher andere Ursachen hatte und jener Anlass wirklich nur An-
lass war.
145
werden sollte, verliess die gesamte sozialdemokratische Fraktion den Saal, den
Rat damit beschlussunfähig und das neue Unterrichtsgesetz unmöglich ma-
chend. Bravo! Versammlungen in Schaffhausen und im Kanton Zürich
(in Pfäffikon), wie früher in Chur über das Militärproblem bewiesen,
wie sehr dieses das Volk erregt! Vielleicht ein andermal mehr davon.) |
Ein wenig ein Erfolg des antimilitaristischen Kampfes ist wohl auch, dass.
der Nationalrat die Wiedereinführung der sogenannten p4 dagogischen
Rekrutenprüfungen abgelehnt hat. Diese wurden einst eingeführt, um
die Volksbildung zu heben, weil man erwartete, dass die Kantone sich Mühe
geben würden, gute Ergebnisse dieser Prüfungen aufzuweisen. Sie erstreckten
sich auf die meisten Fächer, die die Volksschule lehrt, besonders Rechnen,
Schreiben, Geographie und Geschichte und erwiesen sich als eine äusserst
oberilächliche und pädagogisch minderwertige Einrichtung. Wenn sie nun
wieder eingeführt werden sollten, so wollte man damit ohne Zweiiel die
Wiedererstarkung unseres Militarismus markieren. Da ist es nun wirklich
eine Ueberraschung, dass der Nationalrat mit rund hundert gegen rund vier-
zig Stimmen diese „Neuerung“ abgelehnt und damit einmal dem Bundesrat
ein kräftiges Nein entgegengesetzt hat. Wenn auch rein föderalistische Er-
wägungen dabei mitgespielt haben mögen, so ist es doch ein kleines Zeichen
der veränderten Lage.
Die Dienstverweigerung geht weiter. Am 27. Februar 1929 standen vor dem
Divisionsgericht 2a in Freiburg: Willy Otter, Schiffsmann in Marin
(Neuenburg), der zum vierten Mal den Wiederholungskurs verweigert hat. 7
Er wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt und für fünf Jahre in den
Bürgerrechten eingestellt. Otter hat schon für die drei frühern Weigerungen
135 Tage im Gefängnis verbracht. Auch diesmal ist er nicht aus der Armee
ausgestossen worden — und
Jean Beguin, Uhrmacher in St.Imier; er wird zum ersten Mal ver-
urteilt wegen Nichteinrückens in die Rekrutenschule. Urteil: zwei Monate
Gefängnis und zwei Jahre Ehrverlust.
Bernhard Peier, Kaufmann in Bern, wurde am 31. Oktober 1928
vom Divisionsgericht V in Zürich verurteilt. Er weigerte sich das zweite
Mal, die Rekrutenschule zu absolvieren und wurde dafür mit zwei Monaten
Gefängnis und Einstellung im Aktivbürgerrecht für zwei Jahre bestraft. Die °
sanitarische Untersuchungskommission erklärte ihn zudem als „dienstuntaug-
lich“. Infolge dieser Dienstverweigerung hat Peier seine Arbeitsstelle ver-
loren. Wer weiss eine neue für ihn?
Hans Anderfuhren wurde am 14. März 1929 vor das zürcherische
Obergericht zitiert. Letztes Jahr war er vom Bezirksgericht Zürich wegen
Nichtbezahlung der Militärsteuer zu drei Tagen Gefängnis verurteilt worden.
Gegen dieses „zu milde“ Urteil legte der Staatsanwalt Appelation ein. Das °
Obergericht bestätigte aber das erstinstanzliche Urteil. Die Verhandlungen
wurden mit grossem Ernst geführt. Anderfuhren begründete seine Weigerung
aus seiner sozialistischen Gesinnung heraus ü
1St1S ‚als Konsequenz der A s-
parole der Arbeiterinternationale. =
*) Vorläufig nur dies: die Militaristen von der Pfäffiko
lung, wo über „Christentum, Krieg und Abrüstung“ Be ur or
kundig sieglos, lassen hintenher, nach dem gewohnten Stil, ihre Wut dar-
über in den ihnen zur Verfügung stehenden Lokalblättchen aus Sie tun es
wieder nach dem gewohnten Stil, in Ermangelung sachlicher Gründe, indem
en a jener Versammlung, mit gemeinster per-
Onlicher Verleumdung überschütten. Eine offenbar geistliche od i
lich inspirierte Feder tut sich darin besonders h Deore
ln ir ie | TS hervor. Begreiflich: zwei Pfar-
Siegen a die traurigste Rolle gespielt. Man
146
EA
Ueber den Fall Bietenholz soll besonders geredet werden.
- Es. sei hier. auch berichtet, dass es neben den Nazarenern in Jugoslavien
“auch eine religiös begründete Dienstverweigerung grossen Stils in
Polen gibt, und zwar seit Jahren. Hier geht sie aus von den besonders seit
dem Kriege im russischen Polen wie im alten Russland mächtig empor-
- gewachsenen urchristlich gearteten Gemeinden der „Evängeliumschristen“, )
_ Auch gegenwärtig sind 80 von ihnen in polnischen Gefängnissen. =
- 3. Schweizerisches. Fr
, Die Schweiz hat in diesen Wochen vor allem zwei Ereignisse gesehen,
die eine grössere Bedeutung besitzen.
Da ist einmal die sehr starke Annahme der Getreide-Vorlage, die
das vor einem Jahre verworfene Monopol ersetzen sollte, durch die Abstim-
mung vom 3. März. Sie bedeutet eine recht schwere Niederlage für den
_ schweizerischen Sozialismus. Vor allem darum, weil es gelungen ist, das ge-
lockerte Bündnis zwischen den Bauern und den bürgerlichen Parteien wieder
_ zu festigen, sodann auch, weil die Abstimmung einen Sieg der Privatwirt-
schaft darstellt. Der Jubel im siegreichen Lager ist gross. Einer dieser
Tintenzwerge phantasiert sogar von „einem Datum ersten Ranges in der
Weltgeschichte“, während andere sich damit begnügen, dem Schweizervolk
- ein Zeugnis demokratischer Reife auszustellen — wie mans immer macht, wenn
dieses Volk getan hat, was man wünschte, In Wirklichkeit verdankt das Ge-
- setz seine starke Annahme wohl einigen der schlimmen und wenig von „Reiie“
irgendwelcher Art zeugenden Eigenschaften unseres Volkes. Das Gesetz ist
nach allen Regein der Kunst des Kompromisses zusammengeflickt. Damit hatte
es schon das Herz der vielen Schweizer gewonnen, die jörmlich von einem
Schwindel ergriffen werden, wenn in Menschen oder Sachen etwas wie Grund-
sätzlichkeit auftaucht. Dann spekulierte es in allerlei Formen auf den Erwerbs-
geist, die Erwerbsgier und die Erwerbsangst des Schweizers, dazu an seinen
„Individualismus“ und an seine Gedankenlosigkeit — und so gings glänzend.
Der Führer dieses ganzen bürgerlichen Getreidefeldzuges, wie der letzten
Wahlen zur Bundesversammlung, ist Bundesrat Musy. Freiburg regiert jetzt
die Schweiz. (Leider nur da nicht, wo es recht hat, wie in der Spielbanken-
sache!) Das ist das Unerfreulichste an der Sache. Und es muss schon sehr
dunkel sein im Schweizerland, wenn der Stern Musy über ihm strahlt. Was
aber die nun wieder stark gestörte Freundschaft zwischen Bauer und Ar-
beiter (es ist zwar ein zu schönes Wort für diese Anfänge eines bessern Ver-
hältnisses), so gilt es, ganz ruhig auf jener Bahn weiterzugehen, die auch wir
seit Jahrzehnten zu zeigen versucht haben. Der Erfolg Musys ist Konjunktur
des Tages, das Zusammenkommen von Bauer und Arbeiter liegt auf der festen
Linie notwendiger Entwicklungen, und das beste Mittel zu seiner rascheren
Herbeiführung ist ein rechter: Sozialismus.
Erfreulicher war das zweite Ereignis: die Verhandlung und Abstimmung
im Nationalrat über die Abtreibung. Entgegen dem, was man erwarten
durfte, bewegte sich die Diskussion auf einer ungewöhnlichen Höhe. Und sie
zeitigte ein doch recht überraschendes Ergebnis: die einmütige Ablehnung
der Abtreibung und ihrer Straflosigkeit durch die Sozialdemokraten so gut
wie durch alle bürgerlichen Parteien. Dass die Katholiken dabei noch weiter
gingen als die Protestanten, gereicht ihnen auf alle Fälle zur Ehre. In solchen
Dingen hütet die katholische Kirche heilige Wahrheit. Freilich kann man
nicht sagen, dass das Ergebnis: die Straflosigkeit der Abtreibung ausschliess-
lich für den Fall, dass ein doppeltes ärztliches Gutachten Lebensgefahr für die
Mutter feststellt, etwas sei, woran christliches Empfinden Aergernis nehmen
müsste. Sogar gegenüber dem sozialdemokratischen Antrag, diese Straflosig-
keit auf Fälle von Geisteskrankheit und Notzucht auszudehnen, dürfte ein
147
Aergernis kaum berechtigt sein) Was uns in all den Jahren zu schwerem
Aegernis gereichte, war etwas, was man geradezu als Verherrlichung der
Abtreibung empfinden musste, ausgehend von dem sozialistischen Libertinis-
mus männlicher und weiblicher Schmutzfinken, denen der Sozialismus vor
allem als Erlaubnis für Zügellosigkeit (und daneben für Karrieremachen)
recht ist und der unserer Sache ganz unvergleichlich mehr geschadet hat und
schadet als alle Musy und Laur zusammen und noch viel stärkere Mächte als
sie, Dieser Geist wurde bezeichnenderweise in den gleichen Kreisen und
Organen vertreten, die daneben in Freigeisterei machen. Es ist hocherfreulich
und ein gutes Zeichen, dass man davon in den Reden der sozialdemokratischen
Nationalräte nichts spürte. In der Tat: Abtreibung ist eine Sünde vor allem
gegen die Grundlage des Sozialismus, die auch in der Heiligkeit des Men-
schenlebens besteht. Wenn der Sozialismus sie propagiert, so zerstört er sich
selbst in seinen Wurzeln. Die Nöte, aus denen sie hin und wieder — keines-
wegs in der Mehrzahl der Fälle — entspringt, müssen mit andern Mitteln
. bekämpft werden. Und es hat auch wenig Sinn, sich dagegen aufzuregen,
dass die Strafen die Proletarierinnen so viel schärfer trefien als die bürger-
lichen Frauen; denn wenn die Abtreibung ein schweres Uebel ist, so ist
Strafe doch eher eine Bewahrung davor, und also eine Bewahrung des Prole-
tariates, ein Schutz seiner physischen und geistigen Lebenskraft, wobei für
mich freilich selbstverständlich ist, dass diese Strafe Rücksicht auf die Lage
des Fehlenden nehmen soll und ich mir das ganze Problem der Strafe und
des Strafrechtes offen halte.
Erfreulich ist in der sonst so unerquicklichen Angelegenheit Salvemini
die Haltung der Tessiner. Der tessinische Grosse Rat hat sowohl dem kan-
tonalen Erziehungsdirektor als auch Francesco Chiesa entschieden und kräi-
tig seine Missbilligung bezeugt und die Gesellschaft „Romeo Manzoni“ be-
schlossen, Salvemini um einen Vortrag im Tessin zu bitten. Wie wohltätig
sticht diese Haltung ab gegen jenen jeigen Servilismus der übrigen Schweiz
und vor allem ihrer obersten Behörden, der sich vor jeder fremden Anmassung
beugt und dann so hinten herum ein wenig mit dem Säbel hantiert und von
einem militärischen Schutz unserer Unabhängigkeit spricht, die man auf jede
andere Weise verrät. Der Tessin ist halt der Wiege seiner Freiheit noch
näher als wir andern „Müdlinge“. — Inzwischen hat freilich die Angelegenheit
des Kommunisten Hofmaier aus Basel, der in Italien eine allerdings recht
fragwürdige konspiratorische Tätigkeit entfaltete und dafür zu 15 Jahren
Zuchthaus verurteilt wurde und dann das bundesrätliche Verbot einer eben-
falls fragwürdigen, aber im Rahmen einer wirklichen freien Demokratie ge-
setzlich unanfechtbaren kommunistischen Demonstration ge-
genden Faschismus in Basel (wie vorher im Tessin, wo dieses Vor-
gehen des Bundesrates aber .begreiflicher war) der Geschichte des faschisti-
schen Terrors und der schweizerischen Angstmeierei ein neues Blatt hin-
zugefügt.
. Gerne teile ich mit, dass nach Erklärungen, die mir zugegangen sind,
die Schweiz zwar ein Zentrum des internationalen Handels und Schmug-
gels mit Rauschgiften bleibt, dieses edle Geschäft aber vorwiegend nicht
von Schweizern getrieben wird und die schweizerischen Behörden weniger
nachsichtig sind, als wir anzunehmen alle Ursache hatten — man denke nur
an die Geschichte der Opiumkonvention in der Schweiz. Ganz besonders ist
es jedenfalls Professor Zangger in Zürich, der mit all seiner grossen
Sachkenntnis, dazu seiner Energie und Humanität diese Dinge verfolgt und
*) Damit ist natürlich nicht gesagt, dass ich diesem Antrag zustimme. Das
Problem ist sehr schwierig. Die Hauptirage ist, ob und wie weit man eine
Bresche in den W all darf schlagen lassen, der die Grundlage aller mensch-
lichen Kultur, die Heiligkeit des Menschenlebens, schützt.
148
es. Shaialest
ntag ist auf der letzten Arbeitskonferenz des Internationalen
\rb eaus abgeschlagen worden. Das ist eine gute Sache; sie wird das
ehen des Völkerbundes bei der Arbeiterschaft erhöhen. REN
_ Furchtbares wird uns fortwährend aus China gemeldet. Ich gebe eine
Zusammenfassung aus einem in der „Christlichen Welt“ (Nr. 5) erschienenen
- Bericht des bekannten Missionars Witte wieder: N ae
Das Hungersterben in China. 12 bis 20 Millionen
Menschendem Tod veriallen? Schon seit alten Zeiten sind schwere
° Hungersnöte in China eine immer wieder neu auftretende Volksgeissel. Die
$ letzte ‚ganz grosse Not war im Jahre 1878. Damals starben, nach zuver-
E lässigen Berichten, mehr als 8 Millionen Menschen den Hun-
gertod. Jetzt, in diesem Winter 1928/29, herrscht in China eine solche
. Hungersnot, wie sie die Geschichte Chinas wohl noch kaum gesehen hat. In
neun Provinzen sind im vorigen Sommer und Herbst die Ernten so gut wie
ausgefallen. Der Boden war infolge langer Dürre so trocken, dass auch nicht
- daran gedacht werden konnte, im Herbst neue Saat auszusäen. Die am mei- _
sten betroffenen sind die Provinzen Schantung, Schansi, Schensi, Kansu,
Kwangsi, Tschekiang, Honan, Hunan und Kiangsi. Die Zahl der Men-
schen, diewahrscheinlich dem Hungertod verfallen sind,
ohne dass es gelingt, ihr Leben zu retten, wird von dem internationalen Hilis-
-— ausschuss zur Bekämpfung der Hungersnot auf 12 bis Millionen ge
schätzt. Dieser Hilisausschuss meldet unter anderem aus der Provinz
Kwangsi:
„Ueberall sieht man die Hungernden. Neun von zehn Häusern sind ver-
- lassen. Viele leben von Baumrinde und Blättern. Die Säuglinge werden ge-
tötet und die Kinder verkauft.“
= Aus der Provinz Schansi sind vom 1. Oktober bis 31. Dezember 1928
mindestens 17,000 verkaufte Frauen und Mädchen abtransportiert worden,
- deren ferneres Los vielleicht noch schlechter ist als das Verhungern.
Mitten im Hungerstandsgebiet der Provinz Schantung wirkt ein deutscher
_ »Missionsarzt, Dr. med. Haensel, im Dienst der Ostasien-Mission. Dr. Haensel
schildert in erschütternden Berichten das namenlose Elend und fürchterliche
Sterben der Massen in Schantung. Ueberall liegen die Leichen
; verhungerter Menschen und Kinder herum, an denen die
Hunde nagen. So furchtbar sieht es aber nicht nur in der grossen Stadt
_ Tsiningchow aus, in der Dr. Haensel arbeitet, sondern in der ganzen Provinz
s - Schantung. Der Internationale Hilfsausschuss schreibt über die Zustände in
Schantung: „Trotz allem, was zur Abhilfe geschieht, ist die Not furchtbar,
nicht nur in Schantung, in Tchili, sondern auch in anderen Provinzen. Viele,
viele Familien haben keine Winterkleidung und keine Betten, und verfallen
den Krankheiten und dem Tode. In manchen Gegenden haben die Soldaten
I Typhus, Cholera und Rückfallfieber eingeschleppt. Bis zur Frühlings-
— und Sommerernteist keine Aussicht auch nur auf Besse-
rung“
In England und Amerika wird viel gegeben zur Linderung dieser ent-
setzlichen Hungersnot. Wäre es aber nicht dringende Aufgabe des Völker-
bundes, sofort eine grosszügige,: wirksame Hilfsaktion einzuleiten? Die
12 bis 20 Millionen Chinesen, die vom Hungertod bedroht sind, können
- gerettet werden!
149
'
-
‚der konservativen en glischen Regi erun g auf den
Wer dabei mithelfen will der‘sende seinen Beitrag an die „Ostasien- _
Mission“ Berlin W 57, Pallasstrasse 8/9. (Postcheckkonto Berlin 6457.)
Auch die Redaktion ist bereit, Beiträge zu vermitteln.
6. Kirchliches.
Ei: Die Kirchen scheinen sich in Mitteleuropa immer mehr reaktionär zu ver-
En; härten, um damit für das Gericht reif zu werden. Nach den Vorgängen in
N
Neuköln, über die wir letzthin berichtet, kommen nun die in Gera in Thü-
ringen. Gera ist eine Stadt mit 81,000 Einwohnern, die grösste Industriestadt
Thüringens. Sie hat sieben politisch rechtsstehende Piarrer, keinen einz
von anderer Art. Nun wurden zwei Stellen frei. Statt diese nun zwei Ver-
trauensmännern der Arbeiterschaft einzuräumen, wurde eine dieser Stellen
von vornherein durch die Kirchenbehörde mit einem weitern politisch rechts
stehenden Pfarrer besetzt, weil man nämlich grad einen solchen versorgen
musste! Die zweite gab man der Gemeinde frei, diese aber wählte, trotzdem
sie in Pfarrer Kohlstock einen trefflichen, durchaus gemässigten Vertreter des
„religiösen Sozialismus“ zur Verfügung gehabt hätte, einen „unpolitischen“,
d. h. einen politisch rechtsstehenden. Dieser erklärte, er habe sich mit der
sozialen Frage noch nicht befasst. Dabei sind in Gera 16000 Austritte aus
der Kirche geschehen, in der grossen Mehrheit von sozialistischer Seite. Wen
Gott verderben will, den verblendet er.
7. Kulturelles.
Ueber die pädagogische Arbeit der zionistischen Siedelungen
in Palästina und über diese Siedelungen überhaupt, die zum Bedeutsamsten
gehören, was unsere Zeit aufweist, berichtet das neueste Heit der Zeitschrift:
„Werdendes Zeitalter“. Besonders möchte ich auch auf einen Auf-
satz von unserem Mitarbeiter Dr.Kohn über „Martin Buber und den Zionis-
mus seit dem Weltkriege“ und einen Beitrag von Buber selbst: „Die Frage °
nach Jerusalem“, hinweisen.
Diese ausgezeichnete Zeitschrift, die auf eine edle, tiefe und umfassende
Weise, wie man sie selten findet, eine neue Erziehung als Grundlage einer
neuen Welt — der Welt, die auch wir ersehnen — vertritt, sei bei dieser Ge-
legenheit von Herzen empiohlen.t)
Nun ist also die grosse Kälte vorbei. Wieder einmal wurde diese ihr
entiremdete Welt vor die Macht der Natur gestellt, die auch noch etwas zu
sagen hat. Es stimmt im Besonderen auch zum Nachdenken, wie durch die
gemeinsame Not, die freilich für die wilden Tiere noch schlimmer war als.
„für die Menschen, Mensch und Tier zusammengeführt wurden, insofern als
eine umiassende Fürsorge für die wilden Tiere eintrat. Möchte das ein Zeichen
für weitere Entwicklungen im Sinne einer Umkehr zur Natur sein.
LG
13. März 1929.
Der Fall Bietenholz. Nun ist der Fall Bietenholz „erledigt“. Der Basler
Regierungsrat hat den traurigen Mut gelunden, Bietenholz wegen seinem
Nichterscheinen zur militärischen Inspektion (er war Sanitätssoldat) seines
Amtes zu entsetzen. Alfred Bietenholz ist Amtsvormund für uneheliche Müt-
ter und Kinder und verlassene Frauen und Kinder überhaupt. Er hat dieses
Amtes in jeder Hinsicht vorbildlich gewaltet. Es wird ihm bezeugt, dass er
der beste all dieser Fürsorge-Beamten sei. Nicht genug damit, hat er für sol-
che Mütter und Kinder sein eigenes Haus geöffnet. Er ist mit seiner Familie
von seinem schönen Heim auf dem Lande in eine städtische Wohnkolonie für
kinderreiche Familien gezogen. Dort nimmt er mit seiner Frau Mütter und
Kinder, die er in seiner Arbeit kennen gelernt, auf. Die Mütter können tags-
Racha, Rhön.
‘) Man abonniere bei Frl. Dr. Elisabeth Rotten, Kohlgraben,
150
i unsern Behörden selten genug finden. Das ist in dem Basel geschehen,
las
Den haben diese Menschen offenbar nicht gehört; von einer Stimme
igkeit“, offenbar nichts vernommen.
- schweizerischen Militarismus redet. Was ist denn noch Militarismus, wenn
es nicht das ist, dass man den militärischen Gesichtspunkt jedem andern über-
or net? Und geschieht das in diesem Fall nicht auf die krasseste Weise?
= /en ‘Bietenholz ein Trinker wäre, ja, wenn er selbst ein uneheliches Kind
hätte, nun, dann würde man ja wohl ein Auge zudrücken, aber wenn er er-
er
_ klärt, er sei grundsätzlich gegen Krieg und Kriegsvorbereitung, dann wird
‚ erklärt, er sei nicht würdig, Angestellter des Staates zu sein und Fürsorger
_ unehelicher und verwaister Mütter und Kinder. Das kann einer nur sein,
wenn er grundsätzlich dafür ist, dass bei einem nächsten Weltkrieg zu den
' neun Millionen Kriegswaisen und fünf Millionen Kriegswitwen noch doppelt
_ und dreifach so viel neue kommen. Noch einmal: da soll es in der Schweiz
keinen Militarismus geben!
_ Irgend einen stichhaltigen Grund für diese Behandlung unseres Freundes
gibt es nicht. Er hat die Strafe für seinen, übrigens so unbedeutenden, Ver-
stoss gegen das Militärgesetz verbüsst. Dass diese Strafe entehrend sei,
können nur solche glauben, für welche das Militär zur ganzen Religion und
- Sittliehkeit geworden ist. Das einstimmige Urteil der staatlichen Disziplinar-
kommission beweist, dass irgendwelche gesetzlichen Notwendigkeiten für den
Schritt der Regierung nicht vorliegen. Nein, dieser entspringt einiach dem
Dogma: die Würdigkeit eines Mannes, als Beamter seinem Volke zu dienen,
- beruht auf seiner Zustimmung zum Militär.
Dieses Vorgehen der Basler Regierung ist derart, dass einem das Blut
in den Adern kochen muss, vorausgesetzt man habe noch solches. Wir werden
uns das nicht gefallen lassen. Unsere Antwort auf diesen schnöden Gewalt-
_ akt der Militärklique wird nicht ausbleiben. Freund Bietenholz aber und die
Seinigen werden freilich durch diesen Regierungsakt nicht geschädigt werden
können, Es wird sich ein neues Arbeitsfeld für sie finden und der Segen dieser
"Tat und dieses Leidens wird gross sein.
2: Erklärung zum Fall Bietenholz. An der Jahresversammlung der „Freunde
der Neuen Wege“, die am 17. März in Zürich stattfand, wurde einstimmig die
folgende Resolution gefasst: „Die von hundert Personen besuchte Jahres-
% Min Ki3
versammlung der Vereinigung „Freunde der Neuen Wege“ erhebt den
schärfsten Protest gegen die’ Amtsentsetzung von Alfred Bietenholz durch die
Regierung von Baselstadt. Sie empfindet es als unerhört, dass die Fähigkeit
und Würdigkeit eines Mannes, der Volksgemeinschaft zu dienen, von seiner
_ Stellung zur Militärirage abhängig gemacht werden soll und fordert die
öffentliche Meinung der Schweiz auf, sich gegen solche Militarisierung unseres
ganzen Lebens zu erheben.“
EN 151
ig e—
u R)
De
weil er das Menschentöten
hält. Als ob seine ganze
7 „Und das, a EAN
inarkomn im gegenteiligen Sinne
u im C ı Rate der Widerspruch Sehr stark war.
unehmen, dass Hintergrundsmächte der Regierungsmehrheit den
rkt haben, sodass sie einen Mut fand, den wir in guten Din-
vierundeinhalb Jahre lang der Kanonendonner des Weltkrieges hin
;( ttes darin hat das „iromme“ Basel, wohl gerade infolge seiner „Fröm-
Und da gibt es noch Leute, die sich aufregen, wenn man von einem
”
Par Heimetli Ober-Sommeri (Thurgau).
Im Kinderheim Heimetli Ober-Sommeri (Thurgau) werden nach Ostern
neue Schülerinnen aufgenommen. Die jungen Mädchen werden eingeführt in
Säuglings- und Kinderpflege, Kindergarten, Haushaltung und Gartenbau. Der
praktische Unterricht wird durch theoretische Stunden ergänzt. er
Es liegt uns daran, den Schülerinnen nicht nur Kenntnisse zu vermitteln,
sondern sie in ihrer innern Entwicklung zu fördern durch Besprechungen über
Lebensführung und -Vertiefung, über soziale Fragen usw.
Wir freuen uns, auch jüngere Mädchen von 15 Jahren an aufnehmen zu
können. In diesem Alter, da seelisch alles fliesst, ist eine Zeit der innern Ab-
klärung und Fertigung besonders wertvoll. Oft findet das junge Mädchen dann
gerade in der praktischen Arbeit den Weg zu einer bestimmten Lebensauigabe.
Das Zusammenleben mit den Kindern jeglicher Altersstufe führt ungezwungen.
zu Verantwortlichkeitsgefühl und Selbsterziehung. Prospekte und nähere Aus-
kunft über die Kurse in Gartenbau, Kinderpflege und Haushalt durch die Lei-
terinnen: Anna Schmid und Isa Stähelin.
Personalia. Ein Schweizer von gutem und grossem Schlag ist dahin-
gegangen: Jost Winteler, der einstige Lehrer an der Aarauer Kantons-
schule, der Schöpfer der bedeutenden Dichtung „Tycho Pantander“, der Mann,
der noch in seinem hohen Greisenalter für eine wirklich unabhängige Schweiz
glühte und sich über das: Geschlecht empörte, das sie im Kerne an fremde
Götzenbilder preisgibt und dazu aber von Unabhängigkeit flunkert, wenn es
gilt, unsern, ebenfalls importierten, Militarismus zu verteidigen
Redaktionelle Bemerkungen.
. Ich möchte auf den Aufsatz über „Schwermut — Anfechtung“
mit ganz besonderem Nachdruck hinweisen. Er bedeutet dreierlei: Einmal ”
bringt er uns einen der Männer nahe, die für die Sache, welcher die „Neuen
Wege“ dienen wollen, von Anfang an bestimmend waren. Nichts kann bedeut-
samer sein, als die innere Verbindung, die zwischen Kierkegaard und Blumi-
hardt besteht! Kierkegaards Erscheinung wird in diesem Aujsatz freilich nur
von einem ganz bestimmten einzelnen Punkte aus beleuchtet, aber dieser
Punkt ist, wie jeder weiss, der Ks. Leben kennt, wirklich dessen Zentrum.
Aber nuıf besitzt die vorliegende Behandlung des Themas „Schwermut —
Anfechtung“ auch an sich ihren sehr grossen Wert. Diesen wird jeder Leser
spüren, der in solchen Dingen Erfahrung hat. Ich habe den Beitrag auch
nicht zufällig in diesem Heite gebracht, das gleichsam ein Karfreitag- und
Osterheft ist. Endlich aber — und das ist das Allerwichtigste, das ausser-
ordentlich Wichtige an dieser Aeusserung — enthält der Aufsatz ein’
neues Verständnis der Botschaft des Neuen Testamentes, welches einen
Durchbruch von gewaltigster Tragweite bedeutet. Damit führt er in das
Zentrum aller tieisten Fragen der Zeit.
. Ich wünsche von ganzem Herzen, dass der so wichtige Beitrag in diesem
Sinne von Vielen recht verstanden werde und bemerke nur noch, dass die
Abhandlung von einer dänischen Frau geschrieben ist, die wie wenige beruien
ist, über diesen dreifachen Gegenstand zu reden.
Die Dokumente zum Ihema: „Katholizismus und Sozialis-
mus“ sind so zahlreich geworden, dass sie nicht in dieses Heft gehen. Da
sie auch an sich wertvoll sind und ein Hauptthema der Arbeit der „Neuen
Wege“ beleuchten, so ist das kein Uebelstand. Wir verteilen auf diese Weise.
an er u auf mehrere andere,
inge Berichte mussten auf das näch
Ein herzliches: „Fröhliche Ostern!“ ee er
152
wor
Die grosse Speisung.‘)
Text: Johannes 6, 1—13.
Liebe Gemeinde! Wenn wir hier in der Kirche zum. Gottesdienst
- zusammenkommen, bekennen wir damit demütig, dass wir mit dem
Leben nicht allein fertig zu werden vermögen. Wir kommen zu-
sammen als Arme und Suchende, als solche, die einen Mangel emp-
finden, den sie nicht selber decken können, die eine Not verspüren,
für welche sie keine Abhilfe wissen. Darum beten wir zu Anfang
unserer Zusammenkunft zu Gott und strecken die Hand aus nach
ihm, weil wir seiner bedürfen in den Freuden und Leiden, in den
Sorgen und Zweifeln des Lebens, in den Wechselfällen unseres Ge-
schickes. Wir spüren, dass wir irgendwie eingeschlossen sind, von
dicken Mauern umgeben, in ein Gefängnis gesperrt und möchten
nun herauskommen aus diesem Gefängnis, sprengen die Mauern,
die uns einschliessen und von wahrem Leben und von wahrer
Freude trennen, ein Ende machen der traurigen Gefangenschaft, zu
der wir verurteilt sind. Wir spüren die Leere, in der wir stehen
müssen, das Armselige, Unbefriedigende und Kärgliche unseres
Lebens auch dort, wo es am schönsten und besten ist. Wenn wir
in die Kirche kommen, bekennen wir diese Armut, stellen uns als
solche hin, die gesegnet sein möchten und nun diesen Segen suchen,
die von Gott wissen und ihn nun auch erfahren möchten als einen
Befreier und Erlöser aus der Armut. Es ist etwas Ergreifendes,
wenn man an all die Tausende und Hunderttausende denkt, die in
allen Kirchen der Erde ihre Hand ausstrecken nach der grossen
Gabe Gottes. Sie gleichen den Leuten im Evangelium, von denen
es heisst: „Danach ging Jesus weg und es zog ihm viel Volks
nach.“ Auch heute zieht viel Volks Jesus nach. Es ist ein unab-
sehbarer Zug von Männern, Frauen, Kindern, der Jesus nachfolgt
und der von seinem Vater, von Gott und niemand anderem Befrei-
ung aus seiner Not, das Ende seiner Gefangenschaft, Beseligung
und Heil erwartet.
Denn freilich nicht nur unsere Not und unsere Armut bekennen
wir, wenn wir hier in der Kirche sind, wir bekennen auch unseren
Glauben und unsere feste Zuversicht, dass das nicht so bleiben
müsse, sondern von ihm könne geändert und gewendet werden. Wir
bekennen auch, dass wir in ihm den guten Hirten sehen, welcher
sich der verirrten, zerstreuten und geängstigten Herde erbarmt, sie
sammelt, leitet und versorgt. In der Kirche spüren wir nicht bloss
den Mangel unseres Lebens, da werden wir auch des überschweng-
1) Predigt, am 3. März 1929, dem Tage der Abstimmung über die Ge-
treidevorlage, in der Friedenskirche zu Bern gehalten.
153
Shichen Reicht
DE “si. j r Ei a ur SUR ee. Zu
ums bewusst, der ihm verliehen ist und lern:
Güte sehen und anbeten. Hier wird es uns ein tiefes Bedürfnis
unter diese Güte zu stellen und sprechen wir aus tielster und
ster Ueberzeugung aus: „Herr, deine Güte reicht so weit der
mel ist und deine Wahrheit so weit die Wolken gehen. Herr,
hilfst Menschen und Vieh. Wie teuer ist deine Güte, dass Menschen
unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben. Sie werden trun-
ken von den reichen Gütern deines Hauses und du tränkest sie mit
Wonne wie mit einem Strom, denn bei dir ist die Quelle des Lebeı Ss
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ In diesen Worten ist
uns Gott, der Vater Jesu Christi, gegeben als unser Vater und.
Versorger und die Abhilfe des Mangels und die Wegschaffung der
Not verheissen. Denn solche Worte sind ja nicht bloss Worte, son-
dern Kräfte der Zukunit und Worte des ewigen Lebens, die man
eben nur bei Gott selbst findet. Solche Worte gestalten die Dinge
neu und ändern die harten Verhältnisse, an denen gewöhnliche
Menschenworte wirkungslos abprallen. In ihnen beginnt eine neue
Welt aufzusteigen, die ihre Segnungen über die Menschenwelt aus-
giesst. Da werden Worte zu einem Evangelium, das uns dessen
gewiss macht, Gott sei wahrhaftig unser Gott und uns nahe, die
Quelle unseres Lebens und könne Menschen und Tieren helfen,
wenn er nur wolle.
Heute nun werden wir durch unseren Text vom Evangelium
dazu ermutigt, auch in einer Sache von Gott und seinem Geist Hilfe
zu erwarten, wo es am allerschwersten ist, nämlich bei der Ver-
sorgung unseres Leibes mit Nahrung, bei der Beschaffung des täg-
lichen Brotes. Wir werden hier gelehrt, dass eine unserer Nöte, die
wir in der Kirche fühlen und mit Gott in Zusammenhang bringen
und ihm zur Lösung übergeben sollen, der Hunger unseres Leibes
ist. Gott will, dass alle Menschen sich sollen sättigen und ihren
Hunger stillen können und er entbindet die Kräfte, welche das Brot
schaffen und der leiblichen Not in jeder Form steuern. Wie die jun-
gen Vögel im Nest ihre Hälse strecken, ihre Schnäbel weit auf
sperren, ungeduldig schreien und auf ihre Mutter warten und wie
die Mutter pfeilschnell herbeifliegt und sie füttert, so sollen wir
Menschen dessen versichert sein, dass uns Gott in unserer leib
lichen Not nicht stecken lässt. Das wusste schon der Sänger d
145. Psalms, als er ausrief: „Aller Augen warten auf dich, dass a
ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Du tust deine Hand auf und
sättigest alles, was da ist, mit Wohlgefallen.“ i
Und wohl gemerkt, wenn der Psalmsänger so redet und von
der Speise spricht, die aus der Hand Gottes kommt und jedem zu
seiner Zeit gegeben wird, so meint er damit nicht etwa bloss die
Seelenspeise, das geistliche Brot, das Brot des Lebens, sondern er
meint wirklich die Nahrung und Notdurft des Leibes, für dessen
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154 a
ji
ei und da
ickt, das nr Ba war
as ihm in den Sinn kam, war der Gedanke: Wie
en er spürt die Vewaumg. Ei Yundersäte
che und väterliche Liebe legt er an den Tag, denn auch ein
ter zeigt sich den Seinigen als das, was er ist nicht allein
% tch, dass er sie geistig versorgt, indem er ihnen Ratschläge er-
Bteilt, Befehle gibt, Strafen und Lob austeilt, Mahnungen ausspricht
; und Trost spendet, sondern dadurch, dass er sie speist. Der Vater
ist der Ernährer, er spendet das Brot, und so ist auch Gott darum
_ unser Gott und müssen wir auch das in unsern Glauben einbezie-
hen, dass er uns unsere Speise gibt zu seiner Zeit. Komme man
uns hier nicht mit dem Hinweis auf das Wort Jesu, das er dem
Satan in der Wüste geantwortet hat, als dieser ihn veranlassen
wollte, Steine in Brot zu verwandeln, mit dem vielgehörten Wort:
‚Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jegli-
Chen Wort, das aus dem Munde Gottes geht.“ Jesus hat dieses
Wort gesprochen, als ihn selbst hungerte, als er vierzig Tage ge-
- fastet hatte. Als er dagegen andere hungern sah, hat er sich das
tief zu Herzen gehen lassen und voll Besorgnis gefragt: „Wo sollen
- wir Brot für so viele Menschen kaufen?“ Gewiss, Brot ist nicht
das Einzige, was wir brauchen, Brot ist vielleicht nicht einmal die
- Hauptsache, die wir nötig haben, und ohne Zweifel lebt der Mensch
ge ücht vom Brot allein, aber dieses schöne und wahre Wort Jesu
- wird in unserem Mund zu einer empörenden Phrase, zu einer Be-
_ Jeidigung‘ und zu grausamem Hohn, wenn wir es, wie es oft genug
vorkommt, gegen andere brauchen, wenn wir es mit kauenden Mus-
_ keln und vollen Backen denen, die "nichts haben, zur Belehrung vor-
halten. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber er lebt auch
_ vom Brot, und wenn uns Jesus im Unservater um das tägliche Brot
bitten lehrt, so bringt er eben damit die Frage unserer Ernährung
mit Gott und seiner Wahrheit in allernächsten Zusammenhang und
= zeigt, dass hinter der Frage nach dem! Brot die Frage nach Gott
auftaucht und wartet, ja, dass die Brotfrage eine Gottesirage, eine
Frage von religiöser Würde und Wichtigkeit ist. Wenn wir uns das
recht vergegenwärtigen, verstehen wir vielleicht auch, warum in
R diesen Tagen, wo das Schweizervolk über seine Brotversorgung
Entschlüsse fassen soll, die Geister so aufgeregt und die Leiden-
schaften so lebendig sind. Ein heisser politischer Kampf ist ent-
_ brannt, aber er spielt sich ab auf einem Hintergrund, von dem die
Politiker nichts wissen. Wenn es so ungeheuer wichtig ist, wie die
Brotversorgung unseres Landes gestaltet wird, so ist es nicht nur
darum wichtig, weil das Brot ein so allgemeines Volksnahrungs-
155
h DER, | er. j
’ I grik..
v %
mittel ist und im Haushalt eine umso grössere Rolle spielt, je kleiner
das Einkommen und je grösser die Kinderzahl ist, sondern darum, |
weil wir die Verheissung haben, dass Gott seine Hand auftue und
jedem seine Speise gebe zu seiner Zeit und weil uns das Evangelium
um das Brot bitten heisst und uns so glauben lehrt, dass es eine
Gottesgabe ist. |
Dass Gott unser Gott ist und sich unser leibliches Wohl ange-
legen sein lässt, das zu glauben ist ganz besonders dort schwer, |
wo man um die Ernährung in beständiger Sorge sein muss, wo man \
wenig oder kein Brot hat. Es gibt keinen Mangel, der den Men-
schen seelisch so bedrückt wie der Mangel an Brot. Nichts kann |
den Menschen so entmutigen und kann so völlig allen frohen Glau-
ben zerstören, wie wenn wir in Angst sein müssen um die ausrei-
chende Ernährung unserer selbst und derer, die uns anvertraut sind.
Wir haben das alle während des Krieges selber erlebt. Die Aelteren
unter euch erinnern sich gewiss noch, was für bange Sorgen in den
Jahren 17 und 18 in unseren Gemütern einzogen, wenn bekannt
wurde, der von der eidgenössischen Getreideverwaltung eingeführte
Vorrat an Brotgetreide reiche nur noch für vierzehn Tage, höch-
stens drei Wochen. Da konnten wir nicht viel anderes denken als
an diese Gefahr, an diese entsetzliche Möglichkeit einer ausbrechen-
den Hungersnot. Wir sind damals sehr kleinmütig gewesen. Zu ver-
wundern ist das übrigens nicht, sehen wir doch den gleichen Klein- j
mut auch bei den Jüngern Philippus und Andreas in unserer Er- j
zählung des Evangeliums. Auch sie können in dem Augenblick, wo
sie das viele Volk und die wenigen Brote und Fische sehen, nichts
anderes denken als: es langt nicht. Auch sie, die Jünger des Herrn, °
werden durch die Gefahr eines zutagetretenden Nahrungsmangels
gleichsam blind gemacht für die Hilfe, die es in diesem Mangel gibt
und die ihnen so unendlich nahe war. Sie sehen nur die drohende
Not und den Mangel, sie sehen nur die hungrigen Mäuler, mehr
nicht. Sie glauben nicht, sie sind entmutigt und kleingläubig. Luther
sagt hiezu: Wenn die Jünger geglaubt hätten, so hätten sie fröhlich
gesprochen: „Wir haben zwar nur fünf Brote und zwei Fische, das
ist nicht genug für fünftausend Menschen, aber gottlob dass wir
dich bei uns haben, lieber Herr Jesu, denn durch deinen Segen und
Hilfe,-ob wir gleich keinen Heller haben und in der Einöde sind,
wollen wir dennoch genug haben.“
Wenn es schwer ist, den Glauben an Gott festzuhalten, wenn
der Mangel einkehrt und der Hunger sein Haupt erhebt, um wie
viel schwerer ist es für den, bei dem der Mangel da ist und der den
Hunger nicht nur kommen sieht, sondern ihn leidet. Hunger leidet.
Ich weiss nicht, ob jemand unter uns ist, der weiss, was es heisst,
Hunger zu leiden, wahrscheinlich nicht. Wenn wir von Hunger
reden, meinen wir ja gewöhnlich etwas ganz anderes, etwas viel
Ö
'
4
156
geht, einen wärschaiten Hunger, aber deswegen
doc cht.“ Dieser Richter - wusste nicht was Hunger
unger ist eben etwas anderes als der gute Appetit, den
unger ist, ist kein Glaube möglich, denn Hunger bedrückt
d entmutigt nicht bloss, er treibt den, der ihn leidet, in
die Verzweiflung. Hunger ist kein guter Nährboden für schöne Re-
gen der Seele, kein Acker, auf dem Tugenden wachsen. Wo
Hunger ist, hört der ideale Sinn auf, der Hochflug der Gedanken
_ ist vorbei, der Sinn klebt am Boden, "die Gedanken werden niedrig
und grob, es können die Fäuste sich ballen und auf die Lippen kön-
nen Fluchworte steigen. Im Hunger tut der Mensch, was er sonst
- niemals tun würde, was er immer gescheut, ja gefürchtet hat, da
_ lernt er lügen und stehlen, lernt die Gemeinheit. Hunger macht gott-
lose Menschen, er trennt den Menschen von Gott. Denn für ihn ist
der Hunger etwas völlig anderes als für das Tier. Das Tier leidet
auch, wenn es hungert, der Hunger presst ihm auch den Schrei des
Schmerzes ab, er tut ihm auch weh und kann sich zur Unerträglich-
keit steigern, der Hunger wird sich in Heisshunger wandeln und
schliesslich zum Tode führen, aber es wird immer alles auf der glei-
chen Linie bleiben. Wenn der Mensch hungert, ist es etwas anderes.
Dann hungert einer, dem die, Verheissung gegeben worden: ist, dass
ihm Gott seine Speise geben werde zu seiner Zeit, einer, der um
das tägliche Brot bitten kann. Ihm tut der Hunger nicht bloss weh,
er beleidigt ihn und bedeutet für ihn Erniedrigung und Entwürdi-
gung. Darum das Lästerwort auf den Lippen des Darbenden, dar-
um die Abkehr von Gott, die wir bei denen beobachten, die Hunger
leiden oder deren Leben doch nichts anderes ist als ein beständiger
"Kampf um das Allernötigste, ums Brot, das den Hunger stillt und
das Hungergespenst verscheucht.
| Nun kommen wir in unserem Text zu dem 10. und 11. Vers,
wo es heisst: „Jesus aber sprach: Schaffet, dass sich das Volk
_lagere. Es war viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich bei fünf-
tausend Mann. Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie den
x - Jüngern, die Jünger aber denen, die sich "gelagert hatten, desglei-
chen auch die Fische, so viel sie wollten.“ In diesen Worten ist es
deutlich ausgesprochen und dargestellt, wie Jesus die Brotirage,
die Frage nach der Nahrung, löst und dem Mangel abhilit. Mitten
“in ihrem armseligen Leben, wo die Einen im Ueberiluss sind und
_ darum an Gott vorbeikommen und die andern darben und sich dar-
_ um von ihm abkehren, dürfen die Menschen glauben an die Schöp-
; 157
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a chen SR N ich. be alle: age wenns Ze
vor dem Essen alle verspüren, wenn wir gesund sind. Wo
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ferkrait desjenigen Gottes, der im Anfang Himmel und Erde ge 1
schaften hat und das, was aus ihm gekommen ist, auch am Leben
erhalten will. Weil es sich beim Brot und seiner Beschaffung wirk-
lich um Gott und sein ewiges Reich handelt und es sich am ‚Brot
entscheidet, ob dieses Reich besteht, darum wird er diese Fre
auch lösen und das Brot, wo es nötig ist, geben. Nicht darauf
kommt es an, ob es uns gelingen werde, unsern Bedarf zu decken,
sondern ob es ihm gefällt, uns an seiner Fülle teilnehmen zu lassen
und wenn sich die Menschen an Gott wenden und sehen, wo ihre
eigentliche Not ist, da werden sie auch als Gäste an Gottes Tisch
geladen und von ihm reichlich versorgt. Es wird ihnen zwar nicht:
die Arbeit und die Mühe, unter Umständen auch nicht der Kampf,
aber die Sorge und der Kummer ums Brot abgenommen, und sie
dürfen es herrlich erfahren, wie wahr es ist, wenn es im Psalm :
heisst: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange
sitzet und esset euer Brot mit Sorgen. Der Herr gibt es den Seinen
im Schlafe.“ Das ist freilich nicht leicht festzuhalten und zu glauben,
aber eben zu diesem Glauben sind wir berufen, wenn wir um das
_ tägliche Brot bitten, zu dem Glauben, in welchem wir nicht bloss
auf unsern Mangel, sondern mit Zuversicht und gewissem Sinn auf
Gottes gebende Hand schauen. Es ist wunderbar, mit welcher Ein-
drücklichkeit uns das heutige Evangelium dies nahe bringt, wie Je
sus hier den Menschen, die ihm in die Einöde gefolgt sind, den
Tisch deckt. Er lässt sie sich lagern und teilt nun aus, nachdem er
' gedankt hat, und sein Segen kann bewirken, dass aus dem Wenigen
viel wird. Unter seinen Händen ist das Brot gewachsen und ge-
mehrt worden, sodass alle bekamen so viel sie wollten, eine selt-
same, unerhörte Art ‘der Brotversorgung. Man nennt es ein Wun- °
der und doch ist, was hier geschieht, im Grunde nichts anderes als
was wir alle Tage vor Augen haben, wenn Gott in der Natur aus
. Kleinem Grosses, aus Wenigem viel werden lässt. Erleben wir es
nicht alle Jahre, dass Gott das Brot der Erde, ihren Ertrag an Nah-
rung mehrt, wenn er aus einem Korn hundert Körner, aus einem
Apfelkern einen Baum und neue Aepfel und aus diesen wieder neue
Bäume wachsen lässt und dadurch zeigt, dass sein Wille, zu geben
und zu mehren, wenn wir ihn nur recht verstehen, schier ohne
‚Grenzen ist? Gewaltig wird uns das gepredigt durch das Evange- "
lium von der grossen Speisung. Und wenn nun auch wir unsere
Not vor Gott bringen und die Last der Nahrungssorgen als von
ihm uns aufgelegt annehmen, tragen und die Sorge zu wenden su-
chen, dann ist uns verheissen, dass er auch bei uns der Not steuern
und die Last abnehmen werde, denn wenn er uns die Gnade gibt,
dass wir den Hunger als einen Hinweis auf ihn empfinden und ein
Barmherzigkeit unser Essbedürfnis benützt, um in uns die Bitte um
seine Gabe zu erwecken, dann wird er diese Gabe auch nicht ver-
2.
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BET
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158
r (Psalm 34, 1 N
des Lebens von
on ıım kommen, so #
ie recht rud en und zuihnen
was wir nicht haben an sol-
| les Herzens und froher Zu-
arten und was wir haben, mit Weisheit und klugr
u brauchen und damit an den Tag zu legen, ‚dass wir,es.
Das lehrt uns unser Evangelium dort, wo es uns erzählt,
‚ Befehl gegeben habe, die übrig bleibenden Brocken in
Körbe zu sammeln. Man hätte vielleicht denken können, wenn es
ihm gegeben war, dass das Brot unter seinen Händen gewachsen
E war und sich gemehrt hatte, er hätte nun die Resten achtlos liegen
lassen, denn-was man im Ueberfluss haben kann, das schätzt man
2 zuletzt nicht mehr. Das Volk, das vorher gedarbt hatte, bekam ja
=
jeder so viel er wollte, es schwamm also förmlich in Brot und hatte
Fülle und Ueberfülle, und nichts wäre natürlicher, als dass sich
Jesus weiter um solche Sachen nun nicht mehr gekümmert, sondern
B. die herumliegenden Reste achtlos liegen gelassen hätte. Aber das
— geschieht nicht. Er lässt die Reste sorgfältig zusammentragen, nichts
> darf liegen bleiben, nichts vergeudet werden. Dieser Teil unseres
Evangeliums wird "sewöhnlich übersehen, auch als ein übrigblei-
- bender Brocken liegen gelassen. Wir aber wollen auf ihn achten
und auch noch in unsere Körbe sammeln. Da fehlt es uns nämlich
. vielfach am rechten Sinn, nämlich so, dass wir Gottes Gaben, wenn
sie.uns gegeben sind und wir sie besitzen, nicht zu besitzen und
r
F Re x a
ie BR FR Si ee ua Narr
En ER x
zu nützen verstehen, sie statt zu brauchen. missbrauchen und damit ee
_ vergeuden. In meinem elterlichen Hause sind wir Kinder streng
- dazu erzogen worden, dass wir am Tisch auch nicht das kleinste
Stückchen Brot duriten liegen lassen, obschon meine Eltern immer
genug Brot herbeizuschafien vermochte, dass man nicht eigentlich
das Brot hätte sparen müssen. Und wir hätten es auch niemals
gewagt, ein Stück Brot auf die Strasse zu werfen, wir hätten das als En
ein grosses Unrecht empfunden, wir hätten das Brot damit geschän- 5
det. So ist es uns Kindern in Fleisch und ‚Blut übergegangen, dass a
man das Brot nicht schänden darf. Aber gerade dieses Unrecht, a.
1
freilich nicht mehr mit dem Stücklein Brot, sondern mit den Gütern
des Lebens überhaupt, ist es, das wir immer wieder begehen. Wie
oft geschieht es, dass die Menschen übermütig werden, wenn es
ihnen wohlergeht. Es wird viel verdient, also wird viel ausgegeben,
es ist Brot und alles Nötige in genügendem Masse vorhanden, also
schätzt man es nicht mehr. Da verstossen wir gegen den klaren
Willen Gottes, der uns lehrt, mit dem, was wir seinem Segen zu
{>
159
| verdanken haben, haushälterisch umzugehen und die guten Tage
En ; N,
ür die bösen vorsorgen zu lassen. Ich weiss nicht, ob wir das ü
ap tun würden, ob wir nicht alle Güter verschleudern, die Gaben
Gottes rücksichtslos zertreten und verzetteln würden, wenn uns
nicht schon unsere menschliche Vernunft das abraten würde, die
uns vor Augen hält, dass nach Zeiten des Ueberflusses solche des
Mangels kommen können und es schon darum ratsam ist, zu Sparen.
Aber es gibt eine weit schlimmere Art, das Brot zu schänden,
als wenn das Haushalten und Sparen vergessen wird. Es gibt Men-
schen, die die Güter der Erde auf eine solche Weise schänden, dass
sie sie zwar nicht vergeuden und verzetteln, sondern treulich auf-
bewahren und dann benützen, um sich an ihnen zu mästen. Gerade
‚mit dem Gut, von dem heute die Rede ist, mit dem Brot oder dem
Brotgetreide, geschieht das oft genug und wir können nicht anders,
als auch auf diese Sache das Licht des Evangeliums fallen lassen und
sie liegt in diesem Lichte sehr einfach und klar, nämlich so: Es gibt
Menschen, die das Brot und das Brotgetreide aufbewahren, aber
nicht, um dem Befehl Gottes zu gehorchen und in den Tagen des
Ueberflusses weise vorzusorgen für die Tage des Mangels, sondern
um aus dem Segen der Erde, den Gott gibt, Nutzen zu ziehen und
an ihm Profit zu machen. Sie sammeln das Brot, das nicht sofort
gegessen werden kann, nicht nur in Körbe, sondern in grosse Scheu-
nen und mächtige Lagerhäuser, halten es zurück, lassen es rar und
teuer werden und wenn das erreicht, der Preis gestiegen ist, setzen
sie es ab und drücken die Armen. Als Jesus die Brocken aufzuheben
und sorgsam zu sammeln gebot, wollte er offenbar nicht, dass das
Brot dazu diene, die Körbe der Getreidespekulanten zu füllen, die
es dadurch schänden und Gott lästern, indem sie sich an dieser
Gabe bereichern. Das Brot ist heilig, weil es Gott heiligt und allen
Menschen in ausreichendem Masse geben will, aber dann müssen
wir es auch geschehen lassen, dass Gott nicht nur einzelnen Men-
schen, wenigen Bevorzugten die Scheunen füllen will, damit sie die
alten abbrechen und neue und grössere bauen und sprechen kön-
nen: „Iss und trink und sei guten Mutes, du hast nun einen Vorrat
auf viele Jahre“, und daran zu Narren werden, denen doch in der
Nacht die Seele abgefordert wird, sondern dass er allem Volk den
Tisch deckt. Nur wo die Last des Hungers gemeinsam getragen
wird und kein Volksgenosse sich auf die Seite macht, um diese Last
nicht zu tragen, wird Gott sie uns abnehmen und den Mangel in
Fülle verwandeln. ErnstHubacher.
160
‚ Luxemburg die Gedächtnisrede hielt, sprach er zu-
Sozialdemokratie. „Hat sie nicht einen Januskopf?“
‚Ist es nicht so, dass jeder kühne Mann des Geistes zu
e Begriff des militärischen ‚Geistes brachte ihn auf einen andern Ge-
dankengang. „Oh,“ rief er, „es gibt einen kriegerischen Geist, der
noch lebendig ist, der auch uns das Herz bewegen kann. Hören
Sie!“ Und er las ein Gedicht des ungarischen Lyrikers Petöfi (ge-
_ fallen 31. Juli 1849) in der (zuerst 1899 veröffentlichten) Uebertra-
- Februar 1918 gestorben war. Es beginnt:
Mich quält ein leises Angstgefühl:
Ich möchte nicht sterben auf weichem Pfühl —
| : Will mich nicht qualvoll in Kissen wälzen,
— Will nicht langsam verwelken, zerschmelzen,
5 Wie die Kerze, die man im Zimmer vergisst,
Wie die Blume, die ein Wurm zerfrisst.
Und dann heisst es darin:
_ Wenn einst ein freiheitstrunkener Geist
Die Sklavenvölker dem Schlummer entreisst,
Sie sich den Schlaf aus den Augen reiben
Und „Weltfreiheit!“ auf die Fahne schreiben
- Und auf gemeinsamem Kampfesplane
"Mit flammendem Antlitz und blutroter Fahne
Dem Tyrannen entgegentreten
Und die schmetternden Kriegsdrommeten
Weithin erschallen —
Dann will ich fallen!
„Er starb,“ sprach Landauer weiter, „wie er sich’s gewünscht
hatte, er fiel in der Freiheitsschlacht — sein Leichnam ist nicht ge-
funden worden. So starb auch Rosa Luxemburg, so auch Lieb-
knecht... Und doch — wie anders war diese Schlacht! Im Stras-
senkrieg der antirevolutionären Soldateska, geführt von Berufsunter-
offizieren und Offizieren des Generalstabs, sind Karl Liebknecht und
Rosa Luxemburg gefangen genommen, als Gefangene sind sie von
t) Ich zitiere nach Landauers handschriftlichen Notizen zu der Rede.
161
ae am 6. ns 1919 in Frechen Karl Lieb. $: |
ogen wird, als der Vertreterin des Sozialismus, der Ge-
2% rechtig eit — von ihr abgestossen wird als einer Kirche der Unfrei-
heit, der Bureaukratie, des militärischen Geistes...?“ Aber dieser
- gung von Hedwig Lachmann — Gustav Landauers Frau, die im
{
u
einer ehrlosen Kriegführung feig, von einer Ueberzahl — die Ein-
zelnen, die Wehrlosen, ermordet worden.“
Drei Monate später, am 2. Mai, ist Gustav Landauer von eben-
der „antirevolutionären Soldateska“ ermordet worden.
* * *
Aber was ist das, Soldateska, und was ist das, Revolution? Eine
Soldateska besteht aus Menschen, die man Soldaten nennt, und eine
Revolution wird von Menschen gemacht, die sich Revolutionäre
nennen. Das, wodurch diese wie jene verbunden werden, ist die
aktuelle Situation.
Die aktuelle Situation des Soldaten ist, dass er das ihm als
„feindlich“ Bezeichnete — gleichviel ob der „Feind“ ein „ausserer“
oder ein „innerer“ ist — zu „bekämpfen“, also, wo das Menschen-
wesen sind, diese mit allen angeordneten Mitteln, von der Freiheits-
beraubung bis zur Vernichtung, „kampfunfähig‘“ zu machen hat, so
gut er vermag und soweit es ihm jeweils befohlen wird. Dieser Si-
tuation kann eine Gesinnung entsprechen: der Glaube, dass das als
feindlich Bezeichnete wirklich feindlich ist, nicht in dem Sinn bloss,
dass es ihm selbst hier toddrohend gegenübersteht, sondern feind-
lich seinem Wesen, seinem Lebensgrund, seinem höchsten Wert,
und dass, wenn es nicht vernichtet wird, es diesen höchsten Wert
vernichten würde. An der Stelle einer solchen Gläubigkeit gibt es
aber auch Zweifel, Unsicherheit, Bedenken, bis zur entgegengesetz-
ten Ueberzeugung: dass das Gegenüberstehende gar nicht das
Feindliche ist. Und diese Ueberzeugung kann auch, allmählich
‘oder plötzlich, unter jener Gläubigkeit hervorbrechen. Als „Müs-
sende“ sind alle diese Soldaten immer noch verbunden, aber als
„Wollende“ nicht; freilich, die Situation selber, die wollen sie wohl
alle nicht, aber ihre eigene Haltung in dieser Situation — wie sehr
der Einzelne die eigene Haltung, die „gemusste“, will oder nicht,
darin liegt seine eigentliche Personhaftigkeit innerhalb der gemein-
samen Lage. Und gar erst, wenn die Frage wach wird, was das ist
„müssen“! Mitten durch die „Soldateska“, mitten durch den Sol-
daten geht die wahre Front.
Die Situation des Revolutionärs gleicht der des Soldaten darin
dass es auch hier das Feindliche und die Bekämpfung gibt. Als den
Unterschied möchte man zunächst dies ansprechen, dass der Revo-
lutionär sich seinen Feind selbst wähle; aber wie wenige „erken-
nen“ den wirklich, wie vielen ist er auch hier, wissentlich oder un-
wissentlich, von Rednern und Büchern, von Kindheits- und Jugend-
erlebnissen, von Entbehrungen und Enttäuschungen „bezeichnet“
worden! Freilich gibt es hier jene Spannung zwischen Situation
A LIE en und Wollen nicht. Aber noch wichtiger
,‚ dass iur den Revolutionä i ie Si i
onär der Kampf nicht die Situation selber,
162
ee steht, die
ınt. spruch ist nicht: „Ich muss
t üben, ee ich Ki nicht, “ sondern: „Ich habe es
en, hier so Bu EN zu Bo als not tut, ‚ damit
aten jet eine nee er ann den Widerspruch ie
richtig in seiner Seele austragen und etwa zur Entscheidung Eee
Fr praktische Folgerung nicht zieht, ist sm die grundsätzliche Formu-
- lierung freigegeben. Aber die personhafte Verantwortung des Revo-
lutionärs ist eine demarkationsmässige ihrem Wesen nach; die Pa-
role seines Geistes ist „Bis hierher und nicht weiter“, und für das
x Es hierher“ gibt es keine feste Regel, der Augenblick zeigt es mit
- immer neuem Gesicht. Der menschliche Revolutionär lebt auf der‘
E Schneide des Messers. Und die Frage, die ihn bedrängt, ist ja nicht
. bloss die sittliche oder religiöse nach dem Tötendürien; es ist nichts
damit getan, dass er, wie mir zuweilen gesagt worden ist, „seine
Ä
>
“
p
"
r
>
Seele dem Teufel verkauft, “ um der Revolution zum Sieg zu ver-
k ‚helfen. Vielmehr ist hier die situationsmässige Verstrickung eben
von der Spannung zwischen Zweck und Mittel bestimmt. Ich kann
mir nichts Reales darunter vorstellen, dass der Zweck das Mittel
„heilige“, aber ich meine etwas äusserst Reales, wenn ich sage,
. dass das Mittel den Zweck — nämlich dessen Realisierung‘! — ent-
i heiligt, nein: entwest. Das Verwirklichte ist dem als Ziel Gesetzten
umso unähnlicher, je ungemässer dem der Weg war, auf dem es
verwirklicht worden ist. Es gibt eine „Sicherung“ der Revolution,
die ihr das Herzblut entzieht. Die Verantwortung, die sich aus
diesen Voraussetzungen ergibt, muss am tiefsten im Führer reichen,
der die Parole des Geistes zur Parole des Geschehens zu machen be-
rufen ist. Aber kein Geführter kann sie anders als durch Flucht vor
der Selbstbesinnung, das heisst: durch Absterben des Geistes in ihm
vernachlässigen. Die wahre Front geht auch hier mitten durch.
* * *
Die Erinnerung an den Tod Gustav Landauers bringt immer
wieder zwei andere Erinnerungen in mir herauf.
463
# =
Die eine stammt aus dem Herbst eben des Jahres 1919. Ich fuhr
am frühen Morgen von München nach einer Stadt am untern Inn.
Obwohl ich zeitig zum Bahnhof kam, waren alle Wagen so besetzt,
dass es unmöglich schien, Platz zu bekommen. Ich versuchte es
doch und kam noch in einem Wagen zu stehen; die Leute machten
freundlich, soweit es ging, Platz. Es waren nur Männer und fast
alle in feldgrauer Uniform, „Weissgardisten“. Es wurde laut durch-
einandergesprochen. Plötzlich vernahm ich deutlich den Namen
Landauer, und überrascht suchte ich mit dem Blick den Sprecher.
Ein Soldat, ein Mann mittleren Alters mit rötlichem Bart, sagte nun
noch zu seinem Nachbarn: „Nein, so war das nicht mit dem Lan-
dauer. Der Landauer hat schon das Richtige gewollt, bloss einer
von den Unsern hätt er sein müssen.“
Die andere Erinnerung ist älter, aber aus demselben Jahr. Etwa
zwei Wochen nach jener Gedächtnisrede Landauers auf Karl Lieb-
knecht und Rosa Luxemburg war ich eines Abends mit ihm und
mehreren andern revolutionären Führern in einem Saal des Land-
taggebäudes beisammen. Den Gegenstand der Aussprache hatte
Landauer vorgeschlagen, es war der Terror, aber er selbst betei-
ligte sich kaum, er sah schwermütig und nahezu erschöpft aus —
ein Jahr vorher hatte seine Frau die tödliche Krankheit durchlitten,
jene Tage wiederholten sich «ihm nun im Herzen. Das Gespräch
wurde im wesentlichen zwischen einem Spartakusführer — der
später in der „zweiten“, Landauer und seine Genossen ablösenden
Räteregierung bekannt geworden ist — und mir geführt. Der Mann
ging sporenklirrend durch den Raum; er war im Krieg deutscher
Offizier gewesen. Ich lehnte es ab — was manche anscheinend von
mir erwartet hatten —, hier von dem sittlichen Problem zu reden,
und legte dar, wie ich über das Verhältnis von Zweck und Mittel
denke; ich belegte meine Ansicht aus geschichtlicher und zeitgenös-
sischer Erfahrung. Mein Partner ging darauf nicht ein. Aber auch
er versuchte seine Apologie des Terrors mit Beispielen zu belegen.
„Dscherschinski,“ sagte er, „der Vorsitzende der Tscheka, konnte
hundert Todesurteile an einem Tag unterzeichnen, ‘aber mit ganz
reiner Seele.“ „Das ist ja das allerschlimmste,“ antwortete ich, „diese
‚reine‘ Seele, auf die man keinen Blutspritzer fallen lässt! Fe
nicht auf ‚Seele‘ an, sondern auf Verantwortung.“ Mein Partner sah
mich mit ahnungsloser Ueberlegenheit an. Landauer, der neben mir
sass, legte seine Hand auf die meine. Sein ganzer Arm zitterte.
* * *
Die wahre Front geht durch die Soldateska. di
geht durch die Revolution, die wahre Front geht Au Solda,
ten, die wahre Front geht durch den Revolutionär. Die wahre Front
geht durch jede Partei und durch jeden Angehörigen einer Partei
164
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a Kämpfe aus wird er zu
Das sind die Menschen, denen man nachsagt,
npfkraft geschwächt; das sind die Menschen, „die Kr
eit am Leben halten.
hat in der Revolution gegen die Routen -— UM- Re
n gekämpft. Die Revolution wirds ihm nicht danken, aber
‚werden es ihm die, die ebenso kämpfen, und vielleicht einst
u 1 derenwillen gekämpit warden M a rti inBuber
ee N
2. Der Tree eines Revolutionärs.
Am 2. Mai jährt sich der zehnte Todestag Gustav Ländauers.
Einsam wie er gelebt hat, ist er gestorben. Er hat in weni-
gen Wochen den Beginn und das Ende der deutschen Revolution
‚miterlebt, einer Revolution, auf die er stets gehofft hatte, deren
Kommen er nicht so vorausgesehen hatte und deren Ende, sobald
‘sie einmal da war, er in unsäglicher Bitterkeit vorausgesagt hat.
Noch besitzen wir keine Biographie dieses nicht nur im Deutsch-
‚land des beginnenden 20. Jahrhunderts, sondern in Europa einzig-
= artigen und exemplarischen Lebens. Schöner aber, als jede Bio-
4
- graphie es vermöchte, führen uns die zwei Bände gesammelter Briefe
in seinen Lebensgang ein, die Martin Buber unter Mitwirkung von
F Ina Britschgi-Schimmer im Verlag Ruetten und Loening soeben
herausgegeben hat.
-Diese Briefsammlung umfasst zwei Jahrzehnte. Sie beginnt im
- Frühjahr 1899. Es ist die Zeit der Jahrhundertswende, die Zeit, da
- sich um die Brüder Hart und um Bruno Wille eine neue dichterische
Generation bildet, da die neue Lyrik ihren Aufschwung nimmt, da
- das ganze Leben in einen Lyrismus von Entdecker-Freude, Mensch-
heits-Beglückungswille und Naturbegeisterung eingehüllt "erscheint.
In jenen Jahren lernt Landauer seine zweite Frau Hedwig Lachmann
kennen, verbüsst er für sein unerschrockenes Eintreten für einen
nach seiner Ueberzeugung unschuldig verurteilten angeblichen Mör-
der eine längere Gefängnisstrafe, reift er in den Erkenntnissen philo-
sophischer und menschlicher Besinnung zu jenem Landauer heran,
der von nun an unermüdlich für-den Bau einer neuen Lebensgemein-
schaft der Menschen eingetreten ist.
Ihm bedeutet Sozialismus Aufbau einer neuen Lebensgemein-
. schaft — nicht etwas, worauf man wartet und das von aussen heran-
kommen soll, sondern etwas, womit jeder Mensch überall und zu
jeder Zeit beginnen kann. Sozialismus war ihm nicht eine Funktion
des öffentlichen Lebens, politischer oder wirtschaftlicher Institutio-
nen, er war ihm untrennbar verbunden mit allen Aeusserungen des
165
intimsten und privatesten Lebens. Das menschliche Dasein mit allen
seinen Aeusserungen, in seiner ungetrennten Einheit, sollte die Stätte
der Verwirklichung des Sozialismus sein.
Sozialismus und Revolution waren ihm, der sich vor allem Dich-
ter wusste, und dessen schönste Selbstzeugnisse in seiner Deu-
tung Shakespeares, Goethes, Hoelderlins uns
überliefert sind, im Grunde religiöse Kategorien, Erschütterung und
Umkehr des Menschen, Aufdeckung der verschütteten echten Lebens-
Wirklichkeit und Güte in jeder Seele, Schaffung echter, person
hafter Beziehungen von Mensch zu Mensch, von Ding zu Ding. Er
wehrt sich daher gegen all das Ueberwuchern der Betriebsamkeit,
der Organisation, der entseelenden Mechanisierung, wie sie der
moderne zentralistische Staat, die Grosstadt, der Kapitalismus mit
sich bringen. Dabei wurde er nie ein Schwärmer oder Träumer;
er blieb ein kühler, die Wirklichkeit sehender und durchschauender
Kopf. Er täuschte sich nicht — auch nicht über sich selbst. Und
er verstand vor allem die grösste und schwierigste Kunst — die
eigentliche sittliche Bewährung des Menschen — seine allgemeinen
sittlichen Forderungen auch auf sich anzuwenden, auch dann, wenn
seine und seines Kreises Interessen zu verlangen schienen, sie zu
verleugnen, wenn, wie es meist geschieht, man sich einredete, dass
hier ein besonderer Fall vorliege, der die Anwendung sonst gelten-
der sittlicher Forderungen ausschliesse. „Seine allgemeinen Erkennt-
nisse dann nicht anwenden, wenn man sie in eigenem Erleben zu
bewähren hat, ist würdelos.‘“ Diese Würde hat Landauer besessen.
Durch diese Würde ist er in unserer Zeit, in der Menschen nichts
so sehr tun, als allgemeine Erkenntnisse in ihrem eigenen Leben
nicht zu verwerten, zu einem Vorbild geworden.
So erwächst ihm auch der Sozialismus aus täglichem Leben. In
seinem „Aufrufzum Sozialismus“ finden sich auch häu-
fig heroische Töne, ein Anklang an den Schwung Fichtes und Nietz-
sches. Aber einem Freunde schreibt er: „Es ist ganz richtig: in dem
Aufruf geht Heroisches neben Unheroischem her. Müsste ich aber
wählen, was mir das Wichtigste wäre, so würde ich sagen: das Un-
heroische, das Stille, Schlichte, Geräuschlose, der Beginn der rech-
ten Wirtschaft. Die heroische Lebensauffassung erwächst auf einer
Lüge. Sie lässt das private Leben, das Wirtschaftsleben weiter wur-
steln und appelliert ans Ganze, an die Revolution. Die unheroische
Auffassung sagt: Mit eurem Privatleben, mit eurer Wirtschaft wer-
det ihr die neue Gestalt, werdet ihr die Revolution machen. Wer
warten will und sein Leben in Begeisterung und im grossen Aufruf
verbringen will, der möge es tun. Wer aber auf die Massen nicht -
warten, sondern ihnen aufs beste helfen will, der helfe mit seines-
gleichen, der eigenen inneren und Beziehungsnot, der helfe sich
selbst. Er beginne mit seinesgleichen das rechte Leben.“ Und auf
166
Kein ui ei
EA Ba ee er DE FR
_ dem Grabstein, der ihm gesetzt wurde, stehen die Worte aus seinem
„Aufruf zum Sozialismus“: „Es gilt jetzt noch, Opfer anderer Art
_ zu bringen, nicht heroische, sondern stille, unscheinbare Opfer,
um für das rechte Leben ein Beispiel zu geben.“ Aber dieser Be-
- ginn, der im eigenen Leben gemacht wird, muss auf das Ganze
gehen. „Wollen wir denn unser Leben für uns? Wollen wir nicht
vielmehr um der Völker willen das Mögliche tun und das Unmög-
liche begehren?“ Der Sozialismus ist kein Verstandes-System, es
handelt sich darum, aus dem ganzen erschütterten Leben der Men-
schen etwas Neues zu schaffen. Der Sozialismus ist für Landauer .
„ein Schöpfer des Lebens aus dem Quellpunkt des Herzens, aus der
_ Liebe. Bei mir fliesst diese Quelle, und bei mir schwingt das Letzte
und Umfassende, nennen Sie es meinetwegen das Absolute, bei mir
__ lebt es, auch wenn ich an die Einzelheiten der Verwirklichung gehe.“
Er war in den Jahren vor dem Kriege, da in Deutschland die Sozial-
demokraten den idealistischen Aufruf, den religiösen und kulturellen
- Appell des Sozialismus durch eine scheinbare Wissenschaftlichkeit,
durch Soziologie und Intellektualismus völlig ersetzten, der grosse
Rufer, der zur Selbstbesinnung, zur wahrhaiten Freiheit aus dem
tiefsten Menschengrunde heraus aufrief. Er wusste, wie Etienne de
"la Boetie, ein beinahe vergessener Denker der französischen Renais-
sance, den Landauer wieder entdeckte, dass die Macht des Tyran-
nen, des Staates, der Obrigkeit, des Kapitalismus über Untertanen
und Lohnarbeiter nur auf der Freiwilligkeit menschlicher Knecht-
schaft beruhe. Staat und Kapital sind Verhältnisse zwischen den
Menschen, historisch ererbtes Tun und Dulden. „Verhältnisse sind
das. Verhalten der Menschen. Und die Bedingung der Anarchie ist
für mich die Ueberzeugung, dass jeder Mensch die Möglichkeit in
sich trägt, sein Verhalten zu ändern, solange er lebt. Solange wir
innerhalb des Druckes und der Unfreiheit, die von aussen auf uns
lasten, die uns einengen, noch Spielraum haben, den wir nicht aus
füllen, in dem wir nicht alles zur Freiheit und Einung tun, woran
gar niemand uns hindert als wir uns selbst, solange, so bin ich
sicher, ist gar kein Gedanke daran, dass wir äussere Verhältnisse
im wesentlichen umgestalten. Und wer will das leugnen: dass wir
von dem Mass Freiheit, das wir haben und das uns gar niemand
nehmen kann, noch gar keinen rechten Gebrauch gemacht haben ?“
Es gilt für den Menschen, die Verantwortung zu fühlen, dass sein
Leben an grosse Entscheidungen gebunden ist, dieser Entscheidung
nicht auszuweichen und sich immer wieder und wieder darauf zu
besinnen, dass es heisst, mit dem Wirklichen zu beginnen und es
durchzusetzen. So war ihm auch der „Sozialist“, den er her-
ausgegeben hat, kein politisches Blatt. „Müsste ich einen Namen
für ihn wählen, so würde ich sagen, er sei ein philosophisches
Organ, da auch Ethik ohne jede Frage zur Philosophie gehört.“
167
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x
Sein Sozialismus, sein Anarchismus waren keine proletarische
Bewegung, sie waren eine menschheitliche Bewegung. Er kannte
keine Klasse, die der Träger des Sozialismus sei, nur Menschen, die
bereit sind, ihn zu leben. Darum war ihm der Sozialismus auch
kein Kind des kapitalistischen Zeitalters, kein „Kind des Dampies R
- wie er Marx’ Sozialismus nannte, sondern ging ihm weit in die Ver-
gangenheit zurück, in die von ihm so verehrte gemeinschaftserfüllte
Zeit des Mittelalters und weiter darüber hinaus in alle edle und
wahre Tradition des Geistes. „Ich will neue Mitlebens-Formen
schaffen, weil die wirklichen, die da sind, zu kümmerlich, zu eng
sind. Es sind spärliche Reste aus grosser Zeit. Wahnsinn aber wäre
es, die Formen des Bundes, die wenigen, die geblieben sind, auch
noch „abzuschaffen“! Formen brauchen wir — nicht Formlosig-
keit; Tradition brauchen wir — nicht Zuchtlosigkeit.“ Und an einer
anderen Stelle heisst es, dass um des lebendigen Neuen willen,
nichts lebendiges Altes „überwunden“ werden dürfe. „Vielmehr
wird das Neue gar kein reines Leben führen, wenn es nicht in der
heiligen Tradition steht.“ Von diesem Standpunkt aus und aus per-
‚sönlichen Lebenserfahrungen ist Landauer wohl selten schärfer und
bitterer geworden, als wenn junge Anarchisten oder Schwärmer die
Form der Ehe und andere noch lebendig überkommene Formen
zerbrechen wollten.
Und in der gleichen Weise hat er auch jenen in anarchistischen °
und sozialistischen Kreisen so häufig auftretenden A- und Inter-
nationalismus abgelehnt. Er wusste sich auch hier allem wahrhaft
Geistigen verbunden, das an Erbgut in der Nation erhalten ist. Er
wi
..
wusste aber, dass diese geistige Nation zu trennen ist von der poli- °
tischen Zwangsorganisation des Staates, von der äusseren Gier
nach Herrschaft, nach Machterwerb, nach Geltung. „Was mich an-
geht, so glaube ich nicht, dass mich einer an Nation, ich sage aus-
drücklich nicht an Nationalismus, übertreffen könnte. Nation ist ja
eine solche Gleichheit in den Individuen, ein Gefühl und ein Bereit- °
sein, die sich in freiem Geiste zur Einheit und zum Bunde bringen.
Die Vorstellung „Nation“ und „Zwang“ sind vollständig unverein-
bar. Nation ist das beste, weil das einzige im öffentlichen Leben
wirkliche Beispiel für das, was ich Geist nenne. Aber ich trenne die
Nation vom Staat, trenne sie sogar vom Boden und finde darin die
Aue Sr en sind Zeugnis einer Differenzierung
s menschlichen Geistes. Sie sind ab | ]
ae aber nicht Gegenstand eines
Hatte bis zum Weltkrieg Landauer nur Gelevenheit. ; i
. . eit t
Leben seine Grundsätze zu bewähren, so Ehe diese Bewährmd
jetzt in das Öffentliche hinaus. Landauer war einer der wenigen
Menschen, die den Krieg nicht willkommen geheissen hatten und
sich im Kriege treu blieben. Es gibt zwei Möglichkeiten in einem
168
ehmen: für die eigene Gruppe
mehr Freiheit und etwas wer
hat, sich gegen Begleiterscheinungen des Krie
den Krieg: selbst — und er weiss, dass es gerade im Krieg Pflicht
Sa
neuen Welten entgegenzustreben. Statt andere Regierungen und
‚ andere Völker zu richten, gilt es vor allem, sich und die eigenen
. zu prüfen. „Dass ich, was die Nationen angeht, nicht die leiseste
_ Ungerechtigkeit in mir spüre, dass ich in Trauer weiss, wie dieser
- Wahnsinn entstanden ist, dass ich mich ganz Deutscher weiss, und
doch nicht die Spur eines Mitgehens mit der Politik und Aktion des
_ deutschen Reiches in mir finde, dass ich die innige und erhabene
- Begleitmusik, die die echten Völker allesamt zum Tanz der Staa-
_ ten machen, bei den fremden so gut mitempfinde wie bei den deut-
- schen, dass ich das Menschengeschlecht in mir lebendig weiss und
5 er aufzugeben brauchte — das lässt mich wünschen, weiter zu
Eleben.‘
— Landauer sieht sehr wohl, dass die kriegführenden Staaten ver-
- schiedene Entwicklungs-Stadien repräsentierten, die nach ihrer Ver-
schiedenheit zu würdigen sind. Aber um dieser kleinen Ungleich-.
- heiten willen darf die Gleichheit des völlig falschen Weges, die
Gleichheit der Urschuld, der gegenüber die Unterschiede nur ge-
ringfügig sind, nicht übersehen werden. Die neue Menschheit, die
zu bereiten ist, ist durch keine der kriegführenden Parteien vertreten.
Es gilt, den ganz anderen Weg zu gehen, , die völlig verschiedene
Weise, die der Geist den Völkern vorzuschlagen hat.
‘ Wer dieses lehrte, musste einsam sein. Landauer hatte vor dem
Kriege sein Leben in grosser Einsamkeit verbracht, und erschütternd
- sind die Briefe, in denen er von der Qual dieser Einsamkeit spricht,
von dem Bewusstsein, den Menschen etwas zu sagen zu haben, das
- nicht gehört wird, von der ungeheuren Vereinzelnung, die ihm auch
in der anarchistischen Bewegung zufiel. Seine Schriften blieben un-
beachtet, seine Worte ungehört — und dazu noch ohne auch nur
einen Lichtblick. Jahre äusserster« Armut, ohne jede finanzielle
Sicherheit, ohne die Möglichkeit irgend einer Musse. Wahrhaft
erschütternd ist der Brief, den er an Fritz Mauthner richtet und in
dem er um die Sicherung eines monatlichen Einkommens von 150
bis 200 Mark bittet, um sich der Arbeit hinzugeben, die ihm auf
der Seele brennt. Gross ist es, wie er Mühsam gegenüber in einem
Briefe die Unabhängigkeit und den wahren Beruf des geistigen
Menschen darstellt. Wenige Monate vor der Revolution schreibt er:
169
oder für diejeni-
eiheit weniger Verschulden
Landauer geht keinen dieser Wege. Er bleibt ob-
gerecht — auch während des Krieges. Er weiss,
ges zu wenden, die es geben wird, solange es Kriege gibt, statt gegen
eines jeden gerechten Menschen ist, vor allem gegen die streng zu
sein, denen er sich verbunden fühlt und mit denen er versucht hat, #7
e n & ui 1
PTR N: ER TERRELTIERN, re
„Ach, wie man mich braucht, und wie ich keine Lust mehr habe zu
raten, was nicht befolgt wird, und zu kritisieren, was nicht ge
tan ist.“
Die Revolution kam, der Landauer so viel an Nachdenken und
Forschung gewidmet hatte. Vom ersten Augenblick an ist er sich
dessen klar, dass diese Revolution keine Revolution ist. „so stehen
wir vor der grössten Wandlung, ohne dass die meisten innerlich
Br. bereits gewandelt sind. Einen Moment lang selig sein und jubeln.
RZ. Aber nun weiter...“ Und dieser Brief an seine Tochter schliesst:
W „Uebe nur immer fleissig. Jetzt braucht die Welt Musik.“ Von An-
Bene. fang an sieht er den falschen Weg, den die Revolution einschlagen
. wird. Er kämpft an der Seite Kurt Eisners, des einzigen, in dem
er den wahren Geist der Revolution verkörpert sieht, gegen die
Einberufung der Nationalversammlung, gegen die Durchführung
von Wahlen, gegen die Pressefreiheit, gegen die Zulassung des alten
Partei- und Zeitungswesens. Vom ersten Augenblick an sieht er,
dass die alten Kräfte mächtiger sein werden, als das Neue, das sich
wehrt, da die Sozialdemokratie, die er sein Leben lang bekämpft
hat, auch hier die Revolution ausgeliefert hat. Ueberall sieht er nur
Rücksichtnahme auf die „besondere Lage“, auf den äusseren Feind.
Landauer sieht dies alles in voller Klarheit. Er weiss, dass die
Einberufung des Parlamentes das Ende der Revolution bedeutet. i
„Es kommt jetzt die Schicksalsstunde der Revolution unter ungün-
stigen Umständen. Es wäre besser gewesen, wenn man zur rechten
Zeit auf mich gehört hätte. Auch hier steht es schlimm: Eisner ist i
von der Situation und von seiner komplizierten Politik dahin ge
drängt worden, die. Unpolitischen und die Narren unter seinen
Freunden, d. h. fast seine einzigen Freunde, zu Feinden zu machen.
Was wird daraus werden? Langes, Schweres, verworren Wildes.
Ich glaube, ich bin der einzige Mensch, der dabei ruhig und freudig
bleibt. Mitten drin, wie von einem anderen Stern zuzusehen, ist
nur einem gegeben, der das alles schon im voraus längst erlebt und
unter sich getreten hat.“ Und er fühlt sich wieder so einsam wie in
seinem ganzen Leben. „Sollen wir nun schon wieder in der Zeit
sein, wo der Einsame recht behält und einsam bleibt? Schon bin
ich wieder fast so einsam wie vor der Revolution. Am Werk sehe
ich nur hilflose Verkehrtheit und Gemeinheit.“ Aus all dieser Bitter-
keit zog er aber nur die eine Konsequenz: noch besser als bisher
seine Schuldigkeit zu tun. Er tat sie ohne Hoffnung. Die bürger-
liche und sozialistische Presse jener Monate griff Landauer in einer .
bald lästerlichen, bald lächerlichen Weise an. Er war einigen
Wenigen eine grosse Hoffnung und ein grosses Versprechen. Aber
die Welt war so taub gegenüber seinen hilfebringenden Worten
dass ihm der Wunsch kam, zu verstummen. So kam er in allen Jahr-
zehnten seines Lebens nicht zu seinem Werke. Er blieb in der Vor-
170
ee a Biel chen zu a 2 eine Brick Be
ss wir vielmehr eine Biographie vor uns sehen, "AuS 22
lung der Persönlichkeit ebenso abzulesen ist, wie
ricklung ihrer Idee, und in der sich zugleich alle kulturel- -
itischen Ereignisse Mittel- -Europas in den ersten Jahr-
N ( ieses ‚abrhunderte FDRBeNS se slansckohn:
4
3, Begegnung mit: Mandauer.
"DE nun | dieses Heit, das zugleich ein wenig auf AEE, ersten Mai
ausschaut, durch etwas wie einen „glücklichen Zufall“ dem Ge-
dächtnis Gustav Landauers gewidmet wird,') so sei es mir erlaubt,
dem von zwei Andern, von denen Einer sein bester Freund war,
. über ihn Gesagten noch ein Wort hinzuzufügen, zu dem mich ein
inneres Gebot treibt. Es hat zunächst den Charakter persönlicher
Erinnerungen, diese sind aber wohl geeignet, auf die grosse Ge-
© stalt ein bezeichniendes Licht zu werfen.
— Für beides, mein persönliches Erleben mit Landauer, wie für
dessen allgemeine eseiehig, drängt sich mir das Wort „Begeg-
nung“ auf.
Ich habe Landauer, wie viele Andere ne mir, zunächst durch
das Buch kennen gelernt, das ihm selbst lange als sein Hauptwerk
galt, seinen „Aufruf zum Sozialismus“. Es ist ein Buch, das in
unsern Kreisen eine grosse Rolle spielte und auch jetzt noch leben-
dig wirkt. Auf mich selbst hat es damals nicht einen so starken Ein-
druck gemacht, wie das eigentlich hätte sein sollen und wie das
heute der Fall ist, wenn ich es wieder zur Hand nehme. Vielleicht
war ich, obschon bereits in lebhafter Opposition zum Marxismus
stehend, und dies besonders infolge der Erfahrungen, die man mit
der auf ihn gegründeten Bewegung beim Ausbruch der Krieges
und nachher gemacht, doch noch mehr als ich wusste, unter dem
Einfluss marxistischer Denkweise. Und ganz gleich wie mit dem
Aufruf ist es mir mit der von Landauer herausgegebenen Zeitung
(oder Zeitschrift) „Der Sozialist“ gegangen. Gerade diese Erfah-
1) Landauers Tod fällt auf den 2. Mai 1919.
171
TE Dun a ZE MAT B E A ar Fe re
a TEL, PR I ' AIR
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rung zeigt mir, dass Landauers Sozialismus überhaupt erst dann
recht verstanden werden kann, wenn der sozialistische Horizont un-
gleich weiter geworden ist als heute, so wie es das Wort Landauers
andeutet: „Niemand kann den Sozialismus verstehen ..., wenn er
nicht aus den Jahrhunderten und den Jahrtausenden herkommt.
Wer den Sozialismus nicht als einen Weitergang langer und schwe-
rer Geschichte erfasst, weiss nichts von ihm.“ ng
Persönlich bin ich dann mit Landauer zunächst durch einige
kurze Briefe und Postkarten zusammengetroffen, die wir während
des Krieges wechselten. Es war ja überhaupt die Opposition gegen
den Krieg und alles, was mit ihm zu schaffen hat, was uns zu-
sammenführte, wobei ich aber noch weit davon entfernt war, die
ganze Bedeutung des Mannes zu erkennen. Jedenfalls war er für
mich zunächst nur Sozialit — wenn ich so sagen darf — nichts
anderes, ich meine: nur der Vertreter einer bestimmten Art von
Sozialismus, nicht der umfassende, grosse Mensch und Pionier des
Geistes, der er war und ist. _
Dann kam er, noch am Anfang des Krieges, von Berlin, wo er
damals und überhaupt die längste Zeit lebte, nach Zürich. Ich be-
gegnete ihm zuerst auf eine sehr erhebende Weise. Damals war der
Sozialismus in Zürich infolge der Erlebnisse des Krieges voll Gä-
rung. Vom Anarchisten bis zum Grütlianer ging die Erkenntnis,
dass es gelte, den Sozialismus neu zu verstehen, neu zu begründen
und neu zu verwirklichen. Die Lage war also sehr, sehr anders als
heute! Der völligen inneren und bald auch äusseren Auflösung der
Parteiorganisation entsprach eine Tendenz zu einer neuen Samm-
lung auf einem allgemeineren Boden und in grösserer Höhe und
Freiheit. So wurde denn auch der Plan erwogen, zum Zwecke
‚Ireier Aussprache auf solcher Grundlage eine „Sozialistische Ge-
sellschaft“ zu gründen. Dieser Plan geriet in die Hände eines Man-
nes, der heute nicht mehr der Sozialdemokratie und dem Sozialis-
mus angehört, und durch Umstände, die mir nie ganz deutlich ge-
N, Sn Be Sache so heraus, dass in dieser „Sozialisti-
se = n ie = “ zu ungefähr gleichen Teilen „Religiös-Soziale“
„‚ınarchisten sassen, letztere vorwiegend vom Typus Brup-
bachers und unter seinem Einfluss stehend. Ich traf damals zum
ersten Male mit Brupbacher zusammen. Es ging nicht lange, bis
der Gegensatz zwischen den beiden Gruppen zum Bruch führte, Die
Gründung eines unabhängigen sozialistischen Blattes eriet in ‚die
Hände Brupbachers. Der „Revoluzzer“ entsprach nach sei-
nem Titel, noch nach seinem Inhalt unserer Absicht und Gesi
die vielmehr erst im „Aufbau“ einigermassen verwirklj bt ware
Wir machten aber noch eine Weile mit. Doch waren 2 hl ni ht
mehr als drei bis fünf Zusammenkünfte, die diese jalistis G
sellschaft zustande brachte. In zweien von ihne Be
n — es waren wohl
l
|
1
172
lt. Man muss nun 1, Vi srupbacher al:
utet. So gescheit und begabt er in mancher Bezie-
er doch als Philosoph ein Kindskopf. In einer jener
ungen nun trug eine Jüngerin Brupbachers eine schauder-
naturalistische Psychologie vor, die sie für die Grundlage des
alismus hielt. Dieser sollte nach Brupbacher etwa fünfundvier-
Triebe-der Menschennatur befriedigen und darin sein Recht
n. Als diesem Unsinn gegenüber ein philosophisch gründlich
bildeter „Religiös-Sozialer“ und ich selbst unsere Einwände gel-
tend machten, in dem Sinne, dass mit einem solchen Haufen von
Trieben nichts anzufangen sei, dass es gelte, zu wählen und zu
wert en, dass es neben und über dem Sein ein Sollen gebe und
so fort — da erschienen wir mit Gedanken, die schon damals fast
selbstverständlich waren, diesen Brupbacherjüngern als Vertreter
des „unstersten Mittelalters“, als viri obscuri seltsamster Art. Ent-
- setzt gingen wir auseinander, um dann noch einmal eine Aussprache
- zu versuchen. Als wir „Religiös-Soziale“ uns umsonst bemüht hat-
. ten, uns wenigstens verständlich zu machen, da erhob sich Lan-
dauer, der ohne unser Wissen anwesend war und nahm auf eine
Weise für uns Partei, die mir den stärksten Eindruck machte. Mit
“einer Sieghaftigkeit der Ueberzeugung und Kraft des Ausdruckes,
- die uns bei weitem überbot, vertrat er die These, dass der Sozialis-
mus durchaus auf das Fundament des Absoluten, des Reiches ewiger
und im tieisten Sinn geistiger Wahrheit gegründet sein müsse
und ohne dies sinnlos werde. Vor der Autorität Landauers — der
übrigens nicht nur philosophisch aufs Höchste gebildet, sondern
auch ein selbständiger Philosoph von bedeutendem Range war —
und vor der Wucht seines ganzen Wesens verstummte die Brup-
bacherschar mit samt ihrem Häuptling. Freilich wars dann mit der
- „Gesellschaft“ zu Ende.
Dieses Erlebnis enthüllt ein wichtiges Stück von Landauers We-
sen und Schicksal. Sein Sozialismus stammte aus den letzten Tiefen
_ des Geistes, er war, wenn man diese Wörter im besten Sinne nimmt,
-idealistischer, ja religiöser Art. Er war „Anarchist‘, das heisst: er
vertrat einen Sozialismus, dessen Gemeinschaft aus ganz andern
_ Wurzeln wächst, als das, was unter uns „Staat“ bedeutet, er war
also Anarchist in dem Sinn, wie es jeder sein muss, der mit oder
ohne Credo etwas von einem lebendigen Gotte und seinem Reich
weiss; aber er passte gerade als „Anarchist“ in keinen „Ismus“
hinein und stand unter den Anarchisten in einsamer Grösse fast —
oder ganz? — allein. Gerade das ist für das, was in ihm als Sozia-
lismus erscheint, bezeichnend: Sozialismus ist ihm eine Erfüllung
des Menschentums, die auf ihren Höhen notwendig in die
Einsamkeiten des Glaubens und Leidens führen muss. |
173
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char 5
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formell von entgegengesetzter Art. Ich kann jetzt nicht ohne ein Lä-
cheln daran denken. Denn ich vertrat, obgleich ich weder damals
noch früher ein Marxist war, doch Landauer gegenüber Einiges am
Marxismus, was ich für, wenn auch
gegen den ich auf keine Weise aufkommen konnte und den ich nie
vergessen werde. Ich denke in diesem Punkte zwar auch heute noch
so wie damals, aber ich hatte damals mit dem Marxismus doch noch
nicht meine schlimmsten Erfahrungen gemacht und mich nicht so
allseitig und gründlich mit ihm auseinandergesetzt, während Lan-
dauer sozusagen im Kampf gegen ihn gross geworden war. Sollte
die Sache vielleicht auch so liegen, dass Landauer als einem Sohn
Israel der Messianismus viel zu nahe lag, als dass er ihn in der
- marxistischen Form anzuerkennen vermocht hätte? Ich weiss es
nicht. Jedenfalls habe ich seither viel an die Stunde gedacht, wo
der Sturm dieses Landauerzornes über mich als Verteidiger des
Marxismus erging! Vielleicht verstehe ich erst jetzt nach und nach,
woraus sich in der Seele dieses Mannes ein solcher Grimm über
diesen angesammelt haben mag und ich denke: auch das ist wohl
eine Weissagung des Weges, den die Entwicklung des Sozialismus
nehmen wird.
Rätselhafter noch war mir damals die dritte Begegnung. Es lag
Landauer sehr viel daran, in Zürich einen Vortrag über Spitte-
ler zu halten. Wir setzten es bei dem damaligen Polizei-Angst- und
Willkürregiment mit Mühe durch, dass ihm der Schwurgerichtssaal
freigegeben wurde, allerdings nur unter der Bedingung, dass der
Vortrag nicht politisch sei. Mir war nicht ganz begreiflich, warum
Landauer so viel Gewicht darauf legte, gerade diesen Vortrag zu
halten. Auch mag sein, dass ich damals Spitteler in bezug auf den
menschlichen Wert seiner Dichtung (deren ästhetische Grösse ich
immer erkannte) noch eher ablehnte. So hat denn auch der Vortrag
selbst mir nicht einen sehr starken Eindruck gemacht. Jetzt verstehe
ich alles. Ich weiss aus dem Briefwechsel, wie sehr ihn die Behand-
lung empörte, die Spitteler wegen seines bekannten Vortrages über
die richtige schweizerische Stellung zum Kriege in Deutschland
sogar aus dem Kreise von Landauers Freunden erfuhr. Es ist für
mich ein ergreifendes Zeugnis von geistigem Verantwortungsgefühl
wie dieser Mann alles daran setzte, ein solches Unrecht wenigstens
durch sein persönliches Zeugnis gut zu machen. Dazu verstehe ich
jetzt auch aus der durch den Briefwechsel gewonnenen Kenntnis
seines eigenen heroischen Weges, seiner eigenen trotzigen und
ae an warum gerade ihn das gleiche Element in
pittelers Leben und Dichtung, besonders in seinem „Olympischen
174
Die zweite Begegnung fand in meiner Wohnung statt. Sie war.
durch Irrtum verhüllte Wahr-
heit halte, vor allem das, was ich seinen Messianismus nenne. Da
brach nun aus Landauer ein rechter Löwenzorn über mich herein,
BD
- Frühling“ so mächtig anziehen musste.‘) Und endlich wird mir an-
diesem Erlebnis nachträglich ein Hauptzug dieser Gestalt klar: dass
d
,
u A 12 a“
u
sein Sozialismus nicht eine isolierte Erscheinung, nicht eine Spe-
zialität, sondern die Auswirkung einer ganzen Welt des Geistes
war, der er noch auf ganz andern Wegen als den wirtschaftlich-
politischen diente. g
An dieses Letzte will ich eine weitere Bemerkung. anknüpfen,
zunächst etwas überspringend, das chronologisch nun an der Reihe
_ wäre. Ich habe — und das ist eine neue Begegnung mit ihm gewe-
sen — erst viel später, wohl ein Jahrzehnt später, nach und nach
Landauers sonstiges Denken und Schaffen kennen gelernt, sein so-
zialistisches, künstlerisches, philosophisches, und man darf ja wohl
. so sagen, religiöses Denken und Schaffen. Dieses tritt uns vor allem
auch aus den Werken entgegen, die sein letzter und grösster Freund,
Martin Buber, aus dem Nachlass herausgegeben hat.’) Wir stossen
schon hier auf einen Reichtum und eine Weite des Geisteslebens,
die den Rahmen, in den man sonst gern ein sozialistisches Leben
und Streben stellt, völlig sprengen, und stehen vor einer wirklichen
Führergestalt, die gerade, weil sie eine solche in ganz ausserordent-
lichem Masse ist, aus der Zeit hoch in die Ewigkeit aufragend, in
der Chronik-Zeit nicht zur Geltung kommen konnte. Landauers Bild
- hat sich dadurch für mich verändert, es ist viel reicher und auch
viel grösser geworden. Nicht vergessen darf ich unter meinen Be-
gegnungen mit Landauer die Trauerfeier, die Frau Margreth Hard-
egger nicht lange nach seinem Tode im Zürcher Volkshaus für ihren
grossen Freund und Führer abhielt, in dessen Wegen sie zwar nicht
immer ging, den sie aber genial verstand. Sie leistete diesen Dienst
der Freundschaft auf eine Art, die geeignet war, die Grösse des
Geschiedenen deutlich zu machen. Wenn es ein so kleines Grüpplein
war, das an jenem Sonntagnachmittag sich zum Gedächtnis eines
der grössten Sozialisten aller Zeiten in einem’ Arbeiter-Quartier zu-
sammenfand, so gehörte das wohl auch zum Gesamtbild dieses
Mannes und seines Loses, wie der damaligen (leider auch der jetzi-
gen!) Lage des Sozialismus.
Aber ich wusste trotzdem das Grösste auch nicht.‘ Ich erinnere
mich immer wieder eines Vorfrühlingstages des Jahres 1919, wo ich
mit einem Freunde, der auch Landauer nahe stand, von Zürich
') Spitteler hat gar nichts mit Aesthetentum zu tun; er ist eine Persönlich-
keit, ein Mensch und ein Mann, eine durchaus heroische Erscheinung.
2) Es sind bisher folgende: „Beginnen“, „Der neue Mensch“ und das
Shakespearebuch. Ich nenne dazu die von Landauer selbst herausgegebenen:
„Rechenschaft“, „Revolution“ und die „Briefe aus der französischen Revolu-
tion“. Da ich sehr weit abseits von meinen Büchern schreibe und mein Ge-
dächtnis für Worte und Titel schwächer geworden ist, so bitte ich um Ent-
schuldigung, wenn diese Angaben mangelhaft sein sollten; ich werde sie dann
berichtigen und ergänzen.
175
ach Herrliberg ging, um dort eine jener Siedelungen zu besu-
a die ja a : Ei: besonders am Herzen lagen. Wir sprachen
von ihm. Es war die Zeit der zweiten bayrischen Räterepublik. Ich
begriff nicht recht, warum er nach München gegangen sel, um an
Bestrebungen von mehr politischer Art teilzunehmen, die doch sei-
nem Sozialismus entgegenstünden. Der Freund verteidigte ihn und
wie ich jetzt, besser unterrichtet, einsehe, mit Recht. Und dann kam
im Mai die Kunde von seinem schauderhaften Ende. Damals, in der
Betäubung, worin man durch das allzuviele Erleben jener Jahre ver“
setzt war, hat dieses Ereignis mich zwar tief bewegt, aber wieder
nicht so tief, als es hätte geschehen müssen. Später aber, als die Be-
täubung gewichen war, die Ereignisse ihre richtigen Proportionen
bekamen und Landauers Gestalt für mich in die Höhe gewachsen,
auch mein eigener Kampf noch intensiver geworden war, zog €
immer mehr meine Gedanken auf sich. Namentlich machte mir die
Frage zu schaffen, warum denn ein solches Martyrium nicht stärker
wirke? Martyrium, Märtyrerblut gibt doch sonst einer Existenz
Sieg und Lebendigkeit wie nichts sonst; Landauers Märtyrerende
aber schien ganz zugedeckt und vergessen zu sein. Sollte es mög-
lich sein, sollte hier eine unverständliche Ausnahme von einer
Grundordnung der Welt vorliegen ?
Diese Frage ist mir wunderbar beantwortet worden durch die
Briefe Landauers, die Buber nun herausgegeben hat. Ich
betrachte ihr Erscheinen als ein Ereignis ersten Ranges, das freilich
nur nach und nach seine ganze Tragweite offenbaren wird. Für mich
jedenfalls sind diese Briefe ein solches Ereignis. Es hat mich ge-
waltig erschüttert und bewegt mich fortwährend aufs tiefste. Hier
enthüllt sich nun der ganze Landauer. Wir blicken in sein indivi-
duelles Dasein hinein, aus dem seine Bedeutung für das Ganze er-
wächst und das zu ihr gehört. Hier erfahren wir, wie er aus der
Enge in die Weite, aus allerlei Jugendgärung und Trübe zu seiner
Höhe mit ihrer Reinheit und Kraft, aus allerlei Tasten in Vorläufi-
gem zu seinem Wesen heranreift, hier überschauen wir seinen
ganzen Reichtum und sehen, soweit dies überhaupt möglich ist, in
seine letzten Tiefen; hier erhebt sich seine Gestalt zu ihrer letzten
en le abgelegt, das durch die Zeiten gehen
bestätigt en x x ,‚ das aber auch das ‚Wort Carlyles
ee jedes grossen Menschen ein Evangelium
Es ist mir so wenig möglich, von der Fülle i
ser Briefe richtig oder gar „erschöpfend“ zu ee In
dies von dem Hochgebirge tun wollte, in dessen Be; a
schreibe. Es ist bewunderungswürdig, mit welcher kaum sichtbaren
und gerade darum grossen Kunst die Hand des Freund di
Briefen das Heiligtum gebaut hat das nun des Fr Te: schon
» eundes schönstes
176
h gens zeigen —, wie auch diejenigen lebenden Men- 2
en bewunderungswürdig sind, ' die Briefe hergegeben haben,
rch die sie, menschlich und konventionell gesprochen, stark kom-
romittiert werden. Das ist eine Grösse der Wahrhaftigkeit und
Freiheit, wie sie gerade zum Bilde Landauers gehören.
Wenn ich nun Einiges hervorheben will, was an dem Leben,
. das sich so vor uns entfaltet und aus gewöhnlichem, menschlich-
3 irrigem Wesen und gärender Leidenschaft gewaltig in die Weite und
- Höhe, damit auch in die Klarheit und Ewigkeit hinein wächst, so
kann es also nur solches sein, das mich ganz besonders bewegt hat.
Da ist einmal Landauers Stellung zum Kriege. Nicht
- umsonst rede ich davon zuerst, wie es auch sicher nicht Zufall ist,
_ dass der erste Band der Briefe mit dem Ausbruch des Krieges ab-
schliesst. Denn im Kriege wächst Landauer sofort zu seiner ganzen
Vollgestalt empor. Der Krieg wird sein Schicksal. Auf ihn spitzt sich
sozusagen sein Leben zu. In ihm vollendet sich seine Einsamkeit,
_ aber durch ihn tritt er auch zuletzt in seiner ganzen Grösse und Be-
deutung hervor. Im Gegensatz zu fast allen scheinbaren Trägern
des Geistes und des Sozialismus’) ist Landauer von Anfang gegen
den Krieg und weiss er von Anfang an, wie es mit dessen Ursachen
steht. Das ist schlechterdings grossartig; aber es entzweit ihn mit
- den meisten seiner Freunde. Ergreifend ist, wie er, der „Nicht-
Christ“, während des ganzen Krieges mit der Familie das Weih-
nachtsfest nicht feiert, das wir „Christen“ wohl alle, wenn auch
schweren Herzens, gefeiert haben;’) ergreifend, wie er sich vornimmt,
in äusserster Schärfe, wenn auch ohne Pharisäismus, die Grenzen
gegen alle diejenigen zu ziehen, die während des Krieges versagt
!) Er empfindet „die Schmach der Benommenheit, Benebelung und Be-
soffenheit fast aller unserer Geistigen (— Intellektuellen, d. Red.) als das
Schlimmste“. „Alle Achtung vor den Epigonen von Clausewitz; „bin ich auch
ER durchaus nicht deiner Meinung über die Bedeutung des Wortes „Hel-
den“, so ist doch meine Achtung vor den europäischen Soldaten und ihren
“ militärischen Führern gross. Aber keine Achtung vor den Epigonen Spinozas
und Goethes und Fichtes; nichts..... hat in diesem Kriege so kläglich ver-
sagt wie der deutsche Geist.“
2) „In meinem Hause ist Weihnachten 1915 gerade so verpönt wie Weih-
nachten 1914. Verpönt als etwas, was die Familie in Beziehung setzt zur mit-
leidenden Menschheit; diese Beziehung soll zerrissen, soll in ihrem Nicht-
vorhandensein demonstriert werden. Aber jetzt, in nächtlicher Stunde allein,
darf ich wohl über die folgende Aeusserung das Datum der heiligen Nacht
setzen (1915).“
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rmeh-
TER aha AS aa LE ne N
De . P F u j' k
haben.') Ach, dass er das nicht mehr gekonnt hat! Wie nötig wäre
es gewesen! Er R
Der zweite Zug, nicht minder grossartig, ja noch grossartiger,
ist die Unbedingtheit, die im Leben dieses ‚Mannes hervor-
tritt. Von ihr wird heute viel geredet, aber es wird wenig davon
verwirklicht; Landauer redet auch von ihr, aber er handelt
mit Selbstverständlichkeit aus ihr. In diesem Leben gibt es nun wirk-
lich keinen Kompromiss in irgend etwas Wesentlichem. Dieser
Mann wagt es, alle reichen Möglichkeiten, durch Anpassung an die
Welt, die er verurteilt, durch- und vorwärtszukommen, abweisend,
mit seiner geliebten Frau und seinen Kindern eher dem Hunger
und Hungertod (das Wort ist nicht übertrieben!) ins Gesicht zu
schauen, als ein Jota von seiner „Seele‘“ (im Sinne Spittelers, aber
nicht nur Spittelers!) preiszugeben. Er zieht das Grauen der Ein-
samkeit dem Weg eines Erfolges vor, der durch das kleinste Opier
der Wahrheit erkauft würde. Man wird dadurch an Spinoza er-
innert, den er ja auch besonders hoch einschätzt, ihn freilich anders
verstehend, als man gewöhnlich tut. Und was vielleicht noch schwe-
rer ist: Er wagt es, jederzeit dem liebsten Freund die verletzendste,
aber notwendige Wahrheit zu sagen. Da wird nie etwas verschwie-
. gen, das doch gesagt werden muss, nie ein Kompliment gemacht, wo
eigentlich ein Tadel am Platze wäre. Da ist alles echt und stark,
sehr oft auch schroff wie Granit. Aber was für ein Mut, was für
ein Opfer bedeutet das für einen Menschen, der doch im Grund so
zart, so warm, so leidenschaftlich, so gemeinschaftshungrig ist, dass
der Tod der Gattin ihn seelisch tötet, und was für eine Erquickung
ist das im Wüstensand unserer Tage!
Wieder muss ich als grossartig bewundern, wie er die Sache
des Sozialismus von allem Falschen unerbittlich rein hält
und wie er damit das trifit, was heute immer mehr als wahr und
notwendig hervortritt. Schroff weist er jenen Libertinismus zurück,
der sich oft gerade in anarchistischen Kreisen damit verbindet; So-
zialismus ist nicht Zügellosigkeit, sondern neue Bindung und grös-
sere Treue. Ebenso schroff lehnt er alles ab, was nach Mache, nach
raschem Erfolg aussieht, was irgendwie unsolid ist. Mit einer
Handbewegung vollends schiebt er all den Plunder beiseite, der in
Sachen der Wissenschaft, Kunst und Bildung unser Vulgärmarxis-
mus auch heute noch als sozialistische, wenn nicht gar proletarische
(— Intellektuellen, d. Red.) werden ei i
des Geistes aufrichten. Dummheit, Gewalttätiglen und Pas
derer, die im Kriege Renegaten des Geistes geworden sind, werden verfehmt
werden.“ „Für die Reinigung, die von nun an unsere Aufgabe ist, fordere
ich, soll mans fanatisch oder terroristisch nennen, ohne Schonung, die ich
fürder nicht mehr kennen will, einen Glauben, ei u A
; ? „© } ‚ einen einzigen, den nämlich
den wir haben, wir alle, obwohl ihn die allermeisten in Re verschütten Ba
verleugnen oder verfälschen,“
178
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W,
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Kultur ausgibt und kultiviert, während er doch nur Ueberrest einer
abgelaufenen Epoche, dürftiger Abfall vom Tische der Aufklärung
und des Liberalismus ist. Gerade auch in diesen Dingen tritt das
Prophetische an ihm hervor; auch hier macht die Härte der Unbe-
dingtheit sich geltend. Und wie er in bezug auf den Sozialismus
. der hellsehende Hüter der Wahrheit ist, so auf dem ganzen Gebiet
des Geistes und der Kultur. Es ist erstaunlich, wie er, die eine
- Linie festhaltend, mit unbeirrbar richtigem Urteil so vieles ablehnt,
was damals noch gross und glänzend schien und vieles erhebt, was
- klein und verkannt war.
Ganz besonders gross aber erscheint diese überlegene Beherr-
schung der Zeit in den Tagen der Revolution. Und dieser Teil
seiner Briefe, wie seines Lebens, bezeichnet seinen tief tragischen
und doch zugleich versöhnenden Höhepunkt. Nun scheint alles sich
zu erfüllen, was er in Einsamkeit so lange erhofft. Nun lebt er, der
durch den plötzlichen Tod der Gefährtin im rein Menschlichen und
Natürlichen zutode Getroffene, auf, in Kraft des Geistes verjüngt
3 „wie Adler“. Wer jene Zeiten durchgelebt hat wie der Schreibende,
kann nur mit tiefster Erschütterung ihr Bild aus diesen Briefen er-
stehen sehen. Alle Leidenschaft jener Tage ergreift und schüttelt
ihn wieder. Und doch, es ist nicht mehr trübe und wilde Leiden-
schait, man wird emporgehoben in eine klare Höhe, man schaut
sub specie aeterni. Denn es ist ein „Abgestorbener“, der mit sol-
cher Lebensgewalt in die Zeit eingreift. Grossartig ist, wie er
nun seine Auffassung des Sozialismus im entscheidenden Augen-
blick vertritt. Da ist vor allem kein Doktrinismus. Landauer ist
nicht Gefangener eines eigenen Systems. Auch sein Anarchismus
ist keine Doktrin, geschweige denn ein Dogma, sondern eine
Methode, die er in Freiheit und Ueberlegenheit handhabt, ein
Gesichtspunkt, von dem aus er schaut und wirkt, immer in Frei-
heit er selbst bleibend und nicht Knecht seiner Methode werdend.
Er hält ihn nicht davon ab, in die Arbeit an politischer Gestal-
tung einzutreten, nur dass er dabei eben anders arbeitet, anders
gestaltet, als die vom Staatsbegriff Beherrschten. Es ist ergreifend,
wie unbefangen er, der Anarchist und Antimilitarist, einen Wilson
versteht und schätzt und den Völkerbund als etwas Grosses be-
grüsst. Wie sehr unterscheidet er sich auch darin von jenen Doktri-
nären und Dogmatikern, die meinen, ihrem System zulieb dafür nur
Hass und Verachtung bezeugen zu dürfen und solche, die anders
dazu stehen, als Abgefallene betrachten. Grossartig ist überhaupt
die Weite dieses Sozialismus. Er ist nicht die Anwendung ferti-
ger Formeln auf das schaffend aus der Tiefe drängende Leben, son-
dern ist dieses Leben selbst, ist unmittelbar, ist reich und frei wie
der Frühling, ist vor allem — ein bei Landauer sehr wichtiger und
für ihn sehr bezeichnender Zug — etwas, was nicht erst in einem
179
„Zukunitsstaat‘“ möglich ist, sond
ern schon jetzt verwirklicht wer
den kann und soll; er ist eine Gesinnung, eine Lebenshaltung; er
ist weniger ein neues Material als eine neue Form des Tuns oder
vielleicht noch besser: weniger eine neue Form, als ein neuer Sinn.
Er ist der neue Mensch und die neue menschliche Gemeinschaft —
Gemeinschaft, nicht Staatlichkeit!
_ Ebenso bewundernswert aber ist dieRic htigkeitdesUr-
teilsüber dieBewegungder Zeit, dann aber auch die
Richtigkeit der Gedanken, mit denen er diese Bewegung deutet,
mit denen er sie, so viel an ihm liegt, gestalten will. Was wir heute,
nachdem die Nebel sich etwas verzogen haben, allmählig erken-
nen, lag in völliger Klarheit vor den Augen dieses einsamen Zeit-
genossen. Nicht nur den Bolschewismus sieht er sofort, wie er ist,
und nicht nur erkennt er das Ungenügende an Karl Liebknecht und
Rosa Luxemburgs Wollen, er beurteilt auch die Möglichkeiten einer
deutschen Revolution mit einer staunenswerten Klarheit und Nüch-
ternheit. Aber ebenso gross wie in der Negation, ja noch grösser,
ist.er in der Position. Wenn wir heute lesen, wie dieser Mann sich
die Neugestaltung Europas und besonders Deutschlands dachte
so vermischt sich mit der Bewunderung für den Menschen, der das
alles zur rechten Zeit erkannte, der tiefe Schmerz darüber, dass da-
mals so wenige es gesehen haben, dass damals in jener fruchtbaren
und entscheidenden Periode des status nascendi so wenig von die-
sen grossen Möglichkeiten verwirklicht wurde.
Man mag gegen diese Gedanken Landauer -
heben, sie seien utopisch, „seien ein paar me se
kommen.‘ Aber abgesehen von der Banalität eines solchen Vor
wuris im allgemeinen, ist dagegen im besonderen vieles und Ent-
scheidendes zu sagen. Einmal: Es sind doch gerade diese Gedank
die jetzt wieder auftauchen und den einzigen Weg in die Zuk nit
weisen, den Lebendige heute gehen können. Ich "leak b dei
an seinen Föderalismus und seine Forderung einer den Mitte 1 Iter
aalaclen, n N aus neuem Stoff geformten Einheit ei Lebenä
dt stils. Ich frage sodann: Wer kann ermessen damal
möglich war und was nicht? E 1ei ir ei ee
Sn Rn a: grosse Wendungen de E
mehr „schöpferische Möglichkeiten“ enthalten. al i i
Menschen verwirklichen, wi n, als dan
ist, dass an solchen rn rn Er
grundes, die das vertreten, was dann durchdri n, rn Te
che des Hintergrundes erscheinen, die das kim nn
hinausgeht und das Eigentliche i&t währ - ündigen, was darüber
Ellen vollbringen. Zu diesen Deuchen Br
e. grösseren Gestalten gehört Landauer. Gewiss war 1910
180
noch eines, das uns rn | Fr er Höhe eh
ng weist: Es ist wieder ganz wunderbar, wie
t mitten in der Glut seiner ‚Hofinung und der Leiden-
es Kampfes sich über den Erfolg gar keinen Illusionen
\it dieser Antinomie stossen wir vollends auf das in sei-
esen, was wir vorläufig dessen M ystik nennen dürfen. Es
ein Zufall, dass er über die Mystik seine erste Schrift geschrie-
und eine Ausgabe von Eckeharts Schriften veranstaltet hat. An-
re Menschen sind entweder energisch dem Handeln zugewendet
au und bedürfen dann der Zuversicht, dass ihr Tun Sieg und Erfolg
haben werde, oder sie verzichten darauf, aber damit auch auf ein
_kraftvolles Eingreifen in die Welt. Landauer verbindet beides: die
_Glut der in der Welt schaffenden und kämpfenden Tatkraft und die
fe, selige Ruhe des der Welt Abgestorbenen. Wir stossen hier auf
in Rätsel, aber gerade dieses Rätsel weist uns zu jener letzten Höhe
und Tiefe dieses Mannes. Wer mit Gott, und in diesem Sinnein
_ Gott ist, der steht über Erfolg und Misserfolg, oder wohl besser:
wer in Gott ist, der ist des Erfolges ee gewiss, er hat ihn schon
in Gott!
— Wir können diese Art auch als das Religiöse in dieser Er-
-scheinung bezeichnen, das Wort von der „Religion“ (wie das von
der „Mystik“) in dem "besten Sinne nehmend, den es haben kann. In
‚der Tat ist das vielleicht das Erhabenste an dieser Gestalt, das, was
auch in jener Zürcher Zusammenkunft zum Ausdruck kam. Und es
ist vielleicht gerade darum erhaben, weil es nicht in religiöser
Form zum Ausdruck kommt. Landauer vermeidet jedes direkte
religiöse Credo. Das was wir mit dem ungenügenden Wort Reli-
- gion andeuten, ist mehr die Unendlichkeitsperspektive seines Hinter-
-grundes, ein gewisses Leuchten in diesem Flintergrunde. Vielleicht
dass, wenn er länger gelebt hätte, dieses Etwas noch in bestimm-
terer Form herausgetreten wäre; damals war dafür vielleicht noch
‚nicht die Zeit. Nur gelegentlich tritt es hervor und dann besonders
im Zusammenhang mıt Christus. Wir haben von der Art gere-
det, wie er Weihnachten heilig hielt. Gelegentlich finden wir Worte
über den Jesus-Zorn, dem der seinige sich verwandt fühlt. Ich
wage es zu sagen: es ist ein Christuszug an diesem Manne, an die-
sem Leben, wie er auch an seinem Gesicht besonders zuletzt auf-
fallend hervortritt. Vielleicht ist er auch darin eine Weissagung, ein
Hinweis.
Dieses Haupt ist von einem entmenschten Unteroffizier, den ein
höherer Offizier, Abkömmling eines bekannten Adelsgeschlechtes,
das einst bessere Vertreter gesehen, dazu angereizt, zertreten wor-
den — ein Ende, furchtbar wie wenige. „Dass ihr Menschen seid!“
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war sein letztes Wort. Landauer starb unschuldig. Er war nach
München gekommen, um Eisner, dem ihm, wenn auch nicht von 3
gleicher Statur, doch ähnlichen Mann, in seinem Werke beizustehen.
Er hat an der zweiten, verfehlten Räterepublik nicht teilgenommen,
hat stets von Gewalttat und anderer Verunreinigung der Sache ab-
Be, gemahnt, ist als „Idealist“ auf die Seite geschoben worden. Mit }
Be. welchem Recht erklärt er Freunden, einen Ausdruck prägend, der
B verdient, in den allgemeinen Gebrauch zu kommen, der wirkliche
7°. Landauer sei ganz anders als der „Zeitungs-Landauer“, ohne natür-
Ari lich verhindern zu können, dass zunächst der „Zeitungs-Landauer“
B, sich durchsetzte. So ist er als ein Märtyrer des Sozialismus und
BR) auch dessen, was mehr ist als Sozialismus, gestorben. Er war erst
3A 49 Jahre alt. Wir hätten ihn in diesen furchtbaren Zeiten so sehr
Be. nötig gehabt. In seinem Haupte ruhten noch Werke, die nach sei-
K nem Urteil noch mehr gewesen wären, als die bisherigen. Ein
a Shakespearebuch, das ihm unendlich am Herzen lag, ist unvollendet
geblieben — unvollendet das ganze Leben. Und doch vollendet —
\ vollendet durch das Grösste, was es gibt, das Märtyrertum, den
Tod im höchsten Sinn. Gerade das Unvollendete weist ja auf die
Unendlichkeit hin. Die ganze Erscheinung Landauers vollendet sich
in einem solchen Hinweis. Dieses Haupt ist vom eisenbeschlagenen
Schuh eines Unteroffiziers zerstampit worden, aber: „Es sei denn,
dass das Weizenkorn in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt es
allein, wenn es aber erstirbt, bringt es viele Frucht.“
Es kann namentlich Keiner die Briefe Landauers leben und dieses
Leben kennen lernen, der dadurch nicht grösser und freier, tapferer
im Kampf, völliger in der Hingabe, getroster im Erdulden, Gott
und Menschen — auch sich selbst — näher gebracht wird.
L. Ragaz.
KRLLLIELLIELLLIELLLELZEBETTILTIELITETEIZETELEELZEETIZZTTTZETTEETITDETTETETTETTITETIITETETTTETTDTEEITTEETTTLLESTTDDERTTTTESTTTTTTTETTTTTDTETTRTTRTRRETTRTTTITTTTN
“ : Berichte : 3
KLALLELEELLLELIELELLTIIELLLILEIELIELELIELIELZETEEZELZETEZETZETITTETTETTTTTTTTTTTTTTTTIITITTTTOITOTTOITTITTTITTTITTTTTTEITTITEITTTETRRRTPETTETTFEFRPFRFRFEN
IIRRTTERRTERRRRRERRRORENN,
TEL TI TI TTTT
ALLLETTTETTT
DLELESETETTTETETTTTTETTTTTT
Zurnintnanannnen
ar ne An
Jahresversammlung der Vereinigung „Freunde der Neuen Wege“.
Am 17. März fand im Heim an der Gartenhof i üri i b
‚a strasse in Zürich die Jahres-
versammlung unserer Vereinigung statt, zu der sich ein recht ar Kreis
von Freunden einfand. Wie letztes Jahr wurden die geschäftlichen Verhand-
lungen auf den Vormittag verlegt, ;
des yorbeschenen Thema S en um den Nachmittag ganz der Behandlung
182
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zeit erhöhten Umfanges wegen — dem Vermögen der Vereinigung aus dem
Betriebe der Zeitschrift nur eine wechäliniemsetie en sahne zugeführt
werden konnte, ergab sich trotz vermehrter Mitgliederzahl in der Rechnung
der Vereinigung auch dieses Jahr ein Rückschlag, der aber wie letztes Jahr
in sehr verdankenswerter Weise von beireundeter Seite durch eine Zuwendung
‚ausgeglichen wurde. Der relativ hohe Ausgabeposten für Petit-Satz liess die
‚Frage auftauchen, ob eventuell die „Berichte“ aus unserer Bewegung und un-
serer Arbeit etwas einzuschränken wären, die zahlreichen Aeusserungen in
der Diskussion zeigten aber deutlich, welch grosses Interesse diesen Berichten
entgegengebracht wird, sodass auch hier nicht Einsparungen erzielt werden
sollen auf Kosten der Reichhaltigkeit der Zeitschrift. — Die Jahresrechnung
‚wurde auf Antrag der beiden Revisoren unter bester Verdankung an unsere
bewährte Quästorin von der Versammlung genehmigt.
In seinem Rückblick auf das vergangene Jahr hob der Präsident verschie-
‚dene bedeutsame Aufsätze in den „Neuen Wegen“ hervor, die zugleich auch
die gegenwärtige Situation unserer Bewegung und die uns damit gestellten
_ Aufgaben beleuchten können. Er erinnerte insbesondere auch an das Sonder-
heit zum 60. Geburtstag unseres Führers und benützte die Gelegenheit, noch-
mals jenen Gefühlen grosser Dankbarkeit Ausdruck zu geben, die uns bei
jenem Anlass bewegten. Jeder Rückblick auf einen Jahrgang ‘Neue Wege“
endet ja unwillkürlich mit einem Dank für das, was uns durch die grosse,
überaus wertvolle Arbeit des Redaktors immer wieder gegeben wird, und
diesen Dank konnte der Präsident nicht nur im Namen der Vereinigung, die
die Zeitschrift herausgibt, aussprechen. sondern sicher auch im Namen jenes
weiteren Leserkreises, der sich im Geiste mit uns verbunden weiss.
Ins Tätigkeitsgebiet der Vereinigung gehört auch die Konferenz, die un-
sere Basler Freunde im letzten Herbst veranstalteten, und es konnte bereits
bekannt gegeben werden, dass im laufenden Jahre für die Zeit vom 6. bis
12. Oktober ein Ferienkursin Casoja auf der Lenzerheide vorgesehen
ist, der vor allem der inneren Klärung und Vertiefung dienen und dem religiö-
sen Problem gewidmet werden soll.
In der Aussprache über die „Neuen Wege“ gab vor allem Herr Ragaz
in längeren Ausführungen ein Bild vom Stand unserer Bewegung und ihrer
nächsten Aufgaben. Er erwähnte dabei insbesondere die sozialistische Strö-
mung innerhalb des Katholizismus, über die ja auch ein Aufsatz zur Welt-
‚lage orientierte, und berichtete über die Bewegung in Deutschland, wo kürz-
lich auch eine Zeitschrift für Religion und Sozialismus gegründet wurde.
Wenn auch dieses Unternehmen vielleicht nachteilig auf unsere Abonnenten-
zahl in Deutschland einwirken kann, so freut es uns doch herzlich als ein
Zeichen inneren und äusseren Wachstums der Bewegung, und die Gemein-
schaft mit der deutschen religiös-sozialistischen Bewegung kommt auch in der
Mitarbeit von Herrn Ragaz an der neuen Zeitschrift zum Ausdruck.
Mit Entrüstung nahm die Versammlung Kenntnis von der Amtsentsetzung
unseres Freundes Bietenholz durch die Basler Regierung und gab ihren Emp-
findungen über diese neue traurige Aeusserung des schweizerischen Militaris-
mus in einer Resolution Ausdruck. (Diese Resolution konnte den Lesern noch
im Märzheft bekannt gegeben werden.)
Am Schluss der Vormittagssitzung wurden noch die erforderlichen Wah-
len vorgenommen im Sinne der Bestätigung des zwöligliederigen Vorstandes
und des Präsidenten; für einen zurückgetretenen Rechnungsrevisor wurde eine
Ersatzwahl getroffen. Da sich der seinerzeit gewählte besondere Ausschuss
zur Erledigung geschäftlicher Fragen als überflüssig erwies, wurde auf des-
sen Erneuerung verzichtet. 2
Die Nachmittagsversammlung vermittelte der Versammlung die persön-
liche Bekanntschaft mit unserem Freund und Mitarbeiter Dr. Oskar Ewald
aus Wien, der uns ein vortrefiliches Referat über unsere Stellung zum Frei-
183
denkertum ij
setzung mit
"hat, die inzwischen in erweiterter Form auch als Buch vorliegt.‘) Gerade ii
_ nehmer der Versammlung deutlich geworden; denn nur ein lebendiger und 2
tum zu finden wähnen, wird imstande sein, das Freidenkertum innerhalb des
‘gaben derselben hineinzustellen. Wir dürfen drum hoffen, dass an dieser
En a a . -
o nr i ne N ve
innerhalb des Sozialismus hielt. Wie wichtig die Anka
nit dem Freidenkertum aufs neue geworden ist, hat schon ein /
satz von Ragaz in den „Neuen Wegen“ gezeigt, der bezeichnenderweise im
sigen sozialdemokratischen Organ etwelche Aufregung verursacht hat, uı
die Aussprache an der Jahresversammlung hat auf die Dringlichkeit
Auseinandersetzung hingewiesen. Unser österreichischer Freund war
ders berufen, diese Frage zu beleuchten, da er ja seinerzeit auch in
„Neuen Wegen“ eine grössere Arbeit über das Freidenkertum veröffentl
..
Hinblick auf dieses Buch, das wir unseren Lesern sehr empiehlen möchten,
können wir von einer Skizzierung des Referates absehen. Wie sehr uns das
neue Auftreten des Freidenkertums, an dessen Erledigung man eigentlich be
reits glauben konnte, an unsere eigene Aufgabe mahnt, ist wohl jedem Teil-
kraftvoller religiöser Sozialismus, der gerade das wahrhait vertritt, was so
viele von der offiziellen Religion enttäuschte Sozialisten nın im Freidenker-
Sozialismus zu überwinden und dem Sozialismus die wahre geistige Grund- 4
lage zu geben. A
So durften auch die Verhandlungen des Nachmittags dazu beitragen, uns
den tiefsten Sinn unserer Bewegung zu zeigen und uns in die grossen Auf-
Jahresversammlung nicht lediglich die üblichen Jahresgeschäfte erledigt wur-
den, sondern dass dieselbe uns innerlich bereichert und gestärkt wiederum
an die Arbeit gehen liess. Robert Lejeune.
‘
Mütter-Ferienwoche in St. Niklausen,
Im März des vergangenen Jahres hatte die Gruppe Knonaueramt der S. F.
F. F.?) einen jungen Zivildienstler eingeladen, der vom Zivildienst im allgemei-
nen und von seinen persönlichen Erfahrungen erzählte. Etwas von seiner
jugendlichen Begeisterung ist auf uns Zuhörerinnen übergegangen und hat das
Bedürfnis zur Tat ausgelöst. Der Wille zum Helfen und Dienen wird mächtig
in uns, und wir beraten sofort, was wir von unserer Gruppe aus tun könnten.
Die Mütterwoche, die alljährlich im Bendeli (Toggenburg) stattfindet, kommt
mir in den Sinn, und ich erzähle den Frauen in aller Kürze davon. Ja, etwas
Aehnliches wird wohl auch bei uns durchführbar sein. y
Der Bezirk Affoltern besitzt ein eigenes Ferienheim in St. Niklausen (Ob-
walden). Die Ferienkoloniekommission sowie die Gemeinnützige Gesellschaft
des Bezirks sympathisieren mit unsern Plänen. Das Heim samt Ausstattung
wird uns kostenlos zur Verfügung gestellt, nur für die Reinigung haben wir
aufzukommen. x
... Aber jetzt sehen wir uns vor die schwierige Aufgabe gestellt, Mütter, die
jahraus, jahrein ans Haus gebunden sind, frei zu bekommen. Da braucht es
ein gutes Stück Arbeit, wir müssen den Leuten persönlich nachgehen, zureden
und raten. Meistens nehmen sich Verwandte oder Nachbarn der zurückbleiben-
den Familienmitglieder an, oder dann beherbergen Ligafrauen die „Waislein“
in ihrem Heim für diese Zeit. Immerhin, leicht ist es nicht, ein solches eplag-
tes Hausmütterchen fortzubekommen und in den letzten Tagen gibt es a
schiedene Absagen. Doch wir geben uns alle Mühe, die Lücken wieder auszu-
füllen, und so sind wir denn auf den 27. September bereit. Drei unserer „Liga-
frauen“ sind schon am Tage vorher hinaufgereist, vielmehr hinauf befördert
worden, zusammen mit einem Berg von Obst, Gemüse und andern Esswaren
‘) Oskar Ewald, Freidenkertum und Religion. Rotapielverlag
°) Schweiz. Frauenliga für Frieden und Freiheit. D. Red.
184
Be
_ den dabei unterstützt vom Präsidenten der Ferienkoloniekommissin.
- _ Mir selber ist es beschieden, unsere Gäste hinauf zu begleiten. Die müden
f 4 hei Br
' NS je + i
7 { Y ”
gespendet wurden. Sie richten das Heim ein und wer-
{3
r
Frauen sind mir fremd, und fast ist mir bange, ob es mir auch gelingen wird,
ihnen das zu bieten, was mir so wichtig ist: ich möchte sie fühlen lassen, dass
_ wir alle zusammengehören und dass ein solches gemeinschaitliches Zusammen-
sein einem neuen Lebensmut, neues Vertrauen in die Menschen zu geben
vermaesnn- ;
. Unsere lieben Hausgeister, eben die drei „Ligafrauen“, haben alles so wohn-
lich eingerichtet, dass wir uns alsbald heimisch fühlen. Wir sind im ganzen
unser dreizehn. Jeden Tag und bei jedem Mahl ist es geradezu rührend zu
en wie unsere Gäste sich freuen können, weil sie jetzt einmal umsorgt
‚werden.
Den ganzen Sommer über hatte ich mir Mühe gegeben, eine Referentin zu
gewinnen; denn unsere Frauen sollten nicht nur körperliche, sondern auch gei-
stige Erholung haben. Aber gerade für jenen Zeitpunkt konnten sich die Be
treifenden nicht frei machen, und ich musste versuchen, die Sache mit eigenen
Mitteln zustande zu bringen. An den ersten beiden Vormittagen machte ich
die Frauen bekannt mit Entstehung und Zielen der Liga, damit sie auch wussten,
bei wem sie zu Gaste waren. Wir kamen dabei in ungezwungener Weise auch
auf so manche andere Frage zu reden, und es war mir eine grosse Freude,
- so viel Anteilnahme zu finden. Auf einen Abend hatten wir meine Cousine be-
stellt, sie sollte uns von ihren Erfahrungen im Volkshochschulheim Casoja
erzählen. Wie staunten da unsere Frauen, dass es so etwas gebe und dass jedes
Mädchen, gleichviel aus welchem „Stand“, dort willkommen sei. Am folgenden
Morgen war „Sprechstunde“, ärztliche Konsultation. Mein Vater, der mit
meiner Cousine heraufgekommen war, half auf diese Weise am Gedeihen unse-
res Unternehmens. Sehr willkommen waren auch seine Ausführungen über
Wohnungshygiene.
Die Nachmittage wurden immer zu Spaziergängen, sogar kleinen Touren,
benutzt A
Unvergesslich bleiben uns auch diese Erinnerungen. St. Niklausen gewährt
einen freien Ausblick gegen den Brünig, den Sarnersee, den Pilatus, das Stan-
serhorn und liegt zugleich am Eingang zum Melchtal. Wie freuten wir uns über
die frisch verschneiten Gipfel, als wir nach Melchtal wanderten, und wie ging das
Wandern von Tag zu Tag leichter! Unvergesslich vor allem sind uns die Plätz-
chen im Ranit und Flüeli. Herr R. Ganz, alt-Lehrer, hatte uns an einem Abend
durch einen Vortrag mit dieser ganzen Gegend vertraut gemacht; vom Römer-
turm des St. Niklauser Kirchleins, von der Kaplanei und besonders vom Volks-
heiligen Niklaus von der Flüe hatte er uns erzählt. Was wir da in Worten ge-
hört, sahen wir im Ranit und Flüeli im Bild.
Unten im Ranft, am Abhang gegen die sprudelnde Melchaa, steht die Zelle
des Chlaus. Fast unmöglich scheint es uns heutigen Menschen, dass ein geistig
so hochstehender Mensch in dieser Dürftigkeit zu leben vermochte. Das hab-
liche Geburtshaus im Flüeli mit seinen Zeugen aus alter Zeit interessierte uns
besonders. Das alles hat dieser heilige Mann verlassen, um in die Einsamkeit
zu ziehen. Dann das eindrucksvolle Bild von der Tagsatzung zu Stans. Wie
diese Herren der Regierung sich beugten vor dem Einsiedler in der armseligen
Hütte! Sie horchten auf den Geist, der aus ihm sprach.
An den zwei noch bleibenden Vormittagen griff ich zu Albert Schweitzers
Buch „Zwischen Wasser und Urwald“. Ein wenig wollte ich damit zeigen,
dass es heute doch auch noch Menschen gibt, die in die „Einsamkeit“ ziehen,
nur dass heute andere Probleme zu lösen sind.
War das alles nicht zu viel für eine Woche? Ausruhen, wandern, Vor-
träge, all die vielen Eindrücke? Ja, da hätte man unsere Frauen sehen sollen,
185
MA
N
wie sie in den Zwischenzeiten ihre Notizheitchen hervorzogen, um das und
ienes aufzuschreiben. Und wenn auch nicht alles haften gebli ist, sicher ha >.
Br Gedanken, Eindrücke mit nach Hause genommen, die auch das Jahr hin-
durch wirken werden.
Wenn ich an das letzte Mittagsmahl denke und wie da und dort eine Träne \
tropite, dann fühl ichs, dass ein Band der Freundschaft und Gemeinschaftlich-
keit uns immer verbinden wird, HedwigWalter
Zur Branntwein-Initiafive.
Es gibt in der Gegenwart grössere und wichtigere Dinge als
diese Initiative, die am 12. Mai nächsthin, nach einer siebenjährigen,
' verfassungswidrigen Verspätung endlich vors Volk kommen soil.
Anderseits aber gibt es auch kaum ein bezeichnenderes Beispiel für
die ganze Dekadenz unserer schweizerischen Gegenwartspolitik als
die Geschichte dieser Initiative. Diese Vorlage erstrebt ja nur eine
kleine, vorsichtige Erweiterung unserer Volksrechte, sonst nichts!
In Sachen Schnapskonsum marschieren wir Schweizer mit unsern
7,58 Liter pro Jahr und pro Kopf der Bevölkerung bekanntlich an
der Spitze der Nationen. Nun handelt es sich darum, dass unser
Volk zu Stadt und Land eine gesetzliche Handhabe für den Kampf
gegen diesen Schnapsunfug erhalte. — Warum macht man auch
ein solches Wesen aus dieser kleinen Sache? So etwas ist doch
ganz selbstverständlich, — in der ältesten Demokratie der Welt.
Weit gefehlt! Massgebende Politiker aus dem Bundesrat und der
Bundesversammlung mobilisieren . ihren ganzen Scharfsinn, um
unser Volk dahin zu beschwatzen, es solle gegen dieses neue
Volksrecht stimmen. Das selbe Schweizervolk, das vor den Wahlen
jeweils so umworben wird, soll die Erlaubnis zu einem selbständi-
gen Kampf gegen die verderbenbringende Schnapsflasche nicht
erhalten! Denn diesen Kampf besorgt in Zukunft der Bund mit
seiner neuen Revisionsvorlage von oben herab weit besser. —
so lautet jetzt die Parole.
In Wahrheit würden sich die beiden Vorlagen trefflich ergänzen.
Das Gemeindebestimmungsrecht bildete eine sehr wünschenswerte
Korrektur zu einer bedenklich schwachen Seite der Revisionsvorlage. -
Aber dies wollen die Herren der hohen Politik einfach nicht ver-
stehen. Vielmehr soll am 12. Mai das Volk gegen sich selbst ein
Misstrauensvotum abgeben. Auch ein Bestechungsversuch von seiten
der Likör- und Spirituosenhändler fehlt nicht und passt ins Gesamt-
bild. Wenn aber das Schweizervolk trotzdem ‚„Ja“ stimmt, dann
wird der 12. Mai zu einem Tag der Ehrenrettung für die schwei-
zerische Demokratie. Johannes Tscharner
186
na und zwar im RE einer warmen
i iesmal möchte ich nur. sagen: Es liegt uns ferne,
as Frauenstimmrecht sei ein Panazee gegen alle heuti-
‚ seis der Frauenwelt, seis der Welt überhaupt. Gewiss
ir alle und haben auch die Frauen Wichtigeres nötig. Dass
dl heutige Stimmen und Wählen etwas recht Problematisches
— ziehung ‚der Frauen in das heutige politische Unwesen nur eine
"Vermehrung des Uebels wäre, ist uns auch sehr klar. Ich darf wohl
R auf das hinweisen, was ich in der „Neuen Schweiz“ (im Abschnitt:
E- ‚Die neue Demokratie“) und in der Broschüre: „Was will und soll
Fi die Frauenbewegung ?“ (von der freilich die „Safta‘“ wie von andern
4 meiner Schriften nichts zu wissen schien) über das ganze Problem
ausgeführt habe, dazu auf den betreffenden Abschnitt in unserm
Ss Buch: „em sozialistisches Programm“. Aber es handelt sich heute,
besonders bei der jetzigen Bewegung in der Schweiz, nicht darum,
E wie man über diese Punkte denkt, sondern um die Wahrung
3 und Mehrung von Recht und Würde der Frauin
der Volksgemeinschaft. Davon soll vor allem das
nn rauenstimmrecht ein Ausdruck sein. Darum sind alle Frauen-
=
B
#
verächter dagegen. Wie wir im übrigen unser politisches Leben
künftig gestalten und umgestalten, ist eine Sache für sich. Ich denke
mir, dass gerade dabei Mann und Frau zusammenarbeiten müssen.
In diesem Sinne bitte ich unsere Freunde, dass sie sich mit
Wucht und Eifer für die Sache einsetzen und dafür sorgen, dass
die kurze noch übrige Frist bis zur Ablieferung der Unterschriften
gut ausgenützt werde. Denn die Petition sollte, um Eindruck zu
- machen, viele hunderttausende von männlichen und weiblichen
Unterschriften tragen. ErRagaz.
PTTTTTTETTTTTTTITTETTTTITTETERLITETTTRLTLLTLTTETTTELELEPLELERRTRETLLTTLTTRTTRLETTLLLLESLETFERTETTEETERTTTTERRTTTESTTSTESTETTESTESTTETETTESTESTTSTTITTETTETTEITTTERTETTTETERTITTERTEETTTTTETE
Zur ne
HLLLIRKREITILEREESHRRTETLHTRRRARENKHRARILLRKNTRATIRRARITHNRTTRRRGENTERRRAATTETORRENGSRRIEHTERETRRERTLONAASTLDEONESERRRRTRRERTTTRERRTLRRRRNARRHTTIRRERSLLRRTRÄERTRLREHTDERKRTENER TAN]
Katholizismus und Sozialismus.
II.
Die liberale Auffassung der Wirtschaft ist eine wahre Pulverisie-
"rung des Menschengeschlechtes. Es liegt ihr eine ganz mechanisch
187
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3 F
IR ng
er,
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Fa”
ZIITERBRRREEEIE
AUDELTERRELKTNEN
BERRERRERRERERNN
rlich von der Sache reden wollen wir ein
en wir olit genug bezeugt. Und dass eine blosse Hinein-
rationalistische Auffassung, wie sie dieser ganzen Partei ei
grunde. Sie ist eine genaue Anwendung der Lehren des M:
mus auf das arme Menschengeschlecht. Wie nach dieser Le
geblich sich alles Sein in Stoffatome als Grund von ‚allem |
und wieder zusammenfügt, so soll es mit dem Arbeiterstande
macht werden. Das ist das tiefste, alles erklärende Prinzip der
dernen Volkswirtschaft. |
Diese falsche Lehre sieht kein Unrecht darin, das zur Beiriedi-
gung der ungemessensten Habsucht, der ausschweiiendsten Sinnen- |
lust zu verwenden, was Gott zur Nahrung und Bekleidung aller
Menschen bestimmt hat, indem sie die edelsten Gefühle in der Men
5“ schenbrust unterdrückt und eine Härte, eine Gefühllosigkeit gegen
. das Elend der Menschen erzeugt, wie sie kaum unter den Tieren
sich vorfindet, indem sie einen fortgesetzten Diebstahl für Recht
erklärt. Ketteler: A.a.0.
je
ERW,
£ R
R
Das Wesen des modernen Kapitalismus duldet weder eine Herr--
schaft des Geistes, noch sonst irgend eine Macht über sich; es besteht
in der Akkumulation, dem Trieb nach Selbstvermehrung, nach be-
dingungsloser Ausbeutung, nach Allmacht. Nicht mehr dem Bedürf-
nis dient das Kapital, die Produktion, die Technik; das menschliche
Bedürfnis dient umgekehrt dem Kapital. Der Zweck: Kapital und
Produktionserweiterung, Erlangung von Gewinnraten, von Divi-
denden, und der Zweck der Dividenden, da sie doch unmöglich von
der zahlenmässig kleinen Schicht von Produktionsmittelbesitzern
aufgezehrt werden können, weitere Akkumulation, neue Produk-
tionsmittelvermehrung, ein sinnloser, grauenhafter Kreislauf; eine
Spirale ohne Ende (wirklich ohne Ende?); eine menschliche Selbst-
schändung, die — im christlichen Abendland begangen — nach
geistiger Wertung jedes Ausmass übersteigt. Die Welt des Kapi-
‚talismus ist die Welt der Zahlen, der Buchführung, der Rechen-
ee. maschine. |
5 u Wie wäre Religion bei einem System der Profitanbetung mög-
Ke: lich? Kapitalist sein, heisst: nicht Gottes-, sondern Marktanbeter |
ee sein. Der materialistische Glaube an die Notwendigkeit unbe-
schränkter Produktion als das einzige und tiefste Ziel unseres Le-
bens, verträgt sich nicht mit dem religiösen Glauben. Ko
A E. M. Cogan, in „Hochland“.
Br Christus und mit ihm seine Kirche, die katholische Kirche, steht
mit ihrer Lehre voll und ganz auf Seite der Arbeit und brandmarkt
| jeden, der mehr einnimmt, als er geleistet, als Wucherer, als
Dieb. Da nun die kapitalistische Wirtschaft Ge-
winnwirtschaft ohne entsprechende Arbeits-
leistung ist, da die kapitalistische Wirtschaft auf arbeits--
188
en M
mit ihm das Christentum die „kapitalistische
“ als Wucher verurteilen. Der Besitz an Produktions-
als solcher schafft keinen Mehrwert, sondern nur die Ar-
d an diesen Mitteln. Was der einzelne nun erarbeitet,
_ darum ist es selbstverständlich, dass Christus sein Gebot verkündet:
„Dusollstnichtstehlen!“ Aber aus der Missachtung die-
ser Grundsätze, durch die Christus die Arbeit im Interesse der
menschlichen Gesellschaft ordnet, kommen 'alle jene furchtbaren
sozialen Zustände der Verelendung, die wir im sogenannten Prole-
; tariat vor uns sehen. Denn die kapitalistische Wirtschaft sieht im
_ Menschen nur die Arbeitsmaschine, betrachtet seine Arbeitskraft als
blosse Ware, eignet sich in skrupelloser Weise die Früchte
> seiner Arbeit an und erzielt auf diese Weise riesige arbeitslose Ge-
- winne, die wieder als Mittel zur weiteren Versklavung ausgenützt
- werden. Es ist das um jeden Preis nur Gewinnen- und Verdienen-
_ wollen auf‘ Kosten der Arbeit anderer, ohne dafür selbst einen
_ Gegenwert zu leisten. | I
Die kapitalistische Wirtschaftsordnung war es vor allem, die
- mit der Maschine die Produktion und die Arbeitsteilung geradezu
ins Ungemessene treibend, soziale Uebelstände ganz besonderer Art
geschafftenhat— dasProletariatmitdemungeheuren
_ BergvonElendaller Art, das Proletariat, das sich zwar
aufbäumt, aber vom kapitalistischen Moloch unbarmherzig geires-
sen-wird. Es sei nur erinnert an die ungesunden Verhältnisse, unter
- denen die vielfach in Fabriken und Schächten zusammengeballten
Menschen zu arbeiten gezwungen sind, an die öde Einseitigkeit der
Arbeit, an die aufreibenden Nachtschichten, an das Herausreissen
der Mutter aus der natürlichen Arbeitsgemeinschaft der Familie, an
die düsteren Mietskasernen, an die finsteren Kellerlöcher und muf-
_ figen Hinterhauswohnungen, an die nicht seltenen Massenkündi-
gungen von Arbeitern mit all den Flüchen und Verzweiflungs-
schreien, die sie begleiten, an alle die Tausende und Abertausende,
‘denen Erholung und kulturelle Bildungsmöglichkeiten so gut wie
gänzlich fehlen, an das grosse Heer jener, die in der Sozialdemo-
kratie einen Verzweiflungskampf um ein menschenwürdiges Dasein
führen und denen dann zumeist ein freudloses Alter voll Not und
Entbehrung winkt, wenn sie nicht schon vor der Zeit körperlich
und seelisch zermürbt ins Grab sinken. Dass das ideale, natürliche,
_ also von Gott gewollte Zustände seien, die das Christentum billigen
kann, wird niemand zu behaupten wagen. Wenn das aber unerträg-
liche, unmoralische Zustände sind, wenn das Christentum also auf
Seite dieser Ausgebeuteten und Entrechteten und Enterbten steht,
189
t auf Beschlagnahme des von den
‚ehrwertes, eingestellt ist, so
ihm, ist sein Eigentum, Privateigentum. Und
seiner Lehre nach stehen muss, so muss es naturgemäss sich gegen
jenes Wirtschaftssystem wenden, das zwangsgängig solche Verhält-
nisse geschaffen hat und immer wieder schaffen wird, nämlich ge-
gen das kapitalistische Wirtschaftssystem
Der Kapitalismus ist ein rein materialisti-
sches Wirtschaftssystem, dasaufder Lehrevom
absoluten, pflicht- und schrankenlosen Eigen-
tum aufgebautist. Das, was wir als Kapitalismus bezeich- |
nen, ist jenes System, das die Wirtschaft um seiner selbst willen be-
treibt und den Gewinn, die RentabilitätumjedenPreis
als oberstes Ziel des Wirtschaftens aufstellt.
Die historische Voraussetzung des Kapitalis- |
mus, ohne die es einen Kapitalismus nicht gäbe, ist die Zwei-
teilung der Gesellschaft in Besitzer der Produktionsmit-
tel (Geld, Rohstoffe, Boden, Maschinen u. s. w.) und freie Arbeiter,
die nichts haben als ihre Arbeitskraft, die sie an den Produktions-
mittelbesitzer zu vermieten gezwungen sind, um leben zu können.
Der Kapitalismus nützt nun seinen Besitz, sein Geld, seine Sach-
werte skrupellos aus. Er frägt nicht darnach, ob das, was er her-
stellt, sozial gut ist oder nicht. Er behandelt die Men-
schenarbeitalskäufliche Ware, mit der er Geschäfte
macht. Er beutet die Notlage der nach Arbeit fragenden Menschen
aus. Unbarmherzig macht er den Menschen zu seinem Sklaven. Es
kümmert ihn gar nicht, ob andere dabei zu kurz kommen. Um die ”
Wahl der Mittel ist er nicht verlegen. Dass auch der Arbeiter ein ?
Recht auf ein menschenwürdiges Dasein hat, dieser Gedanke kommt °
dem Kapitalisten nicht. Die Wirtschaft, d. i. das Gewinnen um,
jeden Preis, ist dem kapitalistisch eingestellten Menschen alles, die
Moral hat in der kapitalistischen Wirtschaft nichts zu sagen. Ge-
rade der Kapitalismus hat es verstanden, die Erfindungender
Technik sich dienstbar zu machen und jene Grossindu-
strie zu schaffen, die vielfach dem kapitalistischen System die’
besten Vorspanndienste leistet. Der Kapitalismus erntet dort, wo
er nicht sät. Er heimst die Früchte der Arbeit von Tausenden und
Abertausenden und Hunderttausenden, die Früchte, die diesen ge-
hören, ein, lebt also von der Arbeit anderer. Der Kapitalismus ist
höchst unsozial, er ist heidnisch. Einen christlichen Kapitalismus
kann es also nicht geben, weil er ein in sich selbst schlechtes, un-'
moralisches System ist, in dem Gerechtigkeit und Nächstenliebe un-
bekannt sind und Menschen wie Maschinen gewertet werden. Der
Kapitalismus bezieht -arbeitsloses Einkommen aus
blossem Besitz, und viele Arbeit, die er leisten
lässt, ist unsoziale, verderbliche Arbeit da er
vielfach aufdie Genussucht der Massen speku-
liert. Der Kapitalist lässt andere für sich arbeiten; er zahlt wohl
190
lass
et wird, das verantwortungslose, will-
£ ven’E rdengütern unter Missachtung der Rechte
‚anderer,.vor allem.aber die-Trennung der Pro-
duktionsmittel von der Arbeitskraft als ge-
- schichtliche Voraussetzung, machen also ein
- Wirtschaftssystem zu. einem kapitalistischen.
_ duktionsmittel dem Kapitalisten die Möglichkeit, den Arbeiter aus-
’zubeuten und zu übervorteilen. Wer nichts hat als seine Arbeits-
_ kraft, ist dem Kapitalisten erbarmungslos ausgeliefert. Die Anhäu-
"WW DWIBE
fung arbeitslosen Einkommens aus dem Titel des blossen Besitzes, .
die Aneignung des durch fremde Arbeit geschaffenen Mehrwertes,
nicht aber die Rücksicht auf die Allgemeinheit, bestimmen das Vor-
liebe walten lassen und deren hartes Los bessern wollte, so wird
sein gewiss edles Streben dennoch umso weniger Erfolg haben, je
_ radikaler in einer kapitalistischen Wirtschaft die Trennung zwischen
- Produktionsmitteln und Arbeitskraft durchgeführt ist. Er muss die
Praktiken des Profitjagens in der Form der Einheimsung des Mehr-
wertes eben mitmachen, er muss also seine Arbeiter schädigen, da
er sonst. selbst als Unternehmer zugrunde ginge.
KapitalismusistalsodieAusnützung desBe-
Besitzesan Sach- und Geldwerten als solchen zu
arbeitslosem Gewinn ausreinem Erwerbsinter-
esse, unbekümmert darum, dass dieser Erwerb
stetsauf Kosten der Arbeit anderer geht. Kapita-
- lismus ist jenes Wirtschaftssystem, das von dem materialistischen
Grundsatz ausgeht: Jeder kann mit seinem Vermögen machen, was
er will.
blossen Titel seines Besitzes zufliesst, geht naturgemäss einem an
deren, der ihn geschaffen hat, ab, ist diesem genommen, ist also
191
Kir
er
a n 2 ol 1,
s Wirtschaftens, die Gesinnung, mit der der
ebrauch der Erdengüter ihrer selbst willen
ürliche und rücksichtslose Wirtschaften mit
- Im kapitalistischen Wirtschaftssystem gibt der Privatbesitz der Pro-
Was dem Kapitalisten ohne Arbeit als Mehrwert aus dem
> Elend bezeichnen. Das Proletariat, die vom
f Pr Wirtschaft. Es ist die Masse aller derer, denen der Kapitali
lismus ausgebeuteten und betrogenen |
schen, sind demnach eine notwendige Begl:
erscheinung, eine Folge der kapitalistisch:
mus praktisch das Recht auf den vollen Ertrag ihrer Arbeit 2 Br
spricht. Zu diesen Proletariern, also zu denen, die weniger einneh-
men, als sie arbeiten, gehören aber nicht bloss die Fabriksarbeiter,
es gehören dazu heute so ziemlich alleehrlich schaf-
fenden Stände, alle, denen es heute trotz ehrlicher Arbeit und
ehrlichstem Arbeitswillen nicht möglich ist, sich ein menschenwür-
diges Dasein zu schaffen. Das Proletariat rekrutiert sich aus allen
"Ständen. Denn unter dem kapitalistischen System seufzt auch der
Bauer — man denke an die hypothekarische Verschuldung unseres
Bauernstandes — der Handels- und Gewerbetreibende, der Beamte,
die ehrlich schaffende Industrie, die Angehörigen der freien Berufe.
Das Volksvermögen, die Real- und Sachwerte sammeln sich und
ballen sich zusammen in den Händen einiger weniger und machen
. die zu Arbeitsmaschinen verurteilten Menschen zu reinen Skla-
ven. — — — — — -
Unsere kurze Ausführung zeigt ohne weiteres, dass Chri-
stus, dassdasChristentum, dassdiekatholische
Kirche als dieKirche Christieinzig und allein
nur auf Seite des Proletariatesgegen den Kapi-
talismusstehenkann. Es gilt ja, die einfachsten Menschen-
rechte, das Recht auf den vollen Ertrag der Arbeit, das Recht auf
menschenwürdiges Leben, «las Hunderttausenden durch das kapi-
talistische Wirtschaftssystem in skrupellosester Weise geraubt wird,
gegen jeden Kapitalisten zu verteidigen. Aber es gilt auch, den
kapitalistischen Geist, der unser ganzes Wirtschafts-
leben oben und unten bewusst und unbewusst verseucht, aus den
Köpfen und Herzen auszutreiben, auch aus den Gehirnen der Prole-
tarier. Denn alles spricht nur von Wirtschaft, von Produktion, von
Konsum und Organisierung der Arbeit, von Gewinn aus Besitz,
aber niemand spricht von Moral, von den Forderungen des Chri-
stentums, von Religion. Denn ihn, der allein Rettung bringen
kann, Christus, lassen sie alle abseits stehen.
Die Vertreter des Christentums, die Kirche als solche
hat daher, das ist meine tiefste Ueberzeugung,
inderGegenwartkeine wichtigereund dringen-
dereAuigabe,alssichmitdem Proletariatgegen |
denübermächtigen Feind, gegen den Kapıtal ad
mus, zuverbinden. Es gibt für die Seelsorge von heute aber -
. 192
ıghaft, sondern mit der ganzen Inbrunst der Ueberzeugung,
Proletarier ist Mensch, ist Gotteskind, hat ein Recht auf menschen-
_ würdiges Dasein, wie der Kapitalist. Da gibt es kein Ueberlegen.
Nur die Tat, das Christentumder Tat, kann uns helfen. Der
2 _Proletarier will Gerechtigkeit, er will Schutz für seine Arbeit und
& Zuerkennung des Rechtes auf Arbeit in dem Sinne, wie wir in den
E vorausgehenden Erörterungen schon des öfteren näher umschrieben
R ‚haben, und das will auch das Christentum. In diesen Forderungen
begegnen sich beide. Wenn aber die Kirche, d. h. die Vertreter der
- Kirche, für das Proletariat ehrlich und rückhaltlos eintritt, dann
wird der Proletarier an die welterlösende Macht der Kirche Christi
; glauben. Er wird aus einem grollenden Feind der Kirche bald ein
5 überaus wertvolles Glied derselben werden, wird deren bester Apo-
—_ stel sein. So, und nur so, überwindet man Sozialdemokratie, Bol-
— schewismus, Kommunismus und Anarchismus — durch die christ-
liche Tat, durch die Sorge für die entrechteten Menschen ohne Un-
N. terschied. Das ist diekatholischeAktion,diewirbrau-
chen: die Befreiung des Proletariates aus den
Klauen des unersättlichen, unbarmherzigen
kapitalistischen Molochs und die Zurückfüh-
erungs auch des Proletariates zu der rückhalt-
Bilosen, richtigen Einstellung auf die Forderun-
Be sen des wahren ökonomischen Problems im
— Sinne der Lehre Christi. Damit fordern wir aber ‘nichts
anderes, als was schon im Auftrag seines Meisters Christus der
Apo stel Jakobus in seinem Brief, 2. Kapitel, fordert.) — —
Für das System der kapitalistischen Wirtschaft gilt das Wort
Christi: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“,
sowie die Bitte des Vaterunsers „Unser tägliches Brot gib uns heute“
nicht, sondern es hat sich zum absoluten, unumschränkten Herrn
der Güter des Diesseits aufgeworfen. DerKapitalismusist
derEgoismusinReinkultur. Joh. Uhde: A. a. O.
Nicht ungestraft tritt der Mensch Gesetze mit Füssen, die der
Allmächtige gegeben hat. Denn sie bleiben doch in Geltung und
Kraft, müssen bleiben — nur kann sie die Torheit der Menschen ver-
*) Vgl. Jakobus 2, 1—13. D. Red.
193
5 'eriellen Unterlagen:
lfen, San die den einzelnen Men-.
den Familien die praktische Befol-
-derZehn Geboteleichtermöglich gemacht
Also rücksichtslose Kampfansage gegen den Kapitalismus,
auch die Proletarierseele ist kostbar, ist unsterblich, auch der
kehren aus wohltätig ordnender Fürsorge des Allwissenden und
Allgütigen in furchtbare Geisseln des göttlichen Zornes. en
Schweisse deines Angesichtes sollst du dein Brot essen we
die Menchen es zustande gebracht, Brot ohne Arbeit herzustellen?
-Sie.haben es versucht: durch den Zins. Da es aber nun einmal ein
Naturgesetz ist, dass Brot nur von Arbeit kommt, so mussten sie es
‚der Arbeit nehmen, um es dem Wucher geben zu können. Nur so,
war es möglich, das Gesetz zu umgehen, dass man der Arbeit das
Brot nahm, das sie in ihrem Schweisse geschaffen hatte. „Im
Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“ Da man
der Arbeit das Brot nahm, das ihr gebührte, um es dem Kapital zu
geben, das es nicht hervorgebracht hatte, musste die Arbeit hun-
gern. Und so kam der Riss in die menschliche Gesellschait, der
grosse Riss, der sie scheidet in eine kleine Klasse von faulen Essern
und in eine grosse Klasse von hungernden Zinsknechten. Und mit
diesem Riss ist der Friede von den Menschen gewichen, und er
wird nicht wiederkehren, ehe der Riss nicht verschwunden und das
göttliche Gesetz nicht wiederhergestellt ist. „Im Schweisse deines
Angesichts sollst du dein Brot essen!“ Weil die Menschen das von
Gott dem Herrn gegebene Fundamentalgesetz der Volkswirtschaft
für alte Mode hielten, die man ganz rückwärts in den Kasten hängt,
müssen die einen im Ueberfluss ersticken, während die, die ihnen
den Ueberfluss schaffen, in Not verdorren. Muss das so sein? Müs-
sen die einen den anderen das Notwendige nehmen, um es nutzlos
zu vergeuden oder, was noch schlimmer ist, um es zu neuen tribut-
heischenden Kapitalien anzuhäufen? Nein, es muss nicht sein! Wir
müssen nur das grosse Fundamentalgesetz wieder zum geltenden
Recht erheben, und die grosse Krankheit der Gesellschaft, der Kapi-
talismus, ist überwunden .....
nton Orel: Kapitalismus, Bodenreform und christlicher Sozialismus,
3. Stellung zum Sozialismus und zur Sozialdemokratie.
Die sozialistischen Begriffe und ihr Programm sind für uns zum
Vorhang geworden, hinter dem sich der vierte Stand verbirgt. Wir
müssen hinter den Vorhang sehen, um den Stand der Arbeit wirk-
lich zu erkennen.
Die Programme des Sozialismus sind nicht seine eigenste Spra-
che. Er hat sie von denen sich angeeignet, die sich um ihn beküm-
merten. Das brauchte nicht zu sein. Es hätten andere Kräfte da-
mals, als es darum ging, den neuen Stand der Fabriken in das Volk
zu ordnen, sich seiner annehmen müssen und haben es nicht getan.
Sie waren damals bei den Kronen und Fürst
Bürger zu finden; sie fühlten sich als Schutzwehr von Thronen und
Privateigentum und überliessen es anderen, dem neuen Stand die
verderbliche Waffe des sozialistischen Programms zu geben. Sie
194
en und dem Kapital der
R
E
a
-
Prası Sie se die Reihen de Köllesen und Genossen verlassen
“und duriten die Brosamen des Bürgertums als lächerliche Gestalten
N sie ee
in.
i insgesamt darangesetzt, die Arbeiter
Auch die Kirchen haben mitgetan. im Kessel-
ie auch für Almosen eintreten, die dem Arbeiter
hinausgereicht werden sollten, seinen Kampf und
En A ‚nicht. ‚Sie sehen nicht, wie ein neuer
ang, ae Ruf en Gerechligkeit Bay orte sie mit: GAL
Br Eruuc ion ‚sich en dass u ee nicht win-
‚der Kleinbürger aufpicken. Sie setzten eine Prämie auf den Eeigine
und Verräter an der Sache der Arbeiter.
Das haben sie getan, weil sie bürgerlich waren und nicht anders |
" konnten, als bürgerlich denken. So haben sie.auch gepredigt, und |
die Arbeiter haben es nicht geglaubt, was sie sagten. Sie merkten,
dass ein Bürger nicht anders kann als bürgerlich sein, was er auch
immer tut. Auch in der Religion. Darum bedankten sich die Arbei-
ter’vor dem irgend bürgerlich missbrauchten Wort Gottes.
‘ Und nun das Seltsame. Die bürgerliche Welt, die sich christlich
nennt, bot den Arbeitern ein bürgerliches Evangelium an (Dogma
vom Privateigentum, von den römischen Rechten, Dogma von der
Sklaverei unter dem Staat, bezogen aus der Zeit der absoluten Für-
sten, Dogma vom Menschen als dem braven Arbeitstier, bezogen
von den herrschenden Bürokraten in Staat und Kirche, Dogma von
dem Ruhehalten und dem Geschäft, bezogen von den Liberalen, die
aus allem ein Geschäft machen, auch aus dem Glauben), bot dieses
Gemisch im Namen Christi dem arbeitenden Volke an. und als das
Volk nicht anbiss und seinen elementaren Drang nach Leben und
Menschenwürde hinausschrie, da sagte man: Ihr o Ungläubige
und Gottesleugner.
An der Not des armen Sohnes sind wir, unsere Väter, vorbei-
“ gelaufen; wir haben sie nicht als Leute aufgenommen, weil wir nicht
mit ihnen teilen wollen und weil wir uns der Arbeitsleute schämten.
Und dabei haben wir gesagt: der Vater wollte sie nicht. Wir konn-
ten ihnen nicht brüderlich sein, weil wir selber den Vater nicht
195
Kr
FE, o
DENE WERDEN?
x
Leute im Elend zu lassen. | Be _
Haben wir ein Recht, die ungläubig zu nennen, die die Froh-
botschaft nicht vernommen haben? Wer hat sie ihnen denn ver-
kündigt? Das Wort Gottes läuft über die Welt und zündet, wenn
es verkündet wird. Es läuft nicht, wenn es missbraucht wird.
Da, wo die Frohbotschaft noch nicht hingekommen ist, da kann |
kein Glaube sein. Jedes Volk und jeder Stand ist von Gott und jedes
hat ein ewiges Recht, die Botschaft in seiner Sprache zu hören und
voli und ernst genommen zu werden. ver
Darum sagen wir: der vierte Stand ist nicht ungläubig. Er steht
noch vor dem Glauben. Er hat aber die natürliche Vorbedingung
für den Glauben. Wieso das? Er hat das bürgerliche Christentum
abgelehnt; das kann nur eirier tun, der unterscheiden kann zwischen
echt und unecht. Wer das Unechte ablehnt, das Christentum der-
selben rechnenden Menschen, der offenbart den Hunger nach dem
Glauben. Selig die Hungrigen. Der vierte Stand ist ir der Hunger-
seligkeit auf dem Wege zum Glauben. Er hat selber geglaubt an
ein neues Reich der Gerechtigkeit, und den Glauben durch Elend
und Verfolgung und Bedrückung gewahrt. Wer glaubensselig ist,
der kann einmal glauben, wenn ihm verkündigt wird. Darum sagen
wir: Es ist Unrecht und Heuchelei, dem vierten Stand Unglauben
vorzuwerien. Die haben am allerletzten ein Recht dazu, die ihre
Sache nicht getan haben.
Die wagen es zu sagen: der vierte Stand ist ungläubig, die ihn
fortgestossen haben in das Elend und ihn den Denkern und Schwät-
zern ausgeliefert haben ?
näher kannten und seinen Namen missbrauchten, um die armen’
PER
Ja, es ist Tatsache, dass der vierte Stand unter die Räuber ge °
fallen ist, weil der Priester und Levit vorübergingen.
Josef Emonds (In „Ruf zur Wende“, 1926).
(Fortsetzung folgt.)
a Yon RARAERALAARLLLLLLLLLLLLIEL TIL TLLTITTTTTT LITT OEL OTTPTTTTITOITTITTETTTTITTTTTETTTTTTITTTTTTTTTTEITTFTTTTTTEFTRRTRERRE
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Monatsschau.
1. Weltpolitik.
‚Die Weltpolitik hat in diesem Ostermonat nichts Hervorstechendes ge-
zeitigt — um von Oesterlichem zu schweigen. Vorwärts gehen die Verhand-
lungen über die Reparationen. Darüber erfahren wir andern Sterb-
lichen wenig Zuverlässiges. Das ist bezeichnend für den Charakter dieser
Zeit: Dinge, die das soziale Leben der Völker für viele Jahrzehnte entschei-
dend bestimmen werden und von denen auch die weitere Gestaltung der Welt-
politik und der Kultur überhaupt in hohem Masse abhängt, werden von ein
paar wenigen Finanzmatadoren und ihren diplomatischen Schildknappen über
die Köpfe der Völker hinweg geregelt. Die Masse wird bezahlen müssen, zu
196
neue der Erde
e unter dem Zeichen der Weltherrschait des
ev on drängt (komme sie so oder so), liegt, scheint
Die erwachenden Völker werden auch das Recht haben, sich
x auch‘ ohne sie ausgemacht worden ist, nicht allzuviel zu be-
Reparationsirage auf ein paar Zahlen hinweise. Vom deutschen Volke wird
verlangt, dass es jährlich 2,5 Milliarden Goldmark für die Reparation zaiıle.
AB) umme findet man in Deutschland „untragbar“ und ich will auch von
tet keinen Widerspruch damit, wenn ich zur Erläuterung dieser
‚ Aber nun bedenke man: Das deutsche Volk gibt jährlich aus 4,7 Milliarden
h Goldmark für Alkohol; 2,7 Milliarden Goldmark für Tabak; 2,9 Milliarden
- Goldmark für Theater (meistens geringerer Art!), Kinos, Varietes und so
b fort; 12 Milliarden Goldmark für Wirtschaitsleben noch abgesehen vom Alko-
. holgenuss aus. Dazu kommen noch die Pensionen für Beamte und Militär
- (für diese allein 1,6 Milliarden), die den Fürsten gemachten Geschenke (in
B.. Jahreszinsen berechnet), auch die Riesenausgaben für den Wehretat und Aehn-
- liches. Das trifit auf den Kopf der Bevölkerung etwa 580 Mark für eine
-_ Menge von unnötigen oder schädlichen Dingen und 40 Mark für die Re-
paration, a
s Diese Zahlen mögen im einzelnen nur annähernd richtig sein, aber das
. ganze Bild, das sie ergeben, wird schon stimmen.
Be, Was aber wird damit gesagt? Etwa, dass die von Deutschland geforderte
'_ Reparationssumme nicht zu hoch sei? Diese Schlussfolgerung wäre schon
darum sinnlos, weil ja ganz sicher analoge Zahlen auch für die Länder der
— „Allierten“ anzuführen wären (wie selbstverständlich auch für die neutralen),
nur dass mir diese Zahlen nicht zur Verfügung stehen. Man könnte also eben-
sogut schliessen, dass die Völker der „Allierten“ lieber an diesen Dingen
sparen, als möglichst viele Milliarden aus den Deutschen herauspressen sollten,
er Doch wäre auch das nicht der Sinn der Sache, den ich jetzt im Auge
habe. Vielmehr wird durch diese Zahlen gesagt, dass sowohl die Völker der
T
- Allierten und die neutralen, wie die Deutschen noch ganz andere Tribute als die
deutschen Reparationen an die Allierten und die Schuldabzahlungen der Allier-
ten an Amerika sind, ananmdere Mächte leisten, und zwar nicht zur „Repara-
_ tion“, sondern zur „Destruktion“, nicht zur Wiedergutmachung, sondern zum
Verderben, nicht zum Aufbau, sondern zur Zerstörung. Diese Tribute wären
-abzuschütteln ohne Diplomatie, Heer und Rachekrieg; diese Befreiung hinge
bloss von uns ab. Vielleicht. werfen diese Zahlen, wenn man sie recht bedenkt,
doch ein lehrreiches Licht auf das ganze Reparationsproblem.
: Inzwischen hat Mussolini sein Plebiszit durchgeführt. Das ist
ein neues sehr deutliches Charakteristikum für das Wesen dieses Mannes. Er
- ist Theaterheld und arbeitet für den Schein. Aber man muss sich darüber
klar sein, dass alle Diktatoren dieser Art (die ich von einem Cromwell
oder Calvin scharf unterscheide) mit solchen Mitteln arbeiten, Cäsar nicht
weniger als Napoleon (der Grosse und der Kleine), Lenin nicht weniger
als Mussolini. An die napoleonischen Plebiszite und Aehnliches erinnert
ja das Mussolinische am meisten. Diese Analogie zeigt auch was da-
_ von zu halten ist. Wobei man ruhig zugeben kann, dass auch ein Diktator
zeitweilig eine gewisse Beliebtheit geniessen kann. Nur dass diese aura po-
pularis wechseln kann wie das Aprilwetter.
Viel interessanter ist das Los des Regimes Seipel und seines Trägers
in Oesterreich. Dieses Regime mit seiner Mittelpunktgestalt ist überhaupt eines
der seltsamsten Probleme der politischen und religiösen Psychologie der Zeit
und dieser in der katholischen Moraltheologie wurzelnde, wie ein Asket
197
N
nge nicht endgültig sein können und zu dm
ferne nicht. etwa behaupten, dass sie „tragbar“, gerecht oder sonst richtig sei.
rde“ (Nietzsche) verfügen
u
> 44 y:
> u _. Er
+ ti
h r rn
#
A E
lebende, den Rest des einstigen Habsburger
# auf Grund jener Moraltheologie eigentlich den Kapitalismus verurteilen muss,
und doch der Führer der Ca Hafisöschen Bourgeoisie seines Landes und Erz-
feind der Sozialdemokratie wird, der das internationale Manifest gegen die
Wehrpflicht unterschreibt und doch als Patron der Heimwehren kriegerische
Töne anschlägt, auf alle Fälle eine des Nachdenkens würdige Erscheinung. Es
wäre sehr lehrreich, wenn man die wahren Motive seines Tuns (die er viel-
leicht selbst nicht ganz kennt!) darlegen, die Struktur einer solchen Seele mit
ihren starken Nomien und Antinomien aufdecken könnte. Eine Vergleichu
mit einem so ganz anders gearteten Mann wie Masaryk oder sogar mit Wilso
wäre vielsagend. ;
reiches regierende Prälat, der
N
«
E.
”
si
Aber auch abgesehen von diesem Rätsel, das Seipel zu sein scheint, sind
die österreichischen Entwicklungen, in denen er eine so grosse Rolle spielt,
bedeutsam, Diese Auseinandersetzung zwischen Marxismus und Jesuitismus
(um es etwas zugespitzt auszudrücken), die sich um ihn herum vollzieht, ist
von brennendem Interesse. Damit verbindet sich das Problem der Gewalt,
insofern als die österreichische Sozialdemokratie in diesem Ringen ganz deut-
lich von einer etwas zu selbstgewissen Betonung „proletarischer Wehrhaftig-
keit“ und marxistischen „Klassenkampies“ durch bittere und überraschende
Erfahrungen zu andern Methoden gedrängt wird. Der vorläufige Sturz Sei-
pels eröftnet vielleicht die Bahn zu sehr wichtigen neuen Versuchen einer
Zusammenarbeit gegnerischer Mächte. Nimmt man noch die verschiedenen
Formen eines katholischen Sozialismus im weiteren und engeren Sinne dazu,
die gerade auf diesem aufgewühlten Boden Oesterreichs sich zeigen, so wird
einem von neuem klar, welch ein Schaden es wäre, wenn dieses ganze eigen-
artige Leben durch den Anschluss an das deutsche Reich in einem ihm so
fremden Wesen auf- und unterginge — niemandem zum Gewinn!
Es wäre vielleicht nicht unangebracht, in diesem Zusammenhang eines
andern vorläufig seiner bisherigen Rolle beraubten Akteurs auf dem Theater
der Zeitgeschichte zu gedenken. Was Leo Trotzki, der gestürzte Diktator,
sich wohl selbst für Gedanken macht? Ob er sich vielleicht auch etwa ein-
mal zweier langer. „Sendschreiben“ (die ganze „Memoriale“ waren) erinnert,
die ihm in den ersten Jahren seiner Macht ein Mann zugestellt, mit dem er
in seiner. vorbolschewisischen Zeit, in den Herbstmonaten des Jahres 1914
öfters verkehrte und der ihn vor dem Weg, den er dann (zum Teil, wie sich
später zeigte, wider seine bessere Einsicht) doch gegangen ist, dringend und
mit ausführlicher Begründung warnte? Vielleicht findet sich später einmal Ge-
legenheit, vor dem Bilde dieses Diktators ein wenig stillzuhalten.t) r
Der Bürgerkrieg in Mexiko und China erfordert keine weitern Be-
merkungen, es sei denn, dass noch auf die Mischung, von rein politischen,
wenn nicht gar persönlichen, und wirtshaftlich-sozialen Motiven hingewiesen
nn nen rege ee
wird, die für diese Vorgänge charakteristisch ist. In Mexiko kämpft die Par-
tei der nationalen und sozialen Erneuerung gegen das mehr oder weniger aus-
gesprochene Bündnis von Militär und Klerus;
mus der übrigen Mächte mit Russlands Einflus
Regierung steht mitten inne, bald mehr dahin, b
wozu dann noch sekundäre Einflüsse kommen.
weniger rein politisch geführt werden können un
sozialen Konflikt verbinden. Das ist auch in Indien deutlich. Das neueste
s und die „nationalistische“
ald mehr dorhin neigend —
Die Weltpolitik wird immer
in China ringt der Kapitalis-
d sich immer mehr mit dem °
Attentat scheint sozialen Motiven entsprungen zu sein. Der Konflikt zwischen
Hindus und Mohammedanern verbindet sich damit. Was Gandhi zu alledem
. ») Dass man dem nun gestürzten,
Länder verschliesst, wo man ihm no
ist eine „alte Geschichte“, die aber
schwer kranken Mann die Tore auch der
ch vor kurzem als Machtfaktor huldigte,
dadurch nicht schöner wird,
198
Ta j
Er
RUFT
RE TAN:
-
" verbunden. Es sind oft Riesenkämpie, die hinter solchen Er-
s durch Amerika. Sie hat neuerdings durch den Uebergang
—in hochgradigem deutschen Patriotismus machenden — grössten deut-
schen Automobilfabrik, Opel in Rüsselsheim, an die grösste amerikanische,
lie General Motors, einen weithin sichtbaren Ausdruck gefunden. Wieder ist
damit verwandt der Siegeszug der Rationalisierung. Diese ist doch
‚ohl auch eine Hauptursache der deutschen Arbeitslosigkeit, der nun
drei Millionen Proletarier mit ihren Familien, also etwa 15 Millionen
Menschen verfallen sind?)
Innerhalb der sozialistischen Bewegung spielt der Bruderzwist
| ner eine grosse Rolle. Die Zersetzung der kommunistischen Partei geht
besonders in Deutschland vor sich und ist dort (wie übrigens auch anderswo,
zZ. B. in der Tschechoslovakei) auch eine deutliche Folge der russischen Ent-
.S cklungen. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Hauptrichtungen
des heutigen Sozialismus ist jedenfalls eine der Linien, die in die Zukunit
des Sozialismus weisen. Davon einmal ausführlicher. Grosse Erfolge der
ee haben die dänischen Gemeindewahlen gezeitigt.
Ein Hauptereignis aber werden. die nahen, im Mai stattfindenden engli-
‚schen Wahlen sein. Eine englische Arbeiterregierung bedeutete, bei allen
_ Abzügen, die marı von möglichen Erwartungen machen muss, doch ein Stück-
chen Weltwende.
* 3. Schweizerisches,
— Da wir gerade beim sozialistischen Bruderkrieg sind, mag auch das
einzige einigermassen belangreiche schweizerische Ereignis dran kommen,
das in diesen Ueberschau-Monat fällt: das für Basel geplante „rote Trei-
fen“ und seine gewaltsame Verhinderung durch den Bundesrat. 3
Man mag je nach Stimmung und Temperament dieses Ereignis verschie-
“den beurteilen. Ein Teil der Sozialdemokraten scheint es nicht wichtig zu
"nehmen, wohl einiach, weil es diesmal gegen die Kommunisten ging. Aber
das ist ein zu beschränkter Gesichtspunkt. Für mich ‘bedeutet dieser Palm-
"sonntag einen dies ater, einen der traurigsten Tage unserer Geschichte. Denn
er enthüllt die ganze Elendigkeit unserer Zustände. Von den Kommunisten
wollen wir nicht reden. Jeder schweizerische Politiker, der noch einen Rest von
"Verstand bewahrt hat, weiss, was er von ihrer Bedeutung halten muss.’) So
4) Er scheint nach neuesten Berichten eine ausserordentliche Verschär-
fung des Konfliktes vorauszusagen.
2) Der Frühling scheint inzwischen eine (wohl nur zeitweilige) Besserung
gebracht zu haben. i
3) Dieser Rest von politischem Verstand scheint Zeitungen wie der „Ga-
zette de Lausanne“ und ihren Gesinnungsgenossen ob ihrer Bolschewisten-
angst allerdings verloren gegangen zu sein.
199
x ERRES ERREAEX 3 Pe “ % “
Leben gehen nicht minder
auch wenn sie nicht immer
Ausbeutung der russischen Petrolvorräte und damit
en. Da ist sodann die wirtschaftliche Eroberung.
u
5
LBS
« De
Be
‘wohl auch unsere Bundesräte. Ich halte sie zwar für kleine, sehr kleine Men-
schen und für kleine, sehr kleine Politiker (das Wort „Staatsmann“ zu brau-
chen wäre Ironie!) und betrachte es als ein Elend, dass die Schweiz in Zeiten
von solcher Bedeutung von einem Kollegium von gerissenen Advokaten und
engstirnigen Parteimenschen „regiert“ wird, aber für Dummköpfe möchte ich
sie doch nicht gerade halten. Namentlich haben solche Menschen bei aller
Unempfindlichkeitfür geistigeKräfte und für Fragen derWahrheit doch
einen gewissen Instinkt für die Beurteilung von Machtverhältnissen,
Sie wissen darum ohne Zweifel sehr gut, wie wenig die Kommunisten und
ihr Tun bei uns bedeuten. Aber sie brauchen ah die Kommunisten.
Diese sind ihnen sehr viel lieber, als ernsthaitere Sozialisten. Vom Bolsche-
wistenschreck lebt ja zum guten Teil, seit einem Dutzend von Jahren, die
bürgerliche Politik. Und die Gelegenheit schien günstig. Man konnte dem
Schweizervolk wieder einmal die ganze Grösse der Umsturzgefahr und die
ganze Notwendigkeit der Armee zeigen und damit Kapital für Wahlen
Abstimmungen sammeln. Und man konnte zeigen, dass man die Macht habe.
Deshalb das Aufgebot eines ganzen kompakten Regimentes mit allem, was
dazu gehört und ferner noch einer Menge von anderem Militär nebst aller ver-
fügbaren Polizei. Wieder einmal hat man der Arbeiterschaft — nicht bloss
der kommunistischen — gezeigt, wozu vor allem man bei uns in der Schweiz
die Kanonen, Maschinengewehre und gepanzerten Auto brauche! Meint man
wohl, dass die Arbeiterschaft das so schnell vergesse? So pilanzt unser
Bundesrat Bürgerkrieg. Nach meinem Urteil gehörte er dafür vor
einen Staatsgerichtshof, unter der Anklage der schwersten Gefährdung der”
Schweiz. Und was dann noch dazu kam: die Beschlagnahme des „Vorwärts“
(der wahrhaftig nicht mein Freund ist und ich nicht der seine!) und die Zer-
störung seines Satzes, die Untersuchung der in den Zügen Fahrenden auf ihre”
politische Stellung hin und anderes dieser Art. Alles bloss wegen dem Häuf-”
lein kommunistischer . Spektakelmacher. Das ist sinnlose und lächerliche”
Gewalt-Diktatur schlimmster Art und es beleuchtet die ganze Verkommenheit’
unserer politischen Zustände, dass so etwas ohne nennenswerten Protest von
den gleichen Schweizern hingenommen wird, die sonst in Ekstase geraten.’
wenn sie auch nur das Wort „Ordnung“ hören. Der Bundesrat arbeitet so’
an der Auflösung von Recht und Verfassung, an der Zerstörung der Grund-
lagen unserer demokratischen Ordnung. Und indem er so das innen-politische’
Leben unseres Volkes vergiftet und verwüstet, vernichtet er das Ansehen und
damit das Lebensrecht der Schweiz nach aussen dadurch, dass er sich zum ge-
horsamen Diener eines Regimes macht, das allem, was die Schweiz trägt und
erhält, totieindlich ist. Aber was macht das — wir haben ja die Armee!
Wieder zeigt sich, dass unser Militarismus dem heutigen regierenden System
einfach ein Ersatz für das in Wirklichkeit verratene und verlorene Schweizer-
tum ist. Wir können gerade diese Tatsache nicht genug bedenken.
4. Die Friedensbewegung.
Am meisten Beachtenswertes hat wohl die Fried
Monat gebracht.
Ich möchte in diesem Zusammenhang zuerst den Tod des Mar-
schalls Foch mit den daran geknüpften Ehrungen anführen, und zwar
in dem Sinne, dass ein solches Ereignis wohl der Sache des Friedens sehr
schädlich ist. Zwar dari man auch einem grossen Militär gegenüber nicht
ungerecht sein. Man darf nicht einen Mann einen „grossen Menschenschläch-
ter“ nennen, der sich doch widersetzt hat, als ein Teil seiner Mitgeneräle
trotz dem deutschen Kapitulationsangebot heitig darauf bestand, den Krieg
fortzusetzen und nach Berlin zu marschieren, was weitere zehntausende von
Leben — und wie viel anderes dazu! — gekostet hätte. Dieser grosse Militär
scheint überhaupt kein Verteidiger des Krieges und auch kein Militarist ge-
200
ensbewegung in diesem
RN =,
der Art unserer
nes Volkes zu be-
nn ein Volk, das: jahre-
in der Gefahr der Vernich-
t dankbar ist. Aber darin zeigt
Fluch des Krieges, dass er den
von neuem militärische Heldenverehrung schafit. Und schon
enklich ist es vollends, wenn dann ein Poincare an der Trauerfeier
spricht wie den: „Verneigen wir uns vor den heiligen Ueberresten des-
1, der mit der Errettung Frankreichs zugleich die Menschheit errettete
der im Gedächtnis der Welt auf ewig fortleben wird.“ Doch darf man
tellte die Kirche auch ihren ganzen Apparat zur Verfügung. Sie ist halt an
liese Welt gebunden und wird auch mit ihr vergehen.
Wenn also diese Apotheose des „Siegers im Weltkrieg“ eher ein Passi-
m der Friedensbewegung für diesen Monat ist, so iehlt es daneben nicht
Aktiven. Als solche betrachte ich vor allem den Aufruf der zweiten
ternationale zur diesjährigen Maifeier. Er legt darin das Haupt-
ewicht auf die Abrüstungsbewegung. Nachdem er all die verschiedenen An-
sätze zu einer wirklichen Abrüstung, die seit dem Ende des Krieges immer
" wieder gemacht wurden, aufgezählt, schliesst er mit folgenden Worten: „Eine
neue Generation tritt in die Reihen des internationalen Proletariates, welche
die Schrecken des Krieges nicht selber gesehen hat. Sie muss mit einem tiefen
_ und starken Schauder vor allem Blutvergiessen erfüllt werden, sie muss ein-
_ gereiht werden in den Krieg gegen Krieg und Kriegsrüstung. Darum muss
das gesamte Proletariat am ersten Mai die Forderung erheben: Nieder mit
den Rüstungen! Nieder mit Imperialismus und Militarısmus! Ausführung der
— Abrüstungsversprechen! Auistellung eines wirksamen Entwafinungsvertrages.“
Zur Zweiten Internationale gesellt sich de Amsterdamer Gewerk-
schaftsinternationale mit folgender Eingabe an den Völkerbunds-
rat: ’
- © „Auf Grund eines am 21. März 1929 in Amsterdam gefassten Beschlusses
_ bittet-Sie der Vorstand des I. G. B., dem Vorsitzenden und den Delegierten
_ der Vorbereitenden Abrüstungskommission nachstehende Resolution mitzu-'
teilen: „Der I. G. B. erwartet im Namen seiner 14 Millionen Mitglieder von
der Vorbereitenden Abrüstungskommission, dass sie ihre Arbeit energisch
fortsetzt, damit in kürzester Zeit — d. h. einem Beschluss der letzten Völker-
- bundsversammlung zufolge im Laufe des Jahres 1929 — die Internationale
Abrüstungskonferenz einberufen werden kann.
Der I. G. B. erklärt, dass, wenn die feierlich übernommenen Verpilichtun-
gen nicht verkannt werden sollen, das Werk der Abrüstung, das vom Friedens-
"vertrag und vom Völkerbundspakt als unbedingte Voraussetzung eines siche-
ren und dauerhaften Friedens bezeichnet wird, nicht mehr weiter hinaus-
geschoben werden kann.
Die vorbereitenden Arbeiten der Kommission haben die Lösung der tech-
nischen Probleme der Abrüstung ermöglicht, ferner haben die Pakte von
Locarno und Paris weitere Voraussetzungen der Sicherheit gebracht, die es
gestatten, die „Rüstungen in den verschiedenen Ländern auf das mit der
Sicherheit des Landes verträgliche Minimum“ herabzusetzen.
Der I. G. B. verlangt, dass den Friedenswünschen der Arbeiter der gan-
zen Welt Gehör geschenkt wird und der Friede, dessen Sicherung die wich-
tigste Aufgabe des Völkerbundes ist, endlich durch Abrüstung und Schieds-
‚gericht organisiert wird.“
Auch das Internationale Friedensbureau hat sich, jeden-
201
Sieger mit Glorienschein um-
n bezug auf Leichenreden nicht allzu kritisch sein! Selbstverständlich
4
jalls auf die Initiative seines antimilitaristischen Präsidenten, des b
giers Lafontaine, mit einem energischen Appell an den Völkerbund gewen
auf die am 15. April zusammentretende vorbereitende Abrüstungs-
langen. Darauf hin seien etwa 7500 solche Petitionen beim Sekretariat
Archiv gelegt werden. Nichts kann für den Byzantinismus und Gouvernemen-
talismus dieser Völkerbundsbureaukratie bezeichnender sein, als diese Ant-
BR wort auf eine internationale Volksbewegung. Der Schreibende wäre in der
En Lage, davon noch andere Müsterchen mitzuteilen. Es soll übrigens eine Ab-
Pa ordnung der Internationale mit De Brouckere an der Spitze in Genf erscheinen
Ta Konierenz von diesem „wertvollen Material“ wenigstens auszugsweise Kennt-
eNT" nis zu geben. Nun, da kann auch einmal De Brouckere Nutzen stiften! Die
Art, wie die Konferenz sich zu diesem Andrang der Arbeiterschaft stellt, wird
für die Zukunft des Völkerbundes von grosser symptomatischer Bedeutung sein.
Ein weiteres Aktivum der Friedensbewegung ist die Ablehnung der
zweiten Rate des berühmten Panzerkreuzers durch die
sozialdemokratische Reichstagsfraktion mit einer Mehrheit von 93 gegen 29
* Stimmen. Mag auch der Umstand, dass die andern Parteien sie wohl an-
an nehmen werden und das wohl schon von vornherein abgemacht ist, die Trag-
weite dieses Beschlusses stark abschwächen, so ist er doch wichtig als Zei- ”
chen der in der Arbeiterschaft vorhandenen Stimmung, auf die man Rück-
sicht nehmen muss. |
Im Aufruf der Zweiten Internationale werden die Arbeiter aufgelordert,
konferenz hin mit einem Petitionssturm an den Völkerbundsrat zu Ei
gelangt. Dieses aber habe erklärt, da sie nicht von Regierun kämen, könn-
ten sie bloss als „wertvolles Material“ (zu deutsch: als kulatur) in das
h und den Präsidenten der Konferenz, den Holländer Loudon, ersuchen, der
Auf die Entwicklung der Arbeiterbewegung zu einem entschiedenen und
entschlossenen Antimilitarismus kommt, soweit soziologische Mächte in Be-
tracht fallen, für den Kampf gegen den Krieg sozusagen alles an. Das muss
immer wieder bedacht werden. Auch für die Arbeiterbewegung selbst kommt
alles darauf an, wie rasch und energisch diese Entwicklung eintritt.
So ermunternd diese Zeichen sind, werden sie doch weit durch ein an-
deres überboten, das nun wirklich ein Ereignis ist: Das ist das Buch „Im
Westennichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Der Verfasser (der
wohl pseudonym auitritt??) hat den Krieg mitgemacht, ‘und zwar im
Schützengraben. Sein Buch ist eine an „Le feu“ von Barbusse erinnernde
realistische Darstellung des Krieges, die eingestandenermassen den Haupt-
zweck hat, zu zeigen, wie eine ganze Generation am Kriege, seis physisch,
seis seelisch, seis auf beide Arten, zugrunde gegangen ist, wobei auf das
seelische Zugrundegehen der Nachdruck gelegt wird. Dieses Schicksal
wird an einer Gymmnasiastenklasse gezeigt, die hauptsächlich ihr Geschichts-
professor durch seine patriotischen Reden dazu treibt, sich freiwillig zu mel-
u ne nn
den und so zugrunde richtet. Die Absicht des Buches ist in einem Masse
verwirklicht worden, dass man sagen dari: Wer dieses Buch gelesen
hat, der ist mitdem Krieg fertig. Man kann sich namentlich für
alle Kriegstheologie und Kriegsromantik kein wirksameres Gegengiit denken.
All die Reden vom „Gotterleben“ in den Schützengräben, die einer dem an-
dern nachsprach, lösen sich vor dieser grauenvollen Wirklichkeit des Krie-
ges in Nichts, nein, in Lästerung auf.
Das Buch sei in diesen zwei Monaten nach seinem Erscheinen das am
meisten gekaufte in Deutschland
mit dem zusammenhängen, was daran krass ist und von d i
- > et S em man sich etwa
fragt, ob es nicht hätte wegbleiben dürfen. Aber damit wäre der Erfolg doch
nicht ganz erklärt. Es ist zu bedenken, dass neben ihm gleichzeitig noch zwei
andere „Kriegsbücher“ erschienen sind. die ein ähnli E
; ie ein ähnliches, we i
ganz so grosses Aufsehen erregen: i un ach rc
202
gewesen. Dieser Erfolg mag auch ein wenig
Ernst Gläser: Jahrgang 1902 und“
‚gewonnen; es
: der Krieg se „gie wirklichen Gestalt. So
5. Religion und Sozialismus. a ES
er wieder zum Zentrum der religiösen, wie auch der sozialen Bewegung.
ozialismus“ , die, einem Beschluss der Mannheimer Konferenz vom
h - Sommer ‚entsprechend, nun vom „Bund der religiösen Sozialisten“
2 "Deu ands herausgegeben wird. Es sind bisher zwei Hefte erschienen. Die
Redaktion liegt in der. Hand von Professor Wünsch an der Universität Mar-
burg. Die Zeitschrift will das durch ihren Titel ausgedrückte Problem auf
gründlichere Weise behandeln, als ein populäres Blatt es kann und doch auch
geistig bewegten. Arbeitern verständlich sein. Auch möchte sie nach Mög-
- lichkeit einen internationalen Charakter bekommen. Das erste Heft enthält in
der Hauptsache programmatische Aufsätze, das zweite ist dem Militärproblem
gewidmet. Es zeigt sich schon in diesen Heften, dass der religiöse Sozialis-
mus in allerlei Gedankeniormen auftritt. Wir Schweizer® „Religiös-Soziale“
werden z. B. einen Aufsatz wie den von Prof. Wünsch: „Religiös-sozialistische
%
seits annehme, dass meine zwei eigenen Beiträge zu den ersten Heften einer
_ ganzen Gruppe von Mitgliedern des „Bundes“ keineswegs nach dem Sinne
sind. Die Zukunft der, Zeitschrift, wie die des „Bundes“ wird davon
_ abhängen, ob sie das freie und brüderliche Ringen um die Wahrheit der von
allen vertretenen Sache vertragen oder nicht und dies wieder wird von der
- Höhe und Tiefe abhangen, welche die Bewegung erreicht.
E Von dem „religiös-sozialistischen“ Organ deutscher Katholiken, das wir
schon früher erwähnt haben: „Das rote Blatt der katholischen
— Sozialisten“ sind inzwischen vier Nummern erschienen. Diese sind aus-
- serordentlich interessant und gediegen. Die Zustimmungszeugnisse „grosser
- Tiere“ der Sozialdemokratie freilich hätte ich gerne vermisst, im übrigen aber
- steht dieses katholisch-sozialistische Organ bis jetzt auf einem hohen Niveau.
Besonders bedeutsam und ergreifend sind darin die Stimmen von Priestern
und Mönchen. Wenn das Blatt, trotz jener Zeugnisse und ein wenig im Wi-
derspruch dazu, aus seiner Opposition gegen den Parteisozialismus kein Hehl
macht, so wird "dies seinen quantitativen Erfolg freilich vermindern, dafür aber
den qualitativen vermehren, ebenso, wenn es, wie bisher, alles Gewicht dar-
auf legt, nicht die religiöse Wahrheit mehr oder weniger an einen bloss poli-
tisch-wirtschaftlichen und agitatorischen Sozialismus preiszugeben. Ein „reli-
“
. giöser Sozialismus“, der sich in die Abhängigkeit von sozialistischen Par--
_teien begibt, ist von "vornherein verloren und nützt dazu jenen Parteien nichts,
leistet ihnen jedenfalls gerade den Dienst nicht, den er ihnen leisten könnte
und sollte.‘)
e 1) Das „Rote Blatt“ wird von Heinrich Mertens redigiert und er-
scheint in der Mittelrheinischen Druckerei und Verlagsanstalt Köln; Ur-
sulaplatz 10.
203
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ruste a des ı !
s Buch von Remarque zu den Zeichen gehören, die eine RR
markieren. Es ist er Gegenbild zu der Trauerfeier ra oe
erhal von Religion und Sozialismus wird mer
Bearbeitung und Klärung dient auch die Zeitschrift: „Religion
gedanken zur Gewaltirage“ sehr entschieden ablehnen, wie ich ander-
6 BR AN AR 74. AL AB anal MEET An BE De A FE ee ni
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Der in Wien erscheinende „Menschheitskämpfer“'), der auch
wesentlich den katholischen Sozialismus vertritt, hat sich vergrössert und ge
winnt auch ständig an Wert. ; Reg h Se
Diese Ausbreitung eines eigenartig orientierten „katholischen Sozialis-
mus“ mag eine Organisierung der ganzen Bewegung erschweren, aber das
lei, kann ja auch gut sein und hat jedenfalls gegenüber der gewaltigen Tragweite
6 der Erscheinung wenig zu bedeuten. ; r ö
3 Eine gewisse Unruhe treibt auch protestantisch-kirchliche
EN Kreise, dies und jenes zu probieren, um dem sozialen Problem seine Schärfe
30 zu nehmen. So wird berichtet: ö i ö
A; „Kürzlich hat im deutschen Kohlenrevier von Gelsenkirchen amı Nieder-
rhein unter Führung von Theologen eine grosse, aus dem ganzen Reich be-
suchte Akademikertagung zur Besprechung wichtiger Fragen der Industrie-
pädagogik stattgefunden. Man versenkte sich möglichst vorurteilslos in die -
Lage des Proletariers, der die Massenquartiere der Grosstädte bevölkert und
dort in so und so vielen Fällen Kommunist wird. Dann suchte man Wege
zur Befreiung dieser Schichten aus äusserer und innerer geistig-seelischer Not.
Mittel zur Hilfe schienen unter anderm zu sein: 1. Eine gründlichere Industrie-
pädagogik angesichts der fortschreitenden Mechanisierung des Arbeitsprozes-
ses, der Entwurzelung des Proletariers, seines Verlustes von Heimat, döri-
licher Lebensgemeinschaft und Tradition, der Auswüchse in der Arbeiter-
- bewegung und anderer Not. 2. Eine neue Verwurzelungspädagogik nament-
lich für die Anleitung zu besserer Verwendung der Freizeit. 3. Dies führt
zu neuer Solidaritätspädagogik im Ausbau eines Vereins-Verbands- und Ge-
meindelebens, das nicht vom Klassenegoismus beherrscht wird, sondern von
der Idee der Kirche Christi, deren Glieder wir alle sein sollen. Dazu tritt
endlich auf sozialhygienischem Gebiet eine regenerative Pädagogik.“
Dazu ist zu bemerken: Was soll eine „Industriepädagogik“, wenn man
den Kapitalismus bestehen lässt? Sollte es sich etwa um einen Versuch im
Sinne der „Dinta“, also um eine feinere Versklavung des Arbeiters an seine
Arbeit und seine Lage handeln?
Sehr bedenklich sind auch die Bestrebungen des auf die Stockholmer
Konferenz zurückgehenden Internationalen Institutes, die so-
genannte christliche Arbeiterschaft zu sammeln und mit seinen
Zwecken zu verbinden. Die ireie sozialistische Arbeiterbewegung wird
ein solches Unternehmen als einen Versuch betrachten, die Arbeiter vom
Sozialismus abzulenken und für die Kirche einzufangen. Es wird schwer
sein, dieses Misstrauen zu besiegen. Man kann einem solchen Versuch auch
nur ein sehr bescheidenes Gelingen voraussagen. Er scheint mir gerade auch:
von den Stockholmer Gesichtspunkten aus nicht zu rechtiertigen. Es handelt
sich nicht darum, ein paar Splitter der Arbeiterbewegung für die Kirche zu
ee sondern Se anze Arbeiterbewegung von der Wahrheit des Reiches
ottes aus zu verstehen und von Gott aus das Vertrauen zu hegen, dass sie
eines Tages den Weg zu ihrer letzten Wahrheit und Bü i i
Vertrauen ist durchaus nicht utopisch.
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3
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6. Religion und Kirchen.
F Die Annahme der Artikel über die Kon i
Be gregatıone ;
zösischen Kammer bedeutet, trotzdem sie hauptsächlich aus Ber
den EN a einen neuen Sieg der römischen Kirche
eren Vorgehen gegen die Anhänger der Actionira i i
einer Schärfe, die Draussenstehende nur schwer fassen könn er
kirchliche Trauung, kirchliche Beerdi ieo]j x Sa
versagt. Was wird das Ergebnis sein EDEN SE Tröstung_ der Religion
2 Redisiert
RR Es igiert und herausgegeben von Otto Bauer, Wien XIIH., Zenner-
204
, % rt Feh >» N e b o : 5 =
11 diesen Sommer ein Kongress der christlichen Presse
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cei ist der Koramunterricht, der früher die Schule.
uf eine Stunde in der Woche beschränkt, in den Mittelschulen
a or Diese werden ganz auf Mathematik und Naturwissen-
ngestellt. (Aus der Christlichen Welt) N
BU Ye -7. Kulturelles.
» Leser: erinnern sich wohl noch genügend an den Giftmordprozess
iedel-Guala, der in Burgdorf zur Erledigung kam. Es bestanden starke
eifel, ob das vom Schwurgericht gefällte strenge Urteil (ich glaube, zwan-
ig ]: Zuchthaus — weit von meinem Studierzimmer entfernt, kann ich die
ht genau angeben) nicht ein Fehlurteil sei. Nun gibt der Verteidiger,
ech Roth von Bern, ein ganzes Buch heraus, um die Wiederaufnahme
Verfahrens durchzusetzen. Ein Laie kann nach der Lektüre des Buches
on den Eindruck haben, dass es gut wäre, wenn eine so wichtige Frage
_ durch eine nochmalige Verhandlung völlig abgeklärt würde, damit das Volks-
gewissen nicht durch eine Unsicherheit über die Schuld der Verurteilten be-
_ unruhigt bleiben müsste. Nicht glücklich scheint mir der Versuch, durch Zu-
hung eines Mediums auf „kriminal-telepathischem“ Wege mehr Licht in
dieses Dunkel zu bringen. Das könnte leicht den Ernst des Bemühens der
— Verteidigung in Frage stellen. Diese okkulten Dinge sind zu umstritten, als
dass man in solchen Dingen mit ihnen auch nur versuchsweise operieren
_ dürfte. Im übrigen ist diese ganze Angelegenheit besonders auch deshalb
richtig, "weil sie einen Blick in die grauenhafte Verderbnis dieser Zeit tun
“ ässt. i »
4 Der Alkohol spielt in dieser Affäre neben der sexuellen Gier und
_ Leidenschaft auch eine grosse Rolle. Darum über den Alkoholismus der
_ Schweiz noch eine Notiz, die wir der „Jungen Schweiz“ entnehmen:
Er „Aus 35,000 Brennereien ergiesst sich die Schnapsilut in unser Volk,
Krankheit und Verderben bringend. Und noch hat die einzelne Gemeinde nicht
- das Recht, sich dagegen zu wehren.
24 25000 Wirtschaften schenken Tag für Tag in unserem kleinen Lande
Schnaps aus. -Und immer noch hat das Volk bei der Frteilung neuer Wirt-
schaftspatente nicht mitzureden. In vielen Staaten des Auslandes ist es Sache
_ der Gemeindebevölkerung, zu beschliessen, ob sie den Schnapsausschank ein-
schränken will. In unserer Demokratie fehlt dieses Recht.
3 In 24 Irrenanstalten und 16 Trinkerheilstätten, in 29 Strafanstalten und 85
Zwangserziehungsanstalten behüten wir Opfer des Alkoholismus. Wollen wir
_ immer und ewig nur die Folgen der Trunksucht lindern und nie daran gehen,
die Ursachen zu beseitigen?“ i
Die Versenkung des kanadischen Dampfers Iam alone (Ich bin allein).
weil er im Verdacht des Alkoholschmuggels stand, ist ein Zeichen der Ver-
- schärfung, den nun, unter Hoover, der Kampf für die Durchführung der
Prohibition angenommen hat.
Der Alkohol spielt auch eine grosse Rolle bei den Unfällen und Untaten
des Auto. Natürlich: alle Betäubungen hangen zusammen. Doch ist das
Auto auch sonst ein grosser Mörder. Im Kanton Zürich sind nur 1928 63
Personen durch das Auto getötet und 1027 verletzt worden und zwar gewiss
schwer, denn die ganz leichten Fälle werden schwerlich angezeigt. In Frank-
205
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reich hat es nur über Ostern 44 getötet und 51 verletzt (welch letztere Zahl:
. doch sicher zu klein ist), in England 32 getötet und 100 schwer verletzt und
so fort. Auch eine Art von moderner Osterfeier!‘) i \
Die preussische Aerztekammer weist darauf hin, dass die Be-
schlüsse des Leipziger Aerztetages zur Schwangersc haftsunter-
brechung (zu deutsch: Abtreibung!) nach wie vor Geltung haben, nur
nach den Regeln ärztlicher Wissenschaft und Kunst, im Vollbewusstsein der
Verantwortlichkeit und nur in den Fällen, wo es sich um die Beseitigung be-
stehender oder drohender Gefahren für das Leben der Schwangeren handelt;
keine eugenische und soziale Indikation! Ehre den preussischen Aerzten!
Möge es dabei bleiben. h
En Berlin hat die Rundfunkgesellschait dem Boxer Schmeling 1000 Mark
angeboten, wenn er am Mikrophon ein paar Worte sage. 1000 Mark — wenn
ein Schriftsteller heute für ein Werk, an dem er Jahre lang gearbeitet und
worin er sein Bestes gelegt, so viel bekommt, dann kann er von Glück reden.
Aber der Boxer Schmeling war damit nicht zufrieden: er verlangte 2000 Mark
und bekam sie!
11. April 1929. RR
‘Oskar Ewald in der Schweiz. Unser Freund und Mitarbeiter Oskar Ewald
hatte es übernommen, an der Jahresversammlung der Freunde der „Neuen
Wege“ über das Thema zu sprechen: „Wie stellen wir uns zum sozialistischen
Freidenkertum?“ Wir baten ihn, bei diesem Anlass über dieses Thema oder
verwandte auch bei den Gruppen der Freunde in. der übrigen Schweiz Vor-
träge zu halten. So kam es, dass er ausser in Zürich noch in St. Gallen,
Romanshorn, Arbon, Luzern. Basel und Bern redete, bald in Volksversamm-
lungen, bald in kleinerem Kreise. Meistens war es jenes Thema, in Basel mit
dem Obertitel: „Jesus oder Marx?“ Nur in Luzern sprach er über „Staat,
Gesellschaft, Gemeinschaft“. Auch hielt er in Zürich für „Arbeit und Bil-
dung“ einen Kurs von drei Abenden über ‚Autorität und Freiheit“. Ueberall
erregte das Gebotene grosse Freude und öfters kam es darüber zu lebhaften
Aussprachen. Es ist sehr gut, dass gerade durch jenes Hauptthema unsere
Kreise wieder auf unsere wichtigste Aufgabe gelenkt wurden. Am meisten
Freude aber erregte unser Freund durch seine Person mit ihrer Güte, ihrem
Adel, ihrer schlichten Ursprünglichkeit. Oskar Ewald ist durch diesen Besuch
recht einer der Unsrigen geworden. Wir sind dafür von Herzen dankbar.
..) In Basel stand letzthin ein soldatischer Automobilist vor dem Militär-
gericht. Er hatte, an einer gefährlichen und verkehrsreichen Stelle mit einer
Geschwindigkeit von 60 Kilometern (!) fahrend und keine Zeichen gebend
(was am falschen Orte sonst diese Rohlinge hundertmal mehr als nötig
tun), eine ältere Dame getötet. Dafür bekam er zwei Monate Gefängnis. Ob,
wie der Verteidiger beantragte, nur bedingt, lässt der Bericht nicht sicher
entscheiden. Man wird ohnehin nächstens dazu übergehen, den Automördern
für jeden von ihnen Getöteten oder Verstümmelten eine Prämie zu zahlen.
Wenige Dinge sind so bezeichnend für die Versklavung und Vergötzung der
heutigen Menschen, als dass die Massen sich dieses Treiben einer übermütigen
und ruchlosen kleinen Minderheit der Bevölkerung stumpisinnig gefallen las-
sen, während sie sich gegen eine sogenannte Antastung ihrer Freiheit in
Form etwa einer Beschränkung des Alkoholgewerbes wütend zur Wehr setzen.
. Zu beachten ist auch das Verhältnis eines solchen Urteils zu denen über
die Dien stverwe igerer. Man bekonmt für einen Mord (denn darum
handelt es ‚sich doch in solchen Falle) nicht mehr Strafe, als der Dienstver-
weigerer für seine Ablehnung, sich auf das Morden vorzubereiten. Jenem
Autofahrer werden die bürgerlichen Ehren nicht abgesprochen wohl aber
dem Dienstverweigerer — natürlich: nicht töten wollen ist entehrend. töten
ab S ; re 2,
ao oe werden, jedoch so gelinde als möglich. So weit sind
206
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eDieRedakti
AALBLLISLLIEIITTLITITTITTTTITTTTITTITTTTETT TOT U ; PIRRRRNRRRIRRRRRHRRH
Aus der Arbeit ee
aan FERNEN
e Freunde! Wir möchten Sie schon heute darauf aufmerksam ma-
dass, veranstaltet durch die „Freunde der Neuen Wege“ und
reinigung „Arbeit und Bildung“, vom 6. bis 12. Oktober 1929
Volkshochschulheim Casoja, Valbella ob Chur, ein Ferienkurs stattfinden
dessen Thema „Die neuen Fragen und Aufgaben der reli-
Ö6s-sozialen Bewegung“ sein wird. Besonders soll dabei das re- Be
giöse Problem im Mittelpunkt stehen. Die Referenten und das nähere
rogramım werden später bekannt gegeben. Die Vormittage werden den Be- 6%
‚sprechungen gewidmet sein, die Nachmittage stehen zur freien Verfügung der
Kursteilnehmer. Auf Wunsch können Kursteilnehmer noch eine Woche länger
Casoja ihre Ferien verbringen. 23.
Es liegt uns daran, Ihnen das Datum heute schon bekannt zu geben, damit
‚Sie sich allenfalls diese Woche freihalten können. Das Kostgeld beträgt
Fr. 5.— bis Fr. 7.— pro Tag. Es wird kein Kursgeld erhoben, hingegen sind
‚freiwillige Beiträge für die allgemeinen Ausgaben (Reisekosten der Referenten -
etc.) willkommen (X 1594 Verein Casoja). Anmeldungen sind bis spätestens
25. September zu richten an G. Rüegg, Casoja, Valbella ob Chur.
- Für die „Freunde der Neuen Wege“ . und für „Arbeit und Bildung“
— R. Lejeune. L. Ragaz.
w Be DEZ FI;
® Redaktionelle Bemerkungen.
Er
Die „Personalia“ sind durch ein Versehen weggelassen worden,
sollen aber das nächste Mal nachgeholt werden. .
dr Berichtigung. Die zürcherische Fürsorgestelle für Alkoholkranke zählte, .
_ wie uns mitgeteilt wird, im Jahre 1928 nicht 244, sondern 278 neue Fürsorge-
_ jälle. In Gera sind nicht, wie die Blätter meldeten, 16,000, sondern 6000
Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten. eu
€ u ‚
“
z Arbeit und Bildung.
Sommerprogramm. en
F I. Iphigenie von Goethe. Samstag, abends 8 Uhr. Beginn 11. Mai.
Leiter: L. Ragaz.
Dieses edelste Werk Goethes soll wie früher der „Faust“ und die „Gött-
- liche Komödie“ vor allem als Anknüpfungspunkt für die Besprechung. wich-
tigster und aktuellster Lebens- und Zeitprobleme dienen. Dieser Kurs tritt
vorübergehend an die Stelle der biblischen Besprechungen.
II. Die geistige Lage der Gegenwart und die neuen Aufgaben des
Sozialismus. Kurs in vier bis fünf Abenden. Unterthemen: 1.
Die neuen Probleme des Sozialismus und ihr
Zusammenhang mit der Weltanschauung. Re
ferent: Max Gerber. 2. Der Umschwungin Wis-
senschaft und Weltanschauung und die neue
Gestaltung des Sozialismus. Referent: Hend-
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rikde Man. 3. Dieneuereligiöse Lageundder
Sozialismus. Referent: L. Ragaz. Mittwoch, abends
8 Uhr. Beginn 15. Mai. =
Dieser Kurs bildet die Fortsetzung des im Winter abgehaltenen über die
„Neue wirtschaftliche und politische Lage und die Aufgaben des Sozialismus“.
Er soll das Problem nunmehr auf dem Boden der neuen Lage in Wissenschaft,
Philosophie, Weltanschauung und Religion verfolgen und zeigen, wie auch
die Lösung der wirtschaftlichen und politischen Aufgaben, die heute dem
Sozialismus gestellt sind (Krieg, Gewalt, Diktatur, neue Demokratie, Soziali-
sierung u. s. f.) aufs engste mit der Weltanschauung und überhaupt den
Ueberzeugungen in bezug auf die letzten Lebensiragen zusammenhängt. Die
drei Grundthemen können nach Wunsch und Bedürfnis erweitert und die Be-
sprechungen auf mehrere Abende ausgedehnt werden. An das Eingangsreierat
soll sich eine vielseitige Aussprache knüpfen.
IN. Zur Einführung in die bildende Kunst. 1. Vom Wesender
bildenden Kunst. Referentin: Helene Roth. 2. Vin-
zenzvanGogh. Referent: Ernst Hubacher. 3. Rem-7
brandt. Referent: Friedrich Wolthardt. 4. Hod-
ler. Referent: Ernst Heller. 5. Daumier. Referent:
RobertLejeune. Freitag, abends 8 Uhr. Beginn: 27. Mai.
Dieser Kurs soll, vorwiegend an Hand von bedeutsamen Beispielen zu
zeigen versuchen, was die bildende Kunst, im besondern die Malerei, ist und
will, wie sie verstanden werden muss, was für eine Bedeutung sie auch für
das religiöse und soziale Leben besitzt. Sachkundige Referenten, die zum Teil
selbst schaffende Künstler sind, werden diese Aufgabe behandeln.
IV. Frauenabende. Das Problem von Mutter und Tochter, anhand
von Julie Schlossers Buch „Aus dem Leben meiner Mutter“,
und anderer Lebensbilder. Leiterinnen: C. Ragaz und R.
Tschulok. Jeden ersten und dritten Dienstag im Monat.
Beginn 7. Mai. /
. ‚Die „Frauenabende“ dienen dem Zwecke, Frauen aus allen Volkskreisen, °
die in sozialer Arbeit stehen und von deren Problemen, sowie besonders auch
von den Aufgaben des Fraueniebens bewegt werden, zur Aussprache darüber
zu sammeln, damit ihr Wesen und Wirken zu klären und zu vertiefen und für
ihre Arbeit neue Kraft zu gewinnen.
V. Musikabend. Werke von J. S. Bach und Beethoven, aus ihrer
letzten Schaffensperiode. Leiterin: Frl. Sophie Widmer.
Donnerstag, abends 8 Uhr; alle vierzehn Tage. Beginn 16. Mai.
Die besonderen musikalischen Veranstaltungen werden später an- ”
gezeigt.
Die Musikabende wollen, soweit dies im Rahmen von „Arbeit und Bil-
Se un kn Beste 3 dem Reiche der Musik denen darbieten, die
nst dazu vielleic einen Zugang hätten, Ruh i "Ge-
mütes den Kämpfenden und Mühseligen . Ei
VI. che Jeden Dienstag im Monat
er Monatsabend soll die Mitglieder von „Arbeit u d Bildung“, di
Kursteilnehmer und Menschen aus andern Kreisen zur Verbands re
Gegenwartsiragen aller Art zusammenbringen. Ihn zu besuchen sollte
Mitgliedern Pflicht sein.
ie Anlässe finden alle im Heim Gartenhoistrasse 7. Züri ü
Kurs II und III wird ein Kursgeld von Fr. 3— Schobeh die ER sind
frei. Jedermann ist zu allen Anlässen herzlich eingeladen. Das Komitee
in a Be A
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I EN EETET A ee t
sche Selbständigkeit.
Wer seine Seele sucht, der wird sie verlieren, wer sie aber ver-
r lieret um meinetwillen, der wird sie finden. "Matth.16, 5.
_:
digkeit gewesen, für mich selbst, aber ebensosehr für die
Freiheit ist mir immer, soweit menschliche Dinge in Be-
mmen, als das höchste der Worte erschienen, als Ausdruck
sten Sehnsucht der Seele, als edler noch denn Wahrheit und
die ja ohne Freiheit nicht sein können, aber in der Freiheit
gesetzt sind. Gott selbst war — und ist — mir das letzte Wort
Freiheit. Ich’durite und darf mich dafür nicht nur auf die Re-
ation berufen, deren Hauptwort die libertas christiana, die „Frei-
teit eines Christenmenschen“ ist, sondern mit ihr auch auf das
Evangelium selbst, das uns Erlösung, also höchste und letzte Be-
Hung verheisst, auf Paulus, nach welchem auch die ganze Schöp-
2
fung der „herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ entgegenharrt, auf
Vinets Wort: „Le christianisme est dans le monde la semence im-
_ mortelle de la liberte.‘“) So bin ich denn von Jugend auf am Werke
_ gewesen, mehr Freiheit in der Welt schaffen zu helfen. Ich bin schon
vor manchem Jahrzehnt gegen alle Unterdrückung der Jugend und
Schülerschaft, der Frau, des Proletariates, der Völker, der Rassen
_ eingetreten, habe gegen den Naturalismus für die Freiheit des Wil-
_ lens gekämpft, habe mich für die Erlösung der Arbeit, die freie Be-
wegung alles Glaubens, Denkens und Tuns, kurz, für die Autono-
"mie, Freiheit, Selbständigkeit alles Seins, auf Grund seines gött-
lichen Ursprungs, göttlichen Rechts und göttlichen Ziels eingesetzt.
“Auch darum, wenn auch nicht bloss darum, bin ich Demokrat, So-
- zialist, Antimilitarist und was sonst noch zu meinem Bekenntnis und
Werk gehört. Für das alles bin ich nicht nur gestanden, vor es Mode
- war, sondern stehe auch jetzt dafür, nachdem es nicht mehr Mode ist.
- Aber gerade darum ist mir ein falsches Freiheits- und Selb-
-ständigkeitsstreben doppelt zuwider. Ein solches aber tritt uns in
‚allerlei Formen entgegen. Zum Teil geschieht es in solchen, die
durch die besondere geistige Gestalt der Zeit bedingt sind. Wir ha-
ben eine ganze Reihe von Bewegungen erlebt, die alle verbunden
waren durch das Ziel einer grösseren Autonomie, einer stärkeren
Selbstbehauptung gegenüber bisherigen Unterdrückungen: die Ju-
gendbewegung, die Frauenbewegung, die proletarische Bewegung,
die nationale Bewegung. Sie alle sind darauf aus, bestimmte Men-
schenkreise in trotzigem Bewusstsein ihres Eigenrechtes auf die eige-
nen Füsse zu stellen. Obschon hier inzwischen viel Wasser in den
1) Das Christentum ist in der Welt der unsterbliche Same der Freiheit.
209
in immer ein leidenschaftlicher Freund von Freiheit und’
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fr a er ) Ar Bi
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Wein gegossen worden ist, so ist doch vielfach etwas wie eine Ver-
steifung des Selbständigkeitsstrebens eingetreten. Man stösst in.der
Jugend und vielleicht noch mehr bei den einstigen Angehörigen der
Jugendbewegung leicht auf ein tiefes Misstrauen gegen alle geltenden
Ansichten und Sitten und besonders gegen die Vertreter einer älte-
ren Generation, eine oft fast lächerliche Angst vor Beeinflussung
durch Sachen oder Persönlichkeiten, die nicht aus ihrem Kreise stam-
men, eine Abschliessung der Jugend, die bloss aus dem Eigenen le-
ben und sich nicht dreinreden lassen will und auch glaubt, vollkom-
men genug zu haben, um aus dem Eigenen zu leben. Wir Aelteren,
die wir uns doch oft so viel jünger vorkommen als die Jungen, wis-
sen uns dieser Art Jugend gegenüber beständig im Verdacht gei-
stiger Arterienverkalkung. So kann auch die Frauenbewegung ge-
legentlich eine Stimmung erzeugen, die mit einer gewissen eifer-
süchtigen Empfindlichkeit gegen wirkliche oder vermeintliche Ueber-
griffe oder Vorteile des Mannes auf der Wacht steht. Der Befreiungs-
trotz des sozialistischen Arbeiters kann zu einem Misstrauen gegen
jeden Angehörigen eines andern Lebenskreises führen, das sich un-
ter Umständen gerade gegen solche wendet, welche die besten
Freunde seiner Sache sind. Die nationale Selbstbestimmung ist nicht
weniger imstande, zu einer solchen Versteifung auf sein Eigenrecht
A werden, die für allen Anspruch anderer Völker und Lebenskreise
lind ist.
Was uns in dieser Form als zeitgeschichtlich bedingte Erschei-
nung entgegentritt, erwächst bei einzelnen Menschen oder Bewe-
gungen immer wieder aus gewissen Grundtrieben des menschlichen
Wesens. In einem äusserst verletzlichen Selbstgefühl stehen sie ewig j
Wache, dass ja niemand sie gering schätze, niemand ihnen drein-
rede. Sie bewachen damit, ohne es zu wissen, irgend einen schwa-
chen Punkt ihres Wesens und Seins; den decken sie durch ein über-
reiztes Selbstgefühl. Sie werfen völlig Wall und Graben um sich ®
herum auf, dass niemand komme und sie dort störe, wo sie, die’
Starken — so schwach sind! Sie bauen sich ihr eigenes Reich. Sie
verteidigen es gegen Freund und Feind mit Erbitterung.
Aber diese uralte menschliche Art bezieht doch auch wieder aus“
der Atmosphäre der Zeit besondere Nahrung. Zu dieser gehört vor 1
allem dasGeltenwollen. Wenn wir es noch allgemeiner und
tiefer ausdrücken wollten, müssten wir sagen: was unsere Zeit am
stärksten charakterisiert, it dieHerrschaftdesfalschen
Absoluten. Dieses führt zu einem absoluten Geltenwollen des
einzelnen Menschen und der einzelnen Lebenskreise. Daraus wird ein
Element des Egoismus im heutigen Menschen, das etwas Tückisches
hat, eine gewisse Treulösigkeit einschliesst und in leidenschaftlichen
Seelen leicht zum Dämonischen ausartet. Dem eigenen Geltenwol-
len steht dann ein anderes im Wege. Es steht ihm aber auch im
210
sche so kleinlich, kindisch, armselig vor.
ft. Wer immer sich selbst wahren muss, der ist der Knecht sei-
Selbst, und das ist ein schlimmer Herr; wer sein Verhalten stets
das des Andern einstellt — als Abwehr und Behauptung gegen
‚ihn — der ist dadurch gerade an ihn gebunden. Indirekte Abhängig-
keit ist noch schlimmer als direkte. Wenn es eine wahre Definition
- der Freiheit gibt, so besteht diese gerade darin, dass man aus dem
Eigenen lebt, nicht aus dem Fremden. Freiheit ist Selbstsein. Und
so ist auch alle Angst vor Beeinflussung durch Andere das Gegen-
teil der Freiheit. Denn wahrhaftig: wenn es irgend etwas Knechten-
des gibt, so ist es die Furcht. Sie ist jedenfalls die stärkste und
_ übelste Beeinflussung. — Aber auf diesem Wege gelangt man noch
weiter ins Falsche hinein: Gerade auf der Flucht vor der Abhängig-
_ keit wird man abhängig und zwar nun auch direkt. Man entgeht
einem Einfluss, der frei machte und verfällt einem, der knechtet; man
ist misstrauisch, wo man allen Grund zum Vertrauen hätte und ver-
traut da, wo man misstrauen sollte; man weicht dem Helfer aus und
- folgt dem Charlatan; man verwirft den Führer und folgt den Dema-
gogen. Die Jugend kommt bei etwas an, was das Gegenteil von
echter Jugendlichkeit, das Weib bei etwas, was das Gegenteil von
echter Weiblichkeit, das Proletariat bei etwas, was das Gegenteil
von echter proletarischer Art, das Volk bei etwas, was das Gegen-
- teil seiner echten Volksnatur ist und so fort. Was übrig bleibt, ist
ein gereiztes und gespreiztes, launisches und unsicheres, innerlich
hohles Wesen, das so ganz anders aussieht, als die wahre Gestalt
der Freiheit. pP
Mit dem letzten Stichwort sind wir schon bei einer weiteren
Folge dieser falschen Selbständigkeit angelangt: Sie führt zu schlim-
mer Verarmung des Lebens, ja recht eigentlich zum Bankrott. Eine
Jugend, die sich im eigenen Zirkel einschliesst, wird leer und halt-
los, allen eigenen Launen und allen Winden der Zeitmode aus-
gesetzt; ein Sozialismus, der sich auf sich selbst versteift, wird arm
is
zur
is! 2 E
ZUG
estalt der Freiheit geschaut zu haben glaube, kommt mir
nmal: Das ist ja gar keine Freiheit, sondern schlimme Knecht-
ul ARE ee
"artet. All diese falsche Freiheit führt in Wahn, Wüste und Leere.
und unfruchtbar; eine Frauensache, die nicht mit der Männersache
tief verbunden ist, wird nicht weniger falsch als das Umgekehrte;
ein Volkstum, das nicht aus der Menschheit lebt, verwelkt und ent-
Dann aber ergreift sie das Entsetzen über die Leere, den Wahn, die
Wüste und sie flüchtet aus der falschen Freiheit zur Knechtschaft. 7
Das ist ein Teil der Katastrophe, die wir jetzt erleben. In tausend |
Formen erfahren wir sie, in den grossen politischen, wirtschaft-
lichen, religiösen Bewegungen, wie in den Entwicklungen der Ein-
zelnen. Man langt auf der Flucht vor der Götzen-Freiheit bei der
Götzen-Autorität an; aus der Begeisterung für die Autonomie wird
eine für die Diktatur. Der Demokratismus schlägt in Bolschewismus
und Faschismus um — und dies nicht nur in politisch-sozialen For-
men! Die Zeit des betonten Geltenwollens ist auch eine der Ver-
götzung von Tagesgrössen, wie man sie seit zweitausend Jahren
nicht mehr so erlebt. Die gleichen Leute, die einen überragenden
Menschen nicht ertragen können, vergehen in Schwärmerei für
irgend einen der vielen Theater- und Schaufensterhelden unserer
Zeit, in dessen Kultus sie ihren eigenen finden.
Aber in alledem ist lauter Fluch. Dieses erbitterte Geltenwollen’
führt zur Ungültigkeit. Am Ende steht ein Fiasko sowohl der
ganzen Zeit, als der Bewegungen und der einzelnen Menschen, so-”
fern sie diesen Weg gehen. Es ist ein Jammer, wenn man so oft”
ohnmächtig zusehen muss, wie Menschen und Bewegungen in sich”
selbst verkrampft zugrunde zu gehen drohen. Wenn man ihnen doch °
nur die Augen öffnen könnte; wenn man doch nur durch die fenster-
losen Mauern der trotzigen Selbstbehauptung, die sie um sich her-”
um errichtet, eine Oefinung brechen könnte, dass das Licht der
Wahrheit in sie dränge, dass an Stelle ihrer Selbstbehauptung die
Selbstkritik und an Stelle des Fertigseins das demütige Lernen träte.
Ach, wie haben wir Alle das Lernen so nötig, wenn wir nicht ver-
starren („verkalken‘) wollen — und zwar schon in der Jugend! —
wenn wir der Macht des Irrtums entrinnen, dem rettenden Licht der
Wahrheit nachgehen wollen! Und wie vieleskannman lernen, wenn
man nur recht will! Wie könnte von diesem Punkt aus eine Wen-
dung geschehen, Erfolg, ja Segen, Freude, Gutwerdung alles Ueblen
eintreten! Wo aber der Trotz der Selbstversteifung, der starre Ego-
ismus des Geltenwollens siegt, da ist für Einzelne und für Bewe-
gungen das Ende sicher, das aus dem Grundgesetz des Lebens folgt:
„Wer seine Seele sucht, der wird sie verlieren.“
Darum rette dich von dem Weg der falschen auf den der wahren
Freiheit. Ueber diesem leuchtet als oberste Wahrheit: Wer seine
Seele verlieret um meinetwillen, der wird sie finden.“ Das heisst zu-
nächst einfach: „ES wird keiner selbständig, der nicht vorher ab-
hängig war,“ ja, wir müssen wohl noch weiter gehen und sagen:
212
ndern ir
ist es eine et dass. man untergehen
I a zu EOREn _ Ge in. einem Grösse
| "dass ie edel aus dem ee ae “
es ein leben Untergehen und Sichverlieren war. Die eigent- 9
che Le en ne Wesens war, Se sie auf Eu
-
le unverbildeten.j jungen Se vorhanden ind sie ist ihr Lebens®
drang selbst; wenn sie sie unterbindet, so schneidet sie sich Leben }
un« Wachstum ab. Wenn ich diese heutigen jungen Menschen sehe a
— ich meine die bestimmte Art, die ich gekennzeichnet habe — die f
eine solche Angst haben, sie könnten unter den starken Einfluss einer
Sache oder Persönlichkeit geraten, so muss ich. an die Generation
denken, die mit mir jung war. Wir unserseits, die wir doch auch
leidenschaftlich die Freiheit liebten und suchten, kannten keinen
sehnlicheren Wunsch als den, auf eine solche Sache oder Persön-
2 lichkeit zu stossen, uns von ihr begeistern, beraten, führen zu lassen,
und unser tiefstes "Entbehren war, wenn es daran fehlte. Ich meine,
E dass ' wir darin gesunder empfanden, als diese heutigen jungen Men-
schen mit ihrer Angst vor dem Beeinflusstwerden. Die Angst ist auch
i nirgends ein guter Führer. Wer zu wirklicher Selbständigkeit be-
rufen ist, der wird aus dem Untergehen in einen Meister, oder sogar
_ mehr als einen, schon wieder auftauchen; wer aber nicht zu solcher
Selbständigkeit bestimmt ist, dem kann nichts Besseres geschehen,
als einem Meister Gefolgschaft zu leisten. Es ist auch nicht jeder
zur Selbständigkeit in diesem bestimmten Sinne geboren, im Gegen-
teil: die Mehrheit der Menschen bedarf des Geführtwerdens. Wie
“mancher, der in einer mehr ausführenden Stellung ein trefflicher
Mensch wäre und darin etwas Ganzes und schliesslich doch auch
Freies würde, muss völlig versagen, wenn er Führer sein will. „Bist
du ein solcher, der einem Joche entrinnen durfte ? Es gibt Man- ER
Lu
chen, der seinen letzten Wert wegwari, als er seine Dienstbarkeit
wegwarf. “ Es gibt ja etwas, von dem man sagen könnte, es sei noch
edler als selbst die Freiheit: das ist das Dienen. Aber wenn man
vielmehr sagen muss, dass gerade im Dienen sich die Freiheit des
Freien vollende, so kann man auch umgekehrt sagen, dass auf dem
richtigen Dienen des Abhängigen der Abglanz der höchsten Frei-
213
heit ruhe, dass dies eine Freiheit ganz eigener, ganz herrlicher Art
sei. Aber auch wer der Selbständigkeit fähig ist, wird immer wieder
auf Menschen stossen, die mehr sind als er. Und da ist es nun ge-
rade ein Zeichen seiner Freiheit, ein Zeichen, dass er keine niedrige
Sklavenseele, sondern eine adelige Natur ist, wenn er diesem Ueber-
legenen nicht ausweicht oder ihn mit kleinlichem Neid heruntersetzt,
sondern ihn als überlegen anerkennt, sich in Freiheit von ihm lehren
und führen lässt. Ehrfurcht — nicht bloss vor dem „Leben“, wie
man heute sagt, sondern namentlich vor dem, was grösser ist als
wir, ist nach Carlyle das echteste Kennzeichen des Göttlichen im
Menschen. Er wird darin recht behalten. Man könnte paradoxer-
weise sogar so weit gehen, zu sagen, dass der, welcher fähig sei,
sich in Ehrfurcht vor einem Grösseren zu beugen, dadurch grösser
werde als dieser selbst, während er klein, sehr klein wird, wenn er
versucht, den Grösseren kleiner zu machen, damit er selber grösser
werde. Aber auch das gehört zu dieser Wahrheit, dass, wer ganz
hoch gestiegen ist, erst recht erkennt, was und wer über ihm ist,
dass, wer viel gelernt hat, gerade wieder nach seinem Meister
ausschaut, dass, wer am meisten das Eigenste gefunden hat, am
meisten sich darnach sehnt, es zu verlieren „um seinetwillen“.
i
!
j
|
|
Darum sagen wir: Freiheit bleibt die Losung. Nach wie vor
streben wir jeder neuen und alten Freiheit nach. Nach wie vor stehen
wir zu allen wesentlichen Forderungen der Jugendbewegung, der”
Frauenbewegung, der Arbeiterbewegung, der nationalen Bewegung.
der Bewegung alles Lebens zu seinem gottgegebenen Eigenrecht
hin. Aber eben, dies Eigenrecht darf nicht ein egoistisches, auf sich
selbst eingeengtes, sich in sich selbst verkrampfendes sein, sondern
muss auf dem grossen Rechte Gottes und des Menschen stehen, von
dem es seinen Titel hat. Diesem dienend, kommt es zu sich selbst.
Und so gelangen wir dazu, dass wir erklären müssen: das Stre-
ben nach Selbständigkeit darf nicht das Erste sein und darf nie
für sich allein, sozusagen bloss um seiner selbst willen, auftreten,
sonst führt es in die Leere und in den Tod, verfällt dem Gesetz:
„Wer seine Seele sucht, der wird sie verlieren.“ Ausgangspunkt
muss der Dienst sein, der Dienst an einer Sache, an der Sache,
nämlich an der Wahrheit. In diesem Dienst gewahren wir, dass wir
selbständiger werden müssen. Darum erstreben wir dies in der
Sache und für die Sache, nicht an sich selbst. Das ist auch die
Meinung Vinets, des grossen Apostels und Meisters der Freiheit:
„Irennet den Gedanken der Freiheit von dem an ihr Ziel. das in
unserer sittlichen Vervollkommnung, im Wohl der Gesellschaft und
in der Ehre Gottes besteht, was bleibt euch von diesem Namen
übrig? Nichts als ein wilder Instinkt.“ Nur in diesem Zusammen-
hang mit dem „Ziel“ kann betonte Selbständigkeit gelegentlich nöti
und wertvoll sein, als Grundhal fü a an
» altung aber führt sie zu gespreiztem
214
<indessinne — dienen. „Wer
€ en um ee der wird sie finden.“
n wir dafür die letzten Worte brauchen wollen, so müssen
gen: Der Ruf zur Freiheit in uns ist der Ruf Gottes. Er ist
‚Wir gelangen aber zur Freiheit nur dadurch, dass wir Gott
orchen. Hier stossen wir ja auch auf die letzte Wurzel des tal-
ıen Freiheitsstrebens. Denn woher stammt jenes Geltenwollen,
das sich in seiner Selbständigkeit verkrampft? Wir haben erklärt:
us falschem Drang zur Absolutheit. Aber woher stammt dieser ?
Es ist ganz klar: er stammt aus der Entfernung von Gott, der das
_ echte Absolute ist. Wir machen, sobald dies geschieht, uns Götzen,
_ machen besonders gern aus uns selbst einen solchen und geraten auf
alle Fälle in die Knechtschaft des Endlichen. G ott zu dienen aber
ist Freiheit — das allein! BERaAaZ:
E Zur sexuellen Frage.
N \
er 1. Zum Problem der Familie.
_ In seiner „Jeremias Gotthelf”’-Biographie weist Rudolf Hunziker
_ darauf hin, wie Pestalozzi und Gotthelf sich in ihrer Wertschätzung
der Familie treffen, wie der eine sagt: „Es ist nicht der Staat, nicht
- die Schule, nicht irgend etwas anderes des Lebens Fundament, son-
dern das Haus ist es“ — und der andere ihm beipflichtet, „dass
_vomHauseausdie Wiedergeburt der Schweiz gehen müsse“
| Was sagen wir dazu in unserer Zeit, wo Begriffe wie Kamerad-
schaftsehe und gewisse echte kommunistische Tendenzen vielleicht
mehr an der Form als am Fundament der Ehe rütteln, zugleich aber
_ eine Paarung von kultureller Verfeinerung und sittlicher Deka-
denz — wovon die letztere sich hie und da in das Gewand eines
falschen Kommunismus kleidet, — auch die Grundlagen der Familie
unterhöhlt?
Was halten wir von der Familie, die wir zum guten Teil durch
das „Vater- und Söhne“-Problem persönlich hindurchgehen mussten
und noch müssen, Wunden schlagend und Wunden empfangend?
Was sagen wir als Sozialisten dazu, die wir in der Familie, im
Familienegoismus und im Erbrecht eine der stärksten der Klam-
mern erkennen, die den Kapitalismus zusammenhalten ?
Was sagen wir dazu vom Standpunkt des Sozialpolitikers, der die
unheilbar a-sozialen, insbesondere auch aus dem Erdreich ihrer Fa-
215
rillst f Br e Po a 2 un.
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Et
milie entwurzelten Elemente, die oft selbst Opfer äusserlich oder in-
nerlich unguter Familienverhältnisse sind, nicht mehr oder nur noch
mit schlechtem Gewissen in Zwangsanstalten, Gefängnissen, Irren-
anstalten einzusperren sich getraut un
mit ihnen anfangen ? | ’ an
Und lebt in unserer Seele, wie in der der Menschen anderer
Zeiten und Länder, neben der selbstverständlichen Bejahung unserer
Zusammengehörigkeit, unserer äussern und innern Verbundenheit
mit den andern Menschen, nicht doch auch noch wenigstens eine
leise Spur des Widerspiels dagegen, der Abkehr vom „freien und
sich freien lassen“ und der Sehnsucht nach Gipfeleinsamkeit der
Seele ?
Wir wissen, dass Jesus mehr als einmal das Alleinsein suchte,
und dass es einen Konflikt mit den Banden des Blutes gibt, der zum
Befehl Gottes führen kann: „Gehe hinweg aus deinem Vaterland
und aus deiner Freundschaft“, und zum Operationsmesserschnitt
des oft allzu leicht gesungenen Reformationsliedes: „— — Leib,
Gut, Ehre, Kind und Weib, lass fahren dahin—.“
Mir scheint, dass Christi Stellung zur Familie drei Linien auf-
weist, die zu einem Punkte hinführen, und dass aus diesem Punkt
Antwort kommt auf unsere Fragen, Antwort allerdings nicht ım
Sinne eines Tischleins-deck-dich, das fix und fertige Lösungen vor
uns hinstellt, mit denen wir uns ohne eigene Mühe nur zu bedienen
brauchen.
Die erste, am meisten in die Augen fallende Linie in Jesu Ver-
halten zur Familie ist deutlich gegen sie gerichtet. Da ist schon
sein Zurückbleiben im Tempel als Zwöltjähriger und seine Antwort
an die ihn suchenden Eltern: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss
z
d doch nicht weiss, was sonst
in dem, das meines Vaters ist‘, dass ich mehr in den Tempel gehöre °
als in euer Haus?
. Dann nach seiner Rückkehr aus der Wüste und beim Beginn
seiner Predigttätigkeit die Berufung der Jünger. Er rief sie, und sie
verliessen alles, Eltern, Geschwister, vielleicht sogar Weib und
Kind; aus der Erwähnung der Schwiegermutter des Petrus geht
hervor, dass er verheiratet war. Was würden wir heute sagen
wenn irgend ein Prediger käme und z.B. aus einer Bauernfamilie
2 sr a.
-
gleich zwei erwachsene Söhne auf’s mal „entführte“, wohl die
Stützen schon alternder Eltern, wie Jesus die Brüder Si
R r Simon und
Andreas, Jakobus und Johannes mitten aus der Arbeit, vom Fisch-
fang und Netzflicken fortrief, um Menschenfischer aus ihnen zu
ne Würden wir dem nicht empört das 5. Gebot vorhalten?
eiter ist da die bekannte Zurückweisun |
r g seiner Mutter und
seiner Brüder, indem er fragt: „Wer ist meine Mutter und wer sind
meine Brüder?“ und selbst antwortet, nicht jene nach Fleisch und
216
em < Jesı
on Gruben Bd die Vögel a de Hama N ans
Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege —. }
zeigen aber nicht nur eine Rücksichtslosigkeit |
a A davor a in ‚ihr etwas On = |
e zeigen var ss Kar, um selben ar RR
Jesus die Ansprüche der Familie zurückdrängt. „Er verkündigte :
Evangelium von dem Reich (Gottes)“, heisst es (Matth. 4, 23)
von seiner Tätigkeit gleich von Anfang an. Um dieses Reiches, um
- der Herrschaft Gottes willen, hält es ihn im Tempel, reisst er die
nger aus ihren Familien heraus, weist er die Seinen von sich, E
ehnt er die einfachste Pietätspflicht ab. Der einzige Grund und die Br.
einzige Rechtiertigung dieser Rücksichtslosigkeit liegt darin, dass fe
der Wille Gottes erkannt, dass Menschen gewonnen werden sollen, 5
- ihn zu tun, dass die Botschait von seinem Reiche hinausgetragen
R%
— werde. ;
$: So beweisen auch schon die Zurückstellungen der Familie da-
$ durch, dass sie einzig und allein um des Allerhöchsten willen ge-
schehen, wie viel die Familie gilt.
Die liebevolle Anerkennung der natürlichen Bedeutung der Fa-
= milie, da, wo sie nicht mit dem Reich Gottes in Konkurrenz tritt,
i sondern im Gegenteil der irdische Nährboden der Liebe ist, die
- Gott will, ist dann die zweite Linie in Jesu Verhalten zur Familie.
Er vermag die Liebe von Eltern und Kind, Mann und Frau, Bruder
und Schwester mitzufühlen und wird durch Kindesunschuld be-
glückt.
Schon seine erste Tat, an der Hochzeit zu Kana, räumt einen
Stein aus dem Weg einer eben werdenden Familie, beseitigt eine
- Schwierigkeit, aus der sonst vielleicht ein lang nachwirkender Gift-
tropfen in ihr Glück gefallen wäre.
Ais liebreicher Schützer und Erhalter der Familie steht Jesus
vor uns, wenn er dem schmerzzerrissenen Jairus sein Töchterchen
wiederschenkt, wenn ihm angesichts des Leichenzugs am Stadttor
zu Nain das Mitleid mit dieser armen Witwe überwältigt und er
den Sohn seiner Mutter zurückgibt, wenn er ein von einem unreinen
Geist besessenes Kind ‘geheilt dem Vater und Lazarus aus dem
Grabe seinen Schwestern wiedergibt.
Und wie er die Kinder liebte, wissen wir auch.
v
BE RTN
ZT
Endlich die dritte Linie.
Als Jesus am Kreuze hing, verband er seine ‚Mutter, die den
"Sohn verlor, und Johannes, der den verlor, der ihn „lieb hatte‘,
durch die Worte: „das ist dein Sohn“, „das ist deine Mutter“ so
miteinander, dass „von der Stunde an der Jünger sie zu sich
nahm“, dass sie fortan Mutter und Sohn waren auch ohne leibliche
Verwandtschaft. a
Geht es zu weit, wenn man sagt, damit habe Jesus die Familie
über die leibliche Verwandtschaft hinaus erweitert?
War sein Verhältnis zu seinen Jüngern, zu Maria, Martfıa und
Lazarus nicht auch ein geschwisterliches, nicht durch das Blut, aber
durch die Aufgabe der Erkenntnis und der Verkündigung der frohen
Botschaft
‚Und dann hat Jesus diesen Gedanken der Bruder- und Schwe-
sternschaft aller Menschen in der Verbundenheit durch den Dienst
am Reich Gottes ja zum letzten Ende geführt, indem er Gott als
den Vater aller Menschen aufgezeigt hat. Da ist er selbst der Erst-
- ling der grossen Familie der Kinder Gottes, und Brüder und Schwe-
tern sind alle, die den Willen des Vaters im Himmel tun. Sub specie
aeternitatis, im Lichte der Ewigkeit ist das die grosse Gottesfamilie,
der keiner fernbleibt, der alle angehören.
Dass dieser Gedanke in die Ewigkeit führt, dass die erste Chri-
stengemeinde zu früh die Hand nach der vollen Krone ausstreckte,
ist kein Grund dagegen.
Freilich gilt es nun, sich nicht im Unendlichen zu verlieren, son-
dern vielmehr gerade an dieser Ewigkeitsrichtschnur den Weg
durch das Gewirr der praktischen Gegenwartsfragen zu finden.
Auch bei Jesus setzte sich ja das Gefühl der Bruderschaft zu den
Menschen in praktisches Tun um, so wenn er den Einzelnen von
Krankheit erlöste oder dafür sorgte, dass hungrige Scharen satt
wurden.
Die sich aus allen drei Linien des Verhaltens Jesu zur Familie
ergebende Richtschnur ist also: Gut, gross, heilig an der Familie
ist, was sich nicht in Gegensatz zur Königsherrschaft Gottes stellt
nicht sich an deren Platz zu drängen sucht, sondern was im Gegen-
teil im Dienste des Reiches Gottes steht. Zu diesem Dienst ist die
Familie als irdischer Wiederschein der Liebe Gottes in unvergleich-
ar Weise Are nn und kann geradezu Keimzelle des Gottes-
reiches sein. Aber sie kann auc Ö
Br re h zum Götzen werden und sich an-
Sie kann Baustein und Werkzeug für j j
sie kann ihm auch zum Schädling a ee
‚So einfach diese Richtschnur ist, — wie alle göttliche Wahr-
heit, — so wenig leicht ist es doch, auch nur in der Theorie das Ge-
wirr aller Fäden, die das Leben der Familie und ihre Probleme bil-
218
jener verlangt hat, man solle ledige Mütter auf Kosten
‚bei tüchtigen, liebevollen Bauersleuten unterbringen und
mit ihrem Kinde zusammen möglichst lange lassen.
€ den Rahmen der Blutsverwandtschaft hinaus. Und sicherlich
at Pestalozzi da recht gesehen. Die Aufnahme in eine tüchtige,
'Strafanstalten” bezahlt, wäre sicherlich die beste Lösung nicht
ur für manches Kind ohne Heim oder nur mit einem unguten Heim,
_ sondern auch für zahlreiche schwache, kranke, einsame, bedürftige,
fehlende Menschen, ja verfehlte Existenzen, die nichts nötiger hätten,
_ denen vielleicht sonst nichts mehr helfen kann als ein Heim, Eltern,
‚Geschwister, Kinder um sich herum zu haben. Anstal Iten, selbst
_ wenn in ihnen nicht mehr als gut ist mit Geld gespart werden
_ muss, und wenn in ihnen nicht mit Liebe geknausert wird, müssen
E doch nur Notersatz bleiben und sind für viele Fälle auch gar
nicht vorhanden.
>
Br
Die Familie hat da sicher eine Salee Aufgabe, sie wäre |
die Lösung, wenn —, ja wenn — — —
Erweiterung der Familie ist leicht gesagt, aber schwer getan.
Trotzdem aber hat im stillen schon manches Kind und mancher
Mensch so eine Heimat gefunden und zwar wohl ebenso oft bei
R _ bescheiden, als bei wohl gestellten Leuten.
Er Die Schwierigkeiten kommen- teils aus den äusseren Verhältnis-
sen: Geldfrage, Platzmangei in unsern Wohnungen, Zeitmangel in
_ unserer überhasteten Zeit, teils aus den Menschen, aus den Familien,
die aufnehmen sollten, und aus den Menschen, die aufgenommen
werden sollten.
Diese Schwierigkeiten, die äussern wie die innern, führen uns
nun auf das eigentliche Problem der Familie selbst in seinem ganzen
- Umfang zurück.
Schon die äussern Schwierigkeiten weisen in die Tiefe, zum Ge
gensatz: Gott und Mammon.
Dass viele, die allermeisten Familien gar nicht die Möglichkeit ha-
ben, auch beim besten Willen nicht, die Fürsorge für ein fremdes klei-
nes oder grosses Menschenkind zu übernehmen, dass andere, die ma
teriell dazu imstande sind, nicht von ferne daran denken, ein solches
Opfer zu bringen, das offenbart die ganze Enge und Gebundenheit
unserer privatkapitalistischen Welt, den ganzen Druck und Zwang
unserer Stadt- und Hetzkultur.
Und da sind nun gerade unsere Familien ein Hauptträger dıeser
2r9
mann weist ih Pekteoaris Soziale Botschaft“ da
äre eine solche Erweiterung der Familie um Gottes willen _
olle Familie, auf Kosten der Allgemeinheit, die ja heute auch _
verkehrten Welt geworden. Bei den Besitzlosen muss die ©
zuletzt, im Alter, noch Stütze und Unterschlupf sein. NeL..
Zu den besser gestellten Kreisen konzentriert sich gerade auch
den Erwerb eines sichern Vermögensstandes für sich und dereinst
für die Kinder. 2
Das ist durchaus das Normale, — und doch steht da die Familie
nicht im Dienste des Reiches Gottes, sondern im Dienste der Welt
und trifft sie das Wort Jesu: Wer nicht mit mir ist, der ist wider
mich.
- Mir scheint, -dass Richter Lindsey diesen Fluch, der vom Geld
Br aus, bei den Besitzenden wie bei den Besitzlosen, auf die Familie
fällt, übersieht und dass von da aus ein Licht auch auf das Sexual-
problem fällt, das er in seinem Buch: „Die Revolution der Jugend“
als Wirklichkeit, die uns ängstigt und uns mit quälender Fremdheit
anschaut, — um Worte von Paul Trautvetter zu brauchen, — aus
dem Dunkel in die Helligkeit gerückt hat. Jener amerikanischen Ju-
gend, mit der Lindsey es vorwiegend zu tun hat, ist das Auto un-
gefähr so selbstverständlich wie unserer Jugend das Fahrrad. Sie
lebt auf einem Niveau, das ihr Eltern mit reichlichem Einkommen
und eine rasch reichgewordene Nation bieten. Da entbrennt in
ihr, — unter dem Einfluss unserer von allerhand Prüderien glück-
lich befreiten, dafür aber vom Kinogeist auch ausserhalb des Kinos
unheilvoll beherrschten Zeit, — in halber Kindheit schon der Se-
xualtrieb in heller Flamme. Und bei aller wahrer Wohlmeinenheit
weiss Lindsey im Grunde doch keinen andern Rat als: Brennen las-
sen und Folgen verhüten, Geburtenverhütung. Später einmal, wenn
die Flamme ein wenig verlodert ist, wird schon noch ein rechtes
Herdfeuer daraus werden.
Bei uns bestehen bei der Jugend der mittel- und gutsituierten
‚Schicht in sexueller Hinsicht sicherlich nicht die gleichen Zustände,
noch nicht jedenfalls.
. Aber dafür bestehen sie unter unserer besitzlosen Jugend. Viel-
leicht sehe ich als Amtsvormund zu schwarz, aber ich glaube, dass
mehr als die Hälfte unserer städtischen Proletarier-Jugend ' Bur-
schen wie Mädchen, bevor sie in die Ehe treten, schon sexuellen
Verkehr gehabt hat, und oft mit mehreren, ja oft solchen Verkehr
schon ganz gewohnt ist, auch sie unter dem missleitenden Einfluss
an und für sich guten freiern Denkens und kinodramatischer Auf-
peitschung.
Lindsey hat ganz recht, dass es keinen Zweck hat, di: Ü
die. Ufer getretenen Strom des sexuellen Trieblchene ee
Moral, ‘Bravheit, Selbstbeherrschung zu predigen, und noch mehr
220
dung eines Hausstandes dazu helfen, zu zweit besser durchzukom-
Manrals allein; die Kinder sollen später mitverdienen und vielleicht
bei tüchtigen, sorglichen Menschen die Kralt und das Streben auf
&
i
I
Ä
Y
5
eit zu ihrer Lösung. A |
schen, denen Ehe oder Elternschaft versagt ist, die Möglich-
‚eben, in irgend einer kleinen oder grossen Auigabe eine ge-
benserfüllung zu finden, ohne dass jemand ein Recht hätte,
erdrängte Triebe“ zu lächeln, besonders auch noch vom
E.-
E Ganz besonders ist es nun abe?) Sache der Jugend, gerade von
er Zeit an, in der sie in die Geschlechtsreife tritt, sich den Auf-
‚gaben des Lebens zuzuwenden und sich dafür zu begeistern. Jetzt,
_ vom 14. Jahre an etwa bis zum 20. oder auch noch ein paar Jahre
_ darüber hinaus, bevor die nüchternen Anforderungen des Daseins
allerhand Abstriche am Hoffen und Streben gemacht haben, kann
„und darf und soll die Jugend sich hineinstürzen in die Fülle der
„Aufgaben des Lebens, um sich je nach Temperament, Anlagen und
_ Kräften rascher oder gemächlicher die eine oder andere zum Lebens-
zweck zu erwählen. Und sie soll hierfür schon redlich arbeiten,
Br frischen Kräfte tummeln und anstrengen.
| Jene amerikanische. Jugend hat diese Anstrengung nicht nötig.
Der Wohlstand ihrer Klasse und ihres Landes sichert ihr ein kom-
_ fortables Dasein. Vor ihr liegt eine ebene Autostrasse, auf der sie
das Auto, das ihre Eltern bezahlen, mühelos überall hin bringt.
Da schiesst die junge Kraft, die sich nicht in Arbeit umsetzt, in
ihr Triebleben hinein und jagt es als lodernden Brand in die Höhe.
- Unserer Proletarierjugend aber fehlt nicht die Arbeit, wohl aber
die Aufgabe. Arbeiten muss sie, aber nur für den Broterwerb.
Sie kommt zu kurz am innern Ergriffen- und Begeistertwerden für
'ein höheres Ziel, das man erstreben und erkämpfen möchte. Sie
hat keine Gipfel, sondern auch nur eine ebene Landstrasse vor sich,
auf der sie aber staubschluckend dahinwandern muss. So brauchen
auch bei ihr ungenützte Kräfte einen Ausweg und finden ihn, wie
bei ihren Brüdern und Schwestern in Amerika, wenn auch vielleicht
nicht als lodernde Flamme, so doch als brodelnde, trübe Flut.
Sage mir keiner, dass die überschüssige Kraft, die da seitwärts
ausbricht, nicht das "Beste bei den einen versengt und bei den andern
verschlammt' Gewiss ist es eine Revolution der Jugend, ein Pro-
test ihrer jungen Kraft, aber sie verpuffen im Leeren.
221:
ER u n, re a 1% e und die e Umsezung ai | ;
d wird es je und je Menschen "geben, die so. aus-
d einer Aufgabe gehören, dass das Zölibat, die
sie der naturgemässe Zustand sind. Darum auch
Standpunkt eigener Teilnahmslosigkeit für alle höheren Rn ,
u a Ze u
falls, dass uns das Geld und was mit ihm zusammeı
‘es herrscht über unsere Körper so gut wie in unser
"nachher nicht soviel schlechte Ehen und Ehescheidungen 81
we = d “
es so ist, daran ist schuid, zum sehr g
raubt Gottes Herrschaft den Platz. .
"Steht es mit der Ehe nicht ähnlich? Ehe auf Probe, d
tönt ganz gut. Aber können wir den Kraftvorrat, der uns fü
Leben mitgegeben ist, wieder auffüllen, wenn wir ihn zuerst €
in einer leerlaufenden Maschinerie sich verpuffen liessen? d
uns dann später in der richtigen Ehe, wenn die B flichten und
gaben des Lebens an die Maschine angekoppelt sind, nicht nur ein
ärmlicher Rest von Mut und Kraft, von Hoffnung und Glauben?
In der zweiten Hälfte des ersten Kapitels des Römerbriefes schi =
dert der Apostel in überquellendem Eifer um Gottes Sache die Fol-
gen davon, wenn die Menschen dem Geschöpfe mehr dienen als d
Schöpfer, Geld und Gut und sich selbst mehr als Gott. Seine le
schaftlichen Vorwürfe sind auch heute noch nur zu wahr, ganz be
sonders auch für die Ehe. 2
Wirkliche Lösung kann nur so kommen, dass wir Gottes Ehre
und Herrschaft wieder voran stellen, womit anzufangen keiner auf
den andern zu warten braucht, wenn wir zur Vollendung auch alle
einander nötig haben.
Die Jugend, die Gottes Sache ergreiit, ob arm oder reich, be-
freit sich aus dem Fluch des Geldes und findet begeisternde Auf-
gaben in Fülle, um sich dafür einzusetzen, Arbeit genug, um ihre
SR darin zu üben und zu stählen; sie braucht sie nicht zu ver- "
geuden.
Ehen, die geschlossen werden im Willen, ein Stücklein Gottes-
reich, wie winzig es auch sei, auf Erden vorzubauen, brauchen nicht
auf Probe abgeschlossen zu werden, sie sind unverbrüchlich und
wären es selbst, wenn es kein Zivilstandsregister gäbe.
Familien, die so gegründet sind, können auch gar nicht anders
als ein ofienes Herz haben für alle Kinder Gottes, die aus Unglück
oder aus fremder und eigner Schuld in Not sind.
Dann hält auch nicht ein Mensch den andern, und halten uns
nicht alle miteinander die irdischen Begebenheiten davon zurück,
in Stunden, in denen Gott uns auf eine Bergeshöhe ruft hinaufzu-
steigen. Im Gegenteil, dann können wir mit dem oder jenem ZU-
sammen hinauf wandern. =
Gewiss würde es auch dann noch Irrtü |
Konflikte geben. Aber es wäre das Strauch a =
wärts, nicht mehr, wie es jetzt so oft scheint. das Aus keie
5 : hr : : gleiten auf
einer schiefen Bahn abwärts. Jeremias Gotthelf zeichnet öfters
solche schwache, schwankende, stolpernde Menschen, die aber doch
auf dem rechten Weg sind und darum das Ziel erreichen.
222
> da schon sein, wenn Bi Se
es, nicht mehr fürchten müssen, dass die Jungen
ftliche Vorsorge zu nichte machen und die wirt-
'elt, die sie erbaut und erhalten haben, über den Haufen
könnten. ‘ BEE Er ee
_ Auch da mag es noch Ehen geben, in denen Mann und Frau
_ sehen, dass sie sich in einander geirrt haben, oder in denen sie sich
auseinander entwickeln, ja Ehen, die gelöst werden müssen, weil Me
sie der Herrschaft Gottes im Wege stehen. ES I
Aber welche Rolle spielt jetzt immer noch das Geld bi dr
Gründung und beim Verlauf der Ehen! Wieviel weniger unglück-
_ liche Ehen gäbe es ohne dies! Und wie schwer wiegt auch die
Geldfrage bei der Lösung einer Ehe!
Vom Gelde aus, namentlich auch vom Erbrecht aus, ist etwas wie
- eine Zwangsjacke über das ganze Sein und Wesen der Familie gezo-
gen, und es möchte sein, dass, wenn diese zerrissen wäre, auch die
- äussern gesetzlichen Formen der Ehe und das Erbrecht wie auch
das Eltern- und Kindesrecht schlichter und freier werden könnten.
Aber hat es einen Sinn, an eine solche Zukunft zu denken?
-—_ Weist nicht alle Erfahrung, die wir an uns und andern machen,
vielmehr auf Ende und Untergang hin? Ist unsere Welt nicht hoff-
nungslos grau und trübe und darum „würdig des Todes“, wie
—
7
©
2,
3
- Paulus an der erwähnten Stelle des Römerbriefes sagt? Be.
_ Gewiss ist sehr viel Trübes da, Trübsal aber bringt, 3
- sagt der gleiche Paulus wenig später, Geduld, Geduld aber Be
orinet Erfahrung, Erfahrumg aber bringt nicht 4
Verbitterung und Resignation, wie es uns so leicht vorkommt, son-
diem Hoffnung, und Hofinung lässt nicht zu
Schanden werden.
A. Bietenholz-Gerhard.
2. Momentbilder aus einer dermatologischen Poliklinik.
8 Uhr abends: Im Wartsaal zusammengedrängt warten zahl-
reiche Patienten, wohl 60 heute abend. Alle Berufe sind vertreten,
Taglöhner, Fabrikarbeiter, Kaufleute, Handwerker. In kleinen Grup-
pen treten sie in den Behandlungsraum hinein. Die grosse Masse
geht in den hinteren Saal, wo die Tripperkranken behandelt werden.
Immer das gleiche Durchlaufen, die gleiche Kontrolle durch Urin-
und Mikroskopuntersuchung. Hier ein Familienvater, 28 Jahre,
Giesser, mit schwarzen Händen. Er hat sich durch ein Strassen’
mädchen verführen lassen. Das Uebel war von Anfang an schwer,
- hat Komplikationen erfahren, droht zur Sterilität zu führen. Er
223
h
%
-
“
——
®
Bi Zi es) DAT
>
wagt es nicht, seiner Frau die Wahrheit zu sagen, spricht von einem
Hufschlag, einer Erkältung. Daneben ein junger Handwerker, 23-
jährig, den wir wegen schweren Komplikationen haben operieren
. müssen, kommt mit einer neuen Infektion. Er tut uns leid: den hat-
ten wir schon gewarnt, er solle enthaltsam leben, seine Aufmerk-
samkeit auf die Schwere seines Leidens hingezogen. Da ein junger
Arbeiter, 20jährig, dessen Krankheit trotz aller Behandlung ewig
dauert. Die Patienten stehen in jedem Alter: 17, 20, 25 bis 30 Jahre
und mehr. Wenn wir sie fragen, wie sie angesteckt wurden, so ant-
worten sie regelmässig: Ich habe getanzt, getrunken, ich habe es in
der Verwirrtheit gemacht, das Mädchen sah doch so gesund aus.
Name und Adresse der weiblichen Person, die sie infiziert hat, wer-
den sofort aufgenommen, das Mädchen wird zur Untersuchung und
ärztlichen Behandlung vorgeladen. Kommt sie dieser Mahnung
nicht nach, so wird sie der Polizei angezeigt und zur Untersuchung
gezwungen; wird ihre Krankheit als gefährlich für die allgemeine
Gesundheit erkannt, so ist sie zu einer längeren Kur in einer der-
matologischen Klinik verpflichtet.
Das Nacheinanderkommen geht weiter: Hier ein Kaufmann, 21-
jährig. Die Krankheit hat sofort schwere Komplikationen erfahren.
Der Junge wünscht ins Ausland zu ziehen, diese dumme Geschichte
droht alles zu kompromittieren. Ein junger Handwerker, 27jährig,
will auch ein Zeugnis. Er wird wegen Erforschung der Vaterschaft
vor Gericht geladen. „Ich habe es in der Verwirrtheit gemacht. Sie
entspricht doch nicht meinem Ideal. Ich kann sie nicht heiraten.
Oder ich heirate sie und scheide nachher, die Schande wird für sie
und das Kind weniger gross sein. Ich zahle schon den Unterhalt
des Kindes.“ Ein junger Handwerker, 21jährig, hat ein Mädchen
schwanger gemacht. Wie soll man die Lösung finden? Soll man
das Kind auf die Welt kommen und von der Ehefrau adoptieren
lassen, oder soll man die Schwangerschaft unterbrechen — gefähr-
licher und vor das Kriminalgericht führender Eingriff? Immer die
gleichen Bangegefühle, die gleichen trüben und schwierigen Aus-
wege, die gleichen egoistischen Ausreden des Mannes, der sich von
dem verführten Mädchen und unschuldigen Kind befreien will.
‚Die Syphilitiker sind zum Glück weniger zahlreich. Sie stehen
in jedem Alter: 18, 20, 25, 30 Jahre und mehr. Die Behandlung ist
eine schwierige, dauert drei Monate und mehr, und schwächt den
Organismus. Hier der junge T., 2ljährig, bietet einen traurigen
Anblick. Er ist von den Arseneinspritzungen schwer anemisch
(blutarm. D. Red.), sein Gesicht ist blass. Beim jungen S., 20jähri-
ger Arbeiter, hat die Krankheit schon von Anfang einen schweren
Verlauf genommen; es musste mit starken Arsen- und Bismuth-
Dosen -eingegritien werden. Die eingespritzten Met
Zahnfleisch den gefürchteten Blei = : cale a.
isaum zurück, der die Zähne lockert
224
a N
ick a Familienvater mit zwei Kindern war, in. einem
# nd bald auch den beiden Kindern das traurige "Geschenk
machen wird? Die beiden Ehegatten kommen in unsere Behand-
_ lung. Was hat denn heute Abend Frau M.? Mit tiefer, von Schluch-
_ zen unterbrochener Stimme spricht sie mit der Aerztin. Was ist
nn die Ursache dieses grossen Leides? Voll Verzweiflung über
Folgen seines Erlebnisses, und da die Krankheit nicht heilen
vill, hat der junge Handwerker sein Haus angezündet, um mit sei-
>
wegzukommen. Die Polizei hat ihn verhaftet, ins Gefängnis geführt.
Frau M. ist allein. Wohin soll sie gehen? Zu den Eltern fliehen
3 mit der Schande an der Stirne? Mit tiefer, schluchzender Stimme
jammert sie ihre Klage. Hier ein Handwerker, 32jährig. Er verdient
300 Fr. pro Monat, und kann nicht heiraten. Er hat bei einer Witwe
= die Liebe gesucht, er glaubte hier mehr Garantie zu finden als bei
bei einem Strassenmädchen. Er hat als Geschenk eine Syphilis be.
kommen, die ihm mit einem grossen Geschwür die Oberlippe ent-
stellt. "Die Wunde wimmelt von Spirochaeten, den schreckiichen
Erregern der Krankheit. Der Metzger vom Nachbarquaitier hat sie
auch bekommen; er kommt mit einem grossen Geschwür. Er ist
doch verheiratet, Familienvater. Wir ermahnen ihn, er scheint sich
- der Schwere seines Uebels nicht bewusst zu sein. Vor kurzer Zeit
kam ein junger Arbeiter, 23jährig, und zeigte ein zweifelhaftes Ge-
schwür. „Aber Sie haben die Syphilis, junger Mann!“ sagt ihm der
Professor. Er wollte sich gleich am Abend erschiessen. Die Ge-
. schichte: Seine Braut, ein hübsches Mädchen von 19 Jahren, hatte
sich der Unzucht hingegeben, bevor sie seine Bekanntschaft gemacht
hat, auf die Bitten ihres Bräutigams dieses Lasterleben verlassen,
hat aber doch Zeit gehabt, eine Syphilis zu bekommen, und jetzt
hat sie ihm dieses schöne Geschenk gemacht. Das Mädchen wollte
auch gleich Selbstmord durch Vergiftung begehen. Anstatt gesunde
und kräftige Kinder auf die Welt zu bringen, wird das Ehepaar.
Fehlgeburten, totgeborene Kinder haben. Die Ehe wird sich unter
der Taufe der Arsen- und Bismutheinspritzungen vollziehen.
Am Nachmittag das gleiche tragische und traurige Nacheinander.
Ein Mädchen, 17jährig, von blühender Gesundheit, wurde schon
mit 16 Jahren verführt und seither von der männlichen Jugend
immer mehr verdorben, bis eine venerische Krankheit sie zu uns
225
NL YA A Fr 3er
enteuer Syphilis und Tripper bekam, seine Frau in- ER;
E _ nem Hab und Gut von der Grosstadt, der Ursache des Unglückes,
führt. Wir appellieren an ihr Ehrgefühl. Sie soll sich zusammen-
nehmen, Disziplin halten, sie dürfe ihren Mutterschaftsreichtum:
nicht vergeuden, sie könne noch eine glückliche Ehefrau und Mutter
werden. Da ein Mädchen, Fräulein, 2ljährig, die von ihrem Ver-
führer feig verlassen wurde, als sie ein Kind erwartete, das zum
Glück tot auf die Welt kam. Weil unsere heutige Gesellschait das
als Schande betrachtet, haben die Eltern ihre Tochter aus dem Vater-
haus gejagt, und jetzt, weit vom Elternhaus, verfällt sie langsam der
Prostitution; sie ist schon venerisch angesteckt. „Was wollen Sie?
Ich bin doch nicht aus Holz, meine Natur verlangt das.“ Wir ver-
suchen sie zu ermuntern: sie könne noch Mutter werden, sie glaubt
aber nicht mehr an eine bessere Zukunit.
Der Trost der Medizin für die venerisch Kranken:
Den Tripperkranken eine gelbe Karte: „Der Tripper ist eine in-
fektiöse Krankheit; Sie können ihren Lebensgefährten anstecken; Sie
müssen sich ärztlich behandeln lassen, und dürfen nur mit Erlaubnis
heiraten.‘
Den Syphilitikern eine rote Karte:
„Die Syphilis ist eine schwere und ansteckende Krankheit. Sie
müssen mit Ihrer Umgebung vorsichtig sein, und dürfen erst nach
3 bis 4 Jahren Behandlung heiraten.“
Schliessen wir ab. Viel verständiger wäre, anstatt unserer mo-
dernen Kanonen-, Kriegsschiff- und Wissenschaftskultur eine soziale
und rationelle Arbeit, die unsern Jungen eine frühzeitige und
gesunde Ehe erlauben würden, das einzige Vorbeugungsmittel ge
gen Jugendfehltritte und Geschlechtskrankheiten. Bunge sagt: Hun-
derttausende von Frauen leiden lebenslang an unheilbaren, quä-
lenden Leiden, die ihre Ursache in einer Jugendsünde des Ehegatten
haben. Sollen wir den Stein werfen? Der beste Charakter, der
edelste und willenkräftigste Mensch kann eines Tages einen Fehl-
tritt tun, der sein ganzes Leben ruinieren wird. Einige Tatsachen:
Wir sehen in einer dermatologischen Poliklinik einer Grosstadt,
für ein Arbeiterquartier, monatlich 50 neue venerische Pati
darunter 4 bis 6 Syphilitiker. DeriSchei
In unseren Grosstädten verfallen jeden Tao M3
Arbeiterklasse der Unzucht naeh wir ee a
aus rein materiellen Gründen. Hunderttausende von Jungen können
in einem der physiologischen Reife des Organismus entsprechenden
Alter nicht heiraten, aus rein wirtschaftlichen Momenten. Durch
den verfluchten Krieg und den kolossalen Männerverlust sind hun-
derttausende von Frauen zu einem ihrer Natur widersprechenden Cö-
libat oder zu schandhafter Prostitution gezwungen. In der Schweiz
haben wir keine ‚lizielle Prostitution mehr wohl aber eine offi-
ziöse noch, die jährlich ihre weiblichen Opfer aus der Arbeiter-
226
u
5
E:
T
’
3
[4
io Nacht unterschrieb, in welchem be-
angegeben waren. In einem einzigen solchen Er-
junge Soldat seine Gesundheit für das Leben ver-
r sagen: Wehe den Reichen und Kapitalisten, die
len ütern wuchern und so indirekt die Unzucht fördern.
s Livingstone, allein in der Wüste, sterbend auf seine alte Bibel
‚, schrieb er diese unsterblichen Worte: ‚Mein einziger
\ h in der Einsamkeit ist dieser: Gott möge reichlich segnen
alle diejenigen Araber, Engländer oder Amerikaner, die dazu bei-
& tragen werden, das grosse, scheussliche Geschwür Afrikas, die Skla-
_ verei, zu heilen“. Und wir sagen, tief aus dem Herzen: Gott segne
in Fülle alle diejenigen, mögen sie Pfarrer, Staatsmänner, Aerzte,
- Handwerker oder Arbeiter sein, die dazu beitragen werden, die
grosse, schreckliche Wunde der Unsittlichkeit zu heilen.
Br DEAREenerGuertn,
Zürich, im März 1929. |
&
: Du sollst nicht töten.')
- Leo Tolstois Rede gegen den Krieg.
— Geliebte Brüder! |
- Wir haben uns hier versammelt, um gegen den Krieg zu kämp-
fen. Gegen den Krieg, das will heissen, gegen das, wofür sämtliche
- Völker der Erde, Millionen und Millionen von Menschen, einigen
Dutzenden, manchmal bloss einem einzigen Menschen nicht nur
Milliarden von Rubeln,. Talern, Franken, Jens, die einen grossen
Teil ihrer Arbeit repräsentieren, sondern auch sich selbst, ihr Leben
uneingeschränkt zur Verfügung stellen. Und nun wollen wir, ein
Dutzend Privatmenschen, die aus verschiedenen Enden der Erde
1) Wir erlauben uns, hiemit die Rede abzudrucken, die Tolstoi aui dem
Internationalen Friedenskongress zu Stockholm im Jahre 1909 gehalten —
hätte, wenn nämlich dieser nicht, höchst wahrscheinlich aus Angst vor dieser
Rede, im letzten Augenblick „abbestellt“ worden wäre! Landauer hat sie
seinerzeit in seinem Blatte „Der Sozialist“ gebracht. Wir bringen sie nun
ebenfalls, auch Landauer zu Ehren und daneben, weil ihre lapidare Wahrheit
so sieghaft alle Sophistik der jetzt wieder ins Korn schiessenden christlich-
theologischen Kriegstheologie niederschlägt.
Es sei darauf hingewiesen, dass diese Rede als Flugblatt vom Tol-
stoi-Bund in Wien (Latschkagasse 9), dessen Vorsitzender unser Mit-
arbeiter Dr. Friedmann ist, bezogen werden kann. Man kann sich nicht leicht
eine wirksamere Waffe im Kampf gegen den Krieg denken. D. Red.
227
u De ee
he a er
B Finng” n.
zusammengekommen sind, ohne alle besonderen Privilegien, vor
allem ohne jede Macht über jemanden, kämpfen; und wenn wir 7
kämpfen wollen, so hoffen wir auch zu siegen über diese ungeheure ©
Macht nicht etwa nur einer, sondern aller Regierungen, die über
Milliarden Geldes und über Armeen von Millionen Menschen ver-
fügen und es nur zu gut wissen, dass die Ausnahmestellung, die sie,
das heisst die Menschen, welche die Regierung bilden, einnehmen,
einzig und allein auf dem Militär beruht —, auf dem Militär, wel-
ches nur dann Sinn und Bedeutung hat, wenn der Krieg besteht,
derselbe Krieg, gegen den wir kämpfen wollen und den wir ver-
nichten möchten.
Bei so ungleichen Kräften muss ein Kampf als Wahnsinn er-
scheinen. Macht man sich aber die Bedeutung der Kampfmittel, die
sich in den Händen jener, die wir bekämpfen wollen, und die sich in
unseren Händen befinden, klar, so werden wir nicht darüber stau-
nen, dass wir uns zum Kampf entschliessen, sondern darüber, dass
das, was wir bekämpfen wollen, überhaupt noch besteht. In ihren
Händen befinden sich Milliarden von Geld, Millionen williger Sol- °
daten, in unseren Händen befindet sich nur ein Mittel, aber das °
allermächtigste der Welt — die Wahrheit.
Und deshalb mögen unsere Kräfte noch so gering erscheinen im °
Vergleich mit den Kräften unserer Gegner, unser Sieg ist ebenso °
gewiss, wie der Sieg des Lichtes der aufgehenden Sonne über die °
Finsternis der Nacht.
Unser Sieg ist gewiss, aber nur unter einer Bedingung — unter
der Bedingung, dass wir die Wahrheit verkündigen und sie rück-
haltlos, ohne alle Umschweife, ohne jede Konzession, ohne jede
Milderung heraussagen. Diese Wahrheit aber ist so einfach, so
klar, so einleuchtend, so verbindlich nicht bloss für den Christen,
sondern für jeden vernünftigen Menschen, dass man sie nur in ihrer
ganzen Bedeutung auszusprechen braucht, auf dass die Menschen
ihr nicht mehr zuwider handeln können.
Diese Wahrheit ist in ihrer vollen Bedeutung in dem enthalten
was Jahrtausende vor uns in dem Gesetz, das wir das Gesetz Got.
tes nennen, gesagt ist:
Dusollstnichttöten.
nes nn der Mensch unter keinen Umständen
Diese Wahrheit ist so kla al a ine
tend, dass sie nur klar si en U
) | stimmt vor den Menschen aufgestellt
zu werden braucht, damit das Uebel, das Krieg heisst, vollkommen
unmöglich werde. Und deshalb glaube ich. dass wir "die hier zum
Weltkongress versammelt sind, wenn wir diese Wah heit i ht kl
und bestimmt aussprechen, sondern uns an die Regierungen
und ihnen allerlei Massnahmen vorschlagen, um die Uebel des Krie-
228
In otun sie wissen es wohl,
ng nicht zu stürzen vermag. Wir wissen, dass alle
ı gar kein Verlangen danach haben, ihresgleichen zu
ogar die Veranlassung nicht kennen, auf die hin man
\ rung dieser Tat zwingt, die ihnen widerlich ist; dass
Fi ihre Lage, in der sie Bedrückung und Zwang erleiden, zur
Last fällt; wir
diesen Menschen verübt werden, auf Befehl der Regierung gesche-
hen, wissen, dass das Bestehen der Regierung durch die Armeen
bedingt wird. Und nun finden wir, die wir die Vernichtung des
Krieges anstreben, nichts Zweckmässigeres zu seiner Aufhebung,
als ihnen anzuraten, — ja, wem denn? den Regierungen, die bloss
durch das Militär, also durch den Krieg bestehen, — solche Mass-
regeln zu ergreifen, die den Krieg vernichten sollen, das heisst, wir
. raten den Regierungen, sich selbst zu vernichten.
Die Regierungen werden mit Befriedigung alle solchen Reden
hören, denn sie wissen nicht nur, dass derlei Erörterungen den
Krieg nicht vernichten und ihre Macht nicht untergraben, sondern
_ auch, dass die eigentliche Ursache dadurch den Menschen noch
besser verborgen wird, die Ursache, die sie vor ihnen verbergen
- müssen, damit Armeen und Kriege und auch sie selbst, die diese
Armeen befehligen, fortbestehen können.
en „Ja, aber das ist doch Anarchismus: niemals haben die Men-
schen ohne Regierung und Staat gelebt. Und darum sind Regierun-
gen und Staaten und auch die Heeresmacht, die sie beschützt, uner-
Jässliche Lebensbedingungen der Menschen“, wird man mir ent-
gegnen.
Ganz abgesehen davon, ob ein Leben der christlichen Völker
und überhaupt aller Völker ohne Militär und Krieg, von denen Re-
_ gierungen und Staat beschützt werden, möglich ist oder nicht, zu-
gegeben sogar, die Menschen müssten sich unbedingt zu ihrem
- Wohle den Institutionen, welche aus Menschen bestehen, die sie
nicht kennen und die sie Regierungen heissen, knechtisch unterwer-
fen, zugegeben, sie müssten diesen Einrichtungen unweigerlich die
Produkte ihrer Arbeit überliefern, sie müssten allen Forderungen
dieser Einrichtungen unbedingt bis zum Mord an ihren Nächsten
Folge leisten, — auch wenn wir das alles zugeben, selbst dann
bleibt noch eine Schwierigkeit, die unsere Welt nicht lösen kann.
Diese Schwierigkeit besteht in der Unmöglichkeit, den christlichen
Glauben, zu dem sich alle Menschen, welche die Regierung reprä-
sentieren, mit besonderem Nachdruck bekennen, mit ihren aus Chri-
sten bestehenden Armeen, die sie zum Morde abrichten, zu verein
baren. Man mag die christliche Lehre noch so entstellen, mag nach
229
wissen, dass die Mordtaten, die von Zeit zu Zeitvon
Nor «#
9 a A Er
Ode ru I Er
Belieben sich um ihre Hauptlehren schweigend herumdrücken, die
Grundidee dieser Lehre besteht doch nur in der Liebe zu Gott und
den Nächsten. Zu Gott, das heisst zur allerhöchsten Vollkommen-
heit der Tugend, und zum Nächsten, das heisst zu allen Menschen
ohne Unterschied. Deshalb, sollte man glauben, muss man eines
von beiden anerkennen: entweder das Christentum mit der Liebe zu
Gott und den Nächsten oder den Staat mit Armeen und Krieg.
Es ist sehr wohl möglich, dass das Christentum seine Zeit über-
lebt hat und dass die modernen Menschen, wenn sie vor die Wahl
gestellt werden, sich für das Christentum und die Liebe oder für den
Staat und den Mord zu entscheiden, finden werden, das Bestehen
des Staates sei dermassen wichtiger als das Christentum, dass man
das Christentum vergessen und nur am Wichtigeren festhalten
müsse: am Staat und am Mord.
Alles das mag schon sein, — wenigstens können die Menschen
so denken und fühlen. Dann aber muss man es auch so sagen. Man
muss sagen, die Menschen unserer Zeit müssten aufhören zu glau-
ben, was die gemeinsame Weisheit der ganzen Menschheit sagt, was
das Gesetz, zu dem sie sich bekennen, verkündigt, sie müssten auf-
hören zu glauben, was mit unvertilgbaren Zügen in das Herz eines
jeden gegraben ist, und müssten statt dessen an das glauben, was
ihnen— den Mord inbegriffen — die und jene Menschen befehlen,
Kaiser und Könige, die durch Zufall oder Erblichkeit zu ihrer Stel-
lung gekommen sind, oder Präsidenten, Reichstagsabgeordnete und
Deputierte, die mit Hilfe von allerlei Schlichen gewählt worden sind.
Das also muss man dann sagen.
Nun aber kann man das nicht sagen. Nicht bloss dies kann man
nicht sagen, sondern weder das eine noch das andere kann man
sagen. Sagt man, das Christentum verbietet den Mord, — so wird
es kein Militär geben, es wird keinen Staat geben. Sagt man, wir,
die Regierung, erkennen die Berechtigung des Mordes an und leug-
nen das Christentum, — so wird sich niemand einer Regierung
unterwerfen wollen, die ihre Macht auf Mord aufbaut. Und noch
eins: wenn der Mord im Kriege zulässig ist, muss er erst recht dem
Volke gestattet sein, das sein Recht in der Revolution sucht. Und
deshalb sind die Regierungen, da sie weder das eine noch das an-
an können, Ai) e eines besorgt: ihren Untertanen zu ver-
ergen, dass es notwendig ist | ei i
a ee g ist, zwischen diesen zwei Wegen die
Darum also haben wir, die wir hier ver in
Uebel des Krieges zu steuern, wenn wir Bee
chen wollen, nur eines zu tun: wir müssen dieses Entweder-Oder
mit voller Bestimmtheit und Klarheit aufstellen, in gleicher Weise
vor den Menschen, welche die Regierung sen wi =
Massen des Volkes, die das Militär bilden. Und die: a.
Ss müssen wir
230
n öchte eh unserer ee! SER konnen.
n Aufruf an die Menschen sämtlicher und besonders der
und gerade heraus sagen, was zwar alle wissen, was aber nie-
wie das jetzt die Menschen vorgeben, irgend eine besondere wackere
_ und lobenswerte Sache sei, sondern dass er, wie jeder Mord, eine
abscheuliche und frevelhafte Handlung ist, und zwar nicht nur für
die, welche die militärische Laufbahn aus freien Stücken wählen,
sondern auch für die alte, die sich ihr aus Furcht vor Strafe oder
4
Er
0
B
:
:
.
a
um eigennütziger Interessen willen widmen.
Im Hinblick auf die Personen, die die militärische Tätigkeit frei-
willig wählen, möchte ich vorschlagen, dass wir in diesem Aufruf
klar und bestimmt zum Ausdruck bringen, dass diese Tätigkeit un-
geachtet aller Feierlichkeit, allen Glanzes und der allgemeinen Billi-
gung, die ihr zuteil wird, verbrecherisch und schändlich ist, und
zwar umso mehr, je höher die Stellung ist, die der Mensch im Mili-
tärdienst einnimmt. Ebenso möchte ich in bezug auf die Menschen
aus dem Volke, die durch Androhung von Strafen oder durch Aus-
sicht auf Gewinn zum Militär herangezogen werden, vorschlagen,
dass wir klar und bestimmt auf den grossen Irrtum hinweisen, den
‚sie gegen ihren Glauben, wie gegen die Sittlichkeit und den gesun-
den Menschenverstand dadurch begehen, dass sie darein: willigen,
in die Armee zu treten: Gegen den Glauben dadurch, dass sie in
die Reihen von Mördern treten und das von ihnen anerkannte Ge-
setz Gottes verletzen; gegen die Sittlichkeit dadurch, dass sie aus
Furcht, von seiten der Behörden bestraft zu werden oder um eigen-
x nütziger Interessen willen bereit sind, zu tun, was sie in ihrem
& en für schlecht erkennen; und gegen den gesunden Menschen-
verstand dadurch, dass sie, wenn sie in das Heer treten, im Kriegs-
fall von denselben, wenn nicht noch schwereren Leiden bedroht
sind, als die sind, die ihnen für die Dienstverweigerung drohen;
gegen den gesunden Menschenverstand aber vor allem schon dar’
um, weil sie demselben Schlag Menschen sich beigesellen, der sie
ihrer Freiheit beraubt und sie zum Militärdienst zwingt.
Die Menschheit im allgemeinen und unsere christliche Mensch-
heit im besonderen ist zu einem so schroffen. Widerspruch zwischen
ihren sittlichen Forderungen und der bestehenden Gesellschaftsord-
nung gelangt, dass unbedingt eines geändert werden muss, nicht
das, was nicht geändert werden kann: die sittlichen Forderungen
231
en Völker zu verfassen und zu veröffentlichen, worin wir.
- mand oder so gut wie niemand sagt: nämlich, dass der Krieg nicht,
ER
. n
des Gewissens, sondern das, was wohl geändert werden kann: die
Gesellschaftsordnung. Diese Aenderung, die der innere Wider-
spruch gebietet, der in der Vorbereitung zum Morde besonders
scharf zutage tritt, wird von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag immer
dringender. Die Spannung, die diese bevorstehende Aenderung seit
langem erzeugt, hat heute schon einen solchen Grad erlangt, dass,
wie zum Uebergang eines flüssigen Körpers In einen festen,
manchmal ein geringer Stoss genügt, ebenso auch zum Uebergang
aus jenem grausamen und unvernünftigen Leben der Menschen mit
seiner Absonderung, seinen Rüstungen und Armeen, zu einem ver-
nünftigen, den Forderungen der Erkenntnis der jetzigen Mensch-
heit entsprechenden Leben möglicherweise nur einer geringen An-
strengung, vielleicht nur eines Wortes bedarf. Jede solche An-
strengung, jedes solche Wort kann zu jenem Stoss der abgekühlten
Flüssigkeit werden, der plötzlich die Flüssigkeit in einen festen Kör-
per verwandelt. Warum sollte unsere jetzige Versammlung nicht
diese Anstrengung sein? So, wie im Märchen Andersens, als beim
feierlichen Umzuge der König ‘durch die Strassen der Stadt ging
und das ganze Volk entzückt war ob der wunderbaren neuen Klei-
dung, ein Wort eines Kindes, das aussprach, was alle wussten, aber
niemand sagte, alles geändert hat. Es sagte: „Er hat ja gar nichts
an“, und die Suggestion hörte auf, und der König schämte sich,
und alle Menschen, die sich eingeredet hatten, ein wunderschönes
neues Kleid am König zu sehen, wurden nun gewahr, dass er nackt
sei. Auch wir müssen dasselbe sagen, wir müssen sagen, was alle
wissen und nur nicht zu sagen wagen, wir müssen sagen, dass,
wenn die Menschen dem Mord einen noch so veränderten Namen
geben, der Mord immer nur Mord bleibt — eine frevelhafte, schmach-
volle Tat. Und man braucht nur klar, bestimmt und laut, wie wir
das hier zu tun vermögen, dies zu sagen, und die Menschen werden
aufhören zu sehen, was sie zu sehen vermeinten und werden er-
blicken, was sie in Wirklichkeit sehen. Sie werden aufhören, im
Krieg den Vaterlandsdienst, den Heldenmut, den Kriegsruhm, den
Patriotismus zu sehen, und werden sehen, was da ist: die nackte
frevelhaite Mordtat. Und sowie die Menschen das sehen, wird das-
selbe geschehen, was in dem Märchen geschah: diejenigen, die die
Freveltat üben, werden sich schämen, diejenigen aber, die sich ein-
geredet haben, dass sie im Mord keinen Frevel .erblicken, werden
ihn jetzt gewahr werden, und werden aufhören. Mörder zu sein
aber sollen sich die Völker gegen die Feinde wehren, wie
ie innere Ordnung aufrech PR
Völker ohne Militär Dee \ erhalten Werd.
Welche Form das Leben der M hi
di Aka Mord unteren, Wie or
wissen, eines aber ist sicher: dass es den Menschen, die mit Ver-
232
i
x
{
\
:itige Töten In
uch, dass die Form der ges tli rdnung, die
der Menschen annehmen wird, wenn sie sich bei ihren
(dlungen nicht von der Gewalt, die auf Todesdrohungen ge
det ist, sondern von der Vernunft und vom Wissen leiten las-
edenfalls nicht schlimmer wird, als das Leben, das sie jetzt
n y i en
ich jemanden beleidigt, gekränkt oder böse Gefühle in ihm erweckt
hätte. Doch wäre es für mich, einen achtzigjährigen Greis, der jeden
Augenblick des Todes gewärtig ist, eine Schande, nicht ganz offen
— die Wahrheit zu sagen, wie ich sie verstehe, die Wahrheit, die nach
meiner festen Ueberzeugung allein die Menschheit von den unse-
_ ligen Drangsalen zu erretten vermag, die der Krieg hervorbringt
3 und unter denen sie leidet. $ LeoTolstoi.
>. ) - ..
\ Gruss an Förster.
%; e 5
®. Am 2. Juni wird Förster sechzigjährig. Gerade einem Mann
_ wie ihm gegenüber, der noch so stark in der Fülle und Leidenschaft
des Lebens steht, wären vorweggenommene Nekrologe in Form
. von Jubiläumsartikeln besonders verfehlt. Aber ein grüssender
Zuruf ist freilich einem Manne gegenüber, der so wie er, weit vor-
_ aus, einsam, im Schlachtgewühl steht, besonders am Platze. Wir
- grüssen ihn darum vor allem als Kämpfer ohne gleichen. Zwar
wäre ja von Förster auch sonst noch genug zu sagen. Es wäre da
- von zu reden, wie er die Erziehung aus der Herrschaft des Intellek-
tualismus wieder in das Reich des Ethos geführt hat. Es wäre davon
zu reden, wie er in seiner Entwicklung ein lebendiges und grosses
Beispiel des Weges gegeben hat, der von der Ethik zu Christus
leitet. Es wäre davon zu reden, wie er, lange vor andern, uns Pro-
testanten und Kindern des neunzehnten Jahrhunderts das Verständ-
nis des Katholizismus erschlossen hat. Es wäre davon zu reden,
wie er als einer der Ersten, wenn nicht als der Erste, das Problem
des Verhältnisses von Autorität und Freiheit in seiner ganzen
heutigen Bedeutung erkannte. Es wäre davon zu reden, wie e’
in Bezug auf das sexuelle Problem über die Schlagwörter der Zeit
- hinweg Wahrheiten vertrat, die wieder wenig verstanden wurden
jetzt aber zu ihrem Rechte kommen. Und so vieles, vieles der Art.
Davon und noch von vielem anderem wird einmal ausführlich ge-
redet werden, wenn man die Nekrologe schreibt.') Aber für uns ist
1) Es sei aber bei diesem Anlass an das von Alired D. Müller her-
ausgegebene trefiliche Försterbuch: „Fr. W. Förster und die wirkliche Welt“,
(Rotapfelverlag) erinnert. en
‚er heute vor allem der grosse Kämpfer, und damit meinen wir den
A 1 d mus we u u
i dl, DURNSU EI BE ir,
Mann, der während des Krieges und nachher die grosse Geister-
probe bestanden hat, wie nur wenige. Die Art, wie Förster um sein
Volk mit seinem Volke gerungen hat, trotz aller Kampfgenossen
doch er allein gegen ein Volk, ist — ich habe das schon öfters er-
klärt und bleibe dabei — nur mit den allergrössten Beispielen der
Geschichte zu vergleichen. Die Unerbittlichkeit und Unentwegtheit
dieses Kämpfers, seine Hochgemutheit und prophetische Kühnheit,
bedeuten ein seelisches Heldentum, das wie ein einsamer Gipfel aus"
dem Flachland unserer Tage aufsteigt. Wenn man das mit Bewunde-
rung und Dankbarkeit erkennt, so braucht man weder in diesem Teil
seines Werkes und Kampfes noch sonst einfach sein Anhänger, Jün-
ger oder gar Nachbeter zu sein. Bekanntlich sind wir „Religiös-So-
ziale“ zuerst im Kampf mit ihm zusammengestossen und hat es
längere Zeit allerlei Bitterkeit zwischen uns gegeben. Aber das
ist auf beiden Seiten längst vergessen. Gerade in unsern Kreisen
hat Förster viele seiner treuesten und wärmsten Freunde. Selten
einer von ihnen geht ganz mit ihm, und zwar nicht etwa aus
Angst vor der Gefahr seines Weges, aber gottlob steht in Förster
— und das ist ein Zeichen seiner Grösse — ein Mann vor uns
den man lieben und verehren kann, ohne im einzelnen immer seiner
Meinung sein zu müssen. Der Mensch Förster steht noch hoch
über dem Pädagogen, dem Ethiker, dem Politiker, dem Schrift-
steller, und zu ihm stehen ist Freude, vielleicht gerade wenn man
nicht bei ihm steht. Förster ist gerade darin gross, dass er nicht
ein Oedankensystem, sondern auf existentielle Weise eine
lebendige Wahrheit vertritt. Darum ist mehr als ein genialer
Denker, nämlich ein Wahrheitszeuge. Als solcher ist er = a sind
ja bei Kierkegaard — einKorrektiv. Er wendet sich stets gegen
die grossen Irrtümer der Zeit. Das tut er in Einseitiekeit B S
er so tun. Er ist ein „bisschen Pfeffer“, wie es Gott u, hesiiz te
Menschen in eine Zeit, in ein Volk tut auf dass es an de Wü 2; 2
Unbedingten nicht fehle. Und dass ein solches Kork er ch
ein = BA \ N es Kierkegaard am eindringlich
ott diesen Mann unserer Zeit gegeben. Er hat si
ihren Behaglichkeiten, ihre -. ST RER
lichkeiten immer wieder RE. ee
So hat Gott diesen Mann dem deutschen ve Ik ee
brauchte als Korrektiv zu grossen Vorzü olke. RegeUEn
fahren gerade diesen Mann mit sein zugen und grossen Ge-
Gewissenserweckung. Fs braucht ir N m.
Ehre für es, eine Eh n hoch jetzt. Und en SeRreue
m , re, mit der heute weniges z lei ;
at Gott diesen Mann der Christenheit hi We Sn iR SO
von Christus inmitten aller Auflösun 2 nn dass sc
schung des Modernismus und aller BE isc re a
nischen Orgien des Welt-
234
i en
ihnen mehr als
sten Sinn ihr Korrektiv.
‚der ee Gruss hd Zuruf des Dankes, der
Verehrung, der in diesen Tagen, den Schrei des Hasses
terung mächtig übertönend, zu ihm kommen wird, im
er stärken für den weiteren. schweren und einsamen Weg.
„du hast noch einen weiten Weg vor dir“. Die allergrössten
1 Kämpfe und Geisterproben kommen wohl noch. Und da ist es
ei En eden Gedanke, dass Beet noch lebt, dass er noch unter
Bora a7.
| una RE REEREREREEEEEAEEREREEEEEREEEEEEERNEEEEG NN
. Zur Weltlage {}
KOTIITTLESHTIIETTTTITTTTEITITTTITTTSTLTTEIITTESTERTEITLTSSTTITEELTEILTTTESTLLLLSTITTOTLLITTETLLTTTLILITTTTLLTTTTELLLTETLRLLTGEERTEIRCLLITTTGRTLTTTTEITELTEELTETTERTEELTRLLITILTLELEETKTETTERG)
Katholizismus und Sozialismus.
ZIITRERRRREETIUEN
LLILITTITTTTTTTTE
Zum“
2 IV. |
4 3. Stellung zum Sozialismus und zur Sozialdemokratie.
F Und freilich ist uns das Proletariat durch offiziellen Sozialismus
fremd geworden, so wie dem Proletariat die Kirche fremd wurde
_ dürch offizielles Christentum.
Aber darf das unsere Einstellung zum Sozialismus und seiner
Sendung so negativ machen ?
? Wosind diesynthetischen,erlösendenKräfte
katholischer Universalität? Wo ist die welt-
einschmelzende Genialität katholischer Frei-
mertundliebe? .
Sind wir nicht verantwortlich dafür, wenn der Sozialismus Irr-
wege geht?
Und ist nicht unsere Bürgerlichkeit und ihre Gleichsetzung mit
dem Christentum eine grössere Häresie als der Sozialismus?
Da wäre einmal eine Gewissenserforschung höchst notwendig.
Eine Generalrevision aller politischer Dogmen, die wir fast in den
Katechismus aufgenommen haben!
Wir Jungen, denen es wirklich keine Phrase
ist,wenn wirsagen, dasswirdas Droletariat:lie-
ben, wirbitteneuch, inderen Händendiekatho-
lische P:olıtik liegt, bitten euch unaufhörlich:
Besinnteuch auf dieSendung katholischer Po-
238
>
s Br a BREITEN, ” h 2P7 Br .
al ) litik ausdem Gl auben. D 2
e Schlagworte hinweg, übera
m- und Polizeipolitik auf das Neue,
Massen werdenwill..... |
PL
n dr
de ARTEN
Aber wir wissen — nicht aus haltloser Schwärmerei od
ziger Naivität — sondern mit katholischer froher Gewisshe : Wol-
len die Revolutionäre wirklich Gott abschaffen? Oder nicht viel-
mehr den fremden Gott, den wir neben dem wirklichen Gott )
der uns nicht hindert an Unrecht, Lüge, Ausbeutung, Härte,
wir nur brauchen, um die „gottgewollte Ordnung“, den Ueberfluss
auf der einen Seite und den Hunger auf der anderen Seite, zu ver-
ewigen. Wenn Gott die Liebe ist, dann ist Gott auch in tausend
Sozialisten, ist es „der unbekannte Gott“, dem sie einen Altar er-
richtet haben in ihrer Liebe zur verklärten Menschheit — wie einst 2
in Athen: Franz Rayfhauer (In „Neuland“, Juli/August 1927).
A
ISS
>
Die Sozialdemokratie ist jene Partei, weiche auf Grund der pro-
phetischen und wissenschaftlichen Vorarbeit der Marx und Engels
das Proletariat aus der kapitalistischen Gesellschaftsordnung be
freien will. Der weitaus grösste Teil der Arbeiter steht in ihr. Das
ist Tatsache. Diese nicht sehen zu wollen, ist Torheit. Und diese
Arbeiter vertrauen ihr den Befreiungskampf an, nicht der Kirche,
nicht irgend einer anderen Partei, nicht irgend einer christlichen
oder völkischen Gewerkschaft. Das ist Tatsache.
Der materialistische Sozialismus unterwühlt die Grundlagen der
Religion und die Führer der sozialistischen Parteien bekennen sich
zu ihm. Fast die gesamte Presse der Sozialdemokratie ist Zeuge
dafür. Und ihre Führer haben das Wort geprägt: Sozialismus und
aan vertragen sich wie Feuer und Wasser, wie Nacht und
ag.
Und die christliche Apologie widerlegt und greift den materia-
listischen Sozialismus an. Das alles versteht sich und kann nicht
anders sein. Aber nun die furchtbare Verwechslung:
Be Man vergisst, dass nicht der philosophische Materialismus die
BI. Proletarier zusammenzwingt, sondern eine furchtbare Not, die
5 ihren Ingrimm bezieht aus der materialistischen Gewinnsucht der
Ausbeuter und Nutzniesser, welche in ihren braven Blättern sagen,
dass die gottgewollte Ordnung es ihnen angetan hätte.
Und man vergisst, dass der Kampf gegen die materialistischen
Ausgänge des Sozialismus, der sich nun einmal der Not des vierten
Standes angenommen hat, leicht zu einem Kampf gegen die Partei
der Armen und Unterdrückten wird. Die Verwechslung ist jeden-
falls nicht immer gemieden worden.
Das eine steht fest: auch der bisherige ernste Kampf o.
Sozialismus, der dem Lehrgebäude und a RE
} ‚236
| Dieser Kampf brachte den
: Glaubensüberzeugung, sondern stärkte ihre
aubensfeindlichkeit, und so wurde es der freiden-
ng im Sozialismus leicht, zu verkünden, das Frei-
m sei i. die einzige Sicherung für die Reinheit des Sozialis-
"Das ist eine Tatsache, die wir uns nicht eindringlich genug
können.
n diese seelische und Re Lage hinein fällt nun das Wort
bels, dass Sozialismus und Christentum sich vertragen wie Feuer
ınd Wasser. Und Diener der Kirche wiederholten ganz wie Bebel,
mmer noch in völliger Unkenntnis über die gerade entgegengesetzte
erwartete Wirkung ihrer Worte, das Entweder- Oder: entweder
Christ oder Sozialist.
In der augenblicklichen wirtschaftlichen Not und dem gesell-
schaftlichen Unterdrücktsein konnten die Arbeiter nur Sozialisten
- sein. Vielleicht gab es noch einige schwere Kämpfe des Gewissens
‚um die Klarheit. Meistens nicht. Denn sozialistische wie christ-
E: Führer stellten einmütig das Entweder-Oder auf. Da konnte
man es schon glauben. Die Arbeiterviertel unserer Städte werden
langsam heidnisch. Eine Frau, die in einer Wiener Frauenklinik
unlängst ein Kind gebar, erzählte mir, dass von den etwa zwanzig
Frauen des Saals, in dem sie lag, nur sie allein ihr Kind noch
_ taufen liess.
- So finden es die Proletarier allmählich — das ist das furcht-
‚barste — selbstverständlich, dass Priester an der Spitze ihrer Gegen-
parteien stehen. Es hat eine Zeit gegeben, wo das bei den Arbeitern
Gewissensunruhen auslöste. Irgendwo scheint das noch zu sein.
So erzählte ein Kaplan, dass irgendwo in Ober-Oesterreich Arbeiter
‚eine Wallfahrt unternahmen und dass der Vorbeter unter den vielen
Vaterunsern auch eines so ankündete: „Jetzt wollen wir ein Vater-
unser beten, dass Gott uns verzeihe, weil wir haben rot wählen
müssen.‘
Aber auch diese Unruhe wird sich legen. Das einmütige Ent-
weder-Oder der Sozialisten und Christen, und der Kampf gegen die
Partei der Arbeiter im Namen Christi wird das seinige tun. Alle,
Christen und Sozialisten, sind Zutreiber des Freidenkertums ge-
‚worden. Prof. Dr. M. Pfliegler (In „Neuland“ VI./VII. 1927.)
Man wird die Arbeiterbewegung nur verstehen, wenn man sie
sieht... als Erwachen zur Menschlichkeit... darin
steckt ein Stück vom Kommen Christi auf die Erde... Und wenn
kein einziger unter den Arbeitern der Gegenwart seine Bewegung
in diesem Sinne verstünde, in diesem Sinn "wollen wir sie verstehen
und zu ergründen suchen
J. P. Olaf (Im „Heliand“, Jahrgang 10, Nr. 12).
237
! ‚aus dieser Lehr ‚ sondern eh
Se ee a 4 .
Wir Jungkatholiken haben uns stets der sozialistischen Welle
heiss dt und mitverantwortlich gefühlt. Haben lieber An-
näherung zur linksstehenden Jugend gesucht als zur a
Jugendbewegte Katholiken haben sich mit beiden Füssen auf en
gesamten programmatischen Boden des theoretischen Sozialismus
gestellt. „Nicht Ueberwindung des Sozialismus, nicht Bekämpfung,
sondern seine Missionierung“, — heisst ein ‚anderer, tief-
ernster und leidenschaftlicher Ruf. Der Sozialismus ist etwas Öe-
gebenes, Gewachsenes, eine Tatsache, ist neu angeschwemmtes
Land, das einfach da ist, kann weder abgeleugnet noch rückgängig
gemacht, noch einfach als „unrichtig“ registriert werden, — alle
drei Haltungen berühren ihn nicht einmal — sondern muss einfach .
erobert werden, d.h. bejaht und in das Reich Gottes hinein-
gezogen werden: „erlöst“, „getauft“. \
„Arbeiterbewegung“ — (nennen wir’s einmal praktisch so) und
„Sozialismus“ — zwei Begriffe, dienichtwesenhaitsyno-
nymsind. |
„Arbeiterbewegung“ ist grösser als „Sozialismus“. Sozialismus”
deckt sich praktisch vielfach damit, z. B. bei unserem Volk, nicht’
weil er die einzig mögliche Form, der wesenhafte Ausdruck der
sozialen Bewegung überhaupt wäre, sondern einfach weil er zur
Zeit die einzig. vorhandene ist: er ist jetzt und hier die einzig wirk-
liche Arbeiterbewegung, weil keine andere lebendig ist; er müsste”
es nicht sein und soll es nicht bleiben.')
„Arbeiterbewegung“... die geistige Welle, die
wahrhaftig „ein Stück vom Kommen Christi auf die Erde“ ist. Diese
Flut bejahen wir, zu ihr bekennen wir uns, ihr jubeln wir zu, wo
immer sie aufloht, — ihr sind wir verhaftet und verfallen, ihr sind
wir dienstbar mit Leib und Seele und Geist und Leib, ihr muss
jeder Beruf glühen wie das Scheit dem alles ergreifenden Feuer...
Sie ist uns Schicksal und Sendung,’ ist unser Traum, unser Kreuz,
unser Stolz.
Denn sie ist der Kampf um die Gottesordnung, um das König-
tum Christi, ist das grosse „Adveniat regnum tuum“,?) ist der Weg
zu einem Stück Theokratie, die immer der leidenschaftlichste Traum
aller Glaubenden war.
Sozialismus ist, noch einmal, nicht einfach wesenhaft das-
selbe wie diese Volksbewegung: Sozialismus ist (im Verhältnis
dazu betrachtet, nicht als erschöpfende Begriffsbestimmung!) die
Gesamtheit der Formen, wesenhaiten und zufälli gen, in die
‘) Unsereins würde eher das Ge
umfassendere, Arbeiterbewe
im Katholizismus und ande
Marxismus,
*) Es komme dein Reich!
genteil sagen. Mir ist Sozialismus der
gung der engere Begriff. Wir begegnen hier der
twärts üblichen Verwechslung von Sozialismus und
238
lt, Mleiisch‘ verge a
adezu gefangen ist. So kindisch es ist — das
icht los, wenn ich darüber nachdenke: das Märchen
nd nun in die fremde Schreckgestalt gebannt ist. —
us ist nicht wesenhaft die Arbeiterbewegung.
sch die Arbeiterbewegung. Dass die Massen überhaupt
‚sind, dass die geistige Bewegung überhaupt Fuss fasste in
‚ danken wir dem Sozialismus. Das ist seine unsterbliche Tat.
Das grosse Erbarmen des Sozialismus ist das Fenster, aus dem
en klarsten durchbricht. Um ihretwillen sagen wirihm
Dank,dassersolangdaseinzigeGefässwar, das
die heilige Flamme trug, die ohne seine Schale
von übermächtigen Gegenwinden längst ver-
wehtworden wäre.
5 Das heisst aber weder, dass er fortan die einzige Form der so-
zialen Bewegung bleiben muss, noch, dass wir aus Pietät gegen eine
_ Zeit, wo es auf diesem Feld nichts Besseres, weil nichts anderes gab
: ‚als den Sozialismus, ihn vorbehaltlos bejahen, uns nach ihm um-
bauen oder ihn gewaltsam samt seinen Widersprüchen in unsere
_ Weltschau einzugliedern versuchen.
Katholische Aufgabe, jungkatholische Sen-
dungandieZeitistes, derheutenoch im Sozia-
lismus allein gefangenen Seelel.der Arbeiter-
bewegung den wesenhaften Körper zu bauen.
Dieser „Sozialismus‘ ist eine Dichtung unserer Liebe, nicht
mehr. Dient weder uns noch den Sozialisten selbst. Was ist ge-
_ holfen, wenn auch wir ihnen die Irrwege decken und entschuldigen ?
Grad unser tiefstes Brudersein kann an ihnen nur eine Antwort
haben: unermüdliche Warner und Wecker zu sein, zwischen den
blinden Hassern und den blinderen Schmeichlern und den ebenso
‚blinden ehrlichen Jüngern: nur ihr tiefstes Richtungsstreben be-
jahen und stützen, seinen irrenden Formeln aber bis zur Vernich-
tung widerstehen: zeigen, wie der Sozialismus unserer Tage gerade
die Seele der Arbeiterbewegung zuletzt, zuinnerst verrät und ver-
liert; seine Idole niederringen — ja, ‘das wird sein müssen! —
und an ihre Stelle das Bild des unbekannten Gottes stellen, nach
‘dem auch er ruft. —
Wir können in der Sache — nie in der Art! — nicht hart, ab-
239
TEN
Bi
schenen Königssohn, der als der bejubelte Retter kom-
s ist aber, und das macht unsere Stellung noch schwerer,
er reine Seele der „Arbeiterbewegung“ im oben bestimmten Sinn
ER
Pe, h e ee EL DE ee
eisend, unerbittlich genug sein, um die Irrenden lo
ihrem Irrtum. Ihn psychologisch, nein, zu kalt is
einfühlend zu verstehen, voll Güte und Gerechti,
noch lange nicht, sich damit _ =. ke aa v
ihn ı ‚ siche echten Fleck zu packen und zu €
ee An Sa Me (In „Neuland“, Lenz
Die Familie i st zersetzt, durch den Kapitalismus, — nicht ı
‘den Sozialismus. Der übernimmt nur diese Tatsache, und suc
entgegen zu wirken. — a.
Eigentum ist schon erledigt, ausgehöhlt, durch den Kapitalis-
mus, das römische Recht. Nicht durch den Sozialismus; der üb
nimmt nur diese Tatsache, und er ist gerade ein Wehren dagegen.
Erziehung ist verkitscht in Schulsystem, Religion in Religions-
unterricht. Auch gegen diese Tatsachen geht der Sozialismus an. —
Nur ist auch der Sozialismus ein „gegen“. Er ist ein „Ismus“.
Er auch ist System, Erkenntnis, nüchtern, fassbar. NER,
Christentum sagt Ja zu allem, sieht auch noch in der Verzer-
rung Gott. Wilhelm Hammelroth: „Frohe Botschaft“
Ist es wahr oder nicht, dass man uns zu einem menschlichen Da-
sein gar nicht kommen lässt? Ist es wahr oder nicht, dass wir heute
Führer in Staat und Kirche haben, die Diener des Mammons und
Sklaven des Kapitals sind, aber keine Diener des Volkes? Frei wol-
len wir sein, frei und keine Knechte. Deshalb sammeln wir uns
unter dem blutroten Banner, dem Banner der Liebe und des Mär-
tyrerblutes, als bewusste katholische Proletarier. Auch dann noch,
wenn wir verschrieen werden als Verräter am heiligen Glauben, als
Verräter des Vaterlandes. Ja, dann erst recht reichen wir den Brü-
dern Kommunisten die Hand zum Schwur: Uns bindet die Liebe,
uns bindet die Not. — Gut wäre es auch für die Kirchenfürsten,
wenn sie einmal stempeln gehen müssten. Dann würde man einmal
kosten, wie süss es ist, ein Proletarier zu sein... Junge Menschen
ringen und verzweifeln, weil sie nicht eine gesunde, sittliche Familie
gründen können und die Kirche schweigt. — Wehret euch mit Hän-
den und Füssen gegen das immer vorwärtsschreitende Elend, unter- ©
drückt es, so gut ihr könnt. Eines Tages aber wird es mit verzwei-
felter Kraft über euch kommen, wo es für euch heissen wird: Das
ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortwährend Böses muss ges
bären. Dann hält sie keiner mehr auf, die Gewalttätigkeit eines Vol-
kes, das man zur Verzweiflung treibt. Kein Maschinengewehr, kein
Geschütz, kein Flammenwerfer! Aber auch ihr mit euern Kirchen-
gewändern! Dann möget ihr die Glocken läuten lassen: .Mea-
culpa...“ Und Gott möge euch gnädig sein! — — we
Aus dem Jungborn-Kreis.
240
ls die R ung einer
der Gesellschaftsord:
hiedensten Seiten her mit schärister Kritik einsetzen:
nn ihr nicht zum Vorwurf machen, dass sie mit dem
christlichen Sittengesetz in Konflikt gerate. - | RE
ü Monsig .AugustS chaurhofte r: Wie stellen wir uns zum Sozialismus?
Der Sozialismus ist auch in seiner marxistischen Form nicht eine
rein wirtschaftliche Ordnung; er gründet zutiefst in einer sittlichen
Lebensauffassung, zu der kritisch Stellung zu nehmen für jeden ge-
sten ist, der es als intellektuelle und sittliche Pflicht empfindet,
ch mit einer Kulturanschauung auseinanderzusetzen, die aus den
Ei: des Hochkapitalismus geboren und vom sittlichen Glauben
N
u
;
.
n die Menschheit getragen ist.
S : Th. Steinbüchel: „Der Sozialismus als sittliche Idee“.
Der entscheidende Zwang zur Wandlung der kapitalistischen
_ Wirtschaitsgesinnung wird entweder vom Sozialismus ausgehen,
_ oder er wird ausbleiben.
August Pieper: „Katholizismus und Sozialismus als ethisches Problem“,
—_ War dieser Sozialismus „gottlos“?. Er sprach nicht von Reli-
gion und von Beseligung im Jenseits; er trat gegen die Kirchen auf,
_ weil sie gegen die Arbeiter Partei ergriffen. Aber er war dennoch
des neuen Glaubens voll, der der tiefsten Verzweiilung entströmte.
Der Sozialismus wurde eine Frage, ja eine laute und unwidersteh-
liche Frage nach den Christen, ein Schrei nach Gerechtigkeit und
Liebe. Und wenn wir Katholiken diese Frage nicht verstehen und
beantworten können, dann kann der ungläubige Arbeiter uns zu-
rufen: Was helfen mir eure guten Lehren und eure Vertröstungen
auf eine andere Welt, wenn ihr mich in dieser Welt mit Weib und
Kind in Hunger und Not darben lasst? Das Wort allein: Nur das
Christentum kann Rettung bringen, hilft nichts.
Pfarrer Dr. Cremer: „Christliche und soziale Zeitiragen“.
Es ist das unbestreitbare Verdienst von Karl Marx, dieses seit
dem Erscheinen seines „Kapital“ in noch grösserem Umfange sich
vorbereitende, die Gesellschaft entsittlichende Uebel ‚der kapitalisti-
schen Eigentumsform aufgezeigt zu haben. Wenn seine Werttheorie
auch nur das Eine gezeigt haben würde, dass aller Gewinn gesell-
schaftlich erarbeitet werden muss, so läge schon darin ein für die
Sozialethik eminent wichtiger Grundsatz, die Forderung nämlich,
dass gesellschaftliche Arbeit auch Frucht bringen muss für die, die
Arbeit leisten, nicht für den nur, der einen Rechtstitel auf Arbeits-
mittel besitzt, der ohne tatsächliche Arbeit unfruchtbar bliebe.
Th. Steinbüchel: Aa. 0.
241
‚ einer
en Entwicklung,
Man kann gegen die marxistische Theorie
RN ” e Air > irn, "Allen San y Y a Ace a0 2
ag j iR
Wer die Zurückgewinnung der, 45 Prozent unseres deutschen Vol
W: kes zählenden, Anhänger des Sozialismus für den Gedanken und
Dr Willen der sozialen, staatsbürgerlichen und nationalen Volksgemein-
schaft als deutsche Lebensnotwendigkeit anerkennt, wer zugleich
B.: weiss, dass der Sozialismus der Gegenstoss gegen den Geist des
® Kapitalismus, zugleich sein Geisteskind und berufen ist, ‚den mäch-
» tigsten Antrieb zur Ueberwindung der Wirtschaftsgesinnung zu
{ bieten, muss im Sozialismus den Lebenswillen einer
neuen Lebensgemeinschaft des deutschen Volkes ver- 7
stehen, finden und zur Einordnung in die Volksgemeinschaft führen.
Er muss wissen, dass im Sozialismus hinter allem Hasse eine ver-
letzte grosse Liebe lebt und strebt. A. Pieper: A.a. O.
Der Kapitalismus und seine wirtschaftlichen Formen sind für
uns Mittel zum Zweck. Seine Vertreter können niemals, weder im
Staat noch in der Gesellschaft, noch in der Kultur das letzte Wort
sprechen. Die Form der Wirtschaft kann gewiss das Weltanschau-
liche beeinflussen. Wenn sie aber selbst den Kern des Weltanschau-
lichen bilden soll, so ist Idee und Gehalt der Weltanschauung zer-
stört und der Triumph des Materialismus gegeben. Wenn also’
der Führer der Deutschen Volkspartei von uns?
ein Bekenntnis zur kapitalistischen Weltan-
schauung verlangt, soantworten wirihm: dann.
sindwirausPlichtgefühl,ausdem Gedanken des”
Wesens menschlicher Kultur heraus Soziali-3
sten. Gerade weil wir keine Materialisten sein wollen, lehnen wir i
kapitalistische Weltanschauung ab. Dr. Josef Wirth.
Wenn der Sozialismus alle jene Lehren freigibt, an denen die
Kirche Anstoss nehmen musste, wenn er wesentlich und sei-
nem Ursprung getreu eine geschichtliche, politisch-soziale Bewe-
gung ist, die dem Kapitalismus gegenüber eine neue Wirtschafts-
und Öesellschaftsordnung aus den berufenen Kräften der Geschichte
zu verwirklichen strebt, dann ist es dem Katholiken freigestellt, sich
dafür zu entscheiden. Denn die Gestaltung der geschichtlichen Welt
ist ihm gerade als Christ und Glied der Kirche selbstverant-
wortlich überlassen: aber nicht neben seinem
Christsein, sondernkraftseines Glaubens. D.h.
aber: es gibt keine politische oder soziale Ordnung, die etwa un-
mittelbar aus dem Christentum oder aus dem Evangelium zu fol-
gern wäre, es gibt auch kein kirchliches Sozialprogramm, das für
den Katholiken bindend wäre. Die Aufgaben des irdischen Lebens
sind stets spontan aus der geschichtlichen Situation zu schöpfen —
aber (und hier wird der Satz „Religion ist Privatsache“ radikal ver-
neint!) kraft des Glaubens, kraft der Katholizität, durch Er-
schliessung der religiösen Sphäre in das irdische Leben von Situa-
242
pölitisch-soziale se a
scher“ Sozialist seine Rechtfertigung — nicht im
er Absonderung, sondern als Bekenntnis zur Lebensfülle.
| Dr. Ernst Michel.
Bir s
Fe Bestand Europas hängt davon ab, dass die Wirtschaft aus
‚ihrem privaten Dasein als Gesellschaftswirtschaft in den öffentlich-
ıen Zusammenhang. mit dem Gemeinwesen als „Volkswirt-
“ gelangt und nach innen, in ihrer Produktions- und Eigen-
ımsordnung, die ihr gemässe soziale Struktur erhält.
E- ‚Dr. Ernst Michel.
Dem Sozialismus als Wirtschaftssystem müssen wir zustimmen.
‚Unsere Aufgabe ist es, ihn durch unser Eintreten mit dem wahren
- Geiste zu durchtränken, auf dass Werk und Geist, jetzt getrennt, in
Beer Seele getrennt, „aufwachsen zur Gottestat“.
Heribert Gehle (In „Heerfahrt“).
S Die Arbeit ohne Besitz und der Besitz ohne Arbeit gingen so-
fort eine neue Verbindung ein, bei welcher aber nur der eine Teil
_ eine Sättigung und Beruhigung findet. Der vierte Stand, zur Sozial-
_ demokratie erzogen, strebt nach seiner Emanzipation und — sonder-
bar, wie feindlich die Sozialdemokratie sich auch gegen das Christen-
_ tum- verhält, wie entschieden sie auch alle ethnischen Bande zu
_ verachten vermeint: die ethischen wie die ethnischen Impulse, wel-
che einst die mittelalterliche Sozialordnung geschaffen haben, sie
_ wirken selbst in der Sozialdemokratie unbewusst nach und treiben
_ sie zu Postulaten, die nichts anderes sind, wie ein Abbild — ein
verzerrtes freilich — der alten, harmonischen Ordnung. Die Sozial-
_ demokratie ferdert die Einheit des Politischen und Sozialen; sie
_ fordert objektive Normen für die Arbeitsentlohnung; sie fordert,
- dass diese Entlohnung die vollen Früchte der Arbeit gewähre; sie
verlangt, dass das werbende Eigentum öffentlichen Rechtes, dass es
gemeinsam sei; sie verlangt Sicherheit der Existenz für jeden, der
sich an der nationalen Arbeit aktiv beteiligt, und sie will, dass jeder,
der essen will, auch arbeite. Alles Postulate, die in der dürren, ab-
strakten Form, rein rechnungsmässig, wie sie vorgebracht werden,
die Erde in’ein Arbeitshaus, ohne Recht, ohne Freiheit, ohne Ehre,
ohne Freude, ohne Gott verwandeln würden, Postulate aber, wel-
che die feudale christliche Gesellschaitsordnung sämtlich in "geist-
voller, der menschlichen Natur und Bestimmung auf Erden ent-
243
gu ra
Dann ‚erhält auch der Name „christlicher“ oder er
. r . ir
% "3
sprechender Weise längst realisiert hatte... Es ist auffallend, wi
nahe unsere Sozialdemokratie jene christliche Sozialordnung strei
und sich dennoch deren schäristen Gegensatz darzustellen rühmt.
So zeigt sich auch hier, dass alle grossen Irrtümer und Ketzereien
der Menschheit nichts anderes sind, als falsch verstandene Wahr-
heiten.
Die sozialdemokratischen Ideen haben die Gottlosigkeit und den
Materialismus, welche sie kennzeichnen, allerdings von dem soge-
nannten Fortschritt, d. h. dem konsequenten Liberalismus übernom-
men; das sie charakterisierende soziale Prinzip aber stammt aus
dem Christentum. Es musste jedoch naturgemäss in dieser Mi-
schung verzerrt und verunstaltet werden und unsere, der Katho-
liken, Sache ist es, das Richtige von dem Falschen zu sondern, das
eine dankbar zu akzeptieren, das andere aber zu verwerfen.
Prof. Dr. M. Pfliegler (Im „Seelsorger“, Januar 1927).
4. Christentum und soziale Frage.
Was der Einzelne den vielen, mit ihm durch die sozialen Bande”
verbundenen Gliedern der Gesellschaft gibt, bekommt er von jedem”
Einzelnen dieser vielen, falls auch diese gleich ihm sozial denken, ”
wieder zurück. Wie sollte da der Einzelne Not leiden? Das heisst:
Ohne Christus lebt die soziale Frage in hundert und aber}
hundert Gestalten auf, Schrecken und Not verbreitend. Mit Chri-°
stus aber gibt es keine soziale Frage. Wo sie aber besteht, wird j
sie durch Christus wirksam gelöst. Die Lehre Christi verbürgt eben
jedem Menschen seine Rechte, verpflichtet ihn aber auch, jedem
andern Glied der Gesellschait, die diesem zustehenden Rechte zuzu-
billigen. So wird Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben
für den einzelnen und durch den einzelnen für die Gesellschaft. Wo
also die christliche Gottesfamilie aufgebaut wird, wo
das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit waltet, wo also Christus
als König herrscht, dort kann unmöglich das Gespenst der sozialen
Frage auftauchen. Enzyklika Rerum Novarum.
. Das Christentum hat mit seinem schöpferischen Geiste, seit es
in dem Sohne Gottes vom Himmel auf die Erde herabgekommen
ist, alle grossen Fragen gelöst; auch jene, soweit es auf Erden mög-
lich ist, die mit der Not und der Ernährung des Menschen zusam-
menhängen. Gott lässt es zu, dass das Christentum auf seinem
segenspendenden Wege auf Erden immer wieder neue erosse Auf-
gaben zu lösen findet, und durch diese Lösung seinen Ursprung
von Oben und seine göttliche Kraft offenbart. Das Christentum hat
den Geist der alten Sklaverei gebrochen. Das schien wahrhaft un-
möglich. Bis auf die letzte Spur war die Ahnung von dem gemein-
schaftlichen Ursprunge der Menschen, von der Bestimmung aller
244
ch gehalten und nicht als Mensch behandelt. Das
Menschengeschlechtes die Menschenwürde
er gegeben. Der Geist des Christentums hat aus den
ven der ländlichen Bevölkerung teilweise unsern deutschen
rnstand entwickelt und aus den Sklaven in den Städten unsern
n Bürgerstand. Der Geist des Christentums hat unermess-
ttel angesammelt, um in zahllosen, Anstalten, die für alle
ürfinisse bestimmt waren, dem armen Arbeiter zu Hilfe zu eilen.
Der antichristliche Zeitgeist ist auf dem besten Wege, das alte
E Haventum in neuer Form wieder herzustellen, und er wird dabei
En ‚einer ungläubigen, materialistischen Wissenschaft mächtig un-
terstützt. Die Ableitung des Menschen von der Materie muss das
Herz des Menschen seinem Mitbruder gegenüber versteinern. Wir
zertreten ja den Stofi und vernichten ihn nach unserem Bedürfnisse;
ir töten das Tier und schlachten es, je nachdem wir desselben be-
dürfen. Wenn nun der Mensch nichts anderes ist, als eine Aus-
gestaltung des Stoffes, als eine Fortentwicklung aus dem Pflanzen-
und Tierreich bis zum Menschendasein, wo fängt dann die Grenze
an, wo wir ihn nicht mehr als Pflanze zertreten und als Tier töten,
sondern als Mensch achten und lieben müssen? Die Selbstsucht
_ wird diese Grenzen, die ein seichter Humanismus ziehen will, bald
durchbrechen, und das neue Sklaventum, unterstützt durch diesen
gemeinen Materialismus, droht grausamer und härter zu werden,
als das alte war. Wenn die früheren grossen christlichen Denker
_ dem alten Sklaventum entgegentraten, so sagten sie den heidnischen
_Sklavenhaltern: Gott hat dem Menschen die Herrschaft über die
Natur und Herrschaft über die Tiere gegeben; er hat dir aber nicht
_ die gleiche Herrschaft über deine Mitmenschen gegeben, du stehst
als Mensch ihm gleich gegenüber. Als am 7. Februar 1249 zwischen
dem deutschen Orden und dem neubekehrten Preussen der Friede
geschlossen wurde, sprach .der päpstliche Legat die erhabenen
Worte: „Es sind die Neubekehrten belehrt worden, dass alle Men-
schen gleich sind, wofern sie nicht sündigen, und dass allein die
Sünde die Menschen elend und zu Knechten macht.“ Die neue ma-
terialistische Wissenschaft sucht die Grösse dieser Gedanken der
Menschheit wieder zu entreissen, indem sie den Menschen dem Tiere
gleich macht; sie rühmt sich dessen als der höchsten Aufklärung;
245
‚den t ha
- ausserhalb ihfer Non Der Skiave erde,
um hat diesem ganzen grossen Teile
sie führt dadurch notwendig auch den Zustand wieder zurück, w<
1 "
der Mensch als Tier behandelt werden konnte. ol
Die ganze Wucht dieser Entwicklung liegt aber auf dem Arbei-
terstand. Da ist es wieder die Aufgabe des Christentums, die Welt
auch von dieser neuen Form der Sklaverei zu befreien und an dieser
Aufgabe ihre göttliche Kraft und ihr ewig neues Leben zu betätigen.
Ich zweifle nicht, dass diese Erkenntnis immer weiter sich verbreiten
wird. Der Geist Christi, aus dem die christliche Liebe ausströmt in
alle Christenherzen, wird immer mehr der Arbeiterfrage die Auf
merksamkeit der Christen zuwenden. Ob die abschüssige Bewegung
des gesamten Arbeiterstandes zum Proletariat bis zur letzten Stufe
fortschreiten muss, um uns alle Konsequenzen des Unglaubens und
des flachen Liberalismus vor Augen zu stellen, ist ungewiss, wie es
sich auch jetzt noch nicht bestimmen lässt, welche neuen Wege die
christliche Liebe und der christliche Geist einschlagen wird, um aus
der sozialen Not einen neuen grossen Triumph des Christentums
zu bereiten. Ich bin daher auch weit entfernt, mir anzumassen,
schon jetzt alle diese Wege und Mittel, durch die das Christentum
nach diesem Ziele streben wird, vorherbestimmen und gleichsam in
einem fertigen System abhandeln zu wollen. Ich habe schon mein
Ziel erreicht, wenn ich durch diese Besprechung etwas dazu bei-
trage, die Christenherzen und die Christenliebe auf dieses grosse
Gebiet, das Gott ihrer christlichen Tätigkeit angewiesen hat, auf-
merksam zu machen. Wenn ich es daher dennoch unternehme, einige”
Mittel hervorzuheben, durch die wir im Geiste des Christentums”
dem Arbeiterstande helfen können, so sollen das nur bescheidene”
Gedanken sein, und ich werde mich von ganzem Herzen freuen,
wenn diese wichtige Frage bald von Männern besprochen werden‘
sollte, die zur Lösung derselben mehr befähigt sind als ich.
Ketteler: A.a. ©.
‚So ist es auch mit der Lösung der sozialen Fragen in unserer
Zeit. Die von uns bisher besprochenen Ursachen der dermaligen
Lage der Arbeiter, sowie die Bösartigkeit der aus diesen Ursachen
hervorgegangenen Wirkungen und Folgen haben ihren wesent-
lichen und tiefsten Grund in dem Abfall vom Geiste des Christen-
tums, der, in den letzten Jahrhunderten stattgefunden hat. Weil die
Oeister nicht mehr von den höchsten und ewigen Wahrheiten er-
leuchtet sind, darum sind sie auch auf den niedern menschlichen
Oebieten der politischen und sozialen Fragen falschen Prinzipien
abstrakten Einseitigkeiten und jenem liberalen Fanatismus anheim-
gefallen, der, ohne Verständnis für den lebendigen Organismus der
Gesellschaft, wohl eine grosse Macht besitzt aufzulösen und zu
zerstören, aber nichts erbauen kann. Weil ferner nicht mehr der
Geist und die Kraft des Christentums den Egoismus und seine Lei-
246 |
un Zr
die rechte Weise ihrer Durchführung, man wird 1 mit
chen auch die wahre PalEar und soziale Weisheit wie-
"Kette: 1 er: A,a. O.
e nz. welcher das EN durch die materialistische,
nkerische Luit ihrer Arbeiterpartei arg mitgenommene, zum
‚noch, zum Teil wieder gläubige Denken der Proletarier aus-
tzt ist, ist diese: ausgerechnet die Partei des Antiproletariats,
‘der aie Kapitalisten und die Reaktion aller Richtungen unter-
ochen ist, die Partei, welche allein als Gegner und in den Augen
; "rage kommt, ausgerechnet diese Partei vertritt die Forderungen
der Kirche im öffentlichen Leben, ist von Priestern geleitet, und
steht offenbar oder scheinbar trotz aller sonstigen Wandlungen in
einer unverwüstlichen Verbindung mit der Kirche in Oesterreich.
Das bestärkt die Proletarier in ihrer antichristlichen Haltung und
bereitet wie nichts sonst in Oesterreich grosszügig den Abfall vor.
Denn alle Wut des Freidenkertums wird damit losgebunden und die
sozialdemokratische Partei handelt nur im Interesse der Partei, wenn
sie den Kirchenabfali gewähren lässt und fördert. Seit "Seipel
„keine Milde den Julidemonstranten“ ausgesprochen hat, sind
20,000 Menschen ausgetreten.')
Gibt es aus dieser tür die Kirche unmöglichen Lage einen
Ausweg’?
Das steht wohl fest: die gerechten Forderungen der Arbeiter-
‚schaft müssen als ganz dringliche Hauptaufgabe der kirchlichen
Kreise gesehen werden. Das Proletariat darf nicht glauben, die
Kirche wolle es auf dem Umweg über eine Partei um seine Rechte
bringen. Nein, die Wucht seiner Forderungen muss sich ihre stärk-
ste Vitalität aus der lebendigen Krait der Kirche holen.
Vor allem muss endlich gründlich dem Entweder-Oder: Kirche
oder Proletariat, widersprochen werden. Nicht Kirche oder Prole-
tariat, sondern 'Kirche und Proletariat, nicht Kampf gegen den
Sozialismus, sondern Erlösung und Sinngebung dem
Sozialismus.
Der Sozialismus und die Welt seiner Menschen ist nicht der
Feind, sondern die unerlöste Welt als Hauptaufgabe der
heutigen Kirche. Wir müssen an einer aus der blutigen Gegenwart
1) Seither noch sehr viel mehr, wenn ich nicht irre gegen 150,000. L. R.
247
1 so nahe en Kr Politik die a R
r Sozialisten als Gefahr für die Errungenschaften der Arbeiter in
ebenso wie aus katholischem Denken kommenden neuen Lebens-
ordnung bauen. ı He :
Christus der König? Ja, er sei es! Wir jubelten ihm zu. Aber
er muss wirklich herrschen, nicht nur in den Reden der Katholiken-
tage. Es geht nicht an, dass wir auf dem Sinai unserer Katholiken-
tage die ewigen sittlichen Grundsätze hören und verkünden und
dann niedersteigen in die Ebene des Lebens, die Tafeln des Gesetzes
zerschmettern, — um mitzutanzen um das goldene Kalb.
Prof. Dr. M. Piliegler (In „Neuland“, 7./8. 1927).
", Sozialismus und Christentum, wenn wir die gegen einander
stellen, fassen wir sie beide als Rahmen auf, als Systeme. Christen-
tum ist aber etwas anderes, ist über jedem Rahmen, umfasst das
ganzeLeben. Gott inallem.
Und Sozialismus als wirtschaftliches System ist im
Christentum drin, nicht dagegen, nicht dafür, sondern darin!
Es ist auch nicht wahr, zu sagen, das Wirtschaftliche sei ausser
dem Reiche Gottes, unabhängig von ihm, habe mit Christentum
nichts zu tun. Sondern es lebt vom Reiche Gottes, — nur „ge-
gen“ die anderen Integrationsteile hat es Grenzen, ist es selb-
ständig, — in allen aber kreist der Lebensstrom Gottes, ohne den
alle nichts wären.
Als System ist der Sozialismus heidnisch, — als System ist
aber auch das „Christentum‘ heidnisch! Das Christentum, das”
sich dem Sozialismus entgegen stellt, stellt sich selbst auf dessen
Ebene, die untere Ebene der Integration, die Ebene der Teile, des”
Berechnens, der Klugheit, der Richtigkeit, des Grossinquisitors, —
nicht in die Höhe Gottes, die umfassende, liebende, die Weisheit,
den Weitblick, in das unfassbare, aber allgegenwärtige Geheimnis,
die einzige Kraft der Liebe. Wilhelm Hammelroth: A.a. O.
Sozialismus ist für diese Menschen Religion, ist diesen Men-
schen die glühende Hoffnung auf Erlösung, auf das tausendjährige
Reich der Freiheit und Gleichheit und vor allem der Gerechtigkeit.
Man mag dagegen noch so viel einwenden, mag den Marxismus
als wissenschaitliches System widerlegen, nur der Prediger, der
Seelsorger darf nie übersehen, dasshinterdiesemS Yy st em
einganz unmittelbarer, unaustilgbar hungern-
derSchreinach wirklicher Erlösung ruft. Und der
lebt täglich neu auf im Hunger, in der Kälte der Proletarierwoh-
nung, in dem Ausgeliefertsein, in der Sorge um die Zukunft. Dar-
an ändert nichts, dass es einigen Teilen der Arbeiterschaft heute
besser geht.
Jede, und vor allem die landläufige, unglaublic | t
vor allem die politische Gesner e EN “= ee
muss unterbleiben. Denn jede sogenannte Widerlegung des Systems
248
k e® t dart keine politischen
il heute ae diese Gegnerschaft ihm den
ı und zum Herzen verrammelt. Und eine un-
e ist mehr wert als alle politischen Errungenschaften,
unlängst einer schrieb: Ein e unsterbliche Seele ist ueE
; die ganze Kongrua.')
er Sozialist recht hat, da soll man lm recht geben, und
nur aus taktischen Gründen. Soweit er Recht und Ge-
htigkeit vertritt, vertritt er auch das Recht Gottes auf Erden. Der
alismus ist in "vieler Hinsicht der unerbittliche Mahner, der. sei-
Finger auf die eingefressenen Inkonsequenzen und Bequemlich-
‚keiten unseres bürgerlich behaglichen Christentums legt. Keine
Front gegen ihn, nur die Lösung seiner Fragen aus
Bere neu erwachten katholischen Gewissen
eraus wird die Sache Christi auch politisch
sie hern. Prof. Dr. M. Pfiliegler (Im „Seelsorger“, Januar 1927).
& Haben wir Priester Christi eigentlich auch nur die mindeste Ur-
"sache, uns immer wieder für die bürgerliche Welt gegen die Ar-
beiter zu exponieren? Oder sollten wir nicht hoffen, dass die Nie-
| drigen, die Armen, die Mühseligen und Beladenen, am allerwenig-
sten Christenveriolger sein würden, wenn sie nur sehen könnten,
dass-wir nicht gegen sie und ihre Bestrebungen uns einsetzen, dass
wir uns nicht fürchten vor der Zeit, wann der Arbeiter die "Herr-
_ schaft an sich genommen haben wird. Ich denke, die rauhen, schwie-
ligen Hände des Arbeiters werden sich am schwersten von allen
Menschenhänden gegen Christus erheben, ausser es wird die Sache
Christi immer nur für die Feinde des Arbeiters prostituiert. Ja, ich
“denke, dass der Arbeiter auch den Priester nicht verderben lassen
wird, er wird am ehesten das Wort verstehen: Der Arbeiter ist
seines Lohnes wert.
Alles in allem, ich glaube: Die kommende Weltordnung ist die
des Herrscherrechtes der Arbeit. Der Arbeiter wird der Herr der
_ Welt sein, und wir Priester Christi sollen uns diesem grossen Ge-
schehen nicht entgegenstellen, sondern, wenn es vielleicht doch
noch nicht zu spät ist, zum Boten und Herold dafür werden. Nicht
mehr der Besitztitel soll zum Herrschen und Regieren berechtigen,
sondern die Arbeit! Der Arbeiter soll die Herrschaft nach dem
Willen der. weltleitenden Vorsehung haben, wie auch Christus,
’) Kongrua ist der staatliche Beitrag an die Kosten der Kirche. L.R.
249
'geben, Weit er Rich ff
00 der
ehr W Fr ar u; Ri 5 f
ein Arbeiter war hier auf ‚Erden, n ın König ist
len Christi un: »r Arbeite ] r und ATDElte
len Christi und der Arbeiter Ein katholischer ee
Es verpflichtet uns kein göttliches und kein Kirchen
gegenwärtige Wirtschaftsordnung, die in ihren Auswirkung: 2
los und grausam, unchristlich und heidnisch ist, zu vertei
wohl aber gibt es ein göttliches Gesetz, das jedem Menschen d
verbürgt, dessen er zur Erhaltung seines Lebens bedarf und das
eine himmelschreiende Sünde nennt, die Arbeitskraft eines Mitmen-
schen zur eigenen Bereicherung auszubeuten. a
Wir sollen die Heiligkeit des Eigentums nicht zu sehr betonen.
Diejenigen, die es besitzen, sind stark genug, es zu verteidigen.
es gibt nur allzuviel Unheiliges, was sich unter dieser Marke ver-
stecken möchte. Wir sollen vielmehr von dem Recht der Kleinen,
Schwachen und Unterdrückten auf das Leben und den nötigen Un-
terhalt sprechen. Diese sind uns dafür unendlich dankbar und wer-
den dadurch auch das schon sehr geschwächte Vertrauen zu uns
und der heiligen Kirche wiedergewinnen. Ein Dechant: A. a. O.
Das Christentum wurde nicht gelebt, es wurde nicht wach ge-
lebt, darum ist es reaktionär, sozial und wirtschaftlich bürgerlich
geblieben. Wenigstens gilt dies durchschnittlich vom offiziellen
Christentum. Es sieht den Teufel, den Antichrist, in den gottgewoll-
ten neuen Entwicklungsformen, statt in den zurückgebliebenen, das
freie Wachstum des Leibes Christi hemmenden, veralteten, toten
Politik-, Kultur- und Wirtschaftsformen. Wer schläft, sieht nicht
wie der Teufel von einem Strauch zum andern huscht. Er sass ein-
mal hinter dem roten, jetzt hinter dem schwarzen. Er sass einma
nur hinter dem Ungläubigen, jetzt auch hinter dem „Gläubigen“.
Der Christ hat die Achsenverschiebung der Welt nicht wahr-
genommen.
‚ Echtes Christentum ist nichts anderes als was auch echter So-
zialismus ist: Ein „für die Gesellschaft leben“, das Christus aus-
drückt mit den Worten: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich
selbst!" Wahres Christentum ist ein Bewusstsein der Heiligkeit und
Werthaftigkeit seines Menschtums, kein, wie es so oft verstanden
wird, Hinwegwerfen desselben. Im Menschen lebt Gott! Es bedarf |
dieses Glaubens an den Menschen! E
‚Es gibt viele unter uns, denen Christentum und Sozialismus
gleichbedeutend sind wie Feuer und Wasser. Das ist eine durch
lange Zeit hindurch grossgezüchtete Lüge, ein Selbstbetrug. Man
stösst sich am „ungläubigen“ Sozialisten, der sich als Atheist. als
Freidenker u. s. w. bekennt, folglich „zu verwerien ist“. Sind aber
diese Menschen wirklich ungläubig? — Die Wahrheit ist: wer für
das Gute, Rechte und Edle kämpft, der kämpft für den Inbegriff
250
X “2:
d Guten: Gott!
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Gut Christ, mag
wissen wollen, er steht ihm nahe, denn er be-
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Monatsschau.
Be 1. Weltpolitisches.
5 _ Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit sind, soweit weltpolitische Ereignisse in
_ Betracht kommen, auch diesen Ueberschau-Monatdie Abrüstungskonfe-
_ renzin Genf und dieReparationskonferenz in Paris gestanden. Ich
_ möchte sofort mit grossem Nachdruck auf die Bedeutsamkeit hinweisen, die diese
' Tatsache an sich hat, und zwar nun auf das Gute, Positive und Verheissungsvolle
> daran. Diese beiden Konferenzen sind, bei allem, was daran Schlimmes oder Br.
doch Problematisches ist, auf alle Fälle ganz unerhörte Zeichen und Ofienbarun-
_ gen der Solidarität, die nun die Menschenwelt im Guten und Bösen um- |
_ fasst. So etwas war noch vor zwanzig Jahren undenkbar — es ist etwas Neues
_ unter der Sonne. Wir tun gut, daran festzuhalten und ob all dem Misslichen, das
an der Erscheinungsiorm auch dieser „Idee“ hängt, nicht die Idee selbst zu
—_ übersehen. In diesen beiden Konferenzen und in den beiden Problemen, die
— ihnen zu Grunde liegen, ist der Völkerbund, dessen Vorhandsein an anderen
- Punkten fraglich erscheinen mag, als greifbare Wirklichkeit da.
Was im übrigen die sogenannte vorbereitende Abrüstungs-
_ konferenz betrifit; so ist sie nicht ohne Dramatik verlaufen. Das erste
_ Stadium zeigte die vollkommene Unmöglichkeit für die Regierungen und ihre
Vertreter, auch nur einen Schritt auf diesem Wege zu fun, aber auch die Un-
möglichkeit für sie, gar keinen Schritt zu tun. Denn nun drückte die „öffent-
liche Meinung“ mit einer Gewalt auf sie, wie schon lange nicht mehr. 11,000
Petitionen sollen bloss aus den Kreisen der organisierten Arbeiterschaft
nach Genf gelangt sein. Die Delegation der Zweiten Internationale mit
Brouckere als Sprecher wurde von dem Präsidenten der Abrüstungskom-
mission, dem Holländer Loudon, freundlich empfangen.
Aber die Verhandlungen kamen nicht vorwärts. Ein Hindernis nament-
- lich versperrte den Weg: der Gegensatz zwischen den „gerüsteten“ und den
_ „abgerüsteten“ Völkern, der ungelähr zusammenfällt mit dem zwischen den
„Siegern“ und den „Besiegten“ des Weltkrieges, nur dass zu den letzteren
auch China und der eine oder andere „Kleinstaat“, vor allem Schweden, hiel-
ten.‘) Wir stossen hier an einen wesentlichen Punkt: Wenn wirklich so ab-
gerüstet würde, wie der Versailler Vertrag und der Völkerbundspakt es ver-
sprechen und verlangen, dann würde, scheint es, mit einem Schlage das
militärische Uebergewicht der „Sieger“ verschwinden, ja, es würde sich ins Ge-
genteil verkehren. Denn die deutsche Reichswehr wäre dann durch ihre hoch-
gradige Ausbildung einer an Zahl entsprechenden französischen Armee bei wei-
tem überlegen, wozu dann noch die freien militärischen Organisationen und die
erst recht überlegene industrielle Rüstung kämen. Darum wünscht Frankreich
wenigstens, dass die militärischen Reserven und die kolonialen Kräite bei der
Abrüstung nicht in Betracht kämen. Selbstverständlich sind bei dieser Sach-
. ; ee
4 CE HP
A
1) Nebenbei: wo ist bei diesem Anlasse wieder die Schweiz gewesen?
231:
lage die „Abgerüsteten“ oder „Besiegten“, Deutschland und Russland vor alle N
mit Begeisterung für die Abrüstung. Aber, fragt man, ob diese Begeisterung.
echt ist? Ob sie wirklich der Abrüstung an sich gilt, oder bloss der Aus-
sicht, dass die militärische Vorherrschaft der andern gebrochen und dafür
vielleicht die eigene wieder aufgerichtet werde? Das Misstrauen, dass dem
so sei, ist jedenfalls bei den „Siegern“, besonders den Franzosen, so stark,
dass dieser Fels den Abrüstungsweg vollständig versperrt. Wenn aber die
Abrüstung der andern nicht vor sich geht, dann fühlt sich Deutschland recht-
lich wie moralisch an die eigene nicht mehr gebunden, auch nicht einmal zum
Scheine mehr, und der Tanz kann losgehen; die Abrüstung hat Fiasko ge-
macht; der Abgrund tut sich weit auf, der Europa verschlingen wird.
In dem Moment, wo dies am schäristen klar wird, greift Amerika ein.
Sein Vertreter, Gibson, erklärt im Namen Hoovers nachdrücklich den amerika-
nischen Friedens- und Abrüstungswillen für die Flotte, wie, selbstverständ-
lich, auch für die Armee. Dem müssen sich wohl oder übel die andern beugen.
Es öffnet sich, scheint es, der Weg, besonders da Amerika sich in einigen
Hauptpunkten auf die Seite der „Sieger“ stellt. Zu einem Programm reicht
es nicht mehr, aber eine weitere Konferenz soll eines aufstellen.
In diesen Verlauf der Konferenz greifen zwei Episoden ein: die Verhand-
lungen über die Anträge, welche die Abschaffung der allgemeinen Wehr-
pflicht und das Verbot des Giftgaskrieges zum Ziele haben. Es ist
bezeichnend, dass der erstere Antrag von China ausging — es hat eben eine rück-
ständige, eine auf das Tao, d.h. den Glauben an einen heiligen Sinn der Welt ge-
gründete Kultur! Im Ernst: Wären die Abendländer nicht mit Verblendung ge-
schlagen, so hätten sie.mit beiden Händen nach dieser Möglichkeit gegrilien, die
„gelbe Gefahr“ im letzten Augenblick noch zu bannen und das chinesische Vier-
hundertmillionenvolk von der Bahn des Militarismus abzuhalten, gerade wie sie,
aus analogen Gründen, mit beiden Händen nach dem Angebot einer Selbst-
entwafinung Russlands hätten greifen müssen, was nicht Naivität, sondern
Realpolitik und höchste politische Weisheit gewesen wäre. Dass der zweite
Antrag, von Deutschland ausgehend, abgewiesen wurde, hat in pazifistischen
Kreisen besondere Empörung erweckt. Da denke ich aber, das sei doch gut
gewesen. Das Gegenteil hätte doch nur dazu gedient, die Völker in trüge-
rische Sicherheit zu wiegen oder wiegen zu lassen. Denn wenn es wieder
Krieg gibt, dann wird es unter anderm, wie Jeder weiss, ein Giitgaskrieg sein,
Also ist die Ehrlichkeit besser, als solche trügerischen Gesten.
Und nun, was ist zum Ganzen von unserm Standpunkt aus zu sagen?
Zunächst scheint mir dies: Wir haben nicht Ursache, mit dem Verlaufe
der Konferenz ganz unzufrieden zu sein. Es hat sich gezeigt, das die Ab-
rüstungsbewegung unwiderstehlich ist. Sie ist in den Völkern mit neuer
Stärke erwacht. Besonders erireulich ist das amerikanische Auftreten. Es
zeigt sich, dass der Glaube, Hoover könnte vielleicht doch andere Wege
gehen, als sein Auftreten während der Wahl annehmen liess, im Rechte war.
one Mile ne Sa ei: Staaten selbst-
en ch rlaschen s Licht dieser amerikanischen Frie-
Wir müssen uns sodann fragen, wo nun die weitere Aktion ei
muss. Hier stossen wir wieder auf jene Hauptschwierigkeit: das Mesa
gegen Deutschland und Russland. Was Russland betrilit, so dari man wohl
hoffen, es werde nach und nach die Erkenntnis durchdringen, dass es mili-
tärisch durchaus nicht zu fürchten ist, dass es froh ist, wenn ma in Ruh
lässt. Das, nicht die die innerste Friedensgesinnung der Bolschewiki an a
glauben man wirklich niemanden zumuten darf, ist der Grund unseres Ver-
a a polen Ehrlichkeit seines Abrüstungswillens. Aber
Deutschland Par ne ie diesem? Ganz ohne Zweifel gibt es in
> ganze Abrüstungsbewegung nur als
252
NET
_ Mittel betrachtet, die deutsche militärische Macht, ja Vormacht, so oder so
_ wieder aufzurichten, und eben so sicher ist, dass man vielen seiner Politiker
‚ In dieser Beziehung einfach kein Vertrauen schenken dari, sogar wenn sie den
- Nobelpreis ‚bekommen haben oder Sozialdemokraten sind. Aber die Frage ist:
Wie gross und mächtig ist diese Partei? Ist ihr Einiluss bedeutend, vielleicht
gar entscheidend, oder ist er doch bloss nebensächlich? Wer will diese Frage
mit Sicherheit beantworten? Und was sollen wir im Angesicht dieser Sach-
lage sagen? Dürfen wir den Franzosen, den Polen und so fort, zumuten, sich
zu entwafinen, um sich dann sofort ohnmächtig einer überlegenen Koalition
_ von Gegnern unter Deutschlands Führung gegenüber zu sehen?
Meine Antwort ist: Zum ersten liegt hier vor allem eine deutsche
Auigabe vor. Es ist Sache der Deutschen, jenes Misstrauen endgiltig zu
entwaiinen. Und zwar vor allem Sache der sozialistischen Arbeiterschaft.
"Wenn einmal ihr Friedenswille offenkundig und sicher ist, dann ist jener Fels
aui dem Friedenswege bei Seite gewälzt. Aber diese deutsche Aufgabe kann
' natürlich nicht gelöst werden, wenn die andern dabei nicht mithelfen, indem
sie eine Politik treiben, geeignet, diejenigen Kräfte im deutschen Volke, die
ene Aufgabe lösen können, zu stärken, statt sie zu lähmen. Dass die Politik der
‘Alliierten in grossem Masstab und verhängnisvollem Stil dieses Letztere getan
hat, braucht nicht mehr gezeigt zu werden. Wir können .aber aus dem
—eirculus vitiosus: falsches Verhalten der Alliierten — mangelnder deutscher
Friedenswille, Misstrauen der Alliierten — Vermehrung des deutschen Auf-
rüstungswillens und so fort, nicht heraus, ohne einen Sprung, einen ‚Akt des
Vertrauens, de Vorangehens im Vertrauen, eine Tat des Glau-
bens. Und damit komme ich auf das Zweite. Wenn wir auch von der Wich-
tigkeit dieses Hindernisses nicht die Augen schliessen dürfen, wie es jene radi-
kalen Pazilisten tun, die Förster „abstrakt“ nennt, so dürfen wir uns doch in die
_ Ueberlegungen dieser Art nicht verstricken lassen. Wir dürfen dem
ehrlich‘ vertretenen Abrüstungsgedanken eine solche Macht zutrauen, dass
er alle die diplomatisch-militaristischen Berechnungen, die sich mit ihm ver-
mischen möchten, zunichte machen, über sie wegfluten wird. Damit sind
wir auch bei dem Letzten angelangt, was von unserem Gesichtspunkt aus
über die Genfer Abrüstung zu sagen ist. Es ist wohl ganz selbstverständlich,
dass wir unsere Hoffnung nicht auf sie setzen. So wichtig und notwen-
dig auch diese Form ist und so wichtig und notwendig. vollends der Völker-
bund (dessen jetzige Form ja nur ein erster Versuch ist), so wissen wir doch,
dass nur eineübermächtige Bewegungausdem Herzen der
Völker heraus eine ernsthafte Abrüstung zustande bringen kann. Was
uns die Regierungen unter dem Drücke der Völker anbieten werden, wird
nur Scheinwerk sein. Schon die Beibehaltung der allgemeinen Wehr-
pflicht als die „politische Grundlage unserer westlichen Völker“ (und Eng-
land?) schliesst selbstverständlich jede ernsthafte Abrüstung aus. Die Chi-
nesen haben darin durchaus richtig gesehen. Man wird höchst wahrscheinlich
versuchen, mit dem Gedanken zu operieren, dass das Milizsystem die
lösung des Militärproblems und der Weg zum Frieden sei. Und so ste-
hen wir überhaupt vor der Gefahr, dass diese Schein-
Abrüstung zu einem ganz schweren Hindernis der wah-
ren Abrüstung werde. Diese Gefahr müssen wir rasch erkennen und
sie zu vereiteln suchen. k
Womit? Durch einen radikalen, in Herz und Gewissen
begründeten Antimilitarismus als Volksbewegung.')
1) Dass die Regierungen nicht nur durch ihre Generalstäbe und die Ofli-
zierskaste iiberhaupt, sondern auch durch die Rüstungsindustrie gebunden
sind, zeigt besonders drastisch die im Fackelreiter-Verlag, Hamburg-Berge-
dorf, erschienene Schrift von Otto Lehmann-Russbüldt: „Die blutige
Internationale der Rüstungsindustrie“. Davon ein andermal mehr.
253
. r
“si h >
’ Gi
SW Dass‘ ie Aussichten günstig sind, s
werden besonders ‚auch vermehrt durch die dänischen Wa
die Abrüstungsparteien, Sozialisten und bürgerliche Radikale (a
Reaktionäre, die so heissen!) ans Ruder gebracht haben. Man
annehmen, dass diese nun versuchen werden, ‚ihr altes Abrüstuı
auszuführen. Wenn vollends die Ende Mai stattfindenden eng!
Wahlen eine Arbeiterregierung bringen sollten, wäre die Lage sel
Denken wir daran!'). RN I = p
Eine solche Wendung würde, vielleicht mit einer entsprechenden in I
reich verbunden, auch den Diktaturen ın ganz Europa einen Stos
setzen. Sie wanken ohnehin. In Spanien scheint der Widerstand geger
dortigen „Tyrannen“ („Tyrann“ heisst „Herr“, „Signore“, „Duce und ist
alter Name für Diktator) sehr stark zu sein, namentlich — und merkwür
weise in den Kreisen der Intellektuellen. Aus Italien wird uns zuverläs
berichtet, dass dort die Korruption durch die Parteiwirtschaft und die w
schaftlichen Schwierigkeiten inımer grösser würden.”) Woldemaras, der M
tur-Tyrann von Lithauen, ist angeschossen worden; Pildsudski ist ein kranker
Mann; das Horthy-Regiment in Ungarn stützt sich auf eine Kaste, die
Sturz verurteilt ist; Jugoslavien ist ein Vulkan, die Türkei ein Gebilde ohne
Verheissung. Eine Gefahr für den Weltfrieden sind natürlich diese Diktatoren
alle, schon darum, weil sie nach einem alten Gesetz die innere Spannung nach
aussen ablenken müssen. Wenn man z.B. zuverlässig erfährt, wie Mussolini
Albanien in ein italienisches Heerlager verwandelt, um von dort aus den
Stoss gegen Jugoslavien führen zu können, so erkennt man die ganze Unheim-
lichkeit dieser Gefaht. Der wilde Gewaltgeist, dessen Aeusserung die Diktatur
ist, zeigt sich auch immer wieder in den unglaublichen Greueln, die in Form
von rohster Unterdrückung politischer Gegner und Meuchelmorden in grossem
Stil wie von schauerlichen Einkerkerungen die Ostländer erfüllen. Leider steht
die neue Demokratie noch in weiter Ferne. Die Vorgänge bei der deutschen
Regierungsbildung offenbaren aufs neue den Zerfall der heutigen politischen
Formen, der seinerseits von einem noch tieferen Verfall herrührt. Eine höchst
erfreuliche Nachricht is!, dass Holland für Niederländisch-Indien eine Verfas-
sung bewilligt hat, welche den Einheimischen weit entgegenkonmt, und dass
in Mexiko der Präsident Portes Gil nach der Niederwerfung des neuesten
Aufstandes der Kirche die Friedenshand reichen will. Man darf hoffen, dass”
in China trotz allen Nachwehen die Erneuerung und Einigung vorwärts gehen
wird. Dass die Kleine Entente die diplomatischen Beziehungen mit Russland
aufnehmen will, ist ebenfalls ein gutes Zeichen. Der Boykott Russlands war
stets eine Schildbürgerei grossen Stils. Die englische Handelsdelegation nach
Russland, wie die geplante amerikanische beweisen, dass er sich auf die Länge
einfach nicht durchführen lässt.
Zum Schluss dieses Abschnittes noch ein Wort von der Reparations-
‘) Hoffentlich wird diesmal nicht wieder etwas dazwischen kommen, wie
damals der Sinowieif-Brief. Dieser ist. inzwischen endgiltig als Fälschung
erkannt worden. Diese Fälschung war der Thron, auf dem fünf Jahre lang, !
zum grossen Schaden für die Welt, die konservative Regierung Englands sass. |
Das so etwas möglich ist — eine Fälschung bestimmt in entscheidenden Jah- i
ren entscheidend den Gang der Weltpolitik und der sozialen Entwick |
|
i
sm
112
! . Ben: -
Ve a N denke an den Streik der Arbeiter in den englischen Kohlen-
., ) Viel rascher als man es erwarten durite, hat sich die tiefe Unwahr-
heit des Bündnisses von Papst und Cäsar gezeigt. Schon höhnt on
über den Papst und die katholische Kirche und antwortet der Papst mit Hef-
tigkeit. Je rascher die römische Kirche einsieht, welch einen argen Fehler
sie gemacht hat, desto weniger schlimm werden seine Folgen für sie sein.
Aber leicht gut zu machen ist ein solcher Sündeniall nicht Ei
254
je
a re Zeh SA EN
‚zum Ziele. ge
Hier könnte nun Ar
mächtig zu arbeit
oder völligen Nachlass
spielen. Es dürfte dafür die völlige Abrüstung ver-
te man besonders in Deutschland nicht vergessen, dass
ger nicht Frankreich, sondern Amerika ist und die
‚tributpflichtig wie es selber. Hoffen wir, dass aus diesem
werde! Es wäre paradox, aber nicht sinnlos, wenn „Pan-
“ zunächst als europäische Schuldner-Gemeinschaft ans Licht träte.
geplante Reparationsbauk wäre jedenfalls auch ein Zeichen der neuen
2. Militarismus und Antimilitarismus.
' Zu dem Kampf zwischen, Militarismus und Antimilitarismus sei einiges
chtet, was dem Ueberschauer gerade in den Wurf gekommen ist — denn
sse. Ein schneidiger, junger Oflizier hat seine Rekruten, die ihm nicht
haft genug waren, in den Saaneiluss hineingejagt, wobei einer ums Le-
kam. Das ist so ein Bild aus der heutigen „ireien Schweiz“. Das Militär-
sprach ihn irei. Das ist antimilitaristische Propaganda, wie wir sie. nicht
' wünschen. Denn wir haben nie mit solchen Dingen operiert. Aber sie
' wird wirksam sein. A F
m Die Zofiingia, die grösste schweizerische Studentenverbindung, hat
‚an ihrer letzten Jahresversammlung (,Zentralfest“) beschlossen, dass Dienst-
_ verweigerer ihr nicht angehören dürften. Ein besonderer Artikel darüber
ist längst gesetzt.” Im Zentralorgan des Vereins geht die Diskussion weiter,
_ Die Zofingia war manchmal eine Vorhut schweizerischer Erneuerung, jetzt
ist sie in ihrer grossen Mehrheit ein Sammelpunkt der bürgerlich-reaktionären
Jugend. Eine kleine tapfere Minderheit kommt gegen diese Sachlage nicht auf.
Interessant wäre, einmal eine Liste all der Unglücksfälle auizustellen,
die unaufhörlich in Munitionsfabriken und bei der Militärfliegerei stattfinden.
Es ist, als ob der Fluch, der darauf liegt, sich auch auf diese Weise kund tun
‚wolle- Was uns im Falle eines Fliegerangriifs bevorstünde, wurde im Kleinen
durch eine Explosion in der Filiale der „Lonza“ in Visp im Wallis illustriert.
. Dort gerieten chemische Stoffe in Brand. Die zum Himmel steigende Flamme
erhellte (es war Abend) das ganze Tal. Wegen der Gefahr neuer Explosionen
wurde das ganze Städtchen „evakuiert“. 2500 Personen mussten die kühle
Nacht mehr oder weniger im Freien verbringen. Das gleiche geschah mit den
umliegenden Dörfern. Und nun stelle man sich vor, dass ein solcher „Angriff“
‘von der Luft her käme, vielleicht auf eine grosse Stadt, und selbstverständlich
unvorbereitet! +
- Der Kampf zwischen Militarismus und Antimilitarismus ergreift immer
mehr auch die Kirchen. Wo heute Aufregung gegen Pfarrer entsteht, da
ist kaum je mehr ihre Stellung zum „Glauben“ daran schuld, sondern die
zu Militarismus und Kapitalismus, d.h. ihre Stellung gegen diese; denn
über eine Stellung für sie regen sich bis jetzt nur Einzelne auf. Es sind uns
in der letzten Zeit einige Fälle bekannt geworden, in denen es bis zum Ver-
such eine Wegwahl oder zur Separation kam. Darob klagt in einem Basler
Blatt ein offenbar theologischer oder doch vertheologisierter Einsender, so
etwas wäre damals nicht vorgekommen, als man noch den Heidelberger Kate-
chismus und das helvetische Glaubensbekenntnis gehabt habe. Ja, wir sind
tief heruntergesunken, infolge der Verführung durch ‚gewisse Theologen, wie
jener Einsender klagt. Wenn jene schönen Zeiten wiederkehrten, so gäbe es
gegen diese ein probates Mittel: Folter und Scheiterhauien. Auch dass die
Hexenverbrennungen, die in jenen Zeiten blühten, aufgehört haben, ist ein be-
255
li nte nun Amerika
‚der Schulden der Alliierten
schlichen Verbundenheit, wenn auch nicht gerade eines der „idealsten“.
wollte hier alles berichten? Es sind einige schweizerische Vorkomm-
ericht verurteilte den Offizier zu zwei Monaten bedingter Hait, d. h. es
klagenswertes Zeichen der humanitären Entartung dieses Zeitalte |
rkoheche Zeitung aber rühınt stolz, dass unter den 214 Dienstverweigerern,
die die offizielle Statistik angibt (es sind ihrer natürlich viel mehr), kein ein-
ziger Katholik sei. Da sehe man, wie die Katholiken in Patriotismus den Vor
rang hätten. ER
ea Molochpfafientum in christlichem Gewand treten aber doch in
wachsendem Masse auch aus der Kirche andere Stimmen entgegen. So schreibt
im „Religiösen Volksblatt“ Pfarrer Wilhelm Kampbli, der tapfere Soh
eines tapfern und grossen Vaters: „Jeder Militärdienstverweigerer, der wirk-
lich aus keinem andern Beweggrund als aus christlichem, göttlichem Gewis-
sensgehorsam sich weigert, sich im Gebrauch der Mordwafien ausbilden
lassen, und der an die Ueberwindung der Gewalt durch die Gewaltlosigke
glaubt, ist ein treuerer Nachfolger Jesu als wir alle, die wir uns nicht zu
‚diesem Glauben zu erheben vermögen. Wir reden uns ein: Aus Vaterlands
liebe! Aber ists vielleicht nicht eher Mangel an Glauben an die Grösse der
- Liebesmacht Gottes?“ Der Professor der Theologie Heinrich Frick,
bisher in Giessen, nun nach Marburg berufen, hat in einem Vortrag erklärt
„Unter solchen Umständen hat die Kirche klar zu sagen, dass ihr Dienst der:
Menschheit ganz andere Wege weist, als den Massenmord des Zukunfts-
krieges. Für den Kriegsfall selbst hat sie die Pflicht, dafür zu sorgen, dass
alsdann die Gewissen nicht ganz zugrunde gerichtet werden, die um ihrer
innern Reinheit willen den Krieg ablehnen. Die Kirche in aller Welt muss
auf eine Gesetzgebung hinwirken, die solche gewissenmässige Kriegsableh
nung freilässt.“ „Für diese Aeusserungen wurde er von den nationalistischen
Frommen der „Kreuzzeitung“ beschimpft, was aber seine Berufung an die Uni-
versität Marburg nicht verhinderte. Vor allem sind wieder Zeugnisse trös
lich, die beweisen, wie stark die Friedensbewegung in den amerikani
schen Kirchen ist, die ja immer noch eine grosse Macht bilden. Eine Kon
ferenz über das "Thema: „Die Kirchen und der Weltiriede“, die vom 6. bis 8.
März dieses Jahres in Columbus (Ohio) stattfand, fasste folgende Beschlüsse?
1. Wir setzen uns dafür ein, dass die Kirche, der alles umfassende Leib
Christi, der uns über die Spaltungen der Rassen und Nationen hinaushebt,
den Krieg verdammen und darauf verzichten sollte, zu diesem Mittel einer
Lösung internationaler Streitigkeiten seine Zuflucht zu nehmen. Sie sollte
darauf bestehen, dass die verantwortlichen Staatsmänner die Politik und
die Staatsgeschäite im Einklang mit dem Geist, den Verpflichtungen und
der Absicht des Kellogg-Paktes führen müssten. |
2. Wir setzen uns dafür ein, dass die Kirchen Jesu Christi eine starke Macht
zur Abschaffung des Krieges bilden sollten. Der Krieg verleugnet die
Vaterschait Gottes, verachtet die Bruderschait der Menschen, spricht der
Heiligkeit des Menschenlebens Hohn, ist erbarmungslos gegen Frauen
und Kinder, fördert die Lüge, missachtet Gerechtigkeit, entiesselt die Lei-
denschaften und nährt den Hass. Der Krieg will alles, was Jesus nicht
wollte, und will nichts, was Er wollte,
3. Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass die Kirchen es als Sünde verdam-
men sollten, zum Kriegssystem seine Zuflucht zu nehmen, und dass die
ne Pe elalten als solche es in Zukunft zurückweisen sollten,
nu Ar oder als Werkzeug zu seiner Unterstützung be
4. Wir setzen uns ferner dafür ein, dass die Kirchen iede jeg i 3
brechen ansehen sollten, der etwas anderes ist, m die A
Polizeigewalt durch dafür eingesetzte internationale Organe. 4
8. Wir setzen uns dafür ein, dass die Kirchen nachdrücklich befürworten
9%) Eine schäriere Fassung wollte statt
Man lıatte aber doch ein wenig Angst davor
|
{
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|
|
|
„Kriegs-System“ „Krieg“ setzen.
256
i wir
er Ents
y
Das Schicksal der Kultur hängt nach unserem Dafürhalten
dieses Kampfes ab. Einige Gnadenjahre sind noch vor uns.
er Seite der Erfolg sich neigt, hängt in erster Linie von dem
sind der Meinung, dass die Christen gute Bürger sein sollten, die
{ tzen des Staates gehorchen und seinen Behörden sich unterordnen,
bis zudem Punkte, wo Gehorsam gegen Menschen Un-
rehorsam gegen Gott wäre. Die Kirchen sollten Men-
hen, welche in Ausübung ihres Gewissensrechtes,
ch weigern, am Krieg oder an militärischer Aus-
bildung teilzunehmen, in Schutz nehmen!)
Su Dazu wurde noch folgende „Empfehlung“ gefügt: „Loyale Auslegung des
Geistes und der Absicht des 'Kellogg-Paktes; Befürwortung der Mitglied-
' schaft der Vereinigten Staaten im Ständigen Internationalen Gerichtshof und
Annahme der obligatorischen Schiedsgerichtskiausel; Befürwortung der Mit-
gliedschaft der Vereinigten Staaten im Völkerbung; allgemeine und drastische
Verminderung der Rüstungen; Befürwortung des Aufhörens mit der Politik
_ bewaffneter Intervention einer Macht auf eigene Faust und Ersetzung dersel-
ben durch gemeinsam angewendete gewaltlose Methoden.“
Es wird auch berichtet, dass das Federal Council der amerikanischen Kir-
chen in einer Resolution energisch die Abrüstung der Flotte forderte.
E 3, Sozialismus und sozialer Kampf,
Während auf diese Weise der Kampf gegen den Völkerkrieg trotz allem
mächtig vorwärts geht und immer neuen Boden gewinnt, lässt sich nicht das
Gleiche vom Fortschritt des sozialen Friedens sagen. Hier sind es
vor allem die Berliner Ereignisse der ersten Maitage, die uns zu denken
geben. Wir tun gut, sie sehr ernst zu nehmen. Dass es plötzlich zu solchen
enschlächten kommen kann, in denen es Dutzende von Toten und Hun-
derte von schwer Verletzten gibt, ist ein Symptom der heutigen Lage.
SZ Wehe, wenn sich in dem Schoss der Städte
E Der Feuerzunder still gehäuft.
Dass die Polizei (übrigens mit äusserster Brutalität auch gegen ganz Un-
beteiligte) Sieger geblieben ist, beweist nichts gegen den Ernst solcher Dinge.
Dass sie möglich sind, ist das Erschreckende. Und ganz bedenklich ist,
dass es wieder ein Sozialdemokrat sein muss, der dieses Blutvergiessen leitet.
Damit wird immer wieder für die Kommunisten Propaganda gemacht. Sie
haben in der letzten Zeit an verschiedenen Orten bei den Wahlen Fortschritte
gemacht, bei uns in der Schweiz (in Basel und Zürich) doch wohl sicher
infolge der bundesrätlichen Förderung. Im übrigen kann man die kommuni-
stische Taktik, die kaltblütig mit Arbeiterleichen spekuliert (wie gewisse Mili-
1) Die Unterstreichung stammt von der Redaktion. — Interessant ist, dass
der kirchliche Pressebericht, der die andern Resolutionen wiedergibt, gerade
diese, die für unsere Verhältnisse wichtigsten von allen, verschweigt.
257
ntscheidungskampf zweier mächtiger Systeme
eine ist die Weltanschauung, dass Macht Recht
Machtgrössen ohne sittliche Verpflichtungen sind;
die Weltanschauung, dass Recht über Macht geht,
he Grössen mit unumgänglichen sittlichen Verpflic
2 den Kirchen vorschwebt, dem Mut und der Glaubenskraft der.
_ Studentenvereins hielt. Beide Vorträge sind ein Zeichen der Entwicklung,
Davon bald einmal der
das andern zum Vorwurf macht. Was soll überhaupt gegen den Fasch
mit einer solchen Demonstration ausgerichtet werden? Zu dessen Ueberv
dung bedarf es anderer Mittel als heftiger Worte. Er wird nur mit dem
munismus selbst (so wie dieser heute ist) überwunden, wie er mit ih
standen ist; er wird überwunden durch einen richtigen Sozialismus.
In der Schweiz war bedeutsam ein Vortrag, den Nationalrat Grab
Sekretär der sozialdemokratischen Partei der Schweiz, auf Veranlassung
Zürcherischen Vereinigung für den Völkerbund im Volkshaus in Zürich
hielt, und der in ein deutliches Bekenntnis zum Völkerbund auslief, ähnlich
wie das schon vor einiger Zeit bei einem Vortrag über das gleiche Thema
der Fall war, den Nationalrat Huber auf Veranlassung des sozialistischen
die seit 1920 im Schosse der Partei vor sich gegangen ist. Was man speziell
beim Vortrag Graber noch gewünscht hätte, wäre ein Bekenntnis gewesen,
dass man sich damals geirrt habe. Das ist vielleicht zu viel verlangt, es
wird aber ohne ein solche Bekenntnis schwer halten, für die sozialdemokra-
tische Kritik am Völkerbund jenes Recht zurückzuerobern, das man damals
in Leidenschaft und Kurzsichtigkeit verscherzt hat. $
In Zürich hat ein Schwurgericht einen Streikbrecher, der, von Strei-
kenden stark bedrängt, einen Unbeteiligten erschoss, freigesprochen dadurch,
dass die Mehrheit für ein Verdikt überhaupt nicht zustande kam. Es ist sehr
zu hoffen, dass dieses Urteil durch ein neues Schwurgericht korrigiert werde.
Denn der Betreffende, ein Kriegsteilnehmer, dem scheints die Hand rasch
zur Waife fährt, ist trotz vorhandener Milderungsgründe offenkundig schuldig
und strafbar und seine Straflosigkeit würde schlimme Folgen haben. Unsere
„Bürgerlichen“ sollten doch nachgerade so weit sein, dass sie nicht jeden
Streikbrecher für einen Helden und Märtyrer halten.
4. Schweizerisches.
Die Schweiz hat wieder Wahlen und Abstimmungen von einiger Bedeu-
tung gehabt.
Die Wahlen freilich bedeuten an sich nicht viel. Sie ändern an unsern
Zuständen nichts. Betrübend ist im Verhältnis zu dieser Bedeutungslosigkeit
die Wichtigkeit, die das Schweizervolk immer wieder solchen Wahlen zu-
schreibt. Denn diese Wichtigkeit ist rein „persönlicher“ Art im übelsten Sinne
des Wortes. Und das Allerbetrübendste ist, dass bei solchen Anlässen Leute,
die jedermann als Menschen ohne Charakter kennt, nicht nur wieder gewählt
werden, sondern öfters mehr Stimmen bekommen als die andern, einfach, weil
sie niemanden Anstoss geben, ausser den paar Leuten, die selbst Charakter
haben, während ein aufrechter Mann, soweit es solche bei uns in Behörden
noch gibt, am ehesten noch Gefahr läuft, weggewählt zu werden.
Tut sich schon darin eine Rückenmarksläihmung der Demokratie kund, so
vollends in gewissen Abstimmungen. Der Spielbank-Abstimmung ist
nun die Schnaps-Abstimmung gefolgt und diese hat das Bild von
jener vervollständigt. Es handelte sich also darum, den Gemeinden und Kan-
tonen das Recht zu geben, auf ihrem Gebiete die Herstellung und den Aus-
schank von Schnaps zu verbieten. Wohlverstanden nur das Rreichit: abo |
‘) Das Verbot der kommunistischen Militärorganisation „Rotfront“
(= „roter Frontkämpierbund“) wird, wenn nicht eine der entsprechenden |
Rechtsorganisation folgt, nur Petroleum ins Feuer bedeuten. ;
258 !
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dient. In beiden Fällen sind ihm seine obersten Behörden, vor allem
lesrat, der verlassungswidrig die Initiative volle acht Jahre ver-
hatte, auf dem Weg des Verderbens vorangegangen. Im zweiten Fall
h, damit nicht eine kommende Alkoholgesetzgebung gefährdet werde —
rn, ist wohl weder ihm noch andern klar geworden, klar ist bloss, dass
es unter solchen Umständen eine Alkoholgesetzgebung, die mehr als ein blosser
_ Schein wäre, nicht geben wird. Klar ist ferner, dass beim Bestehen des Frauen-
stimmrechts die Abstimmung anders ausgefallen wäre, und ebenso klar, dass
alle ‚die Mächte, die sich besonders um Bacchus und Venus scharen, sich mit
wildester Leidenschaft gegen diesen Einfluss der Frauen wehren werden.
_ Dass die sozialistische Arbeiterschait wie in der Spielbanksache zum guten
Teil versagte (wie die Abstimmung in gewissen Bezirken beweist), und die
katholische Schweiz sich für den Schnaps so wuchtig einsetzte wie für die
"Spielbanken, ist besonders betrübend.*) ’
S- Die Demagogie hat freilich wieder mit ihrem ganzen Lügenapparat ge-
Er
98
4
g
- spielt. Vor allem musste die Prohibition als Schreckgespenst dienen, als ob
diese das Schlimmste wäre, was der Schweiz passieren könnte, schlimmer
noch als der Sozialismus oder Antimilitarismus. Es ist nicht uninteressant
zu sehen, wie derart die Prohibition von Amerika her ihren Schatten auf die
Völker wirft. Man ist versucht zu sagen: „Möchte dieser Amerikanismus
_ rasch Wirklichkeit werden!“ Ich muss gestehen: Dieser Abstimmungskampf
hat mich nicht zur Abstinenz (ich bin seit dreieinhalb Jahrzehnten Abstinent),
_ wohl aber beinahe, vielleicht sogar ganz, zur Prohibition bekehrt. Wenn die
Freiheit des Schnapstrinkens die einzige geworden ist, für welche der Schwei-
zer sich noch leidenschaftlich ereifert, dann ist es Zeit, sie ihm zu nehmen —
falls wir es können!
_ Unsere schweizerische Demokratie ist moralisch bankrott. Denn sie ist
nicht mehr imstande, irgend eine Tat wahrer Freiheit, wahren Fortschrittes zu
tun, irgend etwas zu leisten, wofür sittliche Kräfte nötig sind. Sie. dient
den Götzen, nicht Gott; dann aber ist Demokratie eine Farce. Selbstverständ-
lich hülfe uns aber auch kein antidemokratisches System. Denn es könnte uns
nicht geben, was uns fehlt: die sittliche Kraft, die Gottesfurcht und das Gott-
- vertrauen. Uns hilft nur die Arbeit an einer Umkehr von innen her, nur eine
Bekehrung. Sie allein hilft auch gegen unsere Alkoholversumpiung. Auf dem
direkten politischen Wege ist nichts mehr zu erreichen. Was uns noch an
- Ernst und Gesundheit geblieben ist, muss, in klarer Erkenntnis der Sachlage,
- dran gehen, vom Geiste her unser Volksleben im besten Sinne des Wortes
_ aufzuwühlen und die Quellen seiner Kraft zu erneuern. Dann kann es
‘eines Tages wieder etwas tun, kann auch die Demokratie wieder eine erireu-
liche Wirklichkeit werden. Vorläufig sind wir ein gesunkenes, ein von Wirten
und Politikastern beherrschtes, allen Götzen versklavtes Volk, eines der, trotz
aller „Volksrechte“, unfreiesten Völker. Bei diesem Wissen muss unser Auf-
stieg anfangen.
1) Mit der Bemerkung, dass auch die sozialistische Arbeiterschaft teil-
weise versagt habe, soll nicht die Tatsache verdunkelt werden, dass die sozial-
demokratische doch die einzige grössere Partei war, welche die Annahme der
Initiative beschlossen hatte, und dass aus ihren Reihen das Gros de: Jasager
hervorging.
259
h r RT ER U va. VE
- Der Mann, der zuerst bei uns für das Gemeindebestimmungsrec
getreten ist, und zwar ein umiassendes, Professor Ka rl Hilty, einer
besten Männer, die unserem Volke gegeben wurden, hat in seinem politise
Testament, das an seinem Todestage erschien, erklärt: „Die schweizerische
Eidgenossenschaft als Ganzes muss ‘ein heroisches Staatswesen
sein und bleiben, wie sie es in ihren besten Zeiten gewesen ist.“ Er hat recht.
Dann allein wird sie leben. Gegenwärtig ist sie das Gegenteil.')
5. Kulturelles.
Im Autowesen aber wird der Schweizer schon an die Spitze kommen.
Das: ist neben Schnaps und Spielbanken ein Fortschritt, der ihm passt. Und
welcher Fortschritt könnte rascher sein? Die Art dieses Fortschrittes wird
durch die täglichen Todesopfer, die er fordert, illustriert. Diesmal einige ame-
rikanische Zahlen, die mutatis mutandis auch für uns gelten: ein ae >
Weekend (die Zeit vom Samstag bis Montag) hat in 22 von den 48 amerika-
nischen Bundesstaaten 78 Todesopfer des Autos gefordert (neben der ent-
sprechenden Zahl von Verletzten), die ersten drei Monate des Jahres 4500,
das bedeutet: durchschnittlich 55 Todesopfer täglich im Januar, 40 im Fe-
bruar, 50 im März. Neuerdings sind die Todesopfer an einem Tag auf 80
gestiegen. Und so wird es weiter gehen. Der amerikanische Handelssekretär
Lammont erklärt, dass jährlich 95,000 Unfälle mit tödlichem Ausgang nur auf
das Konto sinnloser Eile kommen. Die 10 Millionen, die ausserdem bei
Unfällen verletzt werden, verdanken dies grösstenteils dem gleichen Dämon.
Das Schicksal des „Zeppelin“ Dr. Eckeners zeigt wieder die tech-
nische Besessenheit der Welt, wie die Grenzen der Technik, aber auch eine
unerwartete Kundgebung der Völkerversöhnung, die man freilich auch nicht
überschätzen darf.
Im Auto-Amerika ist auch der mechanische Mensch fertig, d.h, ein
aus Eisen konstruierter Mensch — man hat ihn Eric Robot getauft — der °
ganz wie ein Mensch aussieht, die Glieder bewegt, Geschäfte verrichtet, Auf- °
träge ausführt — ein Sinnbild dessen, was kommt. Aus dem gleichen Amerika
wird berichtet, dass ein Scharfrichter, nachdem er ungefähr vierhun-
dertvierzig Gefangene hingerichtet, sich selbst das Leben genommen habe.
Möchte auch das ein Sinnbild sein, ein besseres!
Und das gleiche gilt von einem Bericht aus Südafrika: Zum ersten Mal
wurde dort ein Weisser, der einen Schwarzen zu Tode gepeitscht hatte, von
einem weissen Richter selbst zur Auspeitschung verurteilt, damit er und sei-
nesgleichen anfingen zu empfinden, was das bedeute. Dieser Richter verdient
hundertmal mehr Ehre als irgend ein neuer Rekord-Flieger oder auch irgend
ein neuer technischer Erfinder. Leider weiss ich selbst seinen Namen nicht.
Er ist jedenfalls „im Himmel angeschrieben“. — Fügen wir noch dankbar hinzu,
dass der Strafrechts-Ausschuss des deutschen Reichstages die Todesstrafe
mit 14 gegen 14 Stimmen abgelehnt hat.
Veni, creator spiritus!
Woche vor Pfingsten. TeRE
un Ei EL
. ‚Personalia. Vom Tode des Marschalls Foch ist anderwärts geredet. Es
sind ungefähr zu gleicher Zeit auch zwei grosse Friedenskämpfer heimgegan-
gen, beide in einem Alter, das noch vieles von ihnen erwarten liess: Ken-
nedy Studdert, anglikanischer Pfarrer, während des Krieges ein be-
rühmter und beliebter „Feldprediger“, Willy Woodbine (Willy Geisblatt) ge-.
nannt, weil er den Soldaten bis in die Schützengräben Zigaretten („Geis-
‘) Welch eine Beschämung, dass nun das Mexiko, auf das der Durch-
schnittsschweizer als auf ein halbwildes Volk tief hinunterschaut, mit einem
Verbot des Branntweins vorangehen will. Die Ersten werden Letzte sein
und die Letzten Erste!
260
Kirche in Amerika,
mus, infolge seine
von solche:
enn er in der Schweiz jene erstgenannten Dinge bekämpfte und vom -
von Lausanne, für dessen Mehrheit wohl Sozialisten und Antimili-
Söhne des Teufels sind, mit dem Angebot von Grab und Grabmal an
: ngehörigen geehrt. In Berlin ist, auch noch in jüngeren Jahren ste- “
hend, der bekannte katholische Priester Dr. Karl Sonnenscheingestor-
ben, der sein Amt im Geist und Stil neuer Zeiten zu führen versuchte und
- auch den sozialen Problemen offen stand. Be
Ein Mensch von ganz anderer Art war der plötzlich, im Alter von 52
Jahren, verstorbene Dr. Max Tobler in Zürich. Doch wird man ihm be-
zeugen müssen, dass er auf seine Art ein „Idealist“ war wie sie, freilich nur
im praktischen Sinne, denn der Naturalismus und Nihilismus seiner
Weltanschauung (soweit wir diese kannten) wurde im übrigen sein
_ Verhängnis. Stets dem „linken“ Flügel des Sozialismus angehörig, ist er (mit
seinem Freund Brupbacher) vom Anarchismus zum Kommunismus über-
gegangen, sicher ohne ihm in allem zuzustimmen. Ein feinerer, innerlich vor-
nehmer Mensch ist er, so viel ich urteilen kann, geblieben.
Neben diesen Menschen sei noch ein weniger bekannter genannt, der aber
zu ihnen passt. Nach langjährigem, sehr hartem Leiden, ist Pfarrer Wilhelm
Geyer von uns gegangen. Er war einer von denen, die am festesten und
treuesten auf dem Boden jener Hofinung verharrten, die uns besonders durch
Blumhardt vermittelt worden ist, ein. schlichter Mann, aber voll Kraft des
| — Charakters und Tiefe des Glaubens. In ihm verliert auch die „religiös-soziale“
!
=)
Sache und die der „Neuen Wege“ einen Freund und Träger, der zwar nie im
Vordergrund stand, aber im Hintergrund stehend desto treuer zu ihr hielt
| und sie mit fürbittenden Gedanken auf dem Herzen trug. Wir werden seiner
RR stets mit tiefer Dankbarkeit und Verehrung gedenken. Und ich scheue mich
nicht, hier auch Fräulein Martha Muggli zu nennen, die, vor wenigen
Jahren in unsern Kreis eingetreten, durch hoifnungsloses Siechtum bald wieder
von uns getrennt und in das Krankenhaus gebannt worden ist, uns aber als
Mitstreiterin innerlich ganz nahe und aufs tieiste verbunden blieb. Mit einem
schlechthin wunderbaren Heldentum des Glaubens und der Liebe hat sie dieses
Los getragen, das durch vieles Andere noch erschwert wurde. Welch eine
- Mitarbeiterin für alles Edle und Tapfere hätten wir an dieser Seele gehabt!
- Nun ist sie, noch nicht dreissigjährig, von uns genommen, aber wir wissen,
dass sie doch mit uns ist!
Erwähnen wir noch den Hingang der Frau Severine (Caroline
Guebhardt), einer Frau, die als Journalistin und anderswie für alles Gute
und Kühne zuverlässig bei der Vorhut stand, und des Amerikaners Frede-
rik M. Harris, der als Sekretär der Weltvereinigung junger Männer ar-
beitete und in Genf jung gestorben ist. Er muss nach der „World To Morrow“
ein auserwähltes Werkzeug Gottes gewesen sein, besonders in Form persön-
lichsten Dienstes an den Menschen.
Aarau. Aufbau und Neue Wege. Nächste Zusammenkunit: Sonn-
tag den 26. Mai, nachm. 2 Uhr in der „Helvetia“. Thema: Arbeiter.und
261
ersuchen unsere Gesinnungsfreunde, diese Versammlung zahlreich zu b
suchen. Thema und Releren! sind Gewähr für eine fruchtbare Behandli
des ausserordentlich wichtigen Problems. Der Ausschuss der Gruppe.
DIT TUT
e
PLTLLLLTETITTLTITLTETRTTTTTTLTETETETTTTLTLTETTTELTLTLELTLTTTTLLLTTLLLL LEE ILTITTTITIEITZETTZTITZEZTILITITITZEZLIZLTILLEZEZEILELLEEEEL ELLE
£ Aus der Arbeit
PIETITITTITITITTITTIRITEITETTTTTTITTTTITRLTTTTTTTTTITTTTTRELTTTTTTTTTTTTLLLTLTTLLLLLRLLLLLLLILLLLLLLLTELLELE TEL LLL ELLE TI OIETEETETTTTTTT
1. Mütterwoche im Bendeli.
Auch dies Jahr wieder veranstaltet die Arbeitsgemeinschaft „Arbeit und
Bildung“, Zürich, im Bendeli oberhalb Ebnat-Kappel im Toggenburg eine
Ferienwoche für Mütter. Sie soll, wie in den vergangenen Jahren, Müttern
aus verschiedenen Volkskreisen Erholung und Ausspannung von ihren täg-
lichen Pflichten und zugleich in gemeinsamen Besprechungsstunden Gelegen-
heit zur Aussprache über einige der besondern Probleme im Leben der Haus-
frau und Mutter bieten,
Die Ferienwoche findet vom 2.8. Juni statt. Die Kosten belaufen sich
auf 25.— Fr. für die Woche. Fräulein Kopp, die Leiterin der Frauenschule
und des Kinderheims Sonnegg in Ebnat-Kappel, hat sich wieder freundlich
bereit erklärt, die Kinder der Ferienmütter aufzunehmen. Das Kostgeld für
die Kinder beträgt Fr. 13.—. Es besteht ein Mütterwochenfonds, aus dem
Beiträge an die Kosten geleistet werden können. Anmeldungen sind so rasch
als möglich zu richten an: Frau L. Wettler, Wonnebergstrasse 69, Zü-
rich 8, oder an Frau C. Ragaz, Gartenhoistr. 7, Zürich 4.
.
2. Casoja, Valbella ob Chur.
Sommerprogramm 1929.
Neben den Mädchen, die den fünfmonatlichen Kurs auf hauswirtschaftlicher
Grundlage besuchen, werden auch dieses Jahr Feriengäste auigenommen. Von °
Mitte Juli bis Mitte August werden Referenten je für 8 Tage nach Casoja °
kommen. Das Programm für den Sommer lautet wie folgt:
1.—14. Juli, G. Ruegg: „Gegenwartsfragen“,
14.—21. Juli, Frau Prof. Ragaz: „Die Beziehungen von Mann und Frau im
persönlichen und im öffentlichen Leben“.
21.—28. Juli, Herr Prof. Ragaz: „Die Bibel“.
28. Juli bis 4. August, Herr Zeltner: „Aus der Sternenwelt“,
4.—11. August, Frau Meli: „Aus dem russischen Leben“.
11.—18. August, Herr Früh: „Friedensirage“.
Die Ferienmädchen nehmen an der Vormittagsstunde teil, auf Wunsch °
_ können sie auch den Arbeitsgruppen der Kursmädchen beiwohnen und mit-
arbeiten. Den übrigen Teil des Tages sind sie frei und können wandern, ru-
dern usw. Es werden ein- und zweitägige Touren gemacht. Die Abende dienen
der Geselligkeit.
Der Pensionspreis für die Ferienmädchen beträgt Fr. 5.— bis Fr. 6.— im
Sommer, er kann auch ermässigt werden.
Vom 15.—30. September steht Casoja speziell den Fabrikarbeiterim
nen ofen. Dank einer Schenkung ist es uns möglich, eine Anzahl Arbeiterin-
nen unentgeltlich aufzunehmen.
Arbeitgeber, Arbeiterinnen, Fürsorger, die Arbeiterinnen kennen, die
gerne zu uns kommen möchten, werden gebeten, dieselben anzumelden.
a Auskunft und Anmeldung: Gertrud Ruegg, Casoja, Valbella ob
ur.
262
chtmehrtrinkenmögen ersteht, da wirkliche Inhalte
enshunger nun stillen, anders als früher, da Scheininhalte zum Trin-.
positive Abstinenzarbeit zu nennen. Es ist anzubahnen gewiss auch
ı Wege der Beeinflussung durch die Presse, den modernen „Pre-
Ihr soll die Möglichkeit geboten werden, ihren Lesern Augen und
zu Öffnen für die seelischen, leiblichen und wirtschaftlichen Schädi-
en durch den Alkohol, Wege aufzuzeigen, seine Macht zu ersetzen und
‚ hinzuweisen auf Anstrengungen da und dort, die jetzt und weiterhin gemacht.
- werden, um unserm Volke das kleine, aber deshalb nicht wertlose, sondern
_ recht wichtige Schlüsselchen der Nüchternheit in die Hand zu geben, mit wel-
chem aufgeschlossen werden die Truhen voll ungeahnten Reichtums, welcher
E seiner wartet, an Kräften und Dingen, die Seele, Leib und Dasein der Men-
schen lebendig machen, stärken und mit Gerechtem, Wahrem und Gutem sät-
| tigen. Wer macht da mit? Wer’s versuchen will, melde sich an beim Unterzeich-
= neten. Der Angemeldete liefert nach seinem Belieben und nach Uebereinkunft
_ je aus seinem Erfahrungs-, Berufs- oder Liebhabergebiet grössere und kleinere
Aufsätze, Bilder, kurze Nachrichten über die Alkoholirage in wirtschaftlicher,
- rechtlicher und gesellschaftlicher Hinsicht. Er weist hin auf Möglichkeiten,
= die Alkoholsitte und -geselligkeit durch betäubungsfreie zu ersetzen, reine
'— Freuden und gesunde Verhältnisse zu schaffen, vorliegende zu stärken, auszu-
m
' bauen oder zu benützen. Willi Kobe, Lohn (Schaffh.)
| ; E RE NE RN Ne neeeinhnmninrmenmnTn Ten LITTEREBERRERERTERRAREDURRE
=: OD: Von Büchern 0
[ULEELSTLTTTTOTEELTRILITELETEOTETETTLEETLLTTRTTEETLELLELBELTTEERTLTTLERTELELTRTLETTTTRLTDELTTETTTTTRUTTTETRTELTTTORTETTTERTESTRELTETTTITTETETTTTETETTETTTTETETETTEITTETETETTETETETITTTTETETE
Zwei Schriften über den Sinn der Wissenschaft.
Wir tauchen aus dem Zeitalter auf, in welchem die „Wissenschaft“, und
zwar speziell die Naturwissenschaft, zu einer Art Religion geworden war.
Heute freilich ist man wohl, wie es so zu gehen pflegt, da und dort geneigt, auf
jene Herrschaft des Szientismus mit einer Geringschätzung aller Wissenschaft
zu antworten, wobei doch auf bestimmte Linien — man denke nur an: die
- Rationalisierung des Lebens — diese Vormacht der „wissenschaftlichen“ Welt-
auffassung noch weiter geht. Diese Lage macht eine Aufklärung über das,
was Wissenschaft ist und nicht ist, was Wissenschaft kann und nicht kann, zu
einer der dringlichsten Aufgaben. Es ist speziell die Philosophie, die hier im-
mer noch eine grosse Arbeit zu tun hat. Diese Arbeit, möchte man meinen,
liege in erster Linie den Leuten vom Fach ob und es soll nicht geleugnet wer-
den, dass es eine ihrer Pflichten ist. Aber wenn ein Nichtiachmann sich daran
macht, dann ist das ein Zeichen, dass die Besinnung auf die geistigen Grund-
lagen des Lebens im Zunehmen begriffen ist. Als ein solches erireuliches Zei-
chen der Zeit darf man die zwei Schriften von Alexander v. Muralt be-
- grüssen, deren Titel lautet: „Zur gegenwärtigen Krisis der Wissenschaft. Ge-
— danken eines Arztes“ und „Ueber Aufgabe und Grenze der Wissenschaft“.1)
.
$ m
=
ig 1) Beide im Verlag Orell Füssli erschienen. Die zweite Schrift war ur-
sprünglich ein bei „Arbeit und Bildung“ gehaltener Vortrag.
263
ten? Dieses Wollen zum Nichtmehrtrinkenmögen zu stärken, ist
> N
Dass es ein Arzt ist, der sie geschrieben hat, darf uns an ihnen vielleicht noı
besonders freuen. Denn gerade die Medizin ist lange genug unter einer
schen Herrschait der Wissenschaft gestanden; man könnte auch sagen, sie
unter der Herrschaft einer falschen Wissenschaft gestanden, einer Wissenschaft,
die eigentlich Weltanschauung, ja „Religion“ war, und zwar eine naturalisti-
sche, mechanistische, materialistische Form von Weltanschauung oder „Reli-
gion“. Man denke nur etwa an die Rolle, die bei uns lange genug das Burg-
hölzli gespielt hat, für das jeder, der sich auf Gott oder sein Gewissen be-
rief, fast ohne weiteres ein „Schizophrene“ war. Es ist, nebenbei gesagt, ein
besonderes Verdienst v. Muralts, dass er dieser Burghölzli-Philosophie ener-
gisch den Prozess macht. ar { . R
Im übrigen ist zu sagen, dass die beiden Schriiten von einer sehr soliden
philosophischen Orientiertheit und ernsthaitem eigenen Denken über diese
Dinge zeugen. Dass Bergson des Veriassers Meister ist, daneben aber beson- 7
ders auch Kant berücksichtigt wird, betrachte ich als Vorzug. Wenn man — 7
selbstverständlich — da und dort ein Fragezeichen macht (auch beim Schrei-
benden ist das in einigen Einzelheiten der Fall), so darf uns nicht hindern, für 7
diese zwei Schriften von Herzen dankbar zu sein. Sie tragen Licht über diese
Dinge in Kreise hinein, die sonst dafür nicht leicht erreichbar wären, und
regen gewiss Viele zum Nachdenken darüber an. Da die Darstellung bei aller
sachlichen Gediegenheit doch sehr klar und leicht lesbar ist, wird jener Zweck
um so eher erreicht werden. Und das ist, noch einmal sei’s gesagt, dringend zu
wünschen. L.R.
Redaktionelle Bemerkungen,
Der Aufsatz über „Katholizismus und Sozialismus“ ist sehr
viel länger geworden, als geplant war. Es gibt vielleicht Lehrer, die daran
Anstoss nehmen. Ich bitte um Entschuldigung! Die Sache hat sich gegen
meiner Willen so gemacht und kann hinterher nicht gut geändert werden. Es
handelt sich aber auch wirklich um eine Sache von allergrösster Bedeutung,
die wohl ein ganzes Sonderheft verdient hätte. Da ein solches nicht zu machen
war, so wird der Stoff nun auf mehrere Heite verteilt. Immerhin wird er mit
dem nächsten abgeschlossen werden. Diese ganze ausführliche Darstellung
hat aber auch einen Wert, der über das besondere Thema hinausgreift. Er be-
deutet ein Repetitorium des ganzen religiös-sozialen Problems und eignet sich
trefilich dazu, in diesem Sinne von kleineren Kreisen durchgearbeitet zu wer-
den. Ich hofie also auf Verzeihung, umsomehr, als eine grosse Arbeit in dieser
Auswahl steckt
Dass wir nun mit den Aufsätzen von Alfred Bietenholz und Dr. Guerin
auch wieder einen grösseren Beitrag zum sexuellen Problem bringen
dürfen, freut mich besonders. Denn schon lange drückt es mich, dass wir
diesen furchtbaren Gegenstand in den Neuen Wegen nicht mehr Arbeit wid-
men konnten. Man wird den Sinn des Beitrages von Dr. Gu@rin gewiss
verstehen, vielleicht gerade auch im Zusammenhang mit der Alkoholirage. In
Bezug auf den Beitrag von Freund Bietenholz wird es die Leser interes-
sieren, dass er in seinen Gefängnistagen geschrieben worden ist. Zu etwas
sind also auch Militärgerichte gut!
Der Beitrag „Falsche Selbständigkeit“ ist schon lange ge
setzt, hat aber immer wieder zurückgestellt werden müssen.
Tolstois Rede sollte schon im letzten Heft erscheinen, musste aber
zurückgestellt werden.
et
Berichtigung.
In dem Aufsatz von Ragaz über Landauer ist auf Seite 173 die Be-
merkung über Spitteler, als von Landauer stammend, in Anführungszeichen
al und Seite 182, Zeile 25 von oben, muss es heissen „lesen“ statt '
„leben“.
264
Lärm und Stille.
Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin.
; Psalm 46, 11.
_ Wir sind nun vollends in ein Zeitalter des Lärmes eingetreten.
"Wenn einst die Stille die Menschen umflutete, umfasste wie ein un-
endliches Meer und jeder Lärm nur eine mehr oder weniger lange
Unterbrechung der Stille war, so ist heute umgekehrt die Stille nur
eine gelegentliche und kurze Unterbrechung des Lärms. So
wenigstens für diejenigen Menschen, die der heutigen Zivilisation
der Stadt, des Verkehrs und der Maschine ausgesetzt sind. Es ras-
selt das Tram, es brüllt das Auto, es knattert das Motorvelo, es
gibt keine einsame Stille des Feldes, des Waldes, der Berge, wohin
_ dieses Toben einer den Dämonen verfallenen Welt nicht dränge; es
- ist unentrinnbar. Auch von der „Weihe der Nacht“ könnte heute
kein Gottfried Keller mehr sagen, und die Stille des Himmels über
uns, die früher für jedes irdische Geräusch unerreichbar, ein ewiges
Reservoir desSchweigenswar, ist durch den Flieger vertrieben. Die-
ser Lärm der Zeit ist aber nicht bloss äusserlich, er ist auch in das
Geistige eingedrungen. Er ist — was einen Uebergang bildet —
in einigen Formen zum Teil schon als physischer unhörbar und
- dann erst recht schlimm. Wir wissen, dass das Radio und der
_ Telegraph ohne Draht die Unruhe und Qual der ganzen Welt in
Schallwellen über uns, neben uns durch den Aether senden und
hören es mit dem geistigen Ohre wohl. Dann aber nimmt der
Lärm mehr psychische Form an. Er steigt aus den’ Zeitungen auf,
das Lärmmachen wird immer mehr ihre eigentliche Kunst. Lärm
ist das Element, in dem das Kino lebt. Welche Stille atmet ein
rechtes Buch, ein rechtes Bild! Aber wer hält in unseren Tagen
“noch über einem Buche aus? Wer kann sich stundenlang in ein Bild
vertiefen? Zum Lärm gehört ja, innerlich wie äusserlich, die Hast,
die Hetze, der Trubel, der Mangel. an Zeit. Die Bücher, die heute
noch gelesen, die Bilder, die heute noch angeschaut werden wol-
len, müssen selbst Lärm machen. Es muss heute Reklame gemacht
werden, für einen neuen Gedanken nicht weniger als für einen
neuen Handelsartikel; Reklame aber ist schon nach dem Wortsinn
Schreien, Anschreien. So sind wir denn auf Schritt und Tritt an-
geschrieen. Nicht angeredet werden wir, wir werden ange-
schrieen; nicht reden können wir, geschweige denn lauschen, wir
müssen selber auch schreien, wenn wir gehört werden wollen.
Dass eine solche Kultur des Lärmes das Ende der Kultur bedeu-
tet, das ist wohl allen denen klar, die nicht, als umgekehrte Roman-
tiker, gerade in diesem Lärmen und Schreien tieisinnig eine neue
BEr,
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265
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wunderbare Kultur anbrechen sehen. Das Lärmen u
wir wohl Erfolg, Geld, Ruhm schaften, aber wir können weder zu
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Een rd, Luce a Mir)
jaein typisches Merkmal des barbarischen, geistlosen M
muss lärmen und schreien, um sich als etwas zu fühlen
zu zeigen, dass er da ist. Wo aber der Geist auftrit
er sofort Stille. Tiefes Nachdenken bedarf der Stille
merksamkeit, tiefe Ergriffenheit wird sofort zu tiefer St
es von der Ausgiessung des Heiligen Geistes am ersten
heisst, dass dieser gekommen sei wie das Brausen eines st
Windes vom Himmel her, so war das jedenfalls kein irdisches B
sen, sondern eher das Gegenteil davon, ein Aufhören alles i
Lärms vor der Stille Gottes, wie auch die Trunkenheit des Ge
ein Aufhören des Rausches der Welt war. Unsere Welt
lärmend und schreiend geworden, weil sie so geistverlassen
Und umgekehrt: so lange wir aus diesem Lärmen und Sch:
nicht herauskommen, werden wir auch immer weiter vom
im tieferen Sinne abkommen. Nur aus der Stille steigt der (
herauf. Nur die Stille bringt die Vertiefung, die Sammlung,
Schauen. Nur in ihr erkennen wir das tiefe Wesen der D
nur von ihr empfangen wir die Inspiration,.nur aus ihr wird die
wahrhaftige Tat geboren. In der Betäubung des Lärms können
.
B \
uns selbst kommen, noch die Wahrheit schauen, noch den Punk
treffen, an dem allein ein schöpferisches Tun einzusetzen vermag.
Alles Leben wird in heiliger Stille bereitet: aus ihr kommt «
Quelle, aus ihr "das Kind, aus ihr die Pflanze. Darum ist
auch die Nacht, die heilige, die Mutter aller Dinge. Unsere Well
aber wird in ihrem Lärm immer unfruchtbarer werden. Es wir
zuletzt sogar ihre Technik zerfallen. Sie wird zuletzt — nicht ein:
mal mehr lärmen und schreien können! Wenn wieder Geist, Leben’
Fruchtbarkeit unter uns werden soll, so müssen wir, innerlich wiä
äusserlich, aus dem Lärm in die Stille. „Der Tau fällt auf das
Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist. Die stillster:
Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mi.
Taubenfüssen kommen, lenken die Welt. — Um die Erfinder von
neuen Werken dreht sich die Welt — unsichtbar dreht sie sich.“
Vor allem aber ist klar. das Verhältnis von Gott und Still
Zwischen Gott und Lärm besteht der Gegensatz des Unendlicher
zum Endlichen. Der Lärm ist der Schrei der Endlichkeit, die Stil
die Stimme der Unendlichkeit. Es ist eine Grundempfindung alleı
Religion, dass das Heilige Stille gebietet. Es ist auch das Grunde
gefühl des natürlichen Menschen überhaupt: wo ihm etwas He:
liges entgegentritt, da wird er stille — es sei denn, dass er gott!
los geworden wäre. Darum ist wohl das Lärmen und Schreiei
der heutigen Welt ein Zeichen ihrer Gottesferne. Sie betäub:
sich darin. Sie will durch Lärmen und Schreien sozusagen die vei
266 4
nen ee immel ersetzen will.
dieses Lärmens und Schreiens tritt in einzelnen
ers hervor. Nur eine Gottlosigkeit, die zur Ruch-
’orden ist, kann die Heiligkeit der Nacht und die der
solche Weise schänden, wie es heute durch die Men-
se geschieht, die die besondere Trägerin dieses Wesens
r ein feinerer Sinn empfindet das Reklamewesen, das ein
der heutigen Wirtschaftsordnung bildet, wie das Schreien
Zeitung, des Kinos, der falschen Kunst und Literatur, nicht
iger als Zeichen der Gottesferne. Und wenn heute’ die 'Fähig-
‚in der Stille zu schaffen, mit langer Geduld, ohne den Stachel
chen Erfolges, so sehr fehlt, ist das nicht die Folge ı davon, dass
Ewigkeit fehlt, dass es am Glauben an den fehlt, der nur dem
hren und Echten ein wahres und echtes Gedeihen gibt? Nur wer
vor Gott stille wird, ist innerlich gezwungen, dem ganz Echten
u dienen, ganz echte Arbeit zu tun, ganz Echtes zu schaffen. Wer
Gott eh rt, wird stille.
‘Wir finden Gott nur in der Stille. „seid stille und erkennet,
% ich Gott bin.“ Dieser Ton geht durch die ganze Bibel. In
der Stille suchen die Männer Gottes sein Wort. Gott kann und will
den Menschen wohl anrufen, aber nicht anschreien; das ist nicht
se eine Art! In der Stille allein können wir unseren Abstand von
ihm ‚ unsern Abfall von ihm recht erkennen. Solange wir im Lärm
B stehen, können wir uns immer wieder betäuben lassen, können uns
über unsere Gottesferne wegtäuschen, wie denn auch jene Selbst-
betäubungen der heutigen Welt, zu denen der Lärm gehört, im letz-
te n Grunde eine Flucht vor Gott sind. Nur in der Stille, in der
Einsamkeit der Stille und in der Stille der Einsamkeit, kann
ein Mensch erfahren, was Schuld heisst. Da fallen alle
Entschuldigungen zu Boden, da verstummen alle Ausreden, da
schämen sich alle Sophismen. Da wird das Ohr der Seele offen
für die furchtbare Stimme des heiligen und lebendigen Gottes. Da
ertönt die Stimme des Gerichtes, jenes Gerichtes, das über die Zeit
die Ewigkeit weist. Da kommt es vernichtend über die Seele,
dass sie ihre ganze Abgefallenheit, Verlorenheit, Gottesierne er-
‚kennt; da kommt sie aber gerade damit zu Gott, sie erkennt, dass er
ist, dass sein heiliges Gesetz allein gilt, vernimmt aber auch, wenn
sie das Wort des Gerichtes verstanden hat, das Wort der Gnade.
Nur in der Stille kann das geschehen. Nur in der Stille auch kann
der Mensch erkennen, worauf es für ihn ankommt, kann er. das
"Wesentliche seines Lebens schauen. Nur aus der Stille kann er das
tun, was nicht mehr blosses Arbeiten, sondern wahrhaft Tat ist. Nur
267
in der Stille auch kann er Gottes Hilfe und Trost erfahren.
es um dich und in dir stürmt, wenn alles bricht, wenn von all
Seiten das Dunkel hereinzufluten scheint, dann kommt still und
doch gewaltig dasWort zu dir: „Sei stille und erkenne, dass ich Got
bin.“ Dann jammere nicht, dann suche nicht Trost bei Men,
schen, sondern ziehe dich in jene Stille zurück, die jenseits und
oberhalb alles Sturmes um dich und in dir ist; schaffe dir diese
Stille durch ein wenig Besinnung, durch ein wenig Schweige:
durch ein wenig Ruhe — und du hörst die Stimme, die dir sagt,
dass es dennoch Hilfe gibt, dass, so unglaublich es scheint, den |
noch alles recht ist und recht wird, dass dennoch Gott ist. Und er
‘ tröstet dich, wie einen seine Mutter: tröstet. |
Diese Stille vor Gott und in Gott darf allerdings nicht bloss ei
Asyl sein, wohin sich die Seele in besonderen Augenblicken flüch
tet, um nachher sich wieder dem Lärm auszuliefern, sie muss viel
mehr so in das Innerste des Menschen einziehen, dass sie
gleichsam seinen festen Mittelpunkt bildet, die Axe seines Tuns
das Fundament der Seele. Wir müssen hier ja noch auf etwas ganz
Wichtiges den Finger legen. Jener Lärm, von dem wir geredet,
kann auch in das Allerinnerste des Menschen eindringen und tuf
es nur zu gern. Es lärmt und schreit auch in uns selbst. Wie sel
ten sind die Augenblicke, wo es drinn so ruhig ist, dass Gott ge
hört werden kann! Es poltern die Kobolde der Launen; es singen
die Stimmungen und Verstimmungen ihr Lied; es schreien die Lei-
denschaften; es klagt die Sorge und wimmert die Angst. Wenn man
das unheilvolle Wesen vieler Menschen beobachtet und ihm bis
zu seiner Quelle nachgeht, so stösst man immer wieder auf die
Tatsache, dass es in deren Seele keinen ruhigen Mittelpunkt, keinen
Ort der Stille gibt, dass sie mit einer ewigen Ruhelosigkeit sich in
einer Sphäre bewegen, die von ihrem Zentrum abliegt, dass sie die=
ses Zentrum nie erreichen, ja, dass sie ihm, sich selbst unbewusst,
ausweichen, als ob sie eine tötliche Angst davor empfänden, sich
selbst oder gar Gott zu begegnen. Seltsames Rätsel der Menschen-
seele! So gehen Zahllose in diesem Wirbel zugrunde, kommen nie
zu sich selbst und zu Gott, enden in der Tragödie. Darum aber
ist das so entscheidend wichtig, dass ein Mensch diesen ruhigen
Mittelpunkt gewinne, der wohl von Stürmen umtobt, von Wogen
überspült werden kann, der aber steht, diesen Ort, wo das Selbst
Gott begegnet und den Bund mit ihm schliesst. Dort kommt
er ganz zu sich selbst. Dort versteht er das, was Gott ihm zu
sagen hat und vor allem braucht. Dort hört er nicht bloss die
Stimmen seines natürlichen Wesens und seien es die edelsten, sei
es seine Liebe, seine Begeisterung, sein Mut, sondern die Stimme
des wirklichen Gottes, des heiligen Herrn unseres'Lebens, der
uns erlöst. Das heisst Gott suchen; so müssen wir Gott
268
ran ah ” ui = Er N” x 3 y Me, Bay = J
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suchen und so sucht Gott uns. Bis zu diesem Punkte musst du
gelangen, wenn du gerettet werden willst. An diesem Punkte wird
‚dir auch Christus begegnen.
„Das ist der Sinn des Lärms und der Stille. Darum müssen wir
- um die Stille kämpfen. Das ist eine der grossen Aufgaben der
. Zeit, die allerdings nur von Wenigen recht erkannt wird. Diese Auf-
gabe ist zunächst rein äusserlich. Wer es mit Seele und Leib der
Menschen wahrhaft gut meint, der trete in den Kampf gegen den
Lärm der Strasse, den Lärm im Hause, in den Kampf gegen die Ver-.
störung der Nacht und der Natur. Stille, Einsamkeit in die heutige
Welt hineintragen, hineinwirken, hineinleiden, das ist ein Kampf
um Gott, die Seele, den Bruder. Man hat Ligen gegen den Lärm ge-
gründet, die freilich wenig ausgerichtet haben. Eine solche Liga
müssten ohne Verein und Statuten von selbst alle die Menschen bil-
den, die nicht in dieser verlärmten und entseelten Welt sichselbst und
andere untergehen lassen wollen. Aber diese Liga des Menschen-
tums müsste freilich noch tiefer in das Reich des Lärms eindringen.
Sie müsste ihre Mitglieder mit einem Geist der Verachtung alles
= Scheins, aller Reklame, aller Hast und Hetze, aller Götzen des Mark-
tes erfüllen, müsste wieder Freude wirken am stillen Arbeiten
aus der Sache heraus, aus dem Willen zur Wahrheit, aus der Liebe,
aus dem Dienste Gottes und des Menschen, müsste damit eine At- -
mosphäre schaffen, die nach und nach heilend, erquickend, neu-
schaffend in der Welt vordränge.
In dieser Stille fänden wir wieder Gott. Aber mit ihm auch
den Menschen. Ja, auch den Menschen! Denn auch ihn
- verlieren wir im Lärm, wie wir ja immer auch den Menschen ver-
lieren, wenn wir Gott verlieren. Auch in den Beziehungen von
Mensch zu Mensch ist etwas Stilles, Zartes, etwas Heiliges, was in
der Betäubung des Lärms nicht bemerkt und verstanden werden
kann. Auch das Heilige im Menschen gebietet Stille. Darum ist
der Lärm, womit gewisse Menschen die Strasse, die Nacht, die
Natur erfüllen, nicht nur gottlos sondern auch unmenschlich, eine
Schändung auch des Menschen; darum bedeutet die heutige Re-
klame eine tiefe Missachtung des Menschen. Der Mensch wird von
uns als Mensch anerkannt, nur wenn wir ihn anreden, nicht wenn
wir ihn anschreien. Dass in einer Zeit des Lärmens und Schreiens
alle Demagogie obenauf kommt, entspricht dieser Grunderkennt-
nis. Demokratie ist Reden, Demagogie ist Schreien. Und weil
nur in der Stille die Wahrheit recht gehört werden kann, die Wahr-
heit ihr Wort zu der einzelnen Seele sprechen kann, weil nur
in der Stille der Leidenschaft desGeistes erwacht und die Flamme der
Inspiration aufbricht, nur aus der Stille die Tat geboren wird,
darum werden wir Menschen miteinander erst dann wieder Taten
tun können, Taten für Gott und Mensch, wenn wieder das Element
269
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zer, der Stille uns itsaet und umi flutet, wenn wi
der Stille hören. Darum werden wir dann
schen miteinander leben können, auch im Wir
allem Handel und Wandel, können zuletzt vielleicht aus
renten Helfer und Brüder werden. Und kann. auch der F
sich auf uns herabsenken.
So ist es eine grosse Wahrheit: Nur wenn wir stille u
kommen wir zu Gott. Aber noch viel grösser ist die andere
sei jetzt nur noch ausgesprochen und stehe dann in ihrer Gr
vor uns: Nur wenn Gottkommt, wird esstille
L. Rasa
B> Be Wege zum Sozialismus.
Anton, der Arbeiter, Theodor, das Weltkind, Matthias
der Christ und Anna haben sich in einer bescheidenen Sommer-
frische getroffen, sich alle im Wechselgespräch als Sozialisten be-
kannt, ohne doch bei den anderen ohne weiteres als solche anerkannt
zu werden. Zum letztenmal sitzen sie zusammen und unterhalten
is sich über ihr grosses Thema.
j Anton (die Zeitung, in der er ungeduldig gelesen, zornig ‚zer-
Br drückend): Reaktion auf der ganzen Linie! Arbeitszeitverlänge-
rung, Lohnabbau überall! Als ob das arme Volk unter den Folgen
des Weltkriegs nicht schon genug gelitten hätte! Dass man nicht
mehr alle Not der Welt ausschliesslich auf seine Schultern laden
kann, dass mehr und mehr auch für die Herren ein artiges Päcklein °
bleibt, das wird da oben direkt als blutiges Unrecht empfunden. °
Der Aufstieg des Proletariats: eine gerechtere Verteilung der Güter ”
und Lasten, kurz: die Herrschaft des Sozialismus, das beliebt den
Herren nicht. Es gibt ja auch leider noch „Sozialisten“, die auf die-
sem Ohr nicht besonders gut hören.
Matthias (lächelnd): Genosse Anton, damit meinen Sie mich "
und meinen verpönten „Idealismus!“ Und in der Tat: an der Er-
langung von Macht und Herrlichkeit durch das Proletariat liegt
mir viel weniger, als an dem Verzicht auf dieselben durch die
Besitzenden. Denn nicht das ist nach der Lehre unseres Meisters
wesentlich, dass es keine Armen, sondern dass es keine Reichen
mehr gibt. Den Armen ist ja Seligkeit verheissen !
Theodor: Im Süden, lieber Matthias, im Süden, an den gott-
geliebten Mittelmeerufern, aber nicht bei uns in Nord- und Mittel-
europa! Hier möchte ich mich eher zu Shaws paradoxem ha)
bekennen, dass Armut das Ur- und Grundlaster unserer Gesellschaft
sei, und wenn ich mirs recht überlege, bin ich wohl dadurch zum
Sozialismus gekommen, dass mir dieser Zustand der Dinge aufsg
Höchste missfiel.
270
t
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RR
Be essichvhllte drum e 0: 00,0 %
"heodor: Nun denn! Ich stamme aus gutbürgerlichem Mi-
besass auch Gaben genug, um mich auf dem meiner harrenden
ıen Ruhebettlein irgendeiner lukrativen bürgerlichen Lebens-
ıng mit Anstand zu halten. Auch der Sinn für Genuss und Be-
_ hagen, für gut Essen und Trinken, Reisen, Bücher und Kunstgenüsse,
für geistige Arbeit und wohl verbrachte Mussestunden fehlte mir
nicht. Mit alledem hätte ich nun ein Bourgeois pur sang werden
- können, wenn nicht zutiefst in meiner Seele — vielleicht von glau-
— bensfesten und gewissensstrengen Vorfahren her — ein Keim ge-
_ legen hätte, dessen Wachsen Unruhe in mein Leben brachte. ‚Wie
kannst du, der Freund von Ordnung, Gleichmass und Behagen,
dich wohlfühlen in einer Welt, die im Grund ein Chaos ist? Deine
Sehnsucht sucht Harmonie, und Disharmonie umgibt dich! Du
lebst auf einer Insel mitten in einem Meer von Elend und Unrecht!
Nehmen wir an, dein Herz kann das ertragen, wie kann dein Ver-
' standsich dabei beruhigen? Wie kannst du an den Bestand einer
- Gesellschaftsordnung glauben, die nur kleine Oberschichten wirk-
- lich als wohltätige Ordnung umfasst, aber als drückendes Joch
liegt auf dem Volk, das in Finsternis wohnt ?“ so fragte ich mich ...
Anna (mit tiefem Anteil): Ich verstehe Sie, lieber Freund!
- Und welche Antwort haben Sie gefunden ?
Theodor (kopfschüttelnd): Keine endgültige, völlig befriedi-
‘gende. Ich bin meinerseits auf der Insel bürgerlicher Kultur und
Lebensführung geblieben, habe aber meine Neigung und Aufmerk-
samkeit immer wach gehalten für das, was draussen vorgeht, und
meine Einstellung zu diesen Fragen nie verhehlt. Ich stürzte mich
nicht selber in das Meer proletarischen Lebens, aber alles, was dar-
auf ausgeht, diesem Meer wieder einen Fussbreit Boden abzugewin-
nen, findet in mir einen Freund, jede Bewegung, die darnach trach-
- tet, mit vernünftigen Mitteln aus dem Chaos einen Kosmos zu schai-
fen, einen Anhänger. Und das nicht aus selbstloser Güte, sondern
-_ aus nüchtern-verstandesmässiger Ueberlegung, aus der Erkenntnis,
dass wahrer Friede ohne vernünftige und gerechte Ordnung auch
des Materiellen unmöglich ist.
Matthias: Gewiss, auch die gerechte Lösung in der Brotirage
ist in der Gottesreichsverheissung eingeschlossen! Aber das Kommen
des Reiches setzt vor allem sittliche und religiöse Vorbedingungen
& voraus, und darum heisst es für mich: Seelen finden und bereiten dazu.
So treibt es mich vor allem hinein ins Meer der Armut. Für mich
k
=
271
rufung eines freien, kräftigen Kopfes und eines wohlwollenden
gerechten Herzens; zu seinem Märtyrer, zum Helden der Ar-
mut und Entsagung ist die Erwählung Gottes vonnöten. Und
Gott braucht nicht nur Helden und Erwählte, sondern auch Be-
rufene, Ackerland, in das der Held seinen Samen säet.
Anton (lächelnd): In der Tat, auch ich finde, dass Genosse Mat-”
thias zuviel verlangt. Wer selber von unten herauf kommt, wie ich,
der wird dies Opfer von keinem erwarten oder gar fordern, der
von Kind auf anders gewöhnt war. Ich bin in einer Mietskaserne
aufgewachsen, habe jahrelang in den Massenbetrieben der Speise-
hallen und Blaukreuzwirtschaften meine Mahlzeiten genossen,
Kneipe und Nachtasyl sind mir wenigstens von der Wanderscha
her nicht fremd. Ich kenne die Heimatlosigkeit! Ein leises Heimat
gefühl ist mir erst geworden, als Vater tot war und ich mit
Mutter und den jüngeren Geschwistern ein eigenes, stilles Logis
mieten konnte. Ganz daheim bin ich erst, seit ich mit Frau und
Kind in meinem kleinen Siedlungshäuschen wohne. In der Heimat-
losigkeit — darin sehe ich das tiefste Leid, die schwerste Last meine
Klasse. In der Heimatlosigkeit erwächst — mit wenig Ausnahmen
die meist dem stillen Heldentum einer sich opfernden Mutter zu
danken sind — das Proletarierkind, dem Krippe, Kinderschule und’
Hort das Elternhaus notdürftig ersetzen müssen. Die Jugendzeit,
die dem ohne festen Mittelpunkt Erwachsenen allzufrüh Selbstän-
digkeit und relativ reichliche Mittel gewährt, wird meist verzettelt
in Sport und sportsmässig betriebener, unreifer Politisiererei. Kein
Wunder: dem starken Geltungstrieb der Jugend winkt hier ja rasche
und sichtbare Befriedigung, und was hat der Bursche denn später
zu erwarten? Das Dasein eines sorgenvollen Familienvaters im
günstigen, das Armenhaus oder die Verlassenheit im Greisenalter
im schlimmen Fall.
Theodor (lebhaft zustimmend): Gewiss: aus dieser Zıel- und
Aussichtslosigkeit der proletarischen Jugend — zumal der wenig
begabten — lässt sich manches erklären, was den gebildeten Sozia-
listen oft peinlich berührt: so vor allem die Unbescheidenheit und |
arrogante Rücksichtslosigkeit gewisser Jungburschen. Ich habe
bei Ihrer Schilderung der modernen Proletarierjugend an Goethes
Worte über die venezianischen Edelknaben denken müssen, die so
„eigen, fein und bescheiden“ sind, weil jeder weiss, es kann ihm
bestimmt sein, Doge zu werden. Und wird er nicht Doge, eines ist
ihm gewiss: er gehört zu den Edlen, hat also Anspruch auf soviel
272
u or A a a ER a an ae
De
Ehre. und Macht) als seinen Gaben entspricht. Tkerdliches Gel-
_ tungsbedürfnis ist nur dann in vernünftigen Schranken und guter
Form zu halten, wenn ihm irgendwie ein sittliches Recht, eine kom-
mende Erfüllung zugestanden wird. Bescheidenheit ist nur dem
_ Selbstsichern möglich.
| Anna (lebhaft): O wie recht haben Sie, Freund Theodor!
- Durch tausend Leiden und Demütigungen habe ich diese Wahrheit
selber erwerben müssen. Ihr müsst nicht lachen, liebe Genossen, die
ruhige, zufriedene alte Jungfer Anna war einst ein furchtbar" un-
liebenswürdiger und unbescheidener Backfisch. Denn seht: das-
- selbe Minderwertigkeits- — oder besser: Minderbewertungsgefühl
- —, das den jungen Proletarier reizt, plagt auch das junge, begabte
F i Weib, dem Natur und Schicksal den sexuellen Erfolg, Ehe und Mut-
terschaft, versagen, und das nun hinaus muss in die grosse Familie
der. Menschheit, in ihr Geltung und Wirkungskreis zu suchen. Wie
muss es nun das stolze und wertvolle Mädchen empfinden, dass
es — ein Mensch zweiter Klasse ist! Ihr mögt protestieren — für
Eure Personen gewiss mit Recht! — aber für die Gesamtheit könnt
Ihr die Tatsache nicht ableugnen, zumal nicht für die. Zeit meiner
Jugend. Das ist auch der Punkt, in dem sich die Frauenbewegung
mit dem Sozialismus begegnet: beide kämpfen für das Recht einer
benachteiligten Schicht.
Matthias (ernst): Und beide haben nur einen unbeding-
ten Helfer: Christus und das recht verstandene Christentum. Vor
Gott gilt weder Mann noch Weib, weder Herr noch Knecht: alle
sind zur Gotteskindschaft berufen. Darin liegt ihr Recht und Adels-
brief, der sie ihrer selbst gewiss und darum auch bescheiden machen
soll.
Anton (unwillig): Bitte, lieber Matthias, bleiben Sie mir mit
der „Gleichheit vor Gott‘ vom Leibe, die von je so schön mit der
krassesten Stände- und Mammonsherrschaft der schmachvollsten
Ausbeutung des Schwachen zusammen ging und noch geht. Vor
Ihrer persönlichen Ehrlichkeit habe ich alle Hochachtung; aber
wenn Sie vom Christentum in unserer Welt etwas erwarten, so ken-
nen Sie die Welt nicht!
Matthias (lächelnd): Könnte es nicht auch so sein, dass
Sie und Ihre Gesinnungsgenossen das Christentum nicht kennen ?
Wissen Sie, wieviel es schon in seiner jetzigen unvollkommenen
Form getan hat für die Bereitung der Köpfe und Herzen zum Kom-
men des Reiches? Und wer sagt Ihnen, dass es nicht, wenn erst
die Zeit erfüllt ist, hervorbrechen wird in Kraft? Ich selber bin
schwach im Glauben: ich kann Gottes und seines Kommens nur
dann gewiss sein, wenn ich täglich und stündlich mein Aeusserstes
tue, es vorzubereiten — darin hat meine „Askese“, die Euch so
sonderbar anmutet, wohl ihren Grund. Denn der Glaube tut mir
273
BR N
a
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not vor allem, und leichter ist er fü
_ den Jüngern nachtun und über die Rangordnung im Gottesreich
y'
Gottes gewiss sein, um für die Mens
nur gewiss werden durch Wirken im Di er M
einer höheren, sittlicheren Ordnung
mein Weg zum Sozialismus. A
Anna (bewegt): Nein, Freund Matthais, Sie sind nicht schw ich:
von uns vieren sind Sie wohl der Stärkste, darum lässt Gott |
auch am schwersten tragen. Er führt Sie den steilen Weg zur Höhe
des Glaubens durch das Gewissen. Uns andere leitet er auf sa
teren Pfaden zum Menschendienst und zur Sehnsucht und Teiln:
an einer Neuordnung des Menschenwesens, die letzten Endes doch”
auch seinem Willen dient und in seine Nähe führt, ob auch weniger
hoch empor. ; c u; |
Matthias: Liebe Anna, glauben Sie ja nicht, dass ich es‘
disputieren möchte. Im Gegenteil: mir soll jeder willkommen se n,
der — auf welchem Weg immer — Gottes Ordnung in der Men-
schenwelt ersehnt und ihr den Weg bereiten will, dem der Sozialis-
mus ein Höheres bedeutet, als eine andere Besitzverteilung. Und
darin fühle ich mich eins mit Euch allen, auch mit Ihnen, Genosse
Anton!
Anton (treuherzig): Das dürfen Sie, Genosse Matthias! Denn
selbst in meiner bitterarmen Jugend, als ich sozusagen naturnot-”
wendig Sozi war, einfach weil ich die Ungerechtigkeit des Kapita-”
lismus am eigenen Leibe spürte, habe ich nie geglaubt, dass mit dem
grossen Umsturz alles getan wäre. Zu gut habe ich gesehen, wie
viel Neid und Untüchtigkeit in den eigenen Reihen schaden, um nicht
zu wissen, dass die Stärkung von Pflichttreue und Solidaritäts-”
gefühl das erste und wichtigste ist, dass ohne sie eine neue Gesell-
schaftsordnung weder Sinn noch Bestand hätte. Wenn ich diese Er-
ziehungsarbeit an meiner Klasse nicht für so wichtig hielte, so hätte
ich schon längst die Parteiarbeit überhaupt aufgegeben, denn Ele
mente, wie der Max, den ich dort hinten auftauchen sehe, könnten
sie einem verleiden. — — Aber ich habe mich zuviel über die Leute
geärgert, die — sobald sie selber aus der Armut heraus sind, —
alles Interesse an ihren zurückgebliebenen Kameraden verlieren. um
selber ihrem Beispiel folgen zu wollen.
Theodor: So wäre denn, wenn ich richtig verstanden habe,
Matthias auf dem steilen Gipfelweg des Gewissens und der Religion,
Anton auf der weniger steilen, aber stetig emporführenden Strassch
gesunder, natürlicher Solidarität und Treue gegen die Klassen-
genossen, ich selber auf dem fast beschämend leichten Fussweg
eines harmoniesuchenden, Mass und Ordnung liebenden Denkens
zur sozialistischen Weltauffassung gelangt. Und Sie, Genossin Anna?
274
4
kann Ihre These doch richtig sein. Entstanden ist
e Einstellung bei mir schon in der Kindheit als Par-
ie Armen gegen die Reichen, in der Theorie der Ge-
tsstunde wie in der Praxis des Schulhofes. ‚Sie war sehr stark
' mit Kampfinstinkten durchsetzt, die auch eine scharf frauenrechtle-
j rische, antikirchliche, revolutionäre Note hineinbrachten. Mit zu-
nehmender Reife trat diese Seite mehr und mehr zurück; ich musste
nun oft den Vorwurf hören, ich sei „Bourgeoise“ geworden. Vor-
_ wiegend erhoben ihn gute Freundinnen, die sich in ihrer Seele ir-
gend ein romantisches Bild vom asketischen Revolutionär, einer
Gestalt, die halb Christus und halb Luzifer war, gemacht hatten
und sich sehr enttäuscht fühlten, dass meine völlig normale Lebens-
führung und Erscheinung diesem Bilde so wenig entsprach. Ihnen
ist eben Sozialismus in erster Linie irgendeine Art „Betrieb“, nicht
eine Einstellung, die immer eine bestimmte Richtung einhält, aber
in Tempo und Formen tausendfach verschieden ist. Ich glaube nun
sein Wesen erkannt zu haben; es ist mir immer mehr: der Wille,
dieErdezueiner Heimatfüralle Menschen um-
zuschaffen. Und ich fühle: dazu ist vor allem das Weib ge-
eignet und bestimmt. Hier kann seine Mütterlichkeit die Kraft des
Mannes ergänzen. So ist mein Sozialismus — aus Kräften eines
unreifen Gemütes entstanden — zu einer Sache des gereiften Emp-
findens geworden. .. Aber ich sehe, Genosse Max, der Partei-
- häuptling dieser Gegend, hat uns erspäht! Brechen wir unser Ge-
- spräch ab!
Max (hervortretend): Freut mich, freut mich, die illustren Ge-
nossen in unserem bescheidenen Nest zu sehen! Hoffentlich habe
ich bei der heutigen Versammlung, die meine Kandidatur zur näch-
- sten Grossratswahl aufstellen soll, das Vergnügen ?
Be Anton (trocken): Tut mir leid, ich muss meine Arbeit für die
Gewerkschaft fertig machen (geht).
Max: Aber Sie, Genosse Theodor, werden kommen und ein
paar passende Worte sprechen? Sie wissen: es handelt sich um
meine Kandidatur zum Grossen Rat, die Sache ist äusserst wichtig!
Theodor (leis spöttisch): Ich bin leider kaum informiert ge-
nug, um die „passenden Worte“ für Ihre Wahl zu finden (rasch ab).
Max: Schade! A propos, Genosse Matthias, Sie halten ja heut
abend eine Erbauungsstunde; könnten Sie da nicht ein bisschen für
mich agitieren?
.- Matthias: Sie irren sich, Genosse Max, eine Andachtsstunde
_ ist keine Wahlversammlung! (geht).
275
Bei einer Bet: natürlich 1 Nächstiegende 12 ;
Ä
v* 2 r Di
Anna (abgehend, freundlich): Ich werde kommen, Öen se
Max! SE
"Max (empört): Das Frauenzimmer fehlte mir gerade noch: das
gibt ein paar Witze in unserem „fortschrittlichen‘“ Lokalblättchen!
Da sieht mans wieder einmal, was man in wirklich wichtigen Mo-
menten, bei einer Grossratswahl zum Beispiel, von diesen „Ideal-
politikern“ hat! Unsichere Kantonisten, alle miteinander! (geht
zornig ab.) , WE. Ansti®
Von der wahren Sendung des Proletariates.
Schöpferisch sein, heisst notwendig den Parteirahmen über-
schreiten: Schöpfung bedeutet immer einen Totalaspekt.
Das Erwachen des Proletariats, der Masse, zum Bewusstsein
ihrer selbst, zunächst als Proletariat, als Klasse und Partei, ist eine
Tat; eigentlich individuell schöpferisch aber wird diese Tat erst
dadurch, dass sich das Proletariat als Teil der Menschheit, als
wesentlichen Teil der Menschheit, als. verantwort-
lichen Träger des Menschheitsprozesses zu erkennen beginnt
und diesen zu gestalten versucht. Ueberwindung der Klasse, klas-
senlose Kulturgemeinschafit als Ziel, von Marx selbst angedeutet
und immer wieder, z.B. von Trotzki, betont, ist daher nicht Ergän-
zung, sondern unerlässliche, konstituierende Grundlage der prole-
tarischen Position. Stets als berufene Vertreterin der Gesamt-
heit gelangt eine — zahlenmässig meist geringe — Klasse zur
Führung. Ihr relatives Unvermögen, der Gesamtheit dauernd zu
dienen, lässt sie von objektiver Herrscherstellung allmählich zur
Partei herabsinken, die nur sich selber — zum Verderben — dient.
Das seiner wahren Sendung bewusste Proletariat, neun Zehntel der
Erdbevölkerung umfassend, ist die Sinnverwirklichung jeder Herr-
schaft: allseitiger Menschheitsdienst, — obwohl gerade angesichts
der Masse, der Quantität, um der Erlösung der Einzelindividuen
willen, aus denen sie besteht, die Qualität gewahrt, ja zu
schlechthin absolutem Mass, zum Mass des Menschen gestei-
gert werden muss. Der Begriff Proletariat umfasst die Unterdrück-
ten und Notleidenden der ganzen Erde: Individuen, Klassen, ganze
Völker. Die Zeit zur Versöhnung von Qualität und Quantität, zur
Geistdurchdringung der Masse, der Materie, ist heute reif wie nie
zuvor. Durch die Erziehung der Millionen Indiens zum Freiheits-
kampf mit geistigen Mitteln, durch den Weckruf für die Parias, das
Proletariat im eigentlichsten, kaum vorstellbaren Sinne, ist Mahatma
Gandhi vorbildhait und meisterlich vorangeschritten. Die prole
tarische Bewegung ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck
eines sozusagen Endgültigen — unmittelbares Mittel, sodass
un
276
ithin die Wasser
t der Liebe allumfassenden
Ozean der Freiheit und des
Matuschka.
Ey
IS Frauendenken. n
000. Zur Petition um das Frauenstimmrecht.
Br
un
Gustav Landauer schrieb in einem Aufsatz über Martin Buber:
„Wie Buber der Apostel des Judentums vor der Menschheit ist,
so wird er ein Erwecker und Fürsprecher des spezifisch frauen-
_ haften Denkens sein, ohne das unserer fertigen und gesunkenen
- Kultur keine Erneuerung und Erfrischung kommen wird.“ Buber
schrieb an Landauer, dass er in dem Punkt vom spezifisch frauen-
haften Denken von ihm entschieden differiere und zitierte den para-
celsistischen Satz: „Spiritus crucifer nullius generis est.“ (Der
- Geist trägt nicht das Kreuz eines Geschlechts.)
FE „Die Zweiheit des Männlichen und des Weiblichen gehört für
mein Gefühl zu den Spannungen, von denen im letzten Daniel-
- Dialog [es ist Bubers „Daniel‘“ gemeint] die Rede ist. Im Geist
- bildet sich diese Spannung zusammen. Der wahrhaft denkende
_ Mann muss das frauenhafte, die wahrhaft denkende Frau das mann-
- hafte Denken mit durchleben, jedes muss darin den Gegenpol zu
seinem eigenen finden, um aus beiden die Einheit des geistigen
Lebens werden zu lassen. Dass ich damit keinerlei Gegensatz-
verwischung und keinerlei Neutralisierung meine, wissen Sie.
- Aber. beide Erscheinungsformen des Geschlechtsdenkens sind nur
- Vorstufen und Voraussetzungen des Geistes.‘
Landauer erwidert darauf: |
„Sie hätten meine Meinung durch nichts stärker bestätigen
können als durch Ihre trefflichen ..... Darlegungen. Und darum
haben wir noch kein rechtes Menschendenken, weil das Frauen-
- denken noch nicht seinen starken Anteil hat ..... Es handelt sich
_ um die durchaus konkrete Frage der Gegenwart: ist um des Men-
schendenkens willen ein stärkeres Hervortreten des Elementes des
spezifischen Frauendenkens in diesem Menschendenken zu erwar-
ten und zu wünschen? Und da sage ich: Ja, und gewahre etwas
derart mit Freude, gewahre es in Goethe und seinem Iphigenien-
reich, das in all unserer Kultur im Werden ist, in ..... INT,
277
J
|
der dabei männisch genug ist, in Ihnen, gewahre es in Rahel,
Bettine, Margarete Susmann usw. Die alle sind Menschtuende, Ein-
heittuende, Ganze, weil in ihnen das Frauendenken lebendig ist
und weil sie einmalige sind.“ .
(Aus dem Briefwechsel von Gustay Landauer)
ITLTEITLEITLLLTITTTTELDELTTETTETTLLETTILT TE Pongau as neh MBa BREI RAR SR H
© Aus Arbeit und Ruhe oO :
zum
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Freiwilliger Friedens- und Hilfsdienst 1929,
Die der „Zentralstelle für Friedensarbeit“ in Zürich nahestehende „Frei-
willige Hilisdienst“-Bewegung veranstaltet auch dieses Jahr wieder von Mitte
Juni bis Ende August einen solchen Dienst in Feldis, Graubünden, zur Fort-
setzung der in den Vorjahren dort begonnenen Alpreutungs-Arbeiten.
Die Ziele dieser Hilfsdienste sind: j
a) Von Unglück oder Not betroffenen Gegenden oder Gemeinden praktisch
Hilfe zu leisten;
b) zwischen Menschen und Völkern den Geist gegenseitiger Hilie zu erwecken,
der — zur allgemeinen Regel geworden — Kriege zwischen den Völkern
wie auch Kriege innerhalb der Völker ausschliessen. wird;
c) die Hoffnung und den Glauben zu pflanzen, dass sich die nationale
Sicherheit in Zukunft auf solche Werke gegenseitiger Hilfe gründen und
die Landesverteidigung einst nur noch in ihnen bestehen wird.
Wer ehrlich die Hoffnungen teilt, die diese Ziele enthalten, und wer an
ihrer Verwirklichung mithelfen will, ist herzlich willkommen, auch wenn er
sich jetzt noch verpflichtet fühlt, an der militärischen Landesverteidigung teil-
zunehmen.
Nähere Auskunit ist erhältlich durch das Sekretariat des „Freiwilligen
Hilisdienstes“, Herr Otto Weiss in Feldis, Graubünden. — Wer nicht
persönlich mitarbeiten kann, mag durch einen Kostenbeitrag (Postcheck-Konto
Freiwilliger Hilisdienst V 9672) helfen oder durch Sendung von Gemüse und
andern Lebensmitteln während des Dienstes nach Feldis, {
Internationale Volkshochschule in Lieira
geleitet von Paul Passy, dem ehrwürdigen Führer der christlichen
Sozialisten in Frankreich. ü
Die Hochschule in Liefra ist eine freie Lehranstalt, dazu bestimmt, einer-
seits den jungen Leuten in Frankreich, die auf dem Lande leben und ihre
Bildungsstufe für ungenügend erachten, ein Ergänzungsstudium zu ermögli-
chen; andererseits jungen Ausländern Gelegenheit zu geben, Frankreich
kennen und lieben zu lernen, und schliesslich dazu beizutragen, dass Freund-
schaitsbande geschlossen werden zwischen der Jugend verschiedener Länder,
die der Eintracht unter den Völkern und dem internationalen Frieden dienen sol-
len. Der dort allgemein herrschende Geist entspricht demjenigen der Bauern-
De ae tee a Internationalen Schule von Helsingveur.
ie Volkshochschule ist während der Sommermonat Ö Öhn-
lich von Juni bis Oktober. ee
Folgende Kurse und Vorlesungen finden dort statt: Sprachunterricht,
Phonetik (Lautlehre), Französische Sprache und Literatur, Geographie, Ge-
schichte und soziale Einrichtungen Frankreichs, Verschiedene soziale und
religiöse Geistesrichtungen, Internationale Beziehungen. Auch finden täglich
278
:
Wen
Ken Kurse mit Sprachübungen statt und zwar: französische für Aus-
4 nder, englische oder französische für Franzosen. — 3
Die Vorlesungen werden gewöhnlich am Vormittag abgehalten, damit
der Nachmittag frei bleibe für persönliche Beschäftigungen oder für Spazier-
gänge und verschiedene Spiele. (Plätze für Tennis, Krocket, Kegel- und Ball-
Be je alden)
in Hilisverein „Le Foyer (das Heim) de Lieira“ sorgt für Wohnung (in
Schlafsälen) und Beköstigung (beim Direktor). Die en SER SS:
ber aufräumen und ausserdem täglich eine Stunde irgend welche Hausarbeit
“ leisten, ausser am Donnerstag und Sonntag. Am Donnerstag werden gewöhn- ,
lich Ausflüge unternommen. Sonntags können die ‘Studenten ihre Zeit nach
Belieben zubringen; es finden am Orte selbst evangelische Versammlungen
statt (der Besuch ist fakultativ).
Nachiolgend ein Beispiel der gewöhnlichen täglichen Zeiteinteilung:
Vormittag Nachmittag:
7.30 Uhr Frühstück 2.00 Uhr Sprachstunde
8.30 ,„ Vorlesung 300 „ ‚Ruhe ‘
915 „ Ruhepause 4.00 , Vesper‘
9.30 „ Handarbeit 4.30 „Ruhe, Musik, Turnen
10.30 „ Vorlesung 0.30 ,„» Abendessen
11.15 „ Ruhepause 7.00 ,„ Ruhe
11.30 „ Mittagessen 9.00 „ Familienandacht
(fakultativ)
‚Der Pensionspreis beträgt 750 iranzösische Franken monatlich, dazu
muss noch bei der Anmeldung. eine Eintrittssumme von 100 Franken be-
zahlt werden. Ein begonnener Monat wird vollauf berechnet. Die Pension
wird im Voraus bezahlt und zwar in französischem Gelde.
Preisermässigung kann denjenigen Studenten gewährt werden, die mehr
als eine Stunde täglich Hausarbeit verrichten oder sonst auf irgendwelche
Weise behilflich sind.
Studenten, die ein leich transportables Musikinstrument besitzen (Flöte,
Geige, Gitarre u. a.) werden wohl daran tun, dasselbe mitzubringen. Man
kann auch Fahrräder mitbringen (gute Fahrstrassen sind vorhanden), Ten-
nisraketts usw.
Denjenigen Personen, die in der Nachbarschaft wohnen, oder dort in Pen-
sion sind, wird es unter sehr günstigen Bedingungen ermöglicht, Vorlesungen
zu besuchen.
Man kann Lieira von Paris aus mit der Ostbahn leicht erreichen; das
Billet wird bis Cunfin genommen, in Troyes und in Polisot muss man um
steigen (in Troyes gutes Bahnrestaurant). Der günstigste Zug geht um 8.45
Uhr morgens ab. Von Cunfin sind es noch 7 Kilometer zu Fuss; aber bei
vorheriger Benachrichtigung kann man per Wagen abgeholt werden, was
10 Franken pro Person kostet, Gepäck inbegriifen (Sonntags ausgenommen).
Wir möchten noch darauf aufmerksam machen, dass Lieira in einer ma-
lerischen Gegend gelegen ist, inmitten von Wäldern, aber vollständig isoliert:
weder moderner Komfort noch irgend welche weltliche Zerstreuung sind
hier zu finden. Dagegen kann man hier friedlich und ruhig leben in günstigen
Verhältnissen zum Arbeiten oder auch zum Ausruhen und ein stilles Fami-
lienleben geniessen. j i s i
Man wird ersucht, eigene Handtücher, Tischservietten (falls erwünscht)
sowie eine Reisedecke mitzubringen.
Anmeldungen sind zu richten an den Direktor P. Passy, Professor a. D.
der Sorbone, in Liefra par Fontette, Aube. Die Einzahlungen erfolgen pr
Postcheckkonto 374.30 Paris; vom Auslande aus per Bankcheck oder per
Postmandat zahlbar in Essoyes, Aube (Frankreich).
279
Ferienstätten, - an 4
Nun, da die Sommerferien wieder nahen, erhebt sich bei manchen unserer
Freunde die Frage, ob es nicht Orte gebe, wo man Aussicht habe, mit Freun-
den und Gesinnungsgenossen zusammenzutreifen. Diese Frage wird öfters an
uns gerichtet und wir möchten sie einmal hier beantworten, so gut es geht.
Der Plan eines besonderen Ferienheims für unsere Kreise hat uns
längere Zeit beschäftigt. Nun hat er ganz von selbst eine Lösung geiunden,
insofern als unser Freund, Pfarrer Hübscher in Feldis in Graubünden, sein
Kinderheim zum Teil in ein Ferienheim umgewandelt hat, das nun das ganze
Jahr Gäste aufnimmt. Feldis liegt in einer Höhe von 1500 Metern über dem
Rheintal und hat einen unvergleichlichen Blick auf die bündnerische Alpen-
welt. Es ist ein stilles, vom Fremdenstrom noch kaum berührtes Bauerndörf-
chen. Das Ferienheim ist einfach und schön, der Pensionspreis mässig.
Ein Erholungsheim im engern Sinne ist die Pension Lutisbach
in Mittelägeri im Kanton Zug. Sie steht auch allen Arten von Gästen
offen, dient aber besonders auch Pflegebedüritigen. Die Leiterinnen, die Fräu-
lein Kissling und Nadig, sind beruflich ausgebildete Krankenpflegerinnen. Das
sehr heimelige Haus liegt still über dem wundervollen Aegerisee, nicht hoch
und doch in herrlicher Bergluft und Bergnatur. Der Preis ist an sich und
besonders im Verhältnis, zu dem, was geboten wird, nicht hoch.
Wer nicht so hoch hinauf will, wie Feldis liegt, der wird auch in Fidaz
oberhalb Flims in der Pension Sonnenhalde bei unserer Gesinnungs-
genossin Frl. M. Arbenz einen wundervollen Aufenthalt finden. Fidaz liegt
etwa 1200 Meter hoch am Fuss des gewaltigen Flimsersteins mitten in herr-
licher Sonne, Freiheit und Weite. Der Pensionspreis ist bescheidenern Börsen
angemessen.
Vielleicht geht mancher auch im Hochsommer und Schneewinter oder
dann zwischen hinein ins Engadin. Dann findet er in St. Moritz im Al-
koholireien Kurhaus, das von unserer Freundin Frl. A. Maag ge-
leitet wird, ein Heim, wie man es sich nur wünschen kann und braucht sich
vor keinen Palacehotels zu fürchten. |
Wer mehr ‚nach dem Süden will, den machen wir auf die Pension
Mirafiori in Orselina oberhalb Locarno aufmerksam, wo wieder
eine unserer Freundinnen, Frau Pfarrer S. Kienast, waltet und jeder sich
wohl fühlen wird. Der Preis ist wieder mässig. '
. In Orselina selbst können wir auch die Pension Stelter sehr
empfehlen. Auch sie wird von befreundeten Menschen geleitet. Wer aber‘
gern noch mehr in die Einsamkeit geht und noch mehr nötig hat, seine”
Mittel zu schonen, der gehe zu den Freunden Herr und Frau Wölfile
in Fontana Martina bei Ronco, hoch über dem Lago Maggiore.
Er wird es nicht bereuen.
. Endlich ist auch das Wallis so grossartig und reich, dass es vielleicht
immer mehr Menschen anzieht. Wer von uns dorthin gehen will, dem sei
die Pension Flora oberhalb Siders aufs wärmste empfohlen. Sie wird
von den Geschwistern Binzegger aufs vortrefflichste geleitet und gewährt einen
in jeder Beziehung herrlichen Aufenthalt.
. Ich nenne diese Orte und „Heime“ einfach, weil ich sie entweder aus
eigener Erfahrung oder, in einem Falle, aus sichersten Mitteilungen kenne,
Es mag andere geben, die für diesen Zweck nicht weniger geeignet sind. Wir
nennen sie dann vielleicht ein andermal. Ueber die genannten gebe ich gern
Auskunft.
280
N KEG VSE EEENEN CA a ER FF
mamma AEIETETLIELELTTZTIELETETZPILITTETETETITTETETTTTTTTETETTETTTT TITEL ITTETETETITITEIT
olizismus und Sozialismus!)
% Si 4. ‚Christentum und soziale Frage. (Fortsetzung.)
Es gibt eine soziale Erniedrigung,.die für
ne wirtschaftliche Enge, dieihmkeinen Raum
me mehr lässt. So sind die sozial und wirtschaft-
Pr lieh gedrückten Schichten des Katholizismus,
Be die katholischen Industriearbeiter, bis auf
kleine Reste der Kircheentglitten.
Wenn wir Katholiken diese Frage nicht verstehen und beantwor-
ten können, dann kann der ungläubige Arbeiter uns zurufen: Was
- heifen mir eure guten Lehren und eure Vertrö-
stungen aufeine andere Welt, wenn ihr michin
- dieser Welt mit Weib und Kind in Hunger und
Not darben lasst? Das Wort allein: Nur das Christentum
kann Rettung bringen, hilft nichts.
Die meisten christlichen Wortverkünder und ihre Wortgläubi-
gen haben heute Angst, zuzugestehen, dass es eben Verhältnisse,
Lagen gibt, in denen ein christliches, religiöses Leben einfach
menschenunmöglich ist. Statt das ruhig zuzugestehen und die rech-
ten Folgerungen daraus zu ziehen, verschanzen sich diese Kinder
der Wortgeltung einfach hinter Gottes Allmacht: „Bei Gott ist kein
Ding unmöglich!“ Wie bequem doch dieser allmächtige Gott ist!
Allemal ist er zur Stelle, wo es diesen Braven an ihr soziales Ge-
wissen, an ihre alten Denkgewohnheiten oder auch an ihren Geld-
ungestörten Stille einer mit aller Pracht ausgestatteten Kapelle, als
dass man ihn aufsucht im Schmutz der Strasse, wo er unbeachtet
und missgestaltet als Auswurf der Menschheit in den Oeringsten
seiner Brüder leidet. Viele Christen sind bereits so zart besaitet und
so verfeinert in ihrem seelischen Empfinden, dass sie gar nicht mehr
das Elend der Aermsten ansehen können, ohne ihre wohlbehütete
j
xy
’
- Wirtschaftsleben der egozentrische Individualismus glücklicherweise
mehr und mehr bekämpft wird, dass aber im religiösen Leben er
gewaltig ins Kraut schiesst, und zwar sowohl in privater wie in
kollektiver Form. Das eigene Seelengärtchen wird mit aller Sorg-
falt behütet, mögen auch draussen in den Stürmen des Lebens, drü-
1) Vgl. Nr. 5.
2831
=
T
Religiöse einfach kein Organ mehr hat, und.
beutel geht. Man betet den „süssesten‘“ Herrn Jesus lieber an in der
Seele in Gefahr zu bringen! Und so erleben wir es, dass zwar im.
ben in der St. Niemandspfarrei tausende und abertausende Men-
schenseelen zugrunde gehen, weil ihnen die christliche Bruder- und
Schwesternhilfe fehlt, weil man für ihre Not kein Verständnis hat.
Dr. Karl Eckhart (Im „Frohen Leben“, Mai 1928).
Abgehetzte Menschen haben abgehetzte Seelen. Wer sechs Tage
nur Arbeitstier ist, kann Sonntags kein vergnügter Mensch sein.
Noch einen neuen Typus haben wir in der katholischen Arbeiter-
schaft, den es vor fünf Jahren noch nicht gab: den Typus des Ver-
zweifelten, der nicht mehr glauben kann an die Wendung des Schick-
sals. Joseph Joos auf der Industriepädagogischen Tagung in Duisburg
.. im Oktober 1926 H
Uns ist der Sinn des Gottesreiches vollkommen verloren gegan-
gen, sonst hätten wir uns nicht so ängstlich vor jeder Berührung
mit den Dingen der Welt zurückgezogen. Dabei ist die Kirche nichts
anderes, als die durch die Geschichte, die Menschen und das Wal-
ten des Heiligen Geistes bedingte Gestalt des Gottesreiches. Aufgabe
und Zweck der Kirche ist die Heiligung der Menschen, indem sie
jeden einzelnen Menschen durch die ihr verliehenen Gnaden und °
Rechte zum Vollbürger im Reiche Christi heranbildet. Aber ihr Be-
reich geht noch weiter. Weil sie bestimmend in das Leben der gan-
zen Menschheit eingreift, berührt sie in ihrem Wirken auch alle
politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verhält-
nisse. Und wenn sie auch nicht direkt in diese Verhältnisse eingreift, °
so übt sie dennoch durch ihre Glieder bestimmenden Einfluss aus. ”
Auch in dem grossen Gebete, das Christus uns beten gelehrt, ist
dieser Sinn der Schöpfung und der Kirche klar ausgesprochen. Da
bitten wir in der ersten Bitte, dass Gott verherrlicht werde, in der
zweiten um die Verwirklichung seines Reiches auf dieser Erde und
in der dritten Bitte um die Gestaltung aller Dinge nach seinem
Willen. \
Wir müssen uns einmal auf diese wesentlichen Dinge besinnen,
denn sie sind die Grundlagen der Religion. Und Religion hat es
nicht nur mit der Seele zu tun, sondern auch mit den Dingen, die
um uns sind. Religion heisst Verbindung haben mit Gott, sich selbst
mit allen Dingen der Schöpfung in diesem grossen Zusammenhang
sehen, dass alles der Ehre Gottes dient. Das ist die einzige objektive
Einstellung zum Leben, zur Welt und zu Gott.
Willi Werz (Ruf zur Wende, Juni 1925).
.... Unsere Religion ist gesättigt, wahrhaftig, ohne Frage. Sie
verbietet sich jede Störung. Der Mechanismus des Sonntags ent-
spricht der Gottlosigkeit des Alltags. Das ist es, dass unsere Reli-
gion nicht tägliche Aufgabe ist, sondern Verteidigung dessen, was
gestern gewesen ist. In diese Religion gehört der Priesterbeamte,
der definitive Katechet, der vom Staate fix besoldete Religionsprofes-
282
Der)
_
BE: : Und so hat die Religion die Kraft verloren, ‚das ai zu sein,
das jeden Tag das Werk der Menschen zum "Werke Gottes um-
g kommen ist und glich er ann sein Leiden a
en zu retten, was verloren ist.
‚schmilzt. Die Welt wurde heidnisch; wir haben eine Furcht vor
dem Werke Gottes. Aber selbst diese Furcht fällt uns nur selten an.
2 Dafür sorgt schon das System. Der Beamte herrscht, und der Pro-
‚phet wird zum Narren erklärt. .
B Die Leitung der „christlichen Arbeiterschaft® der Diözöse Köln Ken 19m).
| Die unsterblich geistige Seele kann im Sinnendiesseits normaler
Weise nur durch den vergänglich-scheinhaften Erdenleib wirken.
' Nur der gesunde Leib ermöglicht ein gesundes Seelenleben. Ver-
derben des Leibes verdirbt (in gewissem Sinn, man denke z. B. an
die Erbsünde) auch die Seele. Der Mensch ist eben nicht ein rein
geistiges Wesen, sondern ein geistig-leibliches mit Fleisch und Blut
sälk
A ER
ei u
ia
und Knochen, die auch ihr Recht fordern. So verstehen wir auch
den hl. Thomas von Aquin, den grössten katholischen Theologen,
wenn er sagt, dass ein gewisser bescheidener Wohlstand für den
Durchschnittsmenschen zu einem tugendhaften Leben notwendig
sei: ein Mensch, der im Elend leben muss, wird einerseits von der
- Sorge ums Materielle ganz gefangen genommen, andererseits von
- derartigen Versuchungen geplagt, dass er von beiden Seiten her der
Schwere der Materie erliegen wird. In diesem Sinne sind gesunde
Natur, rechte Ordnung auch in den Diesseitsdingen, in Eigentum
und Arbeit, in Familie, Stand und Staat Voraussetzungen für die
rechte Wirksamkeit der Gnade.
Aus diesem Grunde wäre es grundverkehrt, zu übersehen, dass
die katholische Aktion mit ihren geistlichen Belangen allein keines-
wegs erschöpft sein kann. So wenig katholische Aktion gedanklich
etwas bloss geistiges, nur seelisches sein kann, ebenso wenig kann
sie der praktischen Verlebendigung der katholischen Geistigkeit im
Sinnendiesseits entbehren, ebenso muss sie Leben Christi auf Erden
sein. Verwirklichung, Fleischwerdung des Geistes Christi auch in
allen irdischen Lebensverhältnissen, auch in Wissenschaft und
Kunst, auch in Wirtschaft und Politik. Ja in gewissem Sinne ist
diese Verwirklichung sogar Voraussetzung für das Wirksam-wer-
- den-können der katholischen Aktion.
Wenn nun die katholische Aktion einer Weltlage gegenüber steht
wie der heutigen, dann wird die grosse praktische Bedeutung der
Br
283
je 2
137
&
)
u RE ONE Be
kirchlichen Wi
»
e»
| rtschaitslehre klar. Sehen wir doch, d
proletarischen Schichten das Vertrauen zur Kirche gerade
wankt oder verloren ging, weil sie von einer ‚katholischen
zur Niederringung des gegen Naturrecht und christliches.
und Gerechtigkeitsgebot schwerst verstossenden kapitali
Wirtschaftssystem und Unrechtes nichts spüren oder gar Wor
grundsätzlichen Anerkennung dieses höllischen, heidnisch
stems hören, dem man nur gewisse „Auswüchse‘“ beschnitten
sen will, um es ein bisschen erträglicher zu gestalten. Anstatt, dass
sie den Katholizismus seinem innersten Wesen gemäss geschlossen
an ihrer Seite sähen, müssen sie das offizielle Katholikentum, so wie
es ihnen sichtbar erscheint, in der „bürgerlichen Front“ sehen. Und 7
unter den Katholiken selbst herrscht in der Tat so grosse Unkennt ”
nis und Verwirrung, dass man die kapitalistischen Begriffe für rich- 7
tig und christlich ansieht, vom Sturz des Kapitalismus, der doch
Feind der gesamten ehrlichen Arbeit ist, den Verlust des ehrlichen
Arbeitsbesitzes befürchtet — den man sicher verlieren wird, wenn
man das Stürzen des Kapitalismus einem materialistischen Kommu-
nismus überlässt. Und doch war es Vogelsang, der schon am 14.
Februar 1877 im Wiener „Vaterland“ die Sehnsucht aussprach, dass
die Katholiken, „wenn der Sozialismus das morsche Gebäude der
liberalen Gesellschaft zertrümmert hat, gerüstet und würdig seien, °
die neuen Barbaren in christlicher Liebe geistig zu gewinnen, auf
dem neuen sozialen Boden, den sie schaffen, die christlichen Ideen
anzupflanzen und so eine neue Blüte mit christlich-sozialer Kultur
herbeizuführen oder aber der furchtbaren Katastrophe reformierend °
zuvorzukommen.“ \
Sind wir Katholiken „gerüstet und würdig“, sind wir am Werk
dieser Reform? Dieser Reform, die nicht in Fortwursteln und
Pflasteraufpicken, auch nicht in (unter Umständen unvermeidlich
notwendigen) Militär-, Gendarmerie-, Polizei- und Heimwehraufge-
boten bestehen kann. Gewiss ist Entfaltung bewaffneter Macht ge
gen drohenden Mord und Brand pflichtgemäss. Aber die soziale
Revolution wird weder durch solche Mittel, noch durch sozialpoli-
tische Quacksalbereien, durch Beschneiden von „Auswüchsen“ und
Flickereien am Kapitalismus (,„Sozialversicherung“ und dgl.) ver-
mieden werden können, sondern nur die durch grosse Reform, durch
die allmähliche aber radikale Ueberwindung des Kapitalismus selbst
von Grund aus, durch einen Wirtschafts-Um- und -Neubau auf ganz
anderen als den kapitalistischen, auf naturrechtlich-christlichen Prin-
zipien. Wie die Dinge heute liegen, erscheint dies nur durch einen
neuen Bund zwischen Kirche und Arbeit möglich, durch ein Zu-
sammenwirken des Katholizismus mit der proletarischen Bewegung.
Niemand verkennt die Schwierigkeiten, die der Verwirklichung die-
ses Programmes im Wege stehen, weniger als wir, die wir die jü-
%
ae ne
284
..
NUR
den Herzen erschliessen können ?
—
_ disch-materialistische kommunosozialistische Führung der Prole-
tarierbewegung nur zu gut kennen. Aber kann irgend jemand im
Ernst glauben, dass die Herstellung dieses Bundes, der doch kom-
men muss, leichter sein wird, wenn die kommunosozialistische Be-
- wegung die Katholiken in der und mit der „Bürgerfront“ besiegt
haben werden ?
In nächster Zeit sollen in Wien grosse allgemeine Volksmissio-
nen in allen Kirchen gehalten werden. Ein an und für sich sehr
guter Gedanke. Sind aber die Voraussetzungen dafür gegeben, dass
diese grosse geistliche Anstrengung zu jener Fruchtbarkeit gelan-
gen könnte, die alle treuen Katholiken heiss ersehnen? Ist jener
Zustand der Natur vorhanden, den die Gnade voraussetzt? Sind
jene Volksmassen, an die die Missionen heran wollen, in einer na-
türlichen Verfassung, die ein Boden für das Aufspriessen der Gna-
densaat wäre? Und sind andererseits die Prediger der Gnade in der
natürlichen Verfassung, die ihnen die Herzen des Volkes erschlies-
sen kann, sodass sie als Werkzeuge der Gnade dieser die Tore zu
Wird man durch diese Missionen an jene Proletariermassen her-
ankommen, an die man herankommen müsste, die aber durch die
praktischen Folgen des herrschenden Wirtschaftssystems und die
Haltung des Katholikentums in dem. Kampf zwischen Proletariat
und Kapitalismus das Vertrauen zur Kirche verloren haben? Die
dahin gekommen sind, dass sehende Seelsorger sagen: „Wir er-
reichen sie gar nicht mehr. Das Tor für die Religion ist in ihren
Herzen verschlossen. Sie sind wie Unmusikalische, die für Musik
nicht erreichbar sind. In ihnen ist etwas ernstlich gestört, verschüt-
tet, verhärtet, erstorben oder wenigstens in tiefem Schlaf, und wir
können dieses Etwas nicht erwecken.“ Kommen die denn überhaupt
unter die Kanzeln? Und wenn sie nicht kommen, — was soll dann
die grosse Mission ?
Wir wüssten schon, wie auch diese unter die Kanzeln zu brin-
gen wären. Wenn sie von dort die ganze alte Kirchenlehre über
Eigentum und Arbeit, Reichtum und Armut hörten, wie sie von
Moses und den Propheten, von Christus und seinen Aposteln, von
Kirchenvätern und Hochscholastikern, von den alten Päpsten, Kon-
zilien und Kanonisten gelehrt wurde, ehe seit Renaissance und Früh-
kapitalismus allmählich die Ansteckung mit modernen Ideen auch
in die Theologenkreise drang. Nichts hat sich an der alten Kirchen-
lehre geändert, nur hört man sie fast nicht mehr. Und was man
hört, das ist meist adaptiert für die kapitalistische Praxis. Ja, zu-
meist hört man sogar, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem
mit der kirchlichen Wirtschaftslehre wohl vereinbar sei.
Und doch blieb es wahr: dass es ein schranken- und pflichten-
loses (kapitalistisches) Eigentumsrecht gar nicht gibt, sondern nur
285
WI
„
Pflicht und Recht zu auftrags- und bestimmungsgemässer Verwal-
tung des Gotteslehens durch den Menschen. Wahr: dass nur Ver-
waltung und Verwendung getrennt sein dürfen, hinsichtlich des Ge-
brauches aber alle Erdengüter allen Menschen gemeinsam dienen
müssen. Wahr: dass es für den Arbeitsfähigen kein Recht gibt, sich
der Arbeitspflicht zu entziehen, sondern dass ihm nur Arbeit ein
Recht auf Brot, Einkommen gibt, nie aber der blosse Besitz (Kapi-
tal — Zins). Wahr: dass noch viel weniger der blosse Besitz (Kapi-
tal) ein Recht verleiht, von der Arbeit, die diesen Besitz zur Pflicht ”
erfüllung braucht, für deren Gestattung Tribut, Rente, Zins zu for-7
dern. Wahr: dass es überhaupt nicht in die Willkür des Besitzes
gestellt sein darf, ob Arbeit ihr Brot finden könne oder nicht, dass
jeder ein Naturrecht hat auf so viel Eigentum, als er braucht, um
im Sinne seiner göttlichen Berufung und Bestimmung als sittliche,
freie Persönlichkeit samt seiner Familie menschenwürdig leben und
schaffen zu können (Land und Haus für jede Familie, wirtschaft-
liche Selbständigkeit für jeden sittiich und fachlich Befähigten); dass
umgekehrt niemand ein Recht hat, über seinen berufsgemässen Be-
darf hinaus zu besitzen, zu erwerben, für sich zurückzubehalten,
indes andere infolge dessen des für sie berufsmässig Notwendigen
entbehren. (Plutokratie und Proletariat sind Produkte der Empö-
rung der Gesellschaft gegen die Gottesordnung.) Wahr: dass die
freie Konkurrenz gegen Liebe und Gerechtigkeit, insbesondere ge
gen das Gebot: Du sollst nicht begehren des Nächsten Gut, verä
stösst (Enteignung des Schwächeren, Proletarisierung). Wahr: dass’
der Sinn der Arbeit ist: durch Gottes- und Nächstendienst die eigene
Pflicht zu erfüllen und davon den eigenen berufsmässigen Unterhalt
zu gewinnen (Beruf — Nahrung): dass die entgegengesetzten kapi-
talistischen Motive und Arbeitsziele: Erwerb — Gewinn, verwerf-
lich sind. Wahr: dass demnach die (kapitalistische) Gewinnwirt-
schaft verwerflich, richtig nur die gesunde Bedariswirtschaft ist.
Wahr: dass alle Technik dem Menschen im Dienst seiner Bestim-
mung, seines Berufisstrebens zu dienen hat, nicht aber durch eine
falsche Entwicklung im Dienst des Erwerbsstrebens den Menschen
enteignen und versklaven darf (gesunde Technik — kapitalistische
Technik). Wahr: dass im gesamten entgeltlichen Wirtschaftsverkehr
Leistungen und Gegenleistung gleichwertig sein müssen, während
das Kapital immer Mehrwertgewinn erstrebt. Diese kurzen Andeu-
tungen zeigen den absoluten Gegensatz zwischen naturrechtlich-
christlicher und kapitalistischer Wirtschaft.
Die Erneuerung dieser Lehre im Wort allein wäre freilich auch
noch nicht genügend. Mit dem Wort müsste die Tat Hand in Hand
gehen: vor allem müsste 1. die kirchliche Hierarchie, die „beamtete“
Kirche im Gebrauch ihrer (ohnehin nur mehr geringen) Güter die
Kirchenlehre beispielgebend zur Anwendung bringen, so weit dies
286
7“, das uns enhalle‘ ch
re sind noch nicht restlos
ur Ehalb, weil man sie nicht ernstlich beraten hat
nur dann klar und sicher lösbar sind, wenn die Katho-
s und Volk, den grossen, entscheidenden Schritt zu tun
chlossen sind, der getan werden muss, wenn wir zu einer katho-
lischen Aktion kommen wollen, die mehr besagt als ein blosses
Aushängeschild. Auch hier gilt es, die Voraussetzung für die Lö-
sung zu schaffen. f
E -Das ist jedenfalls sicher und klar: dass eine auf dem Ba der
b Brennen Front“ stehende Volksmission die Tore der verbitter-
en Proletarierherzen der Gnade nicht wird öffnen können. Ja man
muss ernstlich die Frage stellen: Wird nicht am Ende gar bei man-
chem der Missionäre in irgend einer Herzfalte der Wunsch lauern:
durch die Mission die „bürgerliche Front“ zu stärken, die man noch
_ immer für eine Schutzwehr der Religion und der Kirche hält. Und
was im Herzen sich regt, das klingt nur allzu leicht auch in den
Worten durch, auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wird. Aerger
- könnte die Mission nicht mehr in ihr Gegenteil verkehrt werden.
Ich resümiere: sollen die Missionen ihren Zweck erreichen, dann
_ müssen gewisse Voraussetzungen bei Missionären und Volksmasse
gegeben sein: bei den Missionären Wort und Tat der wahren Kir-
che, bei der Masse infolgedessen Vertrauen zur Kirche. So kommen
wir zu einer blühenden katholischen Aktion. Anders wohl kaum.
Anton Orel (Im „Neuen Volk“ ,‚ Wien).
Haben wir die Pflicht, uns im Namen der Kirche, im Namen
- Christi, der heraufziehenden neuen Gesellschaftsordnung entgegen-
zustellen? Haben wir das Recht dazu? Ist es nicht vielmehr der
allergrösste Fehler gewesen, den wir begangen haben, dass wir die-
ses Emporringen zur Geltung der Arbeit und ihr Herrscherrecht in
' der Welt nicht verstanden und nicht recht, mindestens nicht zur
rechten Zeit, begriffen haben?
| - = Haben die Priester Christi auch nur die mindeste Ursache, sich
immer wieder für die bürgerliche Welt gegen die Arbeitgeber zu
| stellen? Und wenn wirklich die kommende Umwälzung gewaltsam
| vorgehen und vielleicht auch manchem Priester das Leben kosten _
FF wird. — —
rn. Es wäre wirklich schade, wenn wir nur leiden müssten wegen
der bürgerlichen Weltordnung, die ohnehin dem Untergange ge-
— weiht sein wird; es wäre schade um jedes Loch in unsere Haut, um
&
Bu
287
jeden Tag, an dem wir hungernd umherirren werden, um jeden
Stein, den man uns Priestern nachwerfien wird, wenn es einzig nur
| deswegen wäre, weil wir Priester uns für die kapitalistische Welt-
ordnung irgendwie eingesetzt hätten. j |
RN Ein Landpfarrer (Aus der Bonner Zeitschrift für Theologie
und Seelsorge“, 1928). Pr
Die falsche Lehre vom starren Rechte des Eigentums ist eine
fortgesetzte Sünde wider die Natur, indem sie kein Unrecht darin
sieht, das zur Befriedigung der ungemessensten Habsucht, der aus-
schweifendsten Sinneslust zu verwenden, was Gott zur Nahrung
und zur Bekleidung aller Menschen bestimmt hat; indem sie die
edelsten Gefühle in der Menschenbrust unterdrückt und eine Härte, 7
eine’ Gefühllosigkeit gegen das Elend des Menschen erzeugt, wie
sie kaum unter den Tieren sich vorfindet; indem sie einen fort-
gesetzten Diebstahl für Recht erklärt; denn, wie der heilige Kirchen-
vater sagt: nicht bloss der ist ein Dieb, der fremde Güter stiehlt,
sondern auch der, der fremde Güter für sich zurückbehält. Der be-
rüchtigte Ausspruch: Eigentum ist Diebstahl, ist nicht bloss eine
Lüge, er enthält neben einer grossen Lüge zugleich eine furchtbare
Wahrheit. Mit Spott und Hohn wird er nicht mehr beseitigt. Wir
müssen die Wahrheit an ihm vernichten, damit er wieder ganz zur’
Lüge werde. Solange noch ein Teilchen Wahrheit an ihm ist, ver-
mag er die Ordnung der Welt über den Haufen zu stürzen.
Ketteler na
5. Stellung zum Eigentum. j
Gott hat die Erde nicht in dem Sinne der Gesamtheit er
als sollten alle ohne Unterschied Herren über dieselbe sein, sondern’
insoferne, als er selbst keinem Menschen einen besonderen Teil der-
selben zum Besitze angewiesen, vielmehr dem Fleisse der Men-
schen und den von den VölkernzutrefifendenEinrich-
tungendieAbgrenzung des Privatbesitzes anheimgegeben
hat. Enzyklika Rerum Novarum.
Die Herrschaft des Eigentums ist keineswegs aber eine schlecht-
hin absolute, pflichtenlose, innerlich unbeschränkte und äusserlich
unbeschränkbare Herrschaft. Die irdischen Güter sollen der Erhal-
tung aller dienen. Daraus ergeben sich eine Reihe sittlicher und
E rechtlicher Pflichten.
H. Presch: Liberalismus, Sozialismus und christliche Gesellschaitsordnung.
Wir wissen, dass viele das Eigentum für so in sich selbst ge-
sichert ansehen, dass sie schon durch die Unteruchungen über die
Grundlagen dieses Rechtes unangenehm berührt werden und es des- |
halb auch vermeiden, sich selbst über diese Frage Rechenschaft zu |
288
er Autorität nie ir a sind, und
it geltend machten, haben sie unbewusst durch ihre ver-
ren Grundsätze die wahren Grundlagen der Autorität oft
mu ddurchsichselbstunerschütterlich, als Gott
allein undseinheiliger Wille. Alles andere hat
Fur eine bedingte Existenzöund Eh Den
rechtigung.
Br Das Privateigentum hat zwar zunächst seinen Grund in der na-
- türlichen Ordnung und in ihren ewigen, unabänderlichen Grund-
_ lagen. Der Mensch bedarf nämlich zu seiner natürlichen Existenz
_ der Natur, und er kann sich die Natur, ihre Stoffe und Kräfte in
einer Weise, die zur Befriedigung seiner wesentlichen Bedürfnisse
- führt, nur dienstbar machen durch Anerkennung des Privateigen-
_ tums. Wenn unter den Menschen Friede und Ordnung bezüglich
_ der Benutzung und Verwendung der Güter der Erde bestehen soll,
— und Friede und Ordnung sind die erste Bedingung jedes Kultur-
© lebens unter den Völkern, — so muss das Privateigentum mit der-
selben Notwendigkeit als ein Naturgesetz anerkannt werden, wie
das Atemholen. Jedes Bestreiten desselben würde unmittelbar zum
— Kriege Aller gegen Alle führen und alles Gedeihen auf allen Ge-
bieten des Völker- und Menschenlebens zerstören. Der Satz: Eigen-
tum ist Diebstahl, ist daher zweifellos eine Verleugnung eines der
_ ersten und notwendigsten Naturgesetze. So wichtig dies aber auch
ist, so genügt es doch in keiner Weise, um dadurch schon dem
Eigentumsrechte die nötige Festigkeit zu geben. Wenn nämlich auch
- das Eigentum an sich, d. h. die Verteilung aller Wertgegenstände
- an die einzelnen Menschen in der Art, dass der rechtmässige Be-
sitzer über diesen Gegenstand mit Ausschluss der andern frei ver-
‘ fügen kann, ein immanentes Gesetz der natürlichen Ordnung ist,
- dessen Anerkennung man also von allen vernünftigen Menschen
_ fordern kann, so ist doch das Eigentumsrecht im engeren Sinn, wo-
durch dieses Naturgesetz für die Verhältnisse eines besonderen
Volkes zur Anwendung kommt, unmittelbar und direkt kein Natur-
- produkt, sondern ein Ergebnis menschlicher Tätigkeit.
Ketteler: A.a. O.
6. Stellung zum Klassenkampf.
Ob man den Klassenkampf bejahen, verhüten soll? Die
Frage ist in sich verfehlt! — Der Klassenkampfist! — Er
ist schon lange, wie der Weltkrieg im Verborgenen, im Tatsäch-
289
T die ger
sie, selbst im Besitze derselben, ‚die Autorität als eine u
‚ sich von selbst ergebende Berechtigung mit aller Rük-
erschüttert, als ihre grössten Feinde. Nichtsistansich.
lichen, schon lange war und auch
Mae, ve ee
bruch ist nur Dokumentierung und ist unvermeidli
ist es, auf ihn zu starren, oder ihn „verhüten“ zu wollen.
Klassenkampf ist, — der äussere Klassenkampf kommt si
Der Klassenkampf ist, — weil die Satten, Besitzenden, di
deren „ausschlossen“. Sie bildeten die Kaste, — damit war ı
Klassengeist, Kastengeist geboren. Proletariat als Klasse war nı
notwendige Folge, — Antwort, — und zwar Antwort, die lange aut“
sich warten liess, und nie vollständig war noch wird. Klassen-
bewusst, Kaste, wird das Proletariat nie, wie alle Agitatoren wissen.
Es ist dafür immer viel zu „dumm“, zu gutmütig, — zu lebendig!
Klassenhass ist da. Aber bei den Besitzenden, Fertigen, Satten
ist er kalt, berechnend, hochmütig, — bei den anderen heiss, leiden-
schaftlich, Glut. — Dieser Hass ist Kraft, jener ist Schwäche. —
Hier sind die Sünder, dort die „Tugendhaften“. — Christentum ist
in beiden. — Die grössere Kraft und die Zukunft ist beim Proie-
tariat, bei den Enterbten. Wie stets. —
Wilhelm Hammelroth: „Frohe Botschaft“.
Es’ ist hier der Platz, einiges zum Kapitel „Klassenkampf“ ©
zu sagen, das bekanntlich einen Hauptagitationsstoff gegen die So-
zialdemokratie abgab. Es braucht nicht näher darüber gesprochen
zu werden, dass Klassenkampf jeder Art vom Standpunkt des Chri-
stentums aus abgelehnt werden muss. Aber Klassenkampf jeder °
Art. Weiss man nicht, dass der Klassenkampf des Proletariats, der
durch Marx seine wissenschaftliche Begründung erfuhr, eigentlich
nureineAntwortaufdenerbittlichenKampfder
Kapitalistenklassegegendiearbeitenden Grup-
pen des Volkes darstellt! Es ist so ausserordentlich de-
primierend, auch im christlichen Lager nur zu oft diese ganz ein-
seitige Stellung in der Ablehnung des Klassenkampfes zu finden.
Man lese doch die Arbeiterenzyklika oder den Hirtenbrief der öster-
reichischen Bischöfe vom letzten Jahr. (In diesem heisst es: „Das
Bank- und Kreditwesen mit dem Börsenspiel ist zu einem Giftbaum
geworden. Es dient den Finanzmächten, die Völker zu bewuchern
und auszurauben, dem Fleiss fast alle Ersparnisse wegzustehlen und
immer weitere Kreise durch die Verarmung in gänzliche Abhängig-
keit und in eine wahre Sklaverei zu bringen.“). Ist es uns denn ganz
unmöglich geworden, in einer Zeit ärgster Not von Millionen ein
lebendiges Verständnis für diese zu gewinnen! Es macht den Ein-
druck, dass weite Kreise braver christlicher Menschen, die selbst die
schwerste Not am eigenen Leibe nicht spüren, weil sie in besseren
Verhältnissen leben, eine Haltung in diesen Dingen haben, die ganz
lebensfremd und antiquiert erscheint. Wir sollten heute an dieser
Not unserer Brüder und Schwestern seelisch mitleiden. Wir sollten
!
wer w
290
De
° nicht BER Aergste ben ist Di zumindest
an Ki Arbeit gegangen wird. Und statt diese Men-
fen Verkrampfung in die Hassinstinkte klassen-
Gesinnung durch weitestgehende soziale Massnah-
u erlösen und die andere blinde Menschheit zu sozialer Ge-
x end Tat aufzurütteln und so langsam aber sicher eine
- Wende der Geister herbeizuführen, statt dessen: eine starre Front
_ der „bürgerlichen“ Kreise. Es ist ganz sicher, dass eine leben-
dige sozialpolitische Einstellung der christlichsozialen Partei den
- kulturpolitischen Abschnitt der Front wesentlich entlasten würde,
besonders dann, wenn man deutlich sehen würde, dass dies nicht
Mittel zum Zweck, sondern selbstverständlicher Ausfluss einer we-
sensmässigen Haltung ist.
Wehe aber, wenn etwa umgekehrt, um das Interesse der Gegner
vom Kulturkampf abzulenken, eine Reaktion i in sozialpolitischer Hin-
sicht einsetzte! Der Klassenkampf des soz. Proleta-
-riatsist alseineArtVerteidigung zu verstehen.
Er hat auch sein Ethos (siehe das bedeutsame Buch
des katholischen Theologieprofessors Steinbüchel in Giessen: „Der
Sozialismusalssittliche Idee“). Sein Sinn ist Ueber-
windung der Klasse und Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft.
Wir wollen von dem Konstruktiven, Mechanischen dieser Auffas-
sung absehen. Sie widerspricht dem durchaus organischen Wesen
der Gesellschaft. Aber es ist eine tiefe Wahrheit, die „Klasse“ ab-
zulehnen. „Klasse“ ist nicht „Stand“, ist Abfall von Stand, ist ein
Produkt mechanistischer, liberaler Gesellschaftsauffassung. Und
diese „Klassen‘ müssen auch wir vom christlichen Standpunkt aus
überwinden. Unser Ziel muss freilich die Volkwerdung der atomi-
sierten Menschheitstrümmer werden. Volk ist reich gegliederter
Organismus, Volk gliedert sich in Ständen aus... Wie falsch ist es,
nur diese Aeusserung des Klassenkampies zu sehen, nicht aber das,
was dahinter steht. Und nochmals sei es gesagt. Wir müssen noch
schärfer den „Klassenkampivono ben“ ablehnen. Von ihm
wird leider nie gesprochen. Er ist aber in dieser kapitalistischen
Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung begründet. Er ist begründet
in der sogenannten „bürgerlichen Weltanschauung“. Gegen diesen
Ungeist müssen wir die tiefsten Kräfte des Christentums mobil
machen: Das verlangt eine bis auf den Grund gehende Gesinnungs-
änderung aus tiefstem Glauben heraus. Aus diesem Glauben werden
die Menschen die Haltung gewinnen, die sie brauchen. Aus diesem
Glauben heraus müssen wir, wie E. Michel sagt, an dem Umbau der
Gesellschaft und Wirtschaft "mitarbeiten, zu dem wir Menschen von
heute aufgerufen sind.
Dr. Karl Starke (In „Neuland“, Juli/August 1927).
291
f% so
I =.
7. Stellung zum sozialistischen Proletariat.
Wenn überhaupt alle Rechte der Staatsangehörigen sorgfältig ‘
beachtet werden müssen und die öffentliche Gewalt darüber zu
wachen hat, dass jedem das Seine bleibe, und dass alle Verletzung
der Gerechtigkeit abgewehrt werde oder Strafe finde, so muss doch
der Staat beim Rechtsschutze zu Gunsten der Privaten eine beson- °
dere Fürsorge für die niedere, unvermögliche Masse sich angelegen
sein lassen. Die Wohlhabenden sind nämlich nicht in dem Masse
auf den öffentlichen Schutz angewiesen, sie haben die Hilfe eher
zur Hand; dagegen hängen die Besitzlosen, ohne eigenen Boden
unter den Füssen, fast ganz von der Protektion des Staates ab. Die
Arbeiter also, die ja zumeist die Besitzlosen bilden, müssen vom
Staat in besondere Obhut genommen werden.
Enzyklika Rerum Novarum.
Wir Katholiken haben bisher dem Proletariat gegenüber voll-
kommen versagt. Die Ideen des Sozialismus und Kommunismus
haben wir in glänzender Weise widerlegt und uns überhaupt nur
auf eine mehr oder weniger geschickte Abwehr beschränkt. In ganz
unchristlicher Weise haben wir uns dem Proletariat gegenüber fast
genau so benommen wie der Priester und Levit, von denen der Hei-
land in seinem Gleichnis vom barmherzigen Samaritan erzählt. Wir
haben in pharisäischer Selbstgerechtigkeit auf die Masse des Prole-
tariats mit Geringschätzung herabgeschaut und dabei vergessen,
dass diese Masse aus zertretenen, blutenden und liebehungrigen
Menschenseelen besteht. Wir müssen dieses Unrecht an unseren
Brüdern und Schwestern aus dem Proletariat gutmachen. Wir dür-
fen nicht länger gedankenlos in den ausgetretenen Bahnen unserer
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung weitergehen. Wir
müssen uns einmal auf das Wesen der göttlichen Welt- und Gesell-
schaftsordnung besinnen. Verharren wir weiterhin in dieser un-
katholischen Passivität, so werden wir in kurzer Zeit von den Stür-
men der sozialen Revolution mitweggefegt und der liebe Gott wird
beim letzten Gerichte unsere Werke zu leicht befinden.
Diese Passivität hat ihren letzten Grund im Mangel an Glauben.
Der Glaube ist zu einer Tätigkeit des Intellekts geworden, er besteht
zur Hauptsache nur noch in dem festen Fürwahrhalten. Dadurch
haben wir die Kraft des Glaubens, die nach Christi Worten Wunder
wirkt und Berge versetzt, verloren. Der Glaube ist nicht mehr die
lebendige Kraft, die unser Denken, Handeln und Wollen bestimmt.
Die Religion hat keinen Zusammenhang mehr mit dem wirklichen
Leben, sie beschränkt sich fast ausschliesslich auf die Rettung der
Seele und betrachtet die Welt als ein Jammertal, durch das wir nun
wohl oder übel hindurch müssen.
Dieser verhängnisvolle Irrtum geht sogar so weit, dass man
292
a sh De a a So 1 HS Er BE ee Bee Zi 1 5
17 . PR ” KPE, pe y \ a
u ; Er. Fi‘ 2 £-
L. #
diese Passivität als die einzig katholische Haltung gegenüber der
Welt erklärt und jede Aktivität als no 3 >
Wir müssen eine geistige Umstellung vornehmen und erkennen,
dass wir die Pflicht haben, auch aktiv an der Gestaltung der poli-
e tischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Verhält-
. nisse teilzunehmen. Nur so können wir zur Bereitschaft kommen,
an der Erlösung des Proletariats tatkräftig mitzuwirken.
Wenn wir weiter von der Erlösung des Proletariats reden wol-
len, so müssen wir zunächst einmal die Politik und die Wirtschaft
mit Gott in Verbindung bringen. Betrachten wir im Lichte dieser
katholischen Weltanschauung unsere heutigen politischen und wirt-
schaftlichen Verhältnisse, so erkennen wir, dass die sogenannten
realpolitischen Zustände aus dem Irrtum und der Finsternis mensch-
licher Schwäche stammen. Da ist die göttliche Weltordnung einfach '
beiseite geschoben und alles in den Dienst des Satans Mammon
gestellt worden. Die Politik, die das Zusammenleben der Völker
nach göttlichem Willen regeln soll, muss heute der Erreichung
wirtschaftlicher Vorteile und herrschsüchtigen Machtplänen dienen.
Damit ist die Politik zur Dirne des Kapitalismus erniedrigt worden.
Diese Störung der natürlichen Ordnung hat zu der furchtbaren
Katastrophe des Weltkrieges geführt. Da haben sich die wirtschaft-
—_ lichen Gegensätze, das gegenseitige Misstrauen und die dadurch
bedingte gegenseitige Wehrhaftigkeit in einem entsetzlichen Blut-
gericht entladen. Aber trotz dieses furchtbaren Unglücks sind un-
sere Augen noch immer mit Blindheit geschlagen; wir bringen dem
Ungeheuer Kapitalismus noch Opfer auf Opfer und sehen nicht, wie
dieses Ungeheuer die Kultur des Abendlandes verschlingt. Wir kön-
nen den Sinn des Krieges nur verstehen, wenn wir bei solch furcht-
baren Erschütterungen im Völkerleben hinter den Erscheinungen
die Ursachen sehen. Dann erkennen wir das Walten der göttlichen
Weltordnung, indem die Unordnung unter gewaltsamen Kata-
strophen an ihren eigenen Sünden zusammenbricht und alles, was
sich ausserhalb der göttlichen Ordnung gestellt, mit in den Abgrund
reisst. Es liegt im Wesen dieser göttlichen Ordnung, dass jede Un-
ordnung in sich zusammenbrechen muss, weil sie sich ausserhalb
der Ordnung stellt. Und wenn wir von dem Sinn oder der Symbo-
lik reden, die hinter den Geschehnissen steht, so ist es in den meisten
Fällen die Wirkung dieser natürlichen Ordnung, die wir plötzlich
unbewusst erkennen.
Aber wir haben den Sinn des Krieges nicht verstanden. Das
egoistische Wirken der Wirtschaftskreise ist noch schlimmer gewor-
den und nun treiben wir in den Abgrund der sozialen Revolution.
Es soll hier nicht auf Einzelheiten eingegangen werden. Aber wir
können die Seele des Proletariats nur verstehen, wenn wir auch hier
die Ursachen kennen. Geradezu erschreckend ist die Unkenntnis
293
k and RT = ii
K ’ vieler gebildeter Menschen und sogar man cher Pri Ste
gar nicht die Ungeheuerlichkeiten in unserem Wirtschaft
wissen kaum um die Arbeitsverhältnisse in der Industrie.
tes heiligem Willen soll die Wirtschaft dem ewigen Ziele d
schen untergeordnet sein, sie soll den Leib als Träger der Seele
der notwendigen Nahrung, Kleidung und Wohnung versehen. U
was ist die Wirtschaft heute? Wir haben kein moralisches
mehr, uns über die alten Heiden zu entrüsten, weil sie Menschen
als Sklaven kauften und verkauften und herzlos mit Menschen-
schicksalen spielten. Willi Werz (In „Ruf zur Wende“, 1925).
Ueber Christus und das Proletariat wird heute viel geredet und
geschrieben. Ein Zeichen, wie sehr wir ahnen, dass wir das Orosse,
‚Heilende, Erlösende, das Christus zu den Nöten unserer Zeit zu
sagen hat, noch nicht erfasst haben. Aber wir ringen darum, und‘
dem, der anklopit, dem wird aufgetan werden.
Zunächst sind es zwei Ziele, die jenen vor Augen schweben, die
darüber reden oder schreiben. Einerseits wollen sie Christus dem
Proletariat näher bringen, andererseits die Christen selbst zur
Nachfolge Christi aufrufen. P 2
So zeigen sie dem Proletarier Christus als den Zimmermanns
sohn, der von seiner armseligen Geburtshöhle an immer umgeben”
ist von Proletariern, Bedrückten, Armen, Kranken und Elenden. Er
heilt sie, hilft ihnen, macht sie zu seinen Brüdern und erwählt Ar-
beiter zu seinen Aposteln. |
Und unter den Christen soll wieder der Geist der Bergpredigt
lebendig werden, so das heutige laue, verwässerte, schlafende Chri-"
stentum zu einem sozialen gestaltend. |
Nun aber zwei Fragen. |
Die eine ist die: warum bleibt das Geschriebene und Gedruckte
so ganz ohne Wirkung auf die Proleten?
Weil sie die Predigten meiden und das Gedruckte nicht lesen?
Zugegeben. Aber warum denn auch dann, wenn sie doch davon
erreicht werden ?
Weil wir Christus dem Proletariat gar nicht menschlich
näher bringen brauchen. In seiner überwiegenden Mehrheit fühlt
es sich mit ihm noch immer verbunden, da es in ihm den Revolutio
när, den Sozialisten sieht, der gemordet wurde, weil er es mit den
Menschenrechten ernst nahm. Schlagworte? Nein! Wenn auch
nicht die ganze Wahrheit, so doch Wahrheit. F
Wir müssen es bekennen: Das Proletariat hat den
Glaubenandie Worte verloren, die die Christen
machen. Es will Taten sehen, die Nachfolge Christi
sehen. Christus ist ihm menschlich nahe, es will den mit seinem .
ganzen Leben für Christus zeugenden Christen sehen. Das
294
r auch davon noch so
us dem Oleichgane. ihres Lebens?
seine Forderungen aufbringen, soziale Hilfsbereitschaft
üderliches Entgegenkommen erweisen.
ies tun ja schon heute diejenigen, die von den Christen gerne
i enannt werden.
# alles langt heute nicht mehr, ist zu wenig, um die Kluft
zwischen Christenheit und Proletariat auszufüllen. Jene Kluft, die
- durch die Schuld der Christenheit entstanden ist.
Viel, viel mehr wird von uns verlangt.
BRLES ist schwer, das aufzuzeigen.
Christus hat es in jenen Stunden zwischen Oelberg und Golga-
tha getan.
Er hat nicht nur gepredigt und geheilt, Not gelindert,
. Er stellte sich ganz unter die Last und schleppte sie in seinem
Kreuz zur Schädelstätte. Er kannte die Last nicht nur aus den Seuf-
- zern der anderen, sondern nahm sie als die seine auf sich, 30
die Erlösung wirkend.
Geht die Christenheit in der Gegenwart unter die Last des
Proletariats, will sie vielmehr nicht allzusehr nur von obenher oder
von aussenher wirken ?
Dies scheint die Schicksalsfrage der Christenheit unserer Tage
zu sein:‘ob sie in ihrer Nachfolge Christi Christus an den Türen
des Gartens Gethsame verlässt, um sich zu den schlafenden Jüngern
zu gesellen oder ob sie mit ihm bis zum Letzten geht.
Das sind Dinge, über die jeder selbst viel nachdenken muss.
Menschheitskämpfer (Oktober 1927).
„Ichbinder Weg,die WahrheitunddasLeben!“
| sagte der wirkliche Erlöser!
| Gott und Mensch, Erde und Ewigkeit! Die Erde
gab Gott allen. Kein Gotthatgesagt, dassnureinige
dieseErdengüterhabensollen,dassdereineden
| Acker,dieFabrik, das Geld, deranderedasSkla-
> venlos, die Arbeit, den Hunger, das Elendhaben
sollen! Bodenreform! Zerschlagt radikal den
“ Grossgrundbesitz. Eristunsittlich geworden!
MachtdasHeerderArbeitslosenmobilfürWoh
_ nungsbau! Schafft einen inneren Markt, da der Welt-
295
.
4
erlangt wird? Oder vielleicht
die Besten unter den Christen
hfolge Christi im Dienste des Proletariats Bedentet
\lmosen geben, Mitleid haben, Verständnis für seine
E:
markt uns immer mehr versperrt wurde! Zurück zur Natür-
lichkeit,vorallemdwProletarier!Warum arbei
test du nicht nur für den Kapitalismus, warum
verkaufstduihmauchnoch deine Seele, machst sei-
nen Schwindel mit in Mode, Kino, Lug und Trug, Alkohol und
Lebensart! Fange bei dir selber an, werde selbsterstein-
mal Mensch!
Du Arbeiter darfst nicht Lohnsklave bleiben, Sklave
der Maschine! Durch deiner Hände Arbeit erstehen
diese Werte — du bist vor Gott und der Gerechtigkeit Mit-
teilhaber an den Werken, in denen du schaffen musst.
Nichteine Maschine stellt der Unternehmer ein, sondern
einen Teilhaber, Mitschafferam Werke,daseuch
gemeinsam werden muss! Mit Arbeitslosenversicherung,
Invaliden- und Krankenversicherung erlösen wir kein Proletariat!
Tiefer, radikaler, christlicher müssen wir VOr-
gehen!
Proletarier, ihr müsst radikal mit dem Alten brechen! Reisst
dieParteizäunmenieder, die den Menschen vom Menschen
abhalten! Solange der christliche Arbeiter im roten
Gewerkschaftler seinen Feind, den Ungläubi-
gen sieht, solange ein Stegerwald sagen kann,
mitderLinkenseikeinelnnenpolitikzumachen,
solangekann das Proletariat nicht erlöst wer-
den. Diese Parteien, Gewerkschaften hüben und drüben, diese
„Richtungen“ allesamt und sonderssprengendieKraftdes
Proletariats, heissen sie nun Kommunisten, Mehrheitssozial-
ini
demokraten oder christliche Gewerkschaftler. Wo ist euer Kom- °
munismus eure Brüderlichkeit, euer Sozialismus, euer
Christentum praktisch, im Alltag, bei der Tat? Wo? —
Und solange nicht wieder statt der Apologeten und Theologen,
statt der Wissenschaftler, wieder zwölf ApostelderLiebe
undFrohbotschaft kommen, und hineingehen in die Spelun-
ken, auf die Märkte, vor die Grossen und Reichen und in die Hütten
des Elends, in die Versammlungen der Kommunisten, so lange
istesmitder Religion oben und unten Trug und
Pharisäertum, Sektentum, nicht Gott, die Kraft über-
all, in allem aus allem, die Liebe, die alle umfasst, Gerechte und
Sünder, Kommunisten und Deutschvölkische!
Diesen Geistesdurchbruch zur wahrhaftigen Wende
alles und jedes brauchen wir! Dafür müssen wir einstehen. Dafür
müssen wir schaffen zuerst beiuns! Dazu rufe ich das Prole-
tariat auf! Persönlichkeiten brauchen wir! Kein Par-
teigramm schafft es: sie sind Papier, wie die deutsche
Reichsveriassung bis heute Papier blieb, wie der Frie-
296
ee De Bein: 560 müssen wirin.
‚der heutigen Wirtschaft, der heutigen Staatskunst ent- Ka
— anders geht es nicht! |
\ 'enschheitskämpfer, vor dke Front! Drei en
ührer in einem Volke, Führer, die nicht nur reden, sondern le-
ben, handeln, im kleinen, im Alltag, bei sich und den Brüdern
= und dies Volk’ geht zur Freiheit!
Und dahinter muss die Masse des Volkes treten! Her-
_ ausaus dem Stumpfsinn und Verzweiflung! Nur
E Wer keinen Glauben mehr hat, verzweifelt! Wer Glauben hat,
dass er sagen kann: „Berg, stürze dich ins Meer!“, der hat auch
die Kraft, die von der Ewigkeit kommt, zu tun, was den Wet-
& ' menschen von heute noch als „Ideologie“ oder „Utopismus“ er- ve
scheint!" Bi
Dazu ist nötig, dass die Proletarier sich einigen, finden, er-
wachen aus ihrem Taumel, heraus aus dem Parteipferch, heraus aus
= der Ketzerei, heraus aus der Dummheit, Versoffenheit, Faulheit!
Be ’ Vitus Heller (Flugblatt).
Eine finstere Wolke ist im Begriff, alles Leben, das entartet, zu
vernichten! Seht ihr es nicht? Rechnet, fragt nicht! Wie kann ein
Arbeiter menschlich leben, mit Weib und Kind unter solchen Zu-
= - ständen, die ihn heute umgeben? Bei voller Arbeit, 48 Stunden, 24
=. Mark die Woche. Nun hinzu: willkürliche Kurzarbeit, Ferien, 'Ge-
setz und Recht, Strasse, Hunger, schwarze Liste, ausgesperrt, "Klei-
dung und teure Lebenshaltung, alles unmöglich! Seht ihr nicht die
ı Bettelei? Wo seid ihr — ihr, die pflichtbewussten Menschen —
- Führer? O, wacht auf! Versucht die Verhältnisse zu bessern, die
Menschen sind nur deren Umgebung, — versucht die dunkle Wolke
auf richtige Bahnen zu lenken, durch Wahrheit und Recht, bevor es
zu spät, — schon zucken die "Blitze, der Donner grollt — und un-
sere Führer schlafen in Federbetten. — Wahrhaftige Wirklichkeit.
SR Diese meine Gedanken sind aller Arbeiter Gedanken, die noch
etwas Hoffnung im Innern haben, die noch glauben, dass nicht nur
Gold, sondern — Gott die Welt regiert. „Die Heeriahrt“.
$ Uns gehen wieder Briefe zu... Es sind meist Briefe, die nicht
an die gelangen, an die sie in Wahrheit gerichtet sind, an unsere
Priester und Bischöfe. Oft sind es Verzweiflungsschreie, damit wir
sie weitergeben. Man hofit, wenigstens gehört zu werden, und das
297
Be 25
ge ar a Re a Z RR
Re ch Be a LAN ‘ ER. x
Le" Be vusstsein, dass man Priestern und
man öft genug „gegen“ sie auf dem F
eine Entlastung von der Hoffnungslosigkeit, in der ma
det. Darin liegt zugleich unsere Verantwortung, nicht von di
Dingen zu schweigen, und sie in wirksamer Weise an die rec
Stelle zu bringen, denn Schweigen wäre Verrat an der Sehnsuc
nach der Kirche und ihrer Anerkennung, die in den Rufen der fa:
Verzweifelnden liegt... Es ist schwer, alles so zu sagen und
tun, dass es der ganzen Wirklichkeit gerecht wird, und dieses
E unsere Gewissensnot. 2
iR „Die Grossdeutsche Jugend“ (Juli 1926).
r | > L Ragaz
22 { ; PR RER RAR RER RRRRRREN NN nee
Be Rundschau O8
ö ’ 5 ARRRUHIC OR SEE IHRES AAHRHNNEHE RER RER 40 L
Na Monatsschau. Bi:
Be 1. Welten Fa 4
Zuerst muss diesmal die Hungersnot in China drankommen. Es
schiene mir alles andere Reden von den Weltbegebenheiten als eitel Ge-
schwätz, ja als gottlos, wenn man weiss, dass auf dieser unserer Erde 16,
nach andern 20 Millionen Menschen vor dem Hungertode stehen! Das ist
aber nach — man muss in diesem Falle sagen: leider! — nur allzu ver-
trauenswerten Berichten in China der Fall. Diese fast unvorstellbare schreck-
liche Not dauert nun schon fast ein Jahr und bedeutet im übrigen nur eine
Steigerung des Zustandes, der in China nun beinahe chronisch geworden ist.
In mehreren Provinzen (und Provinzen sind in China große Länder) haben
s0 Prozent der Bevölkerung bloss Gras und Blätter zur Nahrung, In einer
mittelgrossen Stadt (Sanyan in der Provinz Schensi) sterben täglich 45 Men-
schen vor Hunger, in einer andern (Tschin Yang Chien, in der gleichen Pro-
vinz) stehen von den 120,000. Einwohnern 70,000 vor dem gleichen Los,
während 30,000 nur noch für kurze Zeit Ersatznuahrung (Blätter und trockenes
Gras) haben. Hundert Familien haben dort Selbstmord begangen. Im Dori
Se Sche Tao leben 600 Menschen, von diesen starben in der letzten Woche
20 am Hunger. Massenhaft werden Frauen und Kinder verkauft, diese in
vielen. Fällen geschlachtet und gegessen. In der Provinz Kansu seien schon
500,000 Menschen verhungert. Ganze Länder werden zur Wüste. „Kein
einziges grünes Blatt ist zu sehen... . Die Dörler sind gänzlich öde.
Man kann durch große Dörfer gehen, olıne eine. einzige lebende Seele zu
sehen.“ Die Aussaat kann nicht bestellt werden, daher ist auch nicht eine
Wendung durch eine gute Ernte zu erhofien. Zum Hunger gesellt sich selbst-
verständlich Krankheit, dazu aber auch (während des Winters) die Kälte. Es
fehlt an Kleidern wie an Heizmaterial. '
‚Kurz, es ist ein Elend, das uns an das erinnert, was während des
dreissigjährigen Krieges in Mitteleuropa und zu unsern Tagen in Russ-
land geschehen ist, nur dass, wenigstens verglichen mit dem ersten Beispiel,
alles ins Unermessliche gesteigert ist. Der ewige Bürgerkrieg, die ganze
Auflösung der staatlichen und sozialen Ordnung, das Räuberunwesen, dazu
die Missernten, eine Heuschreckensplage und in einigen Gegenden furchtbare
298
\
e am Werk die
sie kann (aber sie
en Regierung 25 Millionen vorgesehen. Aber es sind Hun-
en nötig, dazu umiassende Organisationsarbeit. Als das
/wecke geeignetste Organ erscheint der Völkerbund. Er hat solche
| nen schon wiederholt ausgeführt, vor allem in Kleinasien und auf
dem Balkan. China ist sein Mitgliedstaat. Wir haben die Schweizerische
Vereinigung für den Völkerbund auf diese Aufgabe aufmerksam gemacht und
sie hat sich mit grosser Bereitwilligkeit ihrer angenommen. Möge sie bei
dem in Madrid tagenden Völkerbundsrat ein williges Herz und Ohr finden
und die Aktion durch keine Bürokratie gehemmt werden. Kein Traktan-
dum kann sich an Dringlicheit und Wichtigkeit mit diesem messen. Auf-
gabe des Völkerbundes müsste vor allem die Aufbringung grosser Geldmittel
sein. Dann täte er wohl am besten, die ganze Aktion in die Hände eines
kompetenten Mannes zu legen, der sich seine Mitarbeiter suchte. Vielleicht
dass Fritjof Nansen auch dieses Werk übernähme. Man könnte auch an
— einen Mann wie Henry Hodgkin, den grossen Quäker und Veriasser des
= Buches „China in the family of nations“ (China in der Völkerfamilie)
denken.) 3
| Eine solche Aktion des Völkerbundes würde dem Friedensgedanken
| kräftiger helfen, als sehr viele pazifistische Massregeln und sein eigenes An-
| sehen selbst mächtig verstärken. Aber es wäre auch Mission im aller-
grössten Stil. Darum müssten sich die Kirchen dieser Aufgabe eben-
- falls annehmen. Hoffentlich sind sie doch noch nicht im Theologismus und
Ekklesiastizismus so verhärtet, dass sie darob das Gleichnis vom Weltgericht
vergässen.
2. Weltpolitisches.
er Und nun, nachdem Herz und Gewissen dafür frei sind, zu etwas Gutem,
sehr Gutem: den englischen Wahlen.
Der Sieg der Arbeiterpartei ist so lange mit Sicherheit yeweissagt wor-
den, dass es schwer hielt, noch daran zu glauben. Und nun ist er also trotz-
- dem Tatsache geworden. Es ist ohne Zweifel ein ganz grosses Ereignis,
| das uns allen das Herz höher schlagen lassen darf. Dass wir davon nicht
Mirakel erwarten dürfen, ist in diesen Wochen so viel gesagt worden,
dass es wohl gegen allerlei Illusionen genügt. Wir dürfen nun aber nicht
in den umgekehrten Fehler verfallen. Die Lage ist nun so, dass diesmal die
| Arbeiterregierung auf eine grössere Stetigkeit rechnen darf als das letzte
Fe Mal. Sie könnte nicht so leicht beerbt werden. Denn das konservative
Regime ist zu stark abgewirtschaftet und für ein liberales fehlen die Vor-
aussetzungen. Auch würde ein parlamentarischer Sturz der Arbeiterregie-
rung sie vielleicht in den Besitz der absoluten Mehrheit bringen. Aber wenn
sie zeitweilig wieder einer andern Platz machen müsste, so ist nun „labour“
eine Macht, mit deren Wirksamkeit man als mit einem festen Faktor rechnen
* 1) Ich habe diese Daten der „Christlichen Welt“ (Nr. 10 und 11) ent-
nommen. Dort berichtet Missionsinspektor Witte, ein Mann, der die ost-
asiatischen Verhältnisse aus langjähriger Erfahrung kennt. Er schöpft seiner-
seits aus tieferen Quellen: Berichten der Missionen, des Internationalen Hilis-
ausschusses, in China erscheinenden europäischen Zeitungen von Weltbedeu-
tung.
?) Vgl. Neue Wege. 1927, Nr. 2.
299
» Regierung in Nanking. Aus En
onen Franken aufgebracht worden, dazu
y
FT
darf. Ein Volk wie das englische, das zu drei Füniteln aus ler«
schaft besteht, wird, einmal zu der neuen politisch-sozialen Einstellung er-
wacht, davon nicht mehr dauernd abgehen. „Labour“ wird, von einzelnen
Rückschlägen abgesehen, noch wachsen, nicht abnehmen. =
Die Folgen dieser Wendung sind beinahe unabsehbar. Es können
nur einige Hauptpunkte angedeutet werden. Zunächst bedenke man, ganz
allgemein, was es heissen will, dass das englische Weltreich, vorläufig noch
das gewaltige Zentrum der Weltpolitik und der Weltkultur (letzteres mehr im
Sinne eines Vermittlungsorganes), von einer sozialistisch gesinnten Regie-
rung geleitet wird, und nehme man dazu die andere Tatsache, dass das 7
zweite der drei oder vier Weltreiche, Russland, eine antikapitalistische
Macht ist. Mag der englische Sozialismus, der in Betracht kommt, noch
so gemässigt und begrenzt und der russische noch so zweifelhaft sein, so
stehen wir damit dennoch vor einer Sachlage voll ungeheurer Bedeutsamkeit.
Am sichersten auswirken wird sich die neue Lage in bezug auf die Ab-
rüstung und den Völkerbund. Die Abrüstung wird einen mäch-
tigen Antrieb, der Völkerbund ein frischeres Leben empfangen. Die Räu-
mung der Rheinlande wird nun wohl bald erfolgen. Das Verhältnis zu
den Vereinigten Staaten wird sich bessern. Die Methode persönlicher Be-
sprechungen, die durch die Reise Macdonalds zu Hoover zur Anwendung
kommen soll, setzt den Menschen an die Stelle des Diplomaten. Schon die
endliche Ratifikation des Washingtoner Abkommens über den Achtstunden-
tag, die als erste Tat der Arbeiterregierung gemeldet wird, bedeutet einen
Vorstoss in dieser Richtung. Die grossen Tage des Genier Protokolls
können, nun gesicherter vor politischen Wetterumschlägen, wiederkehren.
Nicht weniger wichtig und heilsam kann der Einfluss dieser Wende
auf das ungeheure Problem des Verhältnisses zu Afrika und Asien
werden. Zwar darf man gerade in dieser Beziehung nicht allzu viel er-
warten. Zu radikalen oder gar revolutionären Lösungen dieses Problems
hat Labour weder die Macht noch auch nur die Neigung. Auch hat die
Arbeiterregierung das letzte Mal gerade an diesem Punkte am meisten versagt.
Aber man darf annehmen, dass sie inzwischen auch darin etwas gelernt habe,
man wird darum erwarten dürfen, dass ein anderer Geist und Stil immer-
hin in die Behandlung dieses gewaltigen Problems, das für das englische Welt-
reich Sein oder Nichtsein bedeutet, kommen werde, Es gibt schliesslich
in der Arbeiterpartei nicht umsonst Leute wie Fenner Brockway. Das
englische Weltreich ein Bund freier Völker, und dieser der Kern eines wirk-
lichen, weltumiassenden Völkerbundes — das dürfte ja der einzig mögliche
englische Lebensweg sein. Wenn diese Wendung eintritt, dann dürfte man
wohl von einer providentia Dei reden, die durch das Aufkommen der
Arbeiterregierung in der letzten Viertelstunde das englische Reich und mit
ihm die Welt vor der entsetzlichsten der Katastrophen: der blutigen Er-
hebung Airikas und Asiens gerettet habe.
Damit hängt wieder die Neugestaltung des Verhältnisses zu Russ-
land zusammen. Dieses dürfte sich nun wohl gründlich ändern. Es ist
kein Zufall, dass diesmal der „Sinowiew-Brief“ ausgeblieben ist. Russland
selbst muss doch froh sein, wenn es den Alpdruck einer kriegerischen Aus-
einandersetzung mit England und seinen Verbündeten, wobei es mit Sicherheit
den Kürzeren zöge, losgeworden ist. Nun erscheint das England Macdo-
nalds nicht mehr als schwerstes Hindernis der bolschewistischen .Welt-
revolution“, sondern eher als Rettung Russlands vor der antibolschewi-
stischen „Weltreaktion“. Was diese Aenderung des Verhältnisses zwi-
schen England und Russland bedeutet, wird klar, wenn man überlegt,
dass ihr Gegensatz so lange die Axe der Weltpolitik bildete. Auch von
dieser Seite betrachtet, gewinnt das asiatische und afrikanische Problem ein
anderes, verheissungsvolleres Gesicht. Es wird nun nicht mehr so sehr von
300
el
Kr
us ist eine
rzsich'
der
aten- oder auch Parvenu-Romantik aufbringen, siegt im stärksten und
esten Volk und grössten Reich der Erde ausgerechnet die Demokratie!
erblasst die künstliche Herrlichkeit aller grossen und kleinen, aller welt-
lichen und religiösen Diktaturen und Diktatur-Theorien. Und das ist ja erst
- ein Anfang!
Ganz besonders folgenreich aber erscheint mir diese Wendung für die %
' Entwicklung des Sozialismus. Man bedenke wieder: dieser Sozialis- e
mus, der nun die Führung der Weltpolitik und‘ damit auch die Führung .
- der sozialistischen Bewegung übernimmt, ist kein Marxismus, sondern ein
— ethisch und religiös begründeter Sozialismus, der das Doppeldogma
des Geschichtsmaterialismus und des Klassenkampfes nicht kennt. Und dieser
| Sozialismus ist doch kein „Reformismus“, er ist durchaus radikal, im besten
'_ Sinn. Das zeigt er in der Militärfrage, in der umgekehrt der: richtige
| Schulmarxismus überall zum bourgeoisen und kapitalistischen Standpunkt
zurückkehrt. Gerade die ausgesprochen religiösen Vertreter Labours sind
| durchs Band auch die radikalsten.
Be Darum ist diese Entwicklung des englischen Sozialismus eine Wider-
2 legung des Marxismus im weltgeschichtlichen Masstab. Es ist eine arge,
der Verlegenheit entsprungene Unehrlichkeit, wenn dem gegenüber von
ı = vulgär-marxistischer Seite erklärt wird: „Wir Marxisten haben recht behal-
' ten.“ Nein, „wir Marxisten“ haben so deutlich als nur möglich unrecht be-
' kommmen. Denn das ist doch walirhaftig nicht das Unterscheidende des
| Marxismus, dass er die Entwicklung Englands zum Sozialismus ‚hin voraus-
E sagt. Die Entwicklung zum Sozialismus hin nimmt jede Art von Sozialis-
_ mus an. Das Besondere des Marxismus besteht in jenem Dogma vom Ge-
' schichtsmaterialismus und Klassenkampf und der darauf eingestellten Taktik.
‚ Und nun stehen wir vor der Tatsache, dass ausgerechnet diejenige Arbeiter-
S bewegung, die dieses Dogma nicht kennt und diese Taktik verwirit, jetzt zum
(% Siege vorrückt und die Führung des Sozialismus bekommt, während das Fiasko
b des Marxismus sowohl in seiner sozialdemokratischen wie in seiner kommuni-
' stischen Form mit jedem Tag offenkundiger wird. Nur dieser Sozialismus
die Tatsache bezeichnet werden, dass der oberste englische Kirchenfürst, der
Erzbischof von Canterbury, sich zur Arbeiterpartei bekennt, und die allein eine
Arbeiterregung ermöglichen. Welche Bedeutung diese Wendung im So-
zialismus selbst besitzt, zeigt auf der einen Seite die Verlegenheit der Gegner
_ (besonders der katholischen) des Sozialismus, die bisher davon lebten, dass
sie diesen mit Atheismus und Materialismus gleichsetzten, und auf der
_ “ andern die nicht kleinere, wenn auch besser verhehlte, der „Marxisten“, denen,
um ihren Lieblingsausdruck zu brauchen, ihre Felle auf den Fluten der
— Geschichte so rettungslos davonschwimmen.
y Diese Andeutungen mögen genügen, um die ganze ungeheure Trag-
weite dieser Wendung zu erläutern. Selbstverständlich wird der Grad ihrer
Wirksamkeit stark davon abhängen, mit wie viel Geschick und Tatkrait die
"Arbeiterpartei ihre gewaltige Aufgabe anfasst. Alle guten Geister müssen
ihr nun helfen, müssen sich um sie gruppieren. Sie wird sich besonders in
ihrer Aussenpolitik davor hüten müssen, doktrinär zu verfahren, sich allfällig
von politischer Heuchelei missbrauchen zu lassen; sie wird gut daran tun,
301
auch ein Stück des alten englischen Erbes an politischem Instinkt und
schem Realismus nicht zu verachten und sich — unbeschadet eines wi
Sozialiimus — mit den besten Traditionen und lebendigen Kräften ihres
Volkes dauernd in Verbindung zu halten. Aber auch Fehler und Schwächen
können die nun eingetretene Wendung zwar aufhalten, aber nicht aufheben.
zu wehen. { } i Fr
Eine negative Erläuterung des Sinnes dieser Wendung bilden leider
die Vorgänge innerhalb des deutschen Sozialismus, deren Kulmi. 7
nation der sozialdemokratische Parteitag in Magdeburg darstellte. Er
bedeutet einen leichten und vollständigen Sieg des Panzerkreuzer-Sozialis-
mus. Die radikalere Opposition unterlag auf der ganzen Linie, und es
scheint, als ob auch ihr Kampi im Ganzen wenig Kraft und Leidenschaft
gezeigt habe. Kein Wunder: steht doch auch diese Opposition zum über-
wiegenden Teil auf dem Boden des Schulmarxismus. Auch sie vermag sich
nur ausnahmsweise zu einem grundsätzlichen Pazilismus oder gar Anti-
militarismus aufzuschwingen. Einer ihrer Hauptführer, Paul Levi, ist doch
einfach ein etwas gemässigter Bolschewist. Einem solchen „Antimilitaris-
mus“ gegenüber kann der republikanisch-sozialistisch gefärbte neue Mili-
tarismus der Panzerkreuzer-Leute schon noch zur Not ein gutes Gewissen
bewahren. So wurde denn die Koalitionspolitik gerechtfertigt, ein „Wehrpro-
gramm“ aufgestellt, das eine etwas maskierte Billigung der Aufrüstung enthält,
das Ziel einer „Republikanisierung“ der Reichswehr aufgestellt, der man zu die-
sem Zwecke geben müsse, was sie nötig habe, kurz alles das preisgegeben,
was dem Sozialismus eine innere Ueberlegenheit und moralische Werbekraft
verleiht, so wurde die Weltauigabe, die der deutsche Sozialismus gerade jetzt
hätte, an kleine Machtvorteile der Stunde verraten, die Erstgeburt um ein
Linsengericht verkauft.
Es ist durchaus nötig, dass wir uns diese Sachlage unerbittlich klar”
machen: Der Sozialismus, der in Magdeburg gesiegt hat, der Sozialismus’
eines Hermann Müller und Karl Severing, ist, wie der eines Paul Boncour und’
Louis de Brouck£re, eine Blutaufirischung des Militarismus und Nationalismus.
Diese Leute sind darum die Wonne des militaristischen Bürgertums, Unsere
schweizerischen Bourgeoisblätter können sich vor Entzücken über sie kaum
fassen und dichten unsern „Marxisten“ einen Antimilitarismus an, von dem
sie leider weit entiernt sind. Es ist gewiss ganz unnötig gewesen, wenn
Hermann Müller (übrigens der sozialistische Hauptverräter in jenen ent-
scheidungsvollen Tagen Ende Juli und Anfangs August 1914!) sich gegen
den Vorwurf mangelnden nationalen Gefühls verteidigte. Aber es ist auch
festzustellen, dass die Argumente der Herren Müller, Dittmann, Severing
im Grunde genau die gleichen sind, wie die unserer „Marxisten“, die tun,
als ob sie Ursache hätten, sich über die Haltung der deutschen „Sozial-
patrioten“ zu entrüsten. Der ganze Unterschied besteht nur in der auf der einen
Seite etwas mehr radikalen, auf der andern etwas mehr revisionistischen Fär-
bung, nicht im Wesen der Sache. Mit den ganz gleichen Argumenten: dass
es imperialistische Staaten gebe, dass die Arbeiterschait vielleicht eines Ta-
ges die sozialistischen Errungenschaften mit der Waffe. in der Hand ver-
teidigen müsse und so fort, wehren sich die schweizerischen „Marxisten“
gegen unsern Antimilitarismus, wie die deutschen Genossen gegen den
deutschen. Und ebenso wie diese geben sie damit die Seele des Sozialis-
mus preis und rauben ihm die sittliche Ueberlegenheit gegenüber dem bür-
gerlichen Militarismus, die durch die geistlose Schimpferei über den Völker.
bund nicht wiedergewonnen wird.
302
Bi ? £ ’ « e ; ®“ ct? ÖR “ k : . >= Li.
ller Tage Ende. Nicht zu vergessen ist, dass der Parteitag
anz sicher nicht die Denkweise und Stimmung der
arstellt. Am solchen Tagungen überwiegen stets die
( re, die von dem herrschenden Regime abhängig sind. Und
auch im deutschen Sozialismus zu einem Umschwung kommen, der
jedanken und andere Männer obenauf bringt. Dazu kann vor allem
ie von England ausgegangene Wendung mächtig beitragen.
enn aus Deutschiand auf dieser Linie also bloss Versagen zu melden
;o bedeutet der sozialistische Sieg in Dänemark eine starke Unter-
ung der von England ausgehenden Entwicklung. Man erfährt, dass
eue sozialistisch-demokratische Mehrheit durchaus gesonnen ist, das
annte Programm einer vollständigen Abrüstung durchzuführen und all-
g bis zur Abschaffung eines widerstrebenden Herrenhauses fortzuschrei-
ten. Von diesen Sozialisten sind unsere Militaristen natürlich weniger
Kerbaut! MIFR
Nach Mitteilungen aus bester Quelle gestalten sich die dänischen Ab-
‚rüstungspläne folgendermassen:
„Armee und Flotte werden in eine Grenzpolizei und Staatsmarine verwan-
= delt, um Dänemark in Stand zu setzen, seine Pflichten als neutraler Staat und
= Mitglied des Völkerbundes in Uebereinstimmung mit den vorhandenen Rege-
_ lungen zu erfüllen. Die neuen Einrichtungen werden dem Ministerpräsi-
- denten untergeordnet. Das Kriegs- und Marineministerium werden abge-
- schafft. Die Festungen geschleiitt. Die allgemeine obligatorische Wehr-
- pflicht aufgehoben. Alle Männer über 20 Jahre werden jährlich registriert.
Wer weder für die Grenzpolizei noch für die Marine ausgebildet werden will,
muß davon den Behörden Mitteilung machen. Von den übrig bleibenden
tauglichen Männern wird jährlich die für den Dienst notwendige Zahl (1600)
ausgezogen. Freiwillige militärische Verbände sind untersagt.
Die vereinigte Stärke der Grenzpolizei und Marine soll 13,000 Mann
- betragen. Die Staatsmarine wird folgendermassen zusammen gesetzt sein:
6 Schiffe von nicht mehr als 8000 Tonnen, 24 Schilfe von nicht mehr als
3600 Tonnen, einige Minen- und Depotschiffe und 12 Kutter. Die jährlichen
Kosten für beide Einrichtungen sollen von 50 bis 60 auf 17 Millionen her-
| abgesetzt werden.
| * — Im Laufe des kommenden Winters wird sich zeigen, ob die schwache
| konservative Mehrheit im Senat sich dem bestimmten, durch die Wahlen
_ vom 24. April geäusserten Willen des Volkes zu widersetzen gedenkt. Sollte
| das der Fall sein, dann wird die grosse Verfassungsschlacht beginnen, die
_ von den beiden demokratischen Parteien unter der Losung: „Abschaffung des
_ Senates!“ ausgefochten werden wird. Ueber ihren schliesslichen Ausgang
kann kein Zweifel sein.“
4 Werfen wir noch einen raschen Blick auf die übrige Welt, so hat die-
ser Monat wenig Neues gebracht. In Asien geht der Kampi zwischen
der „Weltrevolution“ und der „Weltreaktion“ vorläufig weiter. Er steht
' in China wie in Afghanistan hinter dem Bürgerkrieg, Im Osten
und Südosten Europas nimmt ebenfalls das alte Spiel seinen Fortgang:
Mussolini mit Ungarn gegen die Kleine Entente, diplomatische Schritte der
2 303
%,
ws
Krieg zw
Gä
der Zeit bi det.
Seiten "befriedigt". Es fehlt uns die Kompetenz, um
zusagen ihren Eckstein bildet. Sie kann vielleicht auch eine Zitadelle des Kapi-
talismus und ein Zentraltempel der Mammonismus werden.
Es scheint: mir im übrigen nicht unwahrscheinlich, dass sich auch auf
diesem wirtschaftlichen Wege eine gewisse Einigung Europas, ja der gan-
zen Welt vollzieht, auf die allerdings kein Verlass wäre, wenn es bei ihr
allein bliebe. Der Zwiespalt wird nun immer mehr auf das soziale
Gebiet im weitesten Sinne („Rassenfragen“ inbegriffen) vorrücken. |
Das Zustandekommen dieses Ergebnisses scheint vorwiegend das Werk der
Amerikaner zu sein. Diese haben sich sogar zu der edlen Handbew
entschlossen, die der Verzicht auf 50 Millionen Dollar Besatzungskosten be-
deutet — was für sie bloss ein Trinkgeld ausmacht! Es bleibt im übrigen
die Tatsache eines unerhörten, durch viele Jahrzehnte gehenden Kriegs-
tributes des verarmten Europa an das unermesslich bereicherte Amerika.
Nach den nicht aufgehobenen Gesetzen der Weltordnung wird dieser Tribut
Amerika wenig Segen bringen. Und er wird sicher nicht viele Jahrzehnte
andauern! r
2. Militarismus und Antimilitarismus, Giftgas, Völkerversöhnung.
Wenn wir von dieser weltpolitischen Entwicklung her zu dem üblichen
Hin und Her des Kampfes zwischen den zwei Welten gelangen, so ist aus
dem Umschau-Monat etwa folgendes hervorzuheben.
. InCleveland in den Vereingten Staaten hat sich ein Unheil ereignet, das
eine ähnliche Bedeutung hat wie die vor einem Jahre geschehene Hamburger
Giitgaskatastrophe. In einem Spital sind giftige Gase explodiert. Etwa
125 der Insassen werden sofort getötet, viele andere schwer verletzt. Die
Giitgase entfalten ihre ganze, von unsern Militaristen so. viel gerühmte
Humanität. Scheinbar Gerettete fallen plötzlich um und sterben in ein paar
Minuten. Ihr Gesicht wird blau oder schwarz. Andern versucht man
. ‘).Dieses wird nun trotz seiner aufschiebenden Behandlung an der Ma- A |
drider Tagung des Völkerbundes sicher in rascheren Fluss geraten.
304
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E:
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an das,
lage f das Internationale R ot e
Geldmittel bittet, um einen wirk-
t, wo:
bevölk
»is dafür aussetzt, so haben viele das als eine arge Versün-
ir Aufgabe des Roten Kreuzes empfunden und darin die Geiahr
n anderer Stelle den Protest einer Reihe von antimilitaristischer Ver-
zungen gegen ein solches Vorgehen einer Institution, die selbst gegen
ftgase nur Proteste kennen sollte. ie
. Von diesen Giftgasen möchten freilich unsere Militaristen am liebsten
nichts hören und hören lassen. Sie sind ihnen äusserst unbequem. In-
zwischen bedienen sie selbst sich ihrer in gemeinster Form. Da die in
u Oberstenkreisen geplante Gesetzgebung gegen die Antimilitaristen wenig Aus-
" sichten hat, so versucht man es vorläufig auf andere Weise. Die Offliziers-
— gesellschaft des Kantons Zürich hat zu diesem Zwecke eine „Presse-Kor-
respondenz“ gegründet. Diese lässt unter der den Sachverhalt verhüllenden
‚Chiffre P.K. einen Artikel durch die Presse gehen, der neben absurden Be-
! Katastrophe in einen Beweis für die Harmlosigkeit der Giftgase) vor allem
die elendesten Verleumdungen gegen die so unbequeme Frl. Dr. Wocker und
- den Sekretär der „Zentralstelie“ enthalten. Das sind die Waifen dieser Ver-
treter der „nationalen Ehre“. E
Inzwischen hat im schweizerischen Nationalrat wieder eine Ab-
rüstungsdebatte stattgefunden, diesmal in Anknüpiung an die Rati-
fikation des Kelloggpaktes. Die sozialdemokratische Fraktion liess durch
Nationalrat Huber eine Motion stellen, die dem Rat Gelegenheit geben sollte,
zu zeigen, wie weit es ihm mit dem Kellogg-Pakte ernst sei. Die Motion
lud den Bundesrat ein, zu prüfen, ob nicht auf Grund der neuen Lage auch
in der Schweiz eine Abrüstung möglich sei. Die Probe fiel so deutlich als
"möglich aus. Auch nur die Prüfung dieser Frage lehnte der Rat mit allen
Stimmen gegen die der Sozialdemokraten und zweier Outsider ab. Die
taristen geraten sind, trat zum so und so vielten Male zu Tage und Herr
Motta repetierte mit abnehmendem Schwung seine Bern-Rede!')
. %) Ich kann mir nicht versagen, eine Aeusserung Dr. Hoppelers (der es
fertig brachte, gegen den Kellogg-Pakt zu stimmen) hierher zu setzen („Ev.
Volkszeitung“ Nr. 24). Wenn das, stimmt, was Dr. Hoppeler erzählt, dann
spricht es nicht gegen den Kellogg-Pakt, wohl aber sagt es sehr viel über ihn
selbst, unsere Nationalräte und die Schweizer! f
„Mittwoch Vormittag: Kellogg-Pakt! Soll ich viel darüber schreiben?
Soviel will ich sagen? Kein Mensch glaubt an die Wirksamkeit dieser neuesten
- — Kriegsächtung, die doch im Grunde ganz einfach ein Instrument der amerika-
“nischen Politik ist; und doch stimmte jedermann dafür. Ich habe während der
Kellogg-Debatten im Saale herum einige Stichproben gemacht. Zu einem, der
während der feurigen Rede von Bundesrat Motta ruhig an seinem Platze sass
und Zeitungen las, sage ich: „Wie, Sie sitzen gleichgültig hier, anstatt dem
gewaltigen Auigang der Kellogg-Sonne beizuwohnen?“ Knurrende Antwort:
„Das ist keine Sonne; das ist nicht einmal ein Mond!“ Ich interpelliere den
zweiten. „Eine grosse Kinderei“, lautet sein Urteil. Eine ostschweizerische
freisinnige Grösse frage ich: „Halten ‘Sie auch dafür, dass dieser Pakt die
Rettung der Welt bedeute?“ Antwort: „Ja, gewiss; aber nur bis zum näch-
sten Krieg.“ Es kommt eine führende Grösse der Katholisch-Konservativen
P
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3
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305
was
erung vor den Giftgasen suchen zu können
ung der Völker in trügerische Sicherheit erblickt. Wir _brin-.
hauptungen über den Giltgaskrieg (z.B. einer Umdichtung der Hamburger
gatıze tiefe Unwahrhaitigkeit der Stellung, in .die unsere Um-jeden-Preis-Mili-.
Was im übrigen den Kellogg-Pakt betrifft, so erwahrt sich ARE
vor Jahren gemachte Voraussage, dass er zwar augenblicklich (vor einiger
Jahren!) wenig bedeute, aber mit der Zeit eine grosse Wichtigkeit bekommer
könne. Wir müssen die Waffe, die man uns damit in die Hand gegeben hat,
benützen. In welchem Sinne das geschehen kann, zeigt folgender Artikel
der „Neuen Generation“ (1929, Heit 4/5): \ BB
„Aus dem Pariser internationalen Pakt zur Hansen des Krieges sind,
nach seiner Ratifizierung durch die beteiligten Staaten, dreierlei Konsequenzen
zu ziehen:
Die allgemeine Abrüstung. ;
Die Einbauung der Grundidee des Pakts in die Verfassungen der ein-
zelnen Staaten (Beseitigung des Rechts zur Kriegserklärung; Erklärung des
Kriegs zum Verbrechen). z
Die Einfügung von Paragraphen gegen Störung des Völkeririedens
in die Strafgesetzbücher; analog den Bestimmungen gegen Landfriedensbruch:
Bestimmungen gegen Weltfriedensbruch.
Die Gruppe Revolutionärer Pazifisten hat Ende vorigen Jahres straf-
rechtliche Bestimmungen gegen Weltiriedensbruch ausgearbeitet, und sie
brachte ihren Entwurf als Antrag beim Deutschen Friedenskartell ein. Das
Deutsche Friedenskartell betraute mit der Prüfung des Entwurfs eine Kommis-
sion, die aus Hellmuth v. Gerlach, Gertrud Baer, Professor Paul Oesterreich,
Justizrat Johannes Werthawer und dem Urheber des Entwuris, Dr. Kurt
Hiller, bestand. Der Entwurf wurde, mit geringfügigen Äenderungen, von
der Kommission einstimmig angenommen und fand dann auch die Zustim-
mung des Kartellpräsidiums. Er wurde am 4. Januar 1929 von Professor
Quidde, namens des Deutschen Friedenskartells, dem Strafrechtsausschusse
des Reichstags zugeleitet.
Nach diesem Entwurf soll in einem besonderen Abschnitt des neuen
Strafgesetzbuchs mit Strafe bedroht werden:
1. Wer einem ausländischen Staat oder Staatenbund den Krieg erklärt
oder im Widerspruch zum Völkerrecht kriegerische Handlungen anordnet
oder erölinet. 1
j 2 Wer an völkerrechtswidrigen kriegerischen Handlungen freiwillig teil-
nımmt,
3. Wer in Versammlungen oder in Druckschriften zum Krieg gegen einen
ausländischen Staat oder Staatenbund aufreizt.
4. Wer durch Fälschung oder Verfälschung Schriften, Zeichnungen oder
andere Gegenstände in der Absicht herstellt, sie in einer den Völkeririeden
gefährdenden Weise zu verwenden, oder wer wissend, dass sie gefälscht oder
verfälscht sind, sie verwendet.
5. Wer einen Deutschen mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt
oder mit gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Nachteilen zum Eintritt in
ın.“ Ein Radikaler: „Es ist keine Aufrichtigkeit dabei.“ Und lachend ein
freisinniger Welscher: „Igg glaube ggaine Wort an alle diese Sagge!“ Trotz-
dem bei der Eintretensabstimmung: Einstimmiges Ja, mit Ausnahme der Kom-
munisten, die nein stimmten, und unsere Wenigkeit, die sich der Stimme ent-
hielt. Ist das ehrliche Politik? Und kann aus solcher Politik Gutes kommen?
In der Schlussabstimmung blieb dann auch der katholische Basellandschäftler
Blarer trotz Zurufen seiner Fraktionsgenossen ostentativ sitzen, während Gelpke
mit Nein stimmte.“
306
‚Verbrechen nach Ziffer 1 sind mit der grössten Freiheitsstraie zu be-
_ drohen, die das Gesetz kennt.
Es fragt sich, ob und wie der Strafrechtsausschuss des Reichstags einen
gesetzgeberischen Gedanken aufnehmen wird, der zwar nichts als die logische
Schlussfolgerung aus dem Inhalt eines völkerrechtlichen Abkommens ist, das
der Reichstag selbst ratifiziert hat, der aber weder von den Parteien stammt
noch von der amerikanischen Regierung!“
An der Berner Diskussion war interessant, dass wieder das Argument
- auftauchte, das aller Wahrscheinlichkeit nach in der nächsten Zeit eine grosse
‚ und -verhängnisvolle Rolle spielen wird: dass unser Milizsystem der
‚eigentliche Weg zum Frieden sei, den alle Welt gehen müsse, wobei es natür-
lich unsere Aufgabe wäre, es recht liebevoll auszubauen. Dass man sich für
diese Behauptung vor allem auf Sozialisten berufen konnte (Boncour,
de Brouckere) war das Bittere an der Sache. Wir haben gegen diese Gefahr
von der „Zentralstelle“ aus neuerdings eine grosse und andauernde Aktion
unternommen.
Ungefähr diese Art Leute wird (Ausnahmen abgerechnet) wohl Her-
riot zugejubelt haben, als er jüngst in Zürich vor einer tausendköpfigen
Versammlung über die Versöhnung von Deutschland und Frankreich
sprach.. Dem Chronisten war es iniolge notgedrungener Abwesenheit von
Zürich nicht möglich, dieses Ereignis mitzuerleben.‘) Er freut sich über
Herriots Auftreten und Erfolg, aber was soll man von diesen seinen Zuhörerh
halten, die über seine Versöhnungsrede in Ekstase geraten, die aber weit-
aus zum grössten Teil in Wut gerieten. wen man ihnen die Abschaffung
unseres Heeres zumutete, dessen Notwendigkeit sie doch stets mit den schlech-
ten Kerlen jenseits der Grenzen begründen? Eine Heuchelei mehr! Und in
bezug auf diese ewige Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich
muss ich einmal offen erklären: Ich fürchte, man versöhne sich so oft und
so gründlich, dass ein Krieg dadurch fast notwendig werde.
Viel verheissungsvoller ist die sich mehrende Gewissheit, dass Hoover
auf seine Art eine ernsthafte Friedenspolitik betreiben will. Im schäristen
Widerspruch dazu steht die, von ihm freilich nicht verschuldete Tatsache,
dass Frau Rosica Schwimmer, der bekannten ungarischen Pazilistin,
durch Entscheid des obersten Gerichtshofes endgültig die Einbürgerung ver-
weigert worden ist, weil sie, die Frau (!), die Erklärung abgegeben hatte, dass
sie es ablehnen müsste, für die Verteidigung ihres neuen Vaterlandes Waf-
fen zu tragen. Da wird Hoover vor. der eigenen Tür wacker zu keh-
ren haben.
Erfreulich ist übrigens, dass der Beitritt der Vereinigten Staaten zum
Internationalen Gerichtshof nun beschlossene Sache zu sein
scheint.
: 3. Soziales und Sozialistisches.
Der Kommunismus hat von Moskau neue „Richtlinien“ bekommen,
die zu einer Verschärfung seiner Taktik auffordern. Die Berliner Ereignisse
scheinen bereits eine Anwendung davon gewesen zu sein. Bei uns soll in-
folge davon der 1. August wacker kommunistisch ausgenützt werden. Nichts
könnte unserem Bürgertum willkommener sein, und der ausgeleierte, in Phrase
und Festhumbug versimpelte 1. August kann eine solche Auffrischung auch
brauchen. Dass eine Reihe von kommunistischen Radikalinski durch diese
neuen Weisungen zu halben Bourgeois gestempelt worden sind (und solche
sind sie ja auch!) entspricht den alten Gesetzen solcher Bewegungen. _
Der Faschismus in Italien aber richtet unter dem Namen einer
„Spezialdienst-Reserve“ eine richtige terroristische Geheimpolizei (,Tscheka“)
ein, Gewiss weil er sich seiner Herrschaft gar so sicher fühlt! Er gesteht
) Doch hat er die gedruckte Rede bereits gelesen.
307
auch zu, dass er mit seinen faschistischen Gewerkschaiten trotz aller
hilfe mit Rizinusöl oder Zuckerbrot doch die sozialistische Arbeiterschait
nicht gewonnnen hat. r B>
"Ganz böse Berichte kommen fortwährend über den Stand der Land-
wirtschaft, besonders in einigen Teilen Deutschlands. Es scheint vor
allem an Absatz der Produkte und an Betriebskapital zu fehlen. Eine In-
ternationale Landwirtschaftskonierenz in Bukarest, an der
Professor Laur offenbar eine grosse Rolle spielte, suchte Abhilfe besonder:
für die erstere Not. H a
Auf der Arbeitskonferenz in Genf wurde sklavenähnlice Zwangs-
arbeit als an mancherlei Orten noch fortdauernd festgestellt und gegeisselt.
4. Kirchliches.
Dass die Lateranverträge für das Papsttum eine schwere moralische Nieder-
lage bedeuten, wird mit jedem Tag klarer. Der Wortwechsel zwischen Papst
und Duce, der einen sehr scharfen und höhnischen Ton annahm und später
nur wieder ein wenig verzuckert wurde, ohne dass dadurch die Wirklichkeit
der Dinge geändert worden wäre, beleuchtet den Sachverhalt mit aller Deut-
lichkeit. Den Schlüssel zu diesem schweren Fehlgrifi des Vatikans bildet der
Ausspruch des Papstes, dass er mit dem Teufel in Unterhandlungen träte, wenn
er von ihm Vorteile für die christlich-kirchlichen Bestrebungen erlangen könnte,
Ein solches Wort ist eine Kirchengeschichte in nuce!
Dafür soll man in Frankreich bei einer Feier zu Ehren der Jungfrau
von Orleans in dieser Stadt wieder die „Papsthyınne“ gesungen haben. Und in
Mexiko soll der Kirchenfrieden wirklich vor der Türe stehen. Auch das
preussische Konkordat sei so ziemlich unter Dach.
Der Weltbund der reformierten Kirchen soll (zum zweiten
Mal) vom 18. bis 27. Juni in Boston stattfinden.
Gegen unsern Freund, Pfarrer Eckert in Mannheim, ist wegen seinen
scharfen Aeusserungen gegen die Kirchen, besonders ihre „Liebstätigkeit“, ein
Disziplinarverfahren eröffnet worden. Wir werden darauf zurückkommen.
Nicht ohne allgemeines Interesse sind die Vorgänge, die sich in der aar-
gauischen Gemeinde Safenwil abspielen. In dieser durch die Wirksamkeit
Karl Barths bekannt gewordenen Gemeinde amtet ein junger Pfarrer, der sich °
zum Sozialismus bekennt und auch nicht gerade in der Verherrlichung der °
Armee eine Hauptaufgabe der Vertretung des Evangeliums erblickt. Gegen ihn
erhob sich eine immer schärfer werdende Opposition des industriellen Ge-
meindegewaltigen und seines Anhangs, die sich bis zum Austritt aus der Lan-
deskirche und zur Bildung eines eigenen „Kultusvereins“ entwickelte, dem ein
Pfarrer aus einer andern Koniession sich zur Verfügung stellte. Die Sache °
schien kritisch zu sein, da diese Ausgetretenen auch die stärkste Steuerkrait
der Gemeinde repräsentieren. Man weiss ja, was das bedeutet! Und nun ist
geschehen, dass trotzdem der so hart angefochtene Pfarrer mit grosser Mehr-
heit wiedergewählt worden ist. Ganz und gar herrschen in der Schweiz doch
noch nicht die neuen Landvögte.
f
5. Schweizerisches.
. Von spezifisch schweizerischen Begebenheiten dürfen diesmal zwei er-
ireuli che genannt werden.
Das ist einmal das Ergebnis der Petition um das Frauenstimm-
recht. Es ist günstiger ausgefallen, als viele erwartet hatten. Rund 250.000
Schweizer, davon etwa 80,000 Männer, haben ihre Unterschrift für diesen not-
wendigen Ausbau der Demokratie gegeben. Die Opposition unseres offiziösen
schweizerischen Katholizismus (der dafür Spielbanken und Branntwein unter
seinen Schutz nimmt) hat dieses Ergebnis nicht zu verhindern vermocht. Die
Fabel, dass die Frauen selbst dieses Recht nicht wollten, ist damit widerlegt.
308
Woher mag wohl dieser Umschwung kommen? Vor allem doch wohl aus der
Empfindung vieler Frauen, dass es mit dem öffentlichen Wesen übel stehe
_ und ihr Eintreten notwendig sei. Interessant war die Mitteilung einer ‚der
- Führerinnen der Bewegung, dass man die Unterschrift der Frauen am leich-
. testen bekommen konnte, wenn man ihnen erklärte, das Stimmrecht würde den
, Frauen ermöglichen, gegen Krieg.und Alkohol und für die Erziehung etwas
- Rechtes zu.tun. -
Im Bundeshaus sind die Frauen mit ihren Unterschriftenpaketen sauer-süss
empfangen und mit den dort üblichen amtlichen Phrasen abgespeist worden.
Während man in andern Parlamenten die Ritterlichkeit gehabt hätte, sie in
voller Sitzung zu empfangen, wurden sie im Lande der Gertrud Stauffacher
_ in einem Kommissionsstübchen „erledigt“. An schlechten Witzen der Herren
wird es nicht gefehlt haben. Doch scheinen die Frauen — wenigstens viele
von ihnen — die Genügsamkeit zu teilen, die in der „ältesten Demokratie“
- üblich geworden ist. Sobald ein Magistrat von seiner Wolkenhöhe herab
' ein paar nicht allzu unfreundliche oder allzu dumme Worte spricht, so sind
die Söhne und Töchter Tells ganz hin. Wenn man aber so weit geht, den
bescheidenen Demonstrationszug der Frauen zum Bundeshaus als „Bittgang“
zu entschuldigen, so ist das schon Servilismus. Möchten die Frauen bald da-
von loskommen! Leider wird der Berner Empfang die Frauen nicht davon ab-
— halten, in ihrem Hauptorgan auch künftig gerade die Politik dieses Bundes-
— rates vertreten zu lassen. Doch davon und von allerlei anderem, das damit zu
sammenhängt, später einmal. Für heute soll diese Sache als eine der wenigen
schweizerischen Herzstärkungen dieser Periode mit Freuden anerkannt sein.
Sehr erfreulich ist ferner, dass eine grosse Volksversammlung in Bellin-
zona sehr oifen und energisch mit dm Faschismus und seinen schweize-
— rischen Freunden mit oder ohne Amt, besonders mit Bundesrat Motta, ins
Di Een gegangen ist. Diese italienischen Eidgenossen haben noch Blut in den
© Adern.
Soll ich vielleicht noch den schweizerischen Tag der sogenannten ra-
-dikal-demokratischen (das heisst: konservativ-reaktionären) Partei
nennen, und zwar als erireuliches Zeichen, insofern, als er sich genötigt
sah, ein wenig in sozialer Gesinnung zu schauspielern. was man als Symptom
“ einer Aenderung des politischen Wetterstandes betrachten könnte? Meinet-
wegen!
6. Kulturelles und Unkulturelles.
Nachdem wir vor kurzem die deutschen Ausgaben für Alkohol und
"Verwandtes durch Zahlen illustriert, soll es nun mit den englischen ge-
schehen, allerdings nur in Bezug auf den Alkohol. In England wurden 1928
5764 Millionen Mark für Alkohol ausgegeben (1927 noch etwas mehr, nämlich
5976 Millionen Mark, also fast 6 Milliarden). Da die Bevölkerung des Vereinigten
Königreiches rund 44,400,000 Seelen zählt, werden rund 130 Mark jährlich auf den
Kopf für alkoholische Getränke ausgegeben. Die Steuern auf Alkohol machen
2483 Millionen Mark aus, zu denen noch 90 Millionen für Lizenzen an Spiri-
tuosenhändler kommen. Solchen Zahlen gegenüber ist es gewiss eine sehr be-
rechtigte Demonstration, wenn die englische Botschaft in Washington freiwillig
auf das Recht der Exterritorialität verzichtet und den Alkohol aus ihren Räu-
men verbannt.
h Neben dem Alkohol spielen andere Rauschgiite eine wachsende Rolle. In
der Nähe von Wien wurde letzthin eine Stätte entdeckt, wo eine Gesellschaft
moderner „Lebemänner“ jahrelang Orgien feierte, deren Element das Ko-
kain war. Dergleichen gibt es wohl in der heutigen Welt viel. -
In die Nachbarschaft solcher Erscheinungen gehört die Tatsache, dass in
Paris gegenwärtig nicht weniger als 128 Banquiers wegen unlauteren
Operationen gefangen sitzen und in Berlin der Sohn Stinnes wegen Riesen-
betrug vor Gericht steht. In Limoges ist es zu einem völligen Volksauf-
309
Stils nicht das Todesurteil getroffen hat.
"des Wortes begangen worden ist. Eine neue Warnung vor der To
- stiegen, wozu natürlich die drei- bis vierfache Zahl von schwer Verletzte,
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stand gekommen, weil einen neureichen Mö
In Mecklenburg-Strelitz dagegen hat sich heraus stellt, d
russischen Gefangenen Jakubowsky wirklich ein Justizmord
- In Wien fand ein internationaler Tierschutzkongress statt. Pi
Hunde, Katzen, Hausvögel bewegten sich in langem Demonstrations; ug. D
hätte wohl Julie Schlosser Freude gehabt, auf deren in der „Christlichen
(1929, Nr. 1 und 2) erschienenen Aufsatz „Wir und die Kreatur“ bei die
Anlass aufmerksam gemacht sei. l ‘“
Immer dringender nötig ist aber dr Menschenschutz. Und
besonders vor dem modernen Strassenteufel. In der Schweiz ist nun die
der Todesfälle, die das Auto verschuldet, auf mehr als einen jeden Ta,
kommt. In der grossen Mehrzahl der Fälle ist unsinniges Fahren, oft durcl
ganze oder halbe Betrunkenheit veranlasst, Schuld an dem Unheil. Aber mi
einem Fatalismus, der schon ein psychologisches Rätsel ist, willigt die Masse in
diesen Bluttribut an einen modernen Moloch. Letzthin hat in Zürich ein solcher
Motorbesessener die zwei Knaben einer Proletarierfamilie auf einmal über-
fahren und getötet. Wenn das der Sohn eines Redaktors der „Neuen Zürcheı
Zeitung“ gewesen wäre, dann hätte es vielleicht einmal einen Anlauf zu ge-
setzlicher Verhinderung dieses unerhörten Frevels gegeben, so aber bleibts
bei einer kurzen Aufwallung des „Volkszorns“, um die sich diese Autogesell-
schaft herzlich wenig schert und einer sicher ebenso unschädlichen Motion
ım Stadtrat. Man sollte annehmen, dass besonders der Sozialismus als Sprecheı
des Proletariates, dessen Kinder hauptsächlich die Opfer dieses Molochs sind,
sich rege. Vergebliche Erwartung! Die Vergötterung des „technischen Fort-
schrittes“, der diese Kreise beherrscht, und andere Umstände lähmen
Aktion der Menschlichkeit. Es ıst übrigens ja nicht nur das nackte Le
selbst, das tagtäglich durch diese unerhörte Verhöhnung aller menschlichen
und göttlichen Ordnung gefährdet wird, auch die Nachtruhe wird durch diesen
von seinen Schmäusen und Trinkereien (oder Schlimmerem) heimkehrenden
Autopöbel für ganze Quartiere und ganze Gegenden, besonders in der „schö-
nen“ Jahreszeit, Nacht für Nacht verstört. Um von allem andern zu schweigen!
Sollte wirklich nicht mehr genug Gottesfurcht und Menschenliebe, Mut, Glaube,
Freiheitssinn, Demokratie unter uns sein, dass endlich der Widerstand gegen
diesen Dämonenkultus erwachte?
13. Juni. ER,
2
Die Abrüstungspolitik der englischen Arbeiter-Regierung. Wir geben
zur Charakteristik der englischen Arbeiter-Regierung einiges aus ihrer Pro-
grammschrift („Labour and the Nation“) wieder, die im Namen der Partei .
von Macdonald herausgegeben worden ist. Und zwar wollen wir uns diesmal
auf die Stellen beschränken, welche von ihrer Abrüstungspolitik har:
deln, uns vorbehaltend, ein andermal mehr solche zu bringen, die ihre innere :
Politik und ihren Sozialismus beleuchten, 2
. „Wir wirken mit den Arbeiterbewegungen und sozialistischen Organisa- :
tionen anderer Länder zusammen und unterstützen die Bildung einer Völkeı
verbindung für die Aufrechterhaltung von Frieden und Freiheit, für die Schaf -
fung eines geeigneten Apparates zur Ordnung und Beilegung von internatio- -
nalen Streitigkeiten durch Vermittlung und Schiedsgericht und für eine durch- -
führbare internationale Gesetzgebung.“ (Parteistatuten 1918.) E
.. „Mehr als irgend eine andere Nation lebt Grossbritannien von seinen
internationalen Beziehungen. Da es gleichzeitig ein Teil von Europa und doch
von diesem getrennt ist, da es weder abseits in einsamer Isolierung lebt, ;
noch mit den Augen bloss auf seine Grenzen gerichtet, ist es in einer ganz
310
Fa
be,
? gedenkt ihre Macht zu gebrauchen, um Frieden; .
eit zu schaffen, durch die Entiernung der letzten Ur-
omische Kooperation vermittelst des Völkerbundes, und durch gegen-
Abmachungen mit Staaten, die nicht Mitglieder des Bundes sind.“
„Ein Komitee für die nationale Verteidigung hat schon lange bestanden,
- um das Kabinett in Fragen der Strategie und militärischen Organisationen zu
ten. Aber trotzdem die Probleme des Friedens für die Nation lebens-
- wichtiger sind als die des Krieges, haben die kapitalistischen Regierungen es
bisher nicht für-nötig gehalten, den ersteren die gleiche unablässige Auimerk-
samkeit und stetige Vorbereitung zu widmen, die sie den letzteren gewährten.
- Die Arbeiter-Partei wird es sich angelegen sein lassen, dieses Versäumnis un-
verzüglich gutzumachen. Sie wird eine ständige Organisation schaffen, durch
welche wissenschaftliche Erkenntnis und technische Geschicklichkeit aufgeboten }
‚werden, um die Organisation der Industrie zu verbessern, den wirtschaftlichen A
Ertrag zu vermehren und die ganze Lebenshaltung des Gemeinwesens zu
© erhöhen.“ _ ;
3 „In den auswärtigen Angelegenheiten vertritt die Arbeiter-Partei den
| - Standpunkt, dass die Lebensinteressen der Welt, die wirtschaftlichen wie die
' politischen, die gemeinsamen Interessen aller Völker sind. Sie glaubt, dass
ım allgemeinen der Gewinn einer Nation aller Nationen Gewinn und. der
Verlust einer Nation aller Nationen Verlust sei. In Verfolgung der logischen
= Konsequenzen dieses Standpunktes, verwirit die Arbeiterpartei ganz und gar
ı die Grundsätze der alten Diplomatie und die Politik, welche vor dem Kriege
h die internationalen Beziehungen beherrschten. Diese Grundsätze nahmen an,
| dass das, was für eine Nation Gewinn sei, für alle andern Nationen notwen-
, digerweise Verlust sein müsse, und dass jeder Staat beständig seine eigenen
i
|
|
‚materiellen Interessen auf Kosten anderer Völker wahren müsse, wenn nötig
durch Trug oder Gewalt. An Stelle von Erregung von Konflikten und An-
wendung von: Gewalt will die Arbeiter-Partei durch internationale Zusam-
‚menarbeit Frieden schaffen.“
„Das ganze Gebäude des Friedens und einer auswärtigen Politik der Zu-
“ sammenarbeit muss fest auf die Grundlage des Völkerbundes gestellt werden.
Die Arbeiter-Regierung wird durch die Organisation des Bundes mit allen
_ andern Regierungen zusammenarbeiten, um die gemeinsamen Interessen der
"Welt zu fördern. Sie wird diese Organisation benützen, um friedlich alle inter-
nationalen Streitigkeiten beizulegen, um was für Interessen und Mächte immer
es sich handeln möge. Mit dem Beistand der Regierungen der Dominions,
deren Beteiligung an der auswärtigen Politik die Arbeiter-Partei aufs wärmste
begrüsst, wird sie den ganzen Einfluss des Britischen Reiches benützen, um
eine möglichst vollständige Anwendung und weitere Entwicklung des Bundes
zu sichern, auf dass alle Organe des Bundes, die politischen, ökonomischen
und technischen, die praktischen Ergebnisse einer kraftvollen Aktivität errei-
; chen mögen.
a Auf diese Weise soll das Haus des Friedens und der Arbeiterpolitik auf
das Fundament des Völkerbundes gebaut werden. Es soll getragen sein von
In folgenden sechs Grundsätzen, die man die sechs Pfeiler des Friedens nennen
könnte.
f 1. Der Verzicht aufden Krieg. Der erste Pfeiler des Friedens
besteht in einer Massregel, zu welcher die Arbeiterpartei schon lange gedrängt
u
er
311
. wirtschaftliche Kooperation. Die Arbeiter-Partei erblickt in den wirtschaft-
74
hat. Es ist, um den Ausdruck zu gebrauchen, der neuerdings durch die R
rung, der Vereinigten Staaten üblich geworden ist, der durch einen interna
nalen Vertrag ausgesprochene vollständige Verzicht auf das Recht, den Krii
als Mittel nationaler Politik zu ee Er ist eine notwendige Ergänzung
und Vervollkommnung des Völkerbundspaktes. Er wird eine feste Grundlage
für friedliche Beziehungen und Zusammenarbeit mit den Vereinigten ‚Staaten,
bieten. a.
2. Abrüstung. Der zweite Pieiler ist die Abrüstung. Es ist die
Politik der Arbeiter-Regierung, Grossbritanniens Verpflichtungen durch ein
internationales Abkommen über ein radikales Abrüstungsprogramm auszu-
lösen. Der Zweck einer solchen Politik ist nicht, die Regierung in den Stand
zu setzen, so wohlfeil als möglich doch die Macht zu behalten, ihre Ziele
mit Walfengewalt zu erreichen, sondern überhaupt das Element der Gewalt
aus den internationalen Beziehungen zu tilgen. Die Arbeiter-Regierung wird
daher nicht zufrieden sein, bis alle Nationen gegenseitig übereingekommen 7
sind, ihre Rüstungen auf das Minimum zu reduzieren, das für die Aufrecht-
erhaltung der nationalen und internationalen Ordnung notwendig ist, und bis
die scheusslichen modernen Zerstörungswerkzeuge, die geradezu die Existenz
der westlichen Zivilisation bedrohen, vollständig geächtet und zerstört sind.
3. Schiedsgericht. Der dritte Pieiler ist eine umfassende internatio-
nale Schiedsgerichtsbarkeit. Eine Arbeiter-Regierung würde die fakultative
Klausel unterzeichnen, was die Pflicht einschliesst, alle rechtlichen Streitig-
keiten, in welche Grossbritannien verwickelt werden kann, dem Ständigen In-
ternationalen Gerichtshof zu unterbreiten. Sie würde, falls dies als wünschens-
wert erschiene, das Angebot machen, allgemeine Schiedsgerichtsverträge, die”
sich auf alle Streitigkeiten ohne Unterschied bezögen, mit jedem Staate abzu-
schliessen, der bereit wäre, das gleiche zu tun.
Verzicht auf den Krieg, Abrüstung und Schiedsgericht sind nur die drei
Seiten einer und derselben Politik; jede ergänzt und unterstützt die andere.
Die Arbeiterpartei ist überzeugt, dass sie zusammen, mit den Bürgschaften des
Paktes verbunden, den Krieg aufheben und so die völlige Lösung des lebens-
wichtigen Problems der nationalen Sicherheit in Europa herbeiführen werden.
4. Wirschaftliche Kooperation. Der vierte Friedenspfeiler ist
lichen Beziehungen der Staaten und Völker die Sphäre, in welcher Zusam-
menarbeit ganz sicher die gemeinsamen Interessen besser jördern wird als”
Streit. Bei diesem Werke wird sie versuchen, von der durch den Völkerbund”
geschaffenen Internationalen Arbeitsorganisation so ausgiebigen Gebrauch
als nur möglich zu machen. Sie wird entsprechend den Empfehlungen der”
Internationalen Wirtschaitskonferenz von 1927 versuchen, eine wirtschaftliche
Zusammenarbeit aller Völker zu fördern. Durch internationale Zusammen-.
arbeit und durch Beseitigung statt Vermehrung der Hindernisse für den Handel,
wird sie den auswärtigen Handel ermutigen, von welchem die britische Indu-
strie abhängt, und auf diese Weise zu der Lösung des Problems der Arbeits-
losigkeit beitragen, das heute unsere Exportindustrien beherrscht.
‚5. Oeitentlichkeit. Der fünfte Pfeiler des Friedens ist Oeffentlich-
keit — die vollste Oeifentlichkeit, sowohl im Parlament als im Rat, in der Ver-
sammlung und den andern Organen des Völkerbundes. Die Arbeiter-Regierung
würde für alle internationalen Abkommen um die Zustimmung des Unterhauses
einkommen und dafür besorgt sein, dass das Publikum über die Behandlung
der auswärtigen Angelegerheiten völlig informiert wäre.
‚6. Politische Zusammenarbeit. Der sechste Friedenspfeiler
ist von äusserster Wichtigkeit. Es ist eine Politik von vorbehaltloser politi-
scher Zusammenarbeit mit allen andern Völkern, Staaten und Regierungen der
Welt. Die Tragweite einer solchen Politik ist sehr gross — sie erstreckt sich
auf die nationalen, internationalen und imperialen Probleme. Sie schliesst
312
menarbeit mit dem Völkerbund zu politischer und ökonomi-
tischer Mächte, sondern im Interesse des chinesischen Volkes und
der ganzen übrigen Welt. Sie bedeutet die Regelung von bestehenden Fragen
len Völkern auf der Grundlage des gemeinsamen. Interesses und nicht
er Grundlage von Macht und Gewalt und einen wirklichen Versuch,
_ stehen, zu einem allgemeinen zu machen.“ (Fortsetzung folgt.)
‚Umser Protest gegen das Rote Kreuz. „Durch die Zeitungen geht ein
Aufruf, in dem Sie auf die Geiahren hinweisen, den der drohende Giftgas-
krieg besonders für die Zivilbevölkerung bedeute. An Stelle des Schlusses
_ aus dieser Tatsache, den man gerade von Ihnen erwartete: eines Aufrufes zum
Krieg gegen den Krieg überhaupt, kommt die überraschende Aufforderung,
dass Geldmittel gesammelt werden sollten, damit für einen genügenden Schutz
|
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j:
der Zivilbevölkerung gegen den Giftgaskrieg gesorgt werden könne. Sie stel-
len sogar eine Preisaufgabe, die diesem Zwecke dienen soll. Ueber dieses
Vorgehen müssen sich alle diejenigen im höchsten Grade wundern, die einer-
seits eine hohe Vorstellung von der Auigabe des Roten Kreuzes haben, an-
derseits aber auch wissen, was der Gaskrieg bedeutet. Es muss den Leitern .
> des Roten Kreuzes doch klar sein, dass auch in diesem Falle, und zwar in
| ungeheurem Masse, das Wort gilt, dass Verhütung besser ist als Gutmachung.
- Was aber den Gaskrieg anbetrifit, so ist es nicht nur die furchtbarste Ver-
ü - höhnung des Kreuzeszeichens, sondern es ist auch der Gedanke an einen
| — "wirksamen Schutz dagegen eine sowohl tragische als lächerliche Utopie, mit
j welcher Menschen, die den ganzen Ernst dieser Sache kennen und noch dazu
eine besondere Verantwortlichkeit haben, sich gar nicht einlassen dürfen. Sie
| haben doch gewiss von dem Kongress gegen den Giltgaskrieg vernommen,
den die Frauenliga für Frieden und Freiheit vor kurzem in Frankfurt a.M.
| abgehalten hat. Dieser Kongress, an dem wissenschaftliche und militärische
| = Fachmänner von der höchsten Kompetenz das Wort führten, ist zu dem ganz
| unzweideutigen Ergebnis gelangt, dass es einen ernsthaft in Be-
Betracht kommenden Schutz gegen den Giitgaskrieg
für die Zivilbevölkerung nicht gibt. Vielleicht noch autorita-
tiver für Sie ist aber die Ansicht der von Ihnen selbst eingesetzten Interna-
tionalen Kommission von Sachverständigen. Wenn man im Protokoll der vom
16. bis 19. Januar 1928 in Brüssel abgehaltenen Sitzungen dieser Kommis-
= sion (im Wesentlichen wiedergegeben in der Monatsschrift deutscher Aerz-
_ innen, März 1929) liest, was diese Sachverständigen vorzuschlagen wissen,
so ist jedem Leser mit gesundem Menschenverstand klar, dass diese Vor-
schläge ‚ebenfalls eines beweisen: es gibt einen solchen Schutz, der etwas wert
wäre, vielleicht für die Soldaten, aber nicht für die Zivilbevölkerung. Die Zi-
— — vilbevölkerung wäre, wenn der Giitgaskrieg über sie kommen sollte, verloren,
— wehrlos der Hölle ausgeliefert.
Im Angesicht dieser Sachlage müssen wir es als verhängnisvolle und
unverantwortliche Täuschung der Völker erklären, wenn man in ihnen die
Meinung weckt, als ob es einen Schutz gegen diese Gefahr gebe. Wir fühlen
es dem gegenüber als Pflicht, gegen Ihr Vorgehen Verwahrung einzulegen
313
ng gelange, und zwar nicht im Interesse von Finanzgruppen
ölkerbund durch den Eintritt derjenigen Nationen, die jetzt noch beiseite
Wü
Sy
Er
tr
5 >
- Verhinderung des Krieges selbst. Die G
tungswerten Beweggründen gehandelt hat. Das Gericht aber entschied:
und statt zur Sammlung
auf den einzigen wirklichen Schu
wer gewaltig, Verstand, Herz und Gewissen der Völker ergre
Welt ruft: { . LEN
ur Kein Krieg mehr!“ 4
Schweiz. Zentralstelle für Friedensarbeit..
Frauenliga für Frieden und Freiheit (Schweiz. Zw
Arbeitsgemeinschaft antimilitaristischer Zürcher Lehre
Vereinigung antimilitaristischer Pfarrer der Schweiz.
#
Wiederum verurteilt, Roger Wuilleumier, Bäcker in Chaux-de-
Fonds, ist zum zweitenmal nicht in die Rekrutenschule gegangen. Das Di
sionsgericht 2a in Neuenburg hat ihn dafür am 5. Juni zu 2% Mon:
Gefängnis verknurrt und ihm die bürgerlichen Ehrenrechte für
weitere 3 Jahre entzogen. — Am gleichen Tage, ein paar Stunden vor-
her, hatte der Nationalrat last einstimmig den Beitritt zum Kellogg-Pakt
schlossen, „feierlich im Namen des Schweizervolkes“ den Krieg verurteilt!
Weniger Feierlichkeit, dafür grössere Wahrhaftigkeit, wäre uns lieber. Ein
Umstand bei diesem Gerichtsentscheid ist besonders skandalös. Der Ver-
teidiger, Paul Graber, Vizepräsident des Nationalrates, ersuchte das
Gericht um Anwendung von Art. 45 des Militärstrafgesetzes, der dem Richter
das Recht gibt, die Strafe zu mildern, wenn der Angeklagte aus ach-
Dieser Artikel gibt dem Richter nur de Möglichkeit, achtungswerte
Gründe anzuerkennen. Es ist aber nicht angezeigt, von dieser Mög-
lichkeit in diesem Falle Gebrauch zu machen.“ _
Es ist nicht angezeigt, den zur Tat drängenden Abscheu vor dem Krieg
als achtungswert anzuerkennen, — weil wir den Krieg offiziell und feierlich
geächtet haben! So etwas nennt sich Rechtsprechung.
Auch Paul Kessler, Fabrikarbeiter in Steckborn, stand zum zweiten
Mai vor Militärgericht. Seit vier Jahren verweigert er die Schiesspflicht und
die Inspektion. 1925 wurde er dafür mit 6 Tagen Arrest disziplinarisch be-
straft und im Oktober 1927 vom Militärgericht zu 3 Wochen Gefängnis und
1 Jahr Einstellung im Aktivbürgerrecht verurteilt. Das Divisionsgericht 6a
in St. Gallen hat nun erneut am 17. Juni gegen ihn eine Gefängnisstrafe
von 4 Wochen und den Entzug der bürgerlichen Ehren für
1 Jahr verfügt. Die Richter habeı in erireulicher Weise versucht, den An-
geklagten zu verstehen. Sie haben rückhaltlos die Ehrenhaftigkeit, die Ehr-
lichkeit der Ueberzeugung anerkannt und daher vom Milderungsrecht des
Artikel 45 Gebrauch gemacht. Leider hat auch das St. Galler Gericht trotz-
dem nicht den Mut geiunden, als erstes von der bisher stets befolgten „grund-
sätzlichen Gerichtspraxis“ des Entzugs der Ehrenrechte abzuweichen. Einen
schroffen, irritierenden Ton in die Verhandlungen brachte einzig die Replik
des Anklägers, Major Lenzlinger-St. Gailen, der das Wort von Generaloberst
von Seeckt zitierte:
„Pazifismus ist ein entehrendes Schlagwort... Der Pazifist ge-
hört noch immer andie Laterne, wenn es auch nur
eine moralische ist.“
Dieser militaristische Ausfall kam umso unerwarteter, als vorher der -
Herr Ankläger selber auch ieststellte: Paul Kesslers Einstellung zum Militär
entspringe durchaus „ehrbaren Motiven“. Seit wann gehören in einer Demo-
kratie rechtschafiene Menschen mit durchaus ehrbaren Motiven an die Laterne?
Seit wir den Krieg feierlich geächtet haben?
» Paul Kesslers Verteidiger, der Dichter Traugott Vogel, Lehrer
in Zürich, hat ein Wort ausgesprochen, das uns alle angeht: „Wir müssen
314 i
REP EIER VIREN
NZ >
flikt- geraten zu müs-
a Georg Früh.
'rauer -Tag. Es gehört schon ein Stücklein Mangel an Takt-
m als christliche Kirche den Tag der Unterzeichnung
dens als Trauertag zu begehen. Der Deutsche
sche Kirchen-Ausschuss fügt der evangelischen Be-
ng Deutschlands vor der gesamten Welt das zu, dass er sie zu einem
tag für den Tag der Unterzeichnung des Friedens von Versailles
lie es nicht für einen Christen selbstverständlich sein, dass Friedens-
s irgend ein Stücklein Freude mit sich bringt, selbst wenn der Friedens-
ss nur ein Anfang zum Werden von wirklichem Frieden ist, selbst wenn
Frieden von uns die schwersten Opfer verlangt und von uns verlangt, dass
P\ e = einem sehr schweren, opferreichen Weg den vollen Frieden schaffen
- helfen? '
Der Deutsche Evangelische Kirchen-Ausschuss denkt nicht an den Frieden,
- der zu Versailles geschlossen worden ist. Er denkt nur an das Eine:
E „Mit allen gerecht Denkenden hält der Kirchen-Ausschuss das Erzwingen
7» eines Schuldbekenntnisses durch äusserste Gewalt für verwerflich.“
Und weil dem deutschen Volk mit dem Frieden zugleich ein Unrecht an-
‚getan ist, glauben die Menschen, die kraft ihrer Stellung verpflichtet sind,
dem deutschen Volk das Evangelium zu verkünden, das Recht zu haben, nur
an dies uns angetane Unrecht zu denken, nicht an die Aufgabe, die uns, die
dem gesamten deutschen Volk gestellt ist, nicht an den Willen zum Frieden,
den wir trotz dieses Unrechtes aufbringen müssen, wenn wir Christen sind.
Der D.E.K.-A. steht mit den Kreisen des deutschen Volkes, die sich mit
- Vorliebe als die Träger frommer Gesinnung ansehen, völlig unerlöst unter
_ der Herrschaft der Bitterkeit und nationalistischen Verhetzung, die über der
äussern Demütigung, die unserm Volke widerfahren ist, die unendlich heilige
und grosse Weltaufgabe nicht sieht, die mit dieser Demütigung dem deutschen
Volke gesteilt ist, zu vergeben, zu vergessen, zu arbeiten, dass nun gerade
da der Friede werde, wo die Ändern gegen ihn sündigen.
— Und so stellt sich auch der Deutsche Evangelische Kirchen-Ausschuss
ganz und gar in die Reihe derer, die diese grosse heilige Weltauigabe des
deutschen Volkes um jeden Preis stören, weil sie fürchten, dass dadurch das
gestört wird, was sie in ihrem nationalistischen Grössenwahn als des deut-
schen Volkes Lebensrecht ansehen. Den Tag der Unterzeichnung
des Friedens nach dem grausigsten Kriege der Weltgeschichte machen
die Behörden von christlichen Kirchen zu einem Tag nationalisti-
scher Hetze, als Bundesgenossen stellen sie sich zu denen, die eng und
klein über nationaler Selbstsucht die Friedensaufgabe unseres Volkes nicht
sehen können, nicht sehen wollen. — Dieser Erlass ist direkt ein
Aufruf an die sämtlichen deutschen Pfarrer, statt der
“Verkündigung des Evangeliums nationalistische Lei-
— denschaft und Kurzsichtigkeit ihren Gemeinden zu pre-
digen.
i Di Deutsche Evangelische Kirchen-Ausschuss hat wieder einmal recht
deutlich dokumentiert, dass ihm nationalistische Politik wichtiger ist als die
Verkündigung des Evangeliums, dass er jederzeit bereit ist, sich im Dienste
der nationalistischen Hetze gegen eine republikanische Regierung und ihre
Politik missbrauchen zu, lassen.
Wir aber, die wir als Christen den Weg des Friedens und der Friedens-
- bereitschaft gehen wollen, protestieren gegen die, die sich anmassen, Führer
315
‚denktag an jene Stunden
iu ,s IR
einer Kirche zu sein und solche Dinge sagen; und wir feiern den
des Friedens als einen ernsten Gedenktag an viel Leid, Schuld und
recht, das uns getan und von uns Andern getan ist, aber auch als den
da die Völker der Welt sich die Hand zum Fr
boten und die grosse Arbeit begann, aus all dem Hass und Missverstehen
wirklichen Frieden zu schaffen. — Wir feiern den Tag in dem heiligen Wi
an diesem Werk des Friedens weiterzuarbeiten und nicht mit egoistisch-na'
nalistischer Hetze es zu stören — und wir glauben damit Dem zu geho hen
den in viel Worten auch der Deutsche Evangelische Kirchen-Ausschuss seinen
Herrn zu nennen pflegt, der von uns aber gefordert hat, nicht an unsern Stolz,
sondern an unsere Aufgabe für die Andern zu denken. EmilFuchs.
Mitschuldig. Das erschütternde Unglück, das die Familie Dietrich in
Aussersihl vor kurzer Zeit betroffen hat, ist nur eine Episode in der gewal-
tigen Tragödie, die sich auf unsern Strassen abspielt. Sie rüttelte für kurze‘
Zeit die Gewissen auf — dann verschüttet die Gleichgültigkeit des Al j
auch wieder dieses Erinnern. Ich möchte in diesem speziellen Falle n
richten, aber die Bemerkungen vom „rassigen“ Fahren und „ilüssigen“ Ver-
kehr zwingen mir die Feder in die Hand. Sind nicht die meisten tötlichen‘
Unfälle, verursacht durch Auto und Motorvelos, diesem „rassigen Fahren“
zuzuschreiben? Solange aber Fussgänger die Strasse benützen müssen, und
sei es nur, um sie zu überqueren, sollte auf ihre begrenzte Bewegungsmög-
lichkeit Rücksicht genommen werden. Das Gesetz tut dies, die ausführenden
Polizeiorgane aber „wollen mit den Fortschritten der Technik Schritt hal-
ten“ und ignorieren seine Bestimmungen über Maximalgeschwindigkeiten.
Das Volk lässt sich dies gefallen und nimmt die Blutopfer hin. Die Presse
bezeichnet jene, die in fremden Automobilen unberechtigterweise fahren, als
„Autostrolche“, und das Gericht bestrait sie wegen einigen Litern verbrauch-
ten Benzins. Dass aber eine Zeitung schon berüchtigte Autoraser und Ge-
fährder der Strassensicherheit als „Strolche“ bezeichnete, ist mir nicht be-
kannt. Vielmehr kommen viele Pressorgane immer wieder mit dem billigen
Trost, man müsse sich eben an die veränderten Verkehrsverhältnisse ge-
wöhnen. Als ob sie unabwendbar wären wie eine Naturkatastrophe! Als
ob das bisschen Zeitgewinnen der Automobilisten alle Opfer der Strasse aul-
’
wöge! Als ob wir einem unabänderlichen Geschick gegenüberständen! Als
ob der Mensch eine Maschine wäre, deren Leistungsmöglichkeiten in bezug auf”
Beweglichkeit unbegrenzt sich steigern liessen! Die Burgen der alten Vögte
auf unsern Hügeln und Bergen sind gebrochen, aber Vögte haben wir immer
noch; sie fahren auf der Strasse mit der Rücksichtslosigkeit der berüchtigsten
Tyrannen. A
Das Schlimmste scheint mir, dass das Gesetz dermässen verachtet wird,
selbst von denen, die seine bestellten Hüter sind. Wenn.
die Mehrzahl der Strassenunfälle auf zu schnelles Fahren zurückzuführen ist,
so ist hinwiederum dieses zu schnelle Fahren nur möglich, weil untere,
obere und oberste Polizeiorgane es gestatten, „tolerieren“, wie sich
diese Herren auszudrücken belieben. Wenn aber selbst die Polizei dem im
Gesetz ausgesprochenen Volkswillen eine Nase dreht, ist das ein Hohn, den
man sich nicht gefallen lassen sollte. Sonst sind auch wir alle mitschul-
dig an der Anarchie im Strassenverkehr und an den vielen Opfern, die sie
Jahr für Jahr als Blutzins fordert. H.
, ‚Sinn und Wert der Nachtruhe. Was für unersetzliche Güter durch den
Zivilisationsfluch unserer Tage gefährdet oder zerstört werden, zeigt der
folgede Aufsatz, den Ernst Kalbe in der „Freien Volkskirche“ (Nr. 14,
1928) unter dem Titel „Die Gnaden der Nacht“ veröffentlicht hat:
„Es ist eine segensvolle Einrichtung, dass unser Leben in lauter kleine
Abschnitte zerfällt, die wir Tage nennen. Jeder Tag ist wie ein Leben für
316
"Grenze seizt, dass sie zum Auf-
Leben in vieler Beziehung. Sie er-
Jesus en: es ist genug, dass ein jeder Tag.
- habe. Man kann alles tagweise nehmen. Man kann sein
1 ei Tag zum andern tragen, oder vielmehr von einem Morgen
nem end. Ohne dass man sich absorgt um das, was jenseits
der Nachtgrenze liegt. Man kann seine ganze Kraft an sein vorliegendes Tage-
‚werk setzen, jede Stunde treu nutzend, ohne dass man sich beunruhigt um
das, was noch von dem Schleier der Zukunft gnädie bedeckt wird. Das ist
die erste Gnade der Nacht: sie teilt uns das grosse, schwere Leben in einzelne,
Äh ae Abschnitte, in Tage; mit denen können wir leichter fertig
werden.
Die zweite Gnade der Nacht ist der Feierabend. „Es ist so still gewor-
“ den, verrauscht des Abends Wehn, Nun hört man allerorten der Engel Füsse
geh’n.“ Es ist wundersam, das Hereindämmern des Abends zu betrachten.
Wie alle Dinge da so stille werden, so freudevoll. Die Einzelheiten des Tages
verschwimmen. die grossen Umrisse treten hervor. Die weiten Flächen der
Felder und Wiesen deuten ins Unendliche. Die Berge ragen gross und wuch-
‚tig. Die Gipfel der Tannen leuchten. am Horizont. Schleier breiten sich. Ein
Ahnen geht durch die Räume. Geheimnisse scheinen bereit, herauszutreten.
Es ist ein feierliches Dahingehen in den Abendfrieden. Friede durchströme
_ meine Seele und die Harmonie des Ewisen erfülle mich! Ein Schleier breitet
- sich über das Tagewerk. Die weite, bunte Welt des Tages wird zugedeckt.
- Nun, raunt die Nacht, verhülle ich euch den Tag und seine Unruhe, nun
kehrt bei euch selber ein. Nun nehme ich euch die Erdenwelt und tue euch
' eine andere Welt auf. Seht hinauf, wie euch die Sterne grüssen wollen. Und
| von allen Sternen nieder strömt ein wunderbarer Segen und will auch euch
begnaden. Dann läutet vielleicht noch die Gebetglocke über das Dorf, über
die Stadt und erinnert uns an das beste. das die stillgewordene Seele tun
' kann, sich hineinsenken in die Welt des Lichtes und der Liebe, aus der alles
‚ kommt und der wir im Innersten zustreben. Da kommt dann der wahre
‚© Feierabend, wenn es in uns seufzt: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend
werden und der Tag hat sich geneigt.
Feierabend — viele kennen ihn nicht mehr, denn dazu hat man in unse-
rer jagenden Zeit keine Zeit. Und weil man keine Zeit hat, darum hat man
‚auch keine Ewigkeit mehr. Und Abglanz der Ewigkeit ist jeder rechte Feier-
abend. Aber bei gutem Willen lässt sich schon manchmal ein Stückchen
Feierabend ermöglichen. Und wenn es zehn Minuten sind. Und wenn es die
fünf Minuten sind, die die Gebetglocke ruft. Wenn die Menschen erst wieder
aus dem heutigen Diesseitstaumel erwacht sein werden, werden sie es wieder
verspüren, dass jede Nacht eine heilige Nacht sein soll und dass im Feier-
abend sich die Sterne in uns spiegeln und die Feiergedanken der Gotteswelt
sich in uns denken wollen.
O Nacht, du Sternenbronnen,
ich bade Leib und Geist
in deinen tausend Sonnen,
© .Nacht, die mich umfleusst
mit Offenbarungswonnen,
ergib mir, was du weisst,
o Nacht, du tiefer Bronnen! (Chr. Morgenstern.)
37
Tag einfriedet zwischen ihre dunklen
TR: Fe
2 7 #
2. ‘. > = i 3 ei £
Die dritte Gnade der Nacht ist der
N Man Hi ge immer m r nachdenke
enn wir einschlafen, geht eine grosse Aenderung mit uns v
Bewusstsein erlischt. Der Schlaf baut auf, was der Tag zerstört
nutzt hat. Wir erwachen am Morgen mit frise alt. Das ist
Natürliches und ist doch dem nachdenklichen Menschen ein heiliges
Dass es sich im Schlaf nicht nur um ein Ausruhen handelt, da.
dem Schleier der Bewusstlosigkeit sich Vorgänge abspielen, die wir n
wissen, das merkt man an manchem. Mancher, will eine wichtige Entsch
dung erst ein paar mal „beschlafen“. Man weiss aus Erfahrung, dass_
dann mit mehr Sicherheit das Richtige trifft. Das macht nicht die „Z
der Abstand allein, das macht vor allem das, was die Seele, unserem |
wusstsein verborgen, im Schlafe durchlebt. Man weiss ja auch, wieviel Kum
mer und Sorgen man einfach verschlafen kann. Und wie Klarheiten, ie ma
bei heissestem Bemühen nicht findet, einem im Schlafe geschenkt werden.
ist ein tiefes Wahrwort: Den Seinen gibt es der Herr schlafend. Ein Wort
aus einer Zeit, in der die Menschen noch mehr von den Geheimnissen des
. 2
Daseins wussten als wir Blindschleichen von heute, Diese wenigen Andeu-
tungen müssen genügen über die dritte Gnade der Nacht, den Schaf. .
Die Gnaden der Nacht. Wenn wir Menschen wirklich nachdenken über
unser Dasein, über die grossen und über die kleinsten Dinge, über die Sterne
am Himmel, über den Tropfen Wasser, wenn wir nur wirklich nachdenken,
dann wird uns alles zum Worte Gottes, zum Widerschein seiner Liebe und
Herrlichkeit. Dann rühmen alle Dinge die Ehre Gottes und verkünden seiner
Hände Werk, Und dann stehen wir Menschen davor und beten an und
schämen uns und möchten immer mehr der Spiegel seiner Herrlichkeit und
der Tempel seiner Ehre werden.“ 2
7
YL
Ein glückliches Versehen ist mir in meinem „Gruss an Förster“ pas-
siert. Ich rede dort mit Beziehung auf Kierkegaards berühmtes Wort vom
„Korrektiv“ von dem „Bisschen Pfeffer“ in der Speise, das Förster be-
deute. Als die Sache nicht mehr zu ändern war, fiel mir ein, dass es ja bei
Kierkegaard heisse, „ein bisschen Zimmt“. Merkwüdig! — ich kenne sonst
dieses Kierkegaard-Wort so gut, was konnte mich veranlassen, statt „Zimmt“
„Pfefier“ zu schreiben? Oifenbar das Gefühl, dass „Zimmt“ in diesen Zu-
sammenhang nicht passe, für Förster nicht passe, dafür zu süss sei. Nun
also denn, so heisse es „Piefier“ und sei es ein glückliches Versehen! Ob-
schon auch die Kierkegaardsche Wendung sinnvoll genug ist!
Zu der Pfäffikoner Abrüstungsversammlung (vgl. No. 4) wird mir nach-
träglich' mitgeteilt, dass jener Einsender, hinter dem ich einen Geistlichen
oder doch geistlich Inspirierten vermutete, ein Laie sei, der mit dem Dori-
geistlichen von J. in keiner weiteren Beziehung stehe, Das soll also hiermit fest-
iestgestellt werden. Theologisch inspiriert mag er übrigens trotzdem sein, aber
von anderer Seite her; der ganze Inhalt und Stil seines Elaborates ist durch-
aus danach.
Wer nicht weiß wie einem körperlich oder geistig gebrech-
lichen Kinde zu helfen ist, wende sich an die Geschäftsstelle
der Schweizerischen Vereinigung für Anormale, Heilpäda-
gogisches Seminar Zürich, Kantonsschulstrasse 1.
Verdankung. Für China sind bei uns eingegangen: S. W.-Schw. 10 Fr.,
E. T. 10-Fr., Ungen. 200 Fr., Fr. St. i..R. 50 Fr, Pir. MW 5 Tr ae
Kollektenkasse der Kirchgemeinde M. 20 Fr., L. R. in Z. 10 Fr, ©. L. in A.
20 Fr. Herzlichen Dank!
en 5
318
hans we ur
SCHLSRRE BER PT ENDE [15
h Pestalozzi. Dramatische Chronik in 5 Bildern. Vrag
iider SE Cie, Aarau ana. = d ER NE
elen Pestalozzi-Biographien, die uns das Pestalozzi-Jubiläum
lt sich das Pestalozzi-Drama. In der Tat ist es eine lockende
eses Leben in dramatischer Form darzustellen. Denn dramatisch
h und durch. Und zwar eignet sich dafür gewiss am besten das
_ Denn es handelt sich ja nicht um einen einzigen dramatischen Knoten,
en dies Leben sich schlänge, sondern um eine Abfolge dramatischer
der. In dieser Form hat Alired Wirz es dargestellt. Er hat es aus grosser
’e zu denı Menschen, der im Mittelpunkt steht, in langjähriger Versenkung
ı den Stoif gestaltet, dazu aus einem tiefen Gegenwartsleben heraus. Darum
kann sein Werk Herzen erwärmen und zur Nachfolge Pestalozzis anfeuern,
‚darum aber ist auch zu hofien, dass es öfters benützt werde, um als gespiel- &
tes, nicht bloss als gelesenes, Menschen diesen im besten Sinn mensch-
lichsten aller Schweizer nahe zu bringen. Au PTR
Christentum und Zins.
| Die Eingabe an die theologischen Fakultäten der Schweiz, die seinerzeit
Pfarrer Burri gemacht, um sie zu einem Gutachten über das Problem
„Christentum und Zins“ zu veranlassen, ist schon vor einiger Zeit
unter diesem Titel, mit den Antworten der Fakultäten in zweiter Auflage er-
schienen.!) Der Verfasser beklagt sich im Vorwort darüber, dass eine in Aus-
sicht gestellte Besprechung in den „Neuen Wegen“ nicht erschienen sei. Darum
soll hier sofort bemerkt werden, dass dies nicht etwa einem bösen Willen
zuzuschreiben ist, sondern einfach der Bedrängnis, worin der Schreibende
EA seit langen Jahren lebt und dem Mangel an Mitarbeitern für solche Aufgaben.
Die Schrift war und bleibt aller ernsthaftesten Beachtung und Diskussion
- durchaus wert. Was mir seinerzeit problematisch vorkam, war bloss die
-— Eingabe an die theologischen Fakultäten, und zwar darum, weil mir diesen
- jegliche Kompetenz zur Beurteilung dieses Problems abzugehen schien. Ihre
Antworten waren denn auch fast durchgehends sehr ungenügend. Nun soll es
aber stark gesagt werden, dass es für die christliche Ethik und für den ganzen
Kampf um den Sozialismus kein aktuelleres Thema gibt, als das von Burri
behandelte. Es ist ein ganz wichtiger Bestandteil des Gesamtthemas: „Chri-
stentum und Besitz.“ Dass dieses rasch in den Mittelpunkt der reli-
giös-ethischen Gedankenbewegung (und nicht nur der Gedankenbewegung!)
treten wird, scheint mir zweifellos. Damit aber wird es auch das Thema
der Burrischen Schrift tun. In ihrer Stellung zum Zinsproblem hat sich von
der mosaischen Gesetzgebung über das Mittelalter bis in die Reformations-
zeit hinein, und vielleicht auch darüber hinaus, die Stellung des
offiziellen Christentums zum Eigentum konzentriert. "Weil dem so ist, so wird
Burris Schrift immer aktueller werden und es bleiben, ganz unabhängig da-
von, wie man über die Freigeld-Lehre denke, zu der sich Burri bekennt. L.-R.
B Jesus und die Juden. Von Gerhard Kittel. (Furche-Verlag Berlin 1926.)
Im Titel dieser Schrift ist das Judenproblem am tieisten formuliert.
Denn wer da die religiöse Frage ausmerzen will, geht an der Hauptsache vor-
bei. Natürlich gibt es „religionslose Juden“ in Menge, aber sie haben „etwas
Entwurzeltes“, von ihnen „kann man nichts anderes sagen, als was von der
satten Gottlosigkeit der Selbstgefälligkeit zu allen Zeiten und in allen Völkern
und in allen Religionen zu sagen ist“.
5 t
!) Im Verlag des Pestalozzi-Fellenberg-Hauses, Bern.
319
Mit grosser Sachkenntnis zeigt der Tübinger Theologieprofessor,
c
welch reinem Bemühen und welch hoher Sittlichkeit viele Stellen des unter
Nichtjuden oft nur verlästerten, weil bloss nach seinen minderwert Ab-
schnitfen eingeschätzten Talmud erfüllt sind. Ein Pape für viele: „Du
sollst nicht Zorn nachtragen. Was heisst Zorn nachtragen? Wenn einer zu einem
andern sagt: Leihe mir deine Axt, und er leiht sie ihm nicht; morgen
sagt jener zu ihm: Leihe mir deine Sichel, und der antwortet: Da hast du
sie; ich bin nicht so wie du zu mir, der du mir deine Axt nicht geliehen hast:
das ist Zorn nachtragen; darum heisst es: Du sollst nicht nachtragen“. Die
Grösse des Judentums ist die „eigentümliche Verbindung und be Seren
von Frömmigkeit und Sittlichkeit, die in dieser Weise keine zweite Religion
der Welt kennt“. „Auch die ethischen Forderungen Jesu sind als Einzel-
forderungen auf dem Boden des Judentums grundsätzlich möglich“, aber von
der „Wucht ihrer Konzentration“ und ihrer „absoluten Intensität“ wendet sich
der Jude gewöhnlich doch ab. Er sieht darin eine übersteigerte Strenge, die
„praktisch nicht durchführbar ist“.
An der Bergpredigt Jesu zerbricht jeder Mensch, weil er weiss, dass
er ihre Forderung, der er Recht geben muss, nicht erfüllen kann. Aus dieser
Bedrängnis rettet nur die Erkenntnis des Neuen Testamentes, dass Jesus nicht
bloss die unentrinnbare „Wirklichkeit der Sündigkeit aufdeckt“, sondern „auch
die Wirklichkeit der Vergebung, die Wirklichkeit der Gnade zeigt“. „Mit der
Bergpredigt etwas anfangen kann nur der, auch als Jude nur der, dem sie der
Wegweiser zum Kreuze des Heilandes wird.“ Die Person Jesu ist das Ent-
scheidende. Er ist, wie es der alte Kirchenvater Origenes tiefsinnig gesagt hat,
„autobasileia“, d.h. Jesus selber ist das Reich, das Gottesreich, das, sobald es
von ihm gelöst werden und ohne ihn bestehen will, zur sinnlosen Unmöglichkeit,
zur schwärmerischen Idee herabsinkt. „Erst unter dem Kreuze Jesu gewinnt
sein Forderung auch ihre positive, ihre aufbauende Bedeutung: sie wird Gesetz
derer, die täglich von ihm sich richten lassen, täglich von ihm sich vergeben
lassen, täglich von ihm den Weg neu sich weisen lassen.“
Obschon kein Wort ausdrücklich davon gesagt wird, vermag Kittels vor-
nehme und verdienstvolle Schrift jedem, der sehen kann, die Augen zu öffnen
über die Seichtheit und Oberflächlichkeit des Antisemitismus, wie er gang
und gäbe ist. In den Tiefen, um die es hier geht, hören die wohlfeilen Schlag-
worte der Judenhasser auf. Und wie von selber stellt sich die Ueberzeugung
ein, dass Juden wie Walter Rathenau, Gustav Landauer, Martin Buber (um
nur diese zu nennen) mehr vom Geiste Jesu erkannt und gelebt haben als die
Masse derer, die sich allein schon wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer andern
Rasse für bevorzugte Geschöpfe Gottes halten. Hans Bruppacher.
Redaktionelle Bemerkungen.
Wenn der Kampf um den Text und der mit dem Druckfehler mehr oder
weniger siegreich beendet ist, beginnt der mit dem Raum. Wie vieles muss
jedesmal für die betrefiende Nummer abgewürgt, d. h. zurückgestellt oder dau-
ernd weggelassen werden, um dem Prokrustesbett gerecht zu werden! Ich bitte
wieder um Geduld; es kommt alles dran, soweit als möglich, sobald als mög-
lich und wenn möglich im rechten Zusammenhang.
Ich bitte auch die Freunde, in den Ferien das Werben für die „Neuen
Wege“ nicht zu vergessen. Sie bieten dafür oft Gelegenheit. Vielen Dank und
die herzlichsten Wünsche für die Erholungstage. Die Betrachtung „Lärm und
Stille“ ist ein wenig für sie geschrieben. 5
\ Druckfehler.
Im Maiheit ist auf Seite 227, Z. 5 von unten zu lesen Kriegsideo-
logie“ statt „Kriegstheologie“, auf S. 254, Z. 13 von unten Sinowiew“ statt
„Sinowiell“, S. 257 Z. 1 von unten „wichtigste“ statt wichtigsten“.
320
r . - r r
Taten fun. Ä
Mit Gott wollen wir Taten tun. Psalm 60, 14.
Wer möchte nicht etwas tun — etwas tun im Vollsinn des
Wortes! Solches Tun ist das Leben selbst; nur in der Tat bejahen
‘und behaupten wir uns, kommen wir völlig zu uns selbst. Darum ist
begreiflich und in Ordnung, wenn der einzelne Mensch, wie die
' Menschengruppen und Menschengemeinschaften sich nach Taten
sehnen, und wenn dies namentlich solche tun, die etwas Neues zu
vertreten haben; denn nur durch die Tat meinen sie dessen Wert
' und Realität und den Ernst ihrer Gesinnung beweisen zu können.
Aber so berechtigt und natürlich dieser Drang ist, kann er doch
leicht zu groben Irrtümern verleiten und auf sehr flache Bahnen
führen. Es gibt einen Drang nach dem Tun und gibt Losungen
eines solchen Tatendranges, die sehr schlecht orientiert sind.
Ganz oberflächlich und unhaltbar ist die Unterscheidung von
— _ Keden und Tun, in dem Sinne, dass das Reden gegenüber dem
- Tun etwas Geringwertiges wäre. „Nicht reden, sondern tun!“ „Der
Worte sind genug gewechselt, Lasst mich auch endlich Taten sehn !“
und wie die Schlagwörter alle heissen. Diese Wertung setzt ein
- Reden voraus, das bloss eine Vorbereitung auf ein Tun ist, das
- bloss ein Tun ankündigt und verheisst, ein Reden, das bloss Theo-
tie ist und sich nach Praxis sehnt. Von solchem Reden gilt freilich,
Cass.es sich in der Tat erfüllen muss, wenn es nicht seinen Wert
verlieren und zu eitlem Geschwätz werden soll. Aber auch bei die
ser Art von Reden ist doch nicht gesagt, dass es an sich gering-
wertiger sei als das Tun. Denn es ist oft die notwendige Vorbedin-
gung desselben; es ist seine Wurzel, seine Quelle, sein Mutterschoss.
Hat es nun einen Sinn zu sagen, die Wurzel sei weniger wert als
die Krone, die Quelle weniger als der Fluss, die Mutter weniger
als das Kind? Müsste man nicht vielmehr umgekehrt sagen, dass
die einzelne Tat nur ist wie eine Frucht, die an der Krone des
Baumes wächst, reift und abfällt, während von der Wurzel her
immer neu der Lebenssaft aufsteigt, aus dem sich immer neue
Früchte bilden; dass die einzelne Tat der Welle des Flusses gleicht,
die steigt und versinkt und der Fluss selbst versiegen müsste, wenn
er sich nicht stetsfort von der Quelle her erneuerte; dass die einzelne
Tat ein Kind ist, das aus dem Schosse hervorgeht, der weitere Kin-
der, sehr zahlreiche Kinder gebären kann? Das Wort kann grosse,
gewaltige, wunderbare Fruchtbarkeit: Lebenskraft, Schöpfungskrait,
Zeugungskraft haben. Das wird uns sofort klar, wenn wir an be-
sondere Worte denken: an die Worte der Bibel, die Worte der Pro’
pheten, die Worte Christi, die Worte der Apostel, die Worte der
321
‘Wort: „Aus Glauben allein selig“ und den Strom der Reformation
ei 4 b A»
Reformatoren. Ewig neu wachsen aus dieser Wurzel Früchte de
Tat; ewig neu entspringen aus dieser Quelle die Ströme der Ge
schichte; ewig neu werden aus diesem Schosse die Kinder der Wahr
heit geboren „wie Tau aus der Morgenröte“. Ein einziges Bibelwo
ist immer wieder imstande, ein Menschenschicksal und von da a
vielleicht Völkerschicksale zu bestimmen — man denke bloss an das
der aus ihm gebrochen ist — aber auch sonst ein Wort, ein gewöhn
liches Menschenwort, kann Fluch oder Segen, Verderben oder R
tung sein für Einzelne oder Viele. i
Wenn dem so ist, so muss offenbar im Worte selbst schon die
Tat angelegt, darin gleichsam konzentriert sein, wie die Krone, &
der die Frucht wächst, in der Wurzel, der Fluss in der Quelle, das
Kind im Schosse der Mutter. Und so ist es. Es ist darum so ober
flächlich, ja gedankenlos, Worte und Taten in jenem Sinne der Ge
ringschätzung für das Wort zu scheiden, weildasrechteWort
selbsteine Tatist. Wahrhaftig, die müssen wenig vom Reden
wissen, müssen auch an sich selbst bloss ein schlechtes Reden ken
nen, die tun, als ob das Reden eine leichte Sache und nur das da
von unterschiedene Tun schwer und gewichtig wäre. Es mag schon
sein, dass Viele das Reden auf diese Weise behandeln und dass da“
durch das Reden entwertet wird, aber es ist tausend gegen eins zw
wetten, dass bei Menschen von solcher Art diese Entwertung
sofort auch das Tun ergreift, während umgekehrt bei
ernsten Menschen gerade das Reden eine sehr ernste Sache wird
Und in der Tat, es gibt nichts Ernsthafteres. Oder was sollte ernst-
hafter sein als der Ursprung alles Lebens und damit alles Tuns?
Das aber ist das Wort — das soll es sein. Wir behandeln es nicht
ernsthaft genug, gewiss, aber es ist ernsthaft. So meint es wohl
das Wort Christi: „Ich sage euch, die Menschen werden am Tage
des Gerichtes Rechenschaft ablegen müssen von jedem schlimmen
Wort, das aus ihrem Munde gegangen ist.“ (Matth. 12, 36.) Und
solche Gerichtstage gibt es schon auf Erden nicht allzu selten!
Darum ist das Reden ein Tun. Hinter einem Wort steht oft ein
jahrzehntelanges Ringen, es bedeutet oft schicksalsvolle Entschei-
dung, es ist oft konzentrierteste Tat. Ich fürchte, das geringschätzige
Verhalten gegen das Reden stamme oft aus einer inneren Unsicher-
heit, aus Mangel an Erfülltsein von einer das Leben tragenden
Wahrheit, an Gegründetsein in einer solchen Wahrheit. Aus dieser
Unsicherheit und Leere flüchtet man in die Tat. Umsonst! Man
mag sich eine zeitlang durch solches Tun betäuben und sich damit
über jene Unsicherheit und Leere wegbetrügen, vielleicht auch
dadurch das Gewissen beschwichtigen — Faust flüchtet nach dem
Verrat an Gretchen in die Tat — aber auf die Länge werden damit
Unsicherheit und Leere nur noch grösser. Und die wahre Tat
322
esammelt
h in Taten kund tut, sein Wort ist, dass gesagt wird, der
| lebe von jeglichem Worte, das aus seinem Munde gehe.
'hat Faust, der tathungrige Intellektuelle, nicht recht, wenn
vor dem Beginn des Johannesevangeliums: „Am Anfang war
_ das Wort“, zweifelnd steht — „Ich kann das Wort so hoch unmög-
‚lich schätzen“ — und lieber übersetzt: „Am Anfang war die Tat.“
Nein, am Anfang war und ist das Wort — das ist das Tiefere und
_ dabei bleibt es. Freilich heisst es im gleichen Prolog des Johannes-
‚evangeliums: „Und das Wort ward Fleisch“, aber diese Fleisch-
werdung des Wortes meint nicht jene falsche Unterscheidung; er,
_ in dem das Wort Fleisch wird, er wird dies gerade auch als Leh-
= rer. Das Wort wird bei ihm Mensch, ganzer, konkreter Mensch.
Erlebt das Wort, gewiss, aber es ist sein W ort, das erleuchtet,
- beseligt, richtet, heilt, den Himmel öffnet und die Welt verändert.
= Sicher soll das Wort nicht ohne die Tat sein. Es muss exi-
tentiell wirken, mit dem ganzen Tun und Wesen des Menschen
aufs innigste Eins sein, aus ihm so notwendig hervorgehen, wie die
- Frucht aus der Wurzel, der Fluss aus der Quelle, das Kind aus dem
- Schosse der Mutter. Aber nun wäre es wieder falsch, zu meinen,
das Tun müsse möglichst äusserlich sein, um als solches gel-
ten zu können, es müsse möglichst sichtbar, greifbar werden, mög-
—— lichst in die Augen springend, möglichst wägbar und messbar sein.
- Auf diesem Wege gelangt man dazu, vor allem daskörperliche
- Tun, die Arbeit mit der Hand zu schätzen. Sie allein, meint man,
- ist ernsthaftes, reelles Tun, alles andere nur ein Schemen.
| Um bei diesem Punkte einzusetzen, so ist es ganz in der Ord-
_ nung, wenn man die körperliche Arbeit gegenüber ihrer Gering-
- schätzung durch einen falschen Aristokratismus oder Spiritualismus
_ wieder zu Ehren bringt. Sie ist ehrwürdig, heilig, führt zu den
„Müttern“, macht Leib und Seele gesund (falls sie selbst gesund
i ist!), verbindet mit Gott und dem Menschen. Es ist auch begreif-
jich, dass Menschen, die für gewöhnlich bloss das tun, was man
etwa Gehirnarbeit nennt, von einer wahren Gier erfasst werden,
R +) Vgl. z. B. Hebräer 1, 3.
323
gesagt — ein Wort Gottes wird. Ja, ein
Id nun erinnern wir uns daran, dass nach der
s dem Worte Gottes geboren ist und von ihm
wird,‘) dass das Zeugnis gerade des lebendigen Gottes,
RR
2 e A
RT EREREE
. E70 Pr
‚tiefe Erq g | aus d 3
intellektuellen Lebens in ‚phäı ifbarer
kommen, dass der Geist in ihnen bei der Begegnung mit
aufjauchzt. Denn Geist und Materie gehören auf alle Art zu
So ist es gut und recht und es ist eine ganz wichtige
dass allgemein die sogenannte körperliche und die sog
geistige Arbeit wieder zusammenkommen. Be -,.
Aber ein flacher Irrtum würde daraus, wenn nun die körp
liche Arbeit schon als solche mehr gelten sollte als die geistige
Ihm ist entgegenzuhalten, dass die körperliche Arbeit ja genau in
dem Masse Wert hat, als sie Ausdruck und Sinnbild des Geistes
ist und genau in dem Masse, als dies nicht der Fall ist, zu bl,
Sklaven- und Maschinenarbeit und damit zur Entwürdigung und
Entmenschung des Menschen wird. I: |
„Denn das ist's, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Dass er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.“
Aber noch aus einem andern wichtigen Grunde darf man das”
körperliche, wie überhaupt alles sichtbare, in seinen Folgen mess“
bare, kurz, alles äussere Tun nicht überschätzen und es einem weni-
ger sichtbaren und messbaren, mehr innerlichen, mit Geringschä
zung gegen dieses entgegenstellen. Wonach bemisst sich denn über-
haupt der Wert der Arbeit? Offenbar nach der Anstrengung, die”
sie kostet, der Kraft und Kunst, die in sie hineingelegt wird — um
das Höchste zu sagen: nach dem Opfer, das sie verkörpert. Es
ist aber klar, dass es nicht anginge, körperliche Anstrengung, kör-
perliche Kraft und Kunst und das Opfer des Körpers höher zu”
schätzen, als die entsprechende geistige Leistung. Vielmehr werden
wir doch alles Tun des Menschen nach seinem sittlichen Wert
bemessen, und das heisst: nach dm Wollen, das darin zum
Ausdruck kommt, nach der sittlichen Anstrengung und das heisst:
nach der Selbstüberwindung und dem Gehorsam, die es kostet,
nach der Gesinnung, aus der es fliesst. Es wäre grober Materialis:
mus, nur ein möglichst äusserliches Tun als Tat gelten zu las-
sen. Vielmehr ist zu sagen — und damit langen wir bei ähnlichen
Gedanken an wie vorhin — dass die wahre Tat gerade
etwassehrInnerliches ist, etwas dem Auge der Menschen,
vielleicht sogar dem eigenen, Verborgenes, ins Geheimnis Gottes”
Gehülltes. Das ist die „Gerechtigkeit aus dem Glauben“ im Gegen-
satz zu der „Gerechtigkeit aus den Werken“, bei denen jene andere
Art unweigerlich ankommt. Alles einseitige Gewichtlegen auf Aus
seres Tun führt zu Gesetzlichkeit, zu Moralismus und Pharisäismus”
324
ihnen gı
deze ir
ich meine, man will etwa im Interesse einer guten Sache
ın, die diese erläutern, verherrlichen sollen. Man denkt sich
sse Ideale, deren Verwirklichung man für wesentlich hält: um
spiel etwa das Zusammenleben in einer Siedelung, vielleicht ar
cht auf alles persönliche Eigentum, den Weg des Franzis-
wie man meint — oder vielleicht auch irgend eine Art von
besonderer Betätigung der Liebe in einer besonderen Einrichtung
oder Bewegung. Man verzehrt sich im Streben darnach; man: meint,
‚wenn so etwas geleistet. würde, das wäre endlich die Tat; man ist
unglücklich, wenn man es nicht zu leisten vermag; man schaut mit
Bewunderung auf die, welche solches leisten, oder auch — was
‚dann freilich eine etwas minderwertige Form dieses Irrtums ist —
‚man schaut mit Geringschätzung auf die, welche solches nicht
leisten, oder es wenigstens nicht sichtbar, greifbar, fürs Schau-
‚ienster leisten.
Nun ist ja auch gegen ein solches besonderes Tun nichts
zu sagen, wenn es echt ist. Echt aber ist es bloss, wennesvon
selbst wird — wie die Frucht aus der Wurzel, der Fluss aus
‚der Quelle, das Kind aus dem Mutterschoss — wenn es fast wider
Willen wird, ganz ungesucht, ungemacht, so, dass solches Tun bloss
‚ein selbstverständliches Symbol eines Geistes, einer Gesinnung wird.
‘Dann kann Allergrösstes, Ällerherrlichstes dem Boden der Men-
- schenwelt entwachsen. Aber ein ganz schlimmer Irrtum wird sofort
daraus, wenn dieses Tun rein als solches einen Wert haben soli,
_ wenn man sich darauf versteift, als ob es darauf, gerade darauf an-
- käme. Sofort sind wir damit wieder auf dem Wege der Selbstgerech-
tigkeit mit all seiner Unwahrhaftigkeit und all seiner Qual. Das
ETun alssolcheshatnieeinen Wertundseiesso
grossartigalses wolle. Am schlagendsten hat das Paulus
gezeigt: „Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und
liesse meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre
es mir nichts nütze.“ (1. Kor. 13, 3.) Beachten wir: also gerade solche
Werke der Liebe: Siedelung, freiwillige Armut, christlicher Kommur
nismus, Gang zu den geringsten Brüdern, sind an sich nichts nütze
sie sind nichts nütze ohne die Liebe. Die Liebe ist aber bei Pau-
_ Jus immer mit dem Glauben verbunden. Das bedeutet: diese
IS —
3 325
Wir« 7]
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F nn sie nic - o NE
seinem Geiste von selbe
- eins zu wetten, dass man das Nicht-Besondere, das Gewöhnliche,
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r fliessen. Man kann 2
dienen, ohne gerade solche Werke zutun. —
Ja, das ist es: Wir sollen gar nichts Bes:
tun, sondern sollenmitGott Tatentun. I
wir sollen tun, was Gott uns durch sein
undseine Gnade, durch sein Wort und unseı
wissenaufträgt. So sollen wir auch die Liebe tun -
täglich, stündlich, in den Lebensbeziehungen, in die wir hine
gestellt sind, in den Gelegenheiten und Aufforderungen, die
uns im Alltag immerfort schickt. Das ist Liebe aus dem Glaul
oder „Glaube, sich in der Liebe auswirkend“. (Gal. 5,6.) Wohl mag
Gott einzelnen Menschen und gelegentlich einem Jeden auch etwas
Besonderes auftragen, aber dann ist nicht das Besondere daran
die Hauptsache, sondern der göttliche Auftrag. Und der Mensch,
der ihn erhält, oder wenn er ihn erhält, wird dann sehr bescheiden;
er ist weit davon entfernt, sich in seinem besonderen Tun zu son
nen oder die zu verachten, die dieses Besondere nicht tun. Wo man
aber dieses Besondere als solches sucht, da ist wieder tausend gegen
den offenkundigen Willen Gottes in der alltäglichen sittlichen Pflicht
nicht genau nimmt. Dann versäumt man den Ernst der Arbeit, das
Selbstgericht, die Treue, um dem Phantom eines Ausserordentlichen
nachzujagen, in dem man unbewusst einen Rausch, eine Selbst
verherrlichung sucht. Dann verlässt man die von Gott gewollten
Wege, um selbstgewählte zu gehen. Dann ist man aber nicht auf
dem Weg der Nachfolge Christi, sondern auf jenem ganz andern
Weg, den Christus kennzeichnet: „Wehe euch, ihr Pharisäer und
Schriftgelehrte, ihr Heuchler, die ihr Münze und Kümmel ver.
zehntet und lasset dahinten das Schwerere im Gesetz: Gerechtig-
keit, Barmherzigkeit und Treue.“ (Maith. 23, 23.) 4
Wir sollen nichts Besonderes tun, sondern sollen tun, was uns
‚aufgetragen ist, sei’s Ausserordentliches oder Gewöhnliches, sei’s
Aeusseres oder Inneres, sei’s „Tat“ oder „Wort“. Mit G ott sollen
wir Taten tun, nicht aus unserem heftigen Verlangen, unserer
Schwärmerei, unserem wallenden Eros heraus. Aus dem Glauben
sollen wir handeln, nicht aus dem Gesetz. Auf sein Wort sollen wir
lauschen, das uns im Grossen und Kleinen, im Allgemeinen und im
Besonderen zum Gehorsam des Tuns treibt. Es ist immer auc
bei uns „am Anfang“. Es ist der einzige Anfang wirklicher Tat
Nur was so getan wird, ist wirkliche Tat. Mit Gott sollen wir
Taten tun — und mit Gottkönnen wir sie tun. Was wir so tun,
das ist unsere Tat, das hat Verheissung. Und der Mensch, der
sich so stellte — aber nur er! — könnte freilich grosse Taten
tun. L. Ragaz #
326
ze nn.
IR N N ei
das ist alles in Widerspruch mit Gottes Ver-
ıt uns Unsterblichkeit — wir aber sind von
derblichkeit umhüllt. Er verkündigt, dass wir
& ien, wir aber sind mit Sünden bedeckt. Er be-
seine Gnade und seinen guten Willen, während alle Zei-
nes Zorns uns bedrohen. Was sollen wir tun? Uns ziemt
an uns selbst und all unserem Eigenen mit geschlossenen
orüberzugehen, damit nichts uns aufhalte, an Gottes Wahr-
heit zu glauben... Art
Der Geist Gottes zeigt uns eben verborgene Dinge, deren
Kenntnis unseren Sinnen unzugänglich sind. Er verheisst uns ewi-
' Leben, uns, den Toten. Er redet uns von der. seligen Auferste-
1g, uns, die wir von Verwesung umgeben sind. Gerechte werden
genannt, und in uns wohnt die Sünde. Wir vernehmen, dass
‚wir selig seien, inzwischen werden wir erdrückt von unendlichem
Elend. Ueberfluss an allen Gütern ist uns verheissen, und reich
‚sind wir nur an Hunger und Durst. Gott ruft: gleich werde er bei
‚uns sein, und scheint taub zu sein auf all unser Geschrei. Was
würde aus uns, wenn wir nicht inder Hoffnung selig wären,
- wenn unser Herz nicht auf den durch Gottes Wort und Geist er- -
leuchteten Weg mitten durch die Finsternis über die Welt hinaus-
‚eilte?‘“ (Calvin.)
Was man auch über das grosse Buch, das sich eine Auslegung
des paulinischen Römerbriefes nennt, denken möge, die Stimmung
- dieser Worte von Calvin, die teils in der Vorrede, teils im Texte an-
"geführt sind und die wohl als Grundstimmung des ganzen Werkes
aufgefasst werden darf, wird immer einen gewissen Zauber über
"uns ausüben. Wir sind unmittelbar geneigt, diesen Worten beizu-
pflichten, dieser Stimmung Gewalt über uns zu geben. So empfin-
den auch wir unsere Lage, Nachkriegsmenschen wie wir sind, die
"wir uns an eine andere Wirklichkeit, eine andere Welt haben ge-
_ wöhnen müssen, als die in welcher wir aufgewachsen sind. So ist
‘nach dem Kriege das Leben geworden, in diese Not sind auch wir
"hineingekommen, aus dieser Not möchten wir wieder heraus. Und
die Worte Calvins kommen uns wahrer, wirklicher, realistischer vor
als die Worte des Christentums, das uns die Kirche gegeben hat,
und mit denen wir uns begnügen konnten, solange der Krieg uns
die Wirklichkeit nicht enthüllt hatte, so wie sie wirklich ist. Es
sieht ja aus, als ob Calvin uns hier einen Ausweg böte, als ob wir,
wenn wir diese Worte in uns aufnehmen könnten und darnach tun,
2) vgl. die redaktionellen Bemerkungen. D. Red.
327
BEE re ge ae 5
"das Ch
rer Be -
A ne. ”* 7
: A - .
ristentum nicht aufzu brauchten, als ob wir es
weiter festhalten könnten, trotzdem uns also die Wirklichkeit ze
dass dies Christentum doch auf recht schwachen Füssen steht. W
sind gerettet — und das Christentum mit uns — wenn wir nur ve
mögen, unsere Augen der Wirklichkeit zu verschliessen und at
diese Weise die Hoffnung festzuhalten und an Gottes Wahrhe
zu glauben. Bi
. Es wird wohl immer nur wenigen gelingen — von denen jede
r
v7
‚falls, die diese Not wirklich als Not, als Qual empfinden. Calvii
selbst gelang es vielleicht nicht immer. Luther, der eigentliche E
finder dieses eigentümlichen Trostversuches, hat es vergebens ve
sucht. Wenn er seine „Tagkriege‘“ mit dem Papst und der Kirche
und seinen zahlreichen menschlichen Gegnern führte, dann gemüg
ten ihm dieser Glaube und diese Hoffnung vollkommen. Wenn €
sich aber in den „Nachtkriegen“ von dem nichtmenschlichen Gegner
angegriffen fühlte, dann half ihm dieser Glaube rein nichts. Dann,
gesteht er selbst, hat der Feind ihn oft so weit gebracht, dass €
nicht wusste, ob ein Gott da sei oder nicht. Und die Hoffnung
wurde dann ganz von selbst eine Hoffnung auf den Tod, der de
geplagten Menschen von seinem Elend erlösen sollte. Deshalb ha
Luther in seinen letzten Jahren so viel von diesem „Jammertal‘“ ge
redet. Genau dasselbe hat auch Kierkegaard erfahren — ihn brach
ten dieser Glaube und diese Hoffnung in den zwei letzten Jahren
seines Lebens dicht an die Grenze der Hölle.
Es kann hinter Worten, wie die zitierten, der höchste und
reinste Glaube liegen, ein Glaube, der sein „dennoch“ festhält, allen
scheinbaren Widersprüchen zum Trotz. Die Hoffnung ist dann
Hoffnung auf eine Erfüllung, die noch nicht eingetreten ist, die aber
sicher kommen wird. Es kann mit denselben Worten aber auch
etwas weit geringeres als „Glaube‘ bezeichnet werden: eine tat-
sächliche Hoffnungslosigkeit, die mit Glauben im eigentlichen Sinn
nichts zu tun hat, sondern entweder in Verzweiflung oder in Leicht
sinn dieses ganze Leben preisgibt und sich nur mit einem Jenseits
tröstet. Und dieser Glaube mag dann gar eine Selbstsuggestion sein,
d.h.etwas, das ganz aus der Psyche des Menschen stammt, ohne
mit Gott und seinem Geiste auch nur das geringste zu tun zu haben.
Wer diese Selbstsuggestion zu leisten vermag, wird gewiss auch
in unseren Tagen mit Hilfe dieses „Glaubens“ sein Leben durch-
bringen können, jedenfalls solange die Not der Welt nur die No6t
der anderen bleibt und ihn selbst verschont. Die Geschichte der
evangelischen Christenheit zeigt, dass diese Selbstsuggestion, als
Glaube verkleidet, eine grosse Anziehungskraft auf die Menschen
ausübt, die Gott nicht in der Not brauchen, sondern ihn nur als
eine gewisse Dekoration des Alltags haben möchten. Sobald die
Not, die innere oder die äussere, einem solchen Menschen nahe
328
ierkegaard, der an diesem Glauben wohl ein Maximum geleistet
at, ist zerbrochen, weil ihm die Erlösung nur jenseitig war.
fragt sich also, ob dieser Glaube und diese Hoffnung, die einzi-
, die wir in der evangelischen Kirche kennen, der Glaube, der
von einem Eingreiien Gottes in diesem Leben nichts erwartet
nd sich nur mit der Hoffnung auf eine „ewige Seligkeit‘“ begnügt,
lasselbe seien, wie das, was in dem „Wort Gottes“, dem Neuen
Testament, mit diesen Worten bezeichnet wird.
N: ar Al See
Das Bild der Wirklichkeit, das uns aus den Blättern des
Neuen Testaments entgegentritt, ist jedenfalls ein ganz anderes
als das uns als Wirklichkeit bekannte. Es hebt sich aus den Evan-
gelien, der Apostelgeschichte und den Briefen, und nicht zum wenig-
‘sten aus der Apokalypse, das Bild zweier Wirklichkeiten hervor,
die feindlich einander gegenüber stehen. Die eine Wirklichkeit, die
‚sichtbare, die welche auch wir kennen, soll durch die andere — die
_ wir eben nicht mehr kennen — überwunden werden. Das ist die
- Aufgabe der Apostel und der Gemeinde überhaupt. Sie sind Kämp-
fer, alle ohne Ausnahme. Wer in die Brudergemeinschaft aufgenom-
“men werden will, muss durch den Tod der Taufe gehen. Er muss
sein altes Leben begraben lassen, seinem alten Herrn den Dienst
_ aufkündigen und sich dem neuen ganz hergeben, von dem er dann
als Geschenk das neue, erlöste Leben bekommt. Der grosse Kampf
"zwischen Gott und seinem Gegner, der so viele Jahrhunderte hin-
durch Menschenaugen verborgen vor sich ging und dessen Gegen-
"stand das Schicksal des Menschen ist, ist im Neuen Testament offen-
bar geworden. In diesem Kampf gibt es keine Nonkombattanten.
"Jeder Mensch ist schon durch seine Geburt, als von Gott abgefalle-
ner Mensch, der Sklave Satans geworden, gehört seinem Reich. zu.
Durch die Ueberwindung Satans, die durch den Tod des Gottes-
sohnes am Kreuze vollbracht wurde, wurde die Menschheit von
329
Erlösung teilhaftig. Die Sünde und ihre Wirkungen fielen v
' bleiben man sich getrost wieder schlafen legen konnte“, sondern
‘ die Hoffnung auf den endlichen und durchdringenden Sieg Gottes
Herrn und Urheber entscheiden sollte. Durch die Entsc
für sie und durch die darauf folgende Taufe wurde er de
ab wie das alte Kleid, das er vor der Taufe ausgezogen hatte,
das neue erlöste Leben, das heilig sein sollte, fleckenfrei wi
weisse Taufkleid, wurde ihm in der „Auferstehung“ aus dem \V
ser geschenkt und war auch künftig möglich durch die Kraft
Heiligen Geistes, die ihm nach der Taufe durch die Handauflegung
der Apostel oder der Aeltesten geschenkt wurde. Durch die Taufe
bekam er seinen neuen Platz in. dem grossen Kampf zwisc |
Gott und seinem Gegner; er gehörte nicht mehr dem Satansreich
zu, sondern dem Gottesreich und musste in dem Kampf zwischen
den zwei Reichen treu sein, sonst konnte er das Gewonnene ver
lieren und dem Gegner wieder anheimfallen. So wurde das künf:
tige Leben der angespannteste Kampf, ein Kampf aber, dem der
Sieg sicher war, wenn nur die Jünger treu blieben; denn der Geg=
ner war gerichtet und überwunden und konnte nur seine alte Macht!
wiedergewinnen, wenn die Gemeinde versagte und in Mutlosigkeit
oder in Untreue den Kampf aufgäbe. Und weil die Taufe die ent”
scheidende Tat war, durch welche der Jünger den Dienst seines’
neuen Herrn antrat und ihm Treue schwur, so erhielt sie auch bald
den Namen „Sacramentum“, d.h. Soldateneid.
Der Glaube der Gemeinde war Vertrauen — die freudige
Zuversicht, dass Gott Treue ist — das ganze 11. Kapitel des
Hebräerbriefes zeugt davon. Und die Hoffnung war die leben
dige Hoffnung auf die Wiederkunft Christi, nicht freilich auf
ein „grobes, brutales, theatralisches Spektakel, nach dessen Aus-
auf Erden, der den Widersacher entwafinen und binden und der
verwüsteten Erde und der geplagten Menschheit: endlich die
grosse Erlösung bringen sollte, nach dem die ganze Kreatur
seufzte: die Königsherrschaft Gottes, das Reich Gottes auf der Erde.
Das ist das Bild der Wirklichkeit, das uns das Neue Testamen
vor Augen malt. Wie können wir dieses Bild mit dem E das
sich vor unseren menschlichen Augen zeichnet, vereinigen? Un
wem sollen wir glauben: Calvin, Luther, Barth, unseren eigene
Augen? Oder Jesus und seinen Aposteln, so wie das Neue Testa-
u „Wort Gottes“, uns ihre Auffassung und ihre Worte ver-
mittelt! j
330
2
Gottes. Warum?
un ters
ieg durchführte, weil sie sich, durch die so
entstand, entmutigen liess. Die Hoffnung auf den
e ihre stärkste Waffe gewesen wäre, verlor sich und an
er fröhlichen Siegesgewissheit trat um die Jahrhundertwende
die Stimmung der Niederlage. Nach den Aposteln und Zeu-
es ersten Jahrhunderts, die freudig und siegesfroh ihr Leben
geben hatten als eine Saat, aus welcher eine reiche Ernte
en sollte, kamen die Märtyrer des zweiten Jahrhunderts. Auch
gaben ihr Leben hin, aber sie grüssten schon den Tod — den
‘ Feind, der durch Christus überwunden war — als Befreier von
einem mühevollen Leben (Ignatius’ Brief an die Römer). Nach ihnen
kamen andere, die auch ihr Leben hingaben, aber darin eine Lei-
_ stung sahen, die ihnen die „ewige Seligkeit‘“ verdienen sollte. Diese
trat ja im Laufe des zweiten und dritten Jahrhunderts so vollständig
_ an Stelle der Hoffnung auf das Reich, dass schon Eusebius von
Cäsarea in seiner Kirchengeschichte geneigt ist, die Offenbarung
Johannis dem Apostel nicht zuzuschreiben (auch damals wurde
_„Bibelkritik“ geübt!), weil darin von einem tausendjährigen Reich
auf Erden gesprochen wird. Ebenso bedauert Eusebius, dass
Irenäus, den er sonst so sehr verehrt, sich von Bischof Papias (dem
Leichtgläubigen!) dazu habe verleiten lassen, an ein Reich Gottes auf
rden zu glauben. Das ganze fünfte Buch des Irenäus „Gegen die
- Häretiker‘‘”) handelt ja nur von diesem Gottesreich auf Erden und
- gibt uns neben dem Neuen Testament die deutlichste Vorstellung
davon, wie sich die Jünger Christi im ersten und zweiten Jahr-
- hundert (Irenäus war ja Schüler Polykarps und dieser des Apostels
- Johannes) das Reich Gottes auf Erden als ein Reich der Gerechtig-
keit, des Friedens, der gegenseitigen Liebe und in Folge davon des
allgemeinen Glücks und Wohlergehens dachten. Irenäus war viel-
leicht ein wenig unmodern geworden, weil er nicht in einem der
Kulturzentren lebte, sondern in Lyon, und hatte deshalb die ur-
' sprüngliche Auffassung länger festgehalten als seine Zeitgenossen.
—— —» Denn in den Kulturzentren war die Entwicklung — von Christus
und dem Ursprünglichen weg — seinerzeit weiter gegangen.
Nicht nur der Gedanke von dem Sieg der Gemeinde, von der tat-
sächlichen Erlösung und von der Königsherrschaft Gottes auf
Erden war verloren gegangen. Auch die Gemeinde, als Bruder-
1) D.h. die Wiederkehr Christi, wie die älteste Christenheit sie erwartete.
D. Red.
2) D.h. Ketzer. D. Red.
331
f
'
ür sich untersucht und behandelt werden
ässt sich sagen, dass die Gemeinde ihren
nd schwerere Lage, die durch das Versagen des jüdi-
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R et IR s wi KR ‘ k ’ ..
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gemeinschaft, als corpus Christi war in Auflösung. Statt einer re
nen, unbefleckten Jungfrau, wie Eusebius die Gemeinde der Apostel:
zeit schilderte, war sie im zweiten Jahrhundert einem Weizenfeld,
mit Unkraut überwuchert, vergleichbar. Das zweite Jahrhundert
war die Zeit der grossen Ketzerbewegungen. Die Ketzer des ersten
Jahrhunderts, Simon und Kerinth, vermochten gegen die Apostel
nichts, sondern wurden durch Petrus und Johannes leicht überw
den. Als die Apostel aber alle gestorben waren, nahmen die Häre-
tiker überhand. Mit Marcion anfangend, sich in den Gnostizismus
fortsetzend, tauchten von allen Seiten her die merkwürdigsten Er-"
scheinungen innerhalb der Gemeinde auf. Der Feind war nicht
länger ausserhalb der Tore, sondern war in die Gemeinde selbsi
eingedrungen. Dieser Gefahr musste eine Einheitsfront entgegen“
gestellt werden, und aus der Gemeinde entwickelte sich allmählich
eine Kirche, die das Unmögliche versuchte: das Unkraut von dem”
Weizen zu trennen. Diese Kirche aber hatte schon ihre Ueber-7
winderkraft verloren, und das Unkraut gedieh ruhig weiter, wenn
auch in etwas wechselnden Formen. Wenn eine Häresie überwun-”
den wurde, zeigte sich sofort eine neue, und statt des Reiches Got-
tes hatten die Gläubigen ein meues Ziel bekommen: die Einheit
der Kirche!
So gab es schon im zweiten Jahrhundert des Christentums ähn-
liche Erscheinungen wie die, welche auch unsere Zeit kennt. Es
gab die verborgene Innerlichkeit, in welcher sich die Märtyrer-
stimmung entwickelt hatte, und die sich in der Askese und dem’
Mönehtum des dritten und vierten Jahrhunderts fortsetzte. Es gab”
„Ökumenische Bestrebungen“ der Kirche, die umso eifriger und
notwendiger wurden, je mehr die innere Einheit verloren ging. Es”
gab die Häresien, die auch wir so gut aus unserer Zeit kennen: die
Marcioniten, die den Schöpfergott von dem Erlösergott schroff un
schieden, die Montanisten — sollen wir sie mit der „Pfingstbewe-
gung“ vergleichen ? — die Valentinianer und andere gnostische Sek-"
ten, die mit ihren seltsamen Spekulationen uns teils an die Theoso-
ph’e und Anthroposophie, teils an die moderne indisch geprägte My-
stik erinnern. Es gab die verschiedensten halb religiösen, halb philo-
sophischen Sekten. Und es gab — auf einmal, als Wirkung dieser
ganzen Entwicklung vom Christus weg und selbst diese Entwick-
lung weiter führend — eine Theologie, die anfangs die Ketzer be-
kämpfen sollte, später aber selbst Ketzer zu Tausenden erzeugte,
als sie im vierten Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte und ihre
schlimmsten Orgien feierte, in dem Streit zwischen Arius und Atha-
nasius, dem Kamppf um Homousie oder Homoiusie.‘)
Die Keime der späteren Zersetzung der Christenheit liegen alle
schon in diesem verhängnisvollen zweiten Jahrhundert verborgen.
‘) D.h. Gleichheit oder Aehnlichkeit Christi mit Gott. D. Red.
332
tem Wan mit ken Herzen denke I dient eo.
jegner, dem Mammon, dem Gewaltgeist. Es war nur
verständlichkeit, dass diese Degeneration der Gemeinde
r aus dieser sich entwickelnden. Kirche auch einen äusseren,
de Ei ehe". unter Konsirin ein Grossen‘ Reh
‚da: hrekertum die offizielle Religion des römischen Reiches
de. Seitdem gab es viele, viele Jahrhunderte hindurch nicht
m eine ecclesia militans auf Erden, sondern; nur eine „ecclesia
a riumphans“, d.h. eine verwesende Kirche. Wer Beweise haben will,
der lese nur die Kirchengeschichten von Eusebius und Theodoret.
3 - Und es ist bisweilen doch möglich, die Hand Gottes auch in
den Weltbegebenheiten zu sehen. Diese Völker und diese Kirche
konnten nicht mehr zum Ursprünglichen zurückgebracht werden.
_ Die Kräfte der Zersetzung waren zu mächtig. So musste noch ein- -
mal eine Sintflut kommen — nicht mit Wasser, das hatte Gott ver- \
- sprochen nicht mehr zu tun — sondern mit Völkermassen. Es muss-
_ ten neue Völker an die Reihe kommen. Denn noch einmal hatte sich
das Wort erfüllt, dass die Eingeladenen der Einladung nicht wert
_ waren, und vorläufig musste also das Alte in dieser Sintflut der
_ hervorbrausenden Völkerscharen zugrunde gehen. So ging auch die
- altchristliche Kirche zugrunde und mit ihr die letzten Spuren der
- urchristlichen Gemeinde, der Gemeinde als Brudergemeinschaft, als
_ eorpus Christi. Seit der Völkerwanderung hat es nicht mehr eine
- Gemeinde im urchristlichen Sinn des Wortes gegeben — wenn auch
vor und nach der Reformation immer wieder Anläufe dazu gemacht
- worden sind — sondern nur eine Kirche und eine unsichtbare
- Gemeinde. Und die neue Kirche, die während der Jahrhunderte der
Völkerwanderung auf den Trümmern des Alten entstand, und in
welcher das Christentum überwinterte, bis die Entwicklung der
_ neuen Völker so weit fortgeschritten war, dass sie wieder Geistes-
träger sein konnten, und deshalb in der Reformation wenigstens
teilweise zum Bewusstsein ihres Erbes erwachten, war die
römische Kirche, die, trotzdem sie sich katholisch nannte,
so weit davon entfernt war, die ursprüngliche Kirche Christi zu
sein, dass sie vielmehr nur die Puppenhülle darstellte, in welcher
2 das im Winterschlaf liegende Christentum seines Aufwachens
333
Synk EN 4) Der Polytheis
der Kirche weiter, das Bedürfnis der Massen nach
"neben dieser und innerhalb der allgemeinen Entwicklung lässt
. Rufe „Gott will es“ in die Welt hinaus. Um ihm die Erde zu er
durch die Sakramente, die nach und nach ganz in Magie
wurden, befriedigt, und ‚die Autorität der Kirche gab a
menschen die Stütze, die er eben nicht entbehren ‚konnte a
IV. 1
Um die Jahrtausendwende herum muss sich SR: dieser
Entwicklung ein Umschlag vollzogen haben. Es lassen sich i
halb der Kirche im zweiten Jahrtausend zwei Entwicklun
linien unterscheiden: die Linie der Degeneration läuft weiter,
eine Linie der wirklichen Entwicklung, die in diesem Sinne ja nur
eine „umgekehrte“ sein kann, die einer Rückkehr zum Urspri 1g-
lichen, erkennen. Drei Begebenheiten heben sich vom 11. bis z um
13. Jahrhundert auf diesem Hintergrunde hervor: 1. Die Kreuzzüge,
2. das „Cur Deus homo“ von Anselm von Canterbury und 3. das
Leben des Franziskus von Assisi. Die Kreuzzüge zeigen symptoma-
tisch den ganzen Abfall vom Urchristentum. Die Christenheit, die”
sich für den Kampf Gottes gegen den grossen Widersacher nicht
hatte gewinnen lassen, kommt nun in eine ungeheure Bewegung, |
ihre Glieder ziehen als Gottes Kämpfer, als Kreuzträger unter dem”
obern? Nein, um den „Ungläubigen“ den Fleck Erde zu entreis-
sen, auf welchem der tote Körper Jesu zwei Nächte und einen Tag”
geruht hatte! ı
Und gleichzeitig gibt die Kirche mit den theologischen Hain
werken von Anselm von Canterbury den letzten Rest ihrer urchrist-”
lichen Auffassung preis, dass der Weltlauf ein Kampf zwischen Gott
und Satan ist, und dass Christi Tod die Hauptschlacht dieses Kamp-”
fes bedeutet, durch welche der Gegner überwunden und gerichtet”
wird. Der Dualismus: Gott — Satan wird in der Theologie realiter’
aufgegeben und der Dualismus in Gottes Person hinein-
gelegt: seine Gerechtigkeit, welche seinen Zorn begründet, und
seine Liebe stehen einander feindlich gegenüber und müssen durch
den Tod Christi „versöhnt‘“ werden. Satan wird wohl auch in der
Theologie weiter beibehalten als Feind des Menschen — nicht so
sehr als, Feind Gottes — und als Inhaber der Hölle, vor dessen
Macht (nicht aber vor dessen Art und Wesen) man sich "hüten muss.
Die urchristliche Auffassung, dass Gott der Vater ist, lässt sich
nach dieser Theologie nicht mehr aufrechterhalten. Er wird der
Richter, vor dem man sich fürchten muss.
‘) Womit freilich nicht geleugnet werden soll, dass es innerhalb dem Rah-
men dieser Kirche viel Christusglauben und -Nachlolge ge eben habe. .
?) D.h. eine Religionsmischung. D. Red in j
334
i
Mi. ne
AT
t Der Glaube an sein
rdfurchtbarerals Satan.
wi Un
‚die
mehr di
htbare Gewissensangst, die im späteren Mittelalter
. praxis ausgebeutet wurde, bis endlich die Wiederentdeckung des
- Evangeliums, dass Christus der Heiland ist — nicht nur der
_ Richter — und Gott ein gnädiger Gott, aus den Aengsten und
3 Seelenkämpfen des jungen Luther ans Tageslicht hervorbricht. _
Leider entdeckte Luther nicht, dass Gott der Vater und die
2 Liebe ist, sondern nur, dass er sich um Christi willen versöhnen
lässt, seinen Zorn vergisst und den Menschen ihre Sünden nicht
_ zurechnet. Die scholastische Versöhnungstheologie, die, auf An-
selms Gedanken fussend, das Zentrum der mittelalterlichen Theolo-
gie überhaupt geworden war, ging ziemlich unverändert in die
evangelische Kirche über. Auch Luther kann gelegentlich sagen,
‚dass Gott „erschrecklicher und greulicher ist denn der Teufel.“
Und auch die evangelische Kirche hält noch in ihrer Theologie die.
Auffassung fest, dass Gott zornig sei und durch den Tod seines
Sohnes versöhnt werden müsse. Nichts stösst in unseren Tagen
so sehr die „Nicht-Gläubigen‘ vom Christentum weg, als eben diese
Lehre. Und doch ist sie nur in der Theologie durchführbar, nicht
aber im Leben. Selbst im Mittelalter, im „dunkelsten Mittelalter“,
haben die Seelen durch ihr tiefstes Erleben mit Gott diese Lehre
- innerlich überwunden, wenn sie sich vielleicht auch äusserlich nicht
- dagegen setzten. Das kritische Denken lag ja nicht in der Stimmung
des Mittelalters, und die Frommen jener Zeit hatten keine „intellek-
tuellen Schwierigkeiten‘.
Die Theologie Anselms hat aber zum Widerspiel das Wieder-
erwachen zum Urchristentum, das mit Franziskus von Assisi seinen
- Anfang nimmt, oder jedenfalls zum ersten Mal mächtig wird. Des-
halb ist es berechtigt, des Franziskus Leben und Lebenswerk als
die dritte entscheidende Begebenheit um die Jahrtausendwende
herum zu betrachten. In ihm nimmt die Rückkehr zu Christus deut-
liche Gestalt an, wird die unsichtbare Gemeinde zum ersten Male
wieder sichtbar, bricht das im Winterschlaf liegende Urchristentum
hervor zu neuem Leben. |
Denken wir uns die ganze Geschichte des Christentums unter
dem Bilde eines mächtigen Kegels, innerhalb welchem ein kleinerer
Doppelkegel liegt. Die beiden Gipfelpunkte des Doppeltkegels be-
deuten dann das erste und das zweite Kommen Christi, und zwi
; schen diesen Punkten liegt also die „Kirchengeschichte“, richtiger:
die Geschichte der Kirche und ihrer Theologie un d die Geschichte
der Gemeinde und des Evangeliums. Das Bild ist also räumlich zu
335
ieser Grundlage die entsetzliche Hölle
Seelen folterte und von der Kirche in ihrer Ablass-
‘ (das Dreieck) stellt überhaupt die Entwicklung der Kirche
Sı
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1.12 fe ag ey &
h Jahrhpndert, Er; ı3
geriet Pr re ya a j 3
. Geburt Zeit der katholischen Kirche =
Christi (römischen) 15
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Zeit der Id
Völkerwanderung 8 . + F-
ı > 12
(Umschlagspunkt) ” = z
EN P*
_ I< -
j Ar SR
Zwei Abschnitte grenzen sich von selbst vom grösseren Kör per
ab: die Zeit der ältesten Kirche bis zur Völkerwanderung, und die
Zeit nach der Reformation. Zwischen beiden Linien liegt also die
Zeit der römisch-katholischen Kirche. Innerhalb dieses Zeitrau ns,
um das 11. bis 12. Jahrhundert herum muss der Umschlag ge-
schehen sein. Die Entwicklung vor diesem Umschlag führt immer
weiter von Christus, von der Urgemeinde, vom Urchristentum weg
und wird deshalb durch zwei divergierende Linien bezeichnet, weil
dieses „Christentum“, sich immer weiter verbreitend, immer mehr’
an Tiefe, an Intensität verliert. Es wäre wohl richtiger, diese „Ent
wicklung‘ als eine immer weiter fortschreitende Degeneration
zu bezeichnen, deren Prachtblüte die weltumfassende und welt-"
beherrschende katholische Kirche ist. Diese entwickelt sich ja auch”
nach dem ersten Jahrtausend weiter, wie de punktierte Linie
zeigt, und endet erst mit der Wiederkunft Christi. Der grosse Kegel
als offizielles Christentum — dar, nicht nur die der katholi
schen Kirche. Innerhalb dieser Kirche fängt aber nach dem Um-
schlagspunkt eine neue Entwicklung an, die in Franziskus ihren
ersten und vorläufig reinsten Vertreter bekommt: die Entwicklung
zum Urchristentum, zu Christus zurück. Diese Entwicklung wird
durch die zwei konvergierenden Linien bezeichnet. Weil
die erste Entwicklung eine Degeneration war, die immer weiter vom
Ziele Gottes: der Erlösung der Menschheit und dem Reich Gottes
auf Erden als sichtbarer Auswirkung dieser Erlösung, wegführte,
muss also die neue Entwicklung eine „umgekehrte“ sein: sie muss
denselben Weg umgekehrt zurücklegen, auf demselben Wege zum
Ziele zurückkehren. Es wird wahrscheinlich sein, dass die Entwick-
4
ee:
336
BL
}
\ sie richtig wäre, dann gäbe sie ja uns, den Menschen
riegszeit, einen Schlüssel zur Weltentwicklung, zur Welt-
% ichte, der uns den Weg nicht wenig erleichtern könnte, vor
allem dadurch, dass es dann möglich wäre, von unserem eigenen
z in dieser Weltentwicklung eine Ahnung zu bekommen, eine
ung, die, wenn die Wirklichkeit so aussähe, uns auch eine
mächtige Hoffnung geben würde. Es wäre ja denkbar, dass
Gott es so gefügt hätte, dass die Menschen, nachdem sie durch ihre
- sprünglichen Plan für die Erlösung der Menschheit vernichtet und
- dadurch ihre eigene Wüstenwanderung um ein paar tausend Jahre
‚verlängert hatten, doch auch Ihm gehorchen mussten, dass also
innerhalb dieser grossen selbsterwählten „Entwicklung“ doch auch
seine Pläne zur Verwirklichung gelangten, wenn auch nur eine
- kleine Anzahl von Menschen sich für diese Verwirklichung brauch-
bar zeigen würde. Das Neue Testament redet ja auch von einer
„kleinen Herde“, die vorläufig das Reich empfangen soll.
Betrachten wir also die verborgene Entwicklung, die mit Fran-
_ ziskus innerhalb der grossen Kirche angefangen hat. So demütig
_ und unterwürfig sich auch Franziskus in den Dienst‘ seiner Kirche
stellte, so lag doch in seinem Bruch mit Mammon und Gewalt, in
seiner Rückkehr zur Armut, ja zur Nachfolge Christi im wirklichen
Sinn des Wortes, der Keim zum Sturz der katholischen Kirche, wenn
- dieses Leben in der Nachfolge Christi sich frei hätte entfalten kön-
_ nen. Das sah die Kirche sehr wohl ein, und es gelang ihr, die
- Gefahr vorläufig abzuwehren durch ihren klugen und energischen
Vertreter, den Kardinal Hugolin, der das schwächste Glied der
Jüngerkette, den äusserlich so starken Bruder Elias, für sich ge-
wann und ihn dazu bewog, die Rolle des Judas am Minoriten-
orden und seinem Meister auf sich zu nehmen, indem er, ihn mit
den Lippen verehrend, durch sein eigenes Lebenswerk das Werk
- des Meisters zugrunde richtete. Es liessen sich jedoch die Wirkun-
gen, die von diesem Nachfolger Christi und seinen ersten treuen
Jüngern ausgegangen waren, nicht ganz vernichten, und bald hier,
_ bald dort glimmte in die folgenden Jahrhunderte das Feuer in den
4 vorreformatorischen Gestalten wieder auf, bis es in der Reformation
des sechzehnten Jahrhunderts in hellen Flammen aufloderte. Ein
4
337
®
| nun diese Auffassung von der gesamten Kirchengeschichte
Entwicklung im zweiten Jahrtausend der Kirche bs
Untreue und ihre Nachlässigkeit im grossen Kampfe seinen ur-
Yen |; RE “ ”
5 . Be En ar;
s Stück
hr
nicht von einer Erlösung des ganzen Menschen oder gar der
Menschheit. Aber der Gedanke des Reiches Gottes auf Erden er-
wachte doch auch zur Zeit der Reformation, wurde freilich in der
lutherischen Kirche wieder unterdrückt, um dann seinem Wesen
nach in der reformierten und freilich noch deutlicher in den „Sek-
ten“ weiter zu leben, während der Gedanke von der Wiederkunft
Christi nie Bürgerrecht in der evangelischen Kirche erhielt, sondern
bloss unter den Frommen in den Sekten und Konventikeln eine Zu-
fluchtsstätte fand, nachdem er von seinem mehr als fünfzehnhundert-
jährigen Schlaf erwacht war. 3
Auch die Gemeinde lebte auf, wenn auch nicht als urchristliche
Gemeinde, so doch als Annäherung dazu: in der deutschen Brüder-
gemeinde und unter den englischen Quäkern. Diese entdeckten auch
wieder „das innere Licht“, d. h. den Heiligen Geist als Lehrer, als °
Führer in alle Wahrheit. Auch gingen die Quäker noch einen gros-
sen Schritt über das reformatorische Christentum hinaus: ihr Chri-
stentum war nicht nur wie dieses ein Christentum des Wortes und
des Gefühls, sondern ein Christentum der Tat, wodurch sie noch
in unserem Jahrhundert der Welt, die das Christentum schon als
abgetan betrachtete, eine Ueberraschung bereitet haben. Auch diese
Hiltsbereitschait der Not der Welt gegenüber ist ja aber ein zurück-
erobertes Stück Urchristentum, dem die „Sünde“ nie meta-
physisch, sondern immer ethisch war. Keine dieser Gemein-
den vermochten sich doch in ihrer Reinheit über die allen religiösen
Bewegungen so gefährliche zweite Generation hinaus zu erhalten.
Das Wesentliche in Leben und Lehre der Quäker erfuhr aber im
neunzehnten Jahrhundert besonders durch den jüngeren Blumhardt
eine Auferstehung und weitere Entwicklung, unabhängig von die-
ser menschlichen Quelle, aber geboren aus der gemeinsamen gött-
lichen Quelle. Und auch der Pietismus trug im neunzehnten Jahr-
hundert zwei seltsame von ihrem Wurzelstamm sehr verschiedene
Blüten: den älteren Blumhardt und Kierkegaard.
Auch der Protestantismus hatte ja Kirche gebildet und das
Christusleben innerhalb dieser Kirche hatte sich dem Eifer nach
der „reinen Lehre“ nicht als ebenbürtig erwiesen. Eine tote Kirch-
lichkeit und eine erstarrte Theologie, das war das Einzige, was der
offizielle Protestantismus in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahr- -
u re
338
zur Umkehr:
ır nicht.“ Er hat die Macht der protestantischen Kirche
biell gebrochen, wie Luther die der katholischen brach. Denn
_ diese Macht bestand nur in der Suggestion, die sie über die Seelen
aufrecht hielt: dass die orthodoxe Lehre der protestantischen Kir-
_ chen mit dem Christentum des Neuen Testaments identisch sei. Die
. verborgene Innerlichkeit Kierkegaards, die das offizielle Christen-
_ tum überwand, hatte aber durch seinen Vater ihre Quellen in der
herrnhutischen Brüdergemeinde.
Auch der ältere Blumhardt entstammte dem Pietismus. Und er
_ erlebte das, wonach Kierkegaard sehnsüchtig ausgeschaut hatte:
E das Christentum des Neuen Testaments, des ersten Jahrhunderts,
_ das Evangelium von der Erlösung und von dem Reich Gottes auf _
Erden als Auswirkung dieser Erlösung des Einzelmenschen und
' der Menschheit überhaupt. Auch die Wiederkunit Christi wurde
' ihm wieder — wie in der allerersten Zeit — Gegenstand der leben-
digen Hoffnung. Der Sohn Blumhardt entdeckte auch das „missing
- link‘“) zwischen dem Einzelmenschen und (dem Reich: die Gemeinde.
Vorläufig nur als ein „Zion Gottes auf Erden“; die Zeit der Auf-
erstehung der urchristlichen Gemeinde war auch in den Tagen des
jüngeren Blumhardt noch nicht erfüllt. Auch hat Blumhardt vollends
mit der Vorstellung von einer „ewigen Seligkeit‘‘ nach dem Tode,
_ die das eigentliche Ziel des Menschenlebens sein sollte, wie auch
- mit der Sünde als metaphysischer Grösse abgerechnet. Für Blum-
hardt besteht gar kein Zweifel daran, dass die Sünde immer
_ ethisch ist und sich hauptsächlich gegen den Nächsten äussert,
weshalb auch die wirkliche Vergebung der Sünde etwas dem
Menschen sehr Unangenehmes und Unerwünschtes werden kann,
indem sie ihm seine schönen Zirkel der Behaglichkeit und Gemüt-
E lichkeit zerstört und ihn zum Dienst am Nächsten verpflichtet. Des-
a
ur
halb hat Blumhardt auch der „Rechtfertigung durch den Glauben“
- kein grösseres Interesse gezeigt. Auch die Wunder des ersten Jahr-
- hunderts lebten, wie wir wissen, in der Nähe der beiden Blumhardt
auf, und der Heilige Geist hat, sich selbst erklärend, aus ihnen
j geredet, wie es wohl seit dem bis 3. Jahrhundert nicht mehr
geschehen ist.
| Mit der Wiederentdeckung der Erlösung, der Gemeinde, des
Reichs, des Heiligen Geistes als des lebendigen und wirksamen
Lehrers der Gläubigen, als der Kraft Gottes, die sich in Wundern
- auswirkt und die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi in eine le-
bendige Hoffnung verwandelt, sind wir aber dem ursprünglichen
Christentum sehr nahe gekommen. Es liesse sich wohl von einem
Menschen, der dies alles miterlebt hätte, eine Glaubenslehre schrei-
3) D.h. das Bindeglied. D. Red. ER
3 e
ne en Erg Neuen Tesiament 5
würde, die die Apostel in die Welt hinaustrugen.
. erleben werden ?
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Prager
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ichkeit
e sehr grosse
F ar
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ben, die ein Achnl
Mit einer Lehre aber, selbst wenn sie das reinste Urchristentum
enthielte, ist uns ja nicht geholfen. Das Christentum war auci
ursprünglich keine Lehre, ja auch nicht nur eine Botschaft. Es war
ein Zeugnis von etwas Erlebtem, von einer neuen Wirklichkeit, die”
das Leben dieser Menschen aus ihrem früheren Geleise hinweg und 7
hinauf geführt hatte. Auch wir müssen die Erlösung als Wirk-
lichkeit: die Gemeinde, die Kraft, die Klarheit, die Liebe des
Heiligen Geistes, die als Wirkung unsere Erde in das Reich Gottes
verwandelt, erleben. Gibt uns unsere Auffassung, dass wir mitten
in einer Entwicklung stehen, deren Ziel das Wiedererwachen des
Christentums der ersten Zeit, nicht nur als Lehre, sondern als
Erlebnis ist, nicht eine Hoffnung darauf, dass wir dieses Grösste
vn.
Kehren wir zu unserem Ausgangspunkt, zu den Worten von Cal-
vin zurück. Es spricht aus ihnen, trotzdem sie von Glauben und
Hoffnung reden, eine tatsächliche Hoffnungslosigkeit, eine
Grundstimmung, in welche auch wir leicht zurücksinken. Wir sehen
wohl ein, dass das Urchristentum Sieg und Erlösung war, aber was
hilft das uns? Wir leben nun einmal nicht im ersten,‘ sondern im
zwanzigsten Jahrhundert, wir haben ein verwässertes und kraft-
loses Christentum, das fast nur noch in Worten besteht, von den
Vätern übernommen. Wir lesen wohl das Neue Testament, und wis-
sen auch, dass Menschen wie die beiden Blumhardt Dinge erlebt
haben, die mehr ins erste als ins zwanzigste Jahrhundert zu ge- °
hören scheinen, aber wenn sie uns auch ein Zeugnis von dieser °
Welt hinterlassen haben — noch einmal: was hilft das uns? Wäre es °
nicht besser, das Christentum des ersten Jahrhunderts nie gekannt ”
zu haben? Wenn es uns doch unerreichbar ist, dann kann das Wis- °
sen davon uns doch nur quälen. i
Besinnen wir uns! Wir haben von einer Wirklichkeit geredet, °
hinter welcher G ott steht. Der Gott, der Treue ist und Liebe —
nicht der Gott, der durch eine Eisregion von den Menschen ge
trennt ist, die er.doch selbst geschaffen hat, und die ohne den Zu-
strom von ihm her in ihrem Elend zugrunde gehen müssen. Glaube
bedeutet, nach dem Neuen Testament, nicht „Hohlraum“, sondern
Vertrauen, freudige Zuversicht, eine feste Ueberzeugung in bezug
auf die Dinge, die diesen unseren menschlichen Augen nicht sichtbar
sind. Ein solcher Glaube könnte von uns nicht gefordert werden,
und könnte übrigens auch nicht in uns entstehen, wenn Gott nicht
treu wäre. Die Treue GottesistdieVoraussetzung
desneutestamentlichen Glaubens.
Ist Gott aber treu, dann bedeutet es, dass er immer da ist und
340
n, ıın SO ©.
‚darnach suchen
tt mehr als die Menschen vor dem Kriege.
so wie das erste Jahrhundert ihn hatte. Er muss
anz wirklich werden. Wir müssen seine Hilfe, seine
wieder erleben, und die Gemeinde als Brudergemeinschaft,
Christi, dessen Seele Er selbst ist, muss in unserer Mitte
erstehen. Dann erst wird Gott uns wieder ganz konkret.
x müssen aus unserer Unerlöstheit heraus, müssen Worte wie
die Calvins als etwas Unwirkliches erleben, weil Gott wirk-
‚lich antwortet, wenn wir bitten, uns tatsächlich das gibt, wonach
wir rufen. #2 f Ay?
u
en
VII.
Man verkennt die Stellung des Wunders in der ersten Zeit des
Christentums ganz, wenn man es vor allem als „Mirakel“ auffasst.
Gewiss war das Wunder dem Nicht-Gläubigen ein Zeichen — und
den Gläubigen eine Bestätigung‘ — davon nämlich, dass hier eine
grössere Wirklichkeit waltete, als die sichtbare und bisher er-
kannte. Aber das Wunder bedeutete vor allem dasErscheinen
dieserneuen undgrösseren Wirklichkeitselbst.
_ Es war das Hervortreten der bisher unsichtbaren und unerkenn-
‚baren Gotteswelt, ein Eingreifen dieser Gotteswelt in die materielle,
- die man bis dahin für die einzige gehalten hatte. Deshalb war das
_ Wunder nicht nur verständlich, es war notwendig. „Das Wunder
- ist keine Unregelmässigkeit in der Schöpfung; es ist eine Wieder?
herstellung der Regelmässigkeit.‘“ (Blumhardt Sohn.) Jedes direkte
- Eingreifen Gottes in diese Wirklichkeit, jedes Hervortreten sei-
ner Wirklichkeit, muss dem gottentfremdeten Menschen ein Wun-
- der sein. Das Wunder ist der „verlängerte Arm“ Gottes, durch
‚welchen er den Menschen seine Hilfe zukommen lässt.
Deshalb ist es ein so fundamentales Missverständnis, zu sagen,
dass das Wunder nur in der ersten Zeit des Christentums notwendig
"war. Im Gegenteil: das Christentum (als Evangelium, als Botschaft
_ von der Erlösung und von dem Reich) kann gar nicht ohne das,
_ Wunder bestehen. Das Wunder ist ihm so notwendig wie uns der
Atem. Wäre es nach dem ursprünglichen Plan gegangen, hätte das
"Reich Gottes damals die Erde erobert, dann wäre gewiss das Wun-
- der ein tägliches Ereignis geblieben. Denn das Wunder ist auch die
Zuflucht des Jüngers und Nachfolgers Jesu in der Not; es ist die
tatsächliche Hilfe Gottes. Wo das Wunder fehlt, wird Gott un -
wirklich.
Die evangelische Christenheit hat sich daran gewöhnt, Gott
nur im Innern zu haben. Die Gotteserlebnisse waren hauptsächlich
>»
PAR:
341
11
tum“. Und dieses Christentum genügte vollkommen, solange man
die gefürchtete Macht, die „Not“ heisst, äussere oder innere, in ge-
hörigem Abstand hatte! Nach dem Krieg empfinden wir immer
deutlicher, dass diese „Innerlichkeit“ und dieses „Christen-
tum“ ziemlich überflüssige Dinge sind. Unsere Welt ist tief in die =
Not hineingestellt worden, und das Christentum, wie man es im 7
vorigen Jahrhundert und Anfang des jetzigen auffasste, ist in die
sem Erdbeben zugrunde gegangen. Wir haben nicht einmal den
falschen Trost des „Christentums“, den unsere Väter noch hatten:
dass wir, wenn wir Christen sind, immer die Freude und den inne-
ren Frieden haben werden, die uns ermöglichen, das Leben dieses
„Jammertales“ zu tragen, bis uns dann nach dem Tode die „ewige
Seligkeit‘“ wie eine reife Frucht in den Schoss fällt. Was sollen wir
tun in dieser Not?
Wir müssen zum ersten Jahrhundert zurückkehren. Diese”
Wirklichkeit muss uns wieder die grösste, ja die einzige Wirklich- °
keit werden. Wir kommen ohne das Wunder, ohne das tatsächliche
Eingreifen Gottes, nicht mehr durch. Unsere menschliche Krait
reicht für die Aufgaben, die uns jetzt gestellt werden, nicht. Wie
selten gelingt es uns, einem anderen Menschen wirklich genü-
gend zu helfen? Wie oft müssen wir die Hungernden ungesättigt
von uns gehen lassen! Am wenigsten empfinden wir vielleicht
diese unsere Unfähigkeit der Krankheitsnot gegenüber; denn hier
hat ja die ärztliche Wissenschaft einen Teil der Arbeit übernommen,
die die Jünger Christi hätten tun sollen. Und wenn diese Wissen- ”
schaft auch nicht immer erfolgreich in ihren Behandlungen ist, so °
glaubt man doch an ihre Kunst und empfindet nicht mehr dieselbe
Angst der Krankheit gegenüber wie noch vor einem Jahrhundert °
un.
und in früheren Zeiten. Kann der Arzt sonst nichts tun, so kann er °
doch immer eine Morphiuminjektion geben! Aber die soziale Not,
die längst nicht mehr nur die ‚Arbeiter‘ umfasst, sondern auch in
den Reihen des Mittelstandes wühlt, die immer grösser werdende
Armutsnot, die man nur symptomatisch durch „Wohltätigkeit‘ be-
handeln kann, weil sich die Ursachen nicht entfernen lassen, wobei
sich der merkwürdige Umstand zeigt, dass die „Wohltätigkeit“ im
selben Verhältnis abnimmt, wie die Not wächst, weil der Egoismus
sich jetzt hemmungslos entfalten darf, und „die Liebe kalt gewor-
den ist“ — die auch immer grösser werdende Not des persönlichen
Lebens, die nicht nur damit zusammenhängt, dass Sünde und Laster
sich jetzt freier austoben dürfen als früher, sondern auch damit, -
dass eigentlich kein Mensch mehr ein Privatleben hat (weil kein
Mensch ja mehr sein eigener Herr ist, sondern nur ein „Angestell-
342
ausgeeilt sind, Menschen, in denen das Neue vorgebildet
"um dadurch den anderen, die auf ihrem Wege nicht so weit
chritten waren, sichtbar zu werden. Das vorige Jahrhundert
ei solche Gestalten gehabt: Kierkegaard, den Vertreter des
_ zweiten Jahrhunderts, und die beiden Blumhardt, die bis zum er-
sten Jahrhundert vorgedrungen sind. In Kierkegaard hatte sich das
_ Christenheit hinein war von der Stimmung der Märtyrer der ersten
Hälfte des zweiten Jahrhunderts getragen — es war die Stimmung
eines Menschen, der unter der Not der Wirklichkeit leidet und
keine Hilfe vor sich sieht, die Stimmung, die den Tod als
Befreier grüsst, weil die Hoffnung nicht mehr eine lebendige
Hoffnung ist... Die Stimmung, die damals schon diese besonders
empfindliche Seele füllte, ist nach dem Kriege auch unsere Stim-
_ mung geworden, die wir einen Versuch in der Nachfolge Christi
_ gewagt haben. Auch wir fühlen uns oft verlassen und Gott scheint
_ uns ferne. Der „liebe Gott“ ist uns eine etwas phantastische Ge-
- stalt geworden, und wir wünschen ihn auch nicht mehr so zu
- sehen. Aber ebensowenig können wir mit einem Gott etwas anfan-
gen, der nur um seine Ehre eifert, während er sich um seine Ge-
_ schöpfe nicht viel zu kümmern scheint. Und von diesem Gott wissen
- wir übrigens, dass er nicht Jesu Christi Vater ist. Wir suchen und
- tasten, um den Weg zu finden, der zum Erleben Gottes führt. Wir
wünschen, dass sein Angesicht wieder über uns leuchten soll,
_ damit auch ein Abglanz von diesem Leuchten die Menschen treffe,
- die auf uns schauen, weil wir uns Christen nennen, und sie den
Weg, der zu Gott führt, verloren haben.
| Die Welt um uns her zeigt ein ähnliches Bild wie die Zeit der
- Auflösung des römischen Reiches: alles in Verwirrung, alles nach
_ neuen Wegen suchend, auf dem religiösen Gebiet ein bunter Syn-
kretismus, der nach allem greift, was auch nur einen Anflug von
Geist an sich hat. Und die Kirche? Die Kirche ist wie die Kirche
zur Zeit Eusebius’ und Konstantins entzückt darüber, wie sie es
herrlich weit gebracht. Trotz ihrer Gottesferne, trotz ihrer Ohn-
macht, trotz dem, allen Augen — ausserhalb der Kirche — sicht-
'
*
343
hat immer Menschen gegeben, die der allgemeinen Entwick
eite Jahrhundert verkörpert: sein Notschrei in die verweltlichte
wi
spürt, wird gar zu leicht eine „Einlegung“. Und überhaupt —
welch ein Missverständnis, Gottes Wort von der Wirklichkeit tren-
Eine solche „Auslegung“ aber, hinter welcher man die Not ni ht
nen zu wollen! Als ob Gottes Wort etwas anderes sein könnte als
Gottes Eingreifen indie Wirklichkeit! Nie kann
Gottes Wort ein Buch sein, überhaupt nie etwas Vorübergegan-
genes, sondern immer nur etwas Gegenwärtiges. Das Wort ist nur
der Ausdruck des Geistes und kann nicht selbständig weiterleben,
wenn es vom Geiste losgelöst wird. Und nur der Geist kann uns
ja übrigens das Wort erklären. Welch eine Armut, dass man uns
vierhundert Jahre lang das Wort Gottes in dem Buche hingestellt
hat als das einzige, worin wir Gott finden könnten! ee;
IX.
Die Christen des ersten Jahrhunderts, die ein geschriebenes
Wort Gottes noch nicht hatten, lebten in der immer aufs neue sicht-
bar werdenden Wirklichkeit Gottes. Er wurde ihnen auf ı
mancherlei Weise konkret. Sie erlebten ihn in der Wiedergeburt
der Taufe; er wurde ihnen ganz gegenwärtig in der Eucharistie;
sie sahen seine Krait in den Krankenheilungen; sie hörten seine
Stimme durch den Mund der Propheten der Gemeinde; sie wurden
durch die uns so unverständliche Freude gehoben, die die unwill-
kürliche Lobpreisung als „Zungenreden“ ihren Lippen entströmen
liess; sie erlebten vor allem in der Gemeinschaft der Gläubigen die
Gemeinschaft mit Gott, in der gegenseitigen Liebe seine Liebe;
sie erkannten die gesammelte Ueberwindungskraft der Gemeinde
über das Böse und das Haupt des Bösen; sie erfuhren, dass alle Dä-
monen, alle unreinen Geister ihnen untertan waren und alle Krank-
heit ihnen weichen musste und dass die Not sich in nichts auflöste
dieser mächtigen Kraft gegenüber. Und wir — wir sollen uns mit
einem Buch begnügen, das uns einen Bericht über diese Dinge
gibt, einen Bericht, der uns vielfach unverständlich geworden ist, weil
die Wirklichkeit, von der das Buch zeugt, sich unseren Augen ver- !
- 344
Bon
|
4
ch auch die Lebens-
alttestamentlichen Predigers
ı hier doch so vollkommen gleichgültig ist. Und. die
g auf den kommenden Christus und sein Reich („die Reichs-
lung von einem unanschaulichen Jenseits, während man das
iesseits seinem Untergang überlässt. SE
Nein! Hätten wir nur das Buch als Wort Gottes, dann müssten
_ wir verzweifeln oder dem „Prediger“ nachfolgen. Wir schätzen das
das aus Gottes Munde geht. Aber etwas mehr als das Buch haben
wir doch. Der Geist Gottes lebt noch in uns. Nicht wie er in den
Christen des ersten Jahrhunderts lebte. Es ist bei uns alles nur
noch Keim, ist mehr als Verheissung da denn als Erfüllung. Aber der
Geist in uns ist lebendig, ist eine Ausströmung von Gott. Und
das ist das Entscheidende. Dann ist schliesslich der Unterschied
zwichen dem ersten Jahrhundert und uns nicht ein Wesensunter-
schied, sondern nur ein Unterschied des Grades, der Intensität. Dann
haben wir wieder die lebendige Hoffnung; denn dann ist es mög-
‚lich, die Wirklichkeit des ersten Jahrhunderts zurückzugewinnen.
X.
Die beiden Blumhardt haben von einer grossen Erlösungszeit
gesprochen, die über die Erde kommen solle, von einer erneuerten
Ausgiessung des Heiligen Geistes. War das vielleicht nur eine
phantastische Uebertreibung, eine Ausgeburt der Träume ihrer Her-
- zen? So könnte man behaupten, wenn sie nur ahnend, prophetisch,
_ geredet hätten, wenn sie verkündigt hätten, was kein Auge geschaut
kein Ohr gehört und was in keines Menschen Herz gekommen
wäre. Dann hätte man ihre Worte hören können, wie man heute
die Offenbarung Johannis, das „Buch mit den sieben Siegeln‘“, liest.
Wir wissen nun aber, dass in ihrer Nähe die Wirklichkeit Gottes
den Menschen wieder in Wundern nahe trat und dass sie den Oeist
hatten, von dem sie redeten. Sie redeten von Dingen, die sie
erlebt hatten, die uns aber noch unbekannt und unerkennbar sind
und die wir erst wieder erkennen und verstehen werden in dem
Masse, als wir sie wieder erleben. Die beiden Blumhardt sind Vor-
boten einer neuen Wirklichkeit. Sie haben nicht nur diese kom-
-mende Wirklichkeit verkündigt, sondern die Wirklichkeit selbst
ist in ihnen vorgebildet worden. Die Wirklichkeit, in der
sie lebten, war die des ersten Jahrhunderts, des Neuen Testaments,
die Wirklichkeit des Heiligen Geistes. Denn die Wunder und die
345
Buch hoch, aber leben können wir nur von dem lebendigen Wort,
bejahen kann, weil die-
religion der Blumhardt-Epigonen“) verwandelt sich in die
_
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- - 28 2 ws Be ir y
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De a 2
Fülle des Geistes sind es, worin sich das erste Jahrhundert von
allen späteren Jahrhunderten unterscheidet. Nicht nur die Botschaft
also, sondern auch das Leben des Neuen Testamentes treten uns
in Blumhardt entgegen. ; Be
Und denken wir den Gedanken von der „umgekehrten“ Entwick-
lung des Christentums und der „Christenheit“ durch, denken wir
daran, dass der Kegel immer kleiner wird, der Abstand der Peri-
pherie von Zentrum immer geringer und der Weg von der Basis
bis zum Gippfelpunkt immer kürzer, so bekommen wir jedenfalls
eine Ahnung davon, was es bedeutet, wenn Jesus sagt, dass zuletzt
alles „in einer Kürze‘ geschehen soll und er selbst „bald“ komme,
versehen, dass die doppelte Reihe der Aeusserungen über seine
Wiederkunit, von welchen die einen darauf deuten, dass alles, seine
Wiederkunft und das Kommen des Reiches sich innerhalb einer
Generation abspielen würde, während die anderen sagen, dass der
König erst „über eine lange Zeit‘ kommen werde und dass dann
Mitternacht über der Erde herrschen und der Glaube fast erloschen
sein werde, so aufzufassen sind, dass die Entwicklung, als er diese
Worte sprach, seinen noch irdischen menschlichen Augen verborgen
war — „Tag und Stunde weiss niemand, auch nicht der Sohn,
sondern allein der. Vater“ — dass es aber diese beiden
Möglichkeiten gab. Nach dem ursprünglichen Plan Gottes
hätte es so gehen sollen, dass die Wiederkunft bald nach der Bekeh-
rung des jüdischen Volkes hätte kommen sollen, die Gemeinde hätte
sich dann über die ganze Erde verbreitet und überall das Reich Got-
tes verwirklicht. Das Ganze wäre dann als Expansion, als Evolution
vor sich gegangen, und das Bild des grossen Kegels hätte, statt der
une der Kirche, die Entwicklung des Reiches Gottes dar-
gestellt.
Wiederkunft
Geburt
Christi
Nun ging es anders, weil erst das jüdische Volk und später
um die Jahrhundertwende herum auch die Gemeinde versagte. Die
klugen Jungirauen schliefen ein, und der König musste auf sie war-
ten, während sie nicht mehr auf ihn warteten. Statt durch die Tore
des gelobten Landes zu gehen, trat die Gemeinde und mit ihr die
Menschheit eine jahrtausendlange Wüstenwanderung an. Aber in-
nerhalb des grossen Kegels — der Kirche — bildete sich dann der
346
mpf wider den Gegner bloss ihre
lernt sie
ehren lässt,
' abspielen. Dann wird es auch wieder einen grösseren Zu-
des Heiligen Geistes geben können, der der ersten Ausgies-
werden sich vielleicht zuletzt doch die Begebenheiten „in
E chii liche verwandeln kann. Eine Gemeinde, die dann den König
' empfangen kann, während sonst die Menschen den Untergang des
Abendlandes erleben, so wie uns die Offenbarung Johannis eine
Ahnung davon gibt. |
Aber dann geht es noch einmal mit dem König in alle
Welt hinaus, um mit ihm die Erde zu erobern und in das Reich
verwandeln. Dann fängt eine neue Entwicklung an, von der wir
noch keine Ahnung haben können. -
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-n
Dee
ER BI a
£ -- ” "_ NWied@rkunft
R- <a Christin
eburt | ;
Christi Reich Gottes
-
-
=.
„Wir harren der Zeit, da das Wehen des Geistes wieder mäch-
tiger wird und das Schweigen Gottes ein Ende nimmt. Mit einem
Mal kann und wird mit erneuertem Kommen des Heiligen Geistes
vieles sich anders machen in der grossen verderbten Welt, und von
oben her ein Bezeugen Gottes sich wieder so fühlbar machen, dass
alle Welt wird sagen: Es ist der Herr, der nicht fehlt mit der Er-
füllung seiner Verheissung, und endlich dem Seuizen der Kreatur
— ein Ende machen wird. Wollen wir das Sausen Gottes, des Geistes
— Gottes in uns nicht übersehen und nicht verdrängen, wollen wir
darauf achten und uns hergeben mit ganzem Herzen für das, was
unser Heiland will, und also Gefässe werden, die mehr empfangen
_ können, wenn seine Zeit ist zu geben und alles zu überfluten mit
347
it verz. ässt, lernt vielmehr durch das Schwei-
o zu bitten, wie die Witwe den unrechtfertigen Richter _
al Iırh : hr « 4 : : = s <
ähnlich werden und die Gemeinde wieder in eine wie die ur
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2 hr} .
£y..: Zur Weltlage -
a it asien nennen
Der sozialistische Bruderkrieg und seine
Ueberwindung. 4.
1. Die Spaltung. i BI
Der Mensch gewöhnt sich ja schliesslich an alles. So haben wi 3
uns auch an die Tatsache gewöhnen müssen, dass es an Stelle der
einen, grossen sozialistischen Armee, die gegen den gemeinsamen
Feind — das, was der Sozialismus abkürzend den Kapitalismus
nennt — kämpfend' und siegend, manchmal auch unterliegend, vor
drängt, vielmehr zwei sozialistische Armeen haben, die einander
viel leidenschaftlicher bekriegen, als den gemeinsamen Feind. Es
war ein tragisches Erstaunen, als uns Vertretern der ältern sozia-
listischen Generation diese Tatsache nach und nach klar wurde. ©
Als wir einst zum Sozialismus kamen, war dieser wirklich eine ein-
heitliche Macht. Diese wurde durch die Sozialdemokratie repräsen-
mus. Zwar gab: es neben ihr einen Anarchismus, einen Syndikalismus,
einen Kommunismus älteren Stils, auch immer einen religiösen So-
zialismus, gab es in ihr selbst heftige Kämpfe um die Taktik, sich
in dem Gegensatz von Radikalismus und Reformismus zusammen-
fassend, aber jene andern Richtungen des Sozialismus kamen neben °
der sozialdemokratischen gar nicht auf, sie waren unansehnliche,
nur gelegentlich einmal ein bischen mehr hervortretende Seiten
gewässer eines grossen Stromes, und auch der Streit innerhalb der
Sozialdemokratie vermochte diese grosse Einheit der sozialistischen °
Sache nicht zu zerstören. Diese Einheit war freilich nicht immer
gewesen. Wir wussten ja auch, dass ihr ein langer, erbitterter Kampf
oder besser, eine Reihe von solchen, vorausgegangen war, vor allem,
auf dem internationalen Felde, der grosse Kampf zwischen Marx
und Bakunin, zwischen der föderalistisch-anarchistischen Form des
Sozialismus, die damals, in den fünfziger und sechsziger Jahren, alle
a ae
348
ndigkeiten, die Ober-
ick, wo der’ Sozialismus die Hand nach dem lang geweissagten,
lang ersehnten, lang auch wieder unwahrscheinlich gewordenen “
Sieg ausstreckte, brach er in zwei Hälften auseinander. Das sozia
- listische Heer ist im Begriff, mit fliegenden Bannern in die feindliche
. Festung einzudringen, deren Mauern und Türme durch ein Erd-
- beben zerrissen sind — da ereignet sich ein seltsames, unglaubliches
_ Schauspiel: dieses Heer spaltet sich, die beiden Hälften wenden sich ’
_ wütend gegeneinander, auch zur nicht kleinen Verwunderung und R
grossen Freude des Gegners — die Mauern und Türme der Festung 2
aber schliessen sich rasch wieder, werden fester als zuvor wieder
aufgebaut.
E Es ist eine gewaltige‘ Tragik, besonders für uns, die wir die
jrühere Zeit, die Zeit der Einheit erlebt haben. Der alte Widerpart
aller guten und grossen Sachen, der viel wacher ist als wir, hat
- wieder einen wundervollen Zug getan. In den Jahren etwa
‘von 1917 an bis 1920, oder noch ein wenig länger, gab es in
Europa keinen Widerstand gegen den Sozialismus mehr. Die
schwere Niederlage, die der Umstand bedeutete, dass er den Welt-
> krieg nicht verhindert hatte, dass seine Anhänger einander auf den
Schlachtieldern der Bourgeoisie und des Imperialismus mordeten,
- war verwunden, war in den Hintergrund getreten vor der Tatsache,
dass die andere Welt, die Welt, die er bekämpfte, noch deutlicher
- ihren Bankrott vollzog. Er war die kommende Macht; jedermann
war gerüstet, sich mit ihr abzufinden. Es musste freilich ein Sozia-
- lismus von weiter, umfassender Art sein, ein. Sozialismus, der das
aus der Katastrophe aufgestiegene neue Sehnen der Völker auf allen
Lebensgebieten erfüllte. Ihm standen alle Herzen und alle Tore
offen; die Wälle und Mauern des Feindes waren verlassen, seine
- Fahnen eingezogen. Da kam der gewaltige Sieg .des bösen Geistes:
die Tragödie des Sozialismus. Da tauchte Lenin auf. Voraus-
gegangen war jene im Lärm und Wirbel des Weltkrieges von weni-
gen genügend beachtete, durch die Namen Zimmerwald und Kien-
hal markierte Arbeit, die an Stelle einer Umkehr und Besinnung
des Sozialismus, wodurch er, aus der Niederlage eine Vorbedingung
X 349
dr
: n Du E { ‘ N
Dye u: Pydah we TER
des Sieges schaffend, sich für die neue Aufgabe vorbereitet ‚hätte,
die Losung des verschärften Klassenkampfes und des in den Bürger-
krieg zur Herbeiführung der Weltrevolution überzuleitenden Welt-
krieges ausgegeben wurde. Nun wurde Lenin mit seinem Stabe durch
Ludendorff aus der Schweiz nach Russland gebracht und es begann
die Tragödie. Es tauchte, immer deutlicher sichtbar werdend, zu-
letzt im russischen Weltreich siegend und von da aus nach Westen
und Osten vordringend, ein Sozialismus auf, der nicht eine Ueber
windung der alten Welt mit ihrem Gewalt- und Blutgeist war, 7
sondern eine Ueberbietung: die Proklamation eines soziali- 7
stischen Gewaltglaubens, die Errichtung eines sozialistischen Mili- 7
tarismus, die Schaffung einer sozialistischen Diktatur, die Ersetzung
der Schrecken des Welt-Völkerkrieges durch die noch viel grösseren
des Welt-Bürgerkrieges. Da aber auf dieser blutroten Fahne, die
über der Welt aufstieg, doch das Zeichen des Friedens und der Frei-
heit zu stehen, da hinter ihr die Sonne eines neuen Tages auizugehen
schien, wurde sie vom Enthusiasmus der gequälten Massen begrüsst
und schwuren allerorten viele der feurigsten und entschlossensten
Herzen ihr zu. Aber die Fahne des sozialdemokratischen Sozialis-
mus wendete sich, von denen der alten Welt begrüsst, gegen jene. In
furchtbaren Strassenschlachten standen sich, kaum dass die Kano-
nen des Weltkrieges verstummt waren, Arbeiter und Arbeiter gegen-
über. Von der Soldateska der Sozialdemokratie wurden Rosa Lu-
xemburg und Karl Liebknecht, wie auch der so anders geartete Gu-°
stav Landauer gemordet und zerstampit. In Blut und Grauen ging
die junge Siegessonne des Sozialismus wieder unter. Jahrelang zog”
sich bald blutig, bald bloss geistig, dieser Bruderkrieg der Arbeiter
hin, in welchen Lenins Weltrevolutions-Bürgerkrieg übergegangen
war, und noch geht er weiter. Das Ende war die neue, schwerere
Katastrophe des Sozialismus. i
Es ist nicht möglich und nicht notwendig, die Folgen dieses
Bruderkrieges zu schildern. Sie sind so offenkundig, wie ein’
Schlachtfeld nach ausgetobtem, oder auch bei vielleicht noch fort-
gehendem Kampfe, offenkundig ist, und sie sind so ungeheuer, dass
kein Mensch sie ganz zu überblicken vermag. Wir haben sie schon
vorhin wenigstens angedeutet. Durch den Bruderkrieg des Sozia-
lismus vor allem ist diesem der schon so gut wie sichere Sieg ent-
rissen worden. Der ganz am Boden liegende Gegner erholte sich.
Zunächst moralisch. Einem Sozialismus der neuen. Gerechtigkeit,
der wirklichen Ueberwindung des Kapitalismus und Militarismus
hätte die Welt nicht widerstehen können, vor ihm hatte sie schon
die Waffen gestreckt, aber vor einem Sozialismus, der bloss ihren
eigenen Geist vertrat, der diesen sogar noch überbot, der sogar
noch das preisgab, was an ihr immerhin noch ein Schimmer des
Rechtes und des Guten gewesen war: die Demokratie, die Freiheit
350
"Cl
st: ıpiten en Er wir in Er
en Relutiondronikniik vor uns haben. Der
en Sozialismus wurde im Herzen der Arbeiterschaft he
gebrochen. Es kam jene grosse seelische Erlahmung ds
alismus, sr wir auch heute noch nicht überwunden Kaneıe hc Ga
2. Die Sehnsucht nach Se SE Kran
Muss dieser Zustand bleiben? Ist der sozialistische Bruder-
krieg ein Fatum, in das wir uns nun einmal zu finden haben, un-
so wie, bis vor kurzem wenigstens, die Christen die Spaltung
‚der Christenheit in eine protestantische und eine katholische Hälfte
- und die Protestanten ! lange die Spaltung in eine reformierte und eine
Iutherische Hälite, nebst einem Strom von „Sektentum“, hingenom-
men haben ? Wenn man auf die Breite des sozialdemokratischen wie
. des kommunistischen Lagers schaut, dann ist die Stimmung wohl so,
dass die Sozialdemokratie hofft, die Verirrung des Kommunismus.
- mit der Zeit überwinden zu können, dabei auf den Sturz des bolsche-
_ wistischen Systems in Russland zählend, während der Kommunis-
mus damit rechnet, die sozialdemokratische Entartung durch Revo-
tutionierung der Arbeitermassen doch noch zu besiegen. In der Tat, =
_ wenn man die Leidenschaft erlebt, womit die beiden Gegner sich
F bekämpfen, erscheint jeder Gedanke an eine Ve E derselben,
‚an eine Wiederherstellung der sozialistischen Einheit als lächerliche
Utopie. Und doch wieder — muss nicht gerade diese Tatsache uns
die unbedingte Notwendigkeit zeigen, dennoch und trotz alledem
_ nach einem Weg zur Einheit zu suchen? Sind Ereignisse, wie die
_ vom ersten Mai in Berlin oder — was auch hieher gehört — der
Magdeburger Parteitag der deutschen Sozialdemokratie für Sozia-
‚listen noch erträglich ?
Es hat darum immer auch Sozialisten gegeben, die diesen sozia-
- listischen Bruderkrieg nicht für eine unabänderliche Gegebenheit
- hielten, und es gibt auch heute solche, ja, ich meine fast, ihre Zahl
sei im Wachsen begriffen. Wohl die bedeutendste Vertreterin dieser
Gesinnung ist heute die Holländerin Frau HenrietteRoland
— Holst. Wir haben von dieser wahrhaft grossen Frau schon bei
Anlass des Berichtes über die sozialistische Tagung in Heppenheim
geredet. Frau Roland Holst ist nach dem übereinstimmenden Urteil
der Kenner das grösste dichterische Genie Hollands. Es ist die
hi e 351
j & gleich ie] RT2
nachdem ich
veimal gelesen, kühnlich erkläı
denen von Hendrik de Man „Zur Psychologie des
mus“ und „Der Kampf um die Arbeitsfreude“ und dem
Gertrud Hermes: „Die Bretge Gestalt des ma
Arbeiters“ (das bei diesem Anlass endlich genannt sei!) das weitz
bedeutendste Dokument der sozialistischen Literatur der letz
Periode sei. Es ist charakteristisch, dass alle diese sozialistisch
Bücher den sehr deutlichen Stempel einer Individualität tragen.
dem Buch der Frau Roland Holst ist neben der Bedeutung
Inhaltes die gewiss ganz unbewusst formende Hand der Künstl
die schmerzvolle Leidenschaft eines dem Grössten geweihten He
zens und das Leuchten vom Glanz einer hohen Seele das, was den
Leser besonders fesselt und ergreift. Es ist ein Buch, das man jedem
Menschen gönnen möchte, dessen sozialistisches Herz durch die
Erfahrungen dieser Zeiten verwundet ist. Möchte es bald eine
Uebertragung ins Deutsche erleben, die ihm möglichst wenig von
Reiz und Kraft der ursprünglichen Form raubte. .
Frau Roland Holst ist eine grosse Dichterin. Da liegt nun die
Vermutung nahe, dass sie dafür eine schlechte Politikerin sein”
müsse. Aber es könnte wohl auch das Gegenteil zutreffen, und es”
trifft nach meinem wohlerwogenen Urteil zu. Denn nicht nur zeugt”
ihr Buch auf jeder Seite von der tiefsten und genauesten Kenntnis’
und Erkenntnis des Gegenstandes, um den es sich handelt, nicht”
nur ist es die reife Frucht jahrzehntelanger, von der völligsten Hin-
gabe erfüllten Mitlebens, Mitstreitens, Mitleidens der Arbeiter"
bewegung, sondern es offenbart sich gerade an diesem Buche die’
ganze Tiefe und Wahrheit des Wortes von dem „Frauendenken“ in
der Politik. Der rein politische Gedanke wird hier überboten”
durch den menschlichen, der Kalkül des Kopfes durch das
Schauen des grossen Herzens, und damit wird eine Wahrheit er
schlossen, welche nur so erschlossen werden konnte und welche”
nun die Wahrheit ist. Diese Ueberbietung der blossen „Politik“
durch den ‚Menschen‘ scheint mir das Grösste und Verheissungs-
vollste an diesem Buche einer grossen Dichterin und grossen Frau
über den Weg zur sozialistischen Einheit.‘)
Frau Roland Holst ist ganz besonders berufen, in dieser Sache
die Wahrheit zu sehen. Sie ist in Russland aufgewachsen, hat das rus-
sische Wesen tief in sich aufgenommen, trägt offenbar selbst etwas
davon in sich; sie hat auch den russischen Sozialismus der früheren
Phasen, diese Erscheinung, die zum Gewaltigsten und Erschüternd,
sten gehört, was die Welt an Herrscherhingabe je gesehen hat, ken-
nen gelernt und, wenn ich nicht irre, zum Teil mitgemacht. Sie ist
dann selbst zum Kommunismus gegangen, wie viele andere damals
') De Weg tot Enheid. Erschienen bei Em. Anerido, Amsterdam.
DI 4
vi
N EEE ErE
ier ige
ndenen tn einer von tiefster Liebesglut
eele nach dem Tag der Gerechtigkeit und nach der Er-
d s Proletariates, also aus dem Radikalismus einer im weite-
inn des Wortes religiösen Seele heraus. Sie hat sich
, auf Grund schlimmer Erfahrungen, gewiss unter tiefen
jerzen und Erschütterungen, vom politischen Kommunismus ab-
ndet, gleichwie Angelika Balabanoft und Klara Zetkin. Da
e zu erwarten, dass sie sich, nach Art der „Konvertiten‘“ oder
„Apostaten‘ mit Leidenschaft und Ungerechtigkeit gegen diesen
wende. Aber nun ist es die Grösse dieser Frauenseele, die Grösse
dieser Lieb e, möchte ich sagen, dass sie dies nicht tut, sondern
dass sie gerade die Verkündigerin der Sehnsucht nach einer neuen
Einheit wird.
3. Die Gegner und ihr Kampf.
Diese Einheit kann nur zustande kommen, wenn man das We
- sen des Streites bis auf den Grund durchschaut, seine Wurzeln auf-
- deckt, und sie kann nur zustande kommen, wenn man das Recht,
das die beiden Gegner vertreten, völlig und in Klarheit versteht.
Beides trifft auf diese edle Friedestifterin im reichsten Masse zu. Ja,
- sie ist dafür, wie ich schon angedeutet, eine besonders Berufene.
Sie lehrt uns den Kommunismus verstehen, seinen Ur-
_ sprung, seine Entwicklung, seine Entartung. Man kann, wenn man
sich nicht bloss mit dem Verurteilen begnügt, sondern auch bei Er-
_scheinungen, die einem tief antipathisch sind, nach Verständnis dür-
stet, gerade für den Teil des Buches, das die „Krise des Kommunis-
. mus“ behandelt, nicht dankbar genug sein. Frau Roland Holst zeigt,
wie der Kommunismus zunächst einmal aus der russischen Geschich-
te und Volksart entsprungen ist. Er ist eine Reaktion auf den jahr-
tausendlangen furchtbaren Druck eines Gewaltregimentes. Als
A solche ist sie natürlicherweise selbst gewaltsam, ja vom Gewalt-
dogma beherrscht. Dieses ist ja auch aus dem Marxismus leicht
& abzuleiten. Der Marxismus aber wird die Religion der intellek-
tuellen russischen Jugend. Im Gegensatz zu einem versteinerten Chri-
4 stentum, das der Verbündete jenes Gewaltabsolutismus wird, er-
= greift sie auch den Materialismus und Atheismus des marxistischen
_ Systems — oder dessen, was sie daraus macht — mit einer reli-
giösen Leidenschaft. Sie bringt zu dem logisch-wissenschaftlichen,
aus dem Geiste des Westens erwachsenen Charakter dieses Systems
etwas hinzu, was aus den Tiefen des russischen Wesens entsprungen
Bist: den Drang zum Unbedingten, die Fähigkeit zu einer völligen Hin-
_ gabe und den Willen zu einer Verwirklichung des Sozialismus durch
das ganze Leben und die ganze Persönlichkeit. Dabei ist nie zu
353
vergessen, dass dem russischen Geisteswesen eines der Grundele
ER!
EN
Ba nr
#4
4
mente fehlt, auf denen die ganze Kultur des Westens ruht: der Sinn
für den Wert der freien Persönlichkeit. Russland hat eben weder die
Reformation noch die französische Revolution erlebt. Diese letzte
Rücksicht, die den Menschen des Westens doch immer irgendwie
bestimmt: die auf die freie Persönlichkeit jedes Einzelnen, kennt er
nicht; er kennt nur das Ganze, das ein unbedingtes Recht über der
Einzelnen hat. Aus dieser Denkweise kann das Nicht-Widerstehen
Tolstois aber auch die Gewaltlehre Lenins entstehen.
Aus den Tiefen des russischen Wesens also, das mit seiner Ge-
schichte zusammenhängt, ist der Glutstrom des Kommunismus ent
sprungen. Er wendet sich nach Westen und trägt sein Recht mit
sich. Auch die Lage jener Jahre seiner Entstehung und ersten Ent
wicklung unterstützt dieses Recht. Es ist begreiflich, dass die Tat
der russischen Revolution der Bewegung, durch die sie vollbracht
wurde, und ihren wichtigsten Trägern in den Augen der in den
Fluch des Weltkrieges verstrickten sehnenden Massen einen strah-
lenden Glanz und eine fast grenzenlose Autorität verleihen musste.
Der Glanz dieser Autorität wurde nur umso grösser, als sich der =
Sozialismus der Sozialdemokratie unfähig erwies, seine Revolu-
tion durchzuführen. In jenen Jahren war also die Abhängigkeit der
ganzen revolutionären Bewegung von der russischen fast selbst-‘
verständlich. Ebenso kann man begreifen, dass zur Durchführung
des furchtbaren und gewaltigen Werkes jener Weltrevolution, welche
die Voraussetzung und das Endziel der russischen Bewegung bil-
det, eine straffe, zentralisierte Organisation und eine eiserne Dis-
ziplin unentbehrlich schienen. Man darf ferner sagen, dass der
Grundsatz, alle Mittel gut zu finden, die diesem letzten Ziele zu ’
dienen scheinen, viel von seiner Bedenklichkeit verlor, solange
das Ziel selbst rein und hoch vor den Kämpfern stand, wie er”
denn — nach Frau Roland Holst — bei Lenin selbst nie zu Kon-
sequenzen führte, die einen offenkundigen Verrat am Sozialismus
selbst bedeutet hätten. Aber das alles wurde anders, als einerseits
jenes ursprüngliche Ziel in die Ferne rückte und verblasste, und
anderseits die alten grossen Führer, vor allem Lenin selbst, ab-
traten oder wie Irotzky von der Leitung verdrängt wurden. Nun
wurde die Abhängigkeit von Moskau immer mehr zu einer Dikta-
tur, die das besondere Wesen und Recht der Arbeiterbewegungen
der andern Völker und Kulturen vergewaltigte, an Stelle des or-
ganischen Schaffens die mechanische Schablone, an Stelle des
eigenen Denkens das Dogma setzte und damit vom Leben
und der Wahrheit ab und von einem Fehler in den andern führte.
Nun wurde an Stelle einer verantwortungsvollen Führerschaft das
demagogische Strebertum der Kreaturen Moskaus gesetzt. Nun
wurde der Amoralismus des Helden zu dem des Lumpen. Nun
354
37 mar ung, € en ER EAN A
di Kompromiss verstrickten Sozialdemokratie Alsae
urf zu dienen. Ein ganz von aller Wirklichkeit
alismus der Phrase, der sich, um die Lauheit dr
‚zu beschämen, in "unmöglichen Forderungen r-
» diese Berufung so wenig glaublich machen als das BR
iel mit dem Leben der Arbeiter, das die kommunistische
ionsromantik treibt. Kurz, das Ende dieses grossartig be-
dr Weges ist Sand und Sumpf, politisches und moralisches
a
Die: len dieser Entwicklung, die Frau RER Holst gibt,
_ ist vielleicht die grossartigste Partie ihres Buches. Es klingt darin
wie etwas von dem Ton der Dramen Shakespeares. Diese Tragödie
_ wirkt umso erschütternder, als man spürt, wie viel persönliches
Erleben und Erleiden darin mitschwingt und als bei aller Offen-
' heit der Darstellung überall doch die Milde des warmen weiblichen
E- redet.
- Aber nun zeigt sich die Berufung dieser Frau für diese Aufgabe
_ auch von der entgegengesetzten Seite aus. Sie, die Recht und Un-
- recht des Kommunismus beurteilen kann, wie vielleicht niemand
sonst, weil sie von innen her sieht, während wir andern von
aussen her sehen; kann auch die Sozialdemokratie im rech- a
ten Lichte zeigen wie wenige, weil sie von aussen her sieht, wäh-
- rend wir andern von innen her sehen. Ich meine dies so: diese
- eigenartige Verbindung der beiden Arten des Sehens verleiht
_ ihrem Urteil einen besonderen Wert. So sieht sie mit grosser Klarheit
_ die Gefahr der Koalitions- und Kompromisspolitik, die der sozial-
_ demokratische Reformismus treibt, sieht sie die Einseitigkeit, womit
_ er Sowiet-Russland und .den Kommunismus bekämpft, sieht sie, wie
- er immer tiefer in de Verbürgerlichung gerät. Auch hier
sieht sie zwar ein Recht walten. Die Stellung des Arbeiters in
der heutigen Welt ist vielfach anders, als sie vorher war. Er hat
einen gewissen Anteil an der Kultur erhalten, hat im Boden der
heutigen Gesellschaft Wurzeln geschlagen, ist dadurch sogar zur
politischen Macht gelangt. Es sind aus der neuen Lage auch neue
sozialistische Aufgaben entstanden, die man nicht einfach mit den
Formeln des Marxismus lösen kann. Aber sehr gross ist die Ge-
fahr, dass ob der Anbequemung an diese Lage der ursprüngliche
Sinn und Geist des Sozialismus, ob den kleinen Gewinnen des
07 2 20 Br, nd za
355
PERERRUNNE RER
Welt, ob dem Rech:
der revolutionäre Drang verloren g
jener Verbürgerlichung des Sozialismus
wärtig seine schlimmste Gefahr ist. E
dieser
bürgerlichung ist, dass eine grosse Zahl von Trägern der
. wegung auf diesem Wege zu bürgerlichen Ehren und gesicher
Stellung gelangt und dann natürlich eine Welt, worin man selbst
so viel gilt, worin man sich so ganz ordentlich wohl fühlt, un x
die man selbst stützt, gar nicht mehr so sehr revolutionsbedürltig
findet. Ja, es ist sogar begreiflich, wenn man recht bald findet,
dass sie auch wert sei, mit Waffen verteidigt zu werden, worauf
man dann beim Panzerkreuzer und bei einer Erneuerung des 7
Militarismus und Nationalismus durch den Sozialismus angelangt .
ist. Frau Roland Holst wirft dem Reformismus (wie sie sich etwa in
ee Kürze ausdrückt) besonders gerade dies vor, dass sein Kampi
m: gegen den Militarismus keine echte Kraft habe. Er fahre viel
Bi zu sehr im Kielwasser des bürgerlichen Pazifismus und über-
a. lasse (was freilich für die Schweiz nicht zutrifft) die Beiriedung
Be: der Welt viel zu sehr dem Völkerbund, wie er heute sei, statt ener-
.gisch an dessen Umgestaltung zu arbeiten und-im übrigen einen
eigenen Weg zu gehen. Ebenso wirit sie ihm vor, dass er keinen
rechten Sinn für die ungeheure Aufgabe habe, die durch die Erhe-
bung der „Kolonialvölker‘ dem Sozialismus gestellt sei. Wenn der
Kommunismus hierin sündigt, indem er diese Erhebung nur im
Lichte seiner eigenen Interessen zu sehen vermag, so der Reformis-
mus nicht weniger. Denn er beurteilt sie viel zu sehr nach den
momentanen wirtschaftlichen Nachteilen dieser Revolution für die
europäisch-amerikanische Arbeiterklasse, statt sie unter den Ge
sichtspunkt des sozialistischen Ideals zu stellen. Es zeigt sich dabei
freilich der Grundfehler des Marxismus, den Sozialismus bloss auf
das egoistisch und materiell verstandene Klasseninteresse zu bauen.
Das blosse Klasseninteresse kann den amerikanischen Arbeiter nicht
bewegen, das Recht des chinesischen und japanischen und den eng-
lischen nicht, das des indischen anzuerkennen. Dieser Blick für die
gewaltigen Weltaufgaben des Sozialismus mag Frau Roland Holst
durch die Tatsache leichter gemacht sein, dass sie als Holländerin
Bürgerin eines Landes mit einem grossen Kolonialreich ist, er ge
hört aber zweifellos auch zum Wertvollsten an ihrem grossgearte-
ten Buche.
So sieht Frau Roland Holst das Verhältnis von Kommunismus
und Sozialdemokratie. Nun ist an ihrem Buche wieder besonders
fesselnd die Darstellung der tragischen Dialektik, worin der Gegen- H
satz der beiden sich auswirkt und wodurch, wie zwischen zwei
Mühlsteinen, auch die Sache, die sie doch beide vertreten wollen,
v
356
tslos, ia mit Sc
nur umso ler ken ns eh Be
ae IE dieses SE ihr nn den A 2
ann eine ik Ornoaiion Eh woche ko
il man ihr sofort vorwirft, dass sie im Fahrwasser des Kommu-
d nismus segle, im Kommunismus hat ein Ruf zur Mässigung ebenso
_ wenig Erfolg, weil man ihn sofort als Menschewismus verdächtigen
- kann. Vielleicht darf man, diese Darstellung von Frau Roland Holst
4 ergänzend, hinzufügen, dass noch schlimmer eine andere Folge ist:
_ wenn man mit dem Kommunismus in Radikalismus konkur-
E rieren will und sich dadurch bestimmen lässt, allerlei halbbolsche-
- wistische Schlagworte, wie etwa das von der Diktatur des Prole-
en °
. a un
tariates, zum Schein aufzunehmen, wo man doch in Wirklichkeit weit
davon entfernt ist, damit Ernst machen zu wollen, während der
Kommunismus von der andern Seite der Barrikade her mit der gler-
‘chen Absicht allerlei Reform-Massregeln vorschlägt, welche durch
den Schein unmittelbarer Hilfe die Proletariermassen der Sozial-
demokratie entiremden sollen und welche doch nicht die geringste
Aussicht auf Verwirklichung haben. So treibt dieser Bruderkampf
die Gegner nur immer weiter auseinander, indem er sie als Gegner
‚ immer ärger sich ineinander verkrampien lässt, und bringt sie beide
immer weiter vom Sozialismus ab. Und Bruderkrieg ist der
schlimmste Krieg.
4. Die Ueberwindung des Bruderkrieges.
Wo gibt es hier eine Hilfe? Gibt es eine?
Ganz abstrakt genommen ist der Weg zur Einheit klar: Es muss
Recht und Wahrheit jeder Partei, von dem damit verbundenen Irr-
tum geschieden, mit Recht und Wahrheit der andern verbunden
werden. Das Recht und die Wahrheit des Kommunismus besteht
in seinem Radikalismus, seiner Unbedingtheit, seinem revolutionären
Schwung, seiner Betonung des sozialistischen Endzieles, das
Recht und die Wahrheit der Sozialdemokratie in ihrer treuen und
gewissenhaften Gegenwartsarbeit, in ihrer Erkenntnis, dass zur Ver-
wirklichung des Sozialismus eine lange und geduldige Erziehungs-
arbeit nötig ist, in ihrer realistischen Berücksichtigung der gegebe-
nen Verhältnisse, die nicht einfach ignoriert oder übersprungen wer-
den dürfen, in ihrem nüchternen Rechnen mit dem We g zum Sozia-
lismus. Diese beiden Grundelemente des Sozialismus, die nun in
351
e 5
ie %
r =
5.
Fer a
ei
zwei streitende Richtungen und Hee
=
sind, müssen in der einen und einheitlichen sozia
gung verbunden sein. Der ganze Sozi, ‚ muss (
des Endziels mit dem Realismus des Weges, den utionäre
Schwung mit der evolutionären Arbeit zu. ein N
. Kampf verbinden. Um die Formel anzuwenden, die ich selbst liebe
der Sozialismus als Ganzes muss die äusserste Schärfe des. Je-
gensatzes zu der bürgerlich-kapitalistischen Welt verbinden mit der
äussersten menschlichen Weite des Herzens. Was so oft als
Gegensatz auseinander fährt, muss als Polarität in der
einen Bewegung wirken. ke: NE
Diese Lösung ist prinzipiell gewiss klar und gegeben. Aber wie
soll sie in die Wirklichkeit übertragen werden? &
In der theoretischen und praktischen Beantwortung dieser Frage
müssen Irrtümer vermieden werden, die zum Teil nahe liegen.
Ganz verkehrt wäre natürlich, wenn man versuchen wollte, aus
den Programmen der Sozialdemokratie und des Kommunismus das
auszuwählen, was etwa am besten zusammenzupassen scheint —
wobei es natürlich ohne allerlei nur halb aufrichtige Konzessionen
und Kompromisse nicht abliefe — um dann ein solches Programm
zur Plattform der Einigung zu machen. Diese wäre unwahr, käme
en: nicht von Herzen, bliebe rein äusserlich, hätte wenig Wert und
= würde auch nicht lange dauern.
% Es ist überhaupt — nach Frau Roland Holst — keine Aussicht, ”
BL dass der Gegensatz der beiden Sozialismen dogmatisch und
‘ organisatorisch überwunden werden könnte. Dafür sind
nicht nur die Gegner zu verbittert und verbissen, sondern es handelt
sich auch tatsächlich bei diesem Gegensatz zwischen Kommunismus
und Sozialdemokratie um zwei charakteristische, sozusagen inner-
lich notwendige Ausgestaltungen des sozialistischen Prinzips, die als
solche ein ebenbürtiges Recht haben und die für bestimmte Kultu-
ren, denen sie entsprechen, notwendig sind. Die Sozialdemokratie ist
die dem Westen, Amerika inbegriffen, angemessene Form des So-
zialismus, der Kommunismus ist die des Ostens, Asien inbegriffen.
An einen Sturz des Sowietsystems ist nach Frau Roland Holst nicht
zu denken, bloss an eine Läuterung und Umgestaltung. Ebenso-
wenig ist wohl in ihrem Sinne eine Eroberung des Westens durch
den Kommunismus wahrscheinlich.
Es muss aber nach Frau Roland Holst überhaupt der Gedanke
an eine dogmatische und organisatorische Einigung des Sozialismus
aufgegeben werden. Wir können auf keine Weise erwarten, dass es
in absehbarer Zeit wieder gelingen werde, ein Gedankensystem zu
schaffen, das beanspruchen dürfte, den ganzen Sozialismus in seinen |
Rahmen einzuspannen. Nein, nicht auf Grund einer neuen oder alten
sozialistischen Dogmatik und Organisation, sondern nur auf Grund
“=
ö
358
uch die Punkt e eine solche gemeinsame
tion sich sse: „Kampf gegen den Mili-
‘'kT1
a
1
en
it
} Keineswegs! Nur sollen sie nicht durch Dogma und Organi-
sation geschaffen werden, nicht durch eine äusserliche Zusammen-
_ fügung der Elemente, sondern dadurch, dass ein Punkt gefunden
_ wird, der über dem Gegensatz liegt, oder mit einem andern Bild,
- dass unterhalb dieses Gegensatzes, in der Tiefe, die Quelle des
- wirklichen Sozialismus aufgegraben wird. Der Weg zurEini-
Fegung ist eine Erneuerung des Sozialismus aus
demGeistedesSozialismus. Das bedeutet eine Ueber- |
_ windung des Marxismus, insofern dieser den Sozialismus ,
- zu einseitig auf das wirtschaftliche Motiv, das Klasseninteresse,
- und den so verstandenen Klassenkampf begründete und ihn auf dem
Wege politischer Machtgewinnung glaubte schaffen zu können.
- Hier mündet der Weg von Frau Roland Holst ganz von selbst in den
von De Man und Frau Hermes gezeigten ein, der längst auch der
unsrige ist. Jeder von uns ist von seinem besonderen Ausgangspunkt
- selbständig auf diesen gleichen Weg gelangt, was gewiss für seine
- Wahrheit spricht. Dieser erneuerte Sozialismus wird die beiden
Elemente, die in dem Gegensatz von Kommunismus und Sozial-
demokratie feindselig auseinandergehen, in einer lebendigen Einheit
verbinden. Er wird Glaube sein, nicht Dogma, und beides
_ haben: die Schärfe und die Freiheit echten Glaubens. Er wird den
Sozialismus und die Arbeiterbewegung ebenso vor dem Gewalt-
dogma und der ihm entsprechenden Klassenkampflehre auf der
einen Seite, wie vor der Verbürgerlichung auf der andern bewahren,
_ wird sie mit einem neuen revolutionären Schwung erfüllen, der aus
- dem Feuerquell des Unbedingten stammt und ihr doch die Lust,
Liebe und Geduld zu treuer Gegenwartsarbeit verleihen. An dieser
Stelle steht die Aufgabe des religiösen Sozialismus. Sie
ist seine Berufung innerhalb von Sozialismus und Arbeiterbewe-
gung. Ueber ihn sagt Frau Roland Holst viel Herzliches und Tieies.
Sie erhofft viel von ihm, sie selbst eine in dieser Sache auf dem
Wege Befindliche.
I
359
N ? N x . f 2 ji % 4 5 R H
RE a a ai u „6. " Ere \
ik
3
Das ist der Weg zur Einheit, den dieses grosse,
glühe
Ban! seherische Frauenherz zeigt. Ich glaube, dass es wirklich derWeg
x ist. Es ist ein Weg, der in die Höhe und Tiefe führt, der s hliess-
“ lich zum Ort der Entscheidung führt. Er schliesst allerlei Quack-
ß
salberwege aus. Es hülfe in der Tat nichts, wenn wir etwa ver
suchen wollten, durch Verhandlungen zwischen den beiden Geg-
nern diese zusammenzuführen. Nur in dem Masse, als die Quellen
des erneuerten Sozialismus fliessen, als seine Frühlingswinde zu
wehen und seine Geisteskräite zu brausen beginnen, wird auch
jener Gegensatz in sich zusammenbrechen, weil er überboten
wird. Wer seine Ueberwindung will, muss also an diesem
Punkte einsetzen. Ein Gesichtspunkt erscheint mir darin immer
mehr als ausschlaggebend: Was immer noch etwa wertvolle Ele
mente aus der Arbeiterschaft und auch aus andern Kreisen zum
Kommunismus ziehıt — anderwärts freilich mehr als bei uns in
der Schweiz — das ist sein Radikalismus, seine wirkliche oder
auch nur scheinbare Unbedingtheit, und ist auf der andern Seite der
Umstand, dass die Sozialdemokratie immer mehr zu einer Partei
der Funktionäre (milde ausgedrückt) zu werden droht. Der beste
und wohl — auf dieser Linie — einzige Weg zur „Ueberwin-
dung‘ des Kommunismus ist daher eine echte Radikali-
sierungderSozialdemokratie im Sinne einer Rückkehr
zum Geist des Sozialismus, einer Rückkehr, die natürlich zugleich °
eine Vorwärtsbewegung sein muss.
Stellen wir uns zum Schlusse nochmals auf die Höhe, zu der °
wir durch diese Frau geführt wurden, so fällt von ihr aus ein tröst-
liches Licht auch auf die ganze Tragik dieser Entwicklung, die
uns in den sozialistischen Bruderkrieg geführt hat. Diese Tragik
löst sich auf. Es war ja doch auch gut, dass gewisse falsche Ele
mente im Sozialismus, vor allem sein falscher Materialismus (der
vom echten ja sehr zu unterscheiden ist) und sein Gewaltglaube in
mächtigen und freilich tragischen Erscheinungen zutage traten. So
können sie überwunden werden, so treibt die Entwicklung in die
Höhen und Tiefen, wo die heiligen Quellen entspringen, aus denen °
die wahrhaft sozialistische Welt entstehen kann. Ja, es war bei aller
Schwere dieses Erlebnisses wohl auch gut, dass der Parteirahmen
der sozialistischen Einheit zerbrach. Denn der Sozialismus soll
mehr als eine Partei und mehr als eine grosse Sektenbewegung, wer-
den — er soll eine aufquellende neue Welt sein. Sie bricht über
dem Kampiesield unserer Tage, auch dem des sozialistischen Bru-
derkampies, mit allem, was dazu gehört, an, sie ist es, die auch
An und Erfüllung des Sozialismus kommen muss. Und
sie kommt.
10. Juli 1929. E-Rag a
zn nnd Anehe
360
unter dem Zeichen der Aus-
und der englischen Arbeiter-
ie Wiederaufnahme der Verhandlungen
der Verständigung und Abrüstung,
Russland zur Wiederherstellung geordneter diplomatischer
dlich die über die Räumung der Rheinlande und des Saar-
e Frage steht im Vordergrund. Und hier ist nun eine allge- 3
ıng zu machen. Die Räumung der Rheinlande und der Saar ist Br.
ıe dringliche Notwendigkeit, wie wir denn ja immer diese Besetzung ER
en Fluch gehalten haben — für eine fluchvolle Folge des falschen Friedens.
so sollte rasch noch manche Reparation dieser Art geschehen. Aber
ade, bitterschade ist, dass die durch das Aufkommen der englischen Ar- \
beiterregierung herbeigeführte Wendung der Dinge nicht auf ein anderes
_ Deutschland trifft, dass sie nicht einem wirklich demokratischen und pazifisti-
schen Deutschlande zugute kommt, dass sie nicht aufgenommen und unterstützt
- wird von einer international wirklich vertrauenswürdigen deutschen Sozial-
demokratie. Wir stehen vor der oifenkundigen Tatsache, dass vielmehr diese
- Wendung in Deutschland als ein Zeichen zur völligen Wiederherstellung des
alten Deutschland wirkt, des alten Heeres, der alten Grenzen (mit Einbezie-
hung sogar des Elsasses, wozu gewisse frühere Artikel der jetzigen englischen ir
Minister einzuladen scheinen) und der alten Machtpläne und Machtträume. N.
Damit aber würde nicht die Beiriedung Europas erreicht, die ja die Ar- J4
- beiterregierung im Auge hat, sondern umgekehrt die Aufpeitschung aller “
halb entschlafenen Kriegsgeister. Schade, bitterschade wäre, wenn die Arbeiter- |
regierung selbst sich in ihren Plänen nicht bloss durch grosse, dazu aber reali-
stisch ausgestaltete Friedensprinzipien leiten liesse, sondern auch ein wenig
durch franzosenfeindliches und sogenanntes deutschireundliches Ressentiment.
Auf dieses Element deuten die Reden eines Snowden, die man schlechterdings
einen internationalen Skandal nennen muss und die alles andere eher schaffen
als Frieden und guten Willen. Viel mehr auf der Linie der wirklichen Aui-
- gaben der Arbeiterregierung liegt es, wenn unser Freund Walter Ayles im
Unterhaus über die ungarischen Rüstungen interpelliert. Denn das erhoifen
wir ja, wie wir in der Monatsschau wiederholt angedeutet, von der eng-
lischen Wendung, dass durch sie die Diktaturen und Faschismen in aller Welt
und der ganze Rachekriegsplan, der von Mussolini über Ungarn zu den All-
- deutschen reicht, gründlich erschüttert werde. Wenn dagegen berichtet wird,
dass nun auch die Arbeiterregierung Trotzky den Aufenthalt in England ver-
weigert habe, so mag sie dafür ähnliche Gründe haben, wie die von den
Sozialdemokraten geführte deutsche Regierung (vor allem die Rücksicht auf
gute Beziehungen mit der Sowiet-Regierung), aber ein solches Verhalten ist
doch eine missliche Konzession an die Politik im gewöhnlichen Stil und ent-
behrt jedenfalls aller Freiheit und Grossartigkeit. t
Kehren wir zu Deutschland zurück, so scheint ganz deutlich zu sein,
dass die Pläne der Reaktion reifen. Hugenberg erstrebe eine Art deutschen
Faschismus, eine gemilderte Diktatur. Der Stahlhelm rückt mit seinen Plänen
offener heraus. Der Owen Young-Plan, dessen Verwerfung das Ziel eines Volks-
begehrens werden soll, bietet den Anlass. Das letzte Ziel ist die völlige Ab-
schüttelung der Folgen des Krieges und jene vorhin angedeutete Wiederaui-
361
ing des. gie - \
macht will man auf zwei Wege tret on d
einen oder andern geht: entweder so, dass auch die ande
reich, zur Abrüstung gezwungen werden, worauf dann |
weiteres wieder der Stärkste wäre, oder so, dass nach gesc
meiner Abrüstung die oflene Aufrüstung Deutschlands sich
stimmungen des Friedensvertrages berufen dürfte. EU. ,, N Ce
Dass solche Pläne die Führer des heutigen Deutschland beweg
die Reihen der Sozialdemokratie hinein, ist wohl nicht zu bezwe)
Vorstoss soll auf der ganzen Linie der innern und der äussern Polit En
zeitig erfolgen, freilich, wie es scheint, so, dass zunächst der auf der ne
Linie reif geworden ist. Man darf vielleicht die Vermutung wagen, dass
die Freundlichkeit gewisser sozialdemokratischer Führer gegenüber
Reichswehr im Hintergrund von dem Gedanken bestimmt wird, diese
der Koalition der reaktionären Mächte zurückzuhalten und vielleicht mehr
die rein nationale Linie zu lenken — womit man sich natürlich arg
rechnen würde. Jedenfalls soll die englische Wendung für alle diese P
7 ausgenützt werden. Und nun meine ich, die Arbeiterregierung müsste
diese Tatsachen offene Augen haben und sich nicht durch eine rein doktrinä:
u bloss durch die Opposition eingegebene sogenannte Deutschfreundlichkeit bli
\ machen lassen. Dann müsste sie trotzdem den eingeschlagenen Weg
gehen, im Glauben an die Sache des Friedens, der Gerechtigkeit und Wahr-
2 heit, nur mit sehenden, statt mit blinden Augen — was einen grossen
Unterschied.macht! ,
Um aber auf die Reparationsfirage zurückzukommen, so möchte
ich noch einmal den Standpunkt präzisieren, den ich diesem und verwand-
ten Problemen gegenüber einnehme. Ich halte den Owen Young-Plan genau
wie seinerzeit den Dawesplan nicht für etwas Endgiltiges, sondern
bloss für einen Schritt auf dem Wege, aber für einen, der jetzt eine gewisse
i Notwendigkeit hat, damit man überhaupt auf dem Wege zu einem neuen Eu-
ropa weiter komme. Darum ist es auch nicht so entscheidend wichtig, °
wie viel Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit er einschliesst. Wie ich schon oft
erklärt habe: Reparationen sind notwendig. Die Frage ist nur, in welcher ”
Form sie geschehen sollen oder geschehen sind. Gewiss ist es an sich nicht
in der Ordnung, dass England, Frankreich, Italien, Belgien und so fort vor
riesigen Kriegsschulden beschwert, mehr als ein halbes Jahrhundert Amerika
und einander tributpflichtig und auch nach innen verschuldet blieben, während
Deutschland, besonders auch infolge der Inflationspolitik, davon frei wäre.
Gewiss ist es in der Ordnung, dass Deutschland zum Aufbau des verwüstete
Frankreich beitrage. (Es leistet nach dem Owen Young-Plan etwa einen
Drittel dieser Kosten!) Gewiss tut es einem grossen Teil des deutschen Volkes
gut, dass es durch diese sehr sichtbare und greifbare Reparationspflicht daran
erinnert wird, was Krieg ist. Aber dann entsteht die Frage, ob diese deutsche
Reparation nicht auf andere Weise schon geleistet sei, vielleicht über-
reichlich, vor allem durch ‘den Verlust eines Teils von seinem früheren Terri-
torium, aber auch unmittelbarer. Es wäre zu untersuchen, wie nun, nach
der „Liquidation des Krieges“ (die in Wirklichkeit noch sehr lange dauern
wird) sich die ökonomische Lage der einzelnen Länder gestalte. Dass darin
eine gewisse „Gleichheit der Chance“ bestünde, wäre die Forderung einer
Gerechtigkeit, die als Grundlage des Friedens dienen könnte. Damit würden
wir in allerlei sehr verwickelte, vielleicht unentwirrbare Probleme geführt.
An dieser Stelle erhebt sich aus der Schuldenfrage wieder neu die
Schuldirage. Sie wird von Deutschland im Zusammenhang mit der end-
giltigen Regelung der Reparationsirage und der zehnjährigen Wiederkehr des
Friedensschlusses (28. Juni!) mit verstärktem Nachdruck gestellt. Warum soll
362
1
gegenzuhalten. Einmal bezahlt nicht nur Deutsch-
ıderr nd zwar sehr viel.‘) Sodann ist der Zusammen-
"her dieser Reparationspflicht Deutschlands und seiner behaupteten
von der kein Mensch behauptet, dass sie Alleinschuld sei!)
ke gs so wesentlich, wie diese Kreise annehmen. Die zwei Tatsachen,
_ aul die es ankommt, sind vielmehr das verwüstete Frankreich und die unge-
E ae Kriegsschuld der Alliierten gegen Amerika auf der einen und der von
'e Kreise die Frage der Schuld am Krieg ganz aus diesem Zusammen-
hang loslösen. Es ist doch eigentlich selbstverständlich, dass sie die Schuld-
drage im Lichte Gottes sehen müssten, statt im Lichte der Kriegspolitik.
Dann wäre Deutschland auf alle Fälle schuldig — und zwar unendlich
schuldig, weil vor Gott jede Schuld unendlich ist. Freilich ist in diesem
- Lichte auch England, Frankreich, Amerika, ja auch die Schweiz ebenso schul-
dig, aber.das zu erkennen ist dann ihre Sache, während es Deutschlands
Sache ist, seine besondere Schuld zu erkennen. Wenn es dann von diesem
Orte her, wo es vor Gott gestanden hat, wieder zu den Menschen und den
rein politischen Aspekten der Schuldirage kommt, dann wird eine grosse Ver-
änderung geschehen sein: diese werden nicht mehr im Geiste der Selbst-
gerechtigkeit, sondern im Geiste der Busse betrachtet. Dann sieht
alles anders aus. Dann ist der Weg zum Frieden und zur echten Reparation
frei. Es ist sehr tröstlich, dass nicht nur unser Freund Emil Fuchs (im
_ letzten Heite der „Neuen Wege“), sondern auch Martin Rade in der
„Christlichen Welt“ (No.13) tapfer und energisch auf eine solche Behandlung
der Schuldirage, die christlich, nicht nationalistisch wäre, hin-
gewiesen haben. ;
Um aber einen Augenblick noch zu den weltlichen Beziehungen der
_ Reparationsirage zurückzukehren, so wäre auch noch Folgendes zu bedenken:
Was Deutschland nach dem Owen Young-Plan- jährlich zu bezahlen hat, macht
noch nicht einmal die Höhe der früheren jährlichen Kosten für Heer und
—_ Marine aus. Ich bitte, über die Tragweite dieser Tatsache nachzudenken!
t Dazu füge man eine Stelle aus der Eingabe, welche die „Deutsche Friedens-
gesellschaft“ unter dem Datum vom 16. April dieses Jahres an den Reichs-
kanzler gerichtet hat:
Ds „Ein Land, das ohne irgendwie gefährdet zu sein, 700 Millionen
7 für seine Wehrmacht ausgibt, kann unmöglich wirtschaftlich so schwach
sein, wie seine Regierung und seine Presse es darstellt.“ —
E wobei zu bedenken ist, dass zu diesen 700 Millionen noch ein paar Hundert
>
“ wird die Reparationsschuld hauptsächlich von den Schultern, die es am wenig-
sten vermögen; von dem arbeitenden Volke. Mit Recht hat man erklärt, es
komme weniger darauf an, wie hoch diese Schuld sei, als wer sie trage. Man
lese unter diesem Gesichtspunkt, was in der Rubrik „Kulturelles“ über das
Leben gewisser deutscher Kreise steht, bedenke aber, dass es in den Ländern
der Alliierten genau so und schlimmer zugeht. Dann öffnet sich neben der
religiösen Lösung der Reparationsfrage die soziale!
1) Was für eine harte Nuss war für Frankreich die Ratifikation des Schuld-
abkommens mit Amerika!
?) Ich erinnere auch an die ungeheuren Ausgaben für Alkohol und so
fort, die ebenso ungeheuren, grösstenteils unnötigen Pensionen. Sie gehen,
wenn ich nicht irre, ebenfalls stark in die Milliarden. Um von der Entschädi-
gung der Fürsten zu schweigen!
DEU PIRE DEREN
363
nt
Deutschland verlorene Krieg auf der andern Seite. Besonders sollten kirch-
verschleierte Posten kommen.?) Und endlich vergesse man nicht: Getragen.
as
Lenken wir nun von diesen gegenwärtig wieder im Br Sp steh
Dingen den Blick noch auf einige andere Vor dieser Berichtsperi
Die Freisprechung des elsässischen Autonomisten Dr. Roos, und die daraı
folgende Amnestie der im Colmarer Prozess Verurteilten, dazu die Freisp chung
des Attentäters Benoit, dari man als gute Zeichen registrieren. Ebenso
eine Verständigung der wallonischen und flämischen Soziali-
sten in Belgien über die Sprachen- und Kulturirage. Die polnisch-
we;
}
deutschen Beziehungen schwanken stets zwischen hochherzigen Versöh-
nungsbemühungen kleiner Kreise (Frauenliga, Versöhnungsbund, Liga für Men-
schenrechte und so fort) und den durch nationalistische und andere Treibereien
verursachten Störungen (Oppeln!). Zwischen Ungarn und der Tsche-
choslovakei sind bei Anlass eines der üblichen Grenzzwischenfälle einige
Flammen aus dem stets schwelenden Zwietrachtsherd aufgefahren. In Ru-
mänien versucht der Faschismus einen Putsch. Bulgarien und Süd-
slavien müssen von England und Italien zum Frieden ermahnt werden.
Die südslavische Diktatur, der nationalistische Terror erbittert die Gemüter;
der politische Meuchelmord ist an der Tagesordnung. Die Kerker sind stets-
fort voll von politischen Gefangenen; der Kommunismus schürt von Norden,
der Faschismus vom Süden, man bewafinet sich — besonders nach dem
Ausgang der Abrüstungskonferenz — fieberhaft: dorthin müssen sich die
Blicke aller Friedensstiiter (Matth. 5, 9) vor allem immerfort auch lenken.
-In all dieses Wesen fällt die Kunde, dass Briand geradezu eine Aktion
zur Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa eingeleitet und
schon „ziemlich viel“ Zustimmung von Seiten der durch ihn begrüssten Re
gierungen empfangen habe. Möchte das Wahrheit sein! Jedenfalls ist Briands
Aktion ein sehr bedeutungsvolles Symptom und zwar doch wohl überwiegend
ein gutes.
Wenn wir aber den Blick nach China und Indien streifen lassen,
dann stossen wir auf die schon oft gezeichnete Lage. In China ist die
nationale Befreiungsbewegung in eine vorläufig siegreiche bürgerliche und
eine vorläufig besiegte proletarische Strömung auseinandergegangen. Hinter
jener stehen die imperialistischen Mächte, vor allem — bis jetzt! — Eng-
land, hinter dieser Russland. Der neuerliche Zusammenstoss zwischen Russ-
land und China (d. h. der Nanking-Regierung) ist bloss eine Aeusserung
dieses Gegensatzes. Ein Krieg wäre noch vor zwanzig Jahren in einer solchen
Lage fast selbstverständlich gewesen, während er jetzt wohl nicht zu fürchten
ee re en a
ae
ist. Es ist ein gutes Zeichen, welch eine Rolle in diesem Zusammenhang der °
Kellogg-Pakt spielt. Il y a quelque chose de change dans le monde.‘) Hoffen
wir im übrigen, dass die englische Wendung auch hier eine solche schaffe,
dass der nichtbolschewistische Sozialismus sich endlich dieser Dinge ganz
anders annehme als bisher.”) In Indien aber kämpft Gandhi, wie es scheint,
einen verzweilelten letzten Kampf mit denjenigen Vertretern der Freiheits-
bewegung, die nicht seinen Weg gehen wollen. Gespannt warten wir dar-
auf, wie die Arbeiterregierung diesem Riesenproblem begegnen wird.
Und die Hungersnot in China! Was tut der Völkerbund? Was die
Kirchen? Nichts?
2. Militarismus und Antimilitarismus.
Auf dem weltweiten, reichbewegten Kampfesfeld, auf dem die antimilita-
') Die Verhandlungen im Haag wegen dem Zonen-Konflikt zwi-
schen Frankreich und der Schweiz mit den tagelangen Plädoyers der Fran-
zosen Boncour und Basdevant und dem Genfer Logoz haben eine allgemeine,
un Ben nn ‚(bet nn I nt Leuten aufgebauschten) Anlass hinaus-
ehende Bedeutung. Ein internationa 1 j ili
rl a 8 es Gericht, statt Krieg, das heilige Recht
°) Vergl, den Aufsatz: „Zur Weltlage“.
364
Pe‘
Re
‚ristische Bewegung mit ihrem Gegner ringt, sind dem Chronisten in dieser
. Berichtswoche folgende Begebenheiten auigelallen: i
3 Zunächst schweizerische Vorgänge. Dieser Kampf ist gegenwärtig
i wohl in keinem Lande so heftig und dramatisch wie in der Schweiz, die
einst das am meisten kriegerische Volk der Welt sah. Unser Militarismus
_ versucht es jetzt eine Zeitlang mit der starken Manier. Zwei Lehrer aus
dem Kanton Solothurn hatten als Sanitätsrekruten in Basel von der dortigen
. religiös-sozialen Konferenz Flugblätter gegen den Krieg mitgenommen und
diese in der Kaserne an ihre Mitsoldaten verteilt, sich auch weitere von der
- Zentralstelle kommen lassen. Diese Flugblätter enthalten keine Aufforderung
zur Dienstverweigerung oder zu militärischem Ungehorsam, sie schildern
bloss den Krieg und fordern zur Abrüstung auf. Auch hatte die Sache
keine weiteren Folgen. Da kam hinterher eine Denunziation, von päda-
gogischer Seite ausgehend, auf die hin der Oberarzt der Armee nicht faul die
beiden Lehrer zu je zwanzig Tagen Arrest verurteilte, die der eine von ihnen
- sofort antreten musste. Die Zentralstelle, darauf aufmerksam gemacht, reichte
- dagegen beim Militärdepartement Beschwerde ein. Dieses bestätigte aber,
_ nach einigem Hin und Her, die Strafe. Vergeblich hatte schon der militä-
rische Untersuchungsrichter und dann die Beschwerde darauf aufmerksam ge-
_ macht, dass man, wenn solche Lektüre verboten sei, auch alle sozialistischen
- Zeitungen von den Kasernen fernhalten müsste, dass der schweizerische Soldat
“ „Bürger im Wehrkleid“ sei und dass es ihm also erlaubt sein müsse, alle die
Fragen zu überlegen und zu diskutieren, die den Bürger beschäftigen, darunter
— auch die Abrüstungsirage. Das Militärdepartement entschied, dass die Ver-
— teilung (und wohl auch die Lektüre?) solcher Literatur „gegen die militärische
Zucht und: Ordnung und gegen das Ziel des Rekrutenkurses“ sei, dass sie
schliesslich doch zur Auflehnung führen könnte, wie denn Bietenholz, Ceresole
= und Ragaz, Mitglieder des Komitees der Zentralstelle, von der die Blätter her-
- ausgegeben würden, für die Dienstverweigerung einstünden. Mit andern Wor-
ten: alles, was dem schweizerischen Soldaten den Gedanken nahe bringen
könnte, dass Krieg, Militär, Oberste nicht heilige, gottgewollte, ewige Ein-
richtungen seien, muss von den Kasernen verbannt sein. Man wird also näch-
stens wohl auch das Neue Testament verbieten — nicht wahr, Herr Scheurer”?
— und die Feldprediger über Texte aus der Edda (oder aus dem Militär-
strairecht?) predigen lassen. Jedenfalls sieht man wieder, was für eine mise-
rable Lüge im Munde dieser Leute das Wort von der „moralischen Ab-
rüstung“ ist. Wenn physische Abrüstung verlangt wird, dann wird auf
die moralische verwiesen, die vorausgehen müsse, wenn aber Menschen
diese an die Hand nehmen, wirft man sie, falls sie Soldaten sind, in Arrest,
oder wenn sie Lehrer sind, dann sinnt man auf ihre Absetzung. während
Leiter von Lehranstalten völlig unbehelligt, ja unter Beifall militaristi-
sche Propaganda treiben dürfen.
Ganz miserabel war auch die Verhandlung im Grossen Rate von Basel-
stadt über den Fall Bietenholz. Sowohl die sozialdemokratische Fraktion
als die Evangelische Volkspartei interpellierten die Regierung über ihr schänd-
liches Vorgehen gegen Bietenholz.!) Die Diskussion bewegte sich auf einem
‚traurig tiefen Niveau. Einige Verbeugungen vor dem Charakter und sittlichen
Mut des um seine Stellung Gebrachten, dann aber unisono: „Wer den Militär-
dienst verweigert, leugnet den Staat und soll die Konsequenzen ziehen.“ Eine
Unwahrheit — man kann den Militärdienst verweigern gerade um des Staates,
d. h. um einer neuen und wirklichen Gemeinschaft willen, und so meint es
Bietenholz. Oder: „Ein Beamter darf nicht das Gesetz des Staates, dem er
dient, verletzen, muss vielmehr dieses Gesetz vertreten. Denken darf er, was
er will, aber in die Tat umsetzen soll er sein Denken nicht.“ Dass heisst:
') Vgl. „Neue Wege“ No. 3, Rundschau.
3065
"sie Charakterlumpen sind oder nicht. Das
LIREN FVs a z e zum Br %
at'kann nur Leute zu Beamten br
; ES KO
Beamten nicht bloss darauf an, ob er ein ehrenhaiter Mensch un
tiger Mann ist, sondern ob er die Gesinnung hat, die das herrsche
für richtig und seinen Interessen angemessen Sale heisst:
nicht, dass ein Staatsbeamter innerhalb seines Bereiches seine P!
(und wie hat sie Bietenholz erfüllt!), sondern er muss auch sonst s
diesen Staat repräsentieren, so wie ihn die Mehrheit versteht. Das h e1sst
lich: das, worauf es bei einem Beamten vor allem ankommt, ist seine
lung zum Militär. Diese ist identisch mit seinem Wert als Staatsbü
Eine Verletzung des „Du sollst nicht ehebrechen“ würde nicht so
zur Absetzung eines Beamten führen, obschon der Ehebruch doch wohl a
gegen die Gesetze verstösst, auf denen der Staat ruht, wohl aber ‚tut es di
Erfüllung des „Du sollst nicht töten“. Summa: An Stelle des Gewissens trit
der Staat und sein oberstes Heiligtum ist die Kaserne. Und das wird in
gleichen Zeit festgelegt, wo man in Basel eine prunkvolle Reiormationsiei
mit viel Gerede vom Wort Gottes und Gewissen begeht und wird von
gleichen Magistraten durchbehauptet, der bei dieser Feier eine der Hauptr:
hält. (Matth. 23, 29 ff.) Und dabei wird man wütend, wenn man von einem
schweizerischen Militarismus redet! x
Wie gesagt, das Niveau der Verhandlung war so niedrig als möglich.
Es ist freilich nicht zu erwarten, dass das traurige kommunistische Gerede
den Bürgerlichen ein Licht darüber auistecke, dass Antimilitarismus und Kom-
munismus nichts miteinander zu tun haben. Einem Kirchenrat und Frommen
blieb es vorbehalten, Bietenholz des religiösen Egoismus‘ zu beschuldigen
indem die Dienstverweigerung so ausgelegt wurde, als ob es ihren Vertretern
in erster Linie darauf ankomme, ihre eigene Seele zu retten. Um eine religiöse
Verleumdung waren die Frommen noch nie verlegen. Nicht ein bürgerlicher ©
Abgeordneter redete und stimmte gegen die Regierung. Dafür ist der Um-
stand, dass die eine Motion stark von Parteigesichtspunkten beherrscht war,
keine Entschuldigung. wi.
Im gleichen Sinn, wenn auch in einem andern Stil, verlief die Angelegenheit
des Piarrers Ernst Merz inRainim Aargau. An ihn stellte das Kommando
der in der Nähe manövrierenden Truppen das Gesuch, er möchte seine Kanzel ?
an einem bestimmten Sonntag für einen Feldgottesdienst abtreten. Pfarrer
Merz erwiderte, dass er das nicht tun könne, weil Schwert und Kreuz nicht
zusammen gingen und die Stellung eines Feldpredigers in seinen Augen dem
Geist des Christentums widerspreche. Daraufhin mächtige Gemüterwallung,
Zeitungsgeschrei im üblichen Stil, Anklage auf Antastung des Heiligsten, Trotz-
dem die Mehrheit der Gemeinde, besonders das einfache Volk, den Pfarrer
durchaus verstand und zu ihm hielt, sah er sich veranlasst, seine Demission
zu nehmen. Piarrer Ernst Merz, unser einstiger lieber Schüler, ist eine stille,
feine, durch und durch adelige Natur. Er steht nicht auf dem Boden des
radikalen Antimilitarismus, widersetzt sich aber jedem religiös gefärbten Mili-
tarismus. Alles liegt diesem Manne ferner als lärmender Kampf und agitato-
risches Auftreten. Wenn er so gehandelt hat, wie er es getan, so gehorchte
er sicher einem kategorischen inneren Gebot. Und er handelte klar, fest, un-
erschütterlich. Seine Tat hat grossen Eindruck gemacht. Sie wird in seiner
Gemeinde stärker nachwirken als all seine Predigten (so trefilich diese auch
waren — es wird später davon geredet werden); sie ist das Amen zu ihnen.
Und auch ihm selbst wird sie zum Segen gereichen. Es bleibt aber charakte-
ristisch: ein Pfarrer muss gehen, weil er das Kreuz über das Schwert setzt.
‘) und nachher eine grosse Missionsieier!
°) Es handelte sich um eine sogenannte Feldkanzel.
366
Base ke
Ren.
unserer politisch-moralischen Korruption endlich abgegraben werden soll.
;o ist es wenigstens ein kleines erfreuliches Zeichen des Umschwungs der
hen Meinung, wenn die Graubündner Kirchensynode eine
tion annahm, in der, auf freilich sehr sanfte Weise, den Militärgerichten
e gelegt wird, in ihren Urteilen über Dienstverweigerer von einer Abspre-
E. teilung mancherorts der Widerstand — ein wenig Tagesanbruch!
Wie tief sich der Fluch des Militarismus in der Schweiz schon eingefressen
hat, beweisen im übrigen auch folgende Tatsachen: Die unter der Leitung
der deutschen Finanz stehende Werkzeugmaschinenfabrik Oerli-
- kon in Oerlikon bei Zürich, betreibt eine ganz mächtige Fabrikation von
— äusserst wirksamen Waffen und entsprechender Munition, die sie nach aller
Herren Länder liefert. Aus aller Herren Länder ist auch die Gesellschait
. selbst zusammengesetzt. „Im Frieden“ streichen sie die Gewinne für die Mord-
. werkzeuge ein, womit dann, wenn einmal der Vorräte zu viele sind, die durch
die patriotische Lüge aufgepeitschten Völker in heiligem Gemütersturm auf
- einander losgehen.‘) 50 Meter von begangenen Strassen, 100 Meter von Ar-
* beitsräumen, 300 Meter von Wohnräumen entfernt halten sie, ohne jeden
- Schutz, die gefährlichsten Uebungen ab. In ebenso ungeschützten Räumen
- werden die Teufeleien der neuen Geschosse ausprobiert. Bei der Herstellung
- von alledem werden billige Arbeitskräfte, Mädchen und Buben im Alter von
- 15 Jahren beschäftigt. Und eine solche Pest sollen wir unter uns dulden
müssen? ?)
Mit dieser Gesellschaft in Arbeitsgemeinschaft steht die Neuhauser
_ Waifenfabrik (Industriegesellschaft Neuhausen) und wer weiss, was für
andere Teufelsnester dieser Art es noch unter uns gibt?
j In die gleiche Rubrik gehört die Tatsache, dass ausgerechnet zwei
Schweizer in der letzten Zeit Erfindungen gemacht haben, die einen Rekord
in militärischer Teufelstechnik darstellen: der eine soll ein ganz besonders
vollkommenes (d. h. zerstörungskräftiges) Unterseeboot erfunden haben, der
andere das wirksamste Maschinengewehr der Welt. Da kann es ja, mit dem
Schützenfest in Bellinzona zusammen, unserem Lande an Segen nicht fehlen! °)
Der antimilitaristische Kampf ist natürlich nicht, wie einige Dummköpie
bei uns meinen, auf die Schweiz beschränkt. In Bulgarien ist der pazi-
fistische Lehrer Andreas Krester heimlich umgebracht worden. —
In Finnland haben Vaino Sarrka und Joiva Rautenen den
1) Es seinoch einmal auf Lehmann-Rüssküldt: „Die blutige
Internationale“ aufmerksam gemacht.
2) Ich gebe diese Mitteilungen nach einem Bericht des „Volksrechts“
(Nummer 165), weiss aber auch aus andern, sehr sichern Quellen, dass das
- Wesentliche daran auf Wahrheit beruht.
5) Vom Schützenfest in Bellinzona, dieser neuesten Leistung
schweizerischen Flinten-Patriotismus, das nächste Mal!
ji u -
tut DE Ss
367
ng der bürgerlichen Rechte abzusehen. Auch sonst regt sich gegen diese
1.
Reihe der \ ; \ ı
ganze Anzahl von iranzösischen Kriegsdienstverweigerern SC
in unmenschlichen Zuständen. Die amerikanischen Vorkämpfer des Pazifi h
Roger Baldwin, Paul Jones und John Nerin Sayre machen in einem Aufruf
auf diese Tatsache und das ganze Greuelwesen dieser Straikolonie aufmerksam.
Warum leiden diese Menschen? Weil sie die Welt vor dem Schicksal
erretten wollen, dem neuerdings in Tokio 2000 Menschen verfallen sind,
welche durch einer Munitionsfabrik entwichene Giftgase getötet wurden.
(Davon haben unsere bürgerlichen Blätter nichts gemeldet!) Es ist überhaupt
merkwürdig, wie immer neues Unheil aus diesen militärischen Vorbereitungen
aufsteigt: Explosionen von Munitionsfabriken, Absturz von Fliegern, Unter-
gang von Kriegsschiffen und so fort. Auf alledem liegt Fluch,
Der schwedische Oberst K. A. Bratt hat aus der Tatsache des che-
mischen Krieges eine andere Konsequenz gezogen als unsere Militärrichter:
Er hat die Armee verlassen und ist Dienstverweigerer geworden. Vivat
sequens!
3. Sozialismus und soziale Frage,
Der soziale Kampf durchzuckt in allerlei Formen die Menschenwelt. Nicht
rur in Europa und Amerika. In Indie,n, besonders in Bombay, streiken
seit langem etwa hunderttausend Arbeiter der Textilindustrie’ Ihre Verhältnisse
sind unsagbar elend. Kein Wunder, dass sie auf die Stimme des Kommunis-
mus hören. In England steht eine riesige Aussperrung in der Textilindustrie
vor der Türe. In der Schweiz hat ein Metallarbeiterstreik gute Erfolge er-
französischen Straikolonie von Guyana mitten unter gemeinen Verbrechern
rungen. Von Ford wird berichtet, dass er in seinen brasilianischen Gummi-
plantagen sehr weit davon entiernt sei, die sonst von ihm gepriesenen humanen
Prinzipien anzuwenden. Die Arbeiter im Urwald kommen halt nicht als Käufer
von Automobilen in Betracht. Ueber die in Afrika und anderswo noch viel-
fach übliche Zwangsarbeit hört man weiteres. Wenigstens finden diese
Zustände an der Arbeitskonferenz in Genf eine Beleuchtung. Schwere Klagen
a immeriort aus Deutschland über die Notlage der Landwirt-
schaft.
In England geht die Arbeiterregierung energisch an die Bekämpfung der A r-
beitslosigkeit. InFreiburg in der Schweiz aber glaubt die Regie
rung das soziale Problem am besten dadurch zu lösen, dass sie das Tragen und
Aufpflanzen der roten Fahne als „Aufruhr“ verbietet, ebenso die aufrühreri-
schen Schriften. In Freiburg sollen offenbar nur Kirchen- und Militärfahnen
wehen. Im geistesverwandten Lausanne (die Nachbarschaft wird ansteckend °
N N
7
wirken) tällen Gerichte bei Anlass eines Maurerstreikes Klassenurteile be
kannter Art. Aber Zürich hat keinen Anlass zur Selbstgerechtigkeit. Denn die
Freisprechung des aus Bayern stammenden Streikbrechers Dorsch, der im
Zusammenhang mit einer Streikafläre ganz ohne ernstliche Notlage einen völlig
Unbeteiligten niedergeschossen hat (er war vier Jahre als Unteroffizier im
Kriege tätig und des Niederknallens gewohnt), durch ein ausgesiebt reaktio-
näres Geschworenengericht, mit Unterstützung eines reaktionären Staats-
anwaltes, ist auch ein Klassenurteil krassester Art. Wir werden es infolge davon
sehr schwer haben, in Zürich einen Sozialismus ohne Gewalt zu vertreten. Wer
ist es denn, fragen wir angesichts solcher Vorkommnisse, der Klassenkampf
und Klassenhass sät? Diese Freisprechung ist ein böses Symptom der Lage.
Kein gutes auch, dass beim Prostet gegen sie der Streit zwischen Kommunisten
und Sozialdemokraten durch die Schuld jener wieder wüste Formen annimmt.
368
m}
s und gegen d
o% ER ic gegen gen '. - “
‚ dreizehn Geistliche ‚für die Arbeiterpartei kandidiert.
eutende rheinische Führer der Sozialdemokratie, ver-
ırteitag zu Magdeburg unter starkem Beifall, dass in der
ar evaı
se Raum, aber den Freidenkern wehre man jede Mitarbeit. Das Aui-
habe jenem sogar eine Rüge des Parteivorstandes zugezogen.
r 4. Kirchliches.
Solche Zeichen sollten eine Kirchenbehörde abhalten, gegen einen Mann
- wie Pfarrer Eckert vorzugehen. Er wurde bekanntlich beim badischen
- Oberkirchenrat angeklagt, durch seine Vorwürfe gegen die Kirche „die Kirche
verächtlich gemacht zu haben.“ Es reichte doch bloss zu einem Verweis,
der eine Freisprechung bedeutet. Jene Vorwürfe sind gewiss scharf. Piarrer
Eckert ist ein Drauigänger. Man mag gegen seine Taktik und Denkweise
allerlei einwenden. Aber es ist lächerlich, gegen ihn gerade mit jener
Anklage vorzugehen. Als ob es in erster Linie darauf ankäme, dass die Würde
der Kirche gewahrt werde Mit dieser Würde wird ohnehin genug ope-
riert und mit dem bekannten Erfolg. Die Vorwürfe gegen die Kirche
können gar nicht stark genug sein. Sie sind auch bei Eckert eher zu schwach
als zu stark. Die Lage der Christenheit ist heute nicht anders als zur Zeit
- Luthers, Zwinglis und Calvins, nicht anders als die Israels zur Zeit des
Jeremia.. Wenn die Kirche solche Anklagen bitter ernst nimmt, sogar dort,
wo in ihrer Form etwas Falsches, oder der Ankläger nicht einwandirei sein
sollte, so wahrt sie am ehesten ihre eigene Würde und die ihrer Vertreter, mit
jedem anderen Vorgehen kompromittiert sie sich nur immer mehr.
Mit Selbstkritik ist einer wirklichen Kirche, d. h. einer, die sich wirklich
zu Christus halten will, besser gedient als mit Machtgewinn. Und die richtige
christliche Bewältigung gerade des sozialen Problems ist für die Zukunft
des Protestantismus sehr viel entscheidender als glänzende kirchenpolitische
Erfolge wären. Das ist der Gesichtspunkt, unter dem auch das Konkor-
dat des Vatikans mit Preussen beurteilt werden muss. Gewiss bedeutet es
einen Erfolg der römischen Politik und die Möglichkeit eines Machtzuwachses
für die römische Kirche. Aber wie rasch können solche Gewinne verwelken
oder ins Gegenteil umschlagen. Gewinne an mehr oder weniger weltlicher
Macht haben noch keiner Kirche gut getan und die Kirchengeschichte zeigt
uns Beispiele jähen Sturzes von höchster kirchlicher Machtfülle in tieiste Er-
niedrigung und Entartung.') Aehnlich zeugt es von wenig Verständnis für das
1) Diese weltliche Herrlichkeit des Papsttums illustriert auch folgende
Notiz:
„Das päpstliche Auto. Der Wagen seiner Heiligkeit, des Papstes
Pius XI., der laut „Europa auf Reisen“ Nr. 212 „an prächtiger Ausstattung
wohl alles je Dagewesene übertrifit“, ist ein achtzylindriger Isotta Fraschini
369
_ treten eines Freidenkerführers gegen eine Aktion Pfarrer Eckerts in Göp-
_ pingen |
ab
These ve a Sn mit d Hi va
Jebendiger Christusglauben abzunehmen p r
unterricht eine sehr schwere Sache. Man sol e sich also nicht z
Beschluss einer sozialistischen zürcherischen Schulpflege aufregen,
in Bezug auf das religiöse Thema Zurückhaltung zu a |
En
OR
Sache Christi unter uns wieder recht lebendig, dann ergreilt sie
% "auch ohne Religionsunterricht, geschieht dies nicht, dann nützt aller
unterricht nichts, wohl aber kann er sehr viel schaden. .
Man erfährt gegenwärtig in Russland, wie wenig man mit so
wissenschaftlicher Aufklärung oder gar staatlichen Zwan smitteln etw:
die Religion ausrichtet, dass man damit keine Religion töte die noch einen
ken Lebenskraft in sich hat, wohl aber eine halb erstorbene wieder lebend
chen kann. Der bolschewistische Kampf gegen die Religion befindet
20 nach seinem eigenen Zugeständnis in äusserster Verlegenheit und darf als
Br: scheitert gelten. Lebendiger Glaube gedeiht am besten in der Luit des Kamp
und der Verlolgung, jede Protektion ist ihm tötlich, auch jede allzueifrige
menschliche „Pflege“. u
5. Kulturelles und Unkulturelles. R
Pr Die Spielbankenherrlichkeit entfaltet sich so, wie ihre Ver-
a fechter sie gewünscht haben. Ein Kurort nach dem andern stellt sie wieder
x her oder führt sie neu ein. Man lädt (z.B. neuerdings in Ragaz) die den
Spielbanken freundlich gesinnte, d. h. die ireisinnige und die katholische
& Presse (von der „Berner Tagwacht“ habe ich nichts vernommen!) zu ihrer 7
Eröfinung ein. Musy, Schulthess und Häberlin konnten wohl wegen Bellin-
% zona nicht dabei sein? ö
ER. Einen andern Weg schweizerischen Aufstiegs bezeichnet ‚auch folgende,
BE. durch Prof. Dr. A. Hartmann in Aarau aufgestellte vergleichende Statistik der
= Ausgaben des Schweizervolkes für die verschiedenen Arten von Getränken:
% Millionen Millionen Millionen Millionen
Liter Franken Liter Franken
ER Milch ; 1100 360 Limmonaden 30 30
a Bier 220 100 Schnaps 25 50
Wein 200 360 Mineralwasser 5 5
Gärmost 150 45 Kunstgetränke 5 3
Auf der gleichen Auistiegslinie zum Untergang stossen wir auf das ent-
setzliche Verbrechen, das in der Nähe von Luzern verübt wurde. Es hat
auch früher scheussliche Taten gegeben, sicher, aber diese Ermordung (das
Wort ist noch zu gut) einer alten Frau und ihres vierjährigen Enkelknaben
durch einen Bekannten trägt — für die paar Leute, die noch Augen dafür
haben — allzudeutlich die Züge unserer heutigen Kultur, der Kultur der „neuen
Sachlichkeit“.
952 Todesurteile sind in Polen während der letzten zehn Jahre
vollzogen werden. Welch eine furchtbare Zahl! Der staatliche Bericht dar-
über erklärt ihre Höhe aus der Verwilderung, die der Krieg erzeugt habe. Ge-
Type 8A. Er ist amarantrot lackiert, die Kotilügel sind etwas dunkler ge-
halten. Das Innere ist mit rotem Damast tapeziert; auch die Kissen des Cou-
pees sind mit diesem Damast überzogen. Den Boden bedeckt ein Teppich
aus weissem chinesischem Lammpelz. Die Türdräcker sind aus Gold. Neben
„allen Bequemlichkeiten“ sind vorhanden: ein Kästchen mit einem Getränke
service, ein Brevierträger, eine goldene Uhr und eine Medaille\des heiligen
Christophorus. Zur Verständigung mit dem Chauffeur dient eine Tastatur“ —
„Des Menschen Sohn aber hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.“
370
|
u
ii
De
n Gegensätze
lkes“ steht folgendes:
A
ED
den gebeten
Bademeistern auseinandergezogen und ein Riesenschwimmbassin bot sich den \
Augen, das beide Räume ausfüllte. Das Riesenbassin war eine mit äusserstem -
R Raftinement und grosser technischer Findigkeit erdachte und ausgeführte Ar-
&
beit eines bekannten Technikers, dem es gelang, zwei grosse Wohnräume
unter Wasser zu setzen, ohne den Räumen Gewalt anzutun. Ein Anschlag
_ an der Wand verkündete, dass das Wasser 24 Grad Wärme hatte. Gummi-
_ puppen, Bälle und Pierdchen schwammen im Wasser umher, und an den
Wänden des kleinen Saales führten kleine Treppen zu puppenhaften Bade-
kabinen, die alles enthielten, was zwei Menschen für eine glückliche Stunde
benötigen. Den Höhepunkt des Festes bildete ein schwimmendes kaltes Büjtet
mit den erlesensten Speisen und Getränken. Die Gäste stürzten sich ins Wasser
Stadt der Welt bisher gesehen hat. Elektrische Trockenappärate trockneten
die Gäste in wenigen Sekunden. Um 24 Uhr gab es eine Ueberraschung:
nun begann ein Wettfischen, das die Lustigkeit noch erhöhte. An den Wänden
_ zogen sich vielmeterbreite Gänge entlang, auf denen Angler standen. Man
fischte sich aber nicht nur junge Hechte und Schleien, auch auf Frauen und
Männer legte man die Angel an, und es fiel auf, dass hier die Damen der
weit aktivere Teil waren!!!
Diese Vorgänge erinnern lebhait an die Zustände im alten, zerfallenden
Rom und kennzeichnen so recht den Tiefstand unserer heutigen Kultur.“
Gleichzeitig wird berichtet, dass in der Nähe von Stuttgart ein grosses
Treffen der — Vagabunden stattiand, deren „Führer“ Gregor Gog ist.
Auch ein bekannter Schweizerpiarrer, der das geistige Vagabundieren liebt,
war dabei, sogar als Redner. Das ist eine der grossen Hofinungslinien in den
Nöten der Gegenwart: dass es gegen gewisse gewaltige Uebel zu gewaltigen
Umschlägen kommen werde. Möchte es bald geschehen!
24. Juli. EaR:
Zur auswärtigen Politik der englischen Arbeiter-Regierung.
(Aus dem Wahlmanifest: Labour and the Nation. Fortsetzung.)
„Die Arbeiterpartei glaubt, dass in der Führung der auswärtigen Politik
(foreign aflairs) die wahren Interessen Grossbritanniens Friede und Fortschritt
sind und dass diese einzig durch eine Politik geiördert werden können, die
auf Gerechtigkeit und Billigkeit (fair play), Vernunft und Zusammenarbeit im
- Verhältnis zu allen Völkern der Erde gegründet ist. Das unheilvollste Bei-
spiel von Abwesenheit dieses Geistes bilden heute die durch das Verhalten
der konservativen Regierung zwischen Grossbritannien und Russland ge
371
ia 2
und blieben stundenlang darin. Es war ein Wasserfest, wie es wohl keine,
Hunderte von lebenden Fischen wurden aus Netzen in das Bassin getan, und
wr-
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RUDI
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schafienen Beziehungen. England ist das grösste Industrievolk |
Russland das mächtigste unentwickelte Reservoir von Lebensmitteln und |
stolfen. Es liegt auf der Hand, dass beide durch den Handelsverkehr mi
ander etwas zu gewinnen haben. Die konservative Regi ‚ hat in ihr
Eifer, durch Benutzung des Popanzes der Revolution einen flüchtigen politi
R
schen Vorteil zu erlangen, das Handels-Uebereinkommen von 1924 mit Russ-
land zerrissen, mit dem Ergebnis, dass Aufträge für Maschinen und Waren,
die tausenden von britischen Arbeitern Beschäftigung gegeben hätten, unserem
Lande verloren gingen. Aktionen solcher Art mögen grossartig erscheinen,
aber sie entsprechen weder dem gesunden Menschenverstand noch dem Ge-
schäftsinteresse. Eine Arbeiterregierung würde, trotz ihrer Opposition gegen
die Einmischung der russischen Regierung in die innere Politik anderer Völker,
sofort Schritte tun, um diplomatische und kommerzielle Verbindungen mit ihr
herzustellen, sie würde durch Verträge oder anderswie alle vorhandenen Dif-
ferenzen beilegen, und würde alle Anstrengungen machen, um eine Wieder-
belebung des Handels mit Sowiet-Russland zu ermutigen.
Es ist ferner die Politik der Arbeiterpartei, Schritte zu tun, die engere
politische und ökonomische Beziehung zwischen Grossbritannien, Indien
und den autonomen überseeischen Dominions und den andern die Bri-
tische Völkerrepublik (British Commonwealth oi Nations“) bildenden Bestand-
teile herzustellen. Sie glaubt an das Recht des indischen Volkes auf Selbst-
regierung und die Politik der Arbeiterregierung würde in einer stetigen Zu-
sammenarbeit mit ihm sein, mit dem Endziel, Indien so rasch als möglich und
mit seiner freien Zusammung zu einem mit allen andern gleichberechtigten
Glied der Britischen Völkerrepublik zu machen.
Sie würde für einen engern persönlichen Kontakt zwischen der Regierung
Grossbritanniens und denen der Dominions und der andern Glieder der Bri-
tischen Völkerrepublik besorgt sein und an den Konferenzen der Republik
(Commonwealth Conferences) würde sie sicherstellen, dass die britische Ab-
ordnung ebenso Vertreter der Opposition wie solche der Regierungsmeinung
einschlösse.
Eine Arbeiterregierung würde die in Betracht kommenden Staaten drin-
gend ersuchen, mit ihr zusammen eine Uebersicht über den gesamten Boden-
besitz der Britischen Republik herzustellen, zu dem Zwecke, die private
Benutzung des Bodens einer im allgemeinen Interesse liegenden und. wissen-
schaftlichen Prinzipien entsprechenden Neuverteilung der Bevölkerung auf dem-
selben unterzuordnen und durch Verbesserung der Bodenbewirtschaitung ver-
mehrten Zufluss von Lebensmitteln für seine Bevölkerung und von Rohstoffen
für seine Industrien zu schaffen.
Programme für de Auswanderung und die Ausbildung dafür
bilden einen Teil der Politik der Arbeiterregierung. Eine Arbeiterregierung
würde darnach trachten, für solche, die an Auswanderung denken, verlässliche
Auskunft zu vermitteln; sie würde Zentren schaffen, in denen diese eine entspre-
chende Ausbildung für ihr neues Leben bekommen; sie würde den Apparat
der Arbeiterkonferenz der Republik, durch welche die Arbeiterbewegung in
Grossbritanniens bereits in enger Berührung mit den Arbeiterbewegungen in
den Dominions ist, dazu benutzen, ein gewisses Mass von Aufsicht und Kon-
trolle über deren Aussichten und Verhältnisse herzustellen.
Die Arbeiterpartei iasst mit ernstem Gefühl ihrer Verantwortlichkeit die
entsetzlichen Uebel ins Auge, welche die kapitalistische Ausbeu-
tung in gewissen tropischen und subtropischen Teilen der Britischen Völker-
republik hervorgerufen hat. Sie ist der Ansicht, dass das Wohlergehen der
eingebornen Rassen, ihr wirtschaftliches Gedeihen und ihr Fortschritt -
in Kultur und Zivilisation das oberste Ziel der kolonialen Verwaltung sein muss,
der alle andern Interessen sich streng unterzuordnen haben. Sie stellt mit Ge-
372
? Bang rückständiger Gebiete
deren Unabhändgigkeit, die sozialen
‚der Einwohner untergraben und
'opas verderblich werden. Sie wird jedes in ihrer Macht befind-
Mittel benutzen, um sie im Besitz und Genuss ihres Bodens zu schützen,
angsarbeit unbedingt zu verhindern, in weicher Form sie auch auf-
E trete, sicherzustellen, dass Verträge zwischen . eingeborenen Arbeitern und euro-
72 päischen Unternehmern in Freiwilligkeit und nicht unter Druck geschlossen
werden, dass solche Verträge den Behörden vorgelegt werden müssen und
_ dass sie Bestimmungen enthalten, die dem Arbeiter billige Lebens- und Ar-
‘ beitsbedingungen gewähren. Sie wird die Entwicklung der Fürsorge für Ge-
- sundheit und Erziehung ermutigen. Sie will von Herzen mit der Mandat-
kommission des Völkerbundes zusammenarbeiten und I: ‚An-
strengung machen, um deren Autorität zu verstärken und auszudehnen .
(Schluss folgt.)
_ Neues von der chinesischen Hungersnot und ihrer Bekämpfung.
Nach den neuesten Feststellungen bedürfen 50 Millionen Menschen in
vinzen: Suiyuan, Kansu, Schensi, Honan, Chatsar, Schantung, Schansi und
_ _Hopsi (Chili). In diesen Provinzen sind von den 57 Millionen ihrer Gesamt-
' bevölkerung 21 Millionen so schlecht daran, dass es von ihnen heisst: „Sie
sterben wie die Fliegen.“ Es wird auch berichtet, dass die Gesamtlage wäh-
rend des Sommers nur noch schlimmer werden wird. Um in den acht Pro-
vinzen die grösste Not zu beseitigen, wären, so hat man berechnet, 857,000
Tonnen Getreide nötig, d. h. in Geld ausgedrückt, 130 Millionen Mark. Bisher
wurden nur 2,2 v.H. der nötigen Getreidemenge durch die Hilisaktion be-
‚schafft. Eine chinesische Wohltätigkeits-Gesellschaft brachte bisher 1,000,000
Mark, die chinesische Regierung 20 Millionen Mark auf, aus Amerika er-
wartet man, ausser den schon gespendeten Sachen, weitere 40 Millionen Mark.
In Kansu, wo es am schlimmsten steht, sind monatlich 5 Millionen Mark nötig,
man bekam bisher monatlich aber nur 10,000 Mark. Gaben für die Hungern-
den in Schantung nimmt nach wie vor entgegen die Ostasien-Mission, Berlin
W .57, Pallasstrasse 8/9, Postscheck: Berlin 6457. Professor D. Dr. Witte.
i
i
#
2
Verdankung.
Für die Hungernden in China sind bei der Redaktion einge:
gangen von: Ungenannt in D. Fr. 50.—; J. R. in Z. Fr. 100.—; J. M. in R.
Fr. 5.—; Fr. St. in B: Fr. 8.—-; M. St. in Z, Fr. 50.—; Kirchenkollekte von
Erlach (Kt. Bern) Fr., 2. Total Fr. 270. Herzlichen Dank!
en Eur u a a a
PETTTITELTTITTTTRTTTITTTETLTTETTETLETTELTETLPTLTLTTLITLTLETTETTEITTTETTTLETLETLTILTIEFTETLDILTIELTTILTIETG LLILTTTETETTTTRTTTETELETETETELETTETEILTETERTITERETETTTERELERTETTLELTETTITETETTTFE
Ey Aus der Arbeit a A:
Die Reichenauerkonierenz
ist auf Sontag und Montag, den 18. und 19. August angesetzt. Beginn
Sonntag nachmittags 4 Uhr. Referent für den Sonntag ist Herr Pfarrer
Lauterburg aus Saanen. Er wird über „Freude und Gemein-
373
eigen Kompromiss mit einer Politik
rch ‚für sie selbst, 26 et auch für die arbeitenden
China dringend der Hilie. Die Hungersnot ist besonders schlimm in acht Pro-
schaft, Erfahrungen mit Volksbildungsarbeit“ reden
dabei viel Anregendes ei seiner grossen Tätigkeit heraus mitteilen. Referent
für die Montagskonferenz ist der Unterzeichnete. Thema: „Die Gerech-
tigkeit des Gottesreiches und unsere Besitzordnung“. _
- Wir hoffen auf zahlreichen Besuch. i
Präz, den 19. Juli 1929. i Georg Felix.
Heimvolkshochschule Habertshof, Elm, Bezirk Kassel.
Mädchenlehrgang vom 18. August bis 16. November 1929.
Der Mädchenlehrgang geht in seinen Vorträgen und Besprechungen im
Wesentlichen von der Industrie-Arbeit aus. In den Kursen der Heimlehrer und 7
einzelner Gastlehrerinnen kommen zur Behandlung: Mensch und Ma-
schine; Proletariat und Kirche; Gesetzgebung und Ar-
beiterschaft; Freizeitgestaltung; Meine Wotnesn Ge-
sundheitslehre und häusliche Krankenpflege; rzie-
hungsfragen; Hauswirtschaftslehre. : k
Die Kurse finden in Form von Besprechungen statt. In Verbindung mit
der täglich 2) Stunden dauernden Arbeit im Haushalt wird ein Kochkurs
egeben Ausserdem wird Unterricht im Schneidern, Stopfen und Flicken er-
teilt; die Teilnehmerinnen des Lehrganges können sich dabei ihre eigenen
Kleidungsstücke anfertigen. Dieser Unterricht wird ergänzt durch Anleitung
in praktischen Handarbeiten (Handweberei, Bastarbeiten).. Gymnastische
Uebungen und Singstunden finden regelmässig statt.
Kosten: Das Kursgeld beträgt für Verpflegung und Unterricht ins-
gesamt Mk. 70.— monatlich. In begründeten Fällen kann Antrag auf Ermäs-
sigung gestellt werden. Erwerbslose mögen sich zwecks besonderer Regelung
än die Schule wenden. |
Mitzubringen sind: 1 Federbett, Hausschuhe, Wanderschuhe, Schür- |
zen, Gymnastikanzug. Die Leibwäsche muss gezeichnet sein. j
Die Eisenbahn gewährt für direkte Her- und Rückfahrt 50% Fahrpreis-
ermässigung. Die zur Reise benutzte Fahrkarte ist unter Hinweis auf diesen
Umstand nicht an der Bahnhofsperre, sondern bei uns abzugeben, weil die
Herfahrt zunächst voll bezahlt und die Erstattung der Ermässigung durch das
Heim bewirkt werden muss. — Für die Rückfahrt ist ein Lichtbild-Ausweis
erforderlich. ;
Der Anmeldung ist ein kurzer Lebenslauf beizufügen, aus dem Woh-
nung, Alter, Beruf zu ersehen sind. Ein ärztliches Zeugnis ist der Anmeldung
beizulegen. Anmeldung und Aniragen sind zu richten an die Leitung des”
Schulheims Habertshof, Post Elm, Bezirk Kassel. j
Der Habertshof liegt 20 Minuten über dem Bahnhof Elm und 11% Stunden
von Schlüchtern entiernt. Gepäck ist stets bis Elm zu senden. — Postscheck-
konto: Siedlung Habertshof, Elm, Frankfurt a. M. 21 281 .
Aenderungen des Planes bleiben vorbehalten. Alle Auskünite erteilt die
Geschäftsstelle des Schulheims Habertshof,
Elm, Bezirk Kassel.
Druckfehler.
In dem Aufsatz „Katholizismus und Sozialismus“ ist der
erste Abschnitt auf Seite 288 (Ketteler über das Eigentum) an die falsche
Stelle geraten. Er sollte nach dem Passus aus der Enzyklika stehen
Seite 307, Zeile 1 von unten, ist das „bereits“ zu streichen. |
Redaktionelle Bemerkungen.
Das Juli- und das Augustheft sind, wie gewöhnlich, zusammengezogen
worden. Dafür soll, zum Ausgleich, das Septemberheft früher als gewöhnlich
erscheinen.
374
ein neben Ri
Ki ennt, | Besonders? A
; w. weite, biladn! ol gleichsam « AR,
lungen im Rahmen der Neuen Wege, neben
ven, vielleicht in immer wieder erneuter Gestalt, her-
inige „Personalia“ das nächste Mal. Br >
itte ich die Leser, die „Ferien“ zu eifrig er vr
brei ung der Neuen Wege benützen zu wollen. Probe-
Seh zur Verfügung. “AZ
_ Religiös- -sozialer Ferenlms in Vers,
vom 6. bis 13. Oktober 1929.
u ee Sache wie die des sogenannten religiösen Sozialismus a
darf immer neuer Besinnung auf ihr Wesen und ihren Weg, immer
neuer Selbstprüfung, Klärung, Vertiefung, und dies erst recht in.
einer Zeit voll Gärung und Wechsel. Dieser Aufgabe war beson-
ders auch der Ferienkurs gewidmet, der vor drei Jahren einen Kreis
_ von Freunden für fast eine Woche in Bad Lostorf zusammenführte.
- Damals wurde der Wunsch ausgesprochen, es möchte einmal ein i
ganzer Kurs den Glaubens- und Weltanschauungsproblemen unse f
_ rer Sache gewidmet werden. Nun soll dieser Wunsch seine Erfül-
_ lung finden. Es ist uns für diesen Zweck das Volkshochschulheim
Casoja von dessen Leitung freundlich zur Verfügung gestellt wor- irn
den. Als Zeitpunkt erschien aus allerlei Gründen die Woche vom
- 6. bis zum 13. Oktober am geeignetsten. Wir haben das Programm
3 so formuliert: |
Die Glaubens- und Weltanschauungsgrundlagen der religiös-
sozialen Bewegung.
1. Dieheutige LageunsererSache. Referent: Max |
Gerber.
2. Der Umschwung im Geistesleben und die
neue Aufgabe des Sozialismus. Referentin: Hen-
rietteRolandHolst.
y 3. Unser Glaube und der Sozialismus. Referent:
LeonhardRagaz.
4- Unser Glaube und die Theologie. Referent:
— PaulTrautvetter.
5. Unser Glaube und das Proletariat. Referent:
f RobertLejeune.
Bemusspracheüber unsere praktischen Pro:
blemeund Aufgaben.
315
DONE SHE:
Cheme 5
II, v
zwingende Gründe verhindert ist. Zum Ernst der Aufgabe gesellt
sich der herrliche Rahmen. Die Herbsttage sind in der Höhe oft
besonders schön und dazu in Stille getaucht. Casoja aber ist ein ©
wundervoller Ort für ein solches Zusammensein. Herrlich im Her-
zen Graubündens gelegen und doch verhältnismässig leicht erreich-
bar, mit dem schönen Lenzerheidsee hart daran und dem Blick auf
Wälder, Wiesen und Weiden, wie auf das Hochgebirge in Nähe und
Ferne, mit der grossen Stille ringsum, mit der Schönheit und
Traulichkeit des Heimes selbst bietet es Leib und Seele Freude, Er
quickung und Erhebung und damit auch eine Vorbedingung zur
Sammlung im Suchen der Wahrheit. Möchte die geistige Arbeit,
die wir im Herbst an dieser Stätte tun wollen, einen neuen geseg-
neten Impuls für unsere Sache bedeuten.
Für die Freunde der Neuen _ Für die Vereinigung Arbeit
Wege: und Bildung:
L. Lejeune. L. Ragaz.
Für den religiös-sozialen Aktionsausschuss:
Lejeune, Ragaz, Trautvetter.
Die Kosten betragen fünf bis sieben Franken per Tag. Anmel-
dung, bittet man, bis Mitte September an Frau Prof. Klara Ragaz
(Gartenhoistrasse 7) Zürich, zu richten. Casoja erreicht man von
Chur aus entweder mit dem Postauto (Station Valbella) oder zu
Fuss in vier Stunden auf Strasse und Waldweg. ®
Allfällig notwendig werdende kleine Aenderungen in bezug auf
die Themen und Referenten sollen im Septemberheft angezeigt werden.
376
“
F
#
| Rest v Se | bleiben. Be
von denen beim Fällen ein Stumpf bleibt:
ein liger Sc wird dieser a sein.
0,13,
Rest wird bleiben.“ Mag auch alles zugrunde gehen, an was
‚seine Seele gesetzt hatte, mag unter den Blitzen des göttlichen
chtes zusammenbrechen, was hoch und üppig dastand, wenn
Glauben, Leiden seiner Getreuen gesetzt, etwas, das mit Herzblut
benetzt worden war, dann wird dieses sich als „heiliger Same“
erweisen, woraus zu seiner Zeit neues Leben brechen muss.
Besonders eindringlich und ergreifend tritt dieser Gedanke —
- der doch mehr ist als ein blosser Gedanke — in dem gewaltigen
- Bericht von der Berufung des Jesaja hervor. Er wird berufen. Zö
_ gernd, tieferschrocken, wegen seiner Unzulänglichkeit und Unwür-
digkeit für diesen Auftrag, gehorcht er zuletzt: „Hier bin ich, sende
mich.“ Aber was soll er verkündigen? Etwas sehr Seltsames,
- Widerspruchvolles: „Höret immerfort — doch ohne zu verstehen!
Sehet immerfort — doch ohne zu erkennen! Verstocke das Herz
- dieses Volkes, verhärte seine Ohren, verblende seine Augen, dass
_ es mit seinen Augen nicht sehe und mit seinen Ohren nicht höre
- und sein Herz nicht verständig werde und sich bekehre und Heilung
erfahre.“ Das bedeutet: „Du darfst bei deiner Verkündigung nicht
_ auf. Verständnis für Gottes Willen und Gehorsam gegen ihn rech-
nen, sondern musst auf völlige Unempfänglichkeit und gänzlichen
_ Misserfolg gefasst sein. Aller Anschauungsunterricht der Ereig-
nisse wird unverstanden bleiben, deine Worte werden in der leeren
Luft verhallen, die Herzen werden durch deine Busspredigt nur
_ verhärtet werden und deine Verheissung werden sie verhöhnen.
- Nur immer ärger wird es werden.“ Wahrhaftig, eine düstere Aus-
E sicht, ein merkwürdiger Ansporn für prophetisches Wirken! Es ist,
als ob spätere Erfahrung in die Erinnerung an die Berufung ein-
Erlöse und einem. Element, das ursprünglich bloss keimhaft darin
- enthalten war, eine grössere Rolle anweise. Jesaja antwortet Gott:
E „Bis wann?“ und erhält den Bescheid: „Bis die Städte verheert
sind, dass keine Bewohner mehr darin zu treffen, die Häuser men-
schenleer und die Aecker zur Wüste verheert sind, bis Jahwe die
Menschen in ‚die Ferne geschickt hat und die Verödung gross ge-
worden ist im Lande. Und wenn noch ein Zehntel darin ist, so soll
auch dieses wieder der Vertilgung anheimfallen. Aber wie bei einer
- Terebinthe oder Eiche beim Fällen ein Stumpf bleibt, so soll ein
Rest bleiben, als heiliger Same!“
377
4
Gleich einer Terebinthe Hdek Eiche,
e- Es an ein nal auitretender Trostgedanke der Pros
was dabei war, was aus Gott stammte, etwas, woran das Hoffen,
-ist. Aus Israel ist zuletzt Christus hervorgegangen, und sein Reich,
Es ist dann so gekommen. Die Eiche Judas fiel, wie die Tere-
binthe Israels vorher gefallen war. Das Volk wanderte ins Exil, zu-
erst ein Teil, dann der andere. Der Tempel zu Jerusalem wurde
ein Trümmerhaufen und die heilige Stadt eine Behausung der Scha-
kale. Alles schien aus und vorbei. Aber es blieb ein Rest. Es blieb
das, was die Propheten geglaubt, gekämpft, gelitten, geweissagt
hatten. Ganz wenige nur waren es gewesen, die es in sich aufge“
nommen hatten — was waren diese paar einflusslosen Leute gegen-
über dem Haufen der Politiker, Priester und falschen Propheten
und der blinden Masse des Volkes? Aber diese wenigen, diese Ge
ringgeschätzten und Verhöhnten, als Landesverräter Verschrieenen
wurden der heilige Same, aus dem Israel wieder erstand. Viel-
mehr: das prophetische Wort und Werk wurde dieser heilige Same,
aus dem der Baum wuchs, der das Leben der Menschheit geworden
das Reich Gottes, wird das letzte Wort der Geschichte sein. |
Diese Losung: „Ein Rest wird bleiben!“ ist mir die letzte Zeit‘
im Zusammenhang mit dem Nachdenken über dieschweizeri-
sche Lage immer wieder in den Sinn gekommen. Sie scheint mir’
auch für diese unser letzter und wohl einziger Trost zu sein. Denn
es steht im übrigen böse. Alles, was in diesen entscheidungsvollen
Zeiten, sei’s von Einzelnen, sei’s von ganzen Kreisen, zur Erneue-
rung und Rettung der Schweiz unternommen worden ist, alle die’
neuen Ziele, die gezeigt, alle die neuen Lebensformen, die begründet,
aller. Glaube, alle Hoffnung, alle Liebe, die vertreten wurden, alle
Verkündigung von Gericht und Gnade — gestehen wir es offen, es
ist wenig oder nichts daraus geworden. Politiker, Priester, Intellek-
tuelle, sie haben ihre Ohren dafür verschlossen und ihre Herzen
verhärtet, die Masse aber gehorcht, als ob sie nie etwas von einem
Worte Gottes aus Gerichtswetter und Rettung vernommen hätte,
ihrem dumpfen und wilden Lebenstrieb und lässt sich bloss von den
Parolen der Demagogie bewegen. Blüten und Blätter sind vom
Baum unserer Hoffnung gefallen, und wer weiss, ob nicht eines
Tages der Blitzschlag einer schweren Katastrophe auch den Stamm
trifft? Verdient hat unser Volk diesen Gerichtstag reichlich und
überreichlich.
Wie denn? Sollen wir die Hand vom Pfluge ziehen? Sollen wir
verzweifeln ?
| Nein, denn „Ein Rest wird bleiben“. Dessen dürfen wir sicher
sein. Blüten und Blätter mögen vergehen; vieles, vieles von unseren
Bemühungen mag sich als nebensächlich und zeitweilig erweisen,
ja, es mag der Stamm stürzen, die geschichtliche Katastrophe, die
von Politikern, Zeitungsschreibern, Priestern und falschen Prophe-
ten, Geschäftsmagnaten, Literaten, Intellektuellen, und auch von der
verblendeten Masse, sozusagen mit Stricken herbeigezogen wird
378
(auch ein prophetisches Bild!), unser Land verheerend treffen: blei-
ben wird der heilige Strunk, bleiben wird, was unser Herz mit seinem
- Blut gedüngt; es wird aufwachsen zu seiner Zeit, schöner, herrlicher
als wir’s gedacht. Bleiben wird die Schweiz um dessenwillen, was
ein über das Land verstreuter kleiner Kreis von Menschen aus aller-
lei.Lagern und Parteien für sie geglaubt, gehofft, geliebt, gelitten
_ hat. Das ist die Auferstehungskraft, durch die sie aus der Kata-
strophe sich erheben wird. Arbeiten wir darum getrost weiter
"inmitten von aller Enttäuschung, aller Erfolglosigkeit, aller Erbärm-
lichkeit, arbeiten wir nur immer treuer, immer lauterer, immer ent-
schlossener, immer wieder von der Glut des göttlichen Gerichtes
gereinigt: nichts, gar nichts wird umsonst sein. „Ein Rest wird
bleiben“, und in diesem „Rest“ wird alles, alles, was wir aus Gott
getan, ja, sogar alles, was wir bloss aus unserem schwachen Her-
- zen und trüben Sinn aber in Treue getan, wohl aufbewahrt sein,
scheinbar verringert, aber geläutert, gesegnet, geheiligt. .
Unter den gleichen Gesichtspunkt müssen wir, meine ich, all
unser Tuninderheutigen Weltzeit stellen. Wir leug-
nen durchaus nicht, dass wir, neben der Erwartung der kommen:
den Gerichte und Katastrophen, die uns durch das Leben begleitet
hat, immer auch edle Hoffnungen in uns gehegt und strahlende
Ziele für Arbeit und Kampf vor uns gesehen haben. Der Krieg hat
- beides: die Gerichtsstimmung, wie auch die Hoffnung (die Theologen
nennen das die eschatologisch-apokalyptische Erwartung) gesteigert.
Diese Hoffnung nun war — und ist — nicht nur die allerhöchste
und letzthinige, das Reich Gottes selbst, sie hatte — und hat —
auch menschliche, vorläufige Formen, als da sind: Demokratie,
Sozialismus, Besiegung des Krieges, neue Geisteskultur, bessere Ge-
meinschaftsfiormen und vieles dieser Art. Nun aber müssen wir,
wenn wir. uns nicht selbst betrügen wollen, gestehen, dass die
heutige Welt dafür wenig Aussicht gewährt. In dieser Welt wächst
weder Demokratie noch Sozialismus, noch neue Kultur. Was uns
‚zunächst bevorsteht, ist der Verfall. Diese Periode mag lange
dauern, mag sogar die überdauern, die jetzt noch jung sind. Was
zunächst kommt, ist die fortschreitende Verödung des Geisteslebens,
die fortschreitende Verflachung der Kultur, die fortschreitende Me-
chanisierung, Brutalisierung und Dämonisierung. Es wird immer
sinnloser werden, noch von Kultur zu reden: wir versinken Tag für
Tag mehr in die Barbarei jeder Art. Demokratie? Sozialismus?
Neue Kultur? Es ist zum Lachen! Diktatur des Mammons und der
Gewalt, Brot und Spiele, wildestes Ausschäumen der gottlosesten
Selbstsucht und Brutalität — das ist der Ausblick auf das, was vor
läufig kommt. Ja, dieser Ausblick kann noch dunkler werden. Wird
denn diese ganze heutige Welt überhaupt noch eine Zukunft haben?
Ist nicht wenigstens der Untergang des Abendlandes besiegelt?
379
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Weisen nicht für den, der sehen kann,
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überhaupt der Welt noch Frist gegeben? Naht ni
Wende, die das Wort von der Wiederkunit Christi bezeicl
den wir nicht in steigendem Masse das Ausschäumen un
gen aller gottfeindlichen, dämonischen, ja satanischen Mächte
leben? Wird nicht der Antichrist immer deutlicher seine Herrs
antreten? Und umgekehrt: Sollen wir nicht alle unsere Kraft und
Sehnsucht auf das eine Ziel spannen: das Kommen Gottes mit
seinem Reich zum Gericht, aber vor allem zur Gnade? Wozu sollen
wir uns in einer solchen Zeit, beim Blick auf solche Zeiche
noch mit jenen menschlichen und vorläufigen Dingen abgeben?
Es ist doch alles umsonst! a, Bi
Was ist darauf zu antworten ? = -
Wieder: Wie immer die Entwicklungen dieser Zeiten sich ge
stalten mögen: „Ein Rest wird bleiben.“ Was wir heute für diese
edlen menschlichen Ziele und Hoffnungen tun, für Demokratie, So-
zialismus, Frieden, neue Kultur, das mag wie in Sand und Sumpf
gestreut sein, mag vorläufig ganz aussichtsslos scheinen, umsonst
wird es nicht sein. Es ist ein Beitrag zu dem Reich des Guten, das
alle Zeiten überdauert, das der Sinn und das Ziel aller Geschichte °
ist. Es ist heiliger Same für eine Zukunft, die nahe, aber auch fern
sein mag — was tuts? Was wir heute tun, wenn wir es tun müs-
sen — was ich dreimal unterstreiche! — wenn es heute notwendig, °
organisch gefordert ist, nicht etwa bloss zurechtgemacht, nicht etwa
bloss geträumt, das ist notwendig auch für die Zukunft, das be-
reitet diese vor, das bewahrt ihre Wurzeln. Und das wird mitleben,
wenn aus diesen Wurzeln, aus dem heiligen Strunk das Neue em-
porwächst. Es gibt niemals in der Geschichte bloss Abbruch und
Aufhören, es ist überall auch Zusammenhang und Fortsetzung. Was
die Propheten Israels in scheinbarer Hoffnungslosigkeit taten — vor
dem Abbruch, vor dem Aufhören — das war die Zukunft. Daran
schlossen die Propheten des neuen Tages an. Auf einen Jesajas
baute ein Deuterojesajas und auf einen Jeremias die Psalmsänger,
bis aus der fast verwelkten „Wurzel Isais“ das Reis entsprang, wel-
ches das Heil der Welt wurde. Als einst die ganze antike Welt mit
ihrer Herrlichkeit zu Grabe ging, da schrieb Augustin, sozusagen
unter dem Lärm der Vandalen, die seine afrikanische Bischofsstadt
bestürmten, sein Buch vom „Gottesstaat“, das vielleicht nur damals
ein Mensch schreiben konnte und das über jenen Weltuntergang
hinweg in den neuen Aeon wies. H
Also arbeiten wir getrost weiter. Arbeiten wir ruhig auch für.
Demokratie, Sozialismus, Weltirieden, neue Bildung. Wenn wir das’
nicht als Sport treiben, sondern aus einem Auftrag heraus, in orga-
nischem Anschluss an die gotigewollte Entwicklung dieser Zeiten,
dann arbeiten wir am besten auch für die Zukunft und für alle Zeiten.
%
7
380
rbeiten ins Unsichtbare hinein, müsse jener Freu-
tbehren, ohne die es doch kein gedeihliches Tun gebe, es
u stark mit Resignation belastet. Gewiss, dieses Bedenken hat
licht ganz unrecht. Resignation ist in mancher Beziehung wohl
das Los unseres Geschlechtes. Und Resignation kann lähmen. Ja,
‚aber sie kann auch stärken, beleben. Indem sie von Illusionen be-
- freit, kann sie die Hoffnung erwecken, indem sie falsche Wege ver-
- sperrt, kann sie zu jenen tiefsten Quellen alles Tuns führen, die aus
dem Ewigen kommen, worin alles Tun, das aus ihm stammt,
. auch lebt und Erfolg hat, und zwar unmittelbaren. Wer es fassen
- kann, der fasse es! Aber ich füge hinzu, dass ja gerade über dem
- Verfall unserer Zeit eine neue Welt emporsteigt, dass das Morgen-
rot eines neuen Tages über den Gipfeln steht und da und dort schon
- ein Strahl der neuen Sonne in die Tiefen fällt. Gerade einige der
_ allergrössten Hoffnungen sind mit dem Bilde dieser Weltzeit ver-
bunden, so die Friedenshoffnung, der Ausblick auf eine neue Ein-
- heit der Völkerwelt, ja sogar die Verheissung einer neuen Gotteszeit.
- Sollte das nicht eine Quelle der Begeisterung sein, tief und mächtig
genug? Und wenn gewisse Ziele in den bisherigen Formen wirk-
lich überlebt sein sollten, könnten sie dann nicht in neuen wieder-
erstehen? Könnte statt der Demokratie nicht eine neue Brüderlich-
keit kommen, die auch Freiheit wäre? Und statt der neuen Kultur
nicht neue Gotteserkenntnis, neues Gottesleben? Könnten die Ziele,
denen wir heute dienen, nicht vermummte Gestalten sein, die ihre
- Maske abwerfend herrlicher wären, als wir es gedacht? Könnte
“ nicht gerade die ungeheure Not dieser Zeit — ich meine jetzt vor
allem die geistige Not — Vorstadium und auch Vorbedingung
einer völligen Wende sein, einer Wende zu Gott und zum Menschen
- hin? Und könnte es nicht so sein, dass wir manchmal gerade durch
die Arbeit an überholten Zielen zu den lebendigen und heute gilti-
gen vordrängen, während wir ohne diese Arbeit einfach in Sand
und Sumpf erstickten ?
Dass ich alles in das Eine zusammendränge: Wenn Gott lebt
_ und wir für ihn arbeiten, mit ihm „Taten tun“, dann können wir
auch in dieser Zeit mit Freude arbeiten. Denn Gott ist in allen
- Zeiten Freude, und zwar die einzige Freude. Er hat zu allen Zei-
ten Arbeit für uns, die seine Freude einschliesst. Wer ihm dient,
| arbeitet nie ohne Hoffnung, nie ohne „Erfolg“.
1 381
;
den, ein Arbeiten, das
dürfe, ein Arbeiten auf so
ne --
Das alles gilt auch, wenn wir so sagen dürfen, für dnäusser-
sten Fall. Auch wenn das Ende der Zeiten nahe wäre, müssten wir
arbeiten, und täten es nicht umsonst. Arbeitend muss der Herr uns
finden, wenn er kommt. Denn nur der Arbeitende bleibt wach. Wer
nicht arbeitet, schläft ein, wie die törichten Jungfrauen einschliefen, Bi
und gerät ins Träumen. Arbeiten aber können wir nur für mensch-
liche, konkrete, vorläufige Aufgaben. In diesen begegnet uns Gott.
Er hält sich nicht für zu gering, dies zu tun — das meinen nur
Theologen und Fromme, die Bibel aber lehrt überall das Gegenteil
— es ist sozusagen seine allgemeine Menschwerdung, dass er uns.
so begegnet. Wenn wir also die Arbeit tun, die wir als notwen-
dig empfinden, wenn wir für menschlich edle und hohe Ziele kämp-
fen, mögen sie auch nur vorläufig sein, so bereiten wir damit am
besten die Wiederkunft Christi vor, so bereiten wir uns selbst am
besten darauf vor. Ja, wir dürfen und müssen sagen: nicht im luft-
leeren Raum der blossen Theologie oder Frömmigkeit, sondern im
Ringen mit den gottgegebenen Aufgaben dieser Zeit spüren wir den
Hauch, der vor dem Kommen Gottes hergeht und unser Herz wird
von der höchsten Freude erfüllt, die eben Gott selbst ist. Und wir
dürfen dabei auch wissen: Gott braucht uns! Denn er kann °
nicht zu Untätigen kommen, er kann nicht zu Schlafenden kommen, °
er kann nur zu Bereiten kommen, zu Gespannten, zu Wartenden,
und das sind Arbeitende. Darum ist gerade in solchen Zeiten unser
Tun notwendiger und darum, ich wiederhole es, auch freudiger als °
je, wenn wir nur alles recht verstehen. £
Endlich dürfen wir diesen trostvollen Gesichtspunkt auch auf
unser persönliches Leben anwenden. Auch hier ist es ja
so: vieles, vieles, vielleicht das Meiste, was wir im Einzelnen er-
streben, verwelkt. Blüten und Blätter fallen ab. Es wird nicht, was °
wir ersehnten. Ja, es sind auch hier Katastrophen möglich, Zusam-
menbrüche, sei’s im Einzelnen, sei’s gar im Ganzen. Besonders
tragisch tritt dies oft im Leben derer hervor, die wir die Grossen
nennen. Was hat sich von Luthers, was von Zwinglis, was von
Pestalozzis, was von Wilsons (ich wage auch ihn zu nennen!) gros-
sen Hoffnungen unmittelbar verwirklicht? So vieles, vieles ging den
andern Weg. Zwingli fiel zu Kappel unter dem Streich eines Reis-
läuferhauptmanns, auf Luthers Grab stand ein Jahr nach seinem
Tode Karl V. mit Herzog Alba, Pestalozzi san im Neuhof als ver-
lassener Greis über den Untergang seines Werkes, Wilson starb im
Dunkel.
Und dennoch — auch hier: „Ein Rest wird bleiben.“ Aus dem
Strunk des vom Blitz gebrochenen Baumes ist die zwinglische und
die lutherische Reformation neu emporgewachsen, und vielleicht er-
leben wir die Tage, wo dem Besten und Letzten, das sie wollten,
eine neue Entfaltung winkt; aus des greisen Pestalozzi Schwanen-
382
RE ERRICHTEN LATE Te NETTER TURRR
4 ED a ER TH Nur j 07 BIN
\
4 gesang ist der mächtige Chor einer neuen Liebe zum Volk gewor-
den, der immer stärker wird; Wilsons Völkerbund lebt. Und so
wird es auch mit uns sein, den Kleinen und Kleinsten. Mag noch so
FE
viel von unserem Werke zerstieben, Blüten und Laub fallen, ja auch
ganze Aeste abbrechen, mag die Katastrophe, der völlige Misserfolg
das Ende ‘sein, das erste Ende: „Ein Rest wird bleiben.“ Aus dem
innersten Kern dessen, was wir geglaubt und gewollt haben, aus
seiner heiligen, von Gott gepflanzten Wurzel, wird es emporwach-
sen, auch anders vielleicht, als wirs etwa gedacht, aber auch un-
geahnt schön und herrlich. Es wird gerade aus den schwersten
Niederlagen, den schlimmsten Enttäuschungen, dem bittersten Herze-
leide emporwachsen, äusserstes vorläufiges Misslingen wird viel-
leicht die Vorbedingung des letzten Gelingens sein. Seien auch wir
nur getrost und seien wir immer treuer, völliger, entschlossener,
lauterer, säen wir besonders willig den heiligen Samen des Lei-
dens, die Saat wird einst, wenn wir sie nicht mehr mit irdischen
Augen sehen, wunderbar auf Gottes Ackerfeld stehen. Es ist viel-
leicht gut, dass wir sie jetzt nicht sehen.
Nochmals, für alles und im stärksten, heiligsten Sinn: „Ein
Rest wird bleiben!“ L. Ragaz.
Theologie und Gemeinschaft.
15
Fragt man irgend einen unserer gebildeten Zeitgenossen, was
Theologie sei und was er von ihr halte, dann wird er einen wie pein-
lich berührt oder verwundert anschauen und etwa dies antworten:
Theologie? Ein noch lebendes Fossil, ein Rudiment aus einer längst-
entschwundenen Zeit. Es gab einmal eine Zeit — das theologische
Zeitalter nennt es die positive Philosophie Comtes —, da spielte die
Theologie eine führende Rolle im Geistesleben Europas. Aber diese
Zeit ist ebenso gründlich entschwunden wie die schöne romantische
Zeit des Posthorns oder der Perücke. Wir haben wichtigeres zu tun.
In den Blättern dieser Zeitschrift wird so von der Theologie nicht
gesprochen. Man weiss, dass die Sache, um die es irgendwie auch
der Theologie geht, trotzdem, was der Durchschnittsgebildete von
heute davon denkt, nicht tot ist, sondern verhüllt und begraben
unter viel Oberflächenschutt, das Grösste und Lebendigste, was es
auch heute gibt. Jesus Christus gestern und heute und derselbe in
Ewigkeit. Aber — Theologie? Eine Grossmacht, gewiss; ist sie
es jetzt nicht mehr wie sie es war, so könnte sie es wohl wieder
werden, aber keine Macht zum Segen, sondern eher zur Verderbnis.
Denn was kann dem Evangelium schlimmeres widerfahren, als dass
es zur Theologie, zum komplizierten ausgeklügelten Gedanken-
system wird? Wenn aber nicht gefährlich, dann jedenfalls harmlos, .
383
\ | $ , er 2 .n de -
unbedeutend, quantit& negligeable. Etwas Lebensiernes, eine Stu-
dierstubensache, gelehrter Kram — vielleicht auch besseres als das,
solang sie bescheiden in ihren engen Grenzen bleibt. r
Wie Verschiedenes einem bei demselben Wort in den Sinn kom- R
.
men kann! Ist von Musik die Rede, so denkt der eine an Jazz, der
andere an die Matthäuspassion. Was ist Musik? Und was ist
Theologie? Mir jedenfalls schweben, wenn von Theologie die Rede
ist, einige Bilder vor Augen, die weder Harmloses noch Verderb-
wg
A
- liches noch Vergangenes bedeuten. Da sitzt ein Mann tief in die
Nacht hinein in einer Zeltmacherbude und diktiertt seinem Ge
hilfen seltsame Worte, sechszehn lange schwere Kapitel voll welt-
erschütternder Gottesweisheit, theologischer Belehrung über Eigen-
gerechtigkeit des Menschen und göttliche Gnade. Anderthalb Jahr-
tausende später ein junger Mönch und Theologieprofessor, der -
einer begierig lauschenden, viel hundertköpfigen Studentenschar
seinen Kommentar über eben diese sechszehn Kapitel, den Römer-
brief des Apostels Paulus, vorträgt, Gedankendynamit, das zwei
Jahre später die gesellschaitliche Struktur ganz Europas erschüt-
tern wird. Fast gleichzeitig mit ihm der junge Leutpriester am
Grossmünster in Zürich, der am Sonntag in_der Predigt den
Matthäus auslegt und die Woche hindurch alltäglich in der „Pro-
fezey“ griechisch und hebräisch seinen Kollegen die Bibel eröffnet
in einer Weise, dass daraus das Schweizerland in Gärung gerät und
Zürich ein neues Aussehen bekommt. Und wieder fünfzehn Jahre
später schreibt ein junger Gelehrter, ein feingebildeter Humanist
und Jurist in Basel einsam und unerkannt auf der Durchreise nach
Italien ein kleines theologisches Buch, eine „Dogmatik“, die unter
den Namen „Unterweisung in der christlichen Religion“ die Grund-
lage seiner weltbewegenden Genfer Reformation wird. Endlich 300
Jahre später ein seltsamer Eigenbrödler in Kopenhagen, der in müh-
samer und leidenschaftlicher Gedankenarbeit gleichzeitig die die Zeit
beherrschende Philosophie und die sein Volk in falsche Sicherheit
wiegende orthodoxe Theologie aus den Angeln hebt. Von solchen
Vorgängen, denen ähnliche in den Theologennamen Irenäus, Atha-
nasius, Augustin eingeschlossen sind, scheint mir, muss man aus-
gehen, um zu verstehen, was „eigentlich“ Theologie bedeutet,
ebenso wie wir, um zu wissen, was Musik ist, uns besser an Bach
als an den Jazz halten.
Theologie, so wollen wir zunächst etwas unbestimmt sagen, ist
Bemühung um die Erkenntnis Gottes, also das Bemühen, den Sinn
des Daseins, die Wurzel alles Wahren und alles Guten zu verstehen.
Theologie heisst: Gott-Lehre. Das ist zweideutig; gerade in dieser
Zweideutigkeit fasst sich die christliche Theologie seit alters auf.
Denn im Unterschied zur Philosophie, die, wo immer sie in die
Tiefe gräbt, auch immer irgendwie Gotteserkenntnis sein will, ist
384
Lo li Ha wi ne
.
Sn Tatsache der gt
von hat sie ihren Namen. n
g in ar Christus. Alle “
Se was Theologie ee enilich> ist — rollen nicht
Tor
über Gott aus der freien Luft spekulieren; ihr Denken vollzieht sich
nicht im leeren Raum, sondern in einer strengen geschichtlichen
Bindung, die wir mit zwei Worten ausdrücken können: sie denken
7 4 auf Grund des christlichen Bekenntnisses und im Lebenszusammen-
FETTE ATFRN
“ .r
hang mit der christlichen Gemeinde oder Kirche. Theologie ist das
R- ran Bedenken des Glaubensbekenntnisses der christlichen
Kirche
Il.
Das älteste und grundlegende Bekenntnis der christlichen Ge
meinde lautet: Kyrios Christos, Christus ist unser Herr. Dieses Be-
kenntnis spricht den Glauben der christlichen Gemeinde an allen
Orten und zu allen Zeiten aus, von allem Anfang an. Der Apostel
. Paulus hat dieses Bekenntnis, diesen Glauben bereits in jenen Ge-
meinden, die er als Pharisäer Saul verfolgte, vorgefunden als das,
was diese Leute zusammenhielt und worin sie ihr Leben, ihre Er
lösung fanden. Dieser Glaube ist, vom Menschen aus gesehen, das,
was diese Einzelnen zu einem Ganzen, zur Christengemeinschaft,
zur Kirche macht. Nichts anderes als dies haben sie, was sie von
der Welt rings um sie her unterscheidet. Aber dieses Eine ist für
"sie alles. Dass sie Christus’ ihren Herrn nennen können, darin be-
zeugt sich ihnen der heilige Geist, das ist für sie die Kraft Gottes
zur Rettung; aus dieser Quelle fliesst ihnen der neue Geist, den sie
„Liebe“ nennen. Aus ihm stammt die Hoffnung, dass das Reich
Gottes, das die Juden als ein mehr oder weniger begrenztes und
äusserliches hofften, als das Reich der Vollkommenheit und Selig-
keit mit der Auferstehung der Toten anbrechen werde. Denn Chri-
stus der Herr meint nicht: Jesus der Führer, das Ideal, das Vorbild,
der höchste Künder von Wahrheit, sondern: der, in dem Gott selbst
die Menschheit „heimgesucht“, der Auferstandene, der Welterlöser,
der Gottessohn. Der Glaube, dass dieser Jesus der Christus, der
Herr sei, der auch jetzt als der „Erhöhte“ die Weltgeschichte ihrem
Ende zuführt und sie im Ende erfüllt, ist der Magnet, der diese
vorher zersplitterten, unverbundenen Menschen zur unauflösbaren
Einheit, zur Kirche zusammenbindet.
385
Denn „Kirche“, ekklesia nennen sie diese Gemeinschait im Unter
schied zu aller anderen darum, weil sie im Glauben es wissen, dass
nicht erst ihr Glaube sie zu dieser Einheit macht, sondern dass sie
von Gott aus der Welt heraus zur Einheit heraus und zusammen-
gerufen sind. Ekklesia ist das von Gott zusammengerufene Volk.
Nicht auf ihrem Glauben beruht also in erster Linie die Einheit, die n
sie bilden, sondern auf der Tatsache, dass in und durch Jesus Chri-
stus, durch diesen Herrn mit Gottesvollmacht, Gott sie zur Einheit
beruft. Sie wurden in diese Einheit von Gott selbst hineingestellt.
Was sich individuell als ihr Glaube darstellt, das ist zugleich ihr
Einssein-in-Christus, das sie nicht anders als im Bilde eines „Leibes,
an dem Christus das Haupt ist“, sich auslegen können. Der indivi-
duelle Glaube, der doch ein gemeinschaftlicher ist, wird lautbar im
dass
Bekenntnis „Christus der Herr“, und das Einssein in Christus, dem
Herrn und Spender des neuen Lebens wird sichtbar in der Tatsache
ihrer Gemeinschaft, die ebensowohl eine Kultgemeinschaft, d. h. eine
Gemeinschaft der Verkündigung, Anbetung und Feier, als eine Le-
bensgemeinschaft ist.
Das Bekenntnis „Christus der Herr“ ist aber nur der kurze zu-
sammenfassende Ausdruck eines Glaubens, der"nicht etwa bloss
„das Leben Jesu“, sondern die ganze Gottesoffenbarung, in der die-
ses Leben Jesu das Ende bildete, umfasst. Die Schöpfung der Welt
durch den souveränen Gott, der nichts ihm Gleichgestelltes oder
Gleichewiges hat, sein Bund mit seinem Volk, das Gesetz und die
Propheten mit ihrer Weissagung der kommenden Gerichte, der Voll-
endung und Erlösung, das alles ist die gottgegebene Offenbarung, .
die in Jesus Christus nicht bloss ihren Höhepunkt und Abschluss,
sondern — wenn ich so sagen darf — ihre „pointe“, ihren Sinn hat.
Auch die Welt, die Natur. wie die Geschichte, lässt etwas ahnen von
ihrem Schöpfer, aber wie das Heidentum zeigt: undeutlich, zwei-
deutig. Sie lässt nicht erkennen, was Gott von uns will und vor
allem nicht, was er für uns will. Der „Name Gottes“, sein Person-
geheimnis wurde offenbar durch das Wort, das er den Gottesmän-
nern des alten Bundes gab und das in Jesus Christus seinen voll-
kommenen Sinn enthüllte, da wo das Wort Fleisch ward. Denn
Jesus sagt nicht bloss wie die Propheten von Gott: Er sagt Gott
mit seinem Sein. Eristes. So ist er der Mittelpunkt des Alten
und Neuen Testamentes; er ist das Wort. In ihm ist Gottes Welt-
wille enthüllt nicht nur, sondern zugleich wirksam. Er selbst ist
das Heilsgeschehnis. Darum lässt sich die ganze Gotteserkenntnis
und Endhofinung des Alten Testamentes in diesen einen Namen,
der das Neue ausmacht, zusammenfassen. So wusste es die älteste
Gemeinde: Es ist in keinem anderen das Heil und ist uns kein an-
derer Name gegeben, darin wir sollten gerettet werden.
386
me TER, Eh
Was hat nun Theologie mit alledem zu tun? Man könnte sagen:
Theologie ist grundsätzlich überall da vorhanden, wo Menschen
das Wort Gottes, das an sie ergangen ist, in ihre Worte fassen.
Wir haben in diesem Sinn kein Wort in der Bibel, das nicht schon
Theologie ist. Aber so wahr es auch ist, dass keine grundsätzliche
Grenze zwischen diesem ursprünglichen Zeugnis von Gottes Wort
und dem, was man üblicherweise Theologie nennt, gezogen werden
kann, so wollen wir doch das Wort Theologie — obschon ein-
gedenk dieser fliessenden Grenze — im gewöhnlichen engeren Wort-
verstand gebrauchen. Wir wollen also unterscheiden zwischen dem
EEE L THE
u
Glaubensbekenntnis, dem Glaubenszeugnis, der Verkündigung einer-
seits und der Theologie als Besinnung über diese Verkündigung
und dieses Bekenntnis anderseits. Warum muss es diese Besinnungs-
arbeit geben? Worin gründet die Notwendigkeit der Theologie
innerhalb der Glaubensgemeinschaft? Auf zwei Tatsachen hat die
Antwort hinzuweisen. Erstens: das primäre Ofienbarungszeugnis,
' die Bibel Alten und Neuen Testamentes, ist nicht ohne weiteres je
dem zugänglich. Sie bedarf, wie schon die ersten Christen. es emp-
fanden, der Auslegung; sie bedarf vor allem im Lauf der Jahrhun-
derte der Uebersetzung, d. h. der Arbeit, die das Fremde und
Ferne und insofern Tote gegenwärtig und lebendig macht. Zweitens
ist der Sinn des göttlichen Wortes, des ursprünglichen Glaubens-
bekenntnisses und -zeugnisses an sich grundsätzlich etwas Frem-
des und Anstössiges in der Welt. Die Welt, d. h. wir Menschen,
haben die Tendenz, dieses Aergernisses ledig zu werden, und wir
tun das in doppelter Weise. Einmal, indem man zum offenen An-
griff auf diese Botschaft übergeht und sie als Unsinn und Lüge zu
brandmarken unternimmt. Sodann — und dies ist das viel Gefähr-
lichere — indem man das Evangelium in einer Weise umdeutet, die
zwar zu ihr, der Welt passt, aber das Evangelium seinem Sinn gänz-
lich entfremdet. Man spricht wohl noch die alten Bekenntnisse und
Bibelworte aus, aber man legt ihnen einen ganz neuen — vielmehr
den nicht neuen, alten Sinn des weltlichen Denkens unter. Die Theo-
logie hat von daher die Aufgabe, den Sinn des Bekenntnisses klar zu
machen und rein zu erhalten. Das ist die zweite Aufgabe der
Theoiogie.
Die erste, die der Uebersetzung im weiteren Sinn des Wortes,
ist selbstverständlich keine bloss philologische Arbeit. Von weich
ungeheurer Bedeutung sie ist, wird uns vielleicht am deutlichsten,
wenn wir an die weltgeschichtliche Epoche denken, die Luthers
Bibelübersetzung bedeutete. An ihr erkennen wir aber auch zu-
gleich, dass zu dieser Arbeit mehr als nur philologische Kenntnisse
nötig sind. Diese Bibelübersetzung war die reife Frucht der theo-
logischen Arbeit Luthers, die ihrerseits in lebendigster Wechsel-
387
x
Die zweite Arbeit aber ist leider, dank dem „natürlichen“ Wider-
stand der menschlichen Art gegen das göttliche Wort und ihrer
Schlauheit, nicht minder notwendig als jene erste. Machen wir uns
klar, um was es da ging, wo diese Arbeit im grossen Stil geleistet
wurde. Es galt jedesmal, den köstlichsten Schatz vor der Verschleu-
derung und Verfälschung zu behüten; in der ersten Zeit kam die
Gefahr mehr von aussen, später aber — und das sind die vielen
Jahrhunderte bis zur Aufklärung — von innen. So ging es einem
Irenäus und Athanasius darum, den Schöpfer Himmels und der
Erden von einem bösen Untergott bestimmt zu unterscheiden und
das „Christus der Herr“ gegen ein latentes Heidentum, das aus
Jesus ein mythologisches Zwischenwesen machen wollte, abzu-
grenzen durch die Lehre, dass in der Person Jesu keine andere als
die Person Gottes selbst mit uns handle und zw uns rede. So han-
delte es sich einem Augustin darum, die Botschaft von der Erlösung 7
durch Christus gegen einen humanistischen Moralismus zu sichern; °
so einem Luther darum, den Worten Glaube und Kirche ihren ur-
sprünglichen Sinn, den sie durch die Entwicklung der katholischen
Kirche und Lehre verloren hatten, wieder herzustellen, d. h. der
Menschheit wieder zu zeigen, dass und warum Glaube das Heil °
und neue Leben sei; so sah — um einen grossen Sprung in die
neue Zeit zu machen — Kierkegaard seine Aufgabe darin, den
Glauben, der im Begriff war, in idealistische Philosophie sich zu
wirkung mit seiner Glaubenserkenntnis stand. Wir können den
Theologen und Glaubensmann Luther, den Beter, den Bibelüber-
setzer und den Erklärer der Glaubenslehren schlechterdings nicht
trennen. Nur begrifflich können wir die Theologie als die Arbeit
der „Uebersetzung“ und Erklärung der Bibel vom „Glauben“
Luthers unterscheiden. Br
ER
verwandeln, und der anderseits in bequemen theoretischen Kopf- °
glauben ausgeartet war, zur Lebens- und Entscheidungsbedeutung ”
des neutestamentlichen Glaubens zurückzurufen. In all diesen Fäl-
len war harte, zähe und oft verzwickte theologische Besinnungs-
arbeit nötig, um den Verfälschungen wirklich auf den Grund zu
kommen, sie erfolgreich aufzudecken und, so wie ein Arzt ein
Krebsgeschwür bis in die letzten Verästelungen herausschneiden
muss, wenn die Operation etwas taugen soll, um den eingedrunge-
nen faulen Glauben aus dem lebendigen herauszulösen. Eine wesent-
lich negative, aber nichts desto weniger lebensnotwendige und
lebenschafiende Arbeit, die wohl ein Leben — und mehr als eines
— eines geistigen Riesen wie Luther, Calvin öder Augustin zu fül-
len vermochte.
So hat also alle theologische Arbeit zwei Aufgaben: Die Bibel
in ihrem eigenen Reichtum auszuschöpfen als die wahre Lebens-
speise des Glaubens und seiner Gemeinschaft. Und die Sache der
388
Bibel in ihrer Einheit zum Verständnis zu bringen, zu zeigen, dass
. die Bibel kein Sammelsurium von Allerlei ist, sondern eine Bot-
schaft enthält, dass die Wörter der Bibel sozusagen einen einzigen
Satz bilden, das Wort Gottes, in dem Gott selbst uns seinen Willen
— —— was er für uns will und was er von uns will — kund tut. Diesen
einen Sinn der göttlichen Offenbarung in der unendlichen Mannig-
faltigkeit der biblischen Geschichten, diese eine Gottesgeschichte in
dem unabsehbaren Reichtum der biblischen Lehren, Begriffe und
Gesetze deutlich zu machen, in ihrer Bedeutung für uns wirkliche
Menschen in unserer wirklichen Welt: das ist die Aufgabe gerade
derjenigen Theologie, die vor allem unter dem Verdacht steht, ein
müssiges Gedankenspiel oder eine gefährliches Verderbnis wahrer
Gotteserkenntnis zu sein: der systematischen Theologie, der
„Dogmatik“. |
Das Misstrauen gegen diese Theologie ist freilich durchaus nicht
etwa ungerechtiertigt. Denn sobald sich das menschliche Denken
des göttlichen Wortes bemächtigt, ist die Gefahr gross, dass es sei-
nem Sinn entiremdet werde, und es ist insbesondere nicht ohne
— guten Grund, dass dieser Verdacht sich gerade gegen die Systematik
- dieses Denkens richtet. Nicht nur macht uns unmittelbar jedes Sy-
- stem den Eindruck eines intellektuellen Spiels und einer intellektuel-
len Vergewaltigung der Wirklichkeit, nicht nur ist es ohne weiteres
einleuchtend, dass die Wirklichkeit Gottes sich niemals in das künst-
- liche Gefüge eines Systems zwängen lässt; ein anderes, auf das ich
- hier besonders den Finger legen möchte, weil es weniger bekannt
ist, ist von vielleicht noch grösserer Bedeutung. Das Denken ist
zeitlos. Indem ich denke, stehle ich mich sozusagen aus dem Lebens-
raum, wo gekämpft und gelitten wird in einen stilleren, dem Lebens-
kampf entrückten Zuschauerraum zurück und verwandle die zeit-
hafte Wirklichkeit in zeitlose Wahrheit. Im selben Akt verwandelt
sich das Wort Gottes, das mich mitten in meiner Lebenswirklichkeit
treffen und dort zur praktischen Entscheidung aufrufen sollte, in
eine Theorie, die ich betrachtend darstelle. Wie dieser ‚Raum‘ der
Wirklichkeit entrückt ist, so werde auch ich selbst und wird mir
Gott in diesem Denken unwirklich. Diesem Wort gegenüber bin
ich nicht mehr ein Entscheidender, sondern lediglich ein Betrach-
tender. Die Beschäftigung mit Gottes Wort wird so zum intellek-
tuell-ästhetischen Genuss und Spiel. Der Glaube aber, der aus die-
sem Umwandlungsprozess hervorgeht, ist nicht mehr ein persön-
liches Verhältnis zum persönlich anredenden Gott, sondern ein in-
tellektuelles Verhältnis zu einer Lehre. Der Glaube und das Wort
Gottes sind intellektualisiert, sie sind aus einer unmittelbar prak-
tischen zu einer theoretischen Sache geworden. Ist damit nicht die
Theologie „erledigt“?
Keineswegs, schon darum nicht, weil gerade die Erkenntnis die-
389
- N
E
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AF
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a ie
- nicht, weil er an die Stelle der göttlichen Offenbarungstat das Ge-
Nas ro j eo
ser Gelafır eine rc yon ce rke antnis ist; me
es ist die Erkenntnis, die alle rechte Theologie auf Schritt un«
begleitet. Jene Aufgabe, den Sinn der göttlichen Botschaft
das heisst in ihrem eigenen Zusammenhang, zu verstehen,
trotz dieser Gefahr; ja gerade um dieser efahr willen ist.
liche, d. h. auf den Grund gehende Theologie notwendig, g
um alle bloss intellektuell-ästhetischen Surrogate des Glaub
solche aufzudecken. Es sei gestattet, dies durch eine Analogie u
verdeutlichen. Auch das Heiligtum echten Glaubens, das Gebet,
kommt nur zustande durch einen zeitweiligen Rückzug aus dem
Kampfraum des Lebens in die Stille der Besinnung. Man muss sich
dazu Zeit nehmen (... so geh in dein Kämmerlein und schliesse die
Tür hinter dir zu). Es besteht aber, wie die Geschichte der Religi on
uns zeigt, immer die Gefahr, in diesem Rückzug und dieser Besin-
nung, die dem Leben dienen soll, einen Selbstzweck zu machen. Der .
Glaube entartet — nicht intellektuell — ästhetisch diesmal, sonder
gefühlsmässig ästhetisch. Die „kultische‘“ Religion ist da, wie vor-
hin die intellektuelle Orthodoxie. Aber um dieser Gefahr willer
diesen „Rückzug“ im Dienst der wirklichen Gottesgemeinschaft z
verwerfen, hiesse dem Glaubensleben die Lebenswurzel abschneiden.
Rechtes Gebet vergisst die „Wirklichkeit draussen“ nicht, sonde
bedenkt sie vor Gott. So wird auch rechte Theologie im Volzea ’
ihres Denkens die Wirklichkeit des Lebensraumes im Auge behal-,
ten, ja aus ihr den Antrieb zu ihrer Arbeit gewinnen. |
Eine christliche Gemeinschaft oder Kirche kann ohne Theologie
nicht leben, weil sie ohne beständige Besinnung auf den Sinn der
göttlichen Offenbarung nicht leben kann. Es gibt wohl eine Reli-
gion, die ohne Theologie auskommt — oder wenigstens auszukom-
men scheint, aber es ist niemals die christliche, sondern entweder
die Mystik oder ein religiöser Moralismus. Die Mystik bedarf keiner
eigentlichen Theologie, weil sie nicht vom Tatwort Gottes, sondern
von unmittelbarer „göttlicher Erleuchtung“, oder — wie die Reli-
gion des Idealismus — von „unmittelbar in uns selbst“ liegender
göttlicher Wahrheit lebt. Der religiöse Moralismus bedarf ihrer
wissen und an Stelle der göttlichen Erlösungsverheissung di
menschliche Selbsterlösung durch die Tat setzt. Sie beide stehe
nicht auf dem Wort Gottes in der Bibel, sondern wollen „unmittel
bar“ — darum auch jeder für sich allein — mit dem Göttlichen in
Kontakt sein. Wo immer gegen die Theologie als solche — nicht
gegen eine falsche Theologie — Sturm gelaufen wird, da ist zu
vermuten, dass dies nicht wirklich im Dienst des christlichen Glau-
bens, sondern einer Mystik oder eines Moralismus geschehe, u}
sich vielleicht se!bst mit christlichem Glauben verwechselt.
390
T
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Te
f 3 - » RANGE EN EEE ARE RE en,
stehen wir unmittelbar vor dem zweiten Begriff unseres
der Gemeinschaft. Religiöse Spekulationen und Theorien
s als Produkte individuellen Denkens, ausserhalb aller Ge-
' meinschaft. Theologie aber gibt es wesensnotwendig nur in der
Gemeinschaft, in der „Kirche“, ebenso wie es echten christlichen
‘ Glauben nur in der Gemeinschaft, in der Kirche gibt und geben
kann. Nicht nur das, sondern Theologie ist als Besinnung über
den Grund der Kirche wesentlich Besinnung über den Grund der
Gemeinschaft, der wahren, wirklichen, umfassenden, unbedingten
Gemeinschaft, der Gemeinschaft, die einzig diesen Namen verdient.
Wenn es wahr ist, dass Kirche, im neutestamentlichen, echten Sinne
des Wortes, die einzig wahre Gemeinschaft ist, dann ist Theologie
als Besinnung über Wesen und Grund der Kirche und ihre Unter-
2 scheidung von allem, was nur in abgeleiteter Weise Gemeinschaft
- heissen kann, auch die massgebende Besinnung über Grund und
Wesen der Gemeinschaft.
' Es gibt ausserhalb der Gemeinschaft des Glaubens zweierlei
Arten von „Gemeinschaft“: sogenannte natürliche und sogenannte
geistige. „Natürliche“ Gemeinschaft ist wesentlich begründet auf
die Gemeinsamkeit des Blutes und des Schicksals. „Geistige“ Ge-
meinschaft ist begründet auf Wahl, auf gemeinsame Interessen und
Zwecke. Dort: die Familie, das Volk, der Staat; hier die Vereini-
gung, der Verein, der Bund usw. Dort wird man „hineingeboren‘“,
hier „tut man sich zusammen“. Beides sind nicht unbedingte, son-
dern nur bedingte und darum nicht im vollen Sinn des Wortes Ge-
— meinschaften. Der Blutsgemeinschaft haftet zu viel Aeusserlichkeit
und Zufälligkeit an, die Vereinigung aber ist zu sehr durch die sach-
lichen Zwecke und Interessen bestimmt, um wirklich Gemeinschaft
zu sein. Wahre Gemeinschaft gibt es weder dort, wo die Menschen
zusammen sein müssen, noch wo sie zusammen sein wollen, son-
dern wo ihr Müssen ein freies und ihr Wollen ein gebundenes ist,
wo es also weder aus der Natur noch aus ihrem Geist, sondern
aus dem göttlichen Willen kommt. Wirkliche Gemeinschaft ist iden-
tisch mit dem durch Gott Zusammengerufensein, also mit dem, was
das Neue Testament Kirche heisst. An den Anderen wirklich ge-
bunden werde ich weder durch Freundschaft noch durch „Liebe“
— das Wort im Sinn der Dichter verstanden —, sondern dadurch,
dass ich den Anderen als mir von Gott zugewiesen erkenne und
anerkenne, also im Glauben. Aber diese Gemeinschaft durch
Glauben scheint doch etwas anderes zu sein als die Gemeinschaft
des Glaubens, die wir Kirche heissen? Kirche ist „Kultgemein-
schaft“, wir aber meinen jetzt Lebensgemeinschaft. Dass diese bei-
den, recht verstanden, eins sind, ist wohl deutlich zu machen.
Glauben im ganzen, vollen, ungeteilten Sinn des Wortes, christ-
391
ri 5
lichen Glauben gibt es nur auf Gründ der göttlichen Offenbarung.
Dass Gott mich anredet, das allein macht mich zum Glaubenden.
ie. Unter dieser Offenbarung versteht nun aber der heutige Mensch
>> einen individuellen, einen sozusagen ganz und gar privaten Vor
Me) gang, der zwischen mir und Gott sich direkt abspielt, also etwas.
| Unmittelbares. Der christliche Glaube aber weist, wenn er auf
seinen Grund hinweist, auf eine „öffentliche“ Tatsache hin: auf das
Wort Gottes der heiligen Schrift, auf Jesus Christus. Das ist das 7
Wort Gottes, das ihn zum Glaubenden gemacht hat und immer
wieder macht. Dieses Wort Gottes aber vernehme ich nicht aus dem
blauen Himmel herunter. Von Jesus Christus weiss ich durch die
Tatsache der Verkündigung allein. „Der Glaube kommt aus der
Predigt.“ Ohne Verkündigung erreicht mich das, was in Jesus Chri-
stus geschehen ist, nicht. Die Predigt aber geschieht durch die Ge-
meinde der an Jesus Christus Glaubenden. Sie ist es, die durch ihr
Zeugnis mich mit dem, was Gott in Jesus Christus mir sagen will
und für mich getan hat, verbindet. Mit ihr muss ich in Berührung
kommen, durch sie sagt mir Gott sein Wort. Ich kann nicht Glaur
ben bekommen, ausser von dieser Gemeinschaft her, ebenso wie
ich, wenn ich Glauben wirklich bekomme, unmittelbar in diese Ge-
meinschaft mich eingeleibt weiss. Darum gibt es, trotzdem das
Glauben das allerpersönlichste und individuellste ist, was es gibt,
keinen christlichen Glauben, der nur individuell bleiben kann. Es
gibt kein Privat- sondern’ nur Gemeinschaftschristentum. Glauben-
der werden und an die Kirche, d. h. an die Gemeinschaft der Glau-
benden, die mir das Wort von Christus verkündet, gebunden sein
ist eins und dasselbe.
Wäre Offenbarung das, was sich der moderne Mensch darunter
denkt, so gehörte zum Glauben keine Gemeinschaft. Jene Offen- ”
barung setzt ihn nicht mit einer Gemeinschaft in Beziehung; es ist
ja ein „privater“ Akt, der nicht durch eine Gemeinschaft von Glau-
benden vermittelt ist. Man steht dann mit seinem religiösen Erleb-
nis ganz allein. Man kann nachher vielleicht das Bedürfnis haben,
sich mit anderen gleich Gesinnten zusammenzuschliessen zu einem
religiösen Verein. Aber notwendig ist das nicht und ein Nachträg-
liches ist es auf jeden Fall. Diese Art von „Glaube“ und „Offen-
barung“ ist wesentlich individualistisch. Sie macht den Einzelnen
ebenso unabhängig von der Gemeinschaft, wie der christliche
Glaube einen unmittelbar und notwendig an die Gemeinschaft bin-
det. Die idealistische Religion, die Mystik, der Moralismus sind
wesentlich individualistisch, ebenso wie der christliche Glaube we-
sentlich gemeinschaftsbedingt und -bedingend ist.
In dieser, der christlichen Gemeinschaft aber ist „Kult“. und
„Lebensgemeinschaft“ darum eins, weil es die Verkündigung des
Wortes ist, in der sie wurzelt und die wiederum aus ihr mit Not-
er ee
392
wendigkeit hervorbricht. Durch die Predigt entsteht sie, die Ver-
kündigung des empfangenen Wortes ist ihre erste Aufgabe. Aber
“ durch diese Verkündigung ist sie ohne weiteres Lebensgemeinschaft,
vr fi
da Gott in seinem Wort uns wirklich und ganz, d. h. mit der ganzen
Person an sich und aneinander bindet. Darum heisst es von der
ersten Gemeinde: sie blieben einmütig versammelt im Brotbrechen
und Gebet und: sie hatten alle Dinge gemein. Der Sozialismus oder
Kommunismus im Sinn der totalen und universalen Lebensgemein-
- schaft, die communicatio omnium bonorum, ist der Sinn der christ-
lıchen Gemeinschaft. In ihr allein ist er als ebenso persönliche und
unbedingte wie alles umfassende Gemeinschaft begründet. Glieder
am Leib, da Christus das Haupt ist; das ist keine Idee, sondern. die
— wenn auch unvollkommene — Wirklichkeit der christlichen Ge-
meinde; das „Volk Gottes“, dessen König der in Christus offenbare
Gott ist; die „Königsherrschaft“ — oder wie wir gewöhnlich über-
setzen — „das Reich Gottes“, als werdendes, das seiner Vollendung
jenseits der geschichtlichen Grenzen Tod und Sünde gewiss ist.
Diesen Sinn und Grund der Kirche klar zu machen und damit
den Sinn und Grund wahrer, d. h. unbedingter persönlicher und
universaler Volksgemeinschaft aufzuweisen, das ist eine der vor-
nehmsten Aufgaben der christlichen, und zwar gerade der systema-
tischen oder dogmatischen Theologie. Aber sie kann diese Aufgabe
nur erfüllen, wenn sie überhaupt ihre Aufgabe ernst nimmt, d. h.
wenn sie überhaupt, nicht nur gerade an diesem Punkt, unbeirrt
durch den Vorwurf der Lebensiremdheit ihre Besinnungsaufgabe
durchführt. Dass die Besinnung über die Wurzel, Möglichkeit und
Art wahrer Gemeinschaft keine lebensferne ist, das dürfte jedermann
einleuchten. Denn hier wird unsere Wirklichkeit direkt, unmittelbar
anvisiert. Aber wenn die Theologie — wie sie muss, um gerade
dieses zu können — sıch besinnt über Schöpfung und Erlösung,
über Sünde und Gnade, über Gottes Heiligkeit und Barmherzigkeit,
über das Geheimnis der göttlichen Persönlichkeit, nicht um es zu
ergründen, sondern um es vor Verfälschung zu behüten, so muss
sie sich sofort den Vorwurf der Lebensfremdheit gefallen lassen.
Dieser Vorwurf ist nicht ohne Analogie auf anderen Gebieten.
Es entspricht der Oberflächlichkeit des Durchschnittsmenschen (und
wer von uns ist nicht zumeist dieser Durchschnittsmensch?), nur
das Sichtbare und Greifbare, nicht aber seine verborgenen Wurzeln
in Betracht zu ziehen. Holz verbrennen wollen alle —, aber Wälder
pflanzen? Früchte lesen wollen alle, aber den Baum pflegen, dass
er den Saft hat, der Früchte schafft? Technik, nutzbar gemachte
Wissenschaft schätzen alle, aber die mühsame und so unendlich
lebensferne mathematische Arbeit, ohne die keine Technik möglich
ist? Das elektrische Licht anknipsen will jeder —, aber die Infinite-
simalrechnung eines Leibnitz, ohne die es nie Elektrotechnik gege-
393
Au
- SE
ben hätte, gilt ihm als müssig. Das mag eine, wenn auch ferne
Analogie zur Bemühung der Theologie sein. Ihr Resultat ist —
wenn sie.recht getan wird — Erkenntnis wahrer Gemeinschaft;
aber um zu diesem Resultat zu gelangen, muss sie ernsthaft, ja mit
leidenschaftlichem Ernst „von Anfang anfangen“. Das leidenschaft-
lich ernste Ringen Luthers um den Sinn des Wortes Busse hat
Europa eine neue Gestalt gegeben, hat sich ausgewirkt bis in die
wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche Struktur der modernen
Welt; die Abweichung Zwinglis und Calvins in der Auffassung
. des Verhältnisses von Gesetz und Gnade von Luther ist, obschon
der verborgenste, so doch nichtsdestoweniger der hauptsächlichste
Faktor der spezifischen Entwicklung des reformierten Westens ge-
genüber dem lutherischen Osten.
So ist auch die heimliche oder offene Ersetzung des christlichen
Glaubens durch das Denken der Aufklärung und des deutschen
- Idealismus der Grund für den heute alles Denken und Leben be
‚herrschenden „westlichen Individualismus“, für die Atomisierung
der Gesellschaft, die ebenso im modernen kapitalistischen Liberalis-
mus wie im marxistischen Sozialismus zum Ausdruck kommt. Die
Theologie im Verein mit der Philosophie hat die. Aufgabe, der mo-
dernen Welt zu zeigen, worin die Wurzeln des Individualismus lie-
gen, den heute alle Einsichtigen in seinen Auswüchsen beklagen,
ohne doch seine Wurzeln zu sehen. Es ist die Aufgabe der Theologie,
den Gemeinschaftsgedanken des Christentums von den Pseudo-.
gemeinschaitsbegriffen, die heute in Erziehung und Literatur allen
eingeflösst werden, deutlich zu unterscheiden nach Art und Aus-
wirkung, vor allem aber auch nach dem Wurzelgrund, aus dem sie
hervorwachsen. Das Problem der Gemeinschaft ist zwar auch ein
soziologisches, ein pädagogisches, ein ethisches, ein psychologi-
sches, aber es ist vor allem ein theologisches. Nicht weil der Theo-
loge einen besonderen Beitrag zu bieten hätte, sondern weil die
Frage der Gemeinschaft — negativ und positiv — im Evangelium
von Jesus Christus durch das Wort Gottes, das dem Glauben der
Kirche geschenkt ist, uns erst recht gestellt und zugleich beantwor-
tet ist. Die Frage der Gemeinschaft vom Evangelium aus zu ver-
stehen suchen, das heisst wahrhaft Theologie treiben, und umge-
kehrt: nur wer wahrhaft Theologie treibt, ist in der Lage zu sagen,
was vom Evangelium aus zur Frage der Gemeinschaft zu sagen ist.
Eine Frage bleibt uns zum Schluss, eine peinliche und schwere:
Wo ist denn diese Theologie und diese Kirche? Haben wir
sie? Auf diese Frage antworten wir am ehrlichsten mit nein. Wir
haben weder diese Kirche, die darum, weil sie wirklich auf dem
Wort Gottes gegründet ist, wahre Lebensgemeinschaft ist, noch
haben wir diese Theologie, die in einer Weise wie die reformato-
rische auf den Grund der aktuellsten. Frage der Gegenwart, der
394
Te f
“ VRR
heisst, ist —
als von der K
(irche. An ihrer Krankheit nimmt auch die Theologie teil.
/ " N 3 SRLD a er .. . > OH
uther- und Calvinrenaissance“ vermögen diese Krankheit
en. Die Gesundung aber kann nur darin liegen, dass die
nd worauf sie beruht und dass die Theologie sich wieder bewusst
- wird, was rechte Theologie wäre und was ihre Aufgabe und Mög-
lichkeit ist. Die Besinnung der Kirche auf ihren Grund und die Be-
‚sinnung der Theologie auf ihre Aufgabe, das ist der einzige Weg
vorwärts. Nicht aber ein „weg von der Kirche!“ und „weg von der
Theologie!“ Diese Parole kann nur den Prozess der Auflösung
' beschleunigen, dem entgegenzutreten unsere Aufgabe’ist.
; EmilBrunner-
ALLSBLLLLLTSTTSTTTERTTETTERTITRERTTTERTETTTELTLLTETTTTESTITERFOSTTERSTTLTTTETTLESSTTTTLETTTTLLTERTITTTTTTTTLLLLTTITTTTTETTTTLLTLIPTETTLERTTTETETLTERTTETERTLTTLTLELTETTTTTTLELTETTTTTLTTRT ET
en Aussprache che.
I..
Zur deutschen Lage.
. Verehrter, lieber Herr Professor!
Erlauben Sie, dass ich Ihnen wieder einmal schreibe. Ich lese Ihre „Neuen
Wege“ mit grossem Interesse und innerem Gewinn und freue mich, dadurch
sozusagen mit Ihnen in innerer Fühlung zu bleiben. Aber das, was Sie in
der „Rundschau“ Ihres neuestens Heftes über die Lage in Deutschland schrei-
ben, erregte doch so meinen Widerspruch, dass ich es, glaube ich, schreiben
- muss. Sie meinen, in Deutschland . wehe gegenwärtig ein sehr reaktionärer
Wind und es sei eine Wendung in der Richtung auf das alte Deutschland
- mit dem Ziele der Wiederherstellung des alten Heeres, der alten Grenzen und
Machtträume zu beobachten. Soweit ich die Sache beobachten kann, stimmt
das in keiner Weise. Es sind immer dieselben deutschnationalen und völki-
schen Kreise, die solche Träume von jeher gehabt haben und heute noch haben
(selbst da nicht ohne Einschränkung). Aber diese Kreise sind in keiner Weise
die Mehrheit oder auch nur im Wachsen. Sie schreien jetzt etwas mehr, weil
sie in der Opposition sind, wo man sich das ruhig gestatten kann, aber eine
nochmalige Wahl würde sie ebenso vernichtend schlagen wie das letzte Mal.
Das Gros des Volkes will nichts mehr von der alten Machtpolitik und irgend
welcher Aufrüstung. Auch meine Bauern, die aus wirtschaftlichen Gründen
fast alle rechts wählen, wollen doch vom Krieg nichts und meine sehr deut-
lichen Predigten, in denen ich den Krieg scharf verurteile, haben noch nie
Anstoss erregt. Ich darf dabei doch auch an den Riesenerfolg des Buches
. ni 395
ich wieder dessen bewusst wird, was wahre Kirche wäre .
£ BER AIR 48 rl, y u ’ Er u u Ku N
ei A Tem Ei " IN Rz Hakıe el,
„Im Westen nichts “ erinnern Rune 000). Bei uns im
0 die Bewegung der Vaterländischen Verbände, die in der Zeit
Ze gewaltig um sich gegrifien hat, völlig zusammengebrochen
& einen Schwager, der Polizeihauptmann ist und sich end
der seine Arbeit nun aber völlig aufgegeben hat. Alle die Wehrübı
mentsfeiern u. s. f. sind völlig eingestellt, trotzdem wir in "Württe g
- Rechtsregierung haben. Natürlich kann eine weitere Verelendung des \
infolge zu drückender Tribute oder sonstige Erfahru intransige
tung unserer ehemaligen Feinde, Bedrückungen aller Art, die „nationale
wegung“ wieder neu aufilammen lassen, a gerade deshalb bedauere
es, wenn z. B. Förster die Franzosen zu einer solchen Haltung geradezu au‘
"N muntert. Er verhindert dadurch geradezu die Beiriedung der beiden
Völker. Jede neue Schwierigkeit, die man z. B. der Rheinlandräumung macht,
stärkt die militaristische Stimmung in Deutschland, wie umgekehrt jedes wirk-
lich grosszügige Entgegenkommen, wo man nicht immer wieder markten und
feilschen würde, die pazifistische Stimmung stärken würde. Die Beh ung
des hilfesuchenden Zeppelin durch die Franzosen hat in dieser Hinsicht sehr
gut gewirkt. Darum hoffe ich auch sehr, dass von der Arbeiterregierung 7
x in England ein grosszügiges Entgegenkommen und damit ein weiterer Schrift
zur Befriedung der Gegensätze gemacht wird, und ich würde es bedauern,
wenn da Misstrauen gesät würde, das nicht angebracht ist. Ich muss es durch- 7
aus bestreiten, dass Pläne der Aufrüstung „die Führer des heutigen Deutsch-
lands bewegen“. Höchstens Kriegsminister Gröner könnten vielleicht solche
Gedanken bewegen. Aber auch Stresemann will das nicht. Und vollends die
Sozialdemokratie denkt nicht daran, trotz des Magdeburger Parteitags. Sie
hat die Wehrmacht nie anders gedacht denn als eine Art Grenzschutz und den
Krieg als Mittel zur Austragung der Gegensätze auch da deutlich verurteilt. 7
Lesen Sie doch die Betrachtungen der sozalistischen Presse jetzt in diesen
Augusttagen zum Kriegsanfang. Sie sind doch ganz darauf eingestellt: nie =
wieder Krieg.
Eines muss ich allerdings zugeben: Die Misstimmung gegen das gegen-
wärtige parlamentarische System ist sehr gross und das nützen jetzt die
Rechtskreise aus. Daher ihre Pläne einer Diktatur und eines Volksbegehrens.
Aber es ist auch etwas Jammervolles um unsere Parlamente. Der Egoismus
der Parteien, die Kleinlichkeit und Hässlichkeit der Kämpfe ist sehr betrübend.
Ich sehe vorläufig keinen Weg aus dieser Not. Trotzdem glaube ich, dass die
Diktaturpläne scheitern werden, wenn der Reichstag sich nicht selbst das
Grab gräbt. Daher auch die Notwendigkeit der Koalitionspolitik der Sozial-
demokratie, die ich für unumgänglich halte, Sonst wäre allerdings kaum mehr
ein anderer Ausweg als die Diktatur, da sonst eine lebensfähige Regierung °
nicht zustande kommt und auch eine Neuwahl schwerlich etwas daran än-&
dern würde. 4
So sehe ich die Sache an. Ich kann wirklich nichts von einer Restauration °
des alten Deutschland entdecken, sondern nur das, dass die jetzt wieder in
die Opposition gedrängten Rechtskreise diese Stellung ausnützen, ohne dass
sie an wirklicher Macht gewonnen hätten. Ich habe schon lange den Eindruck,
dass man im Ausland diese Stimmen trotz des letzten Wahlausfalles stark
überschätzt, J
Vielleicht erhalten Sie auch von anderer Seite Zuschriften, die meine Auf-
fassung bestätigen oder berichtigen. Ich schreibe das nicht, um Deutschland
rein zu waschen, wozu gewiss kein Anlass vorhanden ist, sondern um der
Saat des Misstrauens entgegenzuarbeiten, die meiner Ansicht nach eines der
stärksten Hindernisse der Beiriedung Europas ist.
Mit herzlichem Gruss
Ihr
EberhardLempp.
396 '
m im letzten
e es übrigens
ER ee e erste Aufgabe ist, zu zeigen, wie ich es gemeint habe. Und
4 da muss ich nun bekennen, dass ich mich besonders an einer Stelle nicht
- glücklich ausgedrückt. Ich erkläre (S.362): „Dass solche Pläne [d. h. die Wie-
E deraufrichtung des „alten Deutschland“, um es kurz zu sagen] die Führer des
‚heutigen Deutschland bewegen, bis in die Reihen der Sozialdemokratie hin-
ein, ist wohl nicht zu bezweifeln.“ Selbstverständlich meinte ich nicht alle
- Führer, sonst hätte ich ja nicht hinzugefügt: „bis in die Reihen der Sozial-
- demokratie hinein,“ aber ich hätte mich schon genauer ausdrücken und dazu
auch zwischen den verschiedenen Arten von Plänen unterscheiden sollen.
- Denn ein Hermann Müller hat bei aller nationalen, ja nationalistischen Be-
fangenheit, die ich ihm zutraue, natürlich doch andere Pläne als ein Hugen-
berg. Meine Meinung ist: die grosse Mehrzahl der politischen (N.B.!)
Führer des heutigen bürgerlichen Deutschland und nicht wenige sozialdemo-
_ kratische stellen sich zu der Tatsache der englischen Arbeiterregierung und
überhaupt zum europäischen Problem nicht so ein, wie es auch im deutschen
Interesse dringend zu wünschen wäre.
Es war sodann nicht meine Meinung, dass die Pläne der Reaktion (die
ich vorwiegend im Auge hatte) gelingen müssten. Was ich behauptete,
'war bloss, dass sie „reiften“ (S. 362). Das ist selbstverständlich nicht das
Gleiche. Wie gross ihre Aussichten auf Gelingen seien, kann ich nicht mit
einiger Sicherheit beurteilen. Gewiss würden sie starken Widerstand finden.
Man darf allerdings die Frage aufwerfen, ob das Chaos, das dann leicht ent-
- stehen könnte, oder auch die angekündigte Diktatur der Linken nicht eine
- Atmosphäre schüfen, die zuletzt doch der Reaktion zugute käme.
Darauf brauche ich aber nicht einzugehen, Was mich vor allem interes-
siert und worüber zu sprechen ich als Schweizer eher ein Recht habe, das
- ist Deutschlands Stellung zu den internationalen Problemen und vor allem zur
Sache des Friedens.
In dieser Beziehung sei nun wieder einmal festgestellt, dass niemand den
- Friedenswunsch der grossen Mehrheit des deutschen Volkes bezweifelt. Und
wie sehr wünschte ich mit vielen, dass Sie mit Ihrem ganzen Urteil über
die deutsche Lage recht hätten! Welche Aussichten auf eine grosse Wendung
EIPR
zum Guten für die Welt und für Deutschland eröfineten sich dann! Und Sie.
können ja recht haben, ich bin durchaus geneigt, es zu glauben. Aber wir
sind gebrannte Kinder, wir haben schlimme Erfahrungen gemacht und fühlen
uns verpflichtet, auf der Hut zu sein. Wir wollen glauben, wollen Vertrauen
walten lassen gegen das deutsche Volk und andere, aber es muss ein sehen-
- des Glauben, ein Vertrauen mitoffenen Augen, also ein wirkliches
- Glauben und Vertrauen sein, nicht ein blosser gutherziger Optimismus, wie
ihn pazifistische Kreise oft für Pflicht halten. Wir erwarten auch vom best-
gemeinten Selbstbetrug nichts Gutes. Glauben im Vollsinn gibt es ja nur, wo
397
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‚und den Weg suchen müssen.
- waschung des hohenzollerischen Deutschland beteiligen? Wenn aber gar die
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; Me hoffet, ein NichteBeifeln an dem, was I
. i nicht echt“, “
die Augen offen behalten, Realisten sein wollen, so bedeutet das je
wir Militaristen werden. Wir bleiben „Pazifisten“, Wir sinc
ständlich für die Räumung der Rheinlande, seibstverständlich Se
quidation des Krieges“, selbstverständlich für die allgemeine A ı
wir sind es nicht aus einem freiwillig blinden Nichtsehenwollen desse
ist, sondern mit offenen Augen — dennoch! Das allein scheint uns ein
licher Weg, nicht ein bloss aus Wolken gebildeter. R €
Und da sind es nun zwei Punkte, an denen wir realistisch Halt m
Zum Ersten: Wir wissen, wie gesagt, sehr wohl, dass die grosse Mehr-
heit des deutschen Volkes heute keinen Krieg will. Aber da entsteht die
grosse Frage: Ist darauf Verlass, Verlass für alle Fälle? Ist
diese Stimmung bloss eine Folge der Ermüdung oder ist sie wirklich in der
Gesinnung begründet, in einem Friedensglauben, der negativ gewende
eine Absage an den Gewaltglauben ist, in einem Glauben an die Mächte des
Guten, an das heilige Recht, das Recht vor allem auch des Andern, be-
gründet in einem Denken, das über die nationalen Ziele hinaus sich auch
den menschheitlichen zuwendet, sich diesen verpflichtet fühlt,
in gewisser Beziehung sogar mehr als den nationalen? Vor allem aber: Wi
diese Friedensstimmung standhalten? Wird „im Ernstfall“ nicht eine ent-
schlossene und skrupellose Minderheit mit geschickt gewählten Losungen und
mit raffinierter Anwendung des bekannten Betäubungs- und Hypnotisierungs-
apparates, der auch vor krassen Lügen nicht zurückschreckt, die Masse wie
die Intellektuellen (und diese am leichtesten!) zu allem bringen können, was
diese Minderheit will? Auf diese Frage antworten fast alle Deutschen,
denen ich sie seit Jahren vorlege, unbestimmt oder auch bestimmt vernei-
nend in bezug auf den ersten, ebenso bestimmt bejahend in bezug auf den
zweiten Teil, und nur wenige umgekehrt. Auch das Standhalten der Sozial-
demokratie sei unsicher. Und in der Tat, wie soll man nach.allem bis in
die neueste Zeit Erlebten der internationalen Haltung der deutschen Mehr-
heitssozialdemokratie vertrauen dürfen? Wie sollten wir ihr vertrauen dürfen,
wenn wir, wie neuerdings, sehen, dass Männer wie Wilhelm Sollmann und
Karl Bröger sich am Kampte ‚gegen die „Schuldiüge“ im Sinne einer Rein-
Deutschen selbst so reden, was sollen wir denn sagen? Wir hörten, noch
einmal versichere ich es, noch so gern das Gegenteil. Wie viel leichter würde
dann unser eigener Kampi!
Das ist auch Försters Stellung, nur dass sie viel entschiedener und
leidenschaftlicher ist als die unsrige, und dies wohl einfach darum, weil För-
ster selbst Deutscher ist. Auch er ist durchaus von jener Friedensstimmung
des überwiegenden Teils des deutschen Volkes überzeugt, aber noch mehr als
wir ist er von Misstrauen gegen den Macht- und Herrschaftsdämon, den
Schwert- und Gewaltglauben jener Minderheit erfüllt und bis zum Aeussersten
entschlossen, ihr das Spiel zu verderben, ihr nicht zu erlauben, dass sie noch
einmal Deutschland und die Welt in Blut und Grauen stosse. Das ist Försters
Meinung und Wille, nichts anderes. Wer will feststellen, ob er recht hat
oder nicht?
. Wir andern sind jedenfalls in übler Lage. Auf der einen Seite möchten
wir so gern an ein neues Deutschland glauben und ihm alles warmherzige
Vertrauen schenken, auf der andern Seite möchten wir, auch im Interesse
Deutschlands, uns vor Täuschung hüten, möchten im Element der Wahrheit
bleiben, um stets den rechten Weg zu sehen und nicht, im Nebel der Illusionen
verirrt, in den Abgrund stürzen, -
Wer erlöst uns von diesem schmerzlichen Zwiespalt? - Wer schaff
Klarheit und Sicherheit? ® 2
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1 e damit zum, zweiten Punkt. Wir wissen also, us viel edler
ile und auch wie viel starkes und tieies Friedens-Denken im
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er i riedenskampf einer Elite von Männern und Frauen, zu denen die ganze
Welt in Bewunderung und Sympathie aufblickt, — und zu denen trotz allem
' auch Förster gehört! Aber was wir vermissen, ist eines: eine Friedens-
stimme, die man wirklich als die des deutschen Volkes
betrachten dürfte, eine Friedenshand, deutlich und
sichtlich im Namen des deutschen Volkes der Welt ent-
.„ gegengestreckt. Um sofort konkret zu werden: was ein Herriot, ein
MacDonald, ein Briand getan haben, das hat noch kein Deutscher getan. So
hat Stresemann noch nie geredet. Auch trauen wir ihm nicht so ganz jest.
Wenn das aber einmai käme, das wäre ein grosser Tag!
Dass das aber noch nicht gekommen ist, hat doch wohl ganz tiefe Ur-
sachen. Ich nenne zunächst eine Tatsache, die ich schon vorhin angedeutet
habe: immer wieder fällt es uns auf, wie schwer es dem Deutschen wird,
_ in politischen Dingen (von ästhetischen und philosophischen rede ich nicht)
über sein Volk hinaus zu denken, menschheitliche Ziele
als verbindlich und den nationalen übergeordnet zu be-
trachten. Immer und immer wieder wird das Umgekehrte getan: das Mensch-
heitliche in den Dienst des Nationalen gestellt; es wird nicht geiragt, was die
Welt nötig habe, es wird bloss gefragt, was für Deutschland tauge, was
_ alles für Deutschland bedeute, Missverstehen Sie mich bitte nicht: ich
weiss selbstverständlich, dass der nationale Egoismus überall gross ist,
aber es scheint mir, das deutsche Wesen sei in der Stellung zu diesem Problem
durch ein geistiges Erbe gefesselt. Damit hängt ein Zweites zusammen.
Es fällt uns auch auf, wie wenig ein Bekenntnis zu dn Mächten desGuten
besonders bei den deutschen Intellektuellen Echo findet, verstanden wird, wie
sehr umgekehrt ein gewisser Pessimismus sie anspricht, ein gewisser Glaube
am den Erdgeist ihnen kongenial scheint Kurz, der Kriegsglaube hat
im deutschen Geiste besonders tiefe Wurzeln geschlagen. Ich könnte hier weit
ausholen, könnte versuchen, in die Tiefe zu gehen, in der deutschen Anlage
und Geistesgeschichte diesen Wurzeln nachzugehen, käme dann auf Luther,
Hegel, vielleicht auch auf Eckhardt, aber ich kann und will das in diesem
Brief nicht tun. Ich habe es anderwärts zu tun versucht und will es wieder
zu tun versuchen. Lassen Sie mich heute nur sagen: Es muss sich im deutschen
Wesen eine sehr in die Tiefe gehende Wendung vollziehen, damit diese
Wurzel des Kriegsglaubens und der nationalen Isolierung abgegraben und
eine neue Wurzel gepflanzt werden kann, aus welcher Friedensglauben und
Menschheitsdenken erwachsen. Vielleicht könnte ich auch sagen: es muss die
andere Wurzel, die auch im deutschen Wesen vorhanden ist, es muss Kant
und auf seine Weise Goethe stärker werden — um den höchsten, aber allen
Völkern gemeinsamen Namen nicht zu nennen. Wenn diese Umkehr erfolgt —
und ich glaube, dass sie im Werden ist — dann mag, wie Förster holit und
glaubt, das deutsche Volk das zentrale Friedensvolk, das Volk der „Mitte“
werden. Dann wird aus ihm jene repräsentative Friedensstimme kommen,
dann aus ihm jene das ganze Volk vertretende Friedenshand der Welt ent-
gegengestreckt werden. Und dann werden neue Dinge vorhanden sein! :
So viel für heute. Zu einer weiteren Erörterung bin ich gerne bereit.
Und nun vergessen Sie nicht: wir reden jetzt nur von Deutschland. Was an-
dern Völkern für ihre Friedenspflicht fehlt, steht auf einem andern Blatt und
mag ein andermal dran, kommen, Jetzt, in der gegenwärtigen Lage, ist die
von mir angedeutete, klare und sichere Wendung im deutschen Verhalten
entscheidend, für Deutschland nicht weniger als für die Welt,
Innig darauf hoiiend und deutlich sehend, was im heutigen Deutschland
“ schon zu dieser Hoifnung das Recht gibt, grüsst Sie ni
ERREREA gaz.
399
leutigen Deutschland lebt. Zu der Friedensstimmung der Masse gesellt sich
1.
Zur Verhandlung über Remarque., i
E
_ Aalen, 11. Juni 1929,
Sehr verehrter Herr Doktor!
Als Leserinnen der „Neuen Wege“ erlauben wir uns, Ihnen im Anschluss
an das Aprilheit beiliegenden Ausschnitt aus der a pr von E
Schairer (Nr, 21 vom 26. Mai 1929) zuzusenden. [Er enthält eine Reihe von
Urteilen über Remarque. D. Red.] k or
Wir möchten noch hinzufügen, dass uns leider der Satz: „Wer dieses
Buch gelesen hat, der ist mit dem Krieg fertig“ viel zu optimistisch erscheint.
Nach unseren persönlichen Erfahrungen macht Remarque auf Kriegsteilnehmer
keinerlei Eindruck. Wir bezweifeln, ob überhaupt ein derartiges Buch ernst-
haft in Betracht kommt, wo es sich darum handelt, die Menschheit von der
Notwendigkeit des Pazifismus zu überzeugen. i h \
Wir fühlen uns dazu gedrängt, Ihnen unsere Ansicht mitzuteilen, weil wir
denken, es schade vielleicht der Sache des Pazilismus, wenn sich zu grosse
Hoffnungen an die Wirkung dieses Buches knüpfen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Hedy Bruckmann.
Klara Wiedmann.
Parpan,.7. September 1929.
Verehrte Leserinnen!
Endlich komme ich dazu, Ihren Brief wenigstens in Kürze zu beantwor-
ten. Ich tue das gern öffentlich, weil der Streit über die Bedeutung des Re-
marqueschen Buches ja viele bewegt und einen guten Sinn hat.
Zuerst ein Geständnis: Wenn ich geschrieben habe (vgl. „Neue Wege“
Nr. 4, S. 202) „Wer dieses Buch gelesen hat, der ist mit dem Kriege fertig“,
so war das gewiss etwas unvorsichtig und ist es aus dem starken, frischen
Eindruck des Buches, unter dem ich stand, zu erklären. Ich hätte genauer
sagen müssen: „Ich bin, nachdem ich dieses Buch gelesen, mit dem Kriege
fertig.“ Weil es mir so ging, meinte ich, es müsse andern auch so gehen.
Ich selbst war eben einst auch Militarist und Kriegsromantiker. Trotz des
Weltkrieges und der Lektüre vieler „Kriegsbücher“ (Barbusse, Lazko, Frank,
Nägelen und so fort) war noch ein Rest von jener Kriegsromantik in mir ge-
blieben. Es schien mir, als ob das Buch von Remarque diese für immer aus
meiner Seele getrieben habe. Tatsächlich spüre ich nichts mehr davon in mir.
Es ist, als ob die Lektüre von Remarque dafür die letzte Kur gewesen wäre,
Weder Barbusse, noch Nägelen, und erst recht nicht Lazko und Frank haben
diese Wirkung gehabt.
In der Tat glaube ich, dies sei für das Urteil, ob „Im Westen nichts
Neues“ mehr „pazifistisch“ oder umgekehrt mehr „militaristisch“ wirke, der
entscheidende Gesichtspunkt. Das, was am Krieg verführt, ist seine schein-
bare Romantik, ist das scheinbar Heroische dran. Das allein fürchte ich.
Aber von Romantik und Heroismus kann nun bei Remarque wirklich nicht
die Rede sein. Wenigstens kann ich dergleichen darin auch mit dem Mikroskop
nicht entdecken. Auch das Element der Kameradschaft, das darin einzig und
allein noch das Menschliche vertritt, kann dafür nicht genügen; es kommt
gegen das andere nicht auf und geht selbst in bitterer Tragik unter.
Darum aber, meine ich, verehrte Leserinnen, mag es wohl sein, dass das
Buch auf Kriegsteilnehmer keinen Eindruck macht — für die ist es ja auch nicht
geschrieben — ja, dass es Leser gibt, die es sogar für den Krieg begeistert. .
Aber auch diese kommen nicht in Betracht. Sie werden doch vorwiegend vom
400
man in sah und zum Teil
von ihm mit Ekel abwenden,
auch die Hölle hat ihre Anziehungskraft, Darum darf
rque bleiben. Mir gefällt die Sensation, die er geworden
h gestehe ich oifen, dass ich nicht sicher bin, ob nicht
e darauf berechnet ist. Trotzdem — es war, scheint
& Buch kam. Ich halte es für ein gutes Zeichen, dass es
en und in diesem Masse gelesen werden konnte. Denn vorher war
ieg wie ein Gespenst, dem man nicht ins Auge zu sehen wagte, Ge-
; penster ‚aber flössen Angst ein und Angst ist eine Mutter alles Bösen,
namentlich aber auch des Krieges. Es ist gut, dass das Gesicht des Krieges
entschleiert worden ist. Jetzt aber genug davon! Man soll den Teufel nicht
an die Wand malen. Keine weiteren Kriegsbücher dieser Art mehr, natür-
lich auch keine romantischen, beschönigenden, Dafür das andere her, das a
Positive, das Gute, das Schöne, die Romantik und der Heroismus nicht des "ol
Todes, sondern des Lebens, nicht der Hölle, sondern des Himmels. Sie ver- 2
stehen schon, wie ich es meine! Nur dieses Positive vermag den Krieg aus
- den letzten Gründen der Seele zu vertreiben. £
‚Darum aber, weil Remargue sicher auch eine Gefahr sein kann, weil
es eine andere Seite dieser Sache gibt und weil besonders eine Remarque-
- Mode ganz und gar vom Uebel wäre, muss man für die Warnung dankbar
sein, bin ich auch Ihnen, verehrte, unbekannte Freundinnen, dankbar.
’ Ihr L. Ragaz.
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ALTEETTITESTTTEITETTTITETSERETTETTTLTETRTLERTTEETTETSTETTLDETTTRTTETTTTETTTTTTTEITERTITTTTTSTITESTITETETTERTTTTTITTETTLERTLLLERTERTLLEETLLETETERRTLLLETTLRTTLLETOITETELTETTTIETTTRERLLTTT TITTEN
. Zur Weltlage
[LIT OLETLLITTETTTRTELTTLSTELTSLLELTERTETTLLLRLTESTETELELTTTETLTTTTTETLTLTETETRETTTTETTLLETLLETTLIELETTTRTTTTLETTELRLTETSTERTTLLTTTTTELTTTERLLTTTTTTTTTRLTRTTTRTTERTLTETERTETERITETLELTERTTTTTT
IERRERETTRERENE
SU EEEREENEE
“
LLTTITIT TEE
Zion und die Völkerwelt.
— — — Um die Mitte Juli fand in Zürich der Zionistische Kongress
- statt. Es war ein gewaltiges und einzigartiges Schauspiel. Wer wie
der Schreibende die Ehre hatte, bei der Eröftnung des Kongresses im
Stadttheater als Gast anwesend zu sein und durch seine historisch-
theologischen Studien dafür besonders vorbereitet war, der konnte
Eindrücke empfangen, die er nicht so rasch vergessen wird. Ein-
drücke ähnlich denen des sozialistischen Friedenskongresses in Ba-
sel anno 1912. Wenn man dieses Volk sah, von den Enden der Erde,
von China, Australien, Indien, Südafrika, Arabien, Persien, Egypten,
Amerika, Griechenland, Russland, Polen, Skandinavien England,
Frankreich, Deutschland, Spanien, hier zusammengeströmt, Rabbi-
ner, sozialistische Arbeiter, Gelehrte, Schriftsteller, Politiker, Män-
ner der Grossfinanz bunt durcheinander gemischt, alle verbunden
durch die Zugehörigkeit zur jüdischen Volksfamilie und die Sehn-
sucht nach der alten Heimat, dem „Erez Israel‘ (Land Israel), wenn
man von der Bühne her rings herum aus dem Munde heutiger,
durchaus europäisch gekleideter und sich benehmender, keineswegs
immer als Juden erkennbarer Männer und Frauen in selbstverständ-
401
EEE FEITETUNN
GERN IEEERE
|
ii
wi af KR: u Mr ne we ai ” Pr Fr N a
_ Jıch etwas modernisierter Form die Sprache des Amos und Jeremias
N reden hörte, die wir einst aus dem Alten Testament mehr oder
A weniger erlernt und selbstverständlich als für immer „tot betrachtet
ER hatten, dann eröffneten sich gewaltige und ergreifende Perspektiven,
in deren Mitte die wunderbare Auferstehung eines Volkes mit seiner
scheinbar längst untergegangenen Sprache und nationalen Kuitar,
vielleicht auch seiner Religion, im Vollsinn des Wortes, stand. Wenn
wir so mit ünseren Ohren hörten und dazu mit unseren Augen
sahen (dern es waren ja auch jüdische Siedler aus Palästina in
grösserer Anzahl da und man konnte sie wohl unterscheiden), wie
dieses Volk, das viel umgetriebene, viel gemarterte, sich anschickt,
in seine seit fast zwei Jahrtausenden verlassene alte Heimat zurück-
zukehren, zum „Erez Israel“, zum Land Abrahams, Isaaks und Ja-
: kobs, dann musste man tief erschüttert an seinen einstigen Einzug
in dieses Land unter Josua, an den tausend Jahre später (nach dem
Exil) erfolgten Wiedereinzug unter Esra und Nehemia denken und
zugleich den Blick vorwärts fliegen lassen zu dem letzten Ziel der
Geschichte, das ja diese Heimkehr der Juden nach einer alten christ-
lichen Auffassung wie nach der Meinung der tieferen Zionisten ver-
wirklichen oder doch weissagen soll und das durch das Wort Zion
angedeutet wird.
Der Zionismus ist gegen Ende des letzten Jahrhunderts ein
Faktor des öffentlichen Lebens geworden, ganz besonders durch
das Buch Theodor Herzls über den „Judenstaat‘“. Schon lange
gibt es zionistische Kongresse, schon lange jüdische Siedelungen
im heiligen Lande und noch viel, viel länger trauern die Juden an
der Klagemauer, dem letzten Rest des Tempels in Jerusalem, die
zum Symbol der Sehnsucht Israels nach seiner verlorenen Heimat
geworden ist. Aber es hätte vielleicht noch lange gehen können, bis
er zu einer grossen geschichtlichen Macht geworden wäre. wena
nicht die Weltgeschichte mit ungeheuren Erschütterungen ihm zu °
Hilfe gekommen wäre. Der Weltkrieg, der das Türkenreich stürzte,
öffnete dem Judentum den Weg in sein Land. Palästina wurde ein
Mandatsgebiet Englands und dessen damaliger Aussenminister Bal-
four erklärte in einer nun berühmt gewordenen Note, dass es eine
Heimstätte für die Juden werden solle. Es war etwas Aehnliches
geschehen, wie damals, wo der Sturz des Babylonischen Reiches
durch den Perserkönıg Cyrus den in Babylon exilierten Juden die
erste Rückkehr in die Heimat ermöglichte. Rasch vermehrten sich
seither die Siedelungen in Palästina, es entstand die jüdische Uni-
versität, der Zionismus ergriff mehr und mehr das ganze Judentum.
Der Kongress von Zürich bedeutete eine Art Krönung seines Wer-
kes, insofern als seine Sache nun die Sache des ganzen jüdischen
Volkes werden sollte.
Gross war denn auch der Enthusiasmus, den das Ereignis dieses
ep
402
E Kongresses erweckte, und er blieb nicht auf den Kreis des Juden-
N #7
_ tums beschränkt. Dem tiefer Blickenden freilich konnten schon aller-
lei Bedenken kommen. Das grosse Problem des Kongresses war,
wie soeben angedeutet wurde, ob die auf die Wiedergewinnung des
„Erez Israel“ gerichtete Bewegung und Organisation wie bisher
Sache des Zionismus bleiben oder eine Angelegenheit des ganzen jü-
dischen Volkes, das bekanntlich nur zum kleineren Teile zionistisch
denkt, werden solle. Gegen eine nicht sehr grosse Minderheit wurde
das Letztere beschlossen und das ganze Werk einer Organisation
übergeben, die nun als Jewish Agency die ganze Judenheit reprä-
sentiert. Man konnte diese Entwicklung für unsausbleiblich und
unvermeidbar halten und ihr doch nicht ohne Sorge folgen. Würde
durch das Hinzuströmen von Elementen, die der Sache nur halb
zugetan sind, nicht der tiefere Sinn. des Zionismus verschüttet wer-
den? Würde der Zionismus nicht rasch das Schicksal: so vieler,
vieler andern Bewegungen erfahren, die im Geiste begannen und
im Fleische endeten? Würde das schönste Ziel des Zionismus:
die soziale Theokratie in Form eines enger oder weiter gestalteten
religiösen Sozialismus oder Kommunismus im Sinne des alttesta-
mentlichen Grundwortes: „Das Land gehört Gott“ und die von
solchen Gedanken bestimmte Rückkehr zur Scholle möglich sein,
wenn Diktatoren der kapitalistischen, gottiremden Welt, wie ein
Warburg, Wassermarn und Mond (jetzt Lord Melchett) an der Lei-
tung des Werkes stünden? Hätte dann nicht der Baal Mammon
mehr Aussichten als der Messias? Es regte sich in Zürich und in
der Judenschait etwas wie ein jüdischer nationaler Machtwille, dem
eine grosse weltliche Verheissung gegeben schien — war das Oot-
- tes Wille mit Israel? War das Zion?
Die Antwort der Geschichte (oder dürfen wir so kühne sein, zu
sagen: Gottes?) ist viel rascher erfolgt, als wir erwartet hatten: in
Gestalt der furchtbaren Ereignisse in Palästina. Diese Antwort ist
eine der Judenverfolgungen grossen Stils, wie sie die Geschichte
dieses heimgesuchtesten aller Völker durchziehen. Was sollen wir
dazu sagen?
Es ist selbstverständlich, dass diese Ereignisse, deren Grauen
nur von den Betroffenen oder tief miterlebenden Augenzeugen voll
ermessen werden konnte, uns erschüttern. Hunderte von Toten, noch
mehr Hunderte von Verletzten, verbrannte jüdische Siedelungen (mit
wie viel Liebe, Mühsal und Heroismus aufgebaut!), Verstörung und
Schrecken, „Grauen ringsum‘ (Jeremia.)!
Und welches ist die Ursache?
Wir müssen uns klar machen, dass es sich diesmal nicht um eines
der nur allzugewöhnlichen Pogrome handelt, sondern um ein
umfassenderes, tiefer greifendes und zugleich konkreteres Problem.
Wenn wir andern von den Plänen des Zionismus hörten, so musste
403
N EEE NO NER BE RERTERNN
. ET
bei aller Sympathie für diese Bewegung — namentlich für deren 3
tiefere Form, wie sie unter den älteren etwa von Achad Haam und
unter den neueren von Martin Buber und Hans Kohn vertreten wird
— doch die Frage aufwerfen, ob sie denn im Angesicht bestimmter
Tatsachen nicht als utopisch erschienen. Palästina ist ja heute nicht
weniger ein schon bewohntes Land, als es zur Zeit Josuas war.
Es leben dort seit mehr als tausend Jahren weitaus vorwiegend die
Araber, die mit dem Islam eingezogen sind. In Jerusalem steht an
der Stelle des alten Tempels die sogenannte Omar-Moschee, eines
der schönsten und verehrtesten Heiligtümer der mohammedanischen
Welt. Der Islam nimmt Palästina als sein heiliges Land in An-
spruch. Dass es daneben, unser, der Christen heiliges Land ist, das
Land, an das sich unsere heiligsten Erinnerungen knüpfen, brauche
ich nicht zu sagen. Ein bei aller Anpassungsfähigkeit an neue Verhält-
nisse doch so zäh in seiner Tradition und darum auch in der selbst-
verständlichen Ueberzeugung, dass Kanaan ihm gehöhre, wurzeln-
des Volk wie die Juden mochte diese Tatsachen, die es ja nie ge-
billigt hatte, leicht übersehen, es schaute über die Jahrhunderte hin-
weg auf Erez Israel als auf sein Land. Aber wie würde es nun
gehen, wenn dieser Anspruch dreier Religionen von einer einzigen
von ihnen verschlungen und die ansässige Bevölkerung von einer
neuen verdrängt würde? Zwar wussten wir ja, dass in Palästina,
dem veriallenen und verödeten, Raum für eine weitaus grössere Be-
völkerungszahl wäre, wenn es richtig angebaut würde, aber mehr
als eine bis höchstens drei Millionen Juden fänden auch so dort
nicht Platz, und es gibt heute etwa sechszehn Millionen Juden. Und
wie würden die Ansässigen dieses Eindringen der Juden aufneh-
men? Es war den Juden freilich durch die Balfour-Note eine Heim-
stätte in Palästina zugesprochen worden, aber hatte England dazu
eigentlich das Recht? Konnte es ihnen das nötige Land verschaffen ?
Die Antwort ist der Aufstand der Araber. Mögen darin noch
so trübe Elemente geflossen sein, so ist er doch nicht unverständ-
lich. Tiefer blickenden Juden kommt er nicht ganz unerwartet. Sie
haben schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass das Verhält-
nis zu den Arabern das Kernproblem des Zionismus sei, soweit
eben die Gewinnung Palästinas in Betracht komme. Sie haben davor
gewarnt, dass man den arabischen Grossgrundbesitzern um hohe
Preise das Land abkaufe, worauf dann die armen Pächter (die Fell-
achen) von Grund und Boden weichen müssten. Sie haben darauf
gedrungen, dass der Zionismus auch für die Araber Gutes be
deuten müsse, wenn sein Werk gelingen solle. Offenbar hat man
nicht genügend auf sie gehört.‘) Dazu kam aber noch der neue
1) Ich verweise ‚besonders auch auf die Schrift unseres Mitarbeiters Dr.
Hans Kohn: „Zionistische Politik“, welche jene Auffassung des
Zionismus entwickelt, die ich für die richtige halte, dazu auf die andere: „Die
404
ee
> rögen dann
re Fanatismus mag sich bei-
an der er ‚zum -
an a will e es Se Br findet
nd nun, ist der Zionismus gescheitert? Es gibt wohl viele
und Nichtjuden, die dies in der ersten Bestürzung meinen
i gen. Das ist aber durchaus nicht meine Ansicht. Der Zionismus
| is in seinem Kern von Gott gewollt — das ist mein Glaube — und
_ wird darum seine Erfüllung sehen. Aber freilich nur in seiner
tieferen Form. Die Juden werden durchaus darauf verzichten
müssen, das ganze Palästina in Beschlag zu nehmen. Warum
auch? Wenn das ihnen gelänge, blieben immer noch vier Fünftel
- des Volkes in der Galuth (Verbannung, Diaspora). Aber es bleibt
- durchaus möglich, dass sich das verwirkliche, was Kern und Stern
des Zionismus ist: eine „Heimstätte‘“ im Erez Isreel, eine hebräische
- Universität, die dauernde Wiederbelebung der hebräischen Sprache,
der Wiederanschluss an den Boden, ein eigenes Land zum Teil als 5
Besitz, zum Teil als Symbol, ein Wiederaufleben Zions als heiliger ’
Mittelpunkt des Volkes und damit die Befreiung seiner Seele für
= das letzte Ziel Israels. |
Und welches ist das letzte Ziel Israels? f
Sicher nicht der „Judenstaat‘“, von dem Herzl und nach ihm a
_ manche Zionisten träumten. Dass dieser nicht Israels Bestimmung
- ist; darüber hat Gott in der Geschichte deutlich genug geredet. Der
3 „Judenstaa “, wenn er ‚denkbar wäre, was zweifelhaft ist, würde
Israels Verhängnis. Nein, nicht das ists, was das Judentum braucht.
Das ist’s, was die „Völker“ wollen, das Judentum ist zu Grösserem
berufen. Israel heisst: Gotteskämpfer, man darf vielleicht sagen:
Gottesträger. Als ganzes Volk nicht nationale Macht und
Grösse zu suchen, sondern Gottes Willen und das heisst: das
— Reich seiner Gerechtigkeit, in der Völkerwelt zu vertreten,
das ist seine Bestimmung, die höchste, die es gibt. So oit es von
diesem „heiligen Wege‘ abwıch und werden wollte „wie die andern
Völker“, geriet es unter das Gericht Gottes und ins Elend.
politische Idee des Judentums.“ Beide sind auch für Christen
ausserordentlich lehrrreich. Ebenso gehört hierher das grosse Werk: „Ge-
schichte der nationalen Bewegung im Orient“, das für jeden 5
unentbehrlich ist, der einen entscheidend wichtigen Teil der "heutigen Welt-
entwicklung ver stehen will.
Die Schriften Dr. Kohns sollen sobald als möglich im Zusammenhang
besprochen werden. Ich erinnere bei diesem Anlass auch an seinen Auisatz
über das Judentum in einem früheren Jahrgang.
405
Sp a are u Auer FIN 7 x u
«4 y 2
ER DET ar
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2 i ß Pe ; x & b at Ex - a h VER
Aber das Problem des Zionismus und das letzte Ziel
weisen noch höher hinauf. Ich erinnere wieder an die Tatsache,
‘die drei Religionen sich um das heilige Land streiten. Wie soll das
Problem, das damit dem Zionismus, und ich denke im Grunde uns
allen, gestellt ist, seine Lösung finden? a.
Ich meine: ganz voninnen her. Das, was Zion im höch“
sten Sinne meint, ist auf der einen Seite ihnen ja allen gemeinsam —
man bedenke überhaupt recht, dass diese drei Religionen, die um
das heilige Land streiten, aus einer Wurzel stammen — und
auf der andern Seite haben sie alle (das Judentum inbegriffen) es
mehr oder weniger vergessen. Sie müssen es alle suchen und finden,
und in dem Masse als sie das tun, wird der Streit um das geogra- 7
phische heilige Land aufhören. Man wird ein anderes heiliges 7
Land entdecken, das’ über der Erde liegt, das „nicht von dieser
Welt“ ist, aber in aller Welt sich verwirklichen will. Denn Zion
liegt über den Ländern und darum überall. Dieses Land
suchend, diesem Zion dienend, werden die Juden Palästina zur
Heimat gewinnen und niemand wird es ihnen neiden. Es bleibt da-
mit auch unser heiliges Land. Bis vor kurzem bot gerade Jerusa-
lem immer wieder das Bild wilden Streites der Religionen. Besonders
bekämpften sich an der im äusserlichen Sinne heiligsten Stätte der
Christenheit, der Kirche des heiligen Grabes Christi in Jerusalem,
die christlichen Konfessionen bis zum Blutvergiessen (sodass die tür-
kischen Soldaten den Frieden wieder herstellen mussten), während die
Juden an der Klagemauer ein längst Vergangenes beweinten. Noch
früher hatten sich jahrhundertelang Islam und Christenheit um die-
ses Grab zerfleischt. Wie nun — stellt damit nicht das heilige Land
uns allen ein Problem, das mit den Entwicklungen dieser Zeit ge-
waltig vor uns aufsteigt: dass wir jene höchste Einheit der Religio
nen suchen und finden, in der sie sich als Religionen auflösen, um
dafür Gott und sein Reich für die Erde, das Reich seiner Gerechtig-
keit unter den Völkern zu finden? Das ist Zion, das Zion, das Gott
will. Nicht an die Klagemauer, das Sinnbild der Vergangenheit, des
zerbrochenen Tempels, darf die Gemeinde des lebendigen Gottes
sich klammern, sie muss vorwärts schauen auf das von den Pro-
pheten verkündigte letzte, geistige Heiligtum, das in der Gerechtig-
keit und im Frieden Gottes unter den Menschen besteht. Diesem
Zion dienend, wird der Zionismus seinen tiefsten Auftrag verwirk-
lichen. Im heiligen Land und von dort aus für die Welt Vorder-
asiens und überall sonst, ein Licht des Friedens und der Gerechtig-
keit Gottes, der ganzen heutigen Welt ein Zeichen der Rückkehr”
zu Gott zu sein, das ist doch der tiefste Sinn des Zionismus. Dafür
ist der Weg jetzt mehr als je frei.
In diesem Lichte gewinnen die Ereignisse in Palästina einen
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>
406
‚andern Sinn als sie auf ‚den ersten Blick hatten. Sie mahnen zur
‚Besinnung, zur „Umkehr“. Aber sie sind nicht entmutigend, sie
weisen erst recht zur Höhe. Erst recht leuchtet darüber Zion auf.
rg | CR ol. Rama 2
Anmerkung. Ich darf vielleicht bei diesem Anlass wieder
_ an meine Schrift: „JudentumundChristentwm“ erinnern,
3 Sara ganzen Zusammenhang bietet, in den das oben Ausgeführte
‚gehört. Ep
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Monatsschau.
Die Geschichte hat keine Sommerferien gemacht. Während an den grossen
Kurorten in den Bergen und am Meere die neue Bourgeoisie, die vom „Mam-
_ mon der Ungerechtigkeit“, sei’s dem des Krieges, sei’s dem der Nachkriegs-
zeit, vollgesogene, ihre tiefe Verderbnis ausbreitete, mit ihrer frevlen Gott-
losigkeit die Schöpfung schändend, an stilleren Orten die Menschen der be-
scheideneren Börsen und weniger verfetteten Herzen Erholung suchte, die
Scharen der Wanderer aber sich über Täler und Höhen ergossen, ging
dem Auge der meisten verborgen das Spiel jener dämonischen Kräfte fort,
aus denen Völkerkrieg und Bürgerkrieg entstehen und schlugen da und dort
"einzelne Fiammen hervor, welche den neuen und schlimmern Weltbrand ver-
kündigen, der trotz allen Löschvorkehrungen mit der Sicherheit der Natur-
'gesetze kommen wird, wenn die Welt nicht auf ihrem heutigen Wege um-
kehrt. (Vgl. Matth. 24, 37—39.)
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1. Weltpolitisches.
Die Weit ist allerdings nun voll von dem nach allen Hässlichkeiten die-
ses Jahrmarktes der Diplomaten am Ende erzwungenen „Gelingen“ der
Haager Konferenz. Aber ich fürchte, es sei mit diesem Gelingen nicht
weit her. Man hat zuletzt über einen wüsten Kampfplatz einige künstliche -
Blumen gestreut, aber die bösen Geister, die sich auf ihm getummelt, werden
sich wohl wirksamer erweisen, als der rhetorische und journalistische Parfum
dieser Blumen. Offen gestanden wäre dem Schreibenden ein sichtbares Schei-
tern der Konferenz fast lieber gewesen, als dieser äussere Eriolg bei innerem
Fiasko. Durch ein solches Scheitern wären vielleicht bessere Geister geweckt
worden, es hätte vielleicht die Gewissen gemahnt, während nun dieser doch
nur erzwungene Eriolg bloss einen Vulkan von Misstrauen und Erbitterung
verdeckt.
Dass es so gekommen, ist leider das schlimme Verdienst des „Sozialismus“,
d.h. der englischen Arbeiterregierung. Prompt, allzu prompt ist dieses Ver-
sagen eingetreten und genau an dem Punkt, wo wir es am meisten gefürchtet
haben. Sozialisten von verschiedener Färbung haben das Verhalten eines S n o w-
den zu verteidigen versucht. Es sei damit eine wirkliche sozialistische Politik auf
den Plan getreten, die sich um die der Konservativen nicht kümmere, Snow-
dens Haltung habe bloss den französischen Rüstungen und dem Faschismus
gegolten. Nun wissen meine Leser, dass es mir an Sympathie für die Arbeiter-
regierung wahrhaftig nicht fehlt, und ich füge hinzu, dass ich von früher her
auch solche für Snowden hegte. Aber die Argumente, die sein Verhalten
verteidigen, fast hätte ich gesagt: beschönigen wollen, scheinen mir völlig
haltlos und künstlich zurechtgemacht. Sozialistische Politik? Es nimmt mich
407
x
- einen sofortigen neuen Zusammenschluss zwischen Frankreich und Italien
wirklich wunder, mit welchem Mikro- oder Makroskop man im Haag
entdeckt hat. Was man sehen (und hören) konnte, war eine kleinliche, hoch
mütige und brutale Betonung und Verfechtung des en Eigeninteresses.
Sollte das Sozialismus sein? Schönen Dank dafür! Dafür hat die Welt nicht
auf die Lektion des Sozialismus warten müssen. In England selbst feiert man
Snowden auch noch dafür, dass er das englische Prestige wiederhergestellt
habe. Auch dieses Verdienst will mir nicht gerade besonders sozialistisch
vorkommen; ich meine, ich hätte davon auch bisher schon gehört. Zwar hätte
ich volles Verständnis dafür gehabt, wenn die Arbeiterregierung versucht
hätte, bei diesem Anlass für das furchtbare Problem der englischen Arbeits-
losigkeit Lösungen vorzubereiten, aber dafür hätte es wahrhaftig sozialisti-
schere Methoden gegeben, als dieses miserable Feilschen um einige Millionen
(die zum Teil viel ärmeren Völkern abgezwackt werden sollen) und einige”
andere Bestimmungen des Owen Young-Planes. Und was den
gegen den französischen Militarismus und den italienischen Faschismus be-
trifft, so ist das gewiss eine wohlwollende Fiktion, womit man Snowder
Gedanken unterlegt, die er in diesem Zusammenhang schwerlich gehabt hat,
sonst aber wäre zu bemerken, dass es dazu für eine englische Arbeiterregierung
wahrhaftig andere und bessere Methoden gäbe, als die von Snowden ange-
wendeten und dass er mit diesen den Faschismus nur gestärkt hat (da sie
bewirkten), während der Kampf gegen den französischen Militarismus, in die
ser Form von einem Engländer geführt, umso sinnloser wäre, als es ja Eng-
land war und nicht Frankreich, das seinerzeit das von Herriot in Verbindung‘
mit MacDonald zustande gebrachte Genfer Protokoll zunichte machte. Ich kann
endlich auch nicht glauben, dass ein so protziger und grober Stil, wie ihm
Snowden angewendet, gerade besonders sozialistisch, und wenn dies, für
die Zukunft besonders verheissungsvoll sei. Es wird von sozialistischer Seite.
zur Verteidigung dieses Stils behauptet, Snowden habe sich damit gegen das
„Zuleichtgenommenwerden durch das Diplomatenpack“ schützen müssen,
dieses Argument ist so haltlos wie alle andern. Ein englischer Minister
-braucht vorläufig für das Ernstgenommenwerden nicht zu sorgen, und wer
bloss durch solche Mittel dazu gelangen könnte, stellte sich ein übles Armuts-
zeugnis aus.)
Nein, was dieser Vertreter einer Arbeiterregierung bewirkt hat, ist statt
einer Reinigung und Beruhigung der internationalen Atmosphäre eine tiefe
Verstimmung, ja Verbitterung, ein neues allseitiges Misstrauen, Und glaubt
denn dieser merkwürdige sozialistische Weltpolitiker, dass die Völker, die er
nun in ihren Vertretern demütigen durite, sich das so leicht gefallen liessen?
Es so leicht vergässen?
Die Motive dieses Verhaltens sind gewiss ebenso geringwertig wie das
Verhalten selbst,
Allzu nahe liegt freilich die psychologische Erklärung, dass ein von der
Natur wenigstens leiblich verkürzter Mann nun die Gelegenheit benützt habe,
als Träger der Machtfülle eines Weltreiches möglichst viele andere zu demüti-
gen und damit sein Minderwertigkeitsbewusstsein, das übrigens ganz unberech-
tigt wäre, zu sättigen. Wenn diese Vermutung zuträfe, so schaute wieder wenig
Sozialismus heraus. Wahrscheinlicher erscheint mir, dass jenes währeni des
Krieges und nachher angesammelte Ressentiment gegen Frankreich, von dem
ich letztes Mal geredet, nun explodiert sei. Aber ein Staatsmann, der sich von
solchen Subjektivismen leiten lässt, ist keiner, am wenigsten ist er ein Sozia- :
‘) Wenn im übrigen eine sozialistische Korrespondenz meint, sozialisti- :
sche Politiker könnten von Snowden die Anwendung des Wortes lernen: „Euge }
ee “ IR Ja, Nein Nein“, so wollen wir gerne hoffen, dass sie damit!
enör Iınde. |
408
‘oder halbe „Marxisten“ befriedigt haben, für Menschen, die
ethoden weder im öffentlichen noch im Privatleben für wert-
‚nicht mehr die Ueberzeugungskrait von ehedem. Nicht nur die
ten Diplomaten, die in Genf sitzen,/sondern auch viele Andere, nicht
n vornherein Verhärtete, werden in ihrem Herzen sagen: „So wie ihr’s im
Haag getrieben habt, so können wir’s auch — ohne Sozialismus!“*)
Haag ist in meinen Augen eine böse moralische Niederlage derjenigen
Macht, von der man, menschlich betrachtet, am ehesten allerlei Gutes tür
- die Welt erwarten darf. Dies den Labour-Leuten mit aller wünschenswerten
_ Deutlichkeit zu sagen (wobei man vielleicht sogar ein wenig den Snowdenschen
Stil nachahmen dürfte), wäre für diese und den Sozialismus wie für die Welt
überhaupt sehr viel wertvoller als alle künstlichen Reinwaschungen.?)
', Ob diesem grossen Defizit der Konferenz kann man sich über einen
- wirklichen Erfolg derselben, die nun endlich beschlossene Räumung der
Rheinlande, nur halb freuen. Denn wenn diese nun doch nicht die Frucht
einer Umstimmung, sondern bloss eines Zwanges auf der einen und eines be-
' friedigten Ressentiments auf der andern Seite ist, so bedeutet sie keinen
ganzen Gewinn, sondern mehr eine Umstellung der Kräite, und vielleicht
- sogar auch Schaden, insofern als sie neuen Bündnissen und Machinationen
- ruft, wovon die Annäherung zwischen Italien und Frankreich nur ein Bei-
2 spiel ist. Jedenfalls hätte die Räumung sich auch auf andere, bessere Weise
er
" Während der Sozialismus im Westen bei diesem Anlass wahrhaftig wenig
_ moralische Werbekraft entfaltete, hat er im Osten auch keine erhebende Rolle
was den nächsten Anlass, den Kampf um die ostchinesische Eisenbahn betrifit,
Russland das grössere Recht für sich hat — während freilich, wenn man
weiter zurückgeht, die Schuld zum grössten Teil auf den russischen Imperia-
t lismus und auch auf den Bolschewismus fällt, insofern dieser in China wahr-
F haftig keine selbstlose Rolle gespielt hat — aber dies Säbelgerassel, diese Aui-
herbeiführen lassen.
2 gespielt. Ich glaube zwar, dass im Streit zwischen Russland und China,
2 peitschung ganz gewöhnlicher patriotischer und imperialistischer Gefühle mit
R,
- den gewöhnlichen Mitteln in Russland, hat den Kredit des sozialistischen
7 Antimilitarismus und der sowjetrussischen Abrüstungspolitik wahrhaftig auch
- nicht vermehrt.?)
3 1) Das hat sich inzwischen bestätigt. Nicht MacDonald, sondern Briand
_ hat das Ohr der Welt. N
5 2) Dieses Urteil wird auch von englischen Sozialisten geteilt, z. B. von
so hervorragenden Führern wie Brailsiord und Fenner Brockway, aber auch
von Männern wie Vandervelde und Leon Blum.
3) Es ist aber wohl zu beachten, dass dieses Verhalten doch nur eine Art
_ Heuchelei ist. Denn Russland empfindet vor allem eine tiefe Furcht vor einem
imperialistischen Angriff“ Europas. Von diesem Gedanken _ist es ganz hyp-
notisiert. Das hat uns neuerdings ein so unbefangener Zeuge wie unser
Freund, der Amerikaner Nevin Sayre berichtet, der soeben aus Russland
D
409
natte es wenig Anziehungskraft. Wenn nun MacDonald in Genf _
predigt, so mag er Theaterbeifall finden, aber seine Stimme hat
Pr Pe Cs;
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Ms hettenn Lichte 2 aa
eltpolitische Lage in allzu hellem Lichte zu sehen — e |
en von eriersbrüielen und von allerlei Wetterleuchten — so ist damit nic
.s dass in und neben diesen Entwicklungen nicht auch Erfreulic
‚SR sehen sei. Wie die Annahme des Owen Young-Planes mit den von n
i geltend gemachten Vorbehalten als erfreulich zu bezeichnen ist, und
verständlich, trotz allem, in noch höherem Masse die Räumung der Rl
lande, so gewiss auch die Tatsache, dass es nun zwischen Russland und
doch nicht zum Kriege gekommen ist, während dies früher unter sol
+24 Umständen selbstversländlich gewesen wäre, Zu diesem Ergebnis mö
;i allerlei „realpolitische“ Erwägungen mitgewirkt haben, vor allem die innere
Schwäche der beiden grossen Reiche, aber es hat sich doch auch gezeigt, dass
der Ausbruch eines grossen Krieges heute sehr erschwert ist, dass starl
Kräfte ihm entgegenwirken. Auch hat es seine Bedeutung, dass beide Par-
teien sich auf den Kelloggpakt beriefen, wie denn auch wohl ganz sich er
Amerika einer der Hauptfaktoren der Verhinderung des Krieges gewesen ist.
Pax Americana! Be.
Da wir gerade bei der Wirkung der internationalen Friedensorganisatio-
nen sind, so sei schon hier etwas erwähnt, das sich, verglichen mit ‚diesen
Geschehnissen, sehr. klein ausnimmt, das aber doch eine grosse prinzi-
pielle Bedeutung besitzt: ich meine das Urteil des Haager
\ Schiedsgerichtes in Sachen des zwischen Frankreich und der Schweiz 7
N schwebenden Streites um die Zonen. Für die nichtschweizerischen Leser sei ©
% bemerkt, dass es sich um eine Bestimmung des Wiener Vertrages von 1815
handelt, nach welcher zwischen Genf und einigen savoischen Landstrichen am
Genfersee ein freieres Regime des Güteraustausches herrschen sollte, wodurch
die Versorgung Genis mit Lebensmitteln erleichtert würde. Bei den Ver-
handlungen, welche den Eintritt der Schweiz in den Völkerbund begleiteten,
hatte die Schweiz in eine Aufhebung des Vorrechtes gewilligt, aber mit dem
Vorbehalt einer gütlichen Verständigung zwischen den beiden Staaten. Die-
sen: Vorbehalt in seinem Machtrausch missachtend, hatte Frankreich hart an
der Grenze Zollhäuser errichtet und damit nicht nur einen Beweis krasser
Undankbarkeit gegen die Stadt gegeben, der es so viel verdankt und die wäh-
rend des Krieges so treu und wirksam zu ihm gestanden, sondern auch ge-
zeigt, dass ihm unter Umständen trotz jenem Kampf pour le droit et la
justice Gewalt vor Recht gehe. (Es wird natürlich, wie in solchen Fällen ja
immer, nur von den Regierungen gesprochen.) Die Schweiz hat darauf
an den Völkerbund appeliert und Frankreich musste wohl oder übel einwilli-
gen, dass die Sache vor das Haager Schiedsgericht kam. Dieses hat nun, nach
Anhörung beider Teile und langer, sorgfältiger Beratung mit neun gegen drei
— __— Stimmen zu Gunsten der Schweiz entschieden. Die Wichtigkeit dieses Ent-
scheides liegt nicht in der Materie selbst — in dieser Beziehung ist die Sache
bei uns vor allem durch diejenigen Kreise, deren „schweizerische Politik“ in
der Verhetzung unseres Volkes gegen Frankreich und Indienstnahme‘ der
Schweiz für alldeutsche Ziele besteht, gewaltig aufgebauscht worden — sondern
in dem Prinzip, das in dem Urteil zum Ausdruck kommt. Es hat damit auf
sehr bedeutsame Weise das Recht über die Gewalt gesiegt und der Kleine
gegen den Grossen recht bekommen. Und nun stelle man sich einmal vor,
wir hätten gegen Frankreich unser Recht mit dem Schwerte vertreten wollen!
Kann es einen eindringlicheren Anschauungsunterricht für die Wahrheit ge-
ben, dass das Schwert uns gerade im sogenannten Ernstfalle nichts hilft, wohl
zurückgekehrt ist. Statt also immer mit der moskowitischen Gefahr zu drohen,
wäre richtiger, Russland durch ein grossartiges Entgegenkommen, wie es
Wilson plante und übte, von seiner Angsthypnose zu beireien — falls einem
daran wirklich gelegen ist!
%
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410
FR
nur Fluch eintragende, zerbrechen?!) Nr
Are = ne on Ada 5 A v en eine grosse
_ Wichtigkeit, und dies nicht nur für die Schweiz, sondern für alle Welt,
ein Richter ist wieder auf Erden“ - a
Weiterhin ist.es eine gute Sache, dass die englische Arbeiterregie-
rung in Egypten eine neue Politik betreibt. Sie hat den egyptischen
- Oberkommissär, Lord Loyd, einen besonders hartköpfigen Träger der Politik
der Gewalt, durch einen andern ersetzt. Sie hat auch mit Egypten einen neuen
Vertrag geschlossen, der unter anderem eine Aufhebung der militärischen Be-
_ setzung des Landes vorsieht in dem Sinne, dass sie sich künftig bloss noch
3 auf eine bestimmte Zone am Suezkanal beschränken wird, und der auch den
- Eintritt Egyptens in den Völkerbund stipuliert. Also ein Schritt ‚weiter zum
British Commonwealth of Nations. Auf diesem Gebiete wird die Arbeiter-
Regierung vielleicht ihre weltgeschichtlich wichtigste Aufgabe zu lösen haben.
Und dies namentlich in Indien. Dort ist die letzte Viertelstunde. Bringt die
— Arbeiter-Regierung nicht den Mut auf, Indien die Selbstregierung (self-govern-
— ment, Dominion status) anzubieten, auf die Gefahr hin, darüber zu stürzen,
so kann es zu schlimmen Dingen kommen.
i . Nur eine Andeutung, was dann zu erwarten stünde, wären die Ereig-
nisseinPalästina. Ueber sie wird an einer andern Stelle geredet. Hier
sei nur bemerkt, dass diese Ereignisse selbstverständlich, sei’s mit Recht,
sei’s, wie ich meinen möchte, mit Unrecht, aufs Debet der Arbeiter-Regierung
- geschrieben werden. Ein Weltreich zu regieren ist halt kein Spass!
“ Der Kommunismus wartet begierig darauf, dass auch Labour den
q falschen Weg einschlage. Denn er hofft von den unterdrückten Völkern her
3
immer noch auf den Anstoss zur endgültigen Weltrevolution. Ein Organ für
diese Hoffnung ist die „Liga gegen den Imperialismus“, die vor-
wiegend unter kommunistischem Einfluss steht. Sie hat vor kurzem in Frank-
— furt ihren zweiten Kongress abgehalten, nachdem der erste, grosses Auf-
E sehen erregende bekanntlich vor zwei Jahren in Brüssel stattgefunden hat.
— Zwei Strömungen hoben sich scheints an dieser zweiten Versammlung noch
deutlicher als vorher voneinander ab: die soeben gekennzeichnete vulgär-
— kommunistische und eine nichtkommunistische, aber ebenfalls radikale, ver-
= ireten durch Maxton von der englischen Opposition in der Labour Party
E und durch Frau Dr. Helene Stöcker und Bartholome de Light. Es scheint
auch, dass die Erstern rasch zur Alleinherrschaft gelangen und dass namentlich
— die unterdrückten Völker vorläufig noch immer jast nur im Kommunismus
= ihr Heil und in Moskau ihr Mekka erblicken. Desto wichtiger wäre, dass
ihnen auch von nichtkommunistischer Seite ehrlich und tapfer die Hand ent-
gegengestreckt würde. Und desto entscheidender wird das Verhalten der
Arbeiter-Regierung. Leider scheint sie in ihren Verhandlungen mit Russland
bisher wenig Weitblick und Grossartigkeit bewiesen zu haben, dies besonders
insofern, als sie die Wiederaufnahme normaler Beziehungen zu Russland, die
%&
1) Das scheinen unsere Militaristen zu spüren und schweigen darum die-
ses Ereignis tot oder verkleinern es. Rusch erzählt in seinen „Republikanischen
Blättern“, er habe in einem Hotel ein Gespräch zwischen Intellektuellen be-
lauscht, in welchem einer sein Bedauern über diese Wendung ausdrückte,
weil damit Wasser auf die Mühle der Pazifisten geleitet werde. So sind diese
Leute, Wenn wir die Abrüstung fordern, so erklären sie, zuerst müsse eine
sichere Rechtsordnung vorhanden sein, wenn diese aber ihr Vorhandensein
beweist, so sind sie betrübt und verraten damit ihr Herz: dass es ihnen um
jeden Preis darauf ankommt, das Militär zu behalten und alles andere nur
Ausrede ist.
411
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doch selbstverständlich hätte sein sollen, von der Bezahlung der englischen
Schulden abhängig machte. So scheint auf der kommunistischen Seite der
Hass gegen die Arbeiter-Regierung stärker zu sein, als der gegen die konser-
vative, Freuen wir uns wenigstens, dass in,.der Labour Party ein Mann wie
Fenner Brockway steht und bedeutenden Einfluss hat. In Indien auf-
gewachsen, versteht er seine Verhältnisse und Bedürinisse von Grund aus
und er kämpit mit englischer Entschlossenheit für sein Recht. >
Wir sind mit diesem Kapitel schon von selbst auf das Feld des sozia-
len Krieges gelangt. In dieser Beziehung sind die Vorgänge in
Oesterreich während der Berichtsperiode stark in den Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit gerückt. Zu St. Lorenzen in der Steiermark ist es am Sonn-
tag, den 18. August, zu einer blutigen Auseinandersetzung zwischen einer
sozialdemokratischen Volksversammlung und der sie überfallenden „Heim-
wehr“ gekommen, Die ohnehin schon grosse Spannung zwischen den beiden
Lagern, den Sozialdemokraten auf der einen und der immer mehr faschistisch
werdenden Heimwehr auf der andern Seite, ist damit bis zu dem Punkte ge-
steigert worden, wo jeden Augenblick die Flamme des offenen Bürgerkrieges
ausbrechen kann. Wenn dies geschähe, so könnten die Folgen sehr weit-
tragend sein. Ein Sieg des österreichischen Faschismus würde leicht auf an-
dere Länder, auch auf Deutschland wirken, eine Intervention der Nachbar-
staaten würde wahrscheinlich und der Weltbrand wäre da. Ganz besonders
tragisch wird die Lage dadurch, dass die katholische Landgeist-
lichkeit in ihrer grossen Mehrheit mit den Heimwehren geht, in der Hoff-
nung, durch sie die „gottlose“ und „jüdische“ Sozialdemokratie zertrümmern
zu können.
Wir reden von diesen österreichischen Dingen noch an andern Stellen.
Möge es einem Aufgebot aller guten Geister gelingen, den Dämonen, die auf
den Trümmern der alten Habsburgerherrschait sich tummeln, ihr Spiel zu ver-
derben und wenn möglich sogar „Gutes aus dem Uebel“ zu schaffen.
Der Kampf zwischen Faschismus und Demokratie steht auch °
sonst fast überall auf der Tagesordnung. In Deutschland haben die National-
sozialisten Hitlers einen Aufschwung genommen. Blutige Auftritte bei An-
lass ihrer Tagung in Nürnberg haben ihren Geist kund getan und neuerdings
werden wiederholte Attentate gegen Amtsgebäude und Aehnliches ihnen zur
Last gelegt.') Hugenberg hat vor dem Denkmal des Arminius im Teutoburger-
wald gegen Deutschlands „Versklavung“ durch den Owen Young-Plan demon-
striert. Dem gegenüber haben Sozialdemokraten wie Grescynsky erklärt, wenn
Diktatur sein solle, dann die der Arbeiterschaft, und es käme ihr dann nicht °
darauf an, ihre Gegner an die Laterne zu hängen. Das klingt nicht gerade
demokratisch-pazifistisch! Die wohl regissierte Zehnjahresfeier der deutschen
Republik konnte über diese Dinge nicht völlig trösten.
Doch auch über die deutsche Lage ist schon anderwärts geredet. Fügen
wir hinzu, dass in Frankreich Poincar& aus gesundheitlichen Gründen zu-
rücktreten musste und eine Wendung nach links prophezeit wird.
2. Militarismus und Antimilitarismus,
Da der Kampf zwischen Kriegsgefahr und Friedensbemühungen ohnehin
das Bild der Weltlage so stark bestimmt, ist es nicht leicht, den zwischen
Militarismus und Antimilitarismus auszuyscheiden, doch gibt es immerhin
einige Geschehnisse, die unter diese Rubrik besonders eingereiht werden
müssen. Verzeichnen wir denn zuerst die Tatsache, dass am 27. August der
Kelloggpakt endgültig in Kraft getreten ist. Möge er wirklich und tatsäch-
lich in Kraft treten und nicht bloss Schein bedeuten! Vieles lässt darauf
hoifen. Dann, wenn das geschehen ist, mag der Vorschlag, jenen Tag seines In-
kraittretens zu einem internationalen Feiertag zu machen, ernsthaft werden, —
") Das hat sich inzwischen als Irrtum erwiesen, 14. IX.
412
> 2 ß Pay /BS
Bien! a
Eine Folge der Annäherung zwischen England und den Vereinigten
Staaten ist die Einstellung von schon beschlossenen Kreuzerbauten, sowohl
Oberhand behalten! — Die sogenannte demokratische Friedensbewegung, deren -
in England als in Amerika. Wenn nur die Admiräle nicht doch noch die
Führer Marc Sangnier ist, hat in den Wochen vom 6, August bis zum 4, Sep-
tember einen grossen Friedenskreuzzug veranstaltet, der einen __.
Fr
Teil der deutschen ‚Jugend nach Frankreich führte, wo sie begeistert empfan- '
gen wurde. Ob bei solchen etwas theatralisch-sentimentalen Demonstrationen
‚viel für den Frieden herauskommt, ist mir doch etwas zweiielhaft. Unvergleich- '
lich bedeutungsvoller, ernster, wirksamer ist jedenfalls die Dienstver-
weigerung. Ich verzeichne für die Schweiz den eigenartigen Fall von
Raymond Bertholet, Elektriker in Genf. Er weigerte sich, in die
Sanitätsrekrutenschule zu gehen und bekam dafür am 25. Juli vor dem Divi-
sionsgericht I in Lausanne zwei Monate Gefängnis mit zwei Jahren Entzug “
des Aktivbürgerrechtes. Das Urteil nahm er lachend mit einem „Merci beau-
coup” entgegen. Seine Mutter aber, die als Zeugin auftrat, erklärte: „Ich bin
froh über die Tat meines Sohnes. Sein Verbrechen ist die grösste Genug-
tuung, die er mir, seiner Mutter, hat gewähren können. Ich habe ihn auf
diese „schiefe Bahn“ gewiesen. Ich habe meinen Sohn erzogen in Liebe und
im Vertrauen auf Gott. Und hofite... Heute hat sich mein Hoifen erfüllt.
Mich solltet ihr daher verurteilen, ihr Herren Richter, mich, nicht meinen
- Sohn. Ich bin die Schuldige, ich, seine Mutter!“ Das ist ein „Neues Lied!“
Zum Schlusse dieses Kapitels noch etwas Lustiges. Der zu zweitausend
Mann in Solothurn versammelte schweizerische Unteroffiziers-
verein hat die Resolution gefasst, die man weiter hinten lesen wird.
Ein Kommentar könnte die erheiternde Wirkung dieses Dokumentes nur
stören. Bloss das Eine muss erwähnt werden, besonders für nichtschweize-
rische Leser, dass die Zitierung des Schultheissen Nikolaus Wengi ein
“ arger Lapsus ist. Es verhält sich mit diesem nämlich so: Als im Jahre 1535
die Erregung des Kampfes zwischen Katholiken und Reformierten in der Stadt
Solothurn sehr gross geworden war und die Katholiken schon gegen die im
Rathaus versammelten Reformierten Kanonen auigefahren hatten, da stellte
sich Nikolaus Wengi, der Bürgermeister, vor eine der Kanonen, deren Lunten
Schon angezündet waren und rief: „Soll Bürgerblut fliessen, so fliesse meines
zuerst“ ind verhinderte damit den Ausbruch des Bürgerkrieges. Ausgerechnet
einen solchen typischen Mann des Friedens zitieren die Unterofliziere für ihre
Sache! Nun, man dari von solchen Patrioten ja keine Kenntnis der Schweizer-
geschichte erwarten — der Patriotismus, mit etwas Alkohol begossen, tuts!
3. Schweizerisches.
Auch das, was wir diesmal aus der Schweiz zu berichten haben, steht
vorwiegend unter dem Zeichen dieses Kampfes, Da ist vor allem das Schüt-
zenfest in Bellinzona. Es stand, als wir die letzte Monatsschau
schrieben, auf seinem Gipfel, ist aber jetzt schon halb vergessen. Wie sein
Vorgänger war es ein grosser Spektakel, für den Durchschnitts-Helvetier ein
Anlass zu einer Sommerfahrt nach dem Tessin mit einigen Tagen patriotischen
Müssiggangs und reichlichem Genuss des „Nostrano“ (des Tessiner Landweins)
im besten Fall zum Gewinn einer Ehrengabe, für einige Politiker, Regierungs-
räte, Nationalräte und Bundesräte (die meistens auch Obersten sind) eine
Gelegenheit, vor einer angesäuselten Menge dumme Reden zu halten und in
alkoholisiertem Schiess-Patriotismus zu machen. Diese Möglichkeiten wur-
den denn auch von Volk und Oberen reichlich ausgenützt. Amüsant aber
wurde eine geistliche Episode. Es wurden zur Weihe des Ganzen natür-
lich auch zwei sogenannte Gottesdienste veranstaltet, ein katholischer
und ein protestantischer. Sie sollten dem ganzen Mars- und Bachusfest noch
ein wenig „religiöse Weihe“ geben. Aber siehe da, während zum katholischen
413
otestantischen ausser eıner
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Kultus eine grosse Menge strömte, fand sich zum
bestellten Musik nur — der Pfarrer und ein Kollege ein, sodass der Piarrer
es vorzog, seine Predigt ungehalten zu lassen. Darob grosse en. q
wohl bei den patriotisch-religiösen Schützen und Stammtisch-Brüdern, a
jenen zahlreichen Theologen, die, weil sie ein paar reaktionäre alte Weiber
lich denke dabei an solche män n lichen Geschlechtes!), die Angst vor dem
Umsturz haben, auf Seiten ihrer besonderen neuen Kirchlichkeit wissen, sich
einbilden, schon die Welt an ihren langen Rockschössen zu haben. Man ver-
fiel auf die Erklärung, dieses Fernbleiben sei ein Protest gegen die antimili-
taristischen Pfarrer gewesen und unsere schiessgewehr- und säbelfreudigen
schweizerischen Katholiken, die Cäsar so viel höher ehren als Christus und
auf die päpstlichen Friedensenzykliken pieilen (sich darin so stark von ihren
Glaubensgenossen in andern Ländern unterscheidend'!) zeigen mit Stolz
t) Ich verweise dafür auf die von der Internationale der Kriegsdienst-
gegner herausgegebene Flugschrift „Katholische Stimmen gegen
den Krieg“. Sie enthält Beiträge von Jesuitenpater a Polen,
Don Luigi Sturzo (dem Führer der „Popolari“, jetzt als Flüchtling in London),
Abbe Henri Demulier, Frankreich, Professor der Theologie Dr. Franz Keller,
Deutschland, Pater Franziskus Straatmann O. P., Deutschland, Professor der
Theologie Dr. Johannes Uhde, Oesterreich, dazu ein Vor- und Nachwort von
Martha Steinitz. Die Schrift sollte in die Hand eines jeden Antimilitaristen,
der mit Katholiken zu tun hat. (Sie ist bei der „Zentralstelle für Friedens-
arbeit“, Gartenhofstrasse 7, Zürich 4, zu haben.)
Wer den ganzen Radikalismus kennen lernen will, den man in der katho-
lischen Friedensbewegung antrefien kann, der lese zum Beispiel auch das
August /Septemberheit (Friedensheft 1929) der Zeitschrift „Vom
{rohen Leben“, das in Würzburg (Werkbundverlag) erscheint. Eine solche
Entschiedenheit der Gewissensforderung, eine solche tapfere Wahrhaftigkeit
in der Behandlung der Kriegsschuldirage und eine solche Kühnheit im Auf-
ruf zur Dienstverweigerung wird man im Protestantismus umsonst suchen —
etwa wegen seiner grösseren Tiefe? Damit vergleiche man dann’ folgende
protestantischen Aeusserungen: Im „Journal Religieux de la Suisse
Romande“ schreibt einer (jedenfalls ein Pfarrer) und die „Semaine Religieuse“
druckt es zustimmend ab: „Es ist gewiss richtig, dass in der deutschen
Schweiz einige Piarrer unter dem Einfluss von Professor Ragaz ihre anti-
militaristischen Ueberzeugungen auf der Kanzel zum Ausdruck gebracht ha-
ben, aber in seiner ungeheuren Mehrheit anerkennt der protestantische Klerus,
Du u ne
wenn er auch von Herzen alles unterstützt, was die Völker einander näher
bringen und den Krieg beseitigen will [?], doch beim gegenwärtigen Stand
der Dinge, [besonders beim gegenwärtigen Stand des Pfarrer-Christentums!
d. Red.] die Notwendigkeit der Landesverteidigung. Unseres Wissens ist bis-
her noch kein Pfarrer und kein Theologiestudent wegen Verweigerung des
Militärdienstes oder der Militärsteuer vor den Kriegsgerichten erschienen.“
Nein, die „Diener Christi“ haben es den Laien, meistens einfachen Arbeitern
überlassen, Christus gegen den Moloch und Satan zu vertreten. Sie be-
schränken sich darauf, die Geschichte von den alten christlichen Märtyrern
in der Kinderlehre erbaulich zu erzählen, Das geht ja entschieden auch
leichter. Dieser wundersame Vertreter der Sache Christi fährt dann fort:
„Eine Anzahl Pfarrer, denen es ein Leichtes gewesen wäre, sich davon zu
befreien, tun als einfache Soldaten oder als Öftiziere Dienst, und was die
Theologiestudenten betrifft, belindet sich oit ein so grosser Teil von ihnen
unter den Fahnen, dass der Betrieb der Fakultäten darunter leidet.“ Schade,
dass diese „Prediger des Evangeliums“ nicht gerade unter den Fahnen bleiben
und Instruktionsoffiziere werden, Christus wäre damit besser gedient. . (Vgl.
„semaine Religieuse“, Nr. 33.)
‚ Ungefähr auf der gleichen Höhe des Protestantismus steht ein Einsender
414
WEL EN VE;
lit. Nicht nur lässt sich Mussolini durch unsere Flinten wenig
en doch die wichtigsten Schweizerstädte samt den Gotthard-
ie italienischen Kanonen, um von den Lufitgeschwadern ganz
me), den Tessin aber würde man wirksamer mit der Schweiz verbinden,
an seiner ökonomischen Notlage ernstlicher abhülfe und vielleicht
h noch eine Universität ermöglichte.
-berhaupt ist von dem Eifer, mit dem die vom Faschismus verursachten
/orgänge im Tessin bei uns veriolgt werden, zu sagen: trop de zele! Ge-
wiss, es geht dort allerlei Arges. Arg ist die Verhaftung des Eisenbahn-
rbeiters Peretti, der so unvorsichtig war, sich nach Italien zu wagen und
der nun in einem italienischen Kerker sitzt, ohne dass man auch nur genauer
- wüsste, warum, offenbar bioss, weil er dem Faschismus verhasst geworden ist,
£ er wenn man bedenkt, wie das gleiche Schweizervolk staarblind ist für die
dringt, dann muss man sich über diesen Mangel an Instinkt wundern, der dort
Järmt, wo die Gelahr mehr scheinbar, und dort schweigt, wo sie sehr wirk-
_ lich ist. Und ganz unrecht hat Francesco Chiesa, der Dichter und Schuldirek-
- tor, nicht, wenn er seine Landsleute vor schweizerischer Kleinlich-
_ keit warnt. Sie ist eine unserer schwersten Gefahren.
1 Jedentalls sind die internationalen Munitionsfabriken, zu
_ denen sich neuerdings noch eine in Solothurn gesellt habe, eine noch
grössere Bedrohung für die Schweiz als der Faschismus im Tessin! Point
-d’argent, point de Suisse! :
Aber halt doch — wer mag auch von Gefahren reden, denen die Schweiz
ausgesetzt wäre, da „wir“ doch im Pistolenmatch in Stockholm Sieger
geblieben sind!
4. Soziales.
Das soziale Leben zeigt nicht weniger als das politische das Bild einer
weiten vulkanischen Landschaft, aus welcher da und dort Rauch oder auch
Flammen hervorbrechen, die unterirdisch schwelende Glut verratend.
Der Kampf zwischen Sozialismus und Faschismus, von dem
im „Freien Rätier“: „Sicher ist, dass der Tessiner Bergpfarrer, der mit seinen
„Convallereani“ die edle Schiesskunst pflegt, fester im Volke verwurzelt ist
f [besonders, wenn er mit ihm noch im Wirtshaus sitzt und den Jass macht,
was ja als Ideal eines volkstümlichen „Prädikanten“ gilt. D. Red.] als der welt-
fremde evangelische Piarrer, der seine Bauern mit pazifistischen und anti-
militaristischen Sprüchen füttert [was selbstverständlich keiner tut. D. Red.]
und je länger je mehr zur Kirche hinauspredigt [was oft nicht das schlimmste
= ist].“
Wie weit muss es mit einem Protestantismus gekommen sein, der nur noch
_ protestiert, wenn sich der Protest des Gewissens gegen gottwidrige Mächte
erhebt und sich diesen als durchaus brav und harmlos, ja als zuverlässige
Stütze empfiehlt. Wahrhaltig, wenn die Kirchen eines solchen Protestantismus
leer werden, so ist das für Christus lauter Gewinn.
3
E 415
2
Zr - N Er... = & es .
eine Demonstration gegen den Fa-
schweizerische Art des Tessin sein
gen, zerstört werden, ohne dass ein Schweizergewehr zum Schies-
istige und wirtschaftliche Eroberung, die von anderer Seite her es durch-
PM EM ua Ru, EIER n2 MM fr 93 N
RER Wr E ES EU: Y j EEE
vorhin geredet wurde, bleibt einer der dauernden Züge, des im übriger
wechselnden Bildes. Soziologisch interessant und für ein sozialistisch
‚ finden tragisch ist aber die stets wiederkehrende Sr von der zw
ihm und dem Bolschewismus herrschenden ‚Sympathie, Sie hat s
v2 der Berichtszeit durch gegenseitige Flieger- und (wenn ich nicht irre) Kri
flottenbesuche aller Welt lärmend kund getan. Was ist es wohl, das <
E, Sympathie erklärt? Ist es die gegenseitige Freude am Gewaltglauben und
„ nen Scheineriolgen, auch wenn sie, wie in Italien, auf Kosten des andern
Ju rungen sind? Ist es überhaupt die nahe Verwandtschaft, die sich gelegentlich
als Sympathie äussert? h BARS.
we Der Faschismus in Italien hat in diesen Monaten neben den üblichen
Gewalttaten (z. B. dem Fall Roselli, den Fall Peretti haben wir vorhin g
° nannt, es sind natürlich nur einige Beispiele von vielen) einige arge Kor
ruptionsafiären gezeigt. Der faschistische Bürgermeister von Mailand
musste wegen unerlaubtem Millionengewinn durch Terrainspekulationen ab.
gesetzt werden und aus Turin werden schwere, durch hervorragende Faschi-
sten begangene Erpressungen gemeldet. Soweit scheint es also mit der be-
rühmten faschistischen Reinigung nicht her zu sein. In Russland zeigt die
analoge Affaire von Astrachan mit andern ähnlichen Fällen dasselbe Bild.
Tyrannei und Korruption gehören immer zusammen. Ueber die italienische
Wirtschaftslage wird sehr Bedenkliches berichtet. Das verhindert nicht, dass”
. Mussolini 200 Millionen Liren nur für Spionage zur Verfügung hat.
Bei uns in der Schweiz haben am 1. August der Bundesrat und einige Kan
tonsregierungen, diese durch das ganz unnötige Verbot von kommunistischen
Versammlungen, wieder selber in Kommunismus gemacht. Dass dahinter eine
recht raffinierte Taktik steckt, bleibt meine Ueberzeugung. Wo man die Kom-
munisten ruhig machen liess wie in Zürich, geschah nicht das Geringste. Be
sonders bedenklich ist die Tatsache, dass dem eidgenössischen Per-
sonal die Beteiligung an kommunistischen Versammlungen ausdrücklich ver-
boten wurde. Wie man sich im übrigen zu den Kommunisten stelle, so muss
jedenfalls diese politische Bevormundung des eidgenössischen Personals als
Verstoss gegen die Bundesveriassung und gegen die bürgerlichen Rechte ver-
urteilt werden. Die Kontrolle der politischen Gesinnung der Angestellten, ge-
legentlich mit Massregelung verbunden, scheint auch sonst immer mehr zuzu-
nehmen. Dagegen wird in Bälde eine sehr scharfe Aktion notwendig sein, sonst
entsteht daraus eine unerträgliche Tyrannei und Korruption, und Kommunisten
kann man damit natürlich auch züchten,
Korruption und Kommunistenzüchtung muss man es wohl auch nennen,
wenn in Deutschland der Sohn von Hugo Stinnes, der an ganz üblen, mit
der Inflation, vielmehr der Aufwertung zusammenhängenden Spekulationen
beteiligt war, die den Staat um Millionen bestehlen sollten, freigesprochen
und die Schuld einigen Angestellten zugeschoben wurde. Es ist die alte, immer
wahrer werdende Geschichte von den kleinen und den grossen Dieben. Ä
Von Arbeitskämpfen ist vor allem das Ereignis von Lupeni in
Rumänien zu melden. Bei einem Streik von Bergleuten, die jammervoll bezahlt
und behandelt werden (jenes ganze grosse Land ist trotz der neuen Regierung‘
von Korruption angefüllt bis zum Rande) wurden sechszig von diesen er-
schossen und natürlich entsprechend viele verletzt. Auch bei diesem Anlass
soll ein gewisses Zusammenwirken faschistischer und kommunistischer Ele
mente stattgefunden haben.
„Die grosse Aussperrung von Textilarbeitern in Lanca-
shire ist durch eine Vereinbarung, die nur teilweise für die Arbeiter günstig
lautet, aufgehoben worden. Ein Streik in der Konfektionsindu-
strie von neun Städten der Vereinigten Staaten, der gegen 80,000
Arbeiter (wohl vorwiegend weiblichen Geschlechtes) umfasste, hat einen für
diese sehr günstigen Abschluss erfahren, j
y» e-
416
N rn 5 Mr ' L n Ei h:
DieGewerkschaftsbewegung wächst in aller Stille!) Es scheint
Aussicht zu bestehen, dass es zu einem Be As der
Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale mit dem‘
amerikanischen (d. h. nordamerikanischen) Gewerkschaits-
bund, der American Federation of Labour (A.F.L.) kommt, die sich bisher,
_ dem übrigen Beispiel der Vereinigten Staaten folgend, abseits hielt, Freilich
müsste die Internationale dafür den Preis bezahlen, dass sie ihren Ein-
Huss auf die südamerikanischen Gewerkschaften aufgäbe, Ob dieser Preis
nicht zu hoch wäre? Aber ein Zussmmenschluss der Internationale mit diesem
wichtigen Teil der Arbeiterbewegung ist im übrigen schon aufs höchste zu
wünschen.
Die Amsterdamer Internationale hat auch Richtlinien für eine
S Wirtschaftspolitik der Gewerkschaften herausgegeben. Sie
sind sehr vorsichtig, sehr auf das unmittelbar Erreichbare gerichtet. Vielleicht
_ wäre etwas mehr Kühnheit der Zielsetzung doch besser. Auch für den Kampf
mit den Kommunisten, der ja auch auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens tobt.
Es gibt ja eine „Rote“, d. h. kommunistische Gewerkschaftsinternationale, die
g
>
S
durch „Zellenbildung“ überall in die andere einzudringen versucht. Der Streit
hört nie auf. Aber eine zu grosse Behutsamkeit (deren Gegensatz noch nicht
Demagogie sein müsste) bringt die Gefahr mit sich, die im guten Sinne radi-
kalen Arbeiter zu den Kommunisten zu treiben. In England freilich scheint
diese Gefahr gering. Dort melden sich aufs neue sogenannte wirtschafts-
friedliche Bestrebungen (in Form einer Zusammenarbeit zwischen
Rh
Van
u,
Arbeitern und Unternehmern), die auch von „radikalen“ Führern warm emp-
fohlen werden.
Fügen wir noch hinzu, dass die Kohlenkrise eines der wirtschaft-
lichen Hauptprobleme der Zeit, nicht zum wenigsten wegen dem Zusammen-
hang mit den Reparationen immer mehr in den Vordergrund der Verhand-
lung tritt. N
In der Schweiz zeigt die Wirtschaftspolitik (das Wort ist zu schön für
die Sache) des Bundesrates ihre üblen Folgen immer wieder. Er hat neuer-
dings den Zoll auf Butter und Schweinefiett so stark erhöht, dass lebhaite
Klagen der Konsumenten laut werden, und handhabt die statistischen Gebüh-
ren, die mit der Regelung der „Getreidefrage“ zusammenhängen, so, dass
daraus wieder eine Art Verzollung wird. Das Schlimmste an der Sache —
weswegen wir sie auch nennen — ist, dass damit der Zwiespalt zwi-
schen Bauer und Arbeiter immer wieder genährt wird. Es ist den
in, Betracht kommenden Politikern durchaus zuzutrauen, dass diese Absicht
dahinter steckt. Darum sollte die Führung der Arbeiterschaft darauf nicht
hineinfallen. Sie muss auch wissen, dass die Not eines Teiles der
Landwirtschaft gross ist, wer immer sie verschuldet haben mag.
Grosses Entgegenkommen ist geboten und bei der guten, zum Teil glän-
zenden Lage von Handel und Industrie auch möglich. Nur sollten die Me-
thoden anders werden.
5. Kirchliches und Religiöses.
Um beim Sozialen anzuknüpfen, so bewegt es doch wieder mehr und
mehr die Kirchen und das Christentum überhaupt. In Oesterreich haben
unsere Freunde, die katholischen religiösen Sozialisten sich
an den Wiener Erzbischof Pifil gewendet mit der Bitte, doch dafür zu sorgen,
dass die katholische Kirche nicht länger für die Heimwehren Partei ergreife,
damit die politische Neutralität der Kirche preisgebe und den Bürgerkrieg
1) Um welche Kräfte es sich dabei handelt, zeigt z. B. die Notiz, dass
allein die Einnahmen der deutschen Gewerkschait im Jahre 1927
182,252,326 Reichsmark betrugen. Davon wurden 62,540,817 auf „Unterstützun-
gen“ und 32,540,817 auf „Arbeitskämpfe“ verwendet.
417
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ar 13 a BIN Br 1 j akz
herbeiführen helfe, Wir b ingen die E
falls ein weiser und wirksamer Schr
gratulieren können. R
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Piarrer Emil Fuchs in Eisenach, unserem Freund und Mitarbeiter. Dieser
Vu 7
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’ L a a
“Wenig weitsichtig ist das Verhalten des Erzbischofs von Frei
Breisgau eceliihe vitde Heller, dem Führer der deutschen „Ch
sozialen Reichspartei“, den er wegen angeblichen Verstössen gegen die
lische Lehre in eine Art Bann getan hat. In Wirklichkeit handelt es
um einen Verstoss gegen die konservative Auffassung v
tik und Ethik, die dieser Kirchenfürst, wie so viele Theologen u
aller Konfessionen, mit dem Christentum verwechselt. Vitus Heller (den
in unserm Aufsatz über Katholizismus und Sozialismus auch zitiert haben)
eine der eigenartigsten und erfreulichsten Gestalten des heutigen Deutsch!
Er vertritt einen proletarischen religiösen Sozialismus auf katholischem Bo
Dazu einen religiösen Antimilitarismus so radikal als möglich. Seine Ze
„Das neue Volk“ ist eine herzerquickende Lektüre.‘) Solche Männer re
die Kirche, von deren Priestern sie verurteilt werden. %:
Das Gleiche gilt — im protestantischen Lager — von einem Mann ı
goldlautere, tiefe, ebenso versöhnungsbereite als tapfere und entschiedene Mann,
einer der Besten, den sie draussen haben, muss sich nicht nur von politise 1
Gegnern die unflätigsten Beschimpfungen gefallen lassen (ein gewisser Wil-
helm Stapel, Herausgeber der Zeitschrift „Deutsches Volkstum“, hat sich
neuerdings dadurch ausgezeichnet; er sei hiermit an den Pranger gestellt! ),
sondern ist immer auch Anfechtungen von seiten der kirchlichen Kreise und
Behörden ausgesetzt. Gottlob und Dank übrigens — so schwer das oft für
ihn sein muss! Denn was wäre eine solche Sache, wenn sie nicht Anfechtung
aller, auch der schlimmsten Art, eintrüge! Matth. 5, 10—12.
- Bei uns in der Schweiz hat sich inzwischen in Safenwil eine sehr
interessante Wendung vollzogen. Die kirchlichen Separatisten, die sich einem
altkatholischen Pfarrer (und freisinnigen Logenbruder!) gegen Pfarrer Ott
verschrieben hatten, sind, 130 Köpfe stark, zur altkatholischen Kirche über
getreten. Man stelle sich das vor: diese Leute haben bis vor kurzem zum
weitaus grössten Teil gewiss keine Ahnung vom Vorhandensein und Wesen
einer altkatholischen Kirche, und nun treten sie mit Sack und Pack zu ihr
über. «Warum? Weil in Safenwil ein Pfarrer predigt, der sich weder vor
Mars noch vor Mammon verbeugt. Insolchen Fällen behält der Geschichts-
materialismus recht. Ich bin längst überzeugt, dass ein nicht kleiner Teil
unserer Bettags-, Tauf-, Konfirmations-, Trauungs- und Beerdigungschristen
nach irgendwelchem „Glauben“ griffe, wenn er ihnen nur Sicherheit
vor Sozialismus und Antimilitarismus gewährte. Man wird in dieser Bezie-
hung vielleicht noch allerlei erleben. Dass es aber etwas gibt, das allem „Ma-
terialismus“ überlegen ist, beweist doch auch wieder die gleiche Gemeinde
Safenwil, die ruhig den Abzug der grossen Geldsäcke erträgt und, wie man ver
nimmt, mit nur immer grösserer Begeisterung zu ihrem Pfarrer hält. Und
dass auch die christkatholische Kirche in ihren besten Gliedern an solcher
BEIDEN, wenig Freude hat, beweist der Protest, den man anderwärts
iest.
an sich ja wichtig genug sind, aber im rechten Zusammenhang) bald wieder
sehr an Bedeutung zurücktreten. Die Fälle Knote in Baireut, Busch
Gegenüber diesen Problemen werden die mehr theoretischen =
in Dresden, zweier Pfarrer, die wegen Verstössen gegen die Gottesdienstord-
‘nung, d. h. Ablehnung des Apostolicums (im Fall Knote) und gegen. das
Dogma (im Fall Busch) gemassregelt werden — beides scheinen ausgezeich-
nete Pfarrer zu sein, Busch war einmal Mitarbeiter der „Neuen Wege“,
1) Sie erscheint in Würzburg, Karthause 11a,
418
=; .
r I PS
a id Dre » 3 Ar
- persönlich — sind unzeite
A RS = ‚ |
pe eitgemäss im schlimmen Sinne. Die
jetzt anderes zu tun und nur viel extremere Fälle dieser Art, als
. orzuliegen scheinen, könnten sie zum Einschreiten veranlassen. Sie gehe
einen andern Weg und diese Fälle werden von selbst verschwinden. Matth.
F
E6,33. ;
Be .. BAER 5. Kultur und Unkultur. x Eis
„Man muss in diesen Zeiten zunehmender Entmenschung alle Tatsachen, 20
die eine andere Linie, die der Menschwerdung, innehalten, sorgfältig fest- =
‚halten. Eine solche ist es, wenn die Frau des Präsidenten Hoover den Mut
hatte, die Frau des Negerabgeordneten von Illinois, de Priest, ins Weisse
Haus zu einem offiziellen Tee einzuladen. Dreimal bravo! Denn das bedeutet
in Amerika etwas. Gross war der Entrüstungssturm der hundertprozentigen hr
Amerikaner, aber Frau Hoover hat eine Tat getan, die ihres Quäkertums und 3
ihrer Stellung würdig ist.
„In Amerika geht zurzeit ein Krieg seltsamer Art vor sich, dem wir _
_ bei weitem nicht genügende Aufmerksamkeit schenken: den Prohibitions- 3
krieg kann man ihn nennen. Zwischen den Alkoholschmugglern auf der einen j
und der Regierungspolizei auf der andern Seite findet tatsächlich zu Wasser 3
- und zu Land ein solcher Krieg statt und wird mit äusserster Erbitterung |
_ gelührt. Kleinere wohlbewafinete Motorboote und auch grössere Kriegsschifie
verfolgen die natürlich ebenfalls bewafineten Schmuggler auf den riesigen
- ‚Grenzseeri gegen Kanada hin, und an den Ufern des Ozeans und auch in den
' Strassen der grossen Städte kommt es zu ganzen Gefechten, in denen es Tote
und Verwundete gibt. Man mag von der Prohibition halten, was man will,
i dieser Krieg hat jedenfalls etwas sehr Bedeutsames. Er erinnert fast an die
\
Vorgänge, die den grossen Sklavenbefreiungskrieg einleiteten. Präsident Hoo-
ver scheint fest entschlossen zu sein, dem Gesetz Nachachtung zu verschaffen.
Solch grossen Dingen gegenüber ist es eine unbedeutende Sache, soll
- aber doch gemeldet werden, dass das Stimmvolk von Baselstadt mit gros-
‚ser Mehrheit an einem Verbot des Schnapsausschankes in den frühen Morgen-
stunden, das die Wirte und ihre Freunde beseitigen wollten, festgehalten hat.
e' Jedenfalls sind solche Dinge für die Zukunft der Menschheit unvergleich-
A lich wichtiger als der Weltilug des Zeppelin, von dem die Zeitungen
aller Hemisphären voll sind. Ich versage solchen Leistungen ein für allemal
diese Art von Respekt. Nichts ist heute leichter als technische Erfolge. Wir
wissen nun längst, dass der homo faber und homo intellectualis derglei-
chen vermag, möchten aber gerne etwas mehr sehen, ob er auch anderes ver-
x mag, nämlich Selbstüberwindung, Besiegung der dämonischen Mächte, die uns
_ mit Untergang bedrohen. Wenn zwei junge Schweizer — Käser und Lü-
scher — vom Rekordiieber überwältigt, bei ihrem tnbedachten Versuch,
mit einer ganz ungenügenden Ausrüstung den Ozean zu überfliegen, ums
Leben gekommen sind, so haben freilich die Philister, die sie im Falle eines
Erfolges vergöttert hätten, gänzlich kein Recht, sie zu verurteilen (wie Rusch
ihnen klassisch nachweist), aber schlimm ist es doch, wenn die Jugend durch
Technik und Sport so ganz auf äusserliche Abenteuer hingelenkt wird.
Bei alledem kommt für den wirklichen Fortschritt des Guten doch rein nichts
heraus. Die Tat der Frau Hoover ist in meinen Augen mehr wert als ver-
‚schiedene Zeppelinflüge um die Welt. Wen das beisst, der kratze sich!
Bedeutsamer auch als der Zeppelinflug ist die ungeheure Sauerstoii-
explosion in Berlin-Tegel, die uns wieder einen Vorgeschmack
davon gibt, was uns erwartet, wenn wir nicht auf diesem Wege umkehren,
ähnlich wie es die unaufhörlichen Katastropheninden Munitions-
und Giftgasfabriken tun. Mene tekel! Es sind in die Hand des heuti-
gen, gottentiremdeten, aller höheren Bindung entbehrenden Menschen gigan-
tisch-dämonische Kräfte gegeben. Wehe, wehe, wenn dieser Mensch sie
benützt und selbst von ihnen benützt, von ihnen besessen wird!
Parpan, 6. September 1929. L. Ragaz.
419
1. Zur Weltpolitik. Die mit der gegen
Völkerbundes verknüpften Ereignisse halte ich für |
Beitritt Englands und seiner Dominions zur obligatorischen
barkeit (der sogenannten fakultativen Klausel), dem nun endgültig Frank:
dazu Italien und viele andern Staaten gefolgt sind, schliesslich woh
übrigen noch folgen werden, ist doch wohl ein grosses Ereignis. Eb
ist wichtig Hendersons und Anderer Vorschlag, den Kelloggpakt derart in den
| Völkerbundspakt einzubauen, dass die darin bisher noch enthaltene Erla 4
if zur Kriegetähnung aufgehoben würde. Endlich haben dieReden MacDonal Ss,
Briands, Stresemanns und Anderer trotz aller Vorbehalte, die man machen
muss, ihre grosse Bedeutung. Darüber das nächste Mal mehr. N \
Es ist auch zu melden, dass die Verständigung über die Abrüstung
der Flotten zwischen England und den Vereinigten Staaten aui gutem
Wege und der Beitritt der Letzteren zum Haager Schiedsgerichts-
hot gesichert ist. cr N -
2. Zum Kampf zwischen Militarismus und Antimili-
tarismus. Sehr wichtig sind die Enthüllungen Shearers, der als be-
zahlter Agent sowohl einiger der wichtigsten amerikanischen Schilfsbau- und
Stahlwerk-Gesellschaiten als auch der Admiralität den Auftrag hatte, an der.
Konferenz für Flottenabrüstung im Jahre 1927 die Bestrebungen der eigenen
Regierung zum Scheitern zu bringen. Das ist nur eine weitere Illustration
dessen, was Lehmann-Rusbüldt in seiner Schrift: „Die blutige Inter- ”
nationale“ nachweist. Ob den Völkern über solchen Dingen endlich die Augen
aufgehen? »
3. Zum Sozialen. In Genf tritt die Wirtschaltspolitik im
mer mehr in den Vordergrund, was sehr bedeutsam ist. Es soll das Kohlen-
und Zuckerproblem von einer besonderen Konferenz behandelt werden
und ist ein Zoll-Waffenstillstand von zwei Jahren vorgeschlagen.
Sonntag, den 8. September, haben an mehreren Orten der Schweiz jene
grossen Demonstrationen für den Frieden stattgefunden, die un-
seres Wissens auf Beschlüssen der Zweiten Internationale beruhen. Eine ge-
wisse Regie hat durch die ganze Anordnung dieser Demonstrationen, die
Auswahl der Redner und anderes dafür gesorgt, dass die Sache nicht so
ernsthaft wurde, wie es der Stimmung der Arbeiterschaft wohl ent
sprochen hätte.
4. ZumKirchlichen. An der Versammlung des Welt-Kirchen-
bundes in Eisenach wurde unter anderem auch die sorgfältige Ausbildung
christlicher Journalisten beschlossen. Was würde wohl Kierke-
gaard dazu für ein Gesicht machen? — Der Kampf des Bolschewis-
mus gegen die Religion verschärft sich. Neuerdings hat er einen
grossen Schlag geführt: auf Befehl des Volkskommissärs für Erziehung,
Lunatscharsky, wurde das altheilige Bild der iberischen Gottesmutter aus der
Kapelle am Eingang zum Kremel weggenommen und irgendwohin gebracht.
Von diesem Kampf auch ein ander Mal mehr.
5. Zum Kulturellen. Aus Indien wird eine furchtbare Ueber-
schwemmung gemeldet, die ein Gebiet doppelt so gross wie die Schweiz
betroffen habe.
14. September.
re ar Eee
; | Dokumente,
1. Die Resolution der Unterofliziere. Die zu einem Rapport zusammen-
berufenen Sektionspräsidenten des schweiz. Unteroffiziersverbandes fassten
einstimmig folgende von Unteroffizieren aller Waffen, Zürich, eingebrachte
Resolution:
„Wir, die Unteroffiziere und Soldaten aller eidgenössischen Orte, Waffen
und Altersgrenzen, aller Konfessionen, sozialen Schichten und Landessprachen,
zu ernster Arbeit in der alten Soldatenstadt Solothurn versammelt, erheben
420
sse von St. L
E Ss die Gefahr eines Bürgerkrieges in Oesterreich ange-
cnseı 1S . R , t D
Die Zuspitzung der politischen Gegensätze ist derart, dass alle, die sich
alt zu begegnen, auch kein Mittel unversucht lassen dürfen, das diesem
ele ernstlich dienen kann.
- , Von solchen Erwägungen ausgehend, erlauben wir uns daher im Namen
der Katholischen Arbeitsgemeinschaft im Bund der religiösen
Sozialisten, aber auch in dessen Namen und im Namen aller, die aus christ-
lichem Gewissen heraus an der Aufrechterhaltung des
- inneren Friedens arbeiten, die Aufmerksamkeit E. E. darauf zu
lenken, wie sehr der inneren Befriedung unseres Staates dadurch gedient
_ wäre, wenn Sie Vorkehrungen treifen würden, die es unmöglich machen,
_ dass Wehrformationen aller Art in geschlossenen Zügen und uniformiert an
kirchlichen Feiern teilnehmen und dass Wimpelweihen für Wehrverbände
—- stattfinden.
e Wie die Tatsachen beweisen, werden solche religiöse Feiern von rechts-
- stehenden Wehrverbänden derzeit mit Bedacht dazu missbraucht, um die
- von den Landeshauptleuten im Bereich Ihrer Diözese erlassenen und für alle
_ Wehrverbände geltenden Aufmarschverbote zu umgehen. Die dann in der
- Folge solcher religiöser Feiern auftretenden politischen Demonstrationen und
— Exzesse gefährden im höchsten Grade den inneren Frieden, sie tun auch das
ihre, um religiöse Einrichtungen in Misskredit zu brin-
en.
- Eine Aktion wie jene, um die wir mit obigem Hinweis ersuchen, wäre
nicht nur eine Tat zur Aufrechterhaltung des inneren Friedens und der Siche-
rung der Weiterentwicklung unseres Staates auf legalem Wege, sie wäre zu-
gleich ein sichtbares Zeichen für die Neutralität der Kir-
che in politischem Kampfe und für den Verständigungswillen in
bezug auf das Verhältnis zwischen der Kirche und dem sozialistischen Prole-
tariat, von welchem Verständigungswillen die letzte katholisch-soziale Tagung
“ nach dem Willen der Bischöfe zeugen sollte. i
Eine solche Aktion liegt also derart im allgemeinen und im Interesse der
- Kirche selbst, dass wir sie wohl zuversichtlich erwarten können.“
=: 3, Erklärung christkatholischer Geistlichen. „Die unterzeichneten Geist-
lichen der christkatholischen Kirche der Schweiz erklären öffentlich ihr
tiefes Bedauern bezüglich der Stellung, welche der christkatholische Piarrer
von Aarau, Ludwig Meier, in der Angelegenheit der reformierten Kirch-
gemeinde Safenwil (Kt. Aargau), entgegen der ablehnenden Haltung der christ-
katholischen Zentralbehörde, infolge seiner freimaurerischen Verbundenheit
# eingenommen hat. Sie tun dies aus folgenden Gründen: a
F- 1. Weil sie der Ansicht sind, dass die in Safenwil entstandenen Schwierig-
€ keiten eine Teilwirkung jener allgemeinen Krisis darstellen, die überall zu
N i 421
BE
jewissen verpflichtet fühlen; den Gefahren eines Bürgerkrieges mit aller
a r Hr Er EA ar a
ö Ki Be >> 2er r } P r RN 4 rs na r e “
ER erwarten ist, wo das Evangelium ohne Ansehen der Person verk
1 mit dem Gehorsam, den Christen ihrem alleinigen Herrn schulden
er zuletzt im sozialen Leben — ernst gemacht wird; Na:
2, weil sie der Ueberzeugung sind, dass es sich im vorliegenden
durchaus um eine protestantisch-innerkirchliche Angelegenheit handelt, w
dit Einmischung eines Geistlichen anderer Konfession nicht verträgt;
N 3, weil das Verhalten von Pfarrer Meier — welches im Dienst einer ©
ve sichtlichen Boykottbewegung steht — von ihnen als dem Geiste der ökumeni
EN schen Zusammenarbeit der christlichen Kirchen, für deren Sinn und Ziel si
PR, die christkatholische Bewegung von Anfang an eingesetzt hat, entgegen ge
richtet erachtet wird. ep
Einige der unterzeichneten Geistlichen haben schon vor dem allgeı
F Bekanntwerden des Falles gegen das Verhalten des betrefienden Pfarrers Ver-
wahrung erhoben. Sie würden es im wohlverstandenen Interesse der christ-”
katholischen Kirche und um der rechten zwischenkirchlichen Beziehungen
len begrüsst haben, wenn die christkatholischen Behörden ihre ablelınende
Haltung gleich zu Beginn durch eine öffentliche Erklärung dargetan und ihrer
Aeusserung durch eine klar gestellte Alternative Nachachtung verschalf
hätten. -
Unterschriften:
Prof. Dr. A. Gilg, Bern; Pir. ©. Gilg, Luzern;
Pfr. H. Gschwind, Zürich; Pir. M. Heinz, Zürich;
Pir. P. Heinz, Hellikon; Pir. Lic. E. Stuiber, Biel.
Professor Einstein als „Anstiiter“. Unsere Militaristen werden nicht müd
diejenigen unter uns, die Krieg und Militär nicht für Heiligtümer halten und
nach einem viereinhalbjährigen Weltkrieg mit alles in allem dreissig Millioner
Toten es nicht für nötig halten, ihre Meinung zu verbergen, als „Anstifter“
zu verleumden, die, hinter dem warmen Ofen sitzend, die andern zur Dienst
verweigerung aufhetzten, sich selbst aber klug in Sicherheit hielten. Davon
nächstens ein kräftiger Spruch, wir kommen nicht mit allem nach,
Heute wollen wir einem andern das Wort geben, nämlich dem berüh
testen Gelehrten der Gegenwart und einem der grössten aller Zeiten, Professor
Albert Einstein, der zugleich zu den wenigen gehört, die 1914 nicht
umgefallen sind.
Die in Prag erscheinende Monatsschrift „Die Wahrheit“ hat einer Reihe
von Persönlichkeiten, die mit der Friedensbewegung verbunden sind, die Frage
vorgelegt: „Wie würden Sie sich für den Fall des Wiederausbruches eines
Krieges; respektive Weltkrieges, verhalten?“ Die Antwort Einsteins, wie di
anderer Kriegsdienstgegner zu veröfientlichen wurde der „Wahrheit“ (mit ei |
bundenem Munde) von der Zensur nicht gestattet. Von fünfzehn Antworten
wurden acht unterdrückt. © Masaryk, und das in deinem Lande! N
Die Antwort Einsteins lautet: „Ich würde mich unbedingt weigern, direk-
ten oder indirekten Kriegsdienst zu tun, und ich würde meine Freunde zu
derselben Haltung zu überreden suchen, ganz ohne Rücksicht darauf, wie wir
die Ursachen des Krieges beurteilen würden.“
Bei einem andern Anlass äusserte sich Einstein folgendermassen:
„Friedliche Sireitschlichtung ist nur möglich, wenn die Kampfheere allent-
halben abgeschafit werden und ebenso jede Militärpflicht. Einstweilen wäre
es förderlich, wenn alle Menschen von Ansehen für die prinzipielle Militär-
dienstverweigerung einträten,“ ı
Aus: Records of Progress (Dokumente des Fort-
schrittes, April 1929).
Redaktor Rusch zum Bellenzer sogenannten Gottesdienst. Redaktor Rusch
schreibt in den Republikanischen Blättern vom 10. August zu dem berüchtigt
gewordenen Bellenzer Schützen-Gottesdienst unter anderem folgendes:
422
Got wie danken wir dir, dass wir nicht sind wie
liese Reiormierten.“ Bekanntlich hat man den Bellenzer Schützen-
rummel religiös zu garnieren gesucht und zwei mächtige Feldgottesdienste
jeranstalten wollen. Beim katholischen Feldgotiesdienst hielt Monsignore
Saccarini, der Bischof von Lugano, selber die Festpredigt. Dieser Gottesdienst
war in Massen besucht, teils von Neugierigen, teils von Katholiken, welche
_ diesen etwas erleichterten. Anlass, Gott und dem Festgeist dienen zu können,
_ benutzten. Zum gleichzeitig veranstalteten reformierten Feldgottesdienst hat
sich tatsächlich sozusagen niemand eingefunden, sodass er gar nicht abgehal-
_ ten werden konnte. Das hat nun eine Reihe katholischer Zeitungen veranlasst,
über das reformierte Christentum unseres Landes wie über eine zum Abbruch
ausgeschriebene Kirche zu schreiben und von den Prädikanten zu behaupten,
sie hätten kein Volk mehr um sich. Zu diesen Ueberheblichkeiten steht uns
Katholiken gar keine Befugnis zu. Fürs erste ist der reformierte Christ durch
kein Kirchengebot gehalten, dem sonntäglichen Gemeindegottesdienste beizu-
; wohnen. Die. reformierte Religiösität beruht auf Freiwilligkeit und innerem
- Bedürfnis. Und zum zweiten ist der reformierte Christ in religiösen Dingen
konsequent. Diejenigen nicht zahlgeringen Reformierten, weiche in der den
meisten Katholiken unbekannten, starken religiösen Strömung stehen, welche
seit etwa zwanzig Jahren unser Land durchflutet, sind nicht nach Bellinzona
gegangen und werden an eidgenössischen und kantonalen Festen überhaupt
“nicht zu treiien sein, weil sie wissen, dass in dieser Festerei ein Geist zur
Geltung kommt, gegen den jeder, dem etwas an der Lebendigwerdung Christi
im Volke liegt, wenigstens durch passive Resistenz, zu protestieren verpflichtet
ist, weil unter der Herrschaft dieses Geistes unsere Nation verblödet und ent-
-artet. Diejenigen aber, mit der Kirche ohnehin ausserhalb eines intimeren
Verhältnisse stehenden Reiormierten, die an der eidgenössischen Knallerei
— mitgemacht haben, waren wenigstens so logisch, um einzusehen, dass ein
—_ christlicher Gottesdienst nicht zum Schützenstand passt und dass man besser
Gott nicht in ein Getriebe hereinzerrt, in welchem ihm doch sonst herzlich
_ wenig darnach gefragt wird. Es ist keine Unehre und ist kein Zeichen geisti-
gen Todes, wenn, was richtig ist, das reformierte Christentum auch unseres
Landes gegenwärtig eine heftige innere Krise durchmachen muss, die in die
tiefsten Tiefen prinzipieller Entscheidungen geht. Dass in Bellinzona kein
reiormierter Schützenstandgottesdienst möglich war, beweist, dass sehr viele
diese Entscheidung schon getroffen haben. Die einen im Sinne der Welt. Die
waren dort, aber nicht um Gottesdienst zu feiern. Die andern im Sinne des
Evangeliums. Die waren nicht dort, weil sie nicht mehr schiessen als sie
unbedingt müssen. Daran ist nichts auszusetzen und vom katholischen Stand-
“punkt aus nur zu wünschen, dass die-Zeit nicht mehr zu fern sei, da auch
Bischöfe sich dafür bedanken, als Dekoration für ein Schützenfest beigezogen
zu werden. Die Kirche darf diese Rolle füglich unseren festfreudigen Bundes-
räten überlassen, die überall dabei sind, wo das Volk in unverantwortlicher
Weise Geld verschleudert und dem Alkoholkapital Opfer bringt, die man für
"einen vernünftigen Zweck je länger je weniger aus ihm herausbrächte.
Sogenannte Wehrhaftigkeit des Proletariates, österreichische Vorgänge und
Religiös-Soziale. Nationalrat Dr. Arthur Schmid, Redaktor des soziaidemokra-
tischen „Freien Aargauer“ hat es für angebracht gehalten, die österreichischen
Vorgänge zu einem Vorstoss gegen die Religiös-Sozialen auszunützen, Er
wiederholt zu diesem Zwecke den stereotypen Vorwurf, wir wollten die Ar-
beiterschaft für den Grundsatz der vollkommenen „Gewaltlosigkeit“ gewinnen
und sie damit wehrlos der Reaktion ausliefern, die natürlich nicht versäumen
würde, sie „abzuschlachten“. (Das ist das Wort, das man in diesem Zusam-
menhang gewöhnlich braucht. Arthur Schmid braucht es in seinem Artikel
nicht, aber wir hören es von dieser Seite oft.) Die österreichischen Ereignisse
423
IR
er 2 ez f y N +
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aber zeigten uns deutlich, dass das Proletariat bei allem guten W a
Ziele auf friedlichem und demokratischem Wege zu erreichen, doch
Fälle gerüstet und auf seine „Wehrhaftigkeit“ bedacht sein müsse. D
Artikel ist in mehreren sozialistischen ttern abgedruckt worden und i
offenbar das Bekenntnis einer gewissen Richtung in der schwe zerischt
Sozialdemokratie. Dr: u 2
Indem ich mir vorbehalte, das ganze Problem „Sozialismus und aris
mus“ sobald als möglich noch einmal gründlich zu behandeln, beschränke ic
mich diesmal auf einige Bemerkungen. EN er
Zuerst muss wieder einmal Protest gegen die Fiktion erhoben werden,
dass wir „Religiös-Soziale“ der Arbeiterschait ein Bekenntnis zur Tolstois che
Gewaltlosigkeit zumuteten. Diese Behauptung kann bona fide nicht meh
aufrecht erhalten werden, nachdem ich in einem Aujsatz, der vor Jahren
Parteitag in Bern verteilt wurde, sie in aller Form zurückgewiesen habe. Auc
dürfte man wohl einem Doktor juris und Nationalrat zumuten, Ansichten, die
man bekämpfen will, zuerst kennen zu lernen. Es wäre nicht zu viel verlang
wenn er z. B. meine Schrift über „Sozialismus und Gewalt“ läse, worin un
sere Haltung in bezug auf diesen Punkt mit vollkommener Klarheit dargestel
ist. Aber es ist natürlich gar zu verlockend, unter Hintansetzung der Wahr
heit, den Arbeitern durch eine solche Schauermär von der „Abschlachtung‘
der wir sie kaltherzig ausliefern wollen, das Gruseln vor uns beizubringer
In Wahrheit ist dies unsere Stellung: „Gewaltlosigkeit“ ist eine Haltung, die
man nur Menschen zumuten darf, die auf dem Boden eines bestimmten, seit
religiös, seis ethisch formulierten Glaubens stehen. Einen solchen Glauben
dürfen wir vorläufig bei unserer Ärbeiterschaft nicht einfach voraussetzen
Es ist uns darum nie eingefallen, ihr zuzumuten, dass sie sich in irgend einer
Situation passiv und wehrlos sollte „abschlachten“ lassen. Was wir ihr zu
muten und wofür wir sie gewinnen möchten, das ist eine völlige und ent
schiedene Absage an allen Gewaltglauben, eine Befreiung von der auch
von Arthur Schmid vertretenen Art, die ich Halbbolschewismus nen
und die in einem haltlosen Schwanken zwischen der entschiedenen Gewalt
theorie des Bolschewismus und einer wirklich und ernsthaft demokratisch
pazifistischen Denkweise besteht, wie sie etwa die englische Unabhängige
Arbeiterpartei vertritt. Es ist, mit andern Worten, eineandere Taktik
ein anderer Geist und Stil des Sozialismus, als die von um
seren Vulgärmarxisten vertretenen, wofür wir kämpfen. Dabei ist so wenig
unsere Absicht, die Arbeiterschaft einer „Abschlachtung“ entgegenzuführen,
dass wir gerade umgekehrt durch unsere Taktik sie vor jener Abschlack
tung“ bewahren möchten, die ihr sicheres Los wäre, wenn sie den Rat von
Arthur Schmid und seinen Gesinnungsgenossen (Schmid würde schreiben: „von
Schmid und Konsorten“) befolgte.
‚Jene Taktik aber halten wir für durchaus verhängnisvoll. Wir verdanken
es ihr, wenn wir in der Schweiz mit dem Sozialismus noch nicht weiter sind.
Was dennoch an Erfolgen errungen worden ist, erwuchs aus der Gunst der
Lage (denn der Sozialismus drängt sich heute völlig auf) und aus dem Um
stand, dass schliesslich nicht bloss Arthur Schmid „und Konsorten“ den SO-
zialismus vertreten, aber wir wären ungleich weiter, wenn er nicht auch von
einer Denkweise aus vertreten würde, die der bürgerlichen auf keine. Weise
sittlich überlegen ist,
Diese Denkweise ist aber gerade dem Militärproblem auf keine Weise
gewachsen. Sie ist dies nicht, weil sie, wie gesagt, dem bürgerlichen Militaris-
mus auf keine Weise innerlich überlegen ist, vielmehr auf dem gleichen Ge
waltglauben ruht wie dieser und im Grunde auch ganz die gleichen Argumente
braucht. Sie ist es aber auch nicht, weil sie bei all ihrem vorgegebenen Rea-
lismus dıe schweizerische Lage vollkommen verkennt, Nebenbei bemerkt: wie
kommt Schmid dazu, uns „Weltiremdheit“ vorzuwerfen? Gibt ihm der Besitz
%
N);
424
1 ! von lagwörte
in der Schweiz ein Versuch der Arbeiter-
ısetzen oder auch nur zu behaupten, für
ist, die man wirklich nur jenen „politi-
ı für weise halten. Auf einen solchen
de igt und dann für ein Vierteljahrhundert Adieu Sozia-
erbewegung in der Schweiz. Die entscheidenden Waifen sind
Hand der Gegner (der Gottiried Kellersche Stutzer bedeutet
enig mehr), ebenso ist auf ihrer Seite die militärische Führung
sation, dazu die entsprechende Gesinnung. Vor diesem Schick-
n wir die Arbeiterschaft bewahren und sie auf einen andern Weg
einen Weg voll Aussicht, einen Weg des fast sichern Sieges,.
z Auf welchen denn?
.. Bevor ich darauf die Antwort gebe, die in Kürze allein möglich ist, muss
ı noch auf einen Grund hinweisen, warum die von Arthur Schmid ver-
tene Denkweise dem Problem so ganz und gar nicht gewachsen ist. Sie
st nämlich ganz und gar unklar und darum, wie gesagt, schwankend.
Ganz unklar ist diese Denkweise in bezug auf die Lage, die unser
blem voraussetzt. Sie operiert im Grunde, ohne sich darüber ehrliche
heit zu verschaffen, mit dem bolschewistischen Gedanken, dass eine sozia-
tische Minderheit oder doch ganz ungefestigte Macht sich der poli-
schen Gewalt bemächtigte, was natürlich auch nur mit Gewalt
geschehen könnte. Eine solche sozialistische Herrschaft würde natürlich vom
- Gegner mit Gewalt angegriifen und übrigens wohl auch bald gestürzt. Diese
aktik nenne ich, in der unklaren und unerntschiedenen Form, wie sie bei
unsern „Marxisten“ auftritt, Halbbolschewismus. Sie führte selbstverständlich,
vorausgesetzt, sie wäre überhaupt denkbar, bei uns zur „Abschlachtung“ der
" Arbeiterschait.
> — Wir aber raten zu einem ganz andern Weg, Wir machen vor allem, para-
doxerweise, gegen die „Marxisten“ ernst mit dem Grundsatz, dass der Sozia-
lismus nicht in erster Linie auf dem politischen, sondern auf dem wirt-
schaftlichen und sozialen Wege kommt und dass es Utopie, ja Un-
sinn ist, ihn wesentlich auf dem politischen Wege einführen zu wollen. Wir
Ei ferner, was damit zusammenhängt, dass von einer Herrschaft des
Sozialismus (von „Diktatur“ reden wir freilich nicht) erst dann die Rede sein
könnte, wenn diegrosse MehrheitdesVolkesfürihngewon-
nen wäre, und zwar nicht nur wirtschaftlich, sondern auch moralisch.
as letztere betonen wir: Es gilt, eine sozialistische Taktik anzuwenden, die
‚dem Gegner wirklich überlegen ist und nicht die Wäflen aus seinem
Arsenal holt, es gilt, so grosse Teile des Volkes als nur möglich moralisch
‘zu erobern, ihnen Vertrauen zum Sozialismus, seinen Zielen und Vertreiern
einzuflössen. Dann aber, sagen wir, lasset die Reaktion es mit
Waffengewalt versuchen, nun wird sie selbst in einer
"Viertelstunde erledigt sein. Denn noch einmal: nicht um „Gewalt-
losigkeit“ oder „Nicht-Gewaltlosigkeit“ handelt es sich unter uns, sondern
um den Geistdes Sozialismus und den Weg zum Sozialismus.
"Der Weg aber, den Arthur Schmid empfiehlt, führt früher oder später zur
sichern Niederlage. \
j Aber was meint.er denn für einen Weg? 2
| Ja, wer das wüsste! Ja, wenn er selbst das wüsste! Das ist eben ein
Hauptgrund der Schwäche dieser Denkweise, dass sie haltlos und unklar
"zwischen zwei klaren Möglichkeiten schwankt. Will er denn Arbeiterwehren
425
n Feinde. Er wäre sozusagen in.
ü r . Fr:
} ’ ar
ri Ve PR =
}
bilden, das Proletariat bewaffnen, auf jenen Tag des Zusammenstosses mit d
Bürgertum militärisch vorbereiten? Das will er höchst wahrscheinlich nic
Wenn er es wollte, so müsste er es sagen und tun. Aber er weiss dafür doch
zu gut, was dabei herauskäme! Aber was dann? Etwa unser Weg? De
auch nicht, So meint er denn etwa, das Proletariat werde eines Tages gan
von selbst sich zu wehren wissen, wenn man es nur „wehrhaft“ erhalte um
den Einfluss der „Religiös-Sozialen“ bekämpfe? Das wäre ein Mirakelgla de,
der dem „Freidenker“ Arthur Schmid seltsam anstündel. 2: AR
Mit einem Wort: es ist die vollendete Unklarheit und Haltlosigkeit. Sie
‚aber ist vielleicht das Schlimmste von allem. Und sie hat ihren letzten Grund
darin, dass man zwar auf der einen Seite den Irrtum des Bolschewismus e;
sieht, auf der andern aber keinen Glauben hat, der einen andern Weg wie:
vielmehr durchaus den Glauben des Bürgertums teilt. Selbstverständlich merk
‚dieses den Sachverhalt und verliert vor einem solchen Sozialismus alle Ach
tung. Das Ende seines Weges wäre besonders auch ein moralische
Fiasko.
Es gibt für die Arbeiterschaft nur einen klaren sicheren Weg: Eine wirk
lich sozialistische Taktik, die aus wirklich sozialistischer Gesim
nung erwächst und getragen ist von einem wirklich sozialistisches
Glauben.
Zum Schluss aber noch ein Wort von den österreichischen E
-eignissen. Hier wird Arthur Schmids Argumentation erst recht zum
teil aller Wahrheit. Wer die österreichischen Entwicklungen mit oifenen A
verfolgt hat, der muss doch sehen, dass gerade sie, weit davon entiernt,
Schmidschen Standpunkt (auf den doch niemand wirklich stehen kann) r
zu geben, im Gegenteil dessen klassische Widerlegung sind. Die österrei
sche Sozialdemokratie ist doch in grosser Bedrängnis. Sie weiss genau,
der Gegner ihr militärisch überlegen ist. Und.wenn dem auch nicht so wä
so weiss sie doch, dass vor allem sie selbst die Kosten eines blutigen Zw
sammenstosses zu tragen hätte. Sie tut darum alles, was sie nur kann,
-diesen zu vermeiden, sie schlägt seit einem Jahr, seit jenen bekannten Wiener
Ereignissen, unermüdlich die „innere Abrüstung“ vor. Und nun kommt der
Realpolitiker Arthur Schmid und rät für die Schweiz ausgerechnet zu dem
Weg, auf dem die österreichische Sozialdemokratie an den Rand des Ab-
grundes gekommen ist. E
Sie hat nämlich auch Fehler gemacht. Ich schätze sonst ihre Leistung
hoch. Sie hat sehr wesentlich mitgeholfen, Europa vor der Bolschewisierung
und dem Rückschlag darauf zu bewahren, sie hat tüchtige, ja bedeutende
Führer gehabt und hat sie noch. Sie hat besonders in Wien sozialpolitische
Leistungen aufzuweisen, die eine Ehre des ganzen Sozialismus bilden. Aber
abgesehen von den allgemeinen Fehlern alles Marxismus hat sie doch auch
gerade den gehabt, der hier in Betracht kommt: sie hat dem Gewaltglauben
nicht gründlich abgesagt; sie hat auch mit dem Gedanken des militärischen
Schutzes gespielt. Dabei hat sie aber schlechte Erfahrungen gemacht, Die
„Volkswehr“, die einst ganz sozialdemokratisch war, ist ihr völlig .entglitten.
An jenem bösen 15. Juli hat die stark sozialdemokratisch organisierte Polizei
fest auf die Arbeiterschaft geschossen. Wenn Arthur Schmid das leugnet, so
schlägt er durchaus feststehenden Tatsachen ins Gesicht. Die Parteileitung hat
aber, was ihr hoch anzurechnen ist, rasch den Sinn der Lage und die begange-
nen Fehler. erkannt. Nur aber sehr spät, vielleicht zu spät. Denn der Gegner,
durch gewisse Methoden gereizt, hat auch zu ihnen gegriffen und ist nun der
Stärkere, genau so, wie es, nur in dreifach vermehrtem Masse, in der Schweiz
geschähe, wenn man Arthur Schmid auf dem Wege folgte, den er übrigens
selbst nicht recht weiss!
Das ist auch das Urteil von einer Anzahl Wiener Genossen und der
Arbeiterbewegung nahestehender Oesterreicher, mit denen ich diese Probleme
besprochen habe. Nichts ist ungeeigneter für eine Unterstützung des Schmid-
426
dafür schien der
‚für den Völkerbund
zu gi g auf und leitete sie
den Generalsekretär weiter, die ihrerseits ebenso
n. Es wurde im Namen der gesamten schweizeri-
entsprechendes Gesuch an den gerade in Madrid ver-
undsrat gerichtet. dessen Präsidenten, dem Japaner
ach einiger Zeit ein Schreiben, das die Anregung freundlich be-
er darauf hinwies, dass nach den Statuten nur Regierungen
tten, solche Anträge zu stellen. Daraufhin wandte sich der Ge-
der schweizerischen Vereinigungen an Herrn Motta mit der
n rag stellen, es stehe der Schweiz nicht an, es an seiner Stelle zu
Diese Antwort sieht einer Ausrede gleich und nicht einmal einer guten.
Öhnliche Sterbliche, die nicht wie Herr Motta in den Künsten der hohen
Diplomatie geübt sind, werden umgekehrt empfinden: China wird sich nicht
so leicht entschliessen, selbst einen solchen Antrag zu stellen. Uebrigens wäre
es Herrn Motta ein Leichtes gewesen, sich darüber mit dem Vertreter Chinas
in Geni (oder Bern?) zu verständigen. Aber er hatte wohl für die Todesnot
von zwanzig Millionen Menschen nicht gerade Zeit. i
- Wir haben uns dann als Bürger des „Völkerbundslandes“ privatim an
einen Norweger gewendet, dass er unser Anliegen zu dem seinigen mache
‚und seine Regierung bewege, es zu unterstützen. Aber Fritjof Nansen musste
zu seinem Bedauern, als schon zu stark belastet, die Aufgabe ablehnen.
= Obschon mir dies auch nicht leicht fiel, hatte ich mich schon vorher auch
ann den Schweizerischen Kirchenbund gewendet. Dieser trug die Sache dem
"ortsetzungsausschuss für das Stockholmer Werk vor. Beide Instanzen ant-
orteten freundlich, man fand aber, ein so ungeheures Werk könne nur der
jlkerbund in die Hand nehmen. An ihn hat sich, nach einem Beschlusse des
Eisenach versammelten Komitees, der Weltkirchenbund gewendet. Hoffent-
lich geht es ihm besser als uns. Ruhen bleiben darf doch um Gottes willen
diese Sache nicht! b
Eins ist mir aber aufgefallen: Trotzdem ich von dieser Sache wiederholt
in den „Neuen Wegen“ geredet und sogar die „Christliche Welt“ dies getan,
fand ich in den kirchlichen Organen, die ich lese — und es sind deren viele —
Echt eine Spur von Echo. Hätte ich mit einem halben Satze etwa eine kirch-
‚liche Richtung oder einen ihrer illustren Träger wirklich oder auch nur schein-
bar angegriffen, dann wäre ein Lärm entstanden, aber über den drohenden
Hungertod von zwanzig Millionen Menschen regt man sich im Zeitalter der
‚neuen Sachlichkeit“ nicht auf. Höchstens als Gegenstand eitlen Missions-
getues sind diese zwanzig Millionen brauchbar, Eine solche Tatsache beleuch-
tet mit Blitzlicht den Stand unseres „Christentums“. ? hi
f Sollen wir es dulden, dass sowohl die weltlichen, als die geistlichen
Organisationen der abendländischen Christenheit einem solchen unerhörten
Elend, das sie sogar zum Teil selbst verschuldet haben, geruhsam zusehen
und sich über das Fiasko eines Schützenfest-Gottesdienstes bei weiten mehr
erregen als über den Hungertod von zwanzig Millionen Menschen? Die
427
4
»
nicht möglich zu sein, das konti-
etzliche Hungersnot in
>, unsere Anregung im Namen der Schweiz vorzubringen. Dieser gab den
heid, hina sei ja Mitglied des Völkerbundes und könne selbst einen -
zisaanaannann
"His die Hile 8
se: ‚einem solchen
E BR:
Versammlungen. Bern, g: pt.
abends8Uhr, im Konferenzsaal der ira he
Zeughausgasse) einen öffentlichen Vortrag von Waldus Nest
tudienrat aus Leipzig, über das Thema; „Was ich als Offizier
Gaskrieg erlebt habe.“ Nestler ist sicher den Lesern der „Neuen
Wege“ als Feind und Mitarbeiter unserer Zeitschrift bestens bekannt. Daher
hofien wir, dass sie recht zahlreich diesen Vortragsabend besuchen werden.
Der Ausschuss der Berner-Gruppe „Neue Wege“ und „Aufbau“.
durch Pir. L. in S. 100.75: E. N. in P. 50.—; ©. P. R. 32—; C.R. nP
100.—; F. A. 5.-; J. M. u. R. in E. 20.—. Allen Gebern den herzlichsten
Dank!
PITTTTTTTITITTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTETTETTTTTELTTRTTRTLETTTTTTTELTTLTTETELZLETTERTLLTLTTTLELLEITERLELRLTTELELTERLTTTTELLLTTEETTTLLELLITTTTEITELTETTTTITTELTETETTILTERLZTTETELTTLZELZTZTTEEE I
@ Aus der Arbeit ‚®'
PFTTTTTITTTTTTTTTLTTTTTELLTTTTTTTTTTTTETTTTTTTTLTTTTETTTLTTTRTRTTERTITLITTTTTLLTLTTTLTTTTELTELLTLLLELTERTTETTTTTLTTERITTIETTELTTTITTETTTELLTILLELTTTITEILELLIETELTITTITTITEETTITTPTETTTITTTTTTE
Arbeit und Bildung.
„Arbeit und Bildung“ hat nun wieder ein ganzes Jahr sein Werk getan.”
Die in den „Neuen . Wegen“ verölfentlichten Programme zeigen in den all-”
gemeinen Zügeh, auf welcher Linie es sich bewegte. Wir haben eine zen-
trale Linie: das ist die Verbindung zwischen dem Sozialismus oder, allge
meiner gesagt, der neuen Ordnung der Gesellschaft, die wir brauchen,
und dem Geist, aus dem allein sie wirklich erwachsen kann. Wir haben, in
diesem Sinne, das ganze Jahr in einem besonderen Kurse die heutige
Lage und dieneuen Aufgaben des Sozialismus behandelt und
zwar so, dass wir im Winter mehr die politische und wirtschaftliche, im Som-°
mer mehr die geistige Seite dieses gewaltigen Themas ins Auge fassten. Das Ge
lingen des Sommerkurses wurde ein wenig dadurch beeinträchtigt, dass Hend-
rik de Man verhindert war, den ihm zugedachten Vortrag zu halten und wir
in aller Eile das Ganze anders gestalten mussten. Der ganze Kurs aber, der
des Winters und des Sommers, war wieder gut besucht und hat hoffentlich
mitgeholfen, einen Menschenkreis zu schaffen, der einen den Aufgaben der#
Zeit wirklich gewachsenen Sozialismus tragen kann. Wenn ich gerade auf die-
ser innersten Linie bleiben soll, so haben wir am Samstag-Abend im Winter”
den Hebräerbrief besprochen, der auf diese Weise ganz ungeahnten Wert
bekam, einen ‚den andern Hauptschriiten des Neuen Testamentes ebenbürtigen
Wert. Da diese Samstagabende dem bisherigen Leiter stets ein Problem‘
bleiben und ihm eine Pause auch sonst lieb war, so griff er zur Abwechslung”
wieder zu einem „weltlichen“ Stoif, der Goetheschen Iphigenie, die
ja viel tiefer und aktueller ist als die meisten ahnen und jedenfalls vortrefflich
geeignet als Grundlage zur Besprechung von Dingen, die uns gerade heute
stark bewegen.
Von dieser zentralen Linie aus versuchen wir das Gebiet der Kunst
und des Wissens zu erfassen, soweit das in unsern Kräften liegt und für
uns wünschenswert ist. Im Winter kam die Natur dran, in welche unser
Freund, Doktor Max Kleiber, anhand des Themas: „Die Wunder des
Lebens“ wundervoll einführte. Nur schade, dass der Kurs durch andere
Verpflichtungen des Leiters etwas zerrissen wurde und zuletzt infolge seines
Wegzuges (wovon nachher) uniertig abbrechen musste Im Sommer kam
dann die Kunst daran. Der Kurs, welcher der Einführung in Sinn
428
DLITITITTTTTTT
LLLEETETTTTTTTT
Ar
N I
den Kunst, speziell der Ma.
dieser Abende gehörten zu dn
E, Vergessen wir auch nicht des schon früher erwähnten Kurses von Oskar
Ewald über Autorität und Freiheit, der uns als unerwartetes Ge-
schenk zufiel und den zahlreichen Teilnehmern in reichem Masse sowohl Ge-
nuss als Gewinn brachte. In diesem Kurs kam also das Ringen um die
„Weltanschauung“ zur Geltung, _
Nicht bloss der Einführung in die Kunst, sondern auch der Gemein-
schait durch sie dienen die regelmässigen, von Fräulein Sophie Widmer
geleiteten Musikabende. Auch sie, die dieses Jahr vor allem Beet-
hoven und Bach in .den Mittelpunkt stellten, ziehen nach und nach mehr
Menschen an. Sie sollen immer mehr eine Ergänzung durch Abende finden, die
eine Verbindung von Literatur und Musik suchen und noch mehr eine grössere
Anzahl von Menschen vereinigen. Ein solcher Abend (leider ist er der ein-
zige geblieben) ist schön verlaufen.
Das Gleiche ist wohl von den Feiern zu sagen, die ja ganz besonders
das Zentrum unseres Wollens darstellen und es auch zum Zentrum wirklicher
Gemeinschaft machen wollen. Besonders war die Schlussfeier sehr schön.
Eine ebenfalls sehr herzerwärmende Nachfeier hat uns dann ein lieber Gast,
Fräulein Siegfried aus Königsberg, durch ihren Gesang bereitet.
Der Frauenabend, von den Frauen Ragaz und Tschulok geleitet, ist
dauernd lebendig geworden. Er hat im Winter Probleme der Frauenbewegung
und im Sommer anhand des Buches von Julie Schlosser: „Mutter und Tochter“
- das durch diese Worte bezeichnete Thema behandelt. Ueber die Bendeli-
Woche, die ja vom Frauenabend ausgeht, wird besonders berichtet.
; Der „Monatsabend“ hat einige sehr feine Abende aufzuweisen, z. B.
_ einen über die zionistischen Siedelungen in Palästina, oft aber litt er auch
- unter mangelndem Interesse sowohl der Mitglieder als weiterer Kreise, Ebenso
- wurde die Bibliothek nur wenig benützt. Ein treffiicher kleiner Kurs von
Dr. Theodor Greyerz über „Das rechte Lesen von Büchern“ ver-
mochte das nicht zu ändern. ;
Ueberhaupt soll dieser summarische Bericht nicht etwa ein zu günstiges
Bild unserer Sache erwecken. Gewiss, unsere Kurse waren fast immer gut,
- oit glänzend besucht, sodass der Saal kaum reichte, aber deswegen ist doch
- manches nicht, wie es sein sollte. Ein Mangel will sich vor allem nicht heben
lassen: die ungenügende Aktivität der Teilnehmer, die viel zu sehr
bloss aufnehmen und viel zu wenig mitwirken wollen. Ein Versuch, diesem
Uebel durch eine etwas „demokratischere“ Organisation abzuhelien, hat vor-
- läufig wenig gefruchte. Wir werden den rechten Weg weiter suchen und
weiter glauben und hoffen müssen.
Ein schwerer Verlust war uns der Wegzug von Dr. Max Kleiber, der
- einem Rufe nach Amerika gefolgt ist. Wir verlieren mit ihm nicht nur einen
feinen Kursleiter und Vortragenden, sondern überhaupt eines der wirksamsten
Elemente des Lebens in unserem Kreise. Da die Schweiz bekanntlich für
solche Menschen nicht leicht Verwendung hat, mussten wir dankbar sein, dass
man ihn ausserhalb der Schweiz zu schätzen weiss, aber wir hoffen auf
seine Wiederkehr. Möge bis dahin das Bäumlein, das „Arbeit und Bildung“
heisst, trotz dem für solche Pflanzen sehr unfruchtbaren Boden der Schweiz,
wacker gewachsen sein. Gottlob erfährt es doch immerfort die Hilfe, Liebe
und Treue vieler. Ihnen sei auch hier von Herzen gedankt. L.R.
EETRLN
A
—_
DEI ENNE A a
FF
Mütterwoche im Bendeli. 2.—9. Juni 1929.
Diesmal waren es nur unser acht Frauen, die sich im „Bendeli“ einfanden,
wo wir von drei lieben Hausmütterchen und einer muntern Mädchenschar
begrüsst und während einer Woche in liebevoller Weise betreut wurden. Im
wohnlichen Hinterstübli oder am Wiesenrain beim Hause fanden wir uns zu
429
den Besprechungen zusammen. Anhand zweier Novellen von Jakob Bo
hardt: „Die Erbschaft“ und „Besinnung“ sprachen wir uns aus
fragen, die immer wieder im Gemeinschaftsleben an uns herantreten und die
wir stets neu zu lösen haben. Brennende Gegenwartsiragen wurden von den
anwesenden Frauen selbst aufgegriffen und zur Diskussion gebracht, so be-
sonders das Problem der Abtreibung, der Beschränkung der Kinderzahl, das
Problem der Beziehungen der Geschlechter. Wohl waren wir Aeltere und
Jüngere beisammen, aber gerade die Intensität der Aussprache liess daraul®
schliessen, dass alle diese Fragen unsere heutige Frauenwelt stark bewegen,
und dass es nötig ist, Stellung zu ilınen zu nehmen und Klarheit zu bekommen.
Dem eigentlichen Thema der diesjährigen Mütterwoche: Wie können
wir unrere Kinder beschäftigen? widmeten wir gerade die Zeit,
die unsern diesbezüglichen Anforderungen entsprach. An einem Morgen falte-
ten wir allerlei interessante Sachen aus. Papier und Muster für andere einfache
selbstverfertigte Spielsachen hatte uns Frl. Didi Blumer ins Bendeli hina
gesandt. Die A*ende vereinigten uns zu gemeinsamem frohen Spiel, — es wurde
dabei herzlich rslacht — zum Singen oder Lesen. Frohgestimmt waren auch
unsere Nachmittagswanderungen. Da gings durch die stille Natur weit über
dem Tal, durch reife, blumenbesäte Wiesen, dunkle Wälder, hinüber g
Hemberg oder hinauf ins obere Toggennue) In Neu-St. Johann erzählte Frau
Ragaz Frauen des Dorfes aus dem Leben Margaret MacDonalds. . .
Allzurasch verflossen uns die Tage. Am Sonnabend gingen wir ausein-
ander, dankbar für die Ruhetage, von denen wir geistig angeregt, geläutert,
mutiger in den gewohnten Lebenskreis zurückkehrten.
Frieda Graf-Baumann.
Zwei Versammlungen.
Wir haben in Zürich eine für die Friedensarbeit erfreuliche Woche gehabt.
Die Exekutive der Internationale der Kriegsdienstgegner
u se
nu
kam in Zürich zusammen und tagte in den Räumen, wo sonst „Arbeit und °
Bilduug“ und verwandte Bestrebungen ihr Wesen haben. Das Komitee der
Zentralstellefür Friedensarbeit aber hat mit Bedacht auf diesen
Zeitpunkt eine Generalversammlung ihrer Mitglieder eingeladen, damit die
beiden Organisationen Gelegenheit hätten, einander kennen zu lernen. So
nahmen denn nicht wenige Besucher unserer Mitgliederversammlung schon am
Samstag Abend an der grossen öffentlichen Versammlung im
Volkshaus teil, wo fünf Mitglieder der Internationale, Martha Steinitz,
Fenner Brockway, Premyszl Pitter, Olga Misar und Nevin Sayre, die von
überall her zusammengeströmten, den Saal weit mehr als füllenden Masse die
Botschaft der unbedingten Kriegsgegnerschaft verkündigten, jeder an die be-
sondere Lage seines Landes anknüpfend. Es war ein Abend, den man nicht
vergisst, ein Zeugnis für die Kraft, die unsere Sache schon erreicht hat, für
Ihre ökumenische Ausbreitung und werbende Macht.
Die Mitgliederversammlung der Zentralstelle bezweckte im Wesent-
lichen eine engere Verbindung der Mitglieder mit der Arbeit des Komitees
und des Sekretariates und verlief in Form einer Aussprache über das Sekre-
tariat und die ganze Lage. Es hatten sich auch dazu die Freunde sehr zahl-
reich eingefunden.
Zwischenhinein gab es Gelegenheit, mit den edlen und bedeutenden Men-
schen, die die Exekutive der Internationale der Kriegsdienstgegner bilden, zu
verkehren, von ihnen vieles über den Stand der Sache in aller Welt zu ver-
nehmen und ihre Probleme zu verhandeln. Den Abschluss fanden diese rei-
chen Tage in einer Fahrt auf dem Zürichsee mit gemeinsamem Tee im „Rosen-
garten“, dem Gemeindehaus von Thalwil und einem herrlichen Abend im Gar-
ten unseres Hauses an der Gartenhoistrasse, Gewiss wird diesen Tagen gute
Saat entspriessen. Allen denen, die sie reich und schön gemacht haben, be-
sonders den nun wieder so fernen Gästen, unsern innigen Dank! L.R.
430
“
*
Herbstierienwoche im „Heim“ in Neukirch a. d. Thur.
‚Leitung: F. Wartenweiler, Frauenfeld. 13.—19. Oktober (statt 29. wi
' Tolstoi — Leben und Werk. Ein Leben, ein Kampf um Wahrheit
und Liebe. Kursprogramme versendet und Anmeldungen nimmt entgegen
Didi Blumer, Neukirch a. d. Thur. 2 sr
DIES
Casoja, Kurs auf hauswirtschaftlicher Grundlage für Arbeiterinnen.
Der Lehrplan des am 28. Oktober 1929 beginnenden fünfmonatlichen Win-
terkurses umfasst: theoretische und praktische Anleitung in der Führung eines
Hauswesens. Unterricht in: Lebenskunde, Einführung in Schweizerdichter,
Volkswirtschaftliche, soziale und erzieherische Fragen; Krankenpflege; Turnen
(Skilaufen) und Handiertigkeitsarbeiten.
Während des Winters werden auch einige Referenten-Kurse in Casoja
abgehalten; das genaue Programm und die Namen der Referenten sind noch
nicht festgelegt.
Das Kurs- und Kostgeld für den ganzen Kurs beträgt Fr. 600.—.
Dank freiwilliger Beiträge und Stipendien können auch einzelne Mädchen
aufgenommen werden, die kein oder nur einsehrbescheidenesKost-
geld bezahlen können.
N
Neben den Kursmädchen können noch einige Erholungsbedüritige und
Feriengäste für kürzern oder längern Aufenthalt angenommen werden.
Mädchen unter 16 Jahren werden nicht aufgenomen.
Anmeldungen sind zu richten an: Casoja, Valbella, ob Chur. (Tele-
phon Lenzerheide Nr. 44.)
Redaktionelle Bemerkungen.
Es hat sich für dieses Heft wieder so viel Dringliches angesammelt, dass
einiges weniger Dringliche zurückgestellt werden musste. Berichte über das
„Predigerfest“ in Aarau und den Weltkongress der Frauen-
ligafür FriedenundFreiheit in Prag werden das nächste Mal kom-
men, ebenso allerlei interessante Dokumente und der Schluss des Berichtes
über die Politik der englischen Arbeiter-Regierung.
Der Aufsatz von Prof. Brunner, den zu bringen wir uns herzlich
freuen, fordert selbstverständlich eine freundschaftliche Antwort. Doch soll
er Zeit haben, für sich selbst zu wirken, bevor, in irgend einer Form, eine
solche erfolgt.
Das Heit sollte auf den Bettag herauskommen, aber eine Reihe von Um-
ständen machten dies leider unmöglich.
Druckiehler.
Im Juli/Augustheit ist vor allem Seite 352, Z. 3 von unten der
sinnstörende Druckfehler „Herrscherhingabe“ statt „heroischer Hin-
gabe“ zu berichtigen.
Arbeit und Bildung.
Programm für den Winter 1929/30, erste Hälite.
I. Die Bergpredigt Jesu Christi. Samstag, abends 8 Uhr. Leiter:
L. Ragaz. Beginn 19. Oktober.
Das Thema erklärt und rechtfertigt sich wohl selbst.
II. Das Werden der neuen Schweiz seit dem achtzehnten Jahrhundert
(1750—1850). Mittwoch, abends 8 Uhr. Leiter: Dr. Theo-
431
ee Er an a a a a a ur,
KR
44
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I )
_ dor@reyerz, Professor an der Kantonsschu
Beginn: 6. November. DAB m
u dieses Thema bedarf keiner Erklärung und Rechtfertigung.
Be‘ führung in die Schweizergeschichte gehört use! zu unserem Pr
FR Der Leiter bürgt für eine gediegene, lebendige und aktuelle Darstellı
| II. Der Sozialismus und die sozialistischen Salseer! Mc
abends 8 Uhr. 1. Die Sozialdemokratie. 2. Der politische
munismus. 3. Der Anarchismus. 4. Der religiöse Soziali:
5. Die sozialistische Einheit. e - 7
Als Referenten sind in Aussicht genommen: Dr. Paul
Meyerhans, Dr. Ch. Strasser, Bernhard Maier, Robert Leje une
Leonhard Ragaz. Der Beginn wird später angezeigt. "Aa
Zur Wahl dieses Gegenstandes bestimmt uns die Tatsache des sozialisti-
# schen Bruderkrieges und die Notwendigkeit der sozialistischen Neuorientie-
B, rung. Unter diesem doppelten Gesichtspunkt sollen die einzelnen Themen be
handelt werden. Y:
IV. Der Frauenabend. Jeden ersten und dritten Dienstag im Monat.
x Abends 8 Uhr: Thema: Die Rolleder Gesundheits-
ze lehre in der Erziehung. Leiterin: Frau Dr. med.
Se Oettli. Beginn: 15. Oktober. #3
Zum Frauenabend sind alle Frauen eingeladen,. denen die Verbindung
zwischen sozialer und sozialistischer Arbeit mit den geistigen Lebensfragen
> am Herzen liegt.
V. Der Musikabend. Donnerstag, abends 8 Uhr; alle vierzehn Tage,
Thema: Werke von Mozart und Schubert mit Erzählungen aus
ihrem Leben. Leiterin: Sophie Widmer. Beginn: 24. Okt.
Diese Abende wollen einen Kreis von Menschen um edle Musik ver-
sammeln. Sie stehen jedermann offen.
VI. Monatsabende. Jeden vierten Dienstag im Monat. Thema:
Aktuelle Fragen der Politik und Kultur. Beginn: 22. Oktober.
Der Monatsabend will die Mitglieder der Vereinigung, die Kursteilnehmer,
aber auch einen weiteren Kreis von Menschen zu einer unabhängigen Ver-
handlung von wichtigen Problemen des heutigen Lebens vereinigen. Auch sie
stehen jedermann offen,
Wir beabsichtigen, häufiger als bisher, Abend-Feiernmit
einer Verbindung von Musik und Poesie oder auch Darstellungen
aus der bildenden Kunst, wieder für jedermann, zu veranstalten.
Auch behalten wir uns vor, auf Wunsch oder wenn sich ein sonst
bestimmter Anlass dafür bietet, noch andere Kurse zu veranstal
ten. Von den angezeigten wird für II. und II. ein Kursgeld von
3 Franken erhoben, die übrigen Anlässe sind frei, doch werden
gerne Beiträge an die Kosten entgegengenommen. :
Wir stellen auch eine gute kleine Bibliothek zur Verfügung.
Die Bücher können Mittwoch und Samstag von sechs bis
acht Uhr bezogen werden. ;
Alle Anlässe finden im Heim von Arbeit und Bildung, Garten-
hofstrasse 7, Zürich 4, statt. }
Zu zahlreicher Beteiligung ladet ein Das Komitee.
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432
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er derselbe Geist; es sind
doch der gleiche Herr, und es
ngen, aber es ist der gleiche Gott,
e Ofienbarung des Geistes in
mmt. Denn dem Einen wird durch
heit verliehen; einem Andern aber
es dem gleichen Geist entsprechend;
ıfachen Glaubens im gleichen Geiste;
ı die Gabe der Heilung im Einen Geiste; einem Ändern die Aus-
von besondern Kräften; einem Andern die Gabe der Verkündigung;
Andern die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden; einem Andern die
der Inspiration, einem Andern die Fähigkeit, diese Inspiration richtig
zu deuten; das Alles aber wirkt der eine und selbe Geist, der Jedem auf
besondere Art das Seine zuteilt, nach seinem Wohlgefallen.
R. , Denn wie ja der Leib nur einer ist und doch viele Glieder hat, aber alle
- Glieder des Leibes, wenn es auch viele sind, doch Einen Leib bilden, so ver-
hält es sich auch mit Christus; denn in Einem Geiste sind wir Alle zu Einem
Leibe zusammengetauft — seien wir nun Juden oder Griechen, seien wir
Sklaven oder Freie — und sind wir Aile durch Einen Geist getränkt. Der
— Leib besteht ja nicht aus Einem Glied, sondern aus vielen. Wenn nun der
Fuss spricht: „Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leibe,“ so gehört
_ er deswegen doch zum Leibe. Und wenn das Ohr spricht: „Ich bin kein Auge,
ich gehöre nicht zum Leibe,“ so gehört es deswegen doch zum Leibe. Wenn
der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Und wenn das
- Ganze bloss Gehör, wo bliebe dann das Auge? Nun aber hat Gott jedem der
- Glieder im Körper die Steliung gegeben, die ihnen zukommt, nach seinem
Wohlgefallen. Wenn das Ganze nur ein Glied wäre, wo bliebe dann der
Leib? Nun aber gibt es eben einen Leib, weil es viele Glieder gibt. Nicht
kann das Auge zur Hand sprechen: „Ich bedarf deiner nicht,“ oder der Kopf
zu den Füssen: „Ich bedarf euer nicht,“ sondern umgekehrt müssen gerade
diejenigen Glieder des Leibes, die mehr zu sein scheinen, als die geringeren
geiten, und geben wir den an sich weniger geehrten Teilen des Leibes grössere
— Ehre, und wird das weniger Anständige mit desto grösserem Anstand um-
‚geben, während das an sich Anständige dessen nicht bedarf, Aber es hat
_ Gott selbst den Leib so zusammengesetzt, dass er dem Verkürzten grössere
_ Ehre gab, damit es im Leibe keine Parteiungen gebe, sondern die Glieder
_ einander gegenseitig Fürsorge trügen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden
alle Glieder mit und wenn ein Glied verherrlicht wird, freuen sich alle
Glieder mit. So aber seid ihr der Leib Christi und miteinander seine Glieder.
a 1. Korinther 12, 4—27.
Es waltet in unserer Generation eine merkwürdige Dialektik:
wir sehnen uns nach Gemeinschaft, suchen Gemeinschaft, wie
vielleicht nie ein Geschlecht von Menschen, aber wir tun das viel-
leicht gerade darum, weil wohl nie ein Geschlecht von Menschen
+ vom Geist des Subjektivismus (ja Egoismus) so stark be-
herrscht gewesen ist wie wir. Daraus ergeben sich für alle die,
welche neuen Lebensformen, und zwar solchen, in denen der Nach-
druck auf der Gemeinschalt liegt, zustreben, eine schwere Erfah-
Pr rung: die Erfahrung, dass uns eben dieser Geist, den wir für eine
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Gemeinschaft brauchten, fehlt, dass wir heute alles andere eher ha-
ben, als Fähigkeit zur Gemeinschaft. Wir wollen Sozialismus, ja
_ Kommunismus, aber seit die Erde steht, sind die Menschen nie un-
sozialer und unkommunistischer, nie so auf die Wahrung des Eigen-
tums, in jedem Sinne, bedacht gewesen, als eben heute. Wir wollen
durch einen Völkerbund die Menschheit zu einer Einheit zusammen-
fassen, aber noch nie haben die Völker mit einem Fanatismus, der eine
Art Religion ist, ihr Selbstrecht und ihren Selbstwert betont wie
heute. Die Friedensbewegung selbst zerfällt in offen oder versteckt
sich befehdende Gruppen. Wo eine Siedelung gegründet wird, in der
nun der Geist des demütigen Dienens die selbstverständliche Atmo-
sphäre sein müsste, da ist das Erste, dass alle Teufel des Gelten-
wollens in die Teilnehmer fahren. In alle Bewegungen und Organi-
sationen („Leiber‘‘) des Guten (besonders des Guten!) dringt dieser
r Spaltpilz des Subjektivismus ein. Wir kommen ja auch aus einer
Periode her, wo der Subjektivismus unter der Losung der Freiheit,
der Persönlichkeit, der Selbstbestimmung sich geradezu auf den
Thron der Ethik (oder auch der Anti-Ethik!) gesetzt hatte, und sein
Anspruch ist ja auch „prinzipiell“ nicht durchschlagend aufgehoben,
diese Losungen noch nicht widerrufen. So sind denn gerade diese
Bewegungen und Organisationen auf neue Einheit hin mit Spaltung
und Zersetzung bedroht. Bald geht Einer auf die Seite, weil er nicht
genügend zur Geltung kommt, bald bildet sich eine besondere
Gruppe, die dann nur noch an ihre Gruppenziele denkt und alles
andere mehr oder weniger gering schätzt. Eine eigene Zeitschrift
muss sie bald auch haben. Es waltet in dieser Erscheinung nicht
etwa bloss das Gesetz der Arbeitsteilung, das selbstverständlich sein
Recht hat, sondern doch vor allem jenes separatistische Geltenwollen
des Einzelnen oder einer Gruppe, jene subjektivistische Empfind-
lichkeit, die nicht in erster Linie an die gemeinsame Sache denkt,
sondern an das liebe Ich, das zarte, bedeutende Ich. Der „Fuss“
muss doch zeigen, dass er keine „Hand“ ist und das „Auge“, dass’
es kein „Ohr“ ist! Man muss doch zeigen, dass man etwas Eigenes
ist, und das heisst oft: zeigen, dass ein anderer nichts ist, oder
doch, dass man sich von ihm deutlich unterscheiden will. Beson-
ders wir Intellektuellen sind von dieser Krankheit zerfressen. Das
durch das „Wissen“ aufgeblähte, aber nicht durch „Liebe“ gesättigte
Ich (1. Kor. 8, 1) will um jeden Preis sein Recht und seine Ehre.
Dieses Ich geht um wie ein brüllender Löwe, zu suchen, wen er
verschlinge (1. Petri 5, 8). Ja, es ist ein Hunger, der die Gemüter
erfüllt, aber nicht ein Hunger nach der „Gerechtigkeit“, sondern
ein Hunger nach Befriedigung des Ich als Ich. Darum fehlt es in
den heutigen Bewegungen an dem, was man, im besten Sinne (man
darf an die Agape oder das Abendmahl denken) Sättigung
nennen könnte, woraus Freude und Friede strömt. Darum stellt
434
Re, ®
AR
‚sich — man erlaube diesen scheinbaren Widerspruch — so licht
‚der Judas, der treulose Abfall, ja Verrat am Tische der Gemeinschaft
_ ein. Von Judas aber heisst es, dass er ein „Teufel“ sei. In der Tat,
FA.
es ist in diesem wilden Suchen seiner’ selbst etwas Satanisches.
Diese Saat ist es, die „der Feind“ am liebsten unter den Weizen
streut. Darum pflegen vor allem an diesem Uebel gerade die besten
und edelsten Sachen zugrunde zu gehen oder doch aufs äusserste
geschädigt zu werden. Ach, was könnte man, was hätte man gekonnt,
wenn Einheit gewesen wäre! Was bedeutet oft für eine Sache ein
einziger Mensch positiv durch Hilfe und Treue, negativ durch
Abfall und Verrat. Eine Versammlung, eine Konferenz kann erhöht
und gerettet werden, wenn ein Mensch dabei ist und seine Pflicht
tut, sie kann entarten und misslingen, wenn einer nicht dabei ist,
der hätte dabei sein sollen und auch können, oder wenn einer dabei
ist, der es vorzieht, der Stimme zu gehorchen, die da spricht:
'„Schone doch dein selbst!“ Wie viel hätte man durchsetzen kön-
nen, wenn man sich einander verpflichtet gefühlt hätte, wenn
- die zusammengehalten hätten, die doch durch wesentliche gemein-
_ same Ziele verbunden waren, vielleicht noch sind; so aber fühlte
sich jeder genötigt, sein Ich, seine Sache, seine Eigenart da-
durch zu betonen, dass er auf die Seite ging, dass er sich seinen
eigenen „Kreis“ schuf; so kam es vor allem darauf an, dass man
ja nicht etwa mit gewissen andern zusammengerechnet werde, dass
man ja nicht in den Verdacht komme, unter einem bestimmten „Ein-
fluss“ zu stehen. Aber dieser subjektivistische, ja im Grund tief
- egoistische Separatismus bringt denen, die sich dadurch vermehren
wollen, nur Verminderung. Es verwelken alle miteinander, weil
ihnen der Segen der Gemeinschaft fehlt, weil ihnen dasjenige Leben
fehlt, das nur aus dem Einen Leibe strömt, aber den Gliedern ver-
loren geht, wenn sie allein bleiben wollen. So zerfällt die Gruppe
wieder in Gruppen; so zerfällt die Gruppe in Individuen; so zerfällt
- ‚das Individuum in sich selbst, weiss zuletzt selbst nicht mehr, was
es ist und will, stürzt sich mit seiner Leere und seinem Hunger,
nachdem es in einer Atmosphäre der Freiheit es nicht aushalten
konnte, vielleicht einer recht autoritären Bewegung in die Arme,
wo man so recht geknechtet wird, wird vielleicht ein Judas, oder
geht auch in der Leere zugrunde. Diese Not, die über der ganzen
Zeit hängt, wiederholt sich ja durch alle Lebenskreise hindurch bis
in die Seele des Einzelnen hinein.
Wo ist die Wurzel dieses grossen Uebels? Und welches ist die
Heilung?
Ich bin beim Nachdenken über diese tragische Not, von beson-
deren Erfahrungen ausgehend, immer wieder auf eine bedeutsame
Tatsache entgegengesetzter Art gestossen: auf das Klo-
ster, besonders das des Mittelalters, und das zu ihm gehörige
435
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BL u a en
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Mönchtum. Ihnen ist offenbar gelungen, was uns nicht Be
will. Sie hielten zusammen, sie zersetzten sich nicht. Zwar ist ja
allbekannt, dass andere Uebel reichlich auch in diese Welt ein-
drangen, und auch Spaltungen blieben nicht aus, aber man erfährt
doch nicht, dass Klostergründungen so massenhaft zusammen-
gebrochen wären, wie Siedelungen oder auch Genossenschaften und
ähnliche Gebilde in unserer Zeit. Esgingdamals. Es geschah,
soweit die Regel und der Typus in Betracht kommt, das, was mit
Licht und Schatten Charlyle (in „Einst und jetzt“) am Kloster Bury
Saint Edmunds klassisch dargestellt hat.
Und warum? Weil die Menschen, die sich in einem Kloster zu-
sammenfanden, nicht aus irgend einer individuellen Begeisterung,
irgend einem Willen, sich selbst in einem besonderen Tun zu
friedigen, nicht in irgend einem Eros zusammenkamen, sondern
unter dem Gebote einer objektiven Macht. Ihr
dienten sie, in Freiheit — denn sie waren in Freiheit Mönche
geworden — und in Demut, aber nicht dienten sie sich selbst. Ehr-
nn
furcht, nicht Geltenwollen, Gott, nicht das Ich, waren die Atmo-
sphäre, in der sie lebten und atmeten, und darum ging es — ging es,
_z
trotzdem sie im übrigen Menschen waren und keine Engel, ja ge-
rade, weil sie nicht Engel sein wollten, sondern sich als Sünder
fühlten. Es ging. Bei uns aber geht es nicht, eben weil wir, freilich
auf sehr moderne Art, „Engel“ sein wollen, nämlich „Individuali-”
täten“, „Persönlichkeiten“, „Ich“, ‚wertvolle Menschen“, weil wir
unsere Subjektivitäten zusammenlegen, die sich ihrer Natur nach’
nicht vertragen können, statt uns unter ein gemeinsames Objektives”
zu beugen; weil wir gross sein und alles uns dienen lassen wollen,
statt uns dem, was über uns ist, demütig zur Verfügung zu stel-
len; weil der Eros uns zusammenführt und nicht die Agape; weil
die schlechte Unendlichkeit des selbstischen Hungers und des Eros-
Hungers (die im Grunde das Gleiche sind) naturgemäss mit der
Unendlichkeit des gleichen Hungers im Andern zusammenstossen
müssen und nicht umgekehrt die echte Unendlichkeit diesen Hunger
gestillt hat und Einen an den Andern bindet; kurz, weil wir nicht
Gott dienen wollen, sondern im Grunde, wenn auch vielleicht in
der allerfeinsten Form, uns selbst.
Damit ist aber, meine ich, auch der Weg zur Genesung von
diesem Grundübel und damit der Weg zur wirklichen Einheit und
Gemeinschait gezeigt. Unsere Einheit ist Gott, nicht unser noch
so begeistertes Selbst. Gott verbindet. Denn er bindet. Er
bindet an sich selbst, aber das heisst ja immer, dass er auch an die
Menschen bindet. Gott bindet an jede Wahrheit, an jedes Gute.
Er ist die heilige Verpflichtung. Durch Gott ıst man
gegen alles schuldig. Er ist der „Leib“, an dem wir alle „‚Glie-
der“ sind. Das heisst: Christus. Wo man in Gott, durch Gott
436
u ‚dass sie ser, di al sejen.“ ech 17, 21. ;
Das macht einen ee Unterschied. Wo man bloss mit
| -Menschen verbunden ist, da entleiden sie einem früher j
a Er später. Das ist gar nicht anders möglich. Der Eros ist ge: 1
_ beständig, ist unersättlich. Der Unendlichkeitstrieb in uns kann am
Endlichen nicht zufrieden werden, ein Hungernder den andern nicht
sättigen. Menschen, die nur als Menschen verbunden sind, und
wäre es ursprünglich noch so leidenschaftlich, noch so tief, noch
so edel geschehen, sie werden sich satt. Das geschieht in Ehe,
Familie, Freundschaft so gut wie in Sachen, Bewegungen, Organi-
sationen; es geschieht auch in Kirche, Staat, Völkerbund. Darum
ist man heute einander überall so satt und darum bellum omnium
contra omnes. Denn Menschen haben Fehler, Bewegungen haben
E Fehler, Einrichtungen haben Fehler. Wo man sich einbildet,
man sei sie los geworden, treten sie besonders deutlich her-
vor. An jeder Versammlung kann man sich ärgern. Die Men-
_ schen, mit denen man zusammenarbeiten muss, sind zum min-
SENEEE ENE V
desten einseitig, aber sie sind manchmal auch. klein, eitel, launisch,
willkürlich, selbstisch angekränkelt, feig, matt, kurz: von Vollkom-
menheit weit entfernt. Jede Gemeinschaft hat ihre Mängel, auch die
beste. Es fehlte daran weder in den Gemeinden des Paulus, noch
in denen der Reformation, ja nicht einmal in denen der Quäker oder
Herrnhuter. Und die Führer haben ihre Fehler, die grössten Füh-
rer oft die grössten Fehler. Wenn man also in subjektivistischer
Empfindlichkeit und ohne ebenso intensiv an die eigenen Mängel
zu denken den Blick auf dieses Unzulängliche der Menschen und
Sachen gerichtet hält, dann müssen sie einem rasch entleiden, dann
hat man Anlass genug zum Davonlaufen. Dann bleibt man bald
ferne und sucht anderswo etwas Besseres, um es ebensowenig zu
finden, bis man sich im eigenen Scheidewasser auflöst — oder einen
besseren Weg einschlägt!
Alles wird ja anders, wenn man in Gott und durch Gott
mit einer Sache und mit Menschen verbunden ist. Dann leuchtet er
und seine Sache als die Sonne darüber, und alles Menschliche, das
Schöne wie das Hässliche, tritt in ihren Schein, und das heisst:
estrittdavor zurück. Das Schöne ist viel weniger des be
treffenden Menschen, den man darum beneiden müsste, als Gottes,
_ der es ihm gegeben hat und den man darob lobt, das Hässliche aber
wird auf der einen Seite — gerade wenn man Gottes Ehre vor
Augen hat — menschliche Selbstverständlichkeit, auf der andern
Seite aber eigene Schuld und damit zugleich eine "Aufgabe. Es tritt
aber von Gott aus besonders ins Licht, was doch iedes Einzelne
437
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einem fünften eine besondere Kraft des persönlichen Wesens, einem
sechsten vielleicht eine eigene Fähigkeit zu helfen, zu heilen und zu
trösten, noch einem weitern eine grosse Energie, noch einem an-
dern eine stille, starke Treue und Lauterkeit gegeben und so fort.
Bei allen sind diese Gaben wohl mit Kehrseiten verbunden, aber bei
allen zeigt sich, wie man sie gerade mit ihrer Besonderheit braucht.
Es mag dieses oder jenes für gewöhnlich weniger leuchten, aber
siehe da, es kommt ein Augenblick, wo man gerade für es, für seine
Art, seine Gabe, seinen Posten besonders dankbar ist. Und so ist,
im Lichte Gottes geschaut, eigentlich jedes gleich viel wert, nein,
das „Geringere‘“ mehr als das, welches äusserlich mehr glänzt. Denn
diese „Umwertung der Werte“ tritt immer ein, sobald Gott ins
Spiel tritt. Man freut sich also vor Gott all dieser Mannigfaltigkeit;
man weiss, wie nötig sie ist; man weiss, wie sie dem Ganzen
frommt; man weiss, dass Gott sie geschaffen hat; man weiss, dass
ohne sie die Entleidung, die Monotonie, der Tod einträte. Denn
es gehören zu einem Leibe viele Glieder; ein Glied allein bildet
für das Ganze bedeutet. Jedes hat doch seine Gaben. Einem ist a
praktische Weisheit, einem andern theoretische Einsicht, einem drit-
ten Organisationsgabe, einem vierten treifende Rede oder Schrift,
Jr,»
keinen Leib. Und gerade diese Mannigfaltigkeit öffnet den Blick in
die Unendlichkeit, aus der alles wirkliche Leben lebt.
Aber nun hört auch die Subjektivität auf, die von Spal- °
tung zu Spaltung führt. Denn Gott ist heilige Bindung. Ob man
immer mag oder nicht, ob man manchmal verdrossen, verletzt, müde
ist, man gehört zur Sache, gehört der Sache, weil man Gott ge
hört. Darum, so oft einem die Entleidung kommen möchte, gibt
man sich doch immer wieder her, um Gottes willen, im tiefen, echten
Sinne dieses Wortes. Man kann sich von innen her ändern, kann
anderer Meinung werden, aber es ist einem nicht möglich, untreu
zu werden; man kann nicht kalten Herzens abseits gehen, sich auf
sich selbst zurückziehen. Man ist gebunden, man ist in Pflicht.
Man empfindet darum aber auch allen Zwiespalt, wie er ja auch
aus verhältnismässig reinen Quellen kommen kann, tief schmerz-
lich, man ist immer zur Einigung bereit, wenn es irgend sein kann.
Gott bindet, Gott ist heilige Verpflichtung; Gott macht schuldig
gegen Alle und Alles. Gott gibt jedem sein heiliges Recht, aber
wer das sieht, der sieht es vor allem auch im andern, im andern
Menschen, im andern Volk, in der andern Sache. Christus macht
die Menschheit zu einem Leibe. In ihm entsteht aus der Gemein-
schaft de Gemeinde. In ihm wird man treu. Ihnerlebt man
nicht bloss im Sakrament, er ist das Sakrament der Einheit.
Denn nun ist an Stelle des Eros die Agape getreten. Nun hat
die Wut jenes Hungers aufgehört, worin eine schlechte Unendlich-
keit die andere verzehrt. Gott ist Sättigung der Seele mit echter
438
t nach Ge
st er aber, statt still hochmütig, still demütig gewor-
dienen und fühlt sich darob wahrhaftig nicht zu-
. Er muss dienen und ist darin selig. Und das ist
völlige Untergang jenes bösen Subjektivismus. Dieser
ist die Erlösung jeder Gemeinschaft und die Erlösung jeder
4 vom Satanismus und Verderben des Selbstdienstes zum Heil
- des Gottes- und Menschendienstes. Dass dieser Geist noch da
_ ist, dass er zum göttlichen Erbe, zum noch nicht ganz vertanen Erbe
Christi gehört, dass es auch immer und überall Menschen gibt, in
denen er mit wunderbarer Selbstverständlichkeit lebt, das ist in der
Gegenwart unser Trost und unsere Rettung; dass er wunderbar,
aus dem Wunder, das Gott ist, neu geboren und unendlich verstärkt
erwache, das ist unsere soziale Hoffnung der Hoffnungen, nein
besser, höher gesagt: das ist das Herz unserer Bitte um den hei-
- ligen Geist! DE
Und.das also ist die Heilung des grossen Schadens, das der Weg
zur Einheit im Völkerleben, in der Menschheit, in der Christenheit,
wie in Bewegungen, G@meinschaften, Sachen, und das auch der
Weg zur Einheit in der Seele jedes Einzelnen. Wir müssen aus un-
- serer subjektivistischen Erkrankung, die ein Kind des Dunkels und
der Leere ist, in die Sonne des Lebens, die Gott ist und der Bruder
und die Gemeinde; wir müssen unter einer neuen Objektivität zu
uns selbst kommen. Denn nicht das ist ja unsere Meinung — selbst-
verständlich! — dass das Recht der Subjektivität vor dem der Objek-
tivität, dass die Freiheit vor der Bindung völlig zurücktreten, ja
- zunichte werden solle. Das ist bloss der Irrtum der heutigen Re-
aktion. Nein, wir wollen weder Vinet und Kierkegaard, noch
- Luther und Paulus verleugnen, bei denen Freiheit nie ohne Liebe
und Liebe nie ohne Freiheit, sondern stets beides verbunden Christi
echte Gabe ist. Es soll auch Subjektivität und Freiheit aus Gott
neu geboren werden. Was wir heute als Subjektivität und Freiheit
vor uns sehen und tadeln, ist ja, wie wir gezeigt haben, bloss Leere,
bloss Hunger, bloss schlechte Unendlichkeit, bloss Nichtbesitz sei-
ner Selbst und darum an sich Knechtschaft und zum Umschlagen in
äussere Knechtschaft jederzeit bereit. Wirkliches Selbstsein, wirk-
liche Freiheit, wirkliche Selbstbestimmung gibt es nur in Gott und
aus Gott. Nur wenn Gott zu uns du sagt, werden wir wirklich ein
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löst, werden wir frei. Wir sind heute sc
wir dies nicht haben, weil wir auf uns
leer sind. Menschen, die in Gott reich und « g
werden ganz anders als unser Geschlecht de r Welt als als Fri
wieder Gemeinschaft haben und Gemeinde bilden können. Gerade in
Gott lässt man einander auch frei und nur in ii wie man nur in
ihm dienen kann. Freiheit wird zu Liebe, zu dem „köstlichere en
Wege“, von dem Paulus am Schlusse des Kapitels ee aus dem
unser Leitwort stammt und der in dem berühmten darauf folgenden
dargestellt wird, aber es wird auch Liebe zu Freiheit. Das ist abe =
so wenig jene sentimentale Phrasenliebe der Modernen, als es ihr:
leere Freiheit ist. Die in Gott gesättigten und gebundenen Menschen
werden auf neue Art sowohl Einsame als Gemeinsame sein.
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niema [ie
den, untertan : — durch den Glauben; 1
“ Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge nd
jedermann untertan — durch die Liebe.‘ “ L. Ragaz 7
Der Löwe Tolstoi.
Wie dem heiligen Hieronymus, dieweil sein Geist über den Din- °
gen dieser Welt schweift, der zahme, bezwungene Löwe zu Füssen
liegt, gehört zur Legende Tolstois sein Vorname Leo. Eine Legende, °
die uns den heiligen russichen Bauern vor Augen führt, in der vom
Gurt gehaltenen faltigen Bluse, in weichen Lederstiefeln, den Gott-
Vater-Kopf vom silberweissen Bart, ja von einer etwas durchgei-
stigten Mähne umrahmt, die bekannte, gutmütige Nase, tiefliegende
Augen, deren Blick als durchdringend, keine Unwahrheit zulassend,
geschildert wird, Furchen in der Stirn, um Nase und Mund,
in die wir unendlich viel durchgemachtes Leid, Mitleiden mit den
Mitmenschen, Entsagung, Güte, Liebe hineindeuten dürfen. Die
Legende Tolstois erzählt uns von einem jungen Grafen aus uraltem
Adelsgeschlecht -—, Herr über weite Ländereien und Leibeigene, der
des Zaren Oftizier wurde, mit dem Heer in die Krim zog, die Fe-
stung Sebastopol verteidigen half, ein Graf, dem Wein, Weib und
Gesang nicht unbekannt blieben, der ehrsüchtig, weil er das Tapfer-
j
keitskreuz nicht erhielt, da nicht Feldherr über Soldaten, so doch
General im Heere der Schriftsteller werden wollte, und um dessent-
willen seine ersten Dichtungen schuf, ein Graf, der eine fünizehn |
Jahre jüngere Adelige heiratete, 'mit ihr auf sein -Gut Jassnaja en j
440
ber
Vandlung in
er in die Armen-
ı, zwischen Elend und
den Armen schenken, sein Land den Bauern verteilen
; er auf den Widerstand seiner Frau und seiner Kinder.
e die reine Nachfolge Christi, erstrebte die wörtliche Be-
folgung der Evangelien, besonders der Bergpredigt, fasste seine
ıL hre in die Worte zusammen, dem Uebel nicht mit Ge-
altzu widerstreben. Er verfluchte die Sinnlichkeit, das
'ierische im Menschen. Er verleugnete seine früheren Werke, ver-
„sagte der christlichen Kirche, weil sie den Evangelien zuwider-
_ handle, die Glaubensfolge und wurde von ihr ausgestossen. Trotz
‚alledem konnte er es nicht über sich bringen, den Eigenen, Näch-
- sten mit Gewalt das zu nehmen, was sie vermeinten, es komme ihnen
- von Rechts wegen zu, und so verzichtete er zwar für sich selbst auf
- jegliches Eigentum, vermachte es dagegen Frau und Kindern. Seine
- Freunde und Anhänger warfen ihm dennoch vor, dass er seiner
eigenen Lehre nicht folge. Die Bauern, denen er das von ihnen be-
- baute Land zu überlassen gesinnt war, misstrauten ihm, er wolle
- sie doch darum betrügen, — fast drei Jahrzehnte schwankte der
- Alternde zwischen seinen Bekenntnissen über das, was sein sollte
_ und dem, was immer noch war, hin und her. Wohl pflügte er, so-
- fern-er nicht an seinen geistigen Arbeiten, an seinen Werken schuf,
- den Acker, wohl legte er bei einem Schreiner in seiner Werkstatt
- im Hause zu Moskau mit Hand an, wurde aber trotz allem, wenn
_ er in den Kreis der Seinen eintrat, von befrackten Lakeien empfan-
gen, musste an Hausbällen und Festlichkeiten mit teilnehmen, sich
Neugierigen und solchen, die von ferne und nah kamen, um von
ihm Rat zu holen, zur Verfügung halten und zur Schau stellen, wie
_ auch die Entfremdung von seiner Frau, die er unentwegt liebte, die
seinen Gedankengängen aber nicht folgen konnte, ihn immer mehr
leiden liess. Mehrmals wollte er sein Haus heimlich verlassen, kehrte
wieder zurück, bis er, zweiundachtzigjährig, in einer Herbstnacht
mit seiner jüngsten Tochter floh, unterwegs erkrankte, in einem klei-
nen Stationsgebäude Unterkunft fand und dort, betreut von denjeni-
gen unter den Seinen, die seiner Lehre anhingen, dieser Lehre end-
_ lich im Tode getreu, starb.
3 Wie wenig gibt uns diese Legende, die letzten Endes
_ doch aus Tatsachen besteht, vom Wesen und Wirken eines
441
* * *
mr.
die Ungleichheit zwi
Ueberfluss. Alser je
ganz grossen, Gott und die Welt umfassenden und umfas-
sen wollenden Geistes! Wie nichtssagend ist es immer wieder,
von Tolstois Krise, von seiner grossen Wandlung auf dem a: I
seines Lebens zu berichten, die vielleicht äusserlich von der Volks-
zählung ausgelöst wurde, während wir ihre Vorbereitung vom
Augenblick an, da wir von Tolstois Denken Kenntnis erhalten, —
und es geht dies auf seine ersten Jugendjahre zurück, — verfolgen
können. Das reich veranlagte Kind beobachtet mit allen Sinnen, einer
Sinnlichkeit, die sich im Laufe der Entwicklung mit einer genialen
Darstellungsgabe zusammen entwickelt, ihr dient, und die den Wer- 7
ken des Dichters Tolstoi immer wieder ein für sie charakteristisches,
eindrucksvolles Gepräge verleiht. Der russiche Schriftsteller M e-
reschkowski‘) sucht in einem klugen, vielleicht gegen Tolstoi
mitunter etwas ungerechten Vergleich gegenüber Dostojewski nach-
zuweisen, wie Tolstoi dank dieser Sinnlichkeit in allen seinen Dar-
stellungen von aussen an seine Helden und Personen herantritt, sie
durch stets wiederholte Betonung gewisser Kennzeichen dem Ge-
dächtnis einprägt, einhämmert, mitunter auf Kosten der psychologi-
schen Vertiefung, dadurch aber ihre Deutlichkeit und Greifbarkeit er-
höht. Und diese Darstellung andrer Personen, schon im ersten Buche
Tolstois, in der Beschreibung seiner Kindheit und Jugendjahre, geht
von Anfang an von der Beobachtung des eigenen Ichs, von der Be-
schäftigung mit dem eigenen Ich und Wesen aus. Fast alle Werke”
Tolstois haben autobiographischen Charakter. Ueberall schildert
er in irgendeiner Person sich selbst, ob er sich nun in eigentlichen
Beichten und Bekenntnissen direkt über sich ausspricht, ob er sich‘
zeichnet, wie er sein möchte, oder ob er in manchmal ungeheurer
Vergrösserung die Fehler und Mängel seines eigenen Wesens bloss-
stellt. Wir sehen bei Tolstoi trotz der angeblichen Krise von An
beginn, ihn durch sein Leben begleitend, die nämlichen Züge. Ob’
er sich nun als Jüngling kasteit, ja geisselt oder ob er sich „nach
der Krise“ in seinen Bekenntnissen masslos peinigt, bis zum Genuss’
der Qual und zur Qual des Genusses, es ist immer die gleiche ge-
dankliche Richtung. Von Anfang an dreht es sich um moralische
Probleme, um das Gut und Böse, das er tun kann, könnte oder getan
haben sollte, an Masstäben gemessen, die freilich zu Anfang durch-
N traditionell aus seiner Abstammung und Erziehung sich ableiten
assen.
Man muss sich die Herkunft Tolstois, um ihm gerecht zu
werden, um seine Entwicklungslinie richtig zu würdigen, deutlich
vor Augen halten. Die feudale, gräfliche Grundbesitzersatmosphäre
einerseits, zur Zeit der Leibeigenschaft, die erst 1862 aufgehopen
.) D. Mereschkowski: Tolstoi und Dostojewski. Schulze & Co.,
Leipzig. 1903,
442
von Korolenko, einem Alters- und Zeitgenossen
schildert die Märtyrerin Rosa Luxemburg, we
nem Wunder nach einigen schüchternen Anläufen zur
ıg einer nationalen Geistesbewegung „Ausgang des 18.
underts die napoleonischen Kriege wie ein Blitz zünden,
sowohl durch die tiefste Erniedrigung Russlands, die zum ersten.
- Male das nationale Bewustsein im Zarenreich weckt, wie später durch PER:
_ die Triumphe der Koalition, welche die russische intellektuelle Ju-
gend nach dem Westen, nach Paris, ins Herz der europäischen Kultur
- führen und mit einer neuen Welt in Berührung bringen.“ Wie über
- Nacht blühte die russische Literatur auf. Auf einmal stand sie da,
- mit einem Löwensprunge die Versäumnisse eines Jahrtausends nach- 7
_ holend. „Ein merkwürdiger Rhythmus dies in der ‘Geschichte der 20
- russischen Literatur und eine merkwürdige Analogie zu der jüng- GR
sten politischen Entwicklung Russlands, was wohl geeignet ist,
- manch braves Schulmeisterlein aus dem Konzept zu bringen. Was
aber das Kennzeichen dieser so jah emporgesprossten Literatur |
ist, dass sie aus Opposition zu dem herrschenden Regime, aus
Kampfgeist geboren wurde. Dies Zeichen trägt sie sichtbar das
- ganze 19. Jahrhundert hindurch. Daraus erklärt sich der Reichtum
und die Tiefe ihres geistigen Gehaltes, die Vollendung und Origina-
- lität ihrer künstlerischen Form, namentlich aber ihre schöpferische
und bewegende soziale Kraft. Die russische Literatur war unter
- dem Zarismus, wie in keinem Lande und zu keiner Zeit, eine Macht
im öffentlichen Leben geworden, und sie blieb ein Jahrhundert lang
- auf dem Posten, bis sie von der materiellen Macht der Volksmassen
abgelöst, bis das Wort zum Fleisch wurde.“ ') Diesem Kampigeiste
- der werdenden russischen Literatur, deren einer der grössten Tolstoi
werden sollte, begegnete er gleichsam in der Kinderstube, mit der
: frühesten Bildung, die er einzusaugen begann. Und wie Griboje-
dow undG og ol, die vor ihm da waren, schon als Gesellschafts-
kritiker im eigentlichen Sinne des Wortes wirkten, so auch Tolstoi,
kaum, dass er die Tatzen zu recken beginnt. In dem schon kurz
nach der Darstellung seiner Kindheit begonnenen ersten Romane
1) Aus dem Vorwort von ‘Rosa Luxemburg zu Wladimi r Korolen-
ko, „Die Geschichte meines Zeitgenossen“, Paul Cassierer, Berlin, 1919.
443
a. DE An ip Amt ve) ba u“ d er ER [2 a
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der zwanglosen, nein, mit der oft krampfhait sich selbst abgerun-
genen Wiedergabe der intimsten Regungen nachweisen könnten.
Und während wir Tolstois Erlebnisse als Verteidiger Sebastopols
in drei Darstellungen mitmachen, deren erste (Dezember 1854) recht
eigentlich konventionell national beginnt, den Vaterlandsverteidiger
und -helden verherrlichend, dem Autor patriotische Anerkennung,
ja der Zarin Wohlgefallen eintragend, sehen wir schon in der zwei-
ten Darstellung (Mai 1855), die ein halbes Jahr später erfolgt, den
Abscheu vor dem Kriege durchdringen, begegnen wir der Kriegs-
erklärung dem Kriege gegenüber, sodass ein grosser Teil der Schil-
derungen dieses zweiten Sebastopol-Aufsatzes von der damaligen
Zensur unterdrückt wurde.. Im dritten Sebastopol-Aufsatz (August
1855) kehrt eigentümlicherweise Tolstoi noch einmal zur Darstel-
lung des Krieges im Sinne nationaler Verherrlichung zurück. Aber
schon ein Jahr später wiederum (1896) finden wir Tolstoi im
„Morgen eines Gutsherrn“, wie er sich mit dem Problem des aus-
schliesslichen Landbesitzes durch dessen Eigentümer beschäftigt,
wie er daran denkt, in philanthropischer, pädagogischer Weise den
Bauern und Leibeigenen ihrer Hände Arbeitsfrucht gerechter zu-
kommen zu lassen und wie er am Unvermögen des Vereinzelten, an
„die Kosaken“ (1862 beendigt), flieht der durch das korrumpie te 3
- Offiziers- und Grosstadtleben angeekelte Offizier zurück zur Natur,
unter die Kosaken, „zurück zur Natur“, nach dem Leitwort
Rousseau’s, den Tolstoi damals tieibewegt las, Einfluss, den
wir später auch in Form der Bekenntnisse, der Tagebücher mit
|
der Einsichtslosigkeit derer, denen er helfen möchte, scheitert. Und
immer wieder, in den Erzählungen dieser früheren Jahre, in den
pädagogischen Schriften (1862), dann auch im grossangelegten
Plane, die revolutionären Aristokraten, die Dekabristen zu den °
Helden eines Romanes zu machen, der allerdings unvollendet bleibt,
zeigt sich die soziale Anteilnahme des russischen Intellektuellen °
jener Zeit, wie denn auch Tolstoi damals in engere Fühlung mit den °
führenden Schriftstellern Russlands getreten war, um sich allerdings
bald abgestossen und angewidert zu fühlen.
Wir sehen aber nicht nur die soziale Anteilnahme, die jedes rus- |
sischen Gebildeten Pflicht in jener Epoche war, bei Tolstoi als
Grundlage zu seinem späteren Wesen sich entfalten, sondern wir
können gleichzeitig, auch in seinen ersten literarischen Werken die
sittlichen Fragestellungen schon nachweisen, die sich später,
nach der sogenannten Krise, lediglich in extremer, zugespitzter
Weise Ausdruck verschaffen.
Die Heirat mit dem unschuldigen, viel jüngeren Mädchen aus
bester Familie rüttelt ebenfalls moralische Betrachtungen über die
doppelte Sexualmoral der Gesellschaft in Tolstoi wach, wie wir sie
‚nachträglich in der Kreutzersonate explosiv ausbrechen sehen. Tol-
444
; "yH Ks suche, i e_
* NK 7 \ IEFTLE »
>
igkeiten, die immer wieder in der nämlichen Weise gruppiert,
„in Bewegung gesetzt werden, bilden sich zu Eigenschaften aus. Die
Summierung dieser Eigenschaften ergibt das Charakterbild. Zum
_ richtigen, gesunden geistigen Leben gehört die jeweilige, gleichzei-
' tige Kombination eines Minimums solcher Fähigkeiten, kann aber
bei reich veranlagten und ihre Anlagen reich anwendenden Persön-
lichkeiten zu einem Maximum sich entfalten. Nie aber dürfen Fähig-
keiten auf Kosten anderer überhandnehmen, so, dass sie
die Anwendung unserer übrigen Fähigkeiten einschränken, sie
versklaven, dadurch die ganze Persönlichkeit verarmen las-
- sen und siein ihrer Erhaltung und Entfaltung stören. Je nach
der falschen, irrigen Verwendung der Fähigkeiten entsteht der ner-
vöse oder der geisteskranke Charakter. Es ist natürlich ein Unfug,
_ wenn der Psychiater etwa aus dem Vorurteil heraus, dass Genie und
- Irssinn sich nahe berühren, an jeden Grossen des Geistes heran-
- tritt, um die pathologischen Züge an ihm herauszuklauben und ıhm
irgend eine Diagnose anzuhängen. Denn selbst, wo wir am Genius
krankhafte Züge nachzuweisen vermöchten, müssten wir immer
wieder auch zur Erkenntnis gelangen, der übrige Reichtum der ver-
; wendeten Fähigkeiten erreiche ein so hohes Maximum, dass
sich der Krankheitsbegrifi hier mindestens nicht mit dem
Krankheitsbegriff, den wir beim Durchschnittsmenschen ansetzen,
gleichwerten liesse. Immerhin schliesst dies nicht aus, dass wir die
Denkmethoden des grossen Geistes uns klarzulegen versuchen und
dass wir dort, wo sie zur Beschränkung auch des genialen Reich-
tums führen, gewisse Verirrungen, die selbt dem Genius nicht er-
spart bleiben, daraus zu erklären suchen.
ewarlot Strasser.
(Fortsetzung folgt.)
1) Die nachfolgenden Ausführungen schliessen sich einem in Vorberei-
tung befindenden Buche von Vera Strasser: Die Denkmethoden und ihre
Gefahren, an.
445
+
Er.
7
An Be age Ns 277 PR NO ae EHEN
s Aerzte und Psychologen einen Menschen durch-
en, wenn wir gleichsam zum Schlüssel seiner Persön-
elangen trachten, so haben wir uns über seine Denk-
n Klarheit zu verschaffen.‘) Zu den menschlichen An-
‚ören eine grosse Zahl von Fähigkeiten, unter welchen die
, diese Fähigkeiten souverän zu leiten, mit inbegriffen ist.
triebe der Völkischen und Deutschnationalen, die durch den Yo
ei TERN agENER. WER BE RR RER RER pn Sn vn un
2 Zur innern Lage Deutschland: Z ne
e3 b«, r L
E Sn , 2
Nordhausen bei Heilbronn, 2. Nov. 1
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Lieber Herr Doktor! ; :
» } N
Auf Ihre Ausführungen zu meinen Brief, für die ich sehr dankbar bin,
muss ich noch einmal antworten. Ich möchte natürlich keinem o -
lichen Optimismus Selbstverständlich ist bei uns weithin noch
Geist, der von einer Schuld nichts wissen will und nur bemüht ist, die Fl:
der nafionalen Erregung zu schüren. Selbstverständlich sind auch die
seiner uns auf drei Generationen verpflichtenden Tributslast neue ahrı
erhalten haben, nicht leicht zu nehmen. Was ich nur bestreiten wollte, i
das, dass dieses „alte Deutschland“ jetzt wieder die Führung habe, währ
es sich doch gerade deshalb so laut gebärdet, weil es in der Opposition ist,
und dass auch die heutigen politischen Führer, worunter ich im wesentlicher
unsere jetzt regierenden Minister verstand, daran beteiligt wären „bis in di
Reihen der Sozialdemokratie hinein.“ Ä
Aber nun darf ich vielleicht doch noch einiges zu Ihren Ausführungen
sagen: einmal zu dem Vorwurf (oder ich möchte lieber sagen: zu dem — wie
man aus jedem Ihrer Worte herausspürt — aus herzlicher Sorge um uns heraus-
geborenen Vorhalt), dass bei uns das Nationale eine grössere Rolle spiele als
das allgemein Menschliche, Dieser Vorhalt ist berechtigt. Aber bedenken
Sie, dass wir ein Volk sind, das noch um seine nationalen Rechte und seine 7
nationale Freiheit kämpfen muss und nicht wie andere Völker, z. B. England‘
und Frankreich in dieser Beziehung saturiert ist. Es ist doch so, dass die,
deren Recht in dieser Hinsicht verkürzt ist, sich mit der Kraft eines elemen-
taren Lebensinstinkts darum wehren. Niemand nimmt es den Indiern übel,
dass ihnen ihr Freiheitskampf im Vordergrund steht, oder um ein anderes
Beispiel zu nehmen, niemand verdenkt es der Arbeiterschaft, dass sie bei
ihren Kämpfen in erster Linie an die Befreiung ihrer Klasse denkt. Die
ganze nationale Welle, die durch die Völker geht, ist ja nur deshalb so stark
und elementar, weil wir überall um ihr einfaches Lebensrecht kämpfende Völ-
ker und Minderheiten haben, die vergewaltigt werden, und in diese Reihe
gehört auch Deutschland, Es leidet mit seinen Brüdern im Ausland, in Tirol
und Polen z. B., wenn sie unterdrückt werden, und es wäre ein schlechtes
Zeichen, wenn es das nicht tun würde; es fühlt sich durch den Frieden von
Versailles betrogen, der eine Ausgeburt des Hasses war. Das sind Wunden,
die nicht so schnell verheilen, ja die wohl erst dadurch richtig ausheilen,
dass — natürlich durch friedliche Vereinbarungen — manche Ungerechtig-
keiten wieder gut gemacht werden. Sie haben selbst einmal geschrieben, dass
echter Friede nur auf der Grundlage der Wahrheit und Gerechtigkeit möglich
ist. Das gilt auf dem sozialen wie auf ‘dem nationalen Gebiet. An diesem
Willen zur Gerechtigkeit aber fehlt es trotz aller Friedensbeteuerungen. Das
sieht man daran, dass man sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, dass
an den Bestimmungen von Versailles irgendwie gerüttelt wird. Darum ist
es für Stresemann nicht so leicht wie für Briand oder Mac Donald gewesen, \
die Friedenshand auszustrecken. Er befand sich weithin in der Lage eines
um sein Erbe betrogenen Bruders, dessen Partner nachher zu ihm sagt:
komm, wir wollen wieder gut Freund sein, ohne aber daran zu denken, sei-
446
v—
ube an die Urgewalt des Erd-
'h bis zum Zynismus steigern
di ersti entschuldigen und befinde mich
(ampf gegen diese Anschauung. Aber vertritt der Deutsche da
twas Richtiges gegen einen allzustarken Optimismus, der uns auf
Seite oft entgegentritt? Ich hatte Gelegenheit, im Radio die Rede
nns auf der letzten Völkerbundstagung in Genf zu hören und dabei
isterung und den starken Beifall mitzuerleben, den dort jedes Be-
lischen Fortschritt und Aufstieg auslöstee Wir Deutsche sind da skep-
er. Wir sehen den Gegensatz zwischen Worten und Taten — und haben
dies gerade in Versailles furchtbar erlebt — sehen die grossen Hindernisse
und die Widerstände oft dämonischer Art, sehen die viele Heuchelei, die sich
_ bei all diesen Bestrebungen immer wieder zeigt. Das macht uns vorsichtiger
und bedenklicher im Glauben an die Macht des Guten. Gott wird siegen,
_ gewiss, und mit ihm das Gute, aber nur durch schwere Kata-
strophen und Gerichte. Dies ist ja auch die Meinung der Bibel.
Der Weg aber derer, die für das Gute kämpfen, ist vielfach der des Kreuzes
‚und scheinbarer Erfolglosigkeit.
Mit dem allem — ich wiederhole es — möchte ich Deutschland nicht rein
waschen.‘ Wir müssen uns gewiss das zu Herzen nehmen, was Sie gesagt
_ haben, müssen ankämpien gegen allen Gewalt- und Schwertglauben, gegen
nationalen Egoismus und nationale Beschränktheit, wie er unter uns zu finden
ist. Wir haben den Ruf zur Umkehr bitter nötig. Aber verstehen kann man
- uns Deutsche doch erst, wenn man die von mir angeführten Dinge — unsere
- nationale Not und die bitteren Erfahrungen, die wir. gemacht haben — er-
wägt und in Rechnung zieht. Unsere Umkehr muss zusammengehen mit der
—_ Umkehr der Andern, dann erst kann wirklich ein Neues gepilügt werden.
Dass dies geschehen möge, in diesem sehnlichen Wunsche weiss ich mich
mit Ihnen einig und grüsse Sie herzlich
' Ihr Eberhard Lempp.
%
2.
Lieber Herr Pfarrer!
Zürich, 18. Oktober 1929.
Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Antwort, der man jedenfalls nicht die
- Rechthaberei vorwerien darf, die sonst gerade in nationalen Dingen so sehr
- üblich ist. Da die Sache, die wir verhandeln, von so schwerer Wichtig-
keit ist, fühle ich mich verpflichtet, auf die Argumente, womit Sie gewisse
Züge am heutigen deutschen Wesen und Verhalten erklärlich machen wollen,
in möglichster Kürze einzugehen.
e. Da ist denn aber eine Vorbemerkung dringend nötig. Das, was man
meine „Kritik“ an jenem deutschen Wesen und Verhalten nennen mag, erfolgt
keineswegs etwa vom Boden einer schweizerischen Selbstgerechtigkeit aus,
Es gibt freilich eine solche, Sie wissen aber schon als Leser der „Neuen
Wege“ und wüssten es noch besser, wenn Sie etwa mein Buch: „Die neue
Schweiz“ kennten, wie ich immer wieder daran bin, dieser schweizerischen
Selbstgerechtigkeit die immer wieder anwachsende Maske abzureissen. Ich
rede zu Ihnen als Europäer, wenn Sie wollen als Christ (obschon ich mich
nicht leicht so nenne), spreche zu Ihnen als zu einem Genossen und Bruder.
Ich betrachte Sie als einen Mitarbeiter am gleichen Werk, das Sie jenseits, ich
A
447
ir zu den Mächten
Vorhalt ist richtig. Richtig
ndern besonders auch bei den
zum Völkerbund, zum Versöhnungsgedanken, zum Glauben an den
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ho MER ‚ L.? EV ‘% ET ae rar Be Pe DET
Sa 3 u TR en SUERT,
liesseits der politischen Grenzlinie des Rheines tun, Auch bin ich s
3 ‚ständlich Innen einverstanden, dass die andern Völker ebensosehr die
2; Umkehr nötig haben, wie das deutsche. Schon in meiner ersten Antwort
A habe ich betont, dass das deutsche Volk zwar in einer gewissen Anlage wie
Ye in einem gewissen geistigen Erbe ein besonderes Hindernis für den Friedens-
lauben habe, aber ich habe auch hinzugefügt, dass andere Völker von ihrer
Natur und Geschichte her mit andern Hemmungen und Gefahren belastet
seien, Ich habe das in den „Neuen Wegen“ besonders am eigenen Volke, aber
auch am nordamerikanischen, italienischen, russischen zum Teil eingehend
nachzuweisen versucht, so wie sichs eben gab. Diesmal aber kamen wir ge-
rade auf das deutsche Volk, Von diesem versprach ich, bald wieder einmal
zu zeigen, wie ich sein „Wesen“, das heisst vor allem seine Berufung, seine
Gefahren, seine Vorzüge verstehe. Ich bin nun diesmal in der glücklichen
Lage, dieses Versprechen rasch erfüllen zu können. Denn der Aufsatz über
das Jahr 1529 in diesem Heite bedeutet unter anderem auch einen solchen
Versuch. Er bleibt freilich auch ein Fragment, aber wer wollte auch nur
‘daran denken, in einer solchen Sache vollständig zu sein? Jedenfalls werden
Sie aus diesem neuen Versuche erkennen, dass es mir fern liegt, gegen das
deutsche Volk ungerecht zu sein oder von seiner Art und Bestimmung gering
zu denken. ; i
Um gerade hier, weiterzufahren, so erkennen Sie aus den Ausführungen
meines Aufsatzes auch, wie ich mir das erkläre, was ich den pessimisti-
schen Hang des deutschen Denkens nenne. Er hat nach meiner Meinung
nichts mit einer skeptischen Anlage zu tun, die doch wohl niemand
dem deutschen Wesen zuschreiben wird, aber auch nichts mit den Erfah- ”
rungen des Weltkrieges und des darauf folgenden Friedens — solche vorüber- °
gehenden Stimmungen kann ich von einem dauernden geistigen Habitus wohl
unterscheiden — sondern wurzelt in letzten, kaum mehr analysierbaren und
jedenfalls unerklärlichen Tiefen und ist paradoxerweise die Kehrseite jenes
aus dem Schöpfungs- und Christusglauben stammenden Jasagens zur Welt, °
worin ich besonders einen Grundzug des Luthertums finde. Es handelt sich
also um etwas sehr Grosses und Gutes, das bloss die Gefahr der Einseitig-
keit in sich trägt. Ich bin also auch mit Ihnen darin einig, dass in dieser Art °
ein starkes Recht liegt. Meinerseits bin ich, wenn auch die neue Theologen-
generation, die das „von Gott gerichtet“ zum dritten Worte macht, selbst aber
voll des hochmütigsten und ungerechtesten Richtgeistes gegenüber -den Men-
schen ist, mir gegenüber mit dem Vorwurf des „Optimismus“ nicht spart,
niemals „Optimist“ gewesen, so- wenig als „Pessimist“, sondern habe eine
schwermütige Anlage und Weltbetrachtung nur durch die Gnade des Glau-
bens überwinden können. So ist mir auch die Wirklichkeit des Bösen
wahrhaftig nicht unbekannt. Was ich den heutigen Deutschen vorhalte, ist
nicht eine besonders tiefe Empfindung für den Ernst und die Macht des
Bösen, sondern umgekehrt gerade eine gewisse monistische Ablehnung der
ethischen Denkweise, die ja ihrer Natur nach immer dualistisch ist, also
eine gewisse Ablehnung des Denkens in den Kategorien von Gut und Böse,
an deren Stelle man die Kategorien der Macht oder des Schicksals setzt, eine
Bevorzugung des Seins vor dem Sollen, woraus. durch eine Art Dialektik,
die wir oft antreiien, zuletzt etwas wie ein Glaube an das Böse und dem
entsprechend einer an den Erdgeist, also eine Art weltlicher Optimismus
wird. An diesem Punkte, meine ich, müsste eine Wendung geschehen, eine
Rückkehr zu Kant oder meinetwegen zu Luther, aber diese dann in dem
Sinne, dass dessen tiefe Sündenerkenntnis neu durchschlüge, besser
noch: zur Bibel, in der die Erkenntnis der Macht des Bösen aufs engste
verbunden ist mit der Erkenntnis der sieghaften Macht Gottes. Auch wer
im biblischen Sinne eschatologisch denkt, erst von der Widerkehr Christi
den Sieg über das Böse erwartet, wird niemals dem Erdgeist huldigen, -
BUNG
en <=
448
N
er, dies nicht ausdrücklich, aber
cher Pessimismus ist, so wenig
er Optimismus. Vor solchem-Feh-
sch« en, dass die gewaltigsten Aeusse-
timismus auf deutschem Boden stattgefunden haben, in
der nicht weniger als in Leibnitz, Fichte und Hegel, und dass
4 TI »r m
schen und angelsächsischen Boden zu finden ist. Es handelt sich vielmehr
‚beidemal um Glauben, nur dass dieser sich bei den Einen mehr „quieti-
stisch“, bei den Andern mehr „aktivistisch“ äussert. Es ist die gleiche Wur-
° zel, die nach zwei verschiedene Seiten ausschlägt. Darum muss aber jede Art
_ sich des Mangels in ihrer Einseitigkeit bewusst sein und dafür das Korrektiv
suchen, sich nicht darin als in einen blossen Vorzug versteifen, vielleicht gar
in Selbstüberhebung. Es muss gerade an solchen Stellen nationale, konfessio-
nelle, ethnologische Selbsterkenntnis und Selbstkritik einsetzen, wofür wir
lieber Busse und Umkehr sagen wollen.
- Ich habe mich, lieber Herr Pfarrer, bei diesem Punkte zu lange aufge-
- halten. Viel wichtiger ist mir ja diesmal ein anderer. Sie erklären das deut-
sche Verhalten vor allem durch das, was das deutsche Volk seit dem Frie-
den von Versailles und durch ihn erlitten habe. All dieses Unrecht, ail
diese Vergewaltigung machten ihm eine Friedensgesinnung und ein Friedens-
_ bekenntnis schwerer als den Andern, Jedenfalls legen Sie Nachdruck auf eine
Grundtatsache, die mir gewiss nicht unbekannt ist, obschon es zu den Schran-
- ken unserer Natur gehört, dass wir die Lage eines Andern nicht leicht so
stark empfinden können wie die eigene. Gewiss, dieses Argument hat sein
£ >
grosses Recht; ich will es auf keine Weise bestreiten. Die grossen Sünden-
der „Sieger“ liegen auf der Hand. Sie betonen mit Recht, dass der durch
den „Sieg“ Gesättigte leichter von Frieden rede als der durch die „Nieder-
lage“ Beraubte. Aber nun, lieber Herr Pfarrer, muss ich Ihnen doch et-
was entgegenhalten, was. furchtbar einfach scheint, worin aber doch sozu-
sagen der Schlüssel zur Lage zu finden ist: Bedenkt man im deutschen Volke
—— genug, was die Andern gelitten haben und noch leiden? Bedenkt man die
- Verwüstung Nordfrankreichs, die Vergewaltigung Belgiens, die Deportation
französischer Frauen und Mädchen und belgischer Arbeiter zu Tausenden;
— die Erschiessung von Tausenden Unschuldiger, darunter vieler Frauen und
Kinder, in Belgien und Frankreich — bedenkt man all die Schrecken und
— Nöte einer viereinhalbjährigen Invasion und kriegerischen (nicht bloss
militärischen) Besetzung, die Ausraubung und Zerstörung der französischen
und belgischen industriellen Anlagen durch die Deutschen noch auf dem
letzten Rückzug und so fort und so fort? Das alles liegt etwas weiter zu-
He rück, gewiss, aber die Folgen sind doch noch vorhanden. Um nur die
Reparationen zu berühren: Frankreich musste sein verwüstetes Land wie-
der aufbauen; muss Fremde auf seinem Boden sehen, dem die eigenen Kin-
der geraubt sind; muss Amerika und England ebenfalls durch Generatio-
nen Tribut zahlen. Alle jene durch den Krieg und während des Krieges er-
— Jittenen Dinge haben den Frieden von Versailles herbeigeführt; es war fast
nicht mehr anders möglich.
Das alles muss eben doch vom deutschen Volk bedacht werden. Es weiss
davon zu wenig. Was wir ihm geradezu vorwerfen, ist, dass ihm dieses
Gefühl für das, was die Andern gelitten haben und leiden, was es den
2
449
i - = A.
r reht nicht an, ie
rilächlichen Optimismus
streife. So wenig die deutsche
°essimismus verbundene Skepsis besonders auf dem romani-
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andern Slaven angetan hat, dazu den Däne
bedenkt es kaum, So entsteht denn blos
»
gestreckt werden.
Es ist wichtig, dass wir uns an diesem Punkte recht verstehen. Nicht
handelt es sich jetzt darum, wer mehr Schuld habe, die Deutschen oder die
Andern. Das wollen wir hier völlig dahingestellt lassen. Nein, es kommt bloss
darauf an, dass auch die Not und das erlittene Unrecht der Andern
erkannt werden, seien sie nun grösser oder kleiner als die eigenen; es kommt
sen, könnte jene Friedenshand aufrichtig und herzlich dern entgegen- 2
bloss darauf an, dass die Schuld nicht allein auf der andern Seite gesehen
wird; es kommt bloss darauf an, dass das Schuldbewusstsein auch in bezug
auf das eigene Tun erwacht. Es gibt wohl kaum eine stärkere und tiefer
reichende Wurzel des Friedens, als das Gefühl der eigenen Schuld, wie es
umgekehrt wohl auch keine stärkere und tiefere Wurzel des Streites gibt,
als die Selbstgerechtigkeit. i f
Trotzdem.ich also meine, dass es für das, was zwischen uns in Frage
steht, nicht darauf ankomme, auf welcher Seite die grössere Schuld sei,
muss ich zum Schluss doch noch die sogenannte Schuldirage, wie sie
gewöhnlich verstanden wird, streifen. Ich glaube in der Tat, dass man um
sie nicht herumkommen kann. Hier will ich nur dies bemerken: Sie dürfen,
lieber Herr Pfarrer, nie vergessen, und Ihre Landsleute sollten es auch nicht,
dass man auf der andern Seite Deutschland die Schuld am Kriege zu-
spricht, nicht die Alleinschuld zwar, aber den weitaus grösseren Teil der
Schuld. Aus dieser ganz festen Ueberzeugung heraus — und dazu aus der Angst
vor einem neuen deutschen Angriff, einer deutschen Revanche — ist vieles,
sehr vieles zu erklären, was Sie am Verhalten der Ändern als ungerecht und
unerträglich empfinden. Nun wiederhole ich: ich will durchaus nicht unter-
suchen, ob sie darin recht haben oder nicht, oder mehr oder weniger recht
haben, sondern will nur das sagen: man muss auf Ihrer Seite mit diesem
Tatbestand rechnen. Dann kommt vieles sofort in ein anderes Licht. Ich
füge aber hinzu: man muss die Schuldfrage aufrichtig und demütig prüfen.
Selbstverständlich auf beiden Seiten, aber wenn die eine Seite es tut, wird
es zuletzt die andere sicher auch tun. Damit wird, zu welchem Ergebnis man
dann immer gelangen wird, doch sofort die ganze Stimmung verändert. Ein
Studium etwa des Buches von Hans Wehberg, eines sicher sehr unbefangenen
Mannes, über „Deutschland und die Friedensbewegung“ (im
Werk des „Untersuchungsausschusses“, Abteilung: „Die Vorgeschichte des
Weltkrieges“ erschienen) wird auf alle Fälle auch diese Wirkung haben. Und
endlich wiederhole ich: Es ist immer wichtig, wenn jeder zunächst an seine
eigene Schuld denkt. Vor Gott sind wir immer schuldig und jede Schuld
ist unendlich,
Aus einer solchen Einstellung heraus, lieber Herr Pfarrer, kann auch
Ihr Volk, trotz allem, was es erlitten hat und erleidet, den Andern die Frie-
denshand reichen. Das wäre dann auch sein wahrer und raschester „Auf-
stieg“. Sehr, sehr Grosses wäre dann erreicht,
Nicht wahr, Sie verstehen, wie ich alles meine? Seien Sie von Herzen
gegrüsst!
Ihr L. Ragaz.
450
Tr PETER
LLIINTITETTTTETTTTTTTTTITTTTTTITTTEPTITTLETTTTTTILTTETTLITITTITTLTITITTITITETTRTETKTETITETTITTITITTTTETTITFITTTTTTLTERTITITFTTRRRN
7 . )
Zur Weltlage
=
ALLEITTTSTTITTTITTITTITITTITTTET EIS ERTETTTTETTTRTTITITTTTTLTTTTTTTTTTTTTTTTTTTTNT LELTESETTTSTTETTTETETTETTETTESTETTTTETTETTTTTITTENFERTERTERTETELTEETLLTILTITTETTEET
} f
Das Jahr 1529.
Vom 1. bis zum 3. Oktober des Jahres 1529 hat bekanntlich
das Religionsgespräch in Marburg zwischen Luther und Melanch-
thon auf der einen und Zwingli und Oekolampad auf der andern —
- um nur die wichtigsten der Gegenspieler zu nennen — stattgefun-
- den. Es sollte eine Versöhnung schaffen und besiegelte statt dessen
den endgültigen, noch heute durchaus nicht überwundenen Gegen-
satz zwischen der lutherischen und der reformierten Form des
2 Protestantismus, der, wie man wenigstens bisher anzunehmen ge-
@ neigt war, dessen Siegeszug gelähmt und ihn zeitweilig, soweit sein
__ äusserer, mehr politischer Bestand in Betracht kam, an den Rand
des Unterganges gebracht hat. Wir sind auf der reformierten Seite
gewohnt, die Schuld an diesem Ausgang Luther zuzuschreiben,
dessen ganze selbstsichere Hartnäckigkeit sich in dem Worte kon-
zentriert habe, das er zu dem ihm unter Tränen die Versöhnungs-
hand entgegenstreckenden Zwingli und dessen Wort: „Ich wollte
mit niemandem lieber eins sein als mit euch Wittenbergern‘“, ent-
gegengeschleudert: „Ihr habt einen andern Geist als wir.‘“)
—- Seit jenem Tage sind viele Wasser im Strome der Geschichte
zum Meere der Ewigkeit geflossen. Und nun ist es vierhundert
Jahre her und man erinnert sich des tragischen Ereignisses in die-
sen Wochen mit einer Art von grosser Gedächtnisfeier und neuem
aber friedlichem Religionsgespräch. Gern hätte ich, und dies schon
seit Jahren, mich ebenfalls zu dieser Sache gründlich geäussert.
Denn in diesem Streit um das Abendmahl konzentriert sich ein
Gegensatz von gewaltiger weltgeschichtlicher und reichgottes-
LELHTITTITETTTTTTTEITITITTT
O
|
\
’
t) Das zweite Wort ist, ungefähr in dem obigen Wortlaut, zu den auf dem
„schweizerischen“ Boden stehenden Strassburgern gesprochen worden.
Genau lauten (nach Köhlers Rekonstruktion) die Worte folgendermassen:
Zwingli spricht zu Luther: „Ich bitte Euch, Doktor Luther, verzeihet meine
Herbigkeit. Ich habe stets den grössten Wunsch nach Freundschaft gehabt
und wünsche sie noch (Mit Tränen in den Augen!). Es gibt in Italien und
Frankreich keine Männer, die ich lieber sehen möchte.“ Luther erwidert:
„Bittet Gott, dass Ihr zur Einsicht kommt“. Worauf der sonst so milde
Oekolampad mit Recht: „Bittet auch Ihr, Ihr habt es ebenso nötig.“
Das Wort an die Strassburger, das natürlich auch den Schweizern
galt (da ja, wie gesagt, jene auf deren Boden.standen) lautet: Bucer, der
Vertreter der Strassburger, spricht: „Ich bitte: wollet Ihr mich als Bruder an-
erkennen, oder glaubt Ihr, dass ich irre, auf dass ichs verbessere? Zeigt doch
an, was Euch missfällt an unserer Lehre.* Luther antwortet: „Ich bin Euer
Herr nicht, Euer Richter nicht, Euer Lehrer auch nicht, so reimet sich unser
Geist und Euer Geist nicht zusammen, sondern ist offenbar, dass wir nicht
einerlei Geist haben.“
451
- Eummmantunn®
.
chtlicher Tra
aufzudecken auch ich,
glaub ich, das M
Die Schrift, von der ich geträumt, hätt:
gehabt, auch zur Ueberwindung d Gegens
tragen. Die Notwendigkeit, den Kampf des Tages zu kämj
für mein eigenes Empfinden allerdings mit jenem andern tie
ich
mannigfaltige Zusammenhänge hat) a ee Ar w
so manchen andern solcher Art vereitelt hat. Wenn nun
dieses Thema an Stelle eines kleinen Buches bloss eine Betrach
„Zur Weltlage“ schreibe, so tue ich das — was ich sehr zu beai
bitte — ohne jeden gelehrten Anspruch. Zwar glaube ich
Wesentlichen genau orientiert zu sein. Ich habe nicht nur dem
gensatz zwischen dem lutherischen und dem reformierten Christen-
tum stets eine besondere historische und prinzipielle Aufmerksam-
keit zugewendet, sondern gerade auch den Abendmahlsstreit in den
Quellen, (das heisst, in den Schriften der beiden kämpfenden Par-
teien verfolgt und kenne den Verlauf des Marburger Gespräches
ungefähr so genau, als dies möglich ist. Aber es liegt mir fern, eine
historische Abhandlung darüber schreiben zu wollen. Was ich
bringen will, sind einige allgemeine Gedanken, und zwar solche,
wie sie in den Rahmen dieser nicht für Theologen oder überhaupt
Gelehrte geschriebenen Betrachtungen zur Weltlage passen.')
1. Der Streit um das Abendmahl.
Im Mittelpunkt des Streites stand bekanntlich das Abendmahl.
Schon das ist uns Neueren stets ein doppelter Skandal gewesen.
Einmal schien es uns ein Aergernis, dass man sich gerade um das
Abendmahl, dieses heiligste Zeichen der Liebe, der Versöhnung mit
Gott und mit dem Bruder und der Gemeinschaft mit ihnen, ge-
stritten habe — und wie gestritten! — und gerade darüber sich
dauernd getrennt. Sodann kam uns der Streit gerade in dieser Form
so sehr veraltet vor. Denn was war unter uns das Abendmahl, ja,
man muss wohl sagen: was ist es noch heute unter uns anderes als
ein fremdartiges Residuum einer Welt, die wir — vielleicht nur vor-
läufig, vorläufig aber sicher — nicht mehr verstehen ?”) Darum ver-
') Wer sich über den Gegenstand historisch orientieren will, der greife,
je nach dem Grade dieses Bedürfnisses, zu dem sehr umfangreichen Werke
vonWalterKöhler: Luther undZwingli, ihrStreit über das Abend-
mahl nach seinen politischen und religiösen Beziehungen, Bd. L: Die reli-
giöse und politische Entwicklung bis zum Marburger
Religionsgespräch 1529. Sehr viel kürzer und in Bezug auf das
Marburger Gespräch für jeden, der nicht Spezialist ist, vollkommen genügend,
ist die Schrift des gleichen Verfassers: Das Marburger Religions-
gespräch 1529, Versuch einer Rekonstruktion. i
2) Ich betone nachdrücklich, dass ich damit nur eine Tatsache feststelle, e
nicht aber über Sinn und Wert des Abendmahls an sich urteile. 4
452 3
das Abendmahl bestand. Er ist oft subtil genug,
ihn schon auf seine einfachste Formel bringen.
irklich und ganz gegenwärtig sei, dass man ihn darin
ch und ganz geniesse, sein tatsächliches. Fleisch und Blut, sei-
nen Leib aufnehme. Darum besteht er so starr auf dem Wörtlein
' an der katholischen Lehre von der Transsubstantiation fest, wonach
Brot und Wein infolge der Konsekration durch den Priester eine
Verwandlung ihrer Natur erleiden und auch nach der Feier und
ausserhalb des Genusses diese veränderte Natur behalten, sodass
der Vorgang ein objektiver wird, sondern beschränkte sich
auf die These, dass im Genusse der Gläubige wirklich und tat-
sächlich, nicht bloss figürlich, rea! und nicht bloss symbolisch den
Leib Christi empfange und so sich mit Christus verbinde, Aller-
dings betonte er auch stärker als der Katholizismus, dass die Vor-
_ bedingung dieses Enipfanugens der Glaube sei. Ohne diesen wäre
das Ganze ein leeres Spiel oder dann für den Feiernden ein Ge-
“ richt. Von einer Verwandlung-von Brot und Wein auch ausserhalb
des Genusses und auf die Dauer will er nichts wissen. Eine in die-
sem Sinne subjektive Wendung der Auffassung tritt hervor.
- Zwingli und seine Freunde aber behaupten mıt voller Entschieden-
heit den symbolischen Charakter der Abendmahlselemente.
Siesind Zeichen, nichts weiter, Zeichen der Liebe Gottes, die ın
Christus, besonders in seinem Tode, sich zu dem Sünder neigt und
ihn dadurch auch aufs tiefste mit dem Bruder verbindet. Das „ist“
i muss als ein „bedeutet“, „bezeichnet“ verstanden werden.
7 Man sieht, dass mit dem mehr zentralen Gegensatz ein mehr
4 peripherischer zusammenhängt. Bei Luther hat das Abendmahl mehr
den Sinn einer Verbindung der einzelnen Seele mit Christus,
‚die darin ihrer Versöhnung und Vereinigung mit Gott gewiss wird,
es tritt also, wie wir heute sagen, das individuelle Element
stärker hervor, während bei den Schweizern das Mahl Christi mehr
ein Zeichen der Gemeinschaft, ein Band der Brüderlichkeit
wird, also, wie wir heute sagen, das soziale Element darin mehr
= zür Geltung kommt.
e Fügen wir noch hinzu, dass Calvin zwar das Moment der
_ wirklichen Gegenwart Christi im Abendmahl stärker als Zwingli
und seine Freunde betont und sich darin etwas mehr Luther nähert,
- aber doch so, dass er in bezug auf den wesentlichen Unterschied
auf dem Boden der Schweizer bleibt, das „ist“ als ‚bedeutet‘ ver-
453
&
wir uns, in 1 möglichster Kürze, klar, worin denn Be
alles daran, dass in Brot nnd Wein des Abendmahls
3 ist :„Das ist mein Leib, das ist mein Blut.“ Er hielt freilich nicht
VAEr- Er Nr“ E*
steht und von einer Verwandlung der physischen Natur von Brot
und Wein im Genuss des Abendmahls so wenig wie sie etwas w ö
sen will. u
Das ist der Streit, in grösster Kürze formuliert und von aussen
her betrachtet. Es entsteht natürlich sofort die Frage, wer denn
rechthabe. Da kann denn über dshistorische undphilo-"
logische Recht wohl kein Zweifel mehr sein. Dieser Teil des”
Streites ist längst entschieden, und zwar durchaus zu Gunsten der
Schweizer. Es ist für uns Heutige ganz ausgeschlossen, dass Jesus
seinen Jüngern im Abendmahl sein leibliches Fleisch und Blut an-
geboten habe. Wenn wir das annehmen wollten, so müssten wir das
ganze Bild Christi und seiner Botschaft vollkommen umdenken und
zwar so stark, dass es sich für die meisten von uns ins Nichts ver-
löre. Zwar wird über den Sinn des Abendmahls, wie Jesus selbst
es gefeiert und gedeutet, immer noch viel gestritten. Mir für meinen’
Teil steht fest, dass er im Opfer liege und dass dieses etwa durch
eine Verbindung dessen, was Jeremias (31, 31—33) vom neuen
Bunde, Deutero-Jesajas (53) vom leidenden Gottesknecht und Jesus”
selbst vom Menschensohn sagt, der nicht gekommen sei, sich die-
nen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als
Lösegeld für Viele (Matth. 20, 25—27), zu deuten sei. Aber ausge“
schlossen scheint, dass das „ist“, das in Jesu eigener Sprache, dem
Aramäischen, in solchen Zusammenhängen nicht einmal gesagt zu’
werden pflegt, realistisch verstanden werden könnte. Es ist
natürlich nicht abstrakt unmöglich — was Luther immer betont‘
und seine Gegner natürlich nicht leugnen — aber es ist konkret”
unmöglich. j
Wenn so die Schweizer historisch-philologisch von Anfang an
sehr deutlich recht gehabt und auch sehr deutlich recht bekommen
haben, so ist damit aber doch noch nicht gesagt, dass sie auch
religiös recht, ich meine: nur recht und die Gegner nur um
recht gehabt hätten. Das muss nun erst noch untersucht werden,
und zu diesem Zwecke ist es notwendig, weiter vorzudringen und
durch die zeitgeschichtliche Form hindurch zum eigentlichen Sinn
und Wesen dieses auf den ersten Blick so seltsamen Streites zu
gelangen.
2. Der tiefere und weitere Sinn des Streites.
Da ist denn zunächst einmal festzustellen, dass es kein Zufall
ist und nicht ein Aergernis sein muss, wenn der Streit zwischen
Luther und den Schweizern sich gerade am Abendmahl entzündet
hat. Es geschah das mit einer gewissen logischen Notwendigkeit
gerade darum, weil das Abendmahl eben das heiligste Zeichen der
Gemeinschaft ist und immer irgendwie war, was ja, nebenbei ge-
sagt, auch schon in dem katholischen Ausdruck „Kommunion“
454
re
_ Zwiespalt, wenn er tief und ernsthaft war, zum Ausdruck kommen,
\
liegt. Gerade an diesem innersten Verbindungspunkt musste der
nicht an irgend einem Nebenpunkte. Man bedenke auch, welch eine
durchaus zentrale Bedeutung das Sakrament und unter den Sakra-
menten das des Altars für diekatholische Denkweise hat, aus
der doch die Reformatoren unmittelbar herkamen. Das Fronleich-
‚namsiest mag uns Protestanten davon eine Ahnung geben. Im Sakra-
ment ist das Herz der Kirche. Was den wahrhaft frommen Katho-
liken an seine Kirche fesselt, ist nicht der Papst und nicht das
Dogma, sondern das Sakrament. Kein Wunder, dass auch die Ge
schicke des Protestantismus gerade an dieser Stelle eine gewisse
Entscheidung finden mussten.
Man muss sich aber ‚darüber klar sein, dass der Abendmahls-
streit doch selbst wieder nur ein Symbol’ist, ein Symbol näm-
lich einer durchgehenden, in die letzten Tiefen reichenden, alie
Einzelheiten des Denkens und des Tuns ergreifenden Verschieden-
heit zwischen lutherischem und reformiertem Wesen. Diese an
ihrem wesentlichen Punkte zu erfassen, dient uns das Symbol des
Abendmahlsstreites noch heute vortrefflich.
Wir gehen dabei am besten von den Schweizern aus, weil
erst im Gegensatz zu ihnen, den Radikalen, Luther zu der ganzen
Schärfe seiner eigenen Formulierung gelangte.
Was den Schweizern und dem reformierten Christentum über-
haupt, ganz besonders auch Calvin, vor allem am Herzen liegt,
das ist die Behauptung der Souveränität Gottes
gegenüber allem Weltwesen, oder, wie sie sich aus-
drücken, seiner Ehre auf der einen Seite und des reinkrea-
türlichen, ganz und gar von Gottes Macht ab-
hängigen Charakters alles Endlichen auf der an-
dern Seite. Soli Deo gloria! Gott bleibt gegenüber allem Weltwesen
immer der Ueberlegene,. Freie, bleibt immer der Herr und Richter.
Daran ändert auch seine Menschwerdung in Christus nichts. Auch
sie bleibt gleichsam bloss das Zeichen, dass Gott trotz des Ab-
standes zwischen ihm und uns, den unsere Schuld darstellt, unser
gnädiger Vater sein will. Die Kluft bleibt bestehen und kann bloss
durch Gottes immer neues Wort der Gnade und den dieses Wort
annehmenden Glauben des Menschen stets wieder — etwa über-
brückt?, überflogen? — nein, nur so überwunden werden, dass
Gott uns immer wieder hinüberträgt. Gott bleibt im Wesent-
lichen der richtende und gnädige Herr. Man hat das auch etwa
so gedeutet, dass die reformierte Art etwas Alttestamentli-
ches habe (dem Gott ja auch in erster Linie der Herr ist) und sich
besonders gegen das Heidentum wende, dessen Wesen ja in
der Vergottung der Kreatur besteht. Und man hat die Sache auch
so gewendet, dass man erklärte, das reformierte Christentum sei
455
'Erwählungslehre, die denen, welche sie nicht verstehen, wie lauter
‚in ihm. Von ihm aus aber können wir allein Gott verstehen. Es gibt
recht halten könnten, und unser ganzes Leben solle im Ge
sam dagegen Heiligung Gottes und Darstellung seiner
sein. Die.anstössige Lehre von der Prädestination
direkt aus dieser obersten Wahrheit. Ihr Kern ist, dass des Men-
schen Heil von Gott allein abhängt — nicht von Menschen, nicht
von Einrichtungen, nicht von ihm selbst, seinen Werken, Gefühlen,
Gedanken. Dass das auch der tiefste Grund der Freiheit des
Menschen ist, sei schon hier angedeutet. Eben darum ist der Mensch
frei, dass er ganz von Gott abhängig ist. Das ist das Motiv de
Tyrannei erscheinen will. Aber wie der Mensch durch Gott frei wird,
so bleibt auch Gott immer der Freie. Dieser Denkweise haben die
reformierten Theologen dann durch das Wort: Finitum non est
capax infiniti (Das Endliche vermag das Unendliche nicht zu fassen)
Ausdruck verliehen. " =
Ganz anders ist die Denkweise Luthers und des Luther-
tums. Ihnen ist Gott vor allem der Vater. Als solcher tritter uns
in Christus entgegen. In ihm haben wir den gnädigen Gott, nur
zwar einen „verborgenen Gott“, einen Gott, der bloss Richter ist;
den hatte Luther ja in vernichtendem Erleben erfahren; aber für den
Christen gilt nur der Gott, den wir in Christus kennen. In ihm aber
ist Gott wirklich in die Welt eingegangen, um sie mit seinem We-
sen zu erfüllen. Nun ist keine Kluft mehr da. Das Wunder der tat-
sächlichen und völligen Vereinigung von Gott und Mensch ist ge-
schehen, wir stehen mit Staunen davor; ob wir es begreifen
können oder nicht, ist gleichgültig, ja, es gehört zu diesem Wunder,
dass wir es nicht begreifen können. Es ist einfach da.') Gott ist
‘) Das hat Luther auch in Marburg immer wieder betont: „Wenn Ihr.
meinet, Gott setze uns nichts Unfassbares vor, das gestehe ich Euch nicht zu.
Mariä Jungfrauschaft, die Vergebung der Sünden, viel gibts derart! So auch:
„Das ist mein Leib.“ „Deine Pfade sind in vielen Wassern und deine Spuren
werden nicht erkannt werden.“ (Psalm 77, 20). Wenn wir seine Wege wüssten,
so wäre er nicht unbegreiflich, Er, der Wunderbare!“
Für den Reiormierten war besonders anstössig, dass der Leib
Christi, wenn er im Abendmahl tatsächlich und physisch sollte genossen wer-
den, an vielen Orten zugleich sein müsste, was der Natur eines menschlichen
Leibes widerspreche. In bezug darauf erklärt Zwingli: „Es ist nicht wahr,
dass uns Gott viel Unbegreifliches vorsetze.“ Luther antwortet: „Was gegen
die Natur ist, kümmert mich nicht, wenn es nur nicht gegen den Glauben ist.“
Er greiit sogar zu dem Ausweg, der in der Dogmengeschichte als die Lehre
von der communicatio idiomatum bekannt ist, d. h. er lässt die menschliche
456
u
re Do ee et
> Denkweise im Gegensatz zur reformierten die
tamentliche genannt, die, wie angedeutet,
‚Herrschaft, sondern Gottes Vaterschaft, nicht
'heit, sondern Gottes Menschheit betone, und man E:
dass sie sich ihrerseits mehr gegen die jüdische
| rennung, als gegen die heidnische falsche Verschmelzung 2.
. von Gott und Welt wende und dass sie gegen die Werkgerechtigkeit
des Katholizismus die Freiheit in der Gnade betone, anstatt,
_ wie die Reformierten, ein neues Gesetz aufzurichten.
Dieser Gegensatz also, dessen Tiefe und Weite wir wohl
_ schon jetzt zu verstehen beginnen, kommt im Abendmahlsstreit zum
symbolischen Ausdruck. Wenn die Reformierten nicht zu-
- geben, dass Brot und Wein zu Fleisch und Blut des Christus wer-
den, der doch, nach ihrer Denkweise, als die zweite Person der
Dreieinigkeit an Gottes richterlicher Souveränität teilnimmt, so
wenden sie sich gegen die Gefahr der Kreaturvergötte-
rung, die ihnen wie im ganzen Katholizismus, so besonders in
- der katholischen Messe entgegenzutreten scheint. Sie wollen nicht &
_ zugeben, dass der Mensch dergestalt Gott haben, in seine Macht
De
Natur Christi an den Eigenschaften der göttlichen, also auch an ihrer All-
gegenwart, teilnehmen, „Gott ist“, sagt er in Marburg, „über alle Mathemati- \
_ ker“ [heute sagen wir etwa: alle Logiker], Christus kann seinen Leib ohne
Ort wie an einem Ort halten.“ „Wer bin ich, dass ich Gottes Macht messen
wollte?“ Und wenn das Wort Gottes ihm geböte „Mist zu essen“, mit der
Erklärung: „Das ist mein Leib“, so täte ers.
Wir stossen hier auf einen bisher noch. wenig — wenn überhaupt — be-
achteten Zug des grossen Gegensatzes. Die Reformierten (nicht etwa nur
Zwingli) sind in ihrem Denken letzten Endes rationell, Luther und die
— Lutheraner irrationell. Es ist das insofern merkwürdig, als gerade das
Scli Deo gloria die Reiormierten hätte veranlassen sollen, zu betonen, dass
—— Gott auch über aller menschlichen Vernunft sei. Selbstverständlich ist
ihnen das nicht unbekannt und sind sie keine modernen Intellektualisten.
_ Wenn sie dennoch das Recht der Vernunft betonen und auf die Dogmatik
mehr Gewicht legen als Luther und sogar mehr als die Lutheraner, so haben
wir darin eine Analogie zu ihrer Betonung des Gesetzes vor uns. Wie
dieses, so stellt auch die Vernunft den Willen und die Ordnung
— Gottes dar und muss darum heilig gehalten werden. Dem gegenüber
kommt bei Luther wohl auch an diesem Punkte das Moment der Eriül-
RN lung zur Geltung; die Erfüllung stösst eben ihrer Natur nach auf das Irratio-
nelle, das Dennoch, das Wunder! Dieses ist nicht zufällig gerade bei
- Luther „des Glaubens liebstes Kind“, besser: des Glaubens letztes Wort: es
ist eben das Wunder der Gewissheit, das Wunder der Wirklichkeit
Gottes.
457
2 a
- «
7
bekommen und — ausbeuten könne, Sie wehren sich für Got-
tes Herrschaft, Gottes Erhabenheit, Gottes Gericht über alles
Menschliche und Endliche. Sie können nicht zugeben, dass Gott auf
die Weise der katholischen oder lutherischen Auffassung in die
Kreatur eingehen und sich mit ihr vermischen könne. Sie betonen
als das Zentrum des Evangeliums stark das Kreuz, das furcht-
bare Zeichen dieser Kluft. Der Karfreitag ist ihr höchstes Fest! Sie
müssen darum die Kluft aufreissen, die nun einmal zwischen
Gott und der Kreatur besteht. Finitum non est capax infiniti.
Umgekehrt Luther. Ihm liegt, trotzdem er diese Kluft auch
kennt — und wie! — ja vielleicht gerade weil er sie so gründlich
kennt, alles daran, dass sie geschlossen werde, nein, dass sie
‘ geschlossen sei, nämlich in Christus geschlossen sei, in seiner
Menschwerdung vor allem und in seiner Auferstehung. Darin ist
Gott uns ganz nahe gekommen, darin ist sein Wesen ganz in die
Welt ergossen. Und das soll nun auch im Abendmahl zum Aus-
druck kommen. Es soll die wirkliche Verbindung und Einung von
Gott und Mensch bedeuten.) Noch einmal: keine Kluft soll mehr
bleiben, die erst überbrückt, überflogen werden müsste, über die
wir immer wieder neu getragen werden müssten, nein, wir sind °
nun („ist‘“!) mit Gott Eins in Christus, der Gott und Mensch ist;
wir sind darin Gottes Kinder; wir sind erlöst. Im Abendmahl °
haben wir ihn wirklich, ganz und gar, seinen Leib, sein.Fleisch und
Blut, was die Gelehrten auch behaupten mögen, ja, was sogar der
Buchstabe der Schrift auch sagen möge — Gott ist grösser als die
Schriit! — und was die Vernunft dazu sagen möge, die in solchen
Dingen nichts versteht. Gott selbst sagt es in seinem ganzen Wort,
sagt es im Christus: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut.“ Ich
bin Christi und Christus ist mein, ein „Kuche“. Und darum ist
nicht der Karfreitag das höchste Fest des Luthertums — so viel
auch ihm selbstverständlich das Kreuz bedeutet — sondern der
Weihnachtstag: der Tag des Eingehens Gottesindie
Welt; darum, wenn das reformierte Christentum gekennzeichnet
ist durch seinen gewaltigen Ernstvor Gott, so das Luthertum °
durch seine strömende Freude in Gott. Die beste Auslegung
der sonst oft schwer verständlichen Stellung Luthers zum Abend-
mahl sind darum, wie auch Martin Rade mit Recht hervorhebt,
seine Weihnachtslieder:
„Des ew’gen Vaters einig Kind,
Jetzt man in der Krippen find’t,
In unser armes Fleisch und Blut
Verkleidet sich das ewig Gut.
1) Mit klassischer Kürze hat Luther dies in Marburg ausgesprochen:
„Ich weys von keinem Gott, denn der Mensch worden ist; so will ich keinen
andern auch haben“,
458
ne
rs sie Zoe en Br
it ie En II e rationalistischer Nücliternhent be er
ni;
1 um ee Frage Bgendwie beantworten zu Reste
die ganze Bedeutung dieses Gegensatzes zu verstehen,
ir den Kreis noch weiter ziehen. Wie ich schon bemerkt ze
tet sich aus der verschiedenen Grundstimmung und. am
tellung des Geistes in den beiden Denkweisen, dieinihrer
q E Aulltassı g des Verhältnisses von Gott und Welt zum Ausdruck
_ kommt, eineganze Welt, die von diesem Zentrum her einen :
bei aller Uebereinstimmung, die bestehen bleibt, doch sehr verschie BR
- denen Charakter ’besitzt. Diese Verschiedenheit erfasst vom Zentrum : 2
- aus auch die ganze Peripherie des Lebens. Nicht nur das Verständ- u
_ nis des Evangeliums selbst, auch die ganze Kultur, das politische, Ei
liche, künstlerische, vor allem natürlich das sittliche Leben
(das man freilich zum Zentrum rechnen darf, ja, wenigstens nach der
reformierten Auffassung, muss) wird davon bestimmt. Es entsteht
- eine lutherische und eine reformierte Welt.
Das Luthertum, um mit ihm zu beginnen, hat sein Zentrum
- in der Erfüllung. Gott ist durch Christus in die Welt ein-
gegangen, und zwar ganz und gar. Die Sehnsucht ist gestillt,
die Versöhnung sicher, fest, völlig. Davon ist das Herz freudig und ,
- zufrieden bis auf den Grund. In dieser Stimmung blickt es auf die
Welt und ist geneigt, sie zuloben oder doch gelten zu lassen. R
Zwar ist die Welt dunkel, vom „Teufel“ beherrscht, das weiss ja
- Luther und wissen seine Jünger besonders gut, aber es ist doch
_ das „ewige Licht“ nun darin. „Es leucht’ wohl mitten in der
Nacht“. Nun strahlt durch allen Abfall der Schöpfung der frohe
_ Glanz der grossen Versöhnung. In diesem Lichte kann man auch
_ an der sündigen Welt überall Spuren der unverlorenen Schöpfung
Gottes beobachten, so wie wir es in Luthers Reden und Liedern und
_ etwa bei einem Paul Gerhardt (ich erinnere bloss an sein „Geh aus,
mein Herz und suche Freud“) immer wieder vernehmen.
j Das ist die eine Wurzel dessen, was man den lutherischen
2 Quietismus nennt. Es ist für Luther und das Luthertum ein
gewisses freudiges, manchmal auch bloss gelassenes Jasagen
zur Welt mit all ihren Ordnungen charakteristisch. Gott hat zu-
erst durch seine Schöpfung aus der Allmacht und dann, in Christus,
durch seine Neuschöpfung aus der Gnade zur Welt Ja "gesagt, war-
459
Luthertum nicht, wenn man nicht versucht, sich in diese Grund-
im Glauben ergriffen wird und damit zur hohen Freiheiteines
Christenmenschen führt, deren Darstellung nicht umsonst
diejenige Schrift Luthers gilt, die vielleicht seine schönste ist.') Diese
Freiheit will man nun nicht wieder durch Rückfall in das Gesetz
preisgeben. Man kämpft, wie wir gesehen, in erster Linie gegen
die katholische Werkgerechtigkeit. So tief hat man die Unfähigkeit
erfahren, auf dem Wege des Gesetzes zu Gott zu gelangen, dass
man eine heftige Scheu davor empfindet, vielleicht etwa unmerklich
wieder auf diesen Weg zu gelangen. Man lebt aus der Gnade frei
und unbefangen in der erlösten Welt. Gewiss soll und wird der
Glaube auch Früchte des Tuns tragen, aber eben in aller Freiheit,
von selbst, so wie der gute Baum von selbst gute Früchte trägt.
Man sieht also davon ab, von der Wahrheit Christi aus, anders ge-
sagt: von der erlebten Gnade, das heisst, von der erlösenden Liebe
Gottes aus, die ganze Welt zu gestalten. Man gibt dafür seelsorger-
liche Ratschläge — Luther ist daran besonders reich — überlässt
es aber der Freiheit des Einzelnen, sein Leben von jenem Zentrum
aus zu gestalten, und der Obrigkeit, in der Welt durch ihre Gebote,
wenn nötig mit dem „Schwert“, so viel christliche Ordnung her-
zustellen, als etwa möglich ist.
Allzuviel ist ja nicht möglich. Hier setzt gerade beim Luther-
tum, als Kontrast zu seiner freudigen Grundstimmung — die man
schon darum nicht mit moderner Weltfreudigkeit verwechseln darf
— ein gewisser Pessimismus ein. Die Welt liegt eben doch
im Argen und wird es tun bis zum Gericht. Einen „Fortschritt
des Reiches Gottes“ gibt es auf Erden nicht; es gibt nur eine
Rettung in die Ewigkeit hinein. Darum hätte es keinen Sinn, an
den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Einrichtungen viel
ändern und bessern zu wollen. Diese sind einerseits Gottes Schöp-
rn
fungsordnung und daher ewig, gottgewollt, anderseits durch die
Sünde verderbt und auch insofern unveränderlich und unverbesser-
lich. Der Gedanke, dass die in Christus geschehene Erlösung und
Neuschöpfung vom Zentrum aus auch diese Zustände, auch das
ganze Weltwesen ergreifen könnte, ist der lutherischen Reformation
‘) „Von der Freiheit eines Christenmenschen“.
460
Be °
BZ
' mus nennen mag. Man ist im Geiste froh und selig, mag die
: all, nur in relativem Sinne ist, so zieht sich natürlich
lles fr
urück. Das ist, was man auch den lutherischen Spiritualis-
Welt noch so unfroh und unselig sein; man hat im Glauben das
‚Reich Gottes, mag die Welt — vorläufig — dem Teufel gehören.
Wenn man nur, objektiv gesprochen, das Wort und Sakrament, sub-
jektiv gesprochen, den Glauben hat, dann ist alles Wesentliche in
Ordnung und man kann die schlimmsten äusseren Verhältnisse ge-
trost ertragen, so wie man, um das grossartigste Beispiel hievon zu
nennen. den dreissigjährigen Krieg ertragen hat. Es entspringt an
dieser Stelle jenes spezifisch lutherische Gottvertrauen, das
von dem „Ein feste Burg‘ Luthers bis zu dem „Befiehl du deine
Wege“ Gerhardts wie ein mächtiger Springquell aufbricht.
Und endlich ist noch auf jenen andern Punkt aufmerksam zu
machen, der auch schon berührt worden ist. Die lutherische Auf-
fassung des Abendmahls, sagten wir, habe etwas Individualr
stisches. Es sucht im Abendmahl vor allem die einzelne Seele
ihre Versöhnung mit Gott und darin ihr Heil. Dieser Zug wird
wieder für die ganze Haltung des Luthertums charakteristisch. Zwar
finden sich bei Luther selbst — und vielleicht auch sonstwo — auch
andere Ansätze,') aber sie sind, wie so vieles bei Luther, nicht zur
Entfaltung gekommen. Dass ich selig bin, darauf kommt es an,
um die Welt habe ich mich nicht so sehr zu kümmern. Die so-
ziale Wahrheit des Evangeliums kommt im Zentrum nicht
recht zur Geltung. Dafür freilich erlangt die individuelle eine grosse
Innigkeit und Fülle.
Ich will es bei dieser Skizze bewenden lassen, obschon nichts
leichter wäre, als sie zu einem reichen Bilde zu entfalten. Denn es
handelt sich, wie gesagt, um eine ganze eigenartige Welt. Eines
hat sich dabei immer als fundamental und beherrschend heraus-
gestellt: das Moment des Ruhenden, des Jasagens zur Welt, im
Gegensatz zu allem Revolutionären, überhaupt allem Willen zur
Weltgestaltung und Weltumgestaltung. Es ist, mit andern Wor-
ten, der konservative Zug des Luthertums, der manchmal
ins Reaktionäre entarten kann; es ist sein patriarcha-
lisches Wesen, das die Autorität betont und das sich ge
1) Mann kann sie besonders gerade in jener Schrift: „Von der Freiheit eines
Christenmenschen“ finden.
461
aber noch, damit innig verbunden, ein viertes Mo-
s solche nun einmal doch auf der einen Seite unverbe-
der andern Gottes Ordnung, wenn auch, nach ihrem
omme Glauben und Hoffen in ein Reich der Innerlichkeit “ ;
P . r il A, y "
F ’ ae &
7 sl] u ee ig
legentlich auch mit dem Absolu tismus verbindet und jeden-
falls von Haus aus stark monarchistisch gestimmt ist. Aus der
Wurzel, die wir aufzudecken versuchten, erklärt sich seine ableh-
nende Haltung gegenüber allen Versuchen, die politischen, wirt-
schaftlichen und andere Zustände umzugestalten, seine tiefe Skep-
sis gegenüber aller Hoffnung auf Siege des Guten, der Gerechtig-
keit und des Friedens, vielleicht gar des Reiches Gottes auf Er-
‘den und über die Erde. Jener individualistische Spiritualismus
macht das psychologische Rätsel möglich, dass ein Luther gleich-
zeitig erklären kann, ein Christ dürfe kein Schwert führen, nicht
vor Gericht gehen, kein Eigentum haben, keinen Zins nehmen, kurz,
genau wie Tolstoi reden und handkehrum wieder behaupten kann,
es sei, da wir ja in einer nicht christlichen Welt lebten, ein from-
mes Werk, sich als Henker zu melden, wenn sonst keiner zu finden
sei, oder als Kriegsknecht wacker drauf los zu stechen und drein-
zuhauen. Auch aus diesem Motiv ist jene verhängnisvolle Haltung
Luthers im Bauernkriege mit zu erklären. Damit ist aber Zweierlei
schon gesagt: Dass diese Haltung des Luthertums ein gewaltiges °
und in mancher Beziehung entscheidendes Moment der ganzen
neueren Geschichte Europas, ja der Welt — der Weltkrieg inbe-
griffen —darstellt, wie, dass sie eine Tragödie des Christentums
-und speziell des Protestantismus bedeutet. Man sieht, wie eng die
beiden Jahre 1525 und 1529 zusammenhängen. Es ist die gleiche
Tragödie.
Eine Tragödie! Also wäre der lutherischen Art Unrecht ge-
geben? Gemach! Es hat sich nun freilich so gefügt, dass das,
was für unsere Augen sozusagen die Kehrseite des Luthertums
bildet, zunächst stärker, wenn auch nicht allein, hervorgetreten ist,
aber das ist nicht das letzte Wort.
Doch wenden wir uns nun der reformierten Art zu. Da
tritt denn zunächst freilich der Gegensatz stark hervor.
Wenn es die Seligkeit des Luthertums bildet, dass Gott durch
Christus ganz in die Welt eingegangen ist, so das Pathos der Re
formierten, dass er trotzdem darüber bleibt; wenn das Luther-
tum Gott vor allem als Vater versteht, weil es ihn allein in Christus
sieht, so das reformierte Christentum, wie gesagt, vor allem als
Herr. Weil er aber der Herr ist, so ister auch der Richter. Nichts,
was in der Welt ist, kann als fertig und fest vor ihm bestehen; es
steht immer bloss in seiner Hand, ist immer seinem Gericht unter-
worfen. Finitum non est capax infiniti. Das gilt in allem Welt-
wesen ohne Ausnahme, gilt auch von den politischen, wirtschaftli-
chen, kulturellen Verhältnissen. Es ist nichts Absolutes in ihnen,
absolut ist allein Gott. Allerdings haben auch die Reformierten
einen starken Schöpfungsglauben, ja sie erst recht, da bei ihnen
die Erlösung gleichsam hinter der Schöpfung zurücktritt, aber
462
& elt, sondern eher
| sehen. Er en und Her iR Da en ar Fame
; Jasagen zur vorhandenen Welt, man lebt vielmehr stets im Grund-
gefühl jener unendlichen Kluft, welche Gott und Welt trennt; von
dem „ganz Andern“, der Gott ist (aber nicht im modernen Sinn
. jenes Stichwortes), geht ‚die Neigung aus, das, was nicht Gott
ist, zu ändern, sodass es seinem Willen entspreche. "Weil man
"so stark an die Schöpfung glaubt, ist man in einem bestimmten
n
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TER
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EN £ Ei er are
EEE
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.
_ Sinn auch konservativ; man will nicht etwas „Neues“, sondern man |
will immer bloss. Wahrung oder Wiederherstellung der Ordnung
Gottes. Dieser konservative Zug tritt bei Calvin (weniger bei
‚Zwingli) und später im Calvinismus oft stark. hervor, aber jenes
andere Element setzt sich ebenfalls durch und hat den Calvinismus
bekanntlich, zum Teil allerdings auf Umwegen, zum revolutio-
närsten "Faktor der neueren Geschichte gemacht. Auch die Re-
formierten halten auf Autorität, und zwar fast noch strenger
als die Lutheraner, aber es ist nicht sowohl die Autorität von Men-
schen und menschlichen Ordnungen, als die Autorität Gottes und
seines Wortes. Das ist der dem reformierten Christentum eingestif-
tete republikanisch-demokratische Zug. Diese Au
torität Gottes aber kann, ja muss wohl sich revolutionär gegen die
Anmassung der menschlichen Autorität wenden. In dieser Tiefe —
oder auch: in dieser Höhe — entspringt der gewaltige Freiheits-
strom, der gerade vom Calvinismus aus in die Welt geflossen ist.
er Freilich ist es auch bei den Reformierten nicht etwa weltfreudi-
ger Optimismus, der sie auf diese Bahn treibt. Und wie ich schon
bemerkt habe, fehlt auch ihnen durchaus jener Glaube an ein Kom-
men des Reiches Gottes auf die Erde etwa in der Gestalt, wie ihn
Blumhardt vertritt. Dafür aber setzt bei ihnen ein anderes, gewalti-
ges Element ein: das it der Wille, die Welt Gott zu
heitfigen,seinem Gesetz zu unterwerfen.
Wir sind damit auf einige der grossen reformierten Losungen
gestossen und müssen ihnen bloss noch die vom Gehorsam
hinzufügen. Auch die reformierte Auffassung ist, wie ja schon ge
zeigt worden ist, eine gewaltige Quelle der Freiheit. Denn wer
sich von Gott allein abhängig weiss, ist frei von aller Unterwerfung
unter die Kreatur. Auch der Reformierte lebt aus dem Glauben
und steht im Glauben über allem Menschen-Gesetz. Das ist eben
die Wurzel seiner revolutionären Haltung. Aber der Glaube ver-
wandelt sich für ihn sofort in Gehorsam. Und der Gehorsam in
die Tat. Der lebendige und heilige Gott will, dass sein Gesetz
allein herrsche. Sofort stellt sich die Ethik ein (um dieses miss-
463
Be zur
A Te ne,
® 2 A: Piero
3 PIE
’
_ Wille widergöttlicher Mächte gilt, so muss diese Ethik, s
_ ihrem Spiritualismus überwunden ist. Denn alle Wirklichkeit soll
. Gottes Ehre verherrlichen, die äussere so gut wie die innere; stam
TER
zu
artum im Grunde nie gelangt, ja sie ı
Hauptsache. Diese Ethik ist eine E
Denn sie soll den heiligen Willen Gottes au leı
Weil aber auf Erden zunächst nicht der Wille Gott
lieber: dieser Glaube, auf Umgestaltung, unter Ums
Umwälzung der verderbten Weltordnungen ausgehen.
Kreatur muss sich vor der Majestät Gottes beugen. Das Patl
der Reformierten wendet sich ja vor allem gegen die Vergotti
der Kreatur, die das Wesen des Heidentums ausmacht. Nicht
jaht, sondern gerichtet wird von Gott aus die Welt. Gerichtet
wird der Krieg, gerichtet der Kapitalismus, gerichtet das Laster,
gerichtet alles, was sich in seiner luziferischen Autonomie spreizt.
Es muss stürzen vor dem Glanz des allein Mächtigen, allein Heili-
gen. Ihm allein sei Ehre! E
Es ist klar, dass damit auch jene lutherische Innerlichkeit mit
men sie doch auch gleichmässig aus Gottes Hand. Gottes Ehre
muss auch in die politischen, wirtschaftlichen, sittlichen Zustände
hinein. Daher schaffen die Nachfolger Calvins den Bürgern ihrer
Gottesstadt Verdienst, gründen sogar eine Bank, daher aber regeln
sie auch ihr ganzes Leben auf die bekannte Weise durch das Gesetz
Gottes, wie sie es im Worte Gottes (das sie auch auf eine strengere
Weise als die Lutheraner in der Bibel allein suchen) zu finden mei-
nen. Freilich stehen sie, wie schon wiederholt gezeigt worden ist,
auch im Banne jener Auffassung, nach welcher ein endgültiger Sieg
des Reiches Gottes auf Erden (besser: in der Richtung auf die Erde)
unmöglich ist, aber das hindert sie nicht daran, für seine Herr-
schait schon hier bis aufs Blut zu kämpfen, und eines Tages wird
an dieser Stelle der Glutstrom der urchristlichen Hoffnung aus-
brechen können.
Aus dieser Wurzel entspringt also das, was man den reformier-
ten Aktivismus nennt, aus dieser Wurzel die reformierte
Theokratie, die gewaltige Richtung auf die Gottesherrschaft
über alle Kreatur. R
Und aus dieser Wurzel endlich auch das, was man das so-
ziale Element im reformierten Christentum nennen kann. Es ist
uns ja in seiner Auffassung des Abendmahls begegnet. Diese gestal-
tet sich besonders deutlich in der zwinglischen Form aus. Hier wird
das Abendmahl so recht zum Brudermahl. Das zeigt sich schon in
der äusseren Form, der sitzenden statt der wandelnden Feier, mit
der Austeilung von Brot und Wein durch die Diakonen, die dann
von den Gemeindegliedern selbst weitergegeben werden, aber auch
€
5
h}
1
“
464
der: sdruck als die
individuelle Genuss des Heils
ar. diesen Sozialismus des reformierten Christen-
Sozialismus im weitesten Sinne genommen) nicht
stehen. Er ist verbunden mit jenem gewaltigsten Indivi-
s, der sich ebenfalls in der Paradoxie der Erwählungslehre x
nationslehre) ausdrückt. Der Einzelne ist unbedingt ab- Ic
- hängig von Gott, aber nur von Gott, von niemand sonst, vn him
'erwählt, berufen, auf ihm allein stehend. Aber der Sozialismus der
Br fiormierten Art hängt mit diesem Individualismus aufs innigste zu- er
_ sammen; er ist nur der andere Pol der gleichen Bewegung. Denn 5
Individualismus und Sozialismus haben beide nur den Sinn, dass
"Gott allein der Herr ist. Der Sozialismus des reformierten Christen-
tums bedeutet, dass es nicht in erster Linie darauf ankommt, wie
ich mein Heil gewinne, sondern wie Gott zu seinem Rechte
komme, an mir und an der Welt, wie sein Wille geschehe, sein
_ Reich komme. Das ist das Objektive an seiner Haltung, das das
_ Theozentrische daran, im Gegensatz zum mehr Subjektiven und
-_ Anthropozentrischen des Luthertums.
Auch von dieser Welt des reformierten Denkens ist damit nur
eine dürftige Skizze an Stelle eines unendlich reichen Bildes ge-
geben. Eines drängt sich hier überall in den Mittelpunkt: diehei-
-lige Unruhe von Gott her, das Vorwärtsdringen
_ mitihmin die Welthinein, das Gerichtüberdie
Welt, das der Schöpfer- und Erlösergott bedeu
_ tet, trotz Christus, besser: gerade in Christus.
2
E 3. Der alte Streit in neuer Gestalt.
“Die weltgeschichtliche Tragweite dieser beiderseitigen Haltung
_ habe ich immer wieder angedeutet. Es ist auch deswegen nicht
nötig, dass ich ausführlich entwickle, weil ich es in den „Neuen We-
gen“ und anderwärts immer wieder getan habe.‘) Es sei nur noch
€ 1) Ich weise besonders auf die Aufsätze hin, die ich darüber seinerzeit
in „Wissen und Leben“ (Jahrgang 1916 und 1917) geschrieben und die
_ dann mit den Aufsätzen Anderer zusammen zum Teil (leider fehlt gerade der
wichtigste) in einer besonderen Schrift „Die geistige Unabhängig-
keit der Schweiz“ .(Orell Füssli, Zürich) erschienen sind. Es darf viel-
leicht hervorgehoben werden, dass diese Aufsätze das erste Manifest mit der
Losung: „Zurück zu Calvin (und Zwingli)“ bildeten, das in der Schweiz laut
wurde und dass es ein schweres Unrecht wäre, es bloss als „politisch“ ab-
zutun, Wenn es auch vom „Politischen“ ausging, so langte es doch beim
„Theologischen“ an, aus dem es stammte.
2 465
'
|
einmal auf Zweierlei hingewiesen. Einmal, dass der moderne
Streit zwischen den „Schweizern“ und den „Deutschen“ hier seine
tiefste Wurzel hat. Wir „Schweizer“ tragen noch etwas — leider
nur viel zu wenig! — in uns von der starken Grundempfindung
unserer reformierten Väter, die man mit dem modernen und philo-
sophischen Ausdruck dualistisch nennen kann, deren tiefe
ren Sinn aber der Gegensatz von Gott und Welt ist.
Wir glauben, dass Gott der Richter der Welt ist, dass also —
um die Punkte des hauptsächlichen Zusammenstosses zu nennen
— auch Nation, Volkstum, Wirtschaftswesen, Krieg, dazu alle
Kultur, ja auch die Religion, die Kirche, das Christentum von Gott
gerichtet sind; dieses revolutionäre Element lebt in uns —
leider viel zu schwach! — während die Deutschen in jener Grund-
stimmung atmen, dass Gott zur Welt Ja sagt, dass alles, so wie
es ist, direkt oder indirekt seinem Willen entspricht, also in einer”
konservativen Stimmung. Und zum zweiten liegt hier die Wurzel
unseres Sozialismus, Antimilitarismus und was von dieser Art an
uns anstössig ist. Sie stammen nach ihrem letzten Sinn und ihrem
letzten Motiv aus der Empfindung, dass alle Wirklichkeit Gottes”
Willen erfüllen und Gottes Herrschaft untertan sein sollen, aus dem
Glauben, dass alle Kreatur seine Ehre verherrlichen soll. Jene’
Worte sind für uns nur unvollkommen, mit Missverständnis be-
lastete, zeitweilige Zeichen des Kampfes für Gott gegen die
Götzen.
Und noch eins. Ich schreibe dieses am eidgenössischen Buss-,
Bet- und Danktag, der — wie für ausländische Leser bemerkt sei —
am dritten Septembersonntag jedes Jahres stattfindet. Er ist so recht
ein Kind des Geistes, den ich mit-dieser Darstellung der reformier-
ten Art zu kennzeichnen versucht habe; denn sein Sinn ist, dass er
das ganze Schweizervolk als sittliche Einheit unter die Majestät
Gottes stellen, es unter sein Gesetz beugen und auf seinen Willen
verpflichten will. Er ist aus dem Geiste der Theokratie geboren.
Unverkennbar ist das Alttestamentliche daran, die Analogie zu der
Art und Weise, wie das Volk Israel nach der Anweisung Mosis und
der Propheten sich zu Gott stellte. Aber man darf wohl sagen, dass
das Beste, was auf dem schweizerischen Boden gewachsen ist, un“
mittelbar oder mittelbar aus diesem Geist entstanden sei und dass
die Schweiz mit ihm stehe und falle. Es gehört zu jenem Schweizer-
tum im tieferen Sinne, welches die geistige Existenz der Schweiz
trägt, dass wir stark das Richtende Gottes über uns empfin-
den. Gott bindet uns nicht nur als Einzelne, sondern auch als
Volk an seinen heiligen Willen. Er macht davon, im tieferen Sinne,
unser Sein oder Nichtsein abhängig. Er duldet gewisse Dinge nicht.
Wie er die Reisläuferei der Eidgenossen und den Libertinismus der
Genfer nicht duldete, so duldet er auch keine Spielbanken, keine
466
as Irederbe Heidentum. Aber man darf wohl sagen,
Schweiz. zu Ende wäre, wenn dieser Geist unter
‚ wenn das moderne Heidentum die alte strenge Auf-
gewisser moderner Naturalismus die mächtige Objektivität
, göttlichen Gesetzes in psychologistische Reflektiererei und tief-
_ sinnig tuende Sophistik ‚aufgelöst hätte. Möge es mit andern Völ-
- kern stehen wie es wolle, die Schweiz, die ja weniger ein Volk, als
eine Gemeinschaft, ja eine "Gemeinde, eine Genossenschait, eben
‚eine Eidgenossenschaft ist, lebt von ihrem Bund mit dem heiligen
4 = er lebt davon, dass sie in. heiligem Gehorsam seinen Wil-
en tu
Man könnte Auch sagen: sie lebt von seinem Worte. Denn
- das ist die mehr positive Seite dieser Sachlage. Die geistige Exi-
. stenz der Schweiz beruht darauf, dass sie als Ganzes eine Be-
rufung hat, und das will heissen, dass sie diese Berufung er-
kenntund anerkennt. Denn eine solche Berufung ist immer
da; die alte Berufung bleibt immer gültig; sie nimmt nur mit dem
E _ Wechsel der Zeiten eine neue Gestalt an; Gott ist einlebendi-
E2 er Gott. Wenn sie dieser Berufung, die zum Auftra g und zur
- P#licht wird, gehorcht, so hat sie, so klein und schwach sie
äusserlich sein mag, doch Recht, Leben und Grösse unter den Völ-
kern, wenn sie aber davon abkommt, dann ist ihr innerer Tod vor-
handen. Denn auch dies en Sinn hat es, dass Gott ein leben-
diger Gott ist.
' Es ist nur ein anderer Ausdruck für diese Sachlage, wenn wir
_ erklären, dass dem reformierten Christentum ein streng ethi-
sches Wesen eignet. Es ist erfüllt vom Glanz der Heiligkeit
4 Gottes. Der Wille, sein Gebot zu erfüllen, die Empfindung, dass
%
es darauf ankommt, ist sein innerstes Pathos. Der Wille Gottes
verlangt aber Herrschait über die Welt, Gottesherrschaft und
Weltgestaltung, Weltumgestaltung, Weltumwälzung auf ‚die Gottes-
Herrschaft hin. Dem allmächtigen, heiligen und lebendigen Gotte
gehört die Welt: Das ist der Glaube, worin der Reformierte
atmet und lebt. Dieser Glaube will nicht selig in sich selbst ruhen,
er drängt unmittelbar und ungestüm zur Tat. Aber in dieser Tat,
die Gottes Ehre verherrlicht, findet er freilich auch seine Seligkeit.
So sagt es die klassische Formel des Westminster Katechismus:
467
ing des Lebens, besonders des sexuellen, in moderne Laxheit
ss des en um er Ren Se 2
I
*
1 x Re > L z 4 Se Be Ar:
What is the chief end of man? Mans chief end is, to gl |
m t nr \ 8 1 oberstes 2 7
Menschen
o enjoy for ever. (Was ist des Mens
ewig zu freuen.) Diese englische Formel erinnert uns &
‘Mann, der in der neueren Welt mit ihren Formeln, aber r
Gewalt, der man die Herkunft aus der Glutquelle des alten
Deo gloria überall anmerkt, diese alte Wahrheit verkündigt
Thomas Carlyle mit seiner Predigt von der Alleinherrsc
des Guten und der Ehrfurcht als dem menschlichen Ausdruck dav.
einer Predigt, die mit dem höchsten Ausdruck ihres Glaubens und
ihrer Forderung. der „neuen Verwirklichung Gottes auf Erden“,
doch in die religiöse Form der Theokratie zurücklent.
Gänzlich anders ist das deutsche Wesen. Was ihm in
einer Weise fehlt, die uns immer wieder auffällt, ist die ethische
Einstellung. Es sei, um ein allzugrobes Missverständnis zu ver
meiden, und da wir einmal solche peripherischen, dem tiefsten We-
sen der Sache wenig angemessenen Ausdrücke brauchen, sofort
hinzugefügt, dass das deutsche Wesen, soweit es von Luther be
stimmt wird, einseitig religiös orientiert ist. Jenes Rich-
tende Gottes ist ihm recht fremd. Der ethische Kampf liegt ihm ”
viel weniger. Während Calvin und seine Nachfolger aus Genf eine
heilige Gottesstadt machten und auch das vorher sehr leichtfertige
Zürich unter Zwinglis Einfluss sich damals in ein sittenstrenges Ge
meinwesen verwandelte, wurde Wittenberg so zügellos, dass Luther
daran dachte, es zu verlassen und wird auch vom heutigen Sachsen 4
noch behauptet, dass dort die sittliche Zucht etwas sei, was im
Volke wenig Kraft besitze, besonders wieder in bezug auf das
sexuelle Leben. Jedenfalls bleibt das ein Zug am deutschen Wesen,
dass jenes Richtende Gottes ihm nicht so nahe liegt. Viel näher
liegt ihm das Jasagen zur Welt. Es kann dem Kapitalismus und
dem Krieg leichter zustimmen, leichter im Volk aufgehen, leichter die
Welt Welt sein lassen. Es neigt auch in seiner höchsten modernen
Entfaltung, dem deutschen Idealismus, zur Welt-Verklärung
und Welt-Idealisierung. Kant und was von ihm ausgeht, ist ein von
der reformierten Welt ausgehender Querstrich durch diese
Art. Man kann diese Art monistisch nennen und sie reicht
dann wohl tief in den Naturgrund des deutschen Wesens. Aber
auch ein gewisser Pessimismus, als Kehrseite dieses Jasagens
zur Welt, taucht in der deutschen Art immer wieder auf. Es fällt
ihr schwer, an Mächte des Guten zu glauben, die in die Welt rich
tend eingreifen. Sie versteht besser die Einheit als den Bruch. Der
Gedanke der Berufung liegt ihr für das Volk ebensowenig nahe,
als für den Einzelnen. Wenn sie an eine deutsche Berufung glaubt,
so nimmt diese mehr eine nationale Form an, übersetzt sie in
468
ıt nur neben der protestantischen Schweiz auch die |
‚angelsächsische Welt, dann die französischen Hugenotten, die cal- De
vinistischen Holländer und Ungarn, sondern auch einen beträcht- re
fichen Teil der heutigen Reichsdeutschen — eine seiner klassischen |
- Urkunden, der „Heidelberger Katechismus“, ist ja auf diesem Bo- Br
- den entstanden — auf der andern Seite reicht das Luthertum über
- den Rahmen des heutigen deutschen Reiches hinaus, umfasst ganz
Skandinavien, nebst Finnland und den baltischen Ländern, und hat
- sowohl in seiner alten, als in seiner neuen Gestalt die ganze christ-
- liche Welt stark beeinflusst. Es handelt sich insofern um zwei über-
- völkische, aus dem antinomischen (gegensätzlichen) Wesen der
- Sache Christi selbst entspringende mächtige entgegengesetzte Ten-
denzen. Als solche sind sie auch im Weltkrieg wie im Kampf um
- den Frieden gewaltig zusammengestossen.
Man sieht: der Kampf zwischen den „Deutschen“ und den
= „Schweizern“ ist heute, im Jahre 1929, so lebendig wie im Jahre
1525, und man sieht auch, dass das Jahr 1529 ebenso bedeutungs-
voll ist wie das Jahr 1525. Man sieht ebenso, dass das Luther zu-
- geschriebene scheinbar so harte Wort: „Ihr habt einen andern Geist
- als-wir“, durchaus der Wahrheit entspricht.
4. Recht und Unrecht; Versöhnung.
Nachdem wir dergestalt, soweit der Rahmen eines Aufsatzes es
erlaubte, den tieferen Sinn und die umfassendere Bedeutung des Ge
gensatzes darzustellen versucht haben, von dem der Streit um das
- Abendmahl nur ein Symbol ist, können wir zum Schlusse eine end-
gültige Antwort auf die Frage suchen, auf welcher Seite denn nun
das Recht, oder allfällig, wenn das Recht nicht ganz nur auf der
einen Seite sein sollte, das grössere Recht zu finden sei.
Der Gang dieser Erörterung hat es mit sich gebracht, dass bis-
her die Vorzüge der reformierten Art sehr stark hervortraten,
sodass wohl die meisten Leser gedacht haben, es werde auch mein
letztes Wort sein, dass ich dieser das Recht, zum mindesten das
grössere Recht zuspreche. Aber die meisten meiner Freunde und
- Gegner werden nicht wenig überrascht sein, wenn sie nun erken-
nen, dass eher das Gegenteil der Fall ist. ke
Hier habe ich in der Tat eine Bemerkung zu machen, die für
469
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mich eine grosse persönliche Wichtigkeit besitzt. Ich knüpfe an
jenes Stichwort vom Jahre 1525 an. 1525 ist das Jahr des grossen
deutschen Bauernkrieges. Die meisten Leser dieses Aufsatzes wissen
wohl, dass vonder furchtbaren Tragik dieses Jahres etwas wie ein
Schatten auch auf mich, den so viel später Lebenden, gefallen ist, in-
sofern als ich mich genötigt gesehen habe, eben diese Tragik, und
zwar besonders die auf Luthers Haltung lastende, mit all der
Wucht und Leidenschaft hervorzuheben, die in der Sache liegt und
die bei mir durch den frischen Eindruck des Studiums jener furcht-
baren und entscheidenden Tage und besonders des Verhaltens Lu-
thers gegen die Bauern wieder lebendig geworden war. Jener Auf-
satz‘) ist von Wenigen ganz verstanden worden. Wenige hatten da-
für die nötige Seelengrösse, am wenigsten die Theologen, die eben
nur theologisch oder „rein religiös“ sehen können, die ohnehin
schon lange auch bei uns mehr lutherisch als reformiert sind —
trotz aller Restauration des Calvinismus — und die gegenwärtig
ob dem Römerbrief des Apostels Paulus oder gar des Professors
Barth (so wie sie ihn verstehen) das ganze Evangelium nicht
mehr sehen können, während bei den Deutschen natürlich sofort
nationale und nationalistische Gefühle in Aktion traten — ganz
fälschlicher Weise, da dergleichen nicht in Betracht kam. Ich meiner-
seits bereue nicht im geringsten, jenen Aufsatz geschrieben zu ha-
ben. Ich musste ihn schreiben und musste ihn ehrlicherweise so
schreiben, wie ich es getan. Aber schon damals deutete ich an, dass
das nicht mein letztes Wort über Luther sei. Es war meine Ab-
sicht, bald ein weiteres folgen zu lassen. Aber Kampf und Mühsal
des Tages verhinderten dies, wie sie auch die Schrift über den
. Abendmahlsstreit verhindert haben. Nun aber folgt dieses weitere
Wort. Es ist noch nicht das letzte, aber es ist eine starke Er-
gänzung zu jenem einstigen. Und ich freue mich, dass ich diese
Ergänzung bringen darf, ja muss.
Ich bin in der Tat beinahe geneigt, mich im Abendmahlsstreit
und das heisst, auf der ganzen Linie des grossen Gegensatzes, mehr
zu den „Deutschen“ zu stellen.
Beginnen wir mit dem Zentrum und knüpfen wir wieder beim
Abendmahl an. Gewiss hat Luther, rein historisch-philologisch be-
trachtet, unrecht. Aber ich meine, er habe im Wesen der Sache das
grössere Recht auf seiner Seite, das will heissen: er verstehe °
das Evangelium besser. Um gleich die Hauptsache zu sagen: Wenn
es das Wesen des Alten Testamentes ist, die Kluft zwischen Gott
und dem Menschen aufzureissen, so ist es das Wesen des Neuen
Testamentes, sie zu schliessen. Der Sinn des Neuen Testamentes
ist nicht die unendliche Gottesferne, sondern die unendliche Gottes-
‘) „Das Jahr 1525“. (Septemberheit 1925.)
470
‚Gott ist wirklich Mensch geworden, sein Wesen ist
Be der. Welt. Gott ist nahe, Gott ist da. Alles ist erfüllt. Luther
hat recht: das ist das Evangelium. Und so hat er auch recht,
wenn er es auch im Abendmahl finden will. Denn im Abendmahl
‚ sollen wir ja das Evangelium finden. Er mag dieses sein Recht
- falsch geltend machen, unhistorisch, unphilologisch, dazu, nach
4 seiner Art, rechthaberisch, ja ungerecht und gewalttätig im höch-.
‚sten und schlimmsten Masse: er behauptet doch .ein Recht, ohne
welches das Evangelium aufhört, das Evangelium zu sein.
- Vom Zentrum aber strahlt dieses Recht über den ganzen Um-
_ kreis aus. Wir haben bisher, wie gesagt, etwas einseitig das Recht
E der reformierten Denkweise hervorgehoben. Nun soll aber auch ihre
Kehrseite wenigstens rasch beleuchtet werden. Diese Kehrseite
ist durchaus vorhanden. Wenn wir als den Vorzug der Reformier-
ten die Empfindung für das Richtende Gottes hervorgehoben
x ‚haben — und übrigens dabei bleiben! — so erinnert doch schon
- dieser Ausdruck an eine Gefahr. Auf dem Wege des Richtens kann
3 man zum Pharisäismus gelangen. Der Pharisäer ist die refor-
4 mierte Gefahr wie der Philister die lutherische. Das Richtende Got-
tes kann zu einem Richtenden des Menschen werden und dann ist
- die Gefahr verwirklicht und das Evangelium verlassen. Pharisäis-
— mus und Moralismus verbinden sich immer und es ist nicht zu
leugnen, dass die ethische Grundart des reformierten Christentums
- kann. Dann aber legt sich ein tiefer, böser Schatten auf die vom
Weihnachtsevangelium bestrahlte Erde. Es kann auch das, was
_ man den reformierten Aktivismus nennt, zu jenem Kultus des
Tuns um des Tuns willen entarten, den wir im heutigen „Amerika-
nismus“ vor uns haben. Auch die Rationalisierung und Mechani-
sierung jeder Art kann man damit in Zusammenhang bringen.
Wenn die Tat, und das heisst verflacht: der Erfolg (success, effi-
ciency) alles ist, dann ist die Maschine Königin. Nach der gleichen
* Richtung kann das entarten, was wir das Revolutionäre,d.h.
das auf Umgestaltung, ja Umwälzung der Welt Drängende im refor-
mierten Empfinden genannt haben. Solange es geschieht „To glori-
iy God and to enjoy him for ever“, ist.das gross und herrlich, wenn
es aber geschieht zur blossen Ausbeutung der Welt im Dienste des
menschlichen Luziferismus und zur Stillung seiner unendlichen
471
ß aber aa an ea een se rm a f
Zul dass Luther dieses am tiefsten und schönsten ver-
ganz und gar eingegangen; das ist die unendliche
leicht zur Gesetzlichkeit und zum Moralismus entartem
D) EI f
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17% w
f A ER a r En ii e
Gier, dann entsteht eine Gefahr für die Welt, die grösser ist al di
vom ursprünglichen lutherischen Quietismus her drohende.
‚ ist es notwendig, dem Werden das Sein, der Zeit die Ewigkeit, dem
Schaffen des Menschen die Schöpfung Gottes entgegenzuhalten;
dann ist es notwendig, gegen eine im Rationalismus, besonders dem
praktischen, verflachenden, versandenden, a
Menschenwelt jenen Irrationalismus der Welt Gottes geltend zu
machen, der Luther so sehr am Herzen liegt; dann ist es notwen-
dig, dem gierigen Menschen einer gottentfremdeten Zeit — das
Weihnachtsevangelium von der Freude aus Gott in der Armut der
Welt zu verkündigen, das Evangelium vom nahen Gott, der uns
stillt und in dem wir ruhen dürfen. Und umgekehrt ist es
möglich, dass man gerade im reformierten Christentum, diesem
entarteten Autonomismus des Menschen entgegentretend, die Kluft
zwischen Gott und dem Menschen so weit und schroff macht, dass
auf der einen Seite das Weihnachtsevangelium verloren geht, Gott
in die Ferne rückt, auch die Hoffnung auf seine Herrschaft verblasst
und damit, auf der andern Seite, als Reaktion, doch auch wieder
die Welt mit ihrem Treiben eine Art Sanktion erhält. Diese Gefahr
ist in der „neuen Theologie“ leider ganz offenkundig verwirklicht.
Wie denn — hat also Luther einfach recht? Oder doch das
grössere Recht?
So einfach liegt die Sache doch nicht. Bevor ich versuche, mein
letztes Wort zu sagen, will ich die methodische Vorfrage aufwer-
fen, die für alle solche Fälle gilt: Wie verfahren wir, wenn wir
Recht und Unrecht in solchen Gegensätzen erkennen und vielleicht
ihren Streit in einer höheren Einheit versöhnen wollen? Nehmen
wir sozusagen die einzelnen Elemente der Wahrheit und des Irr-
tums, die sich auf beiden Seiten finden, zuerst auseinander, um sie
dann neu und besser zusammenzusetzen? Dann entstünde doch nur
ein künstliches Mosaik, keine lebendig-organische Einheit. Nein,
diese muss dadurch zustande kommen, dass wir auf diegemein
same Wurzel der gegensätzlichen Wahrheit
besser gesagt: deneinheitlichenSinndersichgegem
sätzlichausdrückenden Wahrheit zurückgehen.
Wo ist diese zu finden? Darauf kann es für uns nur eine
Antwort geben: Sie muss in der ursprünglichen Wahr-
heit des Evangeliums zu finden sein; deren Urkunde aber
ist und bleibt das Neue Testament.
Welches ist nun dort diese eine Wurzel? Esistdie Bot-
schaft vom Reiche Gottes für die Erde, oder, was
nur ein anderes Wort dafür ist, von der Herrschaft Gottes
über alles. Davon lehrt das Neue Testament, dass sie sowohl
gekommen ist, als auch erst noch kommen soll. Das be-
deutet: das Reich ist in Christus Wirklichkeit (das Wort „Fleisch“)
472
u Da A
fehlt i
Hoffnung im Vollsinn des Neuen Testamentes. Das
‚durch Christus, aber es bleibt dabei stehen: Christus ist in der
Welt, aber die Welt ist nicht bestimmt, Christi zu werden. Das
Licht „leucht’ wohl mitten in der Nacht“, aber die Nacht der Welt
soll nicht immer mehr vom Lichte des Gottesreiches vertrieben wer-
den. Das reformierte Christentum betont wohl stark den Anspruch
Gottes auf die Welt, aber es macht die Kluft zwischen Gott und
Welt so breit, dass das Reich Gottes über sie auch nicht in die
Welt dringen kann. So wenigstens in seiner ursprünglichen, immer
_ wieder etwa erneuerten Form. Aber nun ist das Verhältnis so para-
- dox, dass einerseits im heutigen reformierten Christentum das Ele-
' ment der Reichgotteshoffnung aus der alten Wurzel viel gewaltiger
- emporbricht als im offiziellen Luthertum, während wieder in Män-
- nern wie die Blumhardt, die, trotzdem sie zunächst vom Pietismus
— herkommen, doch eng mit dem Luthertum zusammenhängen, diese
Hoffnung in der gewaltigsten und tiefsten Form erscheint.
Dies weist zur Auflösung des Streites! Das gekommene und
kommende Reich ist das Evangelium. Es ist gekommen, Gott ist
nahe, Gott ist da — darin hat Luther recht. Aber es muss in die
Welt, muss die Welt überwinden, gestalten, umgestalten — darin
- haben die Schweizer recht. Und sie haben auch darin recht, dass
im Reich Gottes, des Vaters, immer G ott der Herr bleibt und
nicht der Mensch Herr wird, er sei denn selbst Gottes (nicht
_ etwa: Gott!). Die Kluft zwischen Gott und Welt, Jenseits und
Diesseits ist geschlossen, finitum est capax infiniti, so wunderbar
‘ das ist; darin hat Luther recht. Aber die Reformierten haben
_ recht, wenn sie betonen, dass das nicht von Natur so ist und dass
_ das nicht ein „Raub“ des Menschen werden darf, sondern immer
wieder freie Gabe des freien Gottes bleibt; dass Gott, der Vater,
immer auch Richter bleibt, Richter über alle Formen menschlichen
_ Tuns, auch alle Formen seines Dienstes, auch über Religion, Chri-
stentum, Kirche, — Abendmahl. Finitum non est capax infiniti.
Das Evangelium ist an sich die Weihnachtsbotschaft,; darin hat
Luther recht. Aber die Schweizer haben recht, wenn sie, so wie die
Welt heute ist, den Karfreitag mit dem Kreuz zum höchsten „Feste“
machen. Ueber beides hinaus, beides versöhnend, geht aber Ostern
und Pfingsten. An dieser Stelle bekommt auch jene Bewegung, die
473
nierte ‚Christentum das Reich Gottes als kommendes,
‚ihnen, wie wir schon gesagt haben, beiden das Ele-
m betont wohl das völlige Eingehen Gottes in die Welt
ME a Se
»
worfen hat und die, wie sich zeigen liesse, auch zu Marburg wie
ein Gespenst im Hintergrund erscheint, das Recht, das sie, mit ‚dem
der Andern verbunden, besitzt. Hier steht auch Blumhardt — nein,
hier steht, recht verstanden, das Neue Testament, steht Christus,
steht der lebendige Gott, der in Christus Fleisch wird, gekreuzigt
wird, aufersteht, vorwärts schreitet. In diesem Streite zwischen den
beiden verschiedenen Auffassungen vom Reiche Gottes tut sich der
alte Fluch kund, den man wohl als eine Aeusserung der „Erbsünde“
bezeichnen darf: Was als die eine Wahrheit je nach Umständen
und Notwendigkeiten bald diese, bald jene Seite besonders hervor-
kehrt, wird absolut gemacht, von der andern Seite getrennt, in das
Prokrustesbett der Logik gepresst, zu einem System gemacht und
dem das andere Moment der Wahrheit schroff gegenübergestellt.
Es muss — temporum et locorum ratione habita — bald die refor-
mierte, bald die lutherische Wahrheit betont und in den Vorder-
grund gestellt werden; aber im lebendigen Reich des lebendigen
Gottes sind sie die Bewegung der einen Wahrheit. Das Evange-
lium muss vor Verweltlichung geschützt werden, aber auch vor
Vergeistlichung. Evangelium bleibt die Kunde: „Und das Wort
ward Fleisch“; aber es ist das Wort, das Fleisch wird.
Die lutherische und die reformierte Auffassung des Reiches Got-
wieder zusammenzuschauen; es gilt, das, was sich, statisch ge-
sehen, zu einem Dogma, zu einer Konfession verhärtet hat, dyna-
mischin die Aktualität des Lebens aus dem lebendigen Gott selbst
aufzulösen.
Dass die Sache sich so verhält: beide Auffassungen bloss der
man mit dem Namen der Täufer bezeichnen mag, die beson de Ss
das Jahr 1525 und dann das Jahr 1535 tragisch zu Boden ge-
tes sind zwei verschiedene Aspekte einer Wahrheit. Es gilt, diese ”
h]
’
4
1}
\
Ausdruck der Antinomie, worin die eine Wahrheit auftritt und
diese Antinomie aus Erstarrung zum Leben auflösbar, beweist eine
Tatsache, die ich zum Schlusse noch hervorheben muss: die Tat-
sache, die ich als Ueberkreuzung bezeichnen möchte. Der
Sachverhalt ist nämlich der, dass Wahrheiten, die auf der einen
Seite scheinbar ganz einseitig hervorgehoben werden, doch auf der
andern Seite wieder stärker zur Geltung kommen, nur in einem
andern Zusammenhang, aber so, dass jede Einseitigkeit doch wie
der ihre Ergänzung in sich trägt.
Wir wollen uns diesen Sachverhalt in zwei Hauptpunkten unse-
res Streites klar machen.
Das Luthertum betont die Innerlichkeit des Reiches Got-
tes: Der Geistallein ists, worauf es ankommt; während das refor-
mierte Christentum stark auf Verwirklichung drängte. Das
hat, wie wir zu zeigen versuchten, wichtige Konsequenzen für das
soziale Leben, das politische eingeschlossen. Aber nun ist es ja ge
474
2
=
Ende
nicht ein gewaltiges Programm der Verwirklichung? Wenn
doch nach Luther das Reich Gottes ins „Fleisch“, in die Mensch-
' heit hinein will, und zwar ganz und gar, muss es dann nicht die
eisch“, das die Reformierten für „unnützlich“ halten,
jene Wahrheit, die ich etwa ihren heiligen Materialismus
° und die auf die Linie jenes bekannten Wortes weist: „Das
der Wege Gottes ist Leiblichkeit.“ Liegt nun auf dieser Linie
Welt verändern, und zwar ganz und gar? Muss dann nicht
R. auch aus dem Luthertum ein Strom der Revolution aufbrechen ?
‚Das ist es, worauf wir warten dürfen. Ich meine, in den Blumhardt
sei gerade das geschehen. Bis jetzt freilich ist im allgemeinen diese
Verwirklichung, diese innige, völlige Verbindung Gottes mit der
Welt mehr individuell und sakramental verstanden worden, aber
‚was läge näher, als sie auch sozial zu verstehen? Und da ja die
- reformierte Art von ihrem Ausgangspunkt her auch auf Verwirk-
lichung drängt, so treffen beide Bewegungen schliesslich an diesem
Punkte zu einer Einheit zusammen, sagen wir genauer: sosuchen
‚sich an diesem Punkte die beiden sonst entgegengesetzten Tendenzen.
Das gleiche Verhältnis ist an einem andern Hauptpunkt sehr
deutlich: da, wo es sich um das Moment der Sicherheitoder
Unsicherheit des Heiles handelt. Luther will durch
seine Haltung vor allem dessen Sicherheit betonen. Christus muss
real und vollkräftig in der auf ihn gegründeten Gemeinde gegen-
wärtig sein. Die symbolische Deutung des Abendmahls scheint ihm
diesen festen Grund des Heils zu zerstören und an die Stelle des
Altars eine Leere zu lassen. Darum wehrt er sich an diesem Punkte
für seine Sache, um das Sein gegen das Nichtsein. Hatte er — ne
benbei noch gesagt — nicht auch hier ein Recht, vielleicht sogar das
überlegene Recht, auf seiner Seite? Wehrt er sich nicht gleichsam
zum voraus gegen den alle feste Wahrheit auflösenden Relativismus
späterer Zeiten? Klingt nicht, wenn man ihm von tropischer, d. h.
figürlicher, bildlicher Auslegung redete, in seinen Ohren ‚schon
gleichsam das „Als ob“ unserer Tage? Verteidigte er nicht mit dem
475
IE i 3
as anderes als das „Fleisch“, das Luther für „sehr nützlich“
ber ganz sicher vertritt Luther hier eine Grundwahrheit der
n.“ Es handelt sich hier zwar um einen Wort
er
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lichung, das heisst, gegen eine Auflösung in den Rauch
sen ist, kehrt an allen Punkten wieder. Diese Ueberkreuzung
m? I
ei tar
ee
lismus der Gegenwart Christ im.
seiner Gemeinde — den geschichtlichen Re
gegen jenen Idealismus, der je und je versucht hat, an ‘
Fleischwerdung des Wortes in Jesus Christus eine blosse „Idee
das heisst ein rationales oder mystisches Prinzip zu setzen? —
was wollen die Reformierten anderes, als ebenfalls die S
heit des Heils wahren? Wenn Luther sie gegen eine Vergei,
religiösen Spekulation verteidigte, so die Reformierten gegen
Verweltlichung, d.h. gegen ihre allzu absolute Verbindung
mit einer kreatürlichen Form. Sie betonen daher gegenüber dem
„Fleisch“ das „Wort“. Sie wollen Gott in seiner Ferne halten, da
mit er dem Gläubigen nicht in der Welt entschwinde, wie Luther
ihn in der Nähe halten will, damit er dem Gläubigen nicht im Him-
mel unwirklich werde. Beide wollen sie Gottes Wirklichkeit und die
Objektivität seines Heils gegen Menschenwerk und Menschentraum
verteidigen; beide treffen sich an diesem Punkte, suchen sich dort;
beide sind die Pole einer Wahrheit. BT
‘Der Sachverhalt, der an diesen zwei Hauptpunkten nachgewie
ist ein Gesetz, das überhaupt in allem geistigen Leben wiederkehrt.
Auch in den Gegensätzen, die sich im Kampf der Weltanschauun-
gen darstellen: etwa in dem zwischen Idealismus und Realismus,
Spiritualismus und Maäaterialismus, Optimismus und Pessimismus,
lässt es sich leicht aufzeigen. Dieses Gesetz ist gleichsam die Klam-
mer, womit Gott die einige Wahrheit festhält, die durch die Men-
schen in streitende Gegensätze zerrissen wird. Es ist die Aufgabe
derer, welche Gott dienen wollen, und nicht sich selbst, darin seine
Mitarbeiter zu werden, dass sie über die Gegensätze hinaus jene
einige Wahrheit, ihn in jener einigen Wahrheit suchen.
Diese Aufgabe tief zu empfinden, dieses Moment zu betonen,
ist Sinn und Recht eines Katholizismus, der seinen Auftrag
wirklich versteht.
Das ist in jenen Oktobertagen des Jahres 1529, deren Folgen
so verhängnisvoll gewesen sind, wie auch vor- und nachher, bei
den Streitenden nicht geschehen. Nicht das war der Fehler, dass
man für die Wahrheit eiferte, sondern dass man so sicher war,
selbst die ganze und fertige Wahrheit zu besitzen. Und dass hierin
Luther weitaus die grössere Schuld trägt, ist wohl nicht zu be
streiten. Die Sicherheit, mit der er jenes „Ist“ auf den Tisch schrieb
— oder war es vielmehr die Unsicherheit oder beides vermischt? —
hätte er behaupten können ohne seine starrköpfige und hochfahrende
Rechthaberei. Es ist bei diesem Anlass wirklich die Theologie
gewesen, welche die Sache Gottes furchtbar geschädigt hat. Die
Theologie hat damals geherrscht, statt gedient. Menschen-
476
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Monatsschau, IR: B
$ Fa 1. Weltpolitisches. _ | Be
‚ Die Völkerbunds-Versammlung, welche gerade in die Zeit For
_ Jiel, wo die letzte Monatsschau abgeschlossen werden musste, liegt nun schon
wieder weit hinter uns. Sie hat, wie mir scheint, im allgemeinen nur eine
mässige Zensur erhalten. Ich glaube mit Unrecht. Denn sie hat doch allerlei
“ Wertvolles, ja Grosses gebracht. Da ist vor allem der Beitritt Englands und
seiner Dominjons zur sogenannten fakultativen Klausel, das heisst, zur obli- '
gatorischen Schiedsgerichtsbarkeit!) (die „fakultativ“ ist, in-
sofern, als es den Völkerbundsstaaten frei steht, ihr beizutreten oder nicht),
4 welchem Beispiel dann eine grosse Reihe von Staaten (unter anderem Italien!)
<
gefolgt sind, sodass wohl binnen kurzem dieses Netz des Rechtes alle Völker-
_ bundsstaaten, ja alle Staaten überhaupt umfassen wird. Mag dieses Netz
auch noch kein ehernes und mögen die Beitrittserklärungen noch so sehr mit |
- Vorbehalten garniert sein, es handelt sich trotzdem um einen Fortschritt von
— ganz ungeheurer Bedeutung auf dem Wege, der da heisst: Ersetzung der
Gewalt im Völkerleben durch das Recht. Man bedenke dabei, dass bis vor
—_ kurzem nicht eine wirkliche Grossmacht diesen Schritt getan hatte. — Es
_ mag gerade hier beigefügt werden, dass der Beitritt der Vereinigten
Staaten zum Schiedsgerichtshof nun vollends eine ausgemachte Sache zu
- sein scheint.
’ Als Zweites ist hervorzuheben der ernsthafte Versuch, den Kellogg-
Pakt mit seiner Aechtung des Krieges und den Völkerbunds-Pakt,
der ja, gegen Wilsons Willen, unter gewissen Bedingungen seine Legitimität
noch gelten lässt, dadurch in Uebereinstimmung zu bringen, dass der Krieg
auch aus dem Covenant verschwinde. Auch das wäre ein gewaltiger Schritt.
Mag er auf der diesjährigen Versammlung auch noch nicht zur Durchführung
gelangt sein, so besteht doch alle Aussicht, dass diese in Bälde erfolgen wird.
Das Dritte, was als wertvoller Ertrag zu nennen wäre, ist der Vorschlag,
- einem allfällig angegriffenen Staat vom Völkerbund aus finanziell
zu Hilfe zu kommen. Wenn man bedenkt, dass nach dem bekannten Wort
des Grafen Montecuculi, das durch das Kriegsschulden-Problem aufs neue
bekräftigt wird, zum Kriegführen erstens Geld gehört, zweitens Geld und
drittens Geld, so leuchtet die Bedeutung einer solchen Massregel ein. In sie
n eingeschlossen müsste freilich sein, dass der Angreifer keines erhält. Das
— wäre dann — auf dieser Linie — durchaus entscheidend, r
Als Viertes nenne ich die Proklamierung der Idee der Vereinigten
1) Di Schiedsgerichtsbarkeit gilt freilich nur für Konflikte von recht-
ee Er welcher politische Konflikt hätte nicht seine rechtliche
Seite?
477
F a5 =R Li f r r e
ner (man il
politische Lage nach dem gleichen Schema abgerüstet werden, also die über-
legene Industrie eines Landes, die für den modernen Krieg entscheidend ist
(das sogenannte potentiel de guerre) auf der einen Seite nicht in Betracht
gezogen und auf der andern die militärischen Reserven nicht geduldet werden
sollen, dann, so erklären Frankreich und seine Verbündeten und sogar sehr
pazifistische Deutsche, und zwar nicht etwa bloss Foerster und seine An-
hänger, wird in Bälde Deutschlands militärische Ueberlegenheit und damit
seine Vorherrschaft über den Kontinent wieder hergestellt sein. Was man
auch von dieser Argumentation halten möge, so liegt hier auf alle Fälle ein
Haupthindernis für eine Friedigung Europas. Irgendwie wird man Frank-
reichs Sorge (die nicht nur seine Nationalisten und Militaristen hegen) be-
ruhigen, gerade wie man in bezug auf seine Ostgrenze Deutschland wird
entgegenkommen müssen. England wird, wenn es ihm mit seiner Friedens-
politik ernst ist (was bei Labour sicher nicht bezweifelt werden darf), sich
die Sache nicht allzubequem machen dürfen, indem es, nach einem alten Re-
zept, bloss die jeweilen stärkste kontinentale Macht, heute also Frankreich,
om Die es
bekämpft. Das sieht dem nationalen Egoismus allzu ähnlich, Es muss vie-
mehr im Rahmen einer pazifistischen Weltpolitik eine wirklich europäi-
sche Friedenspolitik treiben. Dabei wird es selbst auch am besten fahren.
Um auf Geni zurückzukommen, so muss zum Schlusse doch festgestellt
werden, dass gerade diese letzte Versammlung gezeigt hat, wie sicher nun
der Völkerbund dasteht. Es ist schwer zu denken, dass dieses Gebäude so
leicht wieder einstürzen werde, wie es seit zehn Jahren allerlei Propheten
weissagen. Die Reden eines Mac Donald, Briand, Stresemann waren immer-
hin das Beste, was im Laufe dieses Jahres von politischen Tribünen vernom-
men worden ist. Es sind auf dieser Versammlung grosse, konstruktive Ge-
danken aufgetaucht, neben den schon angeführten z. B. auch der eines mehr-
jährigen Zollfriedens, überhaupt einer Erhöhung der wirtschaft-
‘) Vergleiche z. B. den Aufsatz: Paneuropa, der Völkerbund;
europäischer Ausblick (April 1926).
478
her irren u
HS ; en re 4 nt iner
f- FRE, j% er eis y ” ac ii h . j
ktion des Völkerbundes, im besonderen einer internationalen
sofort aufgegangen, aber es war doch Leben und schöpierisches politisches
Denken da, und wenn mit irgend etwas, so muss man mit dem ungeheuren
Werk des Völkerbundes Geduld haben. Im übrigen kann doch En der
. nicht bloss ein wilder Hasser ist, noch seine Beseitigung verlangen, sondern
- bloss seine Weiterbildung und Umbildung. Die Belebung seiner Aktion durch
die englische Arbeiter-Regierung zeigt, an welchem Punkt dabei einzusetzen
ist: Schicket, ihr Kritiker und Kritikaster, andere Leute nach Genf und schicket
die Generäle, Admiräle und heutigen Regierungssysteme mit guter Pension
"ins Piefierland, dann wird es in Genf rasch noch viel besser gehen!
Etwas verdunkelt wurde die Völkerbunds-Versammlung, wie durch Schat-
ten vom Haag her, so durch Licht von London und Newyork her. Und man
f muss ja wohl zugeben, dass die englisch-nordamerikanische
“
Annäherung ein Ereignis von noch grösserer Bedeutung darstellt, als
_ alles, was in Genf geschehen ist. Wenn Hoover und Mac Donald in einem
gemeinsamen Manifest erklären, dass sie einen Krieg zwischen England und
den Vereinigten Staaten für undenkbar halten, wenn sie hinzufügen, dass sie
— ihre Friedensarbeit vom atlantischen Ozean auch auf den pazifischen und das
“ Mittelmeer ausdehnen wollen (und England seine Rüstungen im Pazific ein-
zustellen gewillt scheint), wenn MacDonald vor dem nordamerikanischen
- Kongress unter gewaltigem Beifall eine Friedens- und Freundschaftsrede hält
“ und von der Begeisterung der amerikanischen Volksmassen umbraust wird,
— so sind das ganz grosse Dinge, die gewaltige Perspektiven, und zwar verheis-
- sungsvolle, eröffnen. Sollten wir in Skepsis und Müdigkeit oder auch anti-
- pathischer Voreingenomenheit dafür kein Auge und keine Freude mehr haben?
Vor der Arbeiter-Regierung steht nın noch die gewaltige Aufgabe, mit
Russland in ein neues Verhältnis zu kommen und die, das indische
—_ Problem zu lösen, Aufgaben, die zusammenhängen und jede riesengross.
— Hinter ihnen erhebt sich die zum Teil sich zwar damit deckende, aber noch
_ umfassendere der Neugestaltung des Verhältnisses der „weissen Rasse“ zu
Asien und Afrika. Die Verhandlungen mit Russland scheinen vorwärts
zu gehen (England hat die Forderung einer vorangängigen Bereinigung der
-Schuldenfrage nun fallen gelassen) und in bezug auf Indien vernimmt man,
- dass die Arbeiterregierung wirklich bereit sei, ihm den sogenannten dominion
status, das heisst, die volle Unabhängigkeit im Rahmen des englischen Reiches
zu gewähren. Das wäre allerdings noch mehr als alles andere, von dem wir
berichtet. Labour würde damit, rein menschlich-politisch gesprochen, zum
Retter Englands und des Abendlandes. Ob es wirklich geschehen wird?
Diese günstigen Entwicklungen haben gleichsam ein Negativ in Form
von Enthüllungen über das Treiben der nationalistisch-militaristischen
zum Kriege treibenden Mächte gefunden. Die Alfäre Shearer hat weitere
Dimensionen angenommen und wirit ein mächtiges Scheinwerferlicht in’ die
höllischen Abgründe der Kriegsindustrie und des militärischen Systems.
Wieder zeigt sich: bis nicht die Waffen- und Munitionsfabrikation (die Gift-
gasfabriken inbegrilfen) zerstört und die Generäle und Admiräle bis zum
jüngsten Gericht beurlaubt sind, wird es nicht Frieden geben können. Ein
ähnliches Licht der Wahrheit bedeutet die Aufdeckung der nationa-
listischen Verhandlungen und Treibereien zwischen
Deutschland und Frankreich. Da leben die guten Bürger im
Glauben, jenseits der Grenzen sitze der „Erbfeind“, und die Zeitungen sorgen
dafür, dass die nationalistisch-militagistische Lügenposaune nicht verrostet,
inzwischen aber setzen sich Politiker und Generäle aus beiden Lagern (und
zwar gut „nationale“) fidel miteinander zum Frühstück und beraten bei Sekt
und Austern militärische Bündnisse der „Erbieinde“. Gelingt das nicht oder
treten sonst andere Wendungen ein, dann wird das heilige Feuer entfacht,
479
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und die Bürger stürzen im Namen Gottes ‚und aller heiligsten ‚Güter vo
sich Bbzuschlachlen. Wie Bag: werden die Völker noch so dumm }
Einen Schatten auf das Bild eines gewaltigen Fortschreitens der Beirie
dung Europas hat der Tod Gustav Stresemanns geworfen, Es ist
mir nicht möglich, darüber viel zu sagen. Ergreifend ist das persönlich
Schicksal dieses gewiss nicht gewöhnlichen Mannes. Deutschland ist ihm
rein national gesprochen, zweifellos zu grossem Danke verpflichtet. Ob auch
Europa? Sicher hat er eingesehen, dass zunächst der Weg der „Erfüllung‘
und des „Pazifismus“ für Deutschland auch der einzige Weg zum neuen Auf-
stieg sei. Insofern war seine Politik gewiss ehrlich. Aber ob er endgültig an
den Frieden und eine neue Ordnung der Völkerwelt glaubte? Ob er von Her-
zen den neuen Zielen ergeben war? Ich muss gestehen, dass ich diesen Her-
zenston, diesen Ton letzter Aufrichtigkeit der Friedensgesinnung aus seinen 7
Reden und Taten nie vernommen habe. Die Beschimpfung | oersters, die
Duldung der deutschen Aufrüstung, die unversöhnliche Ostpolitik und vieles
derart wiesen nach einer andern Richtung. Die Frage, ob der einstige wilde
Annexionist sich nicht nach vollbrachter Abschüttelung der Kriegsiolgen wie-
der als deutsch-nationaler Machtpolitiker entpuppen werde, schien mir nicht
mit Sicherheit zu beantworten. Ich bin aber herzlich bereit, diesen letzten
Zweifel fallen zu lassen, sobald ich es auf Grund unzweideutiger Dokumente
und Eindrücke ehrlich darf. Inzwischen ist ja wichtiger die andere Frage,
was nun in Deutschland werden soll. Es scheint sich zunächst die Krise
zu verschärfen. Stresemanns Tod wird vielleicht die Reaktion zu gewissen
weiteren Schritten ermutigen. Die Republik scheint entschlosseneren Wider-
stand als bisher zu leisten. Der Kampf um das Volksbegehren gegen den
Young-Plan wird die Verwirrung, aber vielleicht dann auch die Klärung
fördern. Es. ist nicht unmöglich, dass am Ende dieser Krise ein Deutsch-
land steht, das noch mehr als das Stresemanns ein sicheres Bollwerk des
neuen Europa sein wird,
In Oesterreich ist die akute Gefahr des Bürgerkrieges vorüber,
die chronische bleibt vorläufig. Die Entwicklung scheint den Gang
zu nehmen, dass eine gewisse Ausgleichung zwischen den ziemlich gleich
starken zwei Lagern versucht wird. Dafür scheint die neue Regierung Schober
das Organ zu sein. Diese Wendung ist nicht zum wenigsten eine Folge des
Eingreifens von Friedensmächten, die vom Klassenkampf von rechts und links
her unabhängig sind. Wir haben im letzten Heft besonders auf die Aktion
der katholischen Sozialisten hingewiesen, die, wie alle Zeichen sagen, nicht
ohne Wirkung geblieben ist. Sehr bedeutsam ist die Haltung der Sozialdemo-
ee Dr
xratie. Sie bläst nämlich ganz deutlich zum Rückzug. Gewisse Fanfaren in
der Rede Otto Bauers auf dem letzten Parteitag sind bloss als Tribut an die
übliche Demagogie zu betrachten und können den Grundton der Chamade
nicht verdecken. Es steht in Oesterreich eben anders, als unsere marxistischen
Demagogen es zu deren Schaden der schweizerischen Arbeiterschaft vor-
machen möchten. Wenn die Oesterreicher nicht mehr für sich hätten,
als die pseudobolschewistische Taktik dieser „Marxisten“, dann wären sie
verloren. Denn deren Fiasko ist mit Händen zu greifen.
Freilich auch das der Heimwehren. Und das des Faschismus. Die er-
wünschte Folge des Auikommens der englischen Arbeiter-Regierung ist zum
Teil schon eingetreten: die Diktaturen wanken. Die litauische ist noch recht-
zeitig (vor dem Vollzug von einigen Dutzend Bluturteilen an sozialistischen
Gegnern) gestürzt, wie man sagt direkt durch den englischen Einfluss. In
Ungarn und in Polen scheint ihre Stellyng sehr unsicher, Mussolini festigt
durch „Reiorm“ des Faschistenrates seine persönliche Macht, aber seine
Lage ist sehr verschlechtert. Wenn nur die Arbeiterregierung nicht jene
doktrinäre Politik des Ressentiment gegen Frankreich treibt!
Bedenklich bleibt stets die Gärung im Osten, besonders auf dem Balkan.
480
haus und die unter
_ liche Erschiessung des slovenischen. Rebellen Gortan durch die Italiener
Ser em 3 2 h ar | 1 ” ir t B “r E /
Die Verurteilung des slovakischen Autonomisten Tuka zu 15
besonders gemeinen Umständen erfolgte
kriegsgericht-
‚sind böse Zeichen davon. In diesen Gegenden ist grosse Arbeit zu tun.
Berichten wir endlich noch, dass die dänische Regierung nun ihren
— Abrüstungsplan fertig hat und der Kampf in den Kammern beginnen
wird. Gutes Gelingen! Es wird weiter davon zu reden sein. Für diesmal sei
nur jestgestellt, dass es dem Völkerbund offenbar nicht einfällt, diesem Staat
dreinzureden, obschon er (so muss man sagen!) nicht seine Neutralität
; behauptet hat, die uns erst recht freie Hand gibt.
2. Militarismus und Antimilitarismus,
Die pazifistische und antimilitaristische Bewegung ist nun so reich und
weltumiassend geworden, dass es nicht mehr möglich ist, ihr in einem Or-
gan, wie die „Neuen Wege“ (das eben nicht nur diesem Zwecke dient)
einigermassen zu folgen. Es ist darum wohl auch für die auswärtigen Leser
das Beste, wenn wir vor allem das hervorheben, was in dieser Beziehung in
der Schweiz geschieht und uns in bezug aut das Uebrige auf eine Äus-
wahl beschränken.
Zwei Ereignisse haben bei uns in der Berichtsperiode eine gewisse Be-
- deutsamkeit für den Kampf zwischen Militarismus und Antimilitarismus er-
langt.
Da ist einmal die Versammlung des schweizerischen
Piarrervereins in Aarau, die anfangs September stattland. Sie ver-
handelte unter anderem das Thema: „Was kann die Kirche für den
Weltirieden tun?“ Darum richtete sich auf diese Tagung eine Auf-
merksamkeit, die sie nie erlebt, wenn sie, mit Professor Barth zu reden,t)
„anständige“ Themen wie Trinität und Prädestination, Christologie und Sa-
krament behandelt. Zu dem „unanständigen“ Thema hatte die Vereinigung
- antimilitaristischer Pfarrer (die etwa 120 Mitglieder zählen dürfte) eine Reso-
lution vorgeschlagen, die besonders das Recht der Dienstverweigerung aus
Gewissensgründen betonte und die Abschaffung des Feidprediger-Amtes, in
seiner heutigen Gestalt, verlangte. Der Pfarrerverein des Kantons Aargau
hatte dem gegenüber eine „gemässigtere“ Resolution vorgelegt, die immerhin
nicht mehr militaristisch zu nennen war.
Und was ist nun herausgekommen?
Zweierlei ist von Bedeutung.
Zum Ersten. Es wäre in jedem andern Lande wohl selbstverständlich
gewesen, dass man das Referat über dieses Thema einem Bürger des Volkes
übergeben hätte, auf dessen Boden die Verhandlung stattfand, in unserem
Falle also einem Schweizer. Wir haben eine ganze Reihe von ausgezeichneten
Piarrern, die berufen gewesen wären, diese Aufgabe zu lösen. Sie musste so
behandelt werden, wie sie auf unserem Boden sich darstellt und, trotz des
allgemeinen Themas, von einem Mann, der in diesem Boden wurzelt und die
Geschicke unseres Volkes auf dem Herzen trägt. Wie gesagt, in jedem andern
Land wäre das selbstverständlich gewesen. Es wäre aber bei uns umso mehr
am Platze gewesen, als der religiöse Antimilitarismus gerade in der Schweiz
eine typische Ausprägung und besondere Bedeutung gewonnen hat und bei
uns zuerst auf den Plan getreten ist. Aber nein, es musste Einer von Berlin
kommen, der allgegenwärtige Professor Siegmund Schultze. Die-
ses Verfahren ist für jeden Schweizer, der noch etwas von Schweizerstolz
in sich trägt, tief beschämend. Es ist einmal eine Feigheit: man hatte ofien-
bar nicht den Mut, einen Mann wie. Liechtenhan, Greyerz, Gerber, Traut-
vetter, Lejeune, die dafür so sehr berufen gewesen wären, mit dieser Aufgabe
1) Vergleiche Karl Barth: Die Theologie und die Kirche, S. 101.
481
Jahren Zucht- ?
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Wi i ver a res k . Kr Se Rx:
‘ ! r NE
zu betrauen. Aber noch mehr: dieses Vorgehen ist charakteristisch, füı
Art, wie die wirkliche Unabhängigkeit und Mission der Schweiz Tag
Tag und auf alle Weise gerade von denjenigen Regen wird, die c
so pathetisch von der Pflicht der „Landesverteidigung‘ reden. Es mı
Frage gestellt werden, was denn von dieser Schweiz noch übrig bleibt, die
man verteidigen will, nachdem man alles verraten hat, was ihr ein wirkliches
Lebensrecht verliehe. € ‘ .
Zum Zweiten: Es ist in Aarau zu keiner Entscheidun, gekommen. Nach {
langer Diskussion wurde der Antrag gestellt, dass die eiegenheit einer
Studienkommission übergeben werde, da man auf eine Entscheidung ni
vorbereitet sei. Es war der allgemeine Eindruck, dass das ein Ausweichen
sei. Man bedenke: seit 1914 ist das Problem von Krieg und Frieden das
Zentrum aller andern Probleme, eine Frage von Sein und Nichtsein für
Europa und auch für das Christentum und die Kirchen. Gott hat in unge 7
heuren Katastrophen zu den Menschen geredet und wahrhaftig nicht mit un- 7
deutlicher Stimme; aber die schweizerische. Predigergesellschait verweist
ihn — an eine Studienkommission! Sie spricht heute bis zum Ueber-
druss vom „Wort Gottes“, aber wo Gott selbst redet, so klar als möglich,
da ist sie schwerhörig bis zur völligen Taubheit, Vgl. Matth. 16, 14.
So war diese Pfarrertagung in Aarau ein schweres Fiasko. Aber nicht
für den „religiösen Antimilitarismus“. Im Gegenteil, es zeigt sich, wie ge-
waltig er gewachsen ist, allgemeiner gesagt: welchen Ernst das ganze
Problem genommen hat. Wahrhaftig, die Militaristen haben keinen Anlass
zur Freude über Aarau.
Noch eindeutiger war das zweite Ereignis: die Vortragsreise
von Waldus Nestler in der Schweiz. Waldus Nestler, den Lesern der
„Neuen Wege“ ein vertrauter Mann, ist unser lieber Freund und einstiger
Schüler. Als er zum zweiten Male in Zürich studierte, da überfiel ihn mitten
im blühenden und jauchzenden Alpenfrühling die Kunde vom ausgebrochenen‘
Krieg. Auf dem Bahnhof von Zürich traf er mit dem aus Konstanz, wo der
dort tagende „Freundschaftsbund der Kirchen“ vor dem ausgebrochenen
Sturm auseinandergestoben war, eilig nach seinem Vaterland heimkehrenden
Elie Gounelle zusammen. (Welch ein Zusammentreffen von Männern, die nach
Art und Gesinnung zu, nicht gegenmeinander stehen mussten! Beide sind’
dann den ganzen Weltkrieg an der Front gewesen.) Nestler ist in der erstenl
Hälite des Krieges als Kompagnieführer in einem besonders blutigen Abschnitt‘
der Front gestanden, in der zweiten als Gasschutzoffizier tätig gewesen.
Furchtbar lastete das Problem des Krieges auf ihm, aber heilige Motive, die
auch ein Antimilitarist gelten lassen und ehren musste, hielten ihn vom
Schritt der Befreiung zurück. Den Dienst an der Kirche freilich, deren
Verrat an Christus er während des Krieges so tief und schrecklich erlebte,
hat er aufgegeben und wirkt nun als Lehrer an einem Mädchengymnasium
zu Leipzig. Aber nun ist die Stunde gekommen, wo er das leisten kann,
was seine Seele von der Gewissenslast entbindet, die ihm der Krieg auf-
gelegt: das Zeugnis gegen den Krieg von einem, der ihn
gesehen hat wie Wenige!
y Dieses Zeugnis hat in Basel, Bern, St. Gallen, Luzern, Zürich, Aarau,
überall wo Nestler auftrat, gewaltigen Eindruck gemacht. Seine Vorträge
sind zu einem Freignis geworden. Das gelegentliche Auftreten von jungen
Offizieren, die den Krieg nur vom Hörensagen kennen, gegen diesen Mann,
der sein wirkliches Gesicht geschaut, konnte die Wucht seines Zeugnisses
nur verstärken. So gross war der Eindruck, dass offenbar unsere Militaristen
sich hinter den Bundesrat und seine Organe steckten. Denn als Nestler in
Aarau (wo das Rektorat „in Uebereinstimmung mit der Lehrerschaft“ für
seinen Vortrag die Aula der Kantonsschule verweigert hatte!) gerade im
Begrilf war, seinen Vortrag zu halten, bekam er ein Expressschreiben des
482
Dan Se
im geringsten
2
rt w irde der Ken Z
den Behörden aufs wärmste begrüsst. Aber in der „freien
er mit Ausweisung bedroht, weil er sagt, was der Krieg ist.
s ist Carl Endres — erzählt, ein radikaler Militarist habe ihm erklärt,
venn man nur Mittel fände, von denen das Volk glaubte, dass sie gegen die
gase schützten, weil die Angst vor diesen die grösste Stärke des Pazifis-
mus bilde. Dass Nestler für die Dienstverweigerung Propaganda mache,
war nur ein Vorwand für das Vorgehen gegen ihn. Denn sie spielte in sei-
Vortrag keine irgendwie wesentliche Rolle, es sei denn als Verweigerung
Herstellung von Giitgasen.‘) Im übrigen musste Nestler ohnehin am
n nach seinem Aarauer-Vortrag heimkehren. Jenes Vorgehen hat uns
bloss eine neue Blamage für die Schweiz gebracht. Das allein ists,
was unser Militarismus und das mit ihm verbundene Schweizertum uns noch
_ eintragen, wahrhaftig nicht „Verteidigung“. Wenn die Lebendigen, Freien
und Einsichtigen aller Völker nur noch lächeln oder trauern, wo von der
Schweiz die Rede ist, dann sollen Schiessprügel und Maschinengewehr die
_ „Schweizerfreiheit“ retten! — Und nun überlege man folgende Notiz:
„Vor einigen Wochen haben über Paris grosse nächtliche Flieger-
manöver stattgefunden, über deren Ergebnis das strengste Stillschweigen
bewahrt wurde. Heute weiss das „Oeuvre“ mitzuteilen, dass die Resultate
vernichtend gewesen seien. Der Luftverteidigung von Paris sei es
bei diesem Manöver nicht gelungen, die Hauptstadt auch nur teilweise
gegen die Angriffe eines etwa 100 Flugzeuge starken Bombengeschwaders zu
“ schützen. Die angreifenden Flugzeuge seien in 5000 bis 6000 Meter Höhe —
_ meist ohne überhaupt entdeckt zu werden — über Paris hinweggeflogen. Einer
_ der französischen Gassachverständigen hat dem „Oeuvre“ wörtlich
iolgende Kritik gegeben: „Wenn nur 100 Flugzeuge mit je einer Tonne Gas-
‚granaten über Paris hinwegfliegen, dann können sie die Stadt mit
— einer 20 Meter hohen Gaswolke einnebeln. Diese Operation
braucht nur eine Stunde Zeit, und in dieser einen Stunde ist
Paris mit Mann und Maus vernichtet“
Den Dienst verweigert hat neuerdings — wie ich erst nachträglich sehe —
_ auch Roger Wuilleumier, Zuckerbäcker, in La Chaux-de-Fonds. 195
war schon 1928 wegen dem gleichen Schritt zu zwei Monaten Gefängnis ver-
_ urteilt worden. Diesmal wurde er von Nationalrat Paul Graber, dem Sekre-
& tär der sozialdemokratischen Partei der. Schweiz, verteidigt, und zwar aui
_ ausgezeichnete Weise. Dennoch erhielt er zweieinhalb Monate Gefängnis und
drei Jahre Entzug der bürgerlichen Rechte. £
€
3 Von ausserschweizerischen Fakten dieses Kampfes soll diesmal nur er-
e
RT
27
wähnt werden, dass sich in Deutschland ein „Friedenskartell der
Konfessionen“ gebildet hat, bestehend aus dem „Friedensbund deutscher
Katholiken“, der „Deutschen Vereinigung des Weltbundes für internationale
Freundschaftsarbeit der Kirchen“ und dem „Jüdischen Friedensbund“. Das
Kartell“ nennt sich „Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen für den Frieden“.
Ein Aufruf, den es erlässt, ist unter anderem unterzeichnet von Pater Straat-
mann, Professor Dessauer, Albert Einstein.
- 4) Wenn der „Bund“ ihm deswegen „Auskneifen“ vorwirit, so ist das der
bekannte Verleumdertrick.
483
Pr
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ress der Frauenliga, an dm
ists. Das. darf man bei uns nicht sagen. Es hat letzthin Einer —
Ei f } " Br x wer;
Ueber die Konferenz der Frauenliga für Fr
und den Internationalen Friedenskongress in Athen soll da
berichtet werden.
EN
s nächste .
3. Sozialismus und soziale Bewegung. vr
Die Konzentration der kapitalistischen Unternehmungen vollzieht si
unaufhörlich, seis in den Völkern selbst, seis über die Grenzen hinweg. Eine
der neuesten Tatsachen dieser Entwicklung ist die Fusion von zwei deutschen
Grossbanken, der Deutschen Bank und der Diskonto-Gesell-
schaft. Das vereinigte Unternehmen verfügt nun über ein eigenes Kapital
von 427 Millionen Reichsmark und fremdes von über 4 Milliarden Reichs-
mark. Dabei „kontrollierten“ beide Banken schon vorher eine grosse A
kleinerer und nun schliessen sich einige grössere unter diesen direkt mit dem
neuen Gebilde zusammen. Das ist auch Rationalisierung. Tausende von An-
gestellten werden dadurch brotlos. Schlimmer noch ist, dass eine solche
finanzielle Macht selbstverständlich eine Herrschaft bedeutet, mit der ver-
glichen die eines mittelalterlichen Feudalherrn (oder seines „Vogtes“) ‚ein
Kinder-Puppenspiel war, Hier heisst es: entweder legt die Gemeinschaft ihre
Hand auf diese Gebilde, sie auflösend oder für ihre Zwecke benutzend, oder
es kommt das Zeitalter einer unerhörten Sklaverei.
Es fehlt schon heute nicht an Sklaverei. Und zwar nicht nur im alten
Sinn (es sol'en aus dem Sudan noch jährlich grosse Massen von Negersklaven
nach Abessinien und Arabien gebracht werden), sondern vor allem im Stile
des modernen Industrialismus. So vor allem in China, Indonesien (aus dem °
so viele Vermögen stammen, die bei uns als ungeheurer Gottessegen bestaunt
werden), Indien, Südamerika und im südlichen Nordamerika, während Mexiko
soeben damit aufgeräumt hat. Von Zeit zu Zeit brechen, wie aus der Sklaverei
der antiken Welt, aus diesen modernen Sklavenzuständen Revolten aus, die
dann meistens blutig unterdrückt werden. Die neueste wird aus Gastonia
in Nord-Karolina gemeldet, bei der es zu blutigen Zusammenstössen zwi-
a streikenden Textilarbeitern und der Polizei kam, deren Chef getötet
wurde,
Eine solche soziale Zuckung ist auch die sogenannte Landvolk-Be-
wegung, die in Dietmarschen ihr Zentrum zu haben scheint und in ihren
Motiven und Formen stark an die Bauernerhebungen des 15., 16. und 17.7
Jahrhunderts erinnert (der Bundschuh, die schwarze Fahne Florian Geyers mit
dem roten Schwert darin und so fort). Man darf über den terroristischen ”
Attentaten, die, wie es scheint, von dieser Bewegung ausgehen, die aber,
wenn ich nicht irre, noch kein Menschenleben gekostet haben, nicht den eigent-
lichen Sinn und auch das Recht dieser Bewegung übersehen. Offenbar hat die
deutsche Republik noch zu stark einen plutokratischen Charakter und gilt in
den Augen grosser Volksklassen als Ausdruck und Organ jüdischer und
christlicher Finanzherrschaft. j
.. Jedenfalls hat die deutsche Sozialdemokratie, wenn sie der Koalition zu-
lieb die Lage der Arbeitslosen verschlechtern lassen musste, jener
wieder einen Tribut bezahlt, der schwer auf ihr lasten wird. Nicht weniger
wird ihr die Zündholz-Affäre schaden, d, ıh. die Auslieferung der
deutschen Zündholzfabrikation an den sogenannten Schwedentrust gegen eine
von diesem dem Deutschen Reiche zu gewährende Anleihe von 500 Millionen
Mark und dieser Handel von einem sozialistischen Finanzminister abgeschlos-
sen! Es kracht im Gebälk des deutschen Hauses unheimlich. Noch schlimmer
ist dr Sklarek-Skandal, in den sozusagen ganz Berlin verwickelt ist,
auch ein sozialdemokratischer Bürgermeister, wie denn die Gebrüder Sklarek
Sozialdemokraten sind. Welch eine Korruption nicht nur der alten bürger-
lichen, sondern auch der neuen sozialistischen Gesellschaft.
484
n für "die - Aussenpolitik®
g die Regierung nur knapp
iel versprechen! Bescheiden
aber Sr i
a“ ‚Moral: ht zu v
n ist die Arbeiterpartei wieder ans Ruder gelangt.
gibt die Beteiligung der Sozialdemokratie an Bi
'erung, die nın nach dem Rücktritt eines Bundesrates
der Möglichkeit gerückt ist, viel zu reden. Natürlich: Wahlen-
lement, worin der Schweizer, der bei wichtigeren, namentlich Br
1%
ialdemokratie haben sich mit beträchtlicher Mehrheit für die Beteiligung
"entschieden und wie es scheint wird das Gleiche der Parteitag tun. Das ist
selbstverständlich das allein Richtige. Nachdem man in fast allen kantonalen
- Parlamenten oder auch Regierungen sitzt und trotz der „Diktatur des Prole-
tariates“ in den Statuten und einigem entsprechendem Getue reformistisch bis
auf die Knochen geworden ist, wäre etwas Anderes die reinste Komödie. Die a
Kronprinzenfrage, die im Grunde schon lange allein im Wege stand, ist dies- TR
mal von vornherein gelöst, da der Kandidat nach altem (zwar verkehrtem) vr
- Brauch diesmal ein Zürcher sein muss und hier ein unbestrittener Kandidat
_ in der Person des Stadtpräsidenten Klöti vorhanden ist. Alle Argumente
dagegen, die einige „Unentwegte“ noch vorbringen, sind eitel Phrasenwind.
- Eine Verhinderung der sozialdemokratischen Beteiligung an der Bundes-
_ regierung durch die Bürgerlichen aber wäre nicht bloss Torheit, sondern
; auch Gemeinheit,
g Es gibt freilich Kreise auch in der Schweiz, die, ohne Zweifel durch den
Faschismus aufigemuntert, sich einbilden, den Sozialismus schliesslich doch k
niederwerien zu. können, wenn nötig mit Gewalt. Diese Kreise verdichten
- sich besonders in der Südwest-Ecke der Schweiz und hier wieder besonders
im ultramontanen Freiburg. Leider hat das Bundesgericht das Verbot der }
roten Fahne (als Zeichen des „Aufruhrs“) durch die Freiburger Regierung e
_ nicht aufgehoben. Ä
BB Blicken wir wieder über die Schweiz hinaus, so erfahren wir, dass
— Trotzki seinen Frieden mit Stalin machen wolle, was dieser verweigere. -
In Russland selbst scheint ein ungeheures Experiment mit der Land- \
: wirtschaft geplant zu sein, in dem Sinne, dass diese durch Niederwer-
B fung der Kulacki (d. h. grösseren Bauern) und Schaffung von etatisierten
- Riesenfarmen kommunisiert und bolschewisiert wurde. Ob nicht daran viel-
mehr der Bolschewismus stürzte? Wird der Bauer in Russland vom Privat-
_ eigentum, das er erst seit verhältnismässig kurzer Zeit recht kennt, lassen
_ wolien?
i Das Problem der Gewalt im Sozialismus wird in den im „Volksrecht“
erschienenen und als besondere Schrift herausgekommenen Artikeln von
Fritz Adler: „Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte“ behandelt.
- Die Stimme des Sekretärs der Zweiten Internationale ist gerade gegenwärtig
wichtig. Es wird nötig sein, sich mit seiner Auffassung, der man in vielem,
aber nicht in allem, zustimmen kann, auseinanderzusetzen.
1) Inzwischen ist die Herabsetzung der Arbeitszeit der Bergleute auf 7%
Stunden beschlossen worden. Sie soll nach einiger Zeit auf 7 erniedrigt
werden. .
7 485
% ay
ir Be R, >, rg ea | TR
A. Religion und Kirche. 07050634
Neben dem soeben genannten wirtschaftlichen Experiment scheint
russische Kommunismus auch einen entscheidenden Schlag gegen
Religion im Sinne zu haben. Beides hängt zusammen. Denn iderstan
B: gegen jene, genannten und andere Kommunisierungspläne befürchtet no
Bi. wie es scheint, vor allem noch von der religiösen Einsprache her. W r
wissen aus uns zugegangenen Mitteilungen von Menschen, die mit der Sacl
lage genau vertraut sind, dass zwar im allgemeinen die Oberleitung von
Sowiet-Russland keine offene Religionsverfolgung will und Beamte, die eine
solche vornehmen, massregelt. So ist auch der Volkskommissär Lunatscharsky
formell wegen der Entfernung der Iberischen Gottesmutter aus dem Kr
gestürzt, obschon das daneben wohl auch nur ein Vorwand war. Aber wenn
man auch eine offene Verfolgung der GRARER aus ker nicht will
und in einiger Hinsicht die Ausübung des Kultus in Sowiet-Russland freier
ist als sie im zaristischen war, so scheint man sich doch darüber keine Illu-
sionen machen zu dürfen, dass die herrschende Tendenz es zu einem Ent-
‚scheidungskampi von riesenhaftem Masse zwischen Christentum und Marxis-
mus kommen lassen will.
Ein Schritt nach dieser Richtung hin soll wohl auch die beabsichtigte
Abschaffung des Sonntags sein, den man durch ein System von
anders gearteten Ruhepausen ersetzen will. Man schützt zwar das Interesse
der Produktion vor, aber man meint wohl, damit einen Schlag gegen „Gott“
führen zu können. Darauf sollten nun die Vertreter der Sache Christi nicht
hineinfallen. So sehr man (wie der Schreibende selbst) den Sonntag (aber
einen wirklichen, nicht den Fest-, Sport- und Vergnügen-Sonntag, den
Sonntag des Bachus, der Venus und des Mars, den Sonntag des Lärms und
der Hetze) innig lieben und für eine Quelle unermesslichen Segens halten
mag, so ist der Sonntag (zum Unterschied vom jüdischen Sabbath, wenn ichs
recht verstehe?) doch nicht ein Bestandteil unseres Glaubens, Er ist eine
menschliche Einrichtung, die wir allfällig auch entbehren könnten, ohne uns
damit einen Finger breit von Christus zu entiernen. Hüten wir uns also an
diesem Punkte vor Uebertreibungen des Eifers! Aber ich glaube freilich,
dass letzten Endes eher der Bolschewismus über dem Sonntag, als der Sonn-
tag über dem Bolschewismus stürzen wird. An dieser Opposition gegen den
Sonntag wird im übrigen der ganze seelenlose Rationalismus, der dem Bol-
schewismus eigen ist, und der ja auch im sonstigen Marxismus Ansatzpunkte °
hat, besonders sichtbar.
Ein blosser winziger Widerschein dieses ungeheuren Kampfes ist der, °
den der Kommunismus, als Affe Russlands, im Westen führen zu müssen
glaubt. So die Geschichte mit dem „Pionier“, den die Kommunisten in
ein paar Zürcher Schulhäusern in einigen Exemplaren angebracht hatten. Es
ist eine Schülerzeitung von zum Teil freilich krasser Dummheit und Frech-
heit. Solche Dinge werden von Frommen und Weltlichen gewaltig auige-
bauscht und ausgebeutet, zum Teil von solchen, die ihrerseits „Religion“
höchstens als Schutz ihres Geldbeutels zu würdigen wissen. Aber als Symp-
tome gewisser Zustände und Entwicklungen ist die Sache schon ernsthaft
genug. Bloss sind die Gedanken, die sich jene Entrüsteten darüber machen,
in jeder Beziehung jämmerlich.
In Berlin ist scheints eine (russische) Kirch.e von einer Bank gekauft
worden. Darüber sollten jene Frommen und Weltkinder nachdenken. Es
liegt ein furchtbarer Symbolismus darin. Freilich könnte es auch eine Kaserne
oder eine Fabrik sein, der die Kirche weichen musste. Man vergleiche dazu
Piechowsky: „Der proletarische Glaube.“
Ueber solche Dinge, vielleicht die Bibel in der Hand, nachzudenken,
wäre wohl mehr wert, als die heute so vielgerühmte „theologische Besin-
486
orden, mit der mehrheitlichen Empfehlung der betreffenden
ing geschah mit der bei uns üblichen Unritterlichkeit, die aber
empiehlende Rede des sozialistischen Nationalrates Opprecht etwas
nacht wurde. i
re Subvention des Bundes zu bekommen. Die bisherige betrug (mit
_Schillerstiftung zusammen) volle 5000 Franken. „Die Schweiz ein Holz-
en für ideale Bestrebungen“. (Gottfried Keller.) Norwegen gibt dafür
A ee Franken, Dänemark 138,000 Franken, Belgien 1,139,500 Fran-
ken aus! =
Die Schweiz bleibt dafür, trotz den Bemühungen von Professor Zangger,
von denen das Februarheft berichtete, ein Hauptausfuhrland für moderne
Rauschgifite (Opium, Morphium, Heroin). Sie braucht für medizinische
- Zwecke an Morphium 72 Kilo, an Heroin 9 Kilo im Jahre, aber wir stellen
an Morphium 3757 Kilo und an Heroin 3310 Kilo im Jahre her. Natürlich
fast ganz für die Ausfuhr. Denn es ist ein sehr lukratives Geschäft. Der
offizielle Preis für ein Kilo Morphium beträgt z. B. in den Vereinigten Staa-
ten 101 Dollar (gleich 500 Franken), aber der heimliche Preis 125,000 Dollar
- (575,000 Franken). Man mag daraus die Gewinne berechnen, die man mit
_ diesem Teufelshandel machen kann. An einer Tonne solcher Rauschgifte (die
- 100 Millionen Dosen enthält) kann man 200 Millionen Goldfranken verdie-
—- nen. Kein Wunder, dass man sich so etwas nicht entgehen lassen will. Aber,
noch einmal, welch eine Teufelei!
_InInnertkirchen im Berner Oberland ist ein Mädchen vergewaltigt
- und ermordet worden. Ein Chauffeur scheint der Tat schuldig. Nicht ganz
ein Zufall. Denn wenn die Heiligkeit des Menschenlebens an einer Stelle
missachtet wird, so stürzt sie zuletzt an allen zusammen. Heilig aber wird
der Mensch, wie — mutatis mutandis — alle Kreatur nur vom heiligen Gott
her. Werdet gottlos, nicht im Credo-Sinn, sondern im Wesen, und ihr werdet
— früher oder später — Unmenschen, Bestien, Teufel.
Moral: Kehret um!
17. September. IHR;
Die Anstilter.'). immer und immer wieder taucht das Wort von den „An-
stiitern“ auf, nämlich den Anstiftern zur Dienstverweigerung. Ich
_ müsste eigentlich die Einzahl brauchen, denn in den meisten Fällen liegt die
Sache so, dass man mich als den Anstiiter so ziemlich aller Dienstverweige-
rungen im Schweizerland hinstellt. Es werden die Verweigerer auch so ziem-
lich regelmässig gefragt, ob sie mit mir in Beziehung gestanden seien.
- Höchstens hat etwa noch Pierre Ceresole die Ehre, neben mir in dieser Rolle
zu erscheinen. Erst ganz neuerdings kommen die antimilitaristischen Plarrer
_ und Lehrer dran. Wir, heisst es nun, sitzen in Sicherheit, aber wir hetzen junge
Leute ins Gefängnis und allerlei innere und äussere Nöte und Schwierigkeiten.
a ei
1) Um Nachdruck und sonstige Verbreitung dieser Erklärung bitte ich
dringend. R
487
n um das Frauenstimmrecht ist der Bundesversamm-
en Bundesrat, sie ablehnend zu beantworten — natürlich. Die
schweizerischen Schriftsteller wünschen eine grös-
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h Pr N 7 ME, Br, Ba: a EN LITER A %
die Schlussfolgerung, sollte man darum „fassen“ können. Und es wir
nach einer neuen Lex Weber in gerufen. Eine ganz besonders gemeine Ve
dieser Fiktion, in der sich unsere Militaristen
in den „Basler Nachrichten“ erschienen (26. Juni), wo wir direkt
„Ve .
brecher“ hirgestellt werden. Aber auch sonst taucht überall in den bürger-
lichen Blättern dieselbe Verleumdung auf. Ganz ofienkundig ist System
darin. Man will eine neue Lex Häberlin, vielleicht auch bloss die Anwendu:
der ins Militärstrafrecht und ins neue bürgerliche Strafrecht hineinbugsierten
Fragmente der alten Lex Häberlin vorbereiten. Es ist darum wohl am Platze,
dass einmal diese ganze Kampagne ein wenig ins rechte Licht gerückt wird.
1. Was unsere „Anstiftung“ betrifit, so habe ich den wirklichen Sachver-
halt schon wiederholt klargestellt, möchte nun aber doch noch einmal Fol-
gendes erklären: er
Es ist und bleibt eine krasse Unwahrheit, die ich nun, nach all meinen
Erklärungen in dieser Sache als Lüge bezeichnen muss, dass ich je einen
Dienstverweigerer zu seiner Tat angestiftet hätte. Niemals habe ich das
tan, weder direkt noch indirekt. Ich erkläre: Es komme Einer und beweise
mir das Gegenteil! Man stelle mir einen Dienstverweigerer, der erklärte, ich
hätte ihn angestiftet! So oft ich das schon verlangt habe, nie ist der Beweis
angetreten worden, nie hat sich ein solcher Dienstverweigerer gemeldet, wohl
aber ist das Gegenteil geschehen, und zwar öffentlich. Die Ausrede, es.hätten
sich die Dienstverweigerer alle verschworen, mich nicht zu verraten, ist zu
kindisch, als dass 'sie eine Widerlegung verdiente. Der Sachverhalt ist viel-
mehr der: Nie habe ich, seis in Rede, seis in Schrift, zur Dienstverweigerung
aufgefordert. Die grosse Mehrheit der Dienstverweigerer ist mir persönlich
ganz unbekannt, insofern als ich nie irgendwelche persönliche Beziehungen
zu ihnen gehabt habe. Von denen aber, die mit mir über das Problem der
Dienstverweigerung verhandelt haben, gilt immer noch, dass auch nicht einer
von ihnen dann zum Verweigerer geworden ist. Ich habe mit äusserster Ge-
wissenhaftigkeit mich bemüht, ihnen das Problem in seiner ganzen Schwere
klar zu machen und gewöhnlich hinzugefügt: „Schon der Umstand, dass Sie
mich überhaupt fragen, beweist, dass Sie für diesen Schritt nicht reif sind,
denn so etwas tut man nur, wenn man muss!“ Eine scheinbare Ausnahme,
die aber in Wirklichkeit keine ist, habe ich nur mit einem gemacht, der schon
dreimal verweigert und zwölf Monate Gefängnis hinter sich hatte und dem
nun Kameraden anrieten, sich einer weiteren Strafe durch die Flucht ins Aus-
land zu entziehen. Ich fragte ihn, ob er denn noch auf dem Boden seiner bis-
herigen Ueberzeugung stehe? Als er dies bejahte, erklärte ich, dann solle
er auch diesmal fest bleiben und sich nicht durch eine Flucht um allen Segen
seines bisherigen Tuns bringen. Er folgte meinem Rat und — wurde frei-
gesprochen und aus dem Heer entlassen,
Der Tatbestand ist der, dass ich bloss, vom Fall Bandraz an bis zum
Fall Kessler, für die Dienstverweigerer eingestanden bin, so oft ich sicher
war, dass es sich um einen wirklich aus der Nötigung des Gewissens kom-
mende Tat handle und dass ich kein Hehl daraus machte, wie ich eine solche
Tat hochschätze und die Dienstverweigerung dieser Art als die stärkste
Waffe im Kampfe gegen den Moloch des Krieges und Militarismus betrachte.
gefallen, ist vor einiger t
a
ze
Prev
Hätte ich wohl diese Menschen im Stiche lassen sollen? Was hätte man dann
erst gegen mich gesagt! Oder hätte ich in diesen Jahren seit 1914, als die
Ueberwindung von Krieg und Kriegsrüstung zur grössten und dringlichsten
Aufgabe der Menschheit und Christenheit wurde, darüber schweigen sollen,
nur damit aus meiner Ueberzeugung keine „Folgen“ entstünden? Propaganda
aber oder gar Agitation für die Dienstverweigerung habe ich nie getrieben,
niemand wird mir solche nachweisen können. Ich habe diese ganze Sache
immer mit dem heiligsten Gewissensernst behandelt. Gelegenheit zu Propa-
ganda und Agitation hätte ich genug gehabt und die V h ft
nicht klein, aber ich, habe sie Sen N - ERIC
488
'htbarster Art zum Gefolge gehabt, hat zahllose Menschen, Män-
n und Kinder in Kerker,und auf Scheiterhaufen gebracht — wie,
uther, Zwingli und Calvin nicht sprechen solien, aus Angst vor den
um seiner Botschaft willen seine Jünger in der Welt sein würden, wie
afe unter den Wölfen? Hat er nicht vielmehr gesagt: „Ich bin gekommen,
Feuer anzuzünden auf Erden und wie wollte ich, es brennte schon!“ und:
„le bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“?
Hat er nicht verlangt, dass ein Mensch um seinetwillen Vater und Mutter
_ hasse, und vorausgesagt, dass um seinetwillen Streit entstehen werde zwi-
‘ schen Eltern und Kindern, Gatten und Gattin, Hausgenossen und Haus-
- genossen? Leset doch einmal das zehnte Kapitel des Matthäusevangeliums!
diese Militaristen, die so viel von der Mannhaitigkeit reden, die durch
rieg und Militär erzeugt würde und uns vorwerfen, dass wir eine Ent-
_ mannung herbeiführen wollten und die selbst die erbärmlichste geistige Feig-
heit als sittliches Gebot hinstellen! Ihr traurigen Memmen!
_ O diese Militaristen, füge ich hinzu, die uns immer wieder vorhalten,
dass der Dienstverweigerer so wenige seien und gleichzeitig ein solches Ge-
“ schrei über ihre Anstiiter erheben — solche Widersprüche zeigen immer,
_ dass eine Sache unwahr ist — und die auf der andern Seite sich über die
zwölf Millionen Männer gar keine Skrupel machen, die auf den Schlacht-
ieldern gefallen und die weiteren achtzehn Millionen, die sonst Opfer des
Krieges geworden sind, weil man die Völker angestiitet hatte — weil ihr, die
- Militaristen, sie angestiftet hatten, und zwar mit Lug und Trug, einander
_ zu morden. Ihr erbärmlichen Heuchler!
Rn 3. Ich möchte aber auch zu der von unsern Militaristen so sehr ersehn-
_ ten neuen Lex Häberlin ein Wort sagen. Diese Leute bilden sich ofienbar
ein, dass wir „Anstifter“ eine solche ganz ungeheuer fürchteten und dass
_ unser ganzes schlaues und diabolisches Bestreben sei, andere ins Gefängnis
‚zu bringen, selbst aber uns davor zu bewahren. Diese Art von Menschen
wird es nun ja nicht glauben, aber solchen, die noch ein ehrliches Wort
ehrlich aufnehmen können, möchte ich doch einmal sagen, dass das genaue
Gegenteil die Wahrheit ist: Wir möchten wohl die Andern vor dem Ge-
fängnis bewahren, kämen aber selbst noch so gern hinein. Denn dann hörte
doch dieses Geschrei einmal auf. Es täuschen sich diese Leute auch sehr,
wenn sie meinen, unsereins habe eine solche Heidenangst vor dem Geläng-
nis. Im Gefängnis ist der höchste Adel der Menschheit gesessen, von Jere-
_ mias über Paulus, Huss, Savonarola, Galilei, George Fox und so fort und
> so fort bis zu Gandhi, und eine noch herrlichere Erhöhung ist nur die zum
Scheiterhaufen und Galgen gewesen. Ich habe oft zu meinen Freunden gesagt:
„Heutzutage muss man sich schämen, nicht im Gefängnis zu sitzen.
= Aber warum denn habe ich nicht dafür gesorgt, dass ich hinein gekom-
men bin? Antwort: Weil man das nicht darf, weil man dergleichen nicht
_ provozieren darf, weil man ein Martyrium nie suchen dari. Die Ver-
suchung lag nahe genug; sie musste überwunden werden. Wer aber behaup-
489
1
? Hätte Christus selbst schweigen sollen, da er doch voraussah,
MIEWER
20n REN Zr
tet, dass ich je in Wort oder Schrift mit meiner Ueberzeugung in bez
auf diese Dinge zurückgehalten hätte — ausser wo es gab Agitation, Prop:
(a ganda, Anstiftung zu vermeiden — der redet falsches Zeugnis. Ich habe vor
HR einer Versammlung vor anderthalbtausend Menschen in der Tonhalle i
EXT Zürich meine Ueberzeugung frei ausgesprochen, das Gleiche habe ich im
Senate der Universität Zürich getan, das Gleiche vor Militärgericht, da
AN. Gleiche zahllose Male in Vorträgen und Artikeln. Man hätte mich längs
In; h „lassen“ können, wenn man es gewagt hätte; ich war und bin bereit.
n Nein, wir fürchten wahrhaitig keine Lex Häberlin. Auch darum nicht,
weil eine solche nach allen Erfahrungen des Kampfes um die Wahrheit um.
serer Sache ja nur nützen würde, Es ist selbstverständlich eine armselige
Illusion unserer Gegner, zu meinen, wenn sie auf Grund eines solchen Mau]
korbgesetzes Ceresole, Ragaz und vielleicht auch Liechtenhahn, Greyerz, Gerber,
Früh, Werner Schmid und noch ein paar Andere im Gefängnis hätten, wö
der Antimilitarismus in der Schweiz erledigt und gäbe es keine Dienst-
verweigerer mehr. Auf solche Gedanken kann man nur kommen, wenn mat
— keine Gedanken mehr hat, wenn man eine Sache mit Gründen nicht mehr
verteidigen kann und sie daher mit Gefängnismauern verteidigen muss. Nein,
wir haben die alte Lex Häberlin bekämpit, weil sie eine Schande für die
Schweiz gewesen wäre und werden aus dem gleichen Grunde die neue be
kämpfen, wenn sie kommen sollte, aber wir fürchten weder das Gefäng-
nis noch die Lex Häberlin.
4. Es ist aber auch eine armselige Fiktion, dass wir „Anstifter“ in be
haglicher Sicherheit, im Schlafrock und Pantofieln, hinter dem Ofen sässen
während die Andern vor die Militärgerichte und ins Gefängnis gingen. So
können doch wieder nur Menschen reden, die in ihrer Wut völlig blind g
worden sind. Es ist wahr, ich bin nie im Gefängnis gesessen, aber ich
meine, in diesem Kampf gegen Krieg und Militarismus, überhaupt gegen da
Reich der Gewalt, sogar noch etwas mehr auf mich genommen habe, als A
paar Monate Gefängnis. Im Zusammenhang dieses Kampfes habe ich im
ter von dreiundfünizig Jahren mein Amt und mein Brot aufgegeben. Denn dass
ich der Arbeiterschait nicht ein Abstehen von ihrer damals allmächtigen Ge
waltlehre und ein Vertrauen auf geistige Mächte zumuten dürfe, solange ich
selbst in wenigstens scheinbarer Exisitenzsicherheit lebe, das war einer der
wichtigsten Gründe, die mich aus meiner Professur vertrieben. Ich habe ihn
nicht an die grosse Glocke gehängt, aber meine Freunde wissen das wohl.
Man mag mir nachsagen, was man will, aber dass ich mich selbst schone
und Andere in den Kampf schicke, dass ich Andern etwas zumute, wozu ich
selbst nicht in erster Linie bereit sei, das kann mir nur vorwerfen, wer ent-
schlossen ist, einen Menschen, der ihm mit seinen Ansichten im Wege steht,
um jeden Preis schlecht zu machen. Es ist auch keineswegs bei jenem einen
Opfer geblieben. Der ganze schwere Kampf innerhalb der Sozialdemokratie
(von dem auch das letzte Heit der „Neuen Wege“ eine Probe brachte) ist
nicht etwa an der Religionsirage, sondern an der Gewaltfrage entbrannt. Es
ist der gleiche Kampf wie der gegen Militär und Völkerkrieg. Dieser ganze
Kampf hat mich für viele Schweizer vollends zum Gottseibeiuns gemacht; er
hat mir Hass und Verleumdung ohne Ende eingetragen. In diesem Kampf
habe ich einen grossen Teil meiner Lebenskraft verzehrt. Wahrhaftig, man
kann mir nicht nachsagen, dass ich nicht zu schätzen wisse, was die Dienst-
verweigerer leiden, aber eine grössere Dickhäutigkeit für alle menschliche
Wahrheit kann es nicht geben, als wenn man immer wieder mit diesem Ge
schrei kommt, Menschen wie Ceresole 'und ich sässen in Ruhe und Sicher-
heit, während Andere ins Gefängnis gingen, Wenn die einmal auch nur ein
Vierteljahr lang unsere „behagliche Sicherheit“ geniessen müssten!
. 5. Aber ich sage noch Stärkeres. Diese Gegner werfen uns also immer
wieder vor, wir verleiteten junge Leute, dass sie sich weigerten, zu töten.
490
e kehre nun einmal den Spiess um und frage: Was ist von denen zu halten,
e junge Leute dazu verleiten, dass sie sich vorbereiten — zum Töten? Solite
nicht das ein Verbrechen sein? Ich frage: Ist es zu verantworten, dass man
- Junge Menschen, ‚unreife Menschen, Menschen im Alter von neunzehn und
Evi Jahren, in einem Alter, wo man solche Dinge noch gar nicht recht
_ beurteilen kann, dazu verführt, Handgranaten zu werfen, Maschinengewehre
zu bedienen, Bajonettfechten zu üben und dadurch ihre Seele mit ‚Mord-
x gedanken zu beschmutzen? Wenn wir wirklich Anstifter wären, in dem Sinne,
_ wie ihr es meint, so wären wir immerhin Anstifter zum Nicht-Töten, wäh-
- rend ihr Anstifter zum Töten seid. Wie könnt ihr das vor Gott und Men-
_ schen noch verantworten? Wie könnt ihr es vor dem Evangelium der Liebe
_ und des Friedens, vor dem Gebot: „Du sollst nicht töten“, vor den Eltern
dieser jungen Männer, vor ihnen selbst verantworten, wie könnt ihr es vor
_ der Verfassung der Schweiz verantworten, die durch die Annahme des Kellogg-
Paktes den Krieg als Verbrechen erklärt? Welches Gesetz soll man gegen
- euch machen, ihr Anstifter zum Töten?
I 6. Und darum noch das Letzte! Wir haben bisher niemanden angestiitet,
_ haben keine Propaganda, keine Agitation für die Dienstverweigerung getrie-
ben. Bisher! Aber es könnte freilich ein Tag kommen, wo wir aus der bis-
herigen Zurückhaltung heraustreten müssten. Wenn es auf diesem Weg wei-
tergeht, wenn die Welt weiterhin der Hölle und Vernichtung, dem Unter- .
> gang Europas im Giftgasmord entgegentaumelt, wenn die Schweiz trotz dem
Völkerbund, ja sogar, heuchlerischerweise, unter Berufung auf ihn, auch trotz
dem Kellogg-Pakt, trotz den Schiedsgerichtsverträgen, trotz der Abrüstungs-
bewegung verbissen und fanatisch weiterrüstet, dann kann schon geschehen,
dass wir es eines Tages auf den Gassen rufen: „Wer da noch mitmacht, ist
ein Verbrecher!“ Uns liegen die Seelen der Menschen an. Uns blutet das
. Herz, wenn wir diese jungen Männer sehen, die man getauft, im Evangelium
- und auch in der Humanität unterrichtet, die man konfirmiert, auf das Kreuz
Christi verpflichtet hat und die nun, nicht wissend, was sie tun, in dieses
Teufelswesen der heutigen Vorbereitung auf den Krieg hinein taumeln. Dür-
fen wir zusehen, ohne zu warnen? Müssen wir nicht diese gefährdeten Ge-
wissen aufwecken? Müssen wir nicht? Dürfen wir noch länger schweigen?
Wir sagen euch: Wenn ihr nicht abrüstet, und zwar bald und ernsthaft,
- wenn-ihr weiterhin nur aufrüstet, dann wird ein Tag kommen, wo wir im
Namen alles Heiligen, alles, dessen, was göttlich und menschlich ist, im
Namen der Liebe zu den Seelen und Leibern der Menschen, im Namen
Christi gezwungen sind — durch euch gezwungen! — anzustiiten zur
grossen. allgemeinen Verweigerung des Greuels, der Krieg und Kriegs-
vorbereitung heisst. L. Ragaz.
Proben militaristischer Polemik. (Zur Erheiterung der Leser abgedruckt
aus: „Der Unteroffizier“, Korrespondenzblatt: der Unterofliziersgesellschaft
Zürich, Nr. 8, zum 1. August.)
AufPikettami. August 1929.
Wer auf Moskaus Geheiss unseren Nationalfeiertag stört oder auch
nur zu stören versucht, der gehört, wenn er ein Ausländer ist, binnen 24 Stun-
den des Landes verwiesen zu werden. Mit Gratisbeilage einer Tracht
derbster Schweizerprügel. Ist es, traurig! ein Inländer — wir wollen dem
nicht „Schweizer“ sagen — verfalle er der Verachtung aller senk-
rechten Eidgenossen. Und die Prügelaktion erwarte den Lausbuben übera li
und täglich. Um die sogenannte Humanitätsduselei (Scheinheiligkeit!) der
Moskau- und Herriot-Freunde werden sich in diesem Falle gerade einen
Pfifferling kümmern. Viele Eidgenossen!
Ordnung mussseininunseremSchweizerhaus! — Daher
Auf Pikett!
491
mit einer
du auch dein Haupt, hast du den Mut, andere ee Eidgenossen
wit en
sind auch die härtesten Eidgenossenfäuste noch nicht Sta
Und gleich hinterher der Galgen für diese Verbrecher. 5
DieSchweizerfahne e
Es gibt Politiker, die uns Schweizer und Soldaten aufforc
Fahne des Heeres, das Symbol unserer Unabhängigkeit und Freiheit, aui
Miststock (!) aufizupflanzen. ‘.
Lieber Kamerad, wenn du in Zivil dieser Fahne begegnest, entblös:
lauter Stimme, fest und beharrlich, zum Grüssen des Schweizerkreuzes
zufordern, wenn sie es absichtlich oder aus Mangel an Anstand unterla
Hast du deinen Buben den tiefen Sinn des Fahnengrusses erklärt?
1 Vorwärts marsch!
Nicht nachlassen. Stets bereit sein. Niemand bürgt uns, dass der Frii
erhalten bleibe. Und wenn dann unsere grossmauligen Nachbarn im Süc
Westen oder Norden, Händel unter sich anfangen, wer schirmt uns da:
Nur die vielverlästerte Armee. Sie allein kann es. So wie
es 1870/71 und von 1914—1918 brav getan hat. Damals waren auch alle Arm
verderber froh, heilfroh im Grunde ihrer Seele, über diesen zuverlässi
Schutz. Hinter den eisernen Hag der Bajonette, zu Hause am warmen Oje
konnte man ruhig weiterhetzen, den Pazifisten spielen, wie es so ein Ragz
tat und täglich tut, der der Schweiz „neue Wege“ zeigen will. Oder glaub
du allen Ernstes, dass etwa eine Tafel an der Grenze, mit der Aufschr
Schweiz, harmlose Pazifisten! mit Unterschrift Ragaz, uns vor
Tod und Verderben schützen würde? f ‚E
z
Landesverräter Ragaz.
„Im Namen Gottes des Allmächtigen“ fordert er alle Menschen auf, un-
gehorsam zu sein, den Eid der Treue zu brechen, zu meuterm
Der dies tut, ist ein Pfarrer und gewesener Theologieprofesson
Aufruhr ist ihm Himmelsmusik, Mehrere Hundert reformierte Geistliche ha
sich nach seinem Beispiele zu einem Burde zusammengetan, um diese „Heils-
lehre“ unseren Kindern allsonntäglich zu verkünden. Und die Eltern, die für
die Besoldung solch verbrecherische Irrlehren verbreitender Hetzpfaffen auf-
kommen, haben nicht den Mut, Halt! zu rufen. Ein Reformierter.
Die Lehrer. Auch darunter Verräter.
N Mehrere Hundert — nach dem Beispiele der sauberen „Gotteswortver-
künder“ — Lehrer reissen gewaltsam die Liebe zur Heimat aus den Herzen
unserer Kinder. Wir bezahlen den Kerlen dafür hohe Gehälter. Wie lange
noch? Ein warmer Freund der anständigen Lehrer.
Gewissensfrage,
. Gehörst du auch zu den Drückebergern in Solothurn? Hat dich der be
rüchtigte Ody-Geist auch eriasst? Hat dir Pfarrer Ragaz, der Hohepriester
des Antimilitarismus, dein Bild in seinem Schandblatt einzurücken verspro- s
chen, als „Held der neuen Schweiz“, die von Moskau aus regiert zu werden |
versucht wird, sich erdreistet. Ein Wehrmann.
492
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Öhnlichen Kunstgritfe benutzt. L
r den Ton, den ich ihm re angeschlagen. Dabei ver-
ıtürlich, dass sein erster Artikel ein durchaus perfider Versuch Ba.
| ligiös-Soziale“ bei der Arbeiterschait unmöglich zu machen, Im Be}:
diese Parteigrössen, die sich über ihr Format sehr täuschen Z
inen Widerspruch aus den eigenen Reihen gewöhnt sind, sind diese 2 A
atoren, die es wohl zu verhindern wissen, dass in den von ihnen se
schten Organen die Opposition richtig zu Wort kommt, sehr erstaunt Be
empört, wenn ihnen ein Sozialist ganz ohne jeden Respekt die Wahrheit . =
_ sagt, ein Zeichen, wie notwendig das ist.
Arthur Schmid erhebt dann ein noch grösseres Entrüstungsgeschrei dar- 7
. über, ‚dass ich gewagt habe, von Fehlern zu reden, die die österreichische '
- Partei auch gemacht habe. Dass ich dabei Worte hoher Anerkennung für sie
gehabt und besonders hervorgehoben habe, wie sie diese Fehler erkannt habe
_ und gut zu machen suchte, verschweigt er wohlweislich. Wahrscheinlich er-
_ scheint ihm dieses Letztere nicht als Tugend! Eine Partei macht überhaupt
keine Fehler. Es ist Lästerung, davon zu reden. Diese aufgeklärten Genossen
haben für die Unfehlbarkeit des Papstes nur Hohn und Spott, dafür glauben
sie an die Unfehlbarkeit der Partei.
f Arthur Schmid greift denn auch schleunigst zur Exkommunikation. Ein
- Mann, der Arthur Schmid entgegentritt und der österreichischen Genossen
Uniehlbarkeit bezweifelt, gehört nicht in die Partei. „Er soll gehen.“ Denn
—_ kann man sich einen schlimmern Menschen denken? Soll ich, der ich wohl .-
- sehr viel länger Sozialdemokrat und gar Sozialist bin als er, etwa den Stil
_ umdrehen und von ihm sagen: „Er soll gehen“? Das Recht dazu hätte ich
— wohl mehr als er, doch ist mir so etwas nie eingefallen.
, Arthur Schmid aber hat noch wirksamere Kunstgriffe zur Verfügung.
- Er wirft mir vor, nach der Art der Kommunisten in der Partei „Zellen“ zu
bauen, natürlich um sie zu unterminieren. Wie das aus der Luft gegriifen, 5
_ eine demagogische Unwahrheit ist, braucht den Lesern der „Neuen Wege“ al
- nicht bewiesen zu werden. Für Menschen wie Arthur Schmid und seine Ge-
sinnungsgenossen ist der Gedanke eben rein unerträglich, dass der Sozialis-
_ mus noch unabhängig von ihnen könnte vertreten werden. Das ist die „Frei-
E heit“, mit der diese Sozialisten die Welt beglücken möchten!
Er Der Haupttrick Arthur Schmids aber ist, dass er mir aus dem Umstand,
- dass ich ihn Doktor juris genannt und ihm zugetraut habe, ein Advokatur-
E bureau geleitet zu haben, einen Strick drehen will. Mit komischem Pathos wirit
a.
er mir deswegen Unwahrhaftigkeit vor. In Wirklichkeit handelt es sich um
‘einen harmlosen Irrtum. Ich bin eben falsch unterrichtet gewesen, weil ich
nicht Arthur Schmids Unfehlbarkeit teile. Ich habe davon geredet, einmal,
weil ein Doktor juris noch besonders verpflichtet ist, einen Sachverhalt ken-
‘nen zu lernen, bevor er anklagt, sodann, weil ich gegenüber seinem Vorwuri
der „Weltfremdheit“ zeigen wollte, dass er ein Intellektueller sei wie wir
und keinen Anspruch machen dürfe, die Welt besser zu kennen. Es kommt
nämlich besonders oit vor, dass Advokaten sich einbilden, infolge ihres Me-
tiers besondere Kenner der Welt zu sein. Aber noch nie ist es mir bisher
eingefallen, dass es eine Schande sei, Doktor juris zu sein oder ein Advo-
katurbureau zu leiten. Das Geschrei, das Arthur Schmid über diesen Vor-
wurf erhebt, der gar keiner ist, wirkt lächerlich und grotesk. Was würde man
sagen, wenn er mich für einen ehemaligen Professor der Philosophie, statt
493
LAUNE
Are
| derThedlogie gehalten und ich dann eine solche
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; Kr Zu. Ten KIT Da J 4 u
‘ ie "4 NETTE RL ww) RAN) . Naht
vemä
Aber ich sollte eben der Unwahrhaft
it bezichtigt werden. Das „
recht“ in seinem Wahrheitsfanatismus
toration mit Behagen nach.
uckt Bern Arlıze Schmids
Ich erkläre meinerseits feierlie
h voraller Welt, das:
Nationalrat Dr. Arthur Schmid in Oberentielden im
Aargau, Redaktordes (für ihn selbst) „Freien Aargauers‘
weder Doktor juris ist, noch je ein Advokaturbureau
geleitet hat, revoziere, tue Busse in Sack und Asche.
Nur eines füge ich hinzu: Schade ist doch, dass Arthur Schmid nicht
Advokat ist. Denn seine Antwort ist ein Advokatenkunststück, wie es im
Buche steht. Dass er von solchen Advokaten gering denkt, ist begreiflich.
Wenn er mir dann gar noch Demagogie vorwirit, weil ich in einer Aara
Versammlung, die ihm offenbar schwer auf dem Magen liegt, notabene einer
Versammlung fast ausschliesslich von Intellektuellen, die einfache Feststellung‘
gemacht habe, das Freidenkertum werde weniger von der Arbeiterschaft ge-
tragen, als von Intellektuellen und Halbintellektuellen in der Partei, so ge-”
hört das zu diesem Stil. E
So viel vorläufig. Die grundsätzliche und endgültige Abrechnung mit
dieser Art von Sozialismus wird nicht ausbleiben. L. Ragaz.
Die Hungersnot in China. Der katholische Missionar Pater Hucklen-
bruch berichtet aus Augenschein folgendes über die Fortdauer der Hungers-
not in seiner Provinz: .
„Durch die Zeitungen haben Sie vielleicht schon erfahren, dass hier in
Kansu grosse Hungersnot herrscht. Wie gross aber die Not im einzelnen ist,
werden die Blätter kaum berichtet haben. — Ich lebe nun in dem von der
Hungersnot am ärgsten heimgesuchten Gebiete und muss täglich die schreck-
lichsten Szenen erleben. Schon im November vorigen Jahres begann da
Elend hier, nachdem der furchtbare Mohammedaneraufstand die im vorigen
Sommer ohnehin schlechte Ernte fast vollständig vernichtet hatte. In Scharen
strömten die Hungernden vom Lande in die Stadt und füllen bis heute Tag
und Nacht die Strassen, bettelnd, hungernd, sterbend, verwesend. Da nur
sehr Wenige in der Lage sind oder die Herzensgüte haben, den Bettelnden
mitzugeben, gingen die Hungernden zunächst daran, die krepierten Strassen-
köter zu verzehren, deren es damals gerade infolge einer Seuche viele gab.
Natürlich kam dadurch die Seuche auch unter die Menschen und forderte,
viele der vom Hunger Geschwächten. Die bittere Kälte des Winters, der die‘
Armen schutzlos ausgesetzt waren, tat das Weitere zum grossen Sterben. Oft
gab es wohl Pfierde-, Kamel- und Maultierkadaver, um die die Hungernden
wahre Schlachten führten, sodass nicht selten mehr Menschen- als Tierblut”
floss. Auch der Mandarin verteilte etwa einen Monat lang an 600 bis 800°
Hungernde täglich einmal eine dünne Suppe. Aber je näher der Frühling”
kam, umso grösser wurde das Elend, umso mehr Menschen hatten mit dem
Hunger zu tun. So viele dem Hunger erlagen, so viele wurden neu in seinen
Schreckensbann gezogen. Die Familien lösten sich auf. Die Väter zogen in’
ferne Gegenden, wo ein besseres Fortkommen zu erhofien war. Die verlasse-
nen Mütter suchten sich der Kinder zu entledigen, setzten sie in die Wüste,
warien sie ins Wasser oder legten sie mir vor die Kirchtür. Mädchen und
junge Frauen werden für eine und zwei Mark an Händler verschachert, die
sie in die grossen Städte des Ostens führen. Die Burschen verlegen sich auf
Wegelagern und rauben die Reisenden aus. Kein Handel und Verkehr ist
möglich, alle Bande der Ordnung lösen sich. Ein jeder sucht dem Hungertod
zu entrinnen und scheut die entsetzlichsten Mittel nicht. Schon früh begann
man die Leichen der Verhungerten zu essen. Dann stieg die Not so sehr,
dass Eltern ihre Kinder schlachteten, und nun ist Menschenfleisch so begehrt,
494
simat nicht ‚helfen, k
EISEN GAR .
{18 os Se schen Rundschau.)
Fra I. Gestorben AR EIRER von Hofmannsth al, der, be ' x
und in manchem erfreuliche Dichter, und Hans Delbrück, der A: :
der Kriegsgeschichte, ein aufrechter und tapferer Mann, der, nach-
o manche Legende vergangener Zeiten zerstört, sich in seinen letzten
Ja ren ir für die Stützung neuester Legenden bemüht hat
Der vor kurzem zum Rücktritt. genötigte frühere Heilsarmeepeneral
ramwell Booth ist bald nach diesem erzwungenen Schritt gestorben.
an hätte also schon noch ein wenig warten dürfen. Ein Urteil über seine Fe
Persönlichkeit und sein Werk zu fällen ist der Schreibende nicht berufen. .
Jedenfalls hat er viel gearbeitet und viel Gutes getan. :
_ In Basel hat, ebenfalls nach einem langen und arbeitsreichen Leben, Paul
öhringer, ehemaliger Pfarrer von St. Peter und ausserordentlicher Pro-
R Eressor der Iheologie, die Augen geschlossen. Böhringer war ein Mann von
R ungewöhnlicher Art. Mit einem ausserordentlichen Mass von Scharfblick und
Klugheit auch in weltlichen Dingen verband er eine warme und tiefe Herzens-
_ jrömmigkeit. Daraus stammte dann wohl auch jene Herzensweite, die ihm,
dem Vorkämpfer der kirchlichen Reformbewegung, doch nie erlaubte, im Partei-
‚denken unterzugehen und ihm ermöglichte, neu aufkommende Geistesströmun-
I herzlich zu begrüssen. Diese Art war im Zeitalter des heftigen kirchlichen
arteikampfes ein Segen und eine Erquickung. Der dies schreibt, wird diesem
bedeutenden Manne nicht nur für alle persönliche Sympathie und Nachsicht,
ms
sondern gerade auch für dieses herzensweite Verständnis seines besonderen vr
Weges stets aufs wärmste dankbar sein. }
Personalia. II. Es sind gestorben: Eduard Carpenter, der irei- a
‚sozialistische, zum Anarchismus neigende englische Schriftsteller und Dichter 4
- — ein Geist von grosser originaler Kraft; Estlin Carpenter, ein Haupt- As
_ vertreter des theologischen Liberalismus in England und Leiter eines der ey
_ grossen Oxforder Colleges; Aletta Jakobs, eine holländische Vorkämp-
ferin der Frauenbewegung, die besonders durch die im Jahre 1915, mitten im
X Krieg, auf holländischem Boden zusammengetretene Friedenskonferenz der
- Frauen bekannt wurde; Viktor Berger, der erste und meistens einzige
; Sozialist im amerikanischen Kongress, von deutscher Abkunit, in Milwaukee
(Wisconsin), dem Zentrum der Deutschen in den Vereinigten Staaten, den
Sozialismus zur Herrschaft bringend, ein heitiger Gern der Teilnahme
Amerikas am Kriege.
r Versammlungen, Bern Mittwoch, den 20. ner und
Mittwoch, den 4 November, abends 8 Uhr, wird Herr Piarrer
_ Lindt-Barth im Konferenzsaal der französischen Kirche
zu uns sprechen über: „Die Einstellung der neureformierten
Theologie zum Sozialismus.“ Dem Vortrag folgt Diskussion.
495 .
zösischen
besuchen und Gäste mitzubringen.
Wir ds die Leser der „Neuen \ ge“
‘
Der Ausschuss der Gruppe 2 ‚Ne ege „A Y
Verdankung. Für die Hungernden in China. Sch.-F. n
50.—; Sammlung von Ungen. 50.—; J. in 10.—; durch '
U. ea SEE ran
88: M. B. in Z. 30.—;, W. W.-E. 10.—; Ungen. in Z. 50.—;
Frankreich 100.—; M. W. in B. 20.—; Ungen. in St. 5.—. E
HAHN IRRERERTRRGENRRE ARE REN. ol. ' I
® Von Büchern
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zum
LLTTLITTTETTET
HonusssanTirnanessannnnnnHHn
Paul Pflüger: Der Krankenschwesternstand in der Schweiz,
Verlag Aschmann und Scheller, Zürich und Leipzig. .
Unter diesem Titel ist soeben eine überaus gute und klare Darstellı 18
der Entwicklung des Krankenschwesternstandes herausgekommen. Wir er-
sehen daraus, dass die berufliche Krankenpflege bis zur Gründung der
konissenhäuser in der Schweiz nur in den Händen der katholischen Ordens-
und Kongregationsschwestern gelegen hat. In den Diakonissenhäusern wurde
zum ersten Mal auch protestantischen Frauen Gelegenheit geboten, sich die
Berufsausbildung zu erwerben. Doch da im Laufe der Jahre immer mehr
Frauen sich gerne der .Krankenpfiege als solche zugewendet hätten, denen
aber einerseits der ausgesprochen religiöse Charakter der Diakonissenhäuser, ©
sowie anderseits das Gebundensein an ein Mutterhaus nicht passte, enistunden ”
um die Jahrhundertwende die ersten schweizerischen Pflegerinnenschulen, die
nicht den Mutterhauscharakter trugen. Sie bildeten die ersten sogenannten
freien Schwestern aus, und damit eigentlich wird der Berut der Kranken-
schwester, der bis dahin mehr oder weniger rein charitativen Charakter trug, °
erst zum wirklich bürgerlichen Beruf.’ Erst damit tritt die Schwester auch
ein in den wirtschaftlichen Kampf. Das Buch ist uns wertvoll, weil es uns
zeigt, wie wir uns selbst helien und uns diesen Kampf erleichtern können
durch Kranken-, Alters- und Invaliditätsversicherungen, und auch, weil es uns
lehrt und klar macht, dass wir mit allen um ihre Existenz kämpfenden Frauen
im Zusammenhang stehen. Grad aus dieser Erkenntnis des Zusammenhanges”
heraus wird uns allen hoffentlich auch bewusst, dass wir nicht interesselos”
den allgemeinen sozialen Fragen und Aufgaben gegenüberstehen dürfen. C.N.
Redaktionelle Bemerkungen.
Dieses Heft überschreitet bedeutend das Normalmass, weil der Aufsatz:
„Das Jahr 1529“ nicht gut geteilt werden konnte. Andere Hefte müssen
darum entsprechend verkürzt werden. Dieser Aufsatz ist eine gewisse Zu-
mutung besonders an die sogenannten Laien unter den Lesern, doch hoffe ich,
dass die Arbeit, die darin steckt, sich nicht als unfruchtbar erweisen werde.
Einiges andere musste darob wieder zurückgestellt werden. i
Ein Bericht über die überaus schön und gesegnet verlaufene religiös-
soziale Woche in Casoja wird das nächste Mal erscheinen. :
Die Personalia kommen leider etwas verspätet. .
496
Bi an een
= n
erkennen, Matth: 7, 16.
welcher unsere Sache oft genug scheitert — weil wir
fbruch leiden — von einer Aufgabe, die sich gross, un-
und entscheidend vor uns hinstellt: wir müssen uns und
_ uns selbst im Alltag bewähren. _
Das liegt ja gewiss auf der Hand. Sobald eine Sache auftritt, die
- bestimmte Ansprüche erhebt, indem sie gegen herrschende Ansich-
_ ten, Einrichtungen, Mächte streitet, werden sofort Ansprüche an sie
selbst und das heisst: an ihre Träger, gestellt. Man passt auf — und
mit was für kritischen Augen, ja, mit was für Instrumenten! — ob
_ deren persönliches Verhalten mit der von ihnen vertretenen Sache
stimme oder nicht. Ist dies offenkundig und unzweifelhaft der Fall,
- so gewinnt damit die Sache sofort an Ansehen und Werbekraft, ist
_ dies nicht der Fall, so verliert sie sofort den Kredit. Wenn Einer
ein Anhänger, vielleicht gar ein Vorkämpfer der Friedensbewegung
_ ist, dann erwartet man von ihm Friedensgeist und Friedensart in all
- seinem Tun und Lassen. Falls man diese nicht findet, dann wird
- damit die Friedenssache zum Hohn. Wenn Einer ein Sozialist ist,
so passt man auf, ob er sich auch in seinem Privatleben als ein
Mensch bewährt, der in allem Tun nicht bloss an sich selbst denkt,
_ sondern auf Wohlfahrt und Ehre des Andern bedacht ist. Zeigt
sich, dass dies deutlich nicht der Fall ist, ja, dass sogar das Gegen-
teil der Fall ist, dann macht sein Sozialismus wahrlich nicht viel
Eindruck. Vollends steigt dieser Anspruch der Andern an uns auf
den Gipfel, wenn wir selbst den gewaltigsten aller Ansprüche er-
heben, nämlich Menschen zu sein, die an Gott glauben, vielleicht
1 gar Jünger Christi zu sein. Dann vollends achtet man mit Argus-
F
augen auf uns, ob unser Wesen und Leben durch diesen Umstand
so verändert werde, wie es ja sein müsste, wenn man an Gott
glaubt, ein Jünger Christi ist, ob wirklich Glaube, welcher der Welt
überlegen sei, Freiheit von Angst und Reiz der Welt und vom
- Dienst ihrer Götzenmächte, als da sind Mammon, Ehre, Macht,
- Erfolg, Genuss und so fort, bei uns zu treffen sei, vielleicht gar das
- -Grösste von allem: wahre Liebe. Wo das nicht zu finden ist, viel-
leicht weniger sogar als bei denen, die solchen Anspruch nicht
- machen, vielleicht, wie das, Gott seis geklagt, oft genug der Fall
ist, das krasse Gegenteil von alledem, da geschieht jene furchtbare
Entwertung des Gottesglaubens und Christusbekenntnisses, die als
497
=
An ihren Früchten sollt ihr sie
durch allerlei Erfahrungen dazu veranlasst, wieder
reden, die ebenso einfach als wichtig ist, von einer
_ abwendbar
_ damit unsere Sache, oder auch umgekehrt unsere Sache und damit
. i In;
schwere Not auf uns lastet. Kurz, es ist schon so:
Tat des Alltags darstellen; wo eine Sache wesentlich bei Worten,
Ideen, Programmen bleibt, da verliert sie rasch allen Ernst. Das
durch den Anspruch einer Sache geweckte Gewissen schläft ob dem
Verhalten ihrer Träger wieder ein, halb zufrieden darob, halb ent-
täuscht. Das Gewissen der Menschen ist — trotz allem — immer
noch durch den Anspruch der Wahrheit zu wecken, aber wach er-
hält es und gründlich weckt es nur die Tat, die Tat des Alltags,
welche die schwerste ist.
Also sollen wir unsere Sache durch unser Verhalten im Alltag
bewähren.
Liebe Freunde! Das ist bald gesagt. Es ist sehr einfach zu sa-
gen, und doch zittert die Hand, die einen solchen Satz niederschreibt.
Denn wer von uns unterstünde sich wohl, zu behaupten, er erfülle
den Anspruch dieses Satzes? Wer von uns unterstünde sich auch
nur, den Versuch zu machen, ihm Genüge zu leisten? Wir stehen
alle beschämt da und ich denke mir, derjenige unter uns, der am
wenigsten Ursache dazu hätte, am allermeisten.
Aber nicht nur dies, fast schwerer scheint mir ein anderer Ge-
danke: Wenn wir nun unaufhörlich, bei all unserem Tun und Las- °
jede Sache wird.
. entscheidend an jenen Früchten erkannt, die sich in der schlichten
wu.
u TR
-
sen, überlegten: „Du bist Antimilitarist, bist Sozialist, bist Einer, °
der sich zu Christus bekennt, folglich musst du dich so und so ver-
5
halten“, das gäbe doch ein nicht nur mühseliges Leben — was
ja ein Leben aus Gott nicht sein soll — sondern auch ein gekünstel-
tes, unechtes. Verwandelten wir uns dann nicht aus lebendigen °
Menschen in Gliederpuppen einer Idee? Verschwände damit nicht
alle Unbefangenheit, Naivität und Ursprünglichkeit des Handelns,
die doch das Schönste an allem Tun und das sicherste Kennzeichen
seiner Echtheit sind? Lägen dann nicht Pharisäismus und Heuchelei
sehr, sehr nahe? Und wäre ein solches Wesen für Andere sehr an- °
ziehend, würbe es wirklich für die Sache? Wir kennen ja ein solches
Gliederpuppentum einer Sache, kennen besonders ein solches künst-
liches Christentum — aber werden wir dadurch für das Christentum
gewonnen ?
Und endlich ist auch dies zu bedenken: Ist jener Anspruch ‚der
Andern nicht doch auch mit Ungerechtigkeit behaftet? Kann einer
nicht ehrlich gegen Krieg und Gewalt sein, ohne dass er selbst ein
Engel an Friedensgeist wäre? Wenn Einer nicht mehr töten und
töten lassen will, so erfordert das noch nicht, dass er eine Verkör-
perung aller Herrlichkeit der Bergpredigt sei, und wenn einer gegen
die Gewalt kämpft, so kann er sehr wohl wissen, dass in ihm selbst
der Dämon der Gewalt noch sehr mächtig ist, ja, vielleicht kämpft
er gerade darum so eifrig, ja leidenschaftlich gegen ihn, wie ja wohl
auch einer, der den Dämon der Trunksucht in sich mächtig fühlt,
498
dass Christus die Wahrheit ist?
en
gerecht. W ir können einer Sache ehrlich dienen, obschon wir es
u in Schwachheit tun. Die Sache wird nicht dadurch kompromittiert,
_ dass sie grösser ist als wir. Gewiss! Nur muss dann aber Eins
sprüche erheben. Wir dürfen nicht den Schein erregen, als ob wir
doch jene Verkörperung der Tugenden unserer Sache wären, dür-
_ fen uns nicht auf die Weise mit unserer Sache verwechseln, als ob
- wir dadurch, dass wir uns zu ihr bekennen, auch persönlich mehr
_ wert wären als die Andern. Es gibt ja wirklich eine solche Form
des Hochmutes, dass Menschen von einer grossen Sache erfüllt sind,
- wie von einem Rauch oder Gas: nämlich so, dass sie dadurch bloss
- aufgebläht werden. Einer grossen Sache zu dienen, müsste aber
_ umgekehrt sehr demütig machen. Es muss zwar betont werden:
- Man darf und soll auf eine grosse Sache stolz sein. Seid es alle,
- die ihr eine solche Sache habt! Es ist nicht unnötig, auch das zu
sagen. Aber Stolz ist nicht Hochmut. Dass man einer solchen Sache
dienen darf, muss vielmehr als Wunder und Gnade, als erstaun-
‘ liches Geschenk empfunden werden. Darum muss, wenn alles in
- Ordnung ist, mit diesem Stolz Tag und Nacht das Gefühl verbunden
- sein, dass man dieser Sache nicht genüge, dass man dafür zu klein
"sei; es muss der Schmerz damit verbunden sein, dass man ihr nicht
genug Ehre machte, sie nicht genug verwirklichen könne, und selbst-
verständlich dann nicht ein Schwelgen in den „Spannungen“, die
- daraus entstehen, sondern ein innig ernstes Bemühen, immer mehr
in die Sache hinein zu wachsen und von ihr erfüllt und getragen zu
werden, um sie — selbst tragen zu können. Und vor allem: Man
muss in der Kritik umso zurückhaltender sein, als man sich der
eigenen Schwäche bewusst ist, besser: man muss seine ganze Kritik
"auf diese Tatsache einstellen. Ein Antimilitarist darf nicht gegen
den Mangel an Friedensgeist bei den Andern wettern und selber
ein friedloser Mensch sein; ein Sozialist nicht über die verdorbene
bürgerliche Moral losziehen und selbst behaglich in allen Wassern
bourgeoiser Lebensführung herumplätschern; Einer, der an Gott
Ei
;
h:
u 5 a 7 Seh 2 mn
499
Br |
ünger Christi zu sein begehren, wissend, wie wenig Gott
chende Macht unseres Lebens und wie wenig dieseseine
| hristi ist? Kann man nicht trotzdem wissen, dass
dritten Punkte soll die Antwort auf unsere schwere
es ist so: jener Anspruch der Andern ist teilweise un-
hinzugefügt werden: Wir dürfen dann auch selbst nicht falsche An-
EINE ven i j = BT
glaubt und ein Jünger C
das Versagen der An
kommen. Weil wir a
als Antimilitaristen,
wollen wir unsere
die Andern richten. Wh h
Das ist das Erste. Und nun das Zweite. Wir wollen und
Br gewiss mit allen Fasern unseres Wesens darnach trachten, uns
a Sache würdiger zu werden. Aber das wollen und sollen wir n
E dadurch zu erreichen versuchen, dass wir Musterknaben der Idee,
D Gliederpuppen unserer Sache werden. Nein, wir müssen dazu
0, einen andern Weg gehen. Nicht von aussen her darf jener An
Bi spruch kommen, er muss von innen her geschehen. Es kommt
Be, darauf an, dass wir von vornherein in das rechte Verhältnis zu un-
serer Sache treten.
Bi: Man kann eine Sache auf zweierlei Weise erfassen. Man kanı
N sie von aussen her annehmen. Man ergreift sie dann bloss mit ”
den Gedanken, weil sie vernünftig ist, man ergreift sie vielleich
% auch mit einer gewissen Begeisterung, weil sie schön und gross ist.
Man hat das Bedürfnis, eine solche Sache zu haben. Vielleicht
auch — und das ist die ernsteste Form dieser Art — fühlt man sich ”
durch das Gewissen verpflichtet, sich dieser Sache zuzuwenden. °
Das ist wohl besonders häufig der Fall mit der Jüngerschaft Christi.
-Man meint dann vielleicht sogar die Bergpredigt erfüllen zu müs-
sen, weil sie nun einmal zum Christentum gehört. Aber in all diesen
Fällen bleibt die Verbindung mit der Sache äusserlich. Sie ist zu
fällig, nicht notwendig; man könnte sich allfällig auch dem Gegen-
teil zuwenden. Es ist eine blosse Bekanntschaft oder höchstens
Freundschaft, keine Ehe und innige Vermählung der Sache mit dem
Wesen eines Menschen. Die Sache wird nicht zu unserem Fleisch
und Blut, sondern ist ein Stück Garderobe. Dann tritt ganz von
selbst jene Trennung von Bekenntnis zu einer Sache und Alltag ein.
Dann kann man der Friedensbewegung dienen wollen und aufs un-
friedlichste streiten, sogar in der Friedensbewegung selbst; dann
kann man Sozialist sein, mit dem blossen Kopfe oder mit der
Leidenschaft des Willens, und ein selbstischer, ja brutaler Mensch;
dann kann man ein Christ sein und ein Sklave aller Mächte der
Welt, ja Schlimmeres. Ganz von selbst kommt es so; man merkt es
‚nicht einmal. Oder dann müht man sich, jenes Muster der Idee,
jene Gliederpuppe der Sache zu werden — umsonst, in jeder Be-
ziehung umsonst! #
. Nur der andere Weg führt zum Ziele. Die Sache muss uns von
innen her ergreifen. Sie muss wir selbst werden, unser
2
u
[|
500
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laltsgew
n, das B
ele wohnen und sprechen: „Ich glaube, Herr, hilf meinem
“, und: „Herr, du weisst alle Dinge, du weisst, dss ch
be.“ Wenn das so ist, dann geschieht wieder etwas von. a
ann kommt aus dem, was wirklich in uns ist, von selbst 2
on Friedensgeist, von selbst etwas von Sozialismus des L-
, von selbst etwas von Kraft der Weltüberwindung und etwas
Licht Christi. Wie könnte es anders sein, da das alles doch
"wirklich in uns ist? Und unser Ringen um eine vollere, bessere,
_ treuere Verwirklichung der Sache durch unser Sein und Tun ist
_ nun nicht mehr die Herstellung eines Musters, die Schaffung einer
- Gliederpuppe, sondern die schmerzliche Geburt und das langsame
/achsen jenes Menschen, der in uns empfangen ist, der wir selbst
in unserm innersten Wesen sind. Und nun erst sind wir jenes _
Entschlusses fähig, zu dem er freilich kommen muss, unsere
= Sache ganz anders als bisher im Alltag zu bewähren. Dieser Ent-
- schluss wird freilich — o Paradoxie! — Gnade sein — man muss
dieses höchste Wort trotz allem Missbrauch doch von Zeit zu Zeit |
- brauchen — aber wenn es uns ernst ist, dürfen wir auf diese Gnade, rn
‚die Gnade dieses Entschlusses und seiner Erfüllung, wenn auch
nur-einer in Schwachheit, rechnen. Durch sie, die mit dem Ent-
- schluss zusammenfällt, durch jenes innerste Einswerden mit der
- Sache, das sie zu uns selbst und uns zu ihr macht, kann ein Durch-
_ bruch zum Ganzen geschehen, trotz aller Mängel, die bleiben.
22 Diesen Weg müssen wir gehen. Es ist durchaus nötig, dass eine
Sache in ihren Trägern durch den Alltag gerechtiertigt werde. Es
‚darf nicht bei den Begeisterungen gehobener Stunden bleiben.
Solche Sonntage und Hochzeiten der Seele,haben auch ihr Recht,
- aber sie müssen im Werktag und Alltag aus Blüten zu Früchten
— werden. Wenn sie das nicht tun, waren sie dann echt? Schöne Zu-
— sammenkünfte, wo die Idee als edle Flamme aufloderte, die Sache
in Verklärung dastand, der Zauber der Gemeinschaft (der von ihrem
Segen und Wunder zu unterscheiden ist), die Seelen belebte, An-
- hörung tiefer und wahrer Reden, Versenkung in die Bibel, alles
muss zu Alltag werden, sonst wird es zu Schein und Trug und
F auch ein Hohn der Andern. Auch die Sache selbst wird unglaub-
haft, wenn man sie nicht lebt. Und zwar im Alltag. Das ist eben
& das Schwerste. Aussergewöhnliche Dinge kann man in irgend einem
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Hochschwung des Gemütes tun, aber tag: all die kleine
unbedeutenden, langweiligen Dinge! Und doch: gerade der Alltag
ist entscheidend. Es ist Gottes Ordnung: im Kleinsten erkennt man
das Grösste, im Kleinsten muss das Grösste sich bewähren. „Was
ihr an einem der Geringsten unter meinen Brüdern getan (oder
nicht getan] habt, das habt ihr mir getan [oder nicht getan].“ Frie-
densgesinnung, Sozialismus, Gottes- und Christusglaube sind erst
als echt bewährt, wenn sie im Kleinsten sichtbar werden, wenn der
Alltag sie zeigt. Dann erst werden sie zum Wunder. Dann preist
man darob den Vater im Himmel. Dann wird das Gewissen der
Menschen erregt, dann wird vielleicht ihr Widerspruch, aber auch
die Freude an Gott in ihnen erweckt. %
Es ist, liebe Freunde, nötig, bitter nötig, entscheidend nötig,
aber es ist auch möglich, in voller Wahrhaftigkeit, Lebendigkeit und
Demut möglich, dass wir uns unter das Wort stellen: „An ihren
Früchten sollt ihr sie erkennen.“ L. Ragaz.
AHRTREIGARNAORRIRERTREATSLERDERTTKEATERTERERETTLDETARRENIRRERERTERTTHRTTERAERRARERTABRTERRTARRALSDTAAERLABDÄRDERTHERRNAERDTHRNEAENANERHHRHRIEHHRKAHHTAREHITDHRÄNLEFRABSGTTERTAHRRAE KUHN
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UTTETTTITTTLLTTRTTTTTLTLTENELTTTTTITTTTTTETTLTTIELERTLETETELBETETERELTITELELTEEELERTERERERLLELTETLEETTTETELTETERTITELEELTTETTTETTTILLLELTETTTETTSETTTTSESETESTTTTETETITESTELZEZEZEZELET ZEITEN
Zum Problem der Technik.
1,
Sehr geehrter Herr Proiessor! H
Entschuldigen Sie, wenn ich als Leser der „Neuen Wege“ Ihnen kurz
etwas erwidere auf etwas, das mich in Nr. 11 [1928] gestossen hat. Es ist für
Sie vielleicht lächerlich, aber ich kann mir nicht helfen, ich stosse mich an der”
Glossierung der Ozeanüberquerung. Sie nennen Ihre Betrachtungen nicht ein-
fach Chronik, sondern „zur Chronik“ und geben sich damit natürlich das
Recht, die Sachen kritisch zu betrachten; das finde ich gut. Was ich nicht‘
recht und gut finde, ist die Art, wie Sie eine technische Leistung, und sagen
wir auch körperliche Leistung, lächerlich machen. Ich bin, verehrter Herr’
Professor, kein Boxer und kein Techniker, ich bin auch kein Deutscher und
sicher kann ich Sie davon schwer überzeugen, dass ich jetzt und während
des Krieges ein Hasser alles Deutschtums war und bin.
‚ Ich kann es nicht verstehen, dass man die grossen Geschehnisse seiner”
Zeit negieren kann, dass man negieren kann, was diejenigen tun, die nicht von
unserem Fach sind. Wem die Ueberquerung des Ozeans nichts ist, dem ist
natürlich auch die Erfindung des Druckknopfes und der Rasierklinge nichts,
und ich behaupte, dass diese Sachen so wichtig sind wie ein minderes Gedicht
von Goethe, denn er hat bekanntlich auch solche gemacht. Dass ich ver-
gleiche, geschieht, weil Sie, Herr Professor, verglichen haben, ich meine aber,
man soll und darf diese Sachen nicht vergleichen. Wir haben nicht nötig, klein
zu machen, um unsere Sache gross erscheinen zu lassen; die Gegner müssten
es fast meinen.
Christus war doch zu Kana, er hat sich doch gewiss gefreut über den
grossen Fischzug; es ist nicht frivol, und ist meine Ueberzeugung, wenn ich
sage, Christus hätte Maria und Marta nicht warten lassen, wenn er — ein
Telephon gehabt hätte, er hätte seinen Lieben angeläutet und gesagt, ängstigt
euch nicht, ich komme. „Was Gott tut, das bestehet immer, man kann nichts
dazu tun, noch abtun.“ (Prediger.)
ILLLITEITTITTTTT
Sn
502
‚Geehrtester Herr!
gen“ selbst, da mir scheint, Sie seien damit so recht ein Repräsen-
Zeitstimmung, die ich technischen Wahn, technische Besessenheit,
auch Götzendienst der Technik nenne, und die ich mit hellem Bewusst-
und äusserster Entschlossenheit bekämpfe. Der Umstand, dass nun ein
Zeppelin-Rekord geschaffen und die Welt davon erfüllt ist, bietet mir den
ass zur endlichen Erfüllung meines Vorsatzes.
Selbstverständlich kann es sich nicht darum handeln, dass ich in einem
eie, der kurz sein soll und muss, das ganze riesige, tiefgreifende, schwie-
rige Problem der Technik behandle. Das zu tun, wenigstens soweit es in
meiner Kompetenz liegt, war längst mein Wunsch und nur das Allzuviel
- dessen, was auf mir liegt, hat mich bisher daran gehindert.
Eine Vorbemerkung: Mein Widerspruch gegen die Ausdeutung jenes
Ozeanfluges des Zeppelin (dem nun ja die Umfliegung der Erde gefolgt ist)
' hat nichts mit irgend einer gegen Deutschland unireundlichen Stimmung zu
_ tun, im Gegenteil: das deutsche Volk setzt sich selbst herunter und andere
- tun es mit ihm, wenn der Schein erregt wird, dass es sich durch solche Dinge
- vor der Welt legitimieren müsse. Es hat auf der einen Seite sehr, sehr viel
- Grösseres aufzuweisen, das zeigt, was in ihm ist, und erniedrigt dieses Grös-
sere, wenn es aus dem Kleineren so viel Wesens macht, auf der andern Seite
weiss jeder, dass das’ deutsche Volk grosser und grösster technischer Leistun-
gen fähig ist. Das braucht wahrhaftig nicht erst noch bewiesen zu werden.
Falsch und für das deutsche Volk verhänguisvoll wäre bloss, wenn einer
- käme und sagte: „Sehet, so etwas beweist, dass wir Deutschen ein paar Ge-
- hirnwindungen mehr haben als die andern.“ Es ist einmal einer, und zwar
_ ein ganz Grosser, gekommen und hat es gesagt, aber nicht zum Segen für
sein Volk.
: Also davon weiter kein Wort. Und auch davon nicht, dass ich natür-
lich nicht an die schlechten, sondern an. die guten Gedichte Goethes gedacht
habe, wie ich selbstverständlich nur die guten Leistungen der Technik im
Auge hatte und nicht die schlechten. ; le
ne Aber nun die Technik! Sie scheinen zu glauben, dass ich die rein kör-
perliche Leistung gering schätze. Darin irren Sie sich sehr. Ich, der
‚ich selbst so viel körperlich gearbeitet, habe mein Leben lang körperliche
Arbeit so hoch wie geistige, freilich nicht höher, geschätzt. Ich könnte dafür
allfällig auch auf mein Buch: „Die pädagogische Revolution“ verweisen. Auch
technische Leistungen weiss ich in ihrer Sphäre und im rechten
Zusammenhang so gut als einer zu schätzen. Und fast noch mehr irren
Sie, wenn Sie meinen, ich habe eine Neigung, diese „weltlichen“ Dinge klein
zu machen, damit Christus gross werde. Das ist mir nie eingefallen und es
widerspricht, wie man eigentlich wissen könnte, gänzlich meiner Art.
Nein, die Sache liegt für den, der sehen kann, so einfach und klar als nur
möglich: Ich kämpfe nicht gegen die Technik an sich, aber gegen den techni-
schen Wahn, die technische Besessenheit, den technischen Götzendienst, in
- denen unser Geschlecht gefangen ist, ich kämpie nicht gegen die Maschine an
sich, aber gegen die Maschinisierung, Veräusserlichung, Entseelung, Ent-
503
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T En, © Mur Pärpanı 0% September 1929.
ängst wollte ich Ihren Brief beantworten, und zwar gerade in den
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menschung, Entgöttlichung alles Lebens, die uns vom en
her drohen, Ich tue das freilich um Gottes, um Christi ı um ih:
willen — wie mein ganzer Lebenskampf, soweit er Wert, Ernst und Ti
in letzter Instanz ein Kampf um Gottes Ehre und Recht gegen den Ans
der Götzen ist. Wer mich aber kennt, weiss, dass ich immer, wenn ic
Gott kämpfe — in dem Sinne, wie das von Menschen allein g‘ /
kann! — auch für den Menschen kämpfe, für sein Recht, seine Heiligkeit,
seine Würde, sein nes. Ewa dass also mein Kampf Liebe bedeutet. 3
Sie aber, geehrtester Herr, vermissen an mir die „grosse Liebe“, mit der
Jesus auf alles geblickt habe, und heute auch auf die Technik blicken würde,
Er, der „nie geschimpft, nie lächerlich gemacht habe“,
Da scheint mir nun zunächst, dass Sie Ihr Neues Testament sehr unvoll-
ständig gelesen haben. Haben Sie denn Matthäus 23 mit Jesu, Aeusserungen
gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten, in denen das, was Sie „Schimpfen“
und „Lächerlichmachen“ nennen, in einem Masse geschieht, das weit über
das hinaus geht, was wir sonst von dieser Art kennen, überschlagen und dazu
alle die vielen ähnlichen Stellen? Ich glaube, Jesus sei ziemlich anders gewe-
sen als das Bild, das die Sentimentalisten aller Art von ihm im Kopf haben;
sie hätten sicher keine Freude an ihm gehabt!
Die „grosse Liebe“? Ach, wie ich dieses Wortes überdrüssig geworden
bin! Du vielmissbrauchtes Wort Liebe, du vielmissverstandene Liebe! Ich möch-
te Ihnen, verehrter Herr, fast ein wenig Lektüre Kierkegaards oder Tolstois
empfehlen. Doch halten wir uns an Jesus. Hätte Jesus wohl auch auf Tanks,
Giftgase, Flieger mit Bomben, Unterseeboote und alle die viele andere Tech-
nik unserer Tage mit der „grossen Liebe“ geschaut, die Sie meinen? Oder
haben Sie selbst von dieser Technik nie etwas gehört? Hätten Sie dafür
die Augen mit „grosser Liebe“, nämlich Liebe zum Menschen, nicht bloss
zur Maschine geöffnet, so wären Ihnen vielleicht über die ganze Technik noch
einige andere Gedanken gekommen, als die der üblichen begeisterten Apo-
theose. Ja, vergessen Sie nicht, das ist auch „technischer Fortschritt“!
Die „grosse Liebe“? Haben Sie, geehrtester Herr, einmal bedacht, was die
Zeppeline im Weltkrieg angestellt haben? Haben Sie einmal gehört, welche
Wohltaten das Auto schafft? Mit welch „grosser Liebe“ sehen Sie wohl zu,
wie täglich in der ganzen Welt Hunderte von armen Proletarierkindern und
anderes meist armes Volk von sehr oit betrunkenen Fahrern getötet werden,
wie die Nachtruhe von Millionen und Millionen von müden Menschen durch
diesen „technischen Fortschritt“ gestört wird? Wem zu Nutzen? Haben Sie
einmal beachtet, dass jährlich etwa 50,000 Menschen vom Auto getötet und
einige Millionen verletzt werden, zum Teil schwer? Haben Sie erfahren, dass”
in Frankreich nur vom 31. Juli bis zum 31. August 427 Menschen durch das
Auto getötet und 997 verletzt worden sind? Ist ihr Auge, das schwärme-”
risch leuchtend in seiner „grossen Liebe“ auf Zeppelinen, Fliegern, Autos”
und anderem derartigem ruht, auch einmal auf die weiteren Millionen von
Proletariern gefallen, die am fliessenden Band oder als durch die Rationalisie
rung arbeitsios Gewordene die Wunder der Technik preisen? Haben Sie”
auch einmal etwas von den schwarzen Wundern der Technik läuten ge
hört? Dann sollten Sie ein wenig verstehen, was unsereins veranlasst, ohne
dass man gegen die Technik an sich etwas hätte, doch gegen den technischen
Wahn, die technische Besessenheit, den technischen Götzendienst
zu kämpfen, sollten ein wenig merken, dass das ein Kampf ist, der aus
Liebe stammt, aus Liebe zu Gott und seinem Kind und Ebenbild, dem
a der durch die Technik versklavt, erniedrigt, geschändet, gemor-
et wird,
. So viel dürite gegen das Schlagwort von der „grossen Liebe“ genügen.
Sie gehen aber, geehrtester Herr, so weit, zu bedauern, dass Jesus nicht ein
Telephon gehabt hätte, um Maria und Marta zu trösten. Mich wundert, dass
504
De, e
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nicht unterwegs einen Me
wie Technik-Schwärmer in der Gefahr sind, Gottes-
älte zu ersetzen. Nein, die Rolle, die Sie da Jesus
ware höchstens etwas für Cou& gewesen. In einer technisierten
‚Gottes-Kräfte nicht mehr, weil man sie weder sucht, noch ver-
‚ ein Jesus von der Art, wie Sie sich ihn denken, hätte weder
en | a später Lazarus aus dem Grabe gerufen und die Tränen der Ma-
= Ba: Y%
ria un ta gestillt. :
Ich aber kämpfe gegen die Götzentechnik für Gott und Christus — soweit
_ eben ein Mensch solchen Kampf führen kann. Re
E- Im übrigen von der Technik ein andermal. Mein letztes Wort dar-
_ über ist noch nicht gesagt. Mein vorletztes aber lautet: es gibt keine
4 grössere Flachheit, kein ärgeres Banausen- und Philistertum, als heute noch
_ von der Maschine als solcher irgend ein Heil für die Menschheit zu erwarten.
' Das sage ich rein prinzipiell, ohne jede persönliche Spitze.
—— Im übrigen Offenheit gegen Offenheit und nichts für ungut!
Besten Gruss! Ihr L. Ragaz.
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Die religiös-soziale Woche in Casoja.
Sie ist nach dem allgemeinen Urteil über alles Erwarten schön und geseg-
- net gewesen. Wir hatten etwa dreissig Menschen erwartet (es war ja nicht all-
_ gemeine Ferienzeit und Casoja liegt doch recht seitab), und siehe, es kamen
siebzig, sogar solche aus dem Auslande (während freilich die nahen Bündner,
die Urbündner wenigstens, die es doch gern sehen, wenn man aus dem „Unter-
- land“ zu ihrer jährlichen Reichenauer Konferenz kommt, dieser einzigen all-
- gemein-schweizerischen religiös-sozialen Veranstaltung in Graubünden bis
auf einige Ausnahmen fern blieben, was nicht unerwähnt bleiben darf), und
es war besonders viel frische, feine Jugend dabei. Gerade diese unerwartet
grosse Zahl von Teilnehmern bereitete freilich einige Schwierigkeiten. Casoja
vermochte sie bei weitem nicht alle zu fassen; es mussten die Hotel und
_ Pensionen in der Nähe in Anspruch genommen werden. So gab es statt des
_ Zusamenseins an einem Ort ein Hin- und Herwandern. Dazu kam eine ,
ganz besondere Ungunst des Wetters. Während vorher eine Sonnenwoche der
andern Monate hindurch folgte, mit wenigen Ausnahmen, hingen nun
schwere Nebel an den Abhängen, strömte der Regen, fiel der Schnee, und erst
$ als die Woche zu Ende war, brachen wieder strahlende Sonnentage an. Aber
das alles vermochte den Segen, der über dieser Woche lag, nicht zu brechen.
m Mit ungetrübtem Humor ertrug man die Ausquartierung, ertrug man eine
- Bauarbeit in dem Hotel, wo man die Versammlungen halten musste, ertrug man
das Hin- und Herwandern in Regen und Schnee, und wenn einmal die Sonne
x durch die Nebel brach und ein Ausflug möglich war, dann war es ein all-
gemeiner Jubel. Im übrigen trug dieses paradoxe Wetter zur Konzentration
auf die Arbeit bei, während eine volle Entfaltung der herbstlichen Höhen-
pracht uns vielleicht doch etwas zu stark in deren Bann gezogen hätte. Und
Casoja blieb trotz jenen Trennungen das Zentrum, wo man sich immer
wieder fand und von wo Heimgefühl und Familiengeist über alle ausströmte.
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Die Woche war sozusagen der Revision der ganzen religiös-soziz
Bewegung gewidmet. Es sollten namentlich ihre Weltan chauungs-
und Glaubensgrundlagen wieder einmal gemeinsam geprüft werden.
Jeder Tag hatte seine besondere Aufgabe. FM
Der erste Tag bildete sozusagen die anni zum Ganzen. Es
wurde die äussere | innere Lage unserer Sache geprüft. Pfarrer Gerber
hatte das Referat. Er zeigte anhand der Bibel und der christlichen Geschichte
die notwendige Einheit dessen, was wir „Christentum“ und dessen, was wir
„Sozialismus“ nennen, in grossen Zügen auf, schilderte den Frühling, der in
unseren Seelen anbrach, als in der sogenannten religiös-sozialen Bewegung
diese Einheit, vom Zentrum her verstanden, neu erschien, mit dem berechtig-
ten Anspruch, eine Erneuerung des christlichen Wesens, wie der Welt zu
sein — dies natürlich in dem Sinne, dass Gott diese Erneuerung schafien
wolle. Dann stellte er dar, wie die beiden als Träger dieser Erneuerung vor
allem in Betracht kommenden Mächte, die Kirche und dieSozialdemo-
kratie, versagten. Jene versagte vor allem, weil eine gewisse Theologie,
wie ein Mehltau auf Blumen und Blüten des Frühlings, über die a a
kam; aber nicht weniger versagte die Sozialdemokratie, der Veräusserlichung
und Selbstgerechtigkeit verfallend. Es war ein ziemlich düsteres Bild, das
auf diese Weise gezeichnet wurde. Aber die Notwendigkeit unserer Sache
und ihre Verheissung wurde deswegen nicht weniger kräftig herausgearbeitet.
Die Aussprache hob zum Teil das Verheissungsvolle noch mehr hervor. Sie
zeigte, wie vieles eben doch anders geworden sei, wie die Probleme neu ge-
stellt seien, wie auch jener Fluch der Theologie insofern sich zum Segen ge-
wendet habe, als unsere Sache nun viel weniger mehr eine Pfarrer- und Theo-
logensache sei und vielmehr eine Laiensache und Volkssache, wie sie überall,
wo wir aufträten, das stärkste Interesse finde und wie auch in der Partei
zwar nicht mehr jene allgemeine Begeisterung oder doch Sympathie für uns °
herrsche, wie in den ersten Zeiten, wir aber viel ernster genommen würden °
und in der Partei selbst unsere feste Stellüng hätten. Was im übrigen die °
Partei betrifit, so tauchte wieder der‘alte Unterschied auf, dass die Einen °
mehr die Notwendigkeit des Anschlusses an sie empfinden, die Andern aber, °
ohne diese an ihrem Ort zu leugnen, doch auch die Unabhängigkeit unserer °
Sache von jeder Partei vertreten und nicht nur das Recht, sondern auch die
Pflicht schärister Kritik an ihren Aktionen, unter Umständen auch ihren
Persönlichkeiten betonen. Man verstand sich aber auch -darin gut, und es
wurde schon an diesem ersten Tage klar, dasses darauf ankomme,
vor allem das Glaubens-Zentrum der Bewegung zu ver-
stärken.
Am zweiten Tage ging es in dieser Richtung weiter. Die Frage der
Weltanschauung, die zum Sozialismus gehöre, rückte in den Mittel-
punkt. Das Referat darüber (das Thema lautete: „Der Umschwung im Geistes-
leben und die neuen Aufgaben des Sozialismus“) hatte Frau Henriette
Roland Holst übernommen. Ich möchte schon hier bemerken, dass es
für uns ein ganz besonderer Segen war, diese Frau in unserer Mitte zu haben
und dass sie die Freude aller wurde. So war ihr Referat, wie auch immer
ihre Voten in der Aussprache, eine Gabe von höchstem geistigem Goldwert. ’
Es zu hören war ein wirkliches Erlebnis.‘) Ich bin darum froh, nicht dar-
.) Frau Roland-Holst hat inzwischen in der gesinnungsverwandten
holländischen Zeitschrift „Befreijdung, Maandblad gewijd aan de Ver-
nieuwing van het Socialisme“ (Beireiung, Monatsblatt für die Erneuerung
des Sozialismus( (Camperstraat 7, Amsterdam) der Casoja-Woche und der re-
ligiös-sozialen Bewegung der Schweiz einen wundervollen Aufsatz gewidmet,
ie 5 als eines der edelsten Geschenke, die uns je geworden, betrachten
en.
506
REF PERF
nn
über berichten zu müssen, weil es in den „Neuen Wegen“ erscheinen wird.
Die Leser werden sich in die ganze Fülle dieser anken ruhig vertiefen
können, während sie freilich das nicht haben können, was die Hörer hatten:
eben das Erlebnis des unmittelbaren Eindruckes, den diese Botschaft machte,
so wie sie im lebendigen Wort aus dem grossen Herzen dieser Frau quoll. Die-
ses „Reierat“ war ja zugleich wie ein Bericht über die Entwicklung, die mit
‚der Arbeiterbewegung sie selbst durchgemacht. . Sie ist, wie die Leser der Neuen
ege“ wissen, durch den radikalen Marxismus gegangen, ihn mit religiöser
Glut eriassend, hat sich dann, aus echtem Radikalismus, der kommunistischen
Partei angeschlossen, aber aus dem gleichen Beweggrund sie wieder verlassen
müssen, um ihren Weg weiter zu gehen, immer dem Sozialismus entgegen.
So schilderte sie uns jenen Marxismus, der lebendig war, zeigte dann
aber, wie er nach und nach in den Tod des Mechanismus und der Seelenlosig-
keit geriet, damit auch seine revolutionäre Kraft verlor, auf „radikale“ oder
„reformistische“ Weise bloss zur alten Welt zurückführte — alles im Zu-
sammenhang mit der allgemeinen Entwicklung des Geisteslebens dieser Pe-
riode. Dann aber wehte der Geist über das Totenfeld. Wir sahen, wie das
Leben, die Seele, die Bewegung sich wieder regten, in die Naturwissenschaft,
die Geschichte, die Psychologie strömten, der Umschwung kam. Es war tief
ergreifend, wie dieses Bild einer grossen Auferstehung sich vor uns erhob.
Aber wie ein Evangelium war es vollends, als nun der neue Sozialismus
gezeigt wurde, der, organisch statt mechanisch geartet aus diesem neuen
Leben erwachsen werde, erwachsen solle. — Das alles werden ja nun die
Leser erfahren. Der Vortrag, den diese Frau hielt — es war ein Thema, das
man sonst eher einem Mann übertragen würde — hätten sicher sehr, sehr
wenige heutige Menschen, wenn überhaupt einer, halten können. Die Aus-
sprache stand unter dem Eindruck dieses Reichtums. Es wurde bemerkt, dass
Rationalismus und Mechanismus, in der Welt der philosophisch-wissenschaft-
lichen Erkenntnis gebrochen, nun als Praxis (Technik, Rationalisierung und
so fort) in dämonisierter Form erst recht herrschten und zum Trost für die
Nicht-Intellektuellen gesagt, dass es zu dem Ziel, das Frau Roland Holst auf
einem so langen und schweren Weg erreicht, auch einen kürzeren Weg
gebe, den Weg der unmittelbaren Empfindung, aber dem gegenüber wieder
betont, dass gerade die sozialistische Arbeiterschaft intellektuelle Hilfe auf
diesem Weg nötig habe, wie denn überhaupt Allen klar war, dass dieser Vor-
trag möglichste Verbreitung finden müsse, damit er helfe, das Arbeitervolk
von der Last einer Weltanschauung zu befreien, die den Sozialismus tötet.
Der dritte Tag schloss wieder eng an den zweiten an. Es galt nun,
von der Weltanschauung zum Glauben vorzudringen, der ja etwas anderes
ist als Weltanschauung. In welcher Beziehung steht denn für
uns der Sozialismus zum Glauben? Der Schreibende hatte
die Aufgabe übernommen, darüber einleitend zu reden. Er zeigte zunächst,
dass „religiöser Sozialismus“ nicht ein religiöser Anstrich oder Anhang des
Sozialismus, aber ebensowenig ein sozialer Anstrich oder Anhang des Chri-
stentums sei, sondern eine ursprüngliche und selbständige Auffassung der
ganzen Christuswahrheit, die diese sozial verstehe in dem Sinne, dass sie
neben der individuellen Erlösung auch die gesellschaftliche verkündige, wie
sie in der Bibel mit enthalten sei. Wie sie das Christentum sozial verstehe,
so den Sozialismus (dieser als Bewegung, nicht als Partei verstanden) reli-
giös, indem sie darin ein Aufbrechen von Wahrheit des Gottesreiches, ein
Kommen Gottes in Gericht und Gnade erkenne — wenn auch ein Kommen
Gottes im Inkognito. Auch hier löse sich das Starre und Statische ins
Dynamische auf, indem der lebendige Gott und sein Reich für die Erde an
die Stelle von blosser Lehre und Institution, und seine Wirklichkeit selbst an
Stelle von Religion, Kirche, Christentum, Theologie träten, was eine völlige
Umwälzung des christlichen Wesens und eine Rückkehr zum Ursprung be
507
BRENNER INN
deute. Diese Grundauflässung wurde dann nach drei Seiten hin vertreten:
nach rechts, nach oben, nach links hin. Nach rechts hin vor allem gegen die
„Neue Theologie“, gegen die Vorwürfe, die sie uns macht (Idealismus, Evo- /
lutionismus, Optimismus und so fort), wie gegen ihren Versuch, Gott (
sein Reich) und das soziale Handeln durch eine breite Kluft zu trennen und
dieses ins Gebiet des bloss Relativen zu verweisen und durch die sogenannte
eschatologische Auffassung des Reiches Gottes die Hoffnung auf Siege Gottes
in dieser Weltzeit zu einer Illusion zu machen. Jene Vorwürfe wurden als
sachlich unbegründet und ungerecht abgewiesen, im übrigen dreierlei betont: \
Wir halten eine unmittelbare Verbindung des Religiösen mit dem So-
zialen für notwendig und biblisch gerechtfertigt, wofür besonders das Gleich-
nis vom Weltgericht Zeuge ist; dieses Soziale, das wir für absolut halten,
ist auch für uns nicht der Sozialismus der Parteien und ihrer Programme,
sondern der „Sozialismus der Bibel“, das Recht der Persönlichkeit, der Bru-
der, die Solidarität, die Hoifnung, und alles, was dazu gehört. Im Eintreten
dafür vermählt sich das Absolute mit dem Relativen („das Wort wird
Fleisch“), so wie die Bibel es will. Das Gleichnis vom Weltgericht En für
diese Weltzeit. Und es gibt nach der Bibel und der Erfahrung der Ge-
schichte (Reformation) Siege Gottes, Fortführungen seines Reiches in diese
Weltzeit hinein. — Die Auseinandersetzung „nach oben“ galt denen, die
von einer individuellen Nachfolge Christi in Bruderschaft, Liebe und Armut
aus alles politisch-soziale Wirken für wertlos, ja schädlich halten. Auch die-
ser Weg ist notwendig; Einzelne mögen in Schroffheit ihn ohne
sich um das Proletariat politisch und sozial zu kümmern, „Tolstoi“ und
„Marx“ gehören jedenfalls zusammen (,Tolstoi“ macht“,Marx“ allein mög-
lich), uns aber führt gerade dieser Weg zum Proletariat und in die Welt
des politisch-sozialen Kampfes hinein, wo wir trachten müssen, seinen Sinn
zu bewähren (z. B. im Kampi mit der Gewalt). — Am meisten lag dem Vor-
tragenden aber an der Auseinandersetzung „nach links“, d. h. mit denjenigen
„Religiös-Sozialen“, die sich vor dem Religiösen scheuen, sobald es in posi-
tiver Gestalt, als Christusglaube und biblisches Denken, auftritt. Er betonte
wieder das „Inkognito Gottes“, vermöge dessen wir auch mit den „Ungläu-
bigen“ ohne jedes Bedenken, ohne nach ihrem Glauben zu fragen, sicher,
dass auch sie Gottes sind, arbeiten können, versuchte aber zu zeigen, warum
wir denn gerade als Sozialisten uns zu Christus bekennen, was uns das
„Uebernatürliche“ bedeutet (in dem uns gerade der lebendige Gott be-
gegnet), erläuterte dies besonders an dem Beispiel der Auferstehung Christi
und warf dann die entscheidende Frage nach dem Verhältnis des Bewuss-
ten und Unbewussten im geistigen Leben auf, um endlich mit allem
Nachdruck zu fordern, dass die Freunde „von links“ diesen letzten Fragen
nicht aus dem Wege gehen dürfen, dass die Trennung der Reli-
giös-Sozialen in einen „religiösen“ „Neue Wege“- und einen „sozialen“ Auf-
bau-Flügel verhängnisvoll sei und aufgehoben werden müsse und dass wir in
gemeinsamer Arbeit, von „rechts“ und von „links“ her, das Zentrumver-
stärken müssten. Zum Schlusse versuchte er zu zeigen, dass wir bei aller
Bereitschaft, zu lernen, weder in der Beurteilung des Sozialismus noch in un-
serer Hofinung auf eine Gotteszeit Ursache hätten, unsere Position wesentlich
zu ändern, sondern bloss treu und lebendig sein müssten. — Die Aussprache
warf sich stark auf die Auseinandersetzung nach „rechts“, Leider waren ja die
„Linken“ gar wenig vertreten. Gegen die falsche Relativierung unseres Tuns
durch den Barthianismus und die „gebrochene“, d. h. oft äusserst hochmütige
Haltung der jüngsten Theologengeneration wurden sehr scharfe Worte gesagt.
Der vierte Tag führte wieder auf dieser Linie weiter. Nach dem
Glauben musste nun die Theologie drankommen. Wir wollten uns einmal
gründlich mit dem theologischen Problem auseinandersetzen, und dies auch
für die „Laien“, damit diese dagegen gewappnet seien. Selbstverständlich
508
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an die „neue Theologie“,
Trautvetter gelegt. Wieder bin i
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schwer macht. Es schied scharf zwischen dem Leben, das sein
nmittelbar aus Gott bezieht und der Theologie, die dieses Leben
es bedeutet eine Grundsünde. Denn Gott lässt sich nicht besitzen, Auch
- Christus wahrt sein Inkognito. Er ist öfters nicht da, wo man seiner ganz
sicher ist und ist dafür da, wo man scheinbar nichts von ihm weiss. Die
Gefahr ist riesengross, dass man schliesslich Christus bloss in der Theologie
hat und am wirklichen vorüber geht, ja ihn kreuzigt. Man kann sich gar sehr
für den Ort des Kreuzes in der Dogmatik interessieren und am Ort des
Kreuzes in der Wirklichkeit kühl und vornehm vorübergehen. Dass diese
gefährlichen Möglichkeiten aller Theologie, in deren neuestem System beson-
ders stark Wirklichkeit geworden seien, betonte der Redner ausdrücklich. —
Wie gesagt: ich bin froh, dass das Referat gedruckt wird, denn mein Bericht
ist nicht nur allzu unvollständig, sondern ich bin auch nicht ganz sicher, ob
meine Formulierungen auch nur völlig zutreffend sind. — In der Aussprache
meldete sich nun auch die besonders angegriffene Theologie selbst zum Wort
und verteidigte energisch ihren Gesichtspunkt. Der Referent anerkannte in
seiner Antwort noch ausdrücklich, dass die „neue Theologie“ als Theologie
äusserst wertvoll sei; er anerkannte noch mehr als der Schreibende es getan
und auch jetzt tun könnte, ein gewisses Recht ihrer Kritik an der religiös-
sozialen Haltung, aber er tadelte mit gleicher Entschiedenheit wie vorher das,
was ich ihren Theologismus nennen möchte, und die selbstgerechte und un-
gerechte Art besonders ihrer jüngsten Vertreter. Von theologischer Seite
wurde auch die Frage gestellt, warum wir denn erklärten, gegen die „Theo-
logie“ zu kämpfen, statt bloss gegen eine schlechte Theologie Auch wurde
darauf aufmerksam gemacht, dass im Marxismus die Entwicklung aus „Re
— ligion“ zu. „Theologie“ — mutatis mutandis — in ähnlicher Form und mit
ähnlichen Folgen vor sich gegangen sei. Im übrigen war die Stimmung der
grossen Mehrheit der Teilnehmer, die ja aus „Laien“ bestand, dieser ganzen
Verhandlung gegenüber etwas geteilt. Man empiand auf der einen Seite
Trautvetters Denkweise als befreiend, fühlte sich aber in dieser ganzen Aus-
einandersetzung über die Theologie nur halb zuhause. Jedenfalls ist festzu-
stellen, dass diese Verhandlung über .die Theologie die eiirigste Aussprache
von allen erzeugte. Wir brauchen sie nicht zu bereuen.
Der fünfte Tag führte wieder das Problem weiter. Es handelte sich
nun um die rechte Form der Verkündigung und überhaupt Vertre-
tung unseres Glaubens, und zwar besonders gegenüber dem sozialisti-
schenProletariat und unter ihm. Das Referat hatte Pfarrer Lejeune.
Wieder kann ich bloss die Hauptpunkte der Verhandlung andeuten. Der Red-
ner beleuchtete das Problem besonders anhand des Buches von Piechowsky:
Proletarischer Glaube“. Er kam dazu, festzustellen, dass das Proletariat
viel weniger aus irgend welchen theoretischen Zweifeln heraus zum
sogenannten Freidenkertum gelange, als aus Opposition gegen die soziale
Haltung der Kirche, besonders ihre Stellung zum Krieg und zum Besitz.
Es schien ihm, als ob ein gewisses Aufleben des sozialistischen Freidenker-
tums auch bei uns in der Schweiz gerade daraus zu erklären sei. Jedentalls
wird diese Auseinandersetzung in der nächsten Zeit eine unserer wichtigsten
Aufgaben sein. Wir werden dabei das ganze Recht, das in dieser sozialisti-
schen Opposition gegen die Religion liegt, erkennen und anerkennen müssen,
um von da aus weiter zu führen. Jedentalls werden wir nur in dem Masse
509
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den „Neuen Wegen“ erscheinen wird. Denn es war von
d Gedrängtheit, die eine Wiedergabe in Stichworten be-
| ormeln bringt und damit jenen Zwiespalt erzeugt, der vielleicht
‚schlimmer ist als alle andern: die Trennung der Geister durch die „Religion“.
Mit den Formeln stellt sich auch das Gefühl des Besitzes ein und auch
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etwas ausrichten, als das offizielle Christentum seine Haltung ändert. Darum _
ilt es auch hier einzusetzen. Zum Verza ist kein Anlass, Auch diese
Eisen und eindringlichen, dazu so tiefernsten Ausführungen schufen wieder
eine starke seelische Spannung. — Die Aussprache betonte besonders auch
dieses Recht, das im sozialistischen Freidenkertum liegt, das aber freilich
nicht durch die Intellektuellen vertreten werde, sondern im ursprünglichen
Empfinden des einfachen Arbeiters liege. Wir stehen, trotz aller grossen bis-
her getanen Arbeit, die gewiss nicht umsonst war, vielleicht erst am Anfang
einer Lösung dieses unseres grössten Problems und werden gut tun, Zu-
rückhaltung zu üben. Zu sieghaftem Auftreten fehlt uns allerlei,
besonders der ihtergeinil einer „christlichen‘ Wirklichkeit. Die Lage
ist ernst, aber nicht düster. Die nun mit einer gewissen Leidenschaft erwachte
religiöse Auseinandersetzung ist nicht nur mehr wert als Gleichgültigkeit,
sondern auch mehr als eine oberflächliche Begeisterung. Die „Religion des
Sozialismus“ brauchen wir jedenfalls nicht zu fürchten; die hat zu wenig
Grund.
Ich bin mir, wie gesagt, der Unzulänglichkeit dieses Berichtes bewusst. Es
ist ein verkürztes Bild, und es ist nicht unmöglich, dass da und dort etwas }
nicht Unwesentliches fehlt. Da ich nicht daran dachte, einen solchen Bericht
verfassen zu müssen, habe ich mir keine Notizen gemacht und seit jener
reichen Oktoberwoche. ist mir wieder viel durch Kopf und Herz gegangen.
Ich denke aber doch, dass ich alle Hauptthemen der Verhandlung berührt und
nichts oder sehr wenig falsch dargestellt habe. Es scheint mir im übrigen
nicht unwichtig, dass die Freunde, die nicht dabei sein konnten, wenigstens
diesen Bericht bekommen und damit in die Lage versetzt werden, die Fragen
und Aufgaben, die er markiert, auch zu den ihrigen zu machen. Diese
Dinge müssen, so schien es uns, jetzt unter uns allgemein verarbeitet werden,
wenn wir vorwärts kommen sollen.
Hinzufügen will ich noch, dass wir an zwei Abenden auch die Probleme
der sozialistischen Lebensgestaltung und der sozialisti-
schen Bildung, besonders der Volkshochschule, besprachen.
Beide Themen waren ja aus den übrigen Verhandlungen immer wieder aui-
getaucht und das erstere beschäftigte besonders die Jugend. Gerade diese
Themen aber müssen wir gründlich weiterführen, denn sie konnten doch
bloss gestreift werden. Und so auch das Problem unseres Verhältnisses zur
Jugend und Jugendbewegung.
‚ Am Samstag endlich haben wir allerlei mehr organisatorisch-prak-
tische Aufgaben der Bewegung besprochen. Stark wurde betont, dass wir
ihre innere und äussere Einheit wahren müssen, und es wurden Mass-
regeln beschlossen, die diese auch äusserlich fördern sollten. Es wurde auch
eine energischere Art des Kampfes für die Sache, die wir für wahr halten,
gefordert und vor falschem Pazifismus gewarnt. Dabei kam selbstver-
ständlich die Frage auf, wie wir die Diktatur der Presse, und zwar nicht
nur der bürgerlichen, brechen und mithelfen könnten, mehr Wahrheit und
Anstand in sie hineinzubringen. Auch die weitere Verwertung der an dem
Kurse gehaltenen Vorträge wurde erörtert. Von mehreren Seiten kam das
Verlangen, das in Casoja Geleistete an andern Orten, wenn auch in abgekürz-
ter Form, zu wiederholen. Auch diese Verhandlung war lebendig und warm
und bildete durchaus einen guten Abschluss des Ganzen.
Immer haben wir nicht geredet und zugehört. Besonders der Abend
brachte uns auch das frohe und ernste Lied, edle Musik, herzerquickendes
Zusammensein. Mit diesem Bericht ist ja das Allerbeste, das uns die Casoja-
Woche brachte, noch nicht einmal angedeutet: das ist der Geist der brüder-
lichen Gemeinschaft, der uns mit seiner Wärme umfing, der Geist der Freude
an dem Dienst einer grossen und schweren Sache, der uns wie eine Sonne
strahlte, die Zuversicht zu dem Fortschreiten dieser Sache, die sich Allen mit-
510
Er: Vor dem Divisionsgericht VIb standen am 26. Oktober: Fritz Zwei-
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fig in dritter Verweigerung. Eine Anzahl von Freunden hatte sich zu den
Verhandlungen eingefunden, sodass der etwas kleine Gerichtssaal drückend
voll wurde. Es muss durchaus anerkannt werden, dass die beiden Angeklagten
ra;
anständig und sogar höflich behandelt wurden. Ihre Unbescholtenheit und die
u. Lauterkeit ihrer Ueberzeugung wurden voll anerkannt. Sogar die militär-
- dienstliche Qualifikation der Beiden wurde anerkennend hervorgehoben.
Dienstverweigerer sind eben keine Drückeberger, sondern durchwegs die
R „besten Soldaten“! Verständnislos standen die Richter der religiösen Be-
. gründung der Dienstverweigerung gegenüber. Es war reichlich naiv, wenn
- der Grossrichter aus der Berufung auf Jesus, wie Zweifel sie zum Ausdruck
brachte, darauf schloss, dass wir vom offiziellen Christentum, das doch
keineswegs die Dienstverweigerung fordere, offenbar keine gar gute Mei-
nung haben, dass es also nach unserer Meinung mit dem wirklichen Christen-
tum recht bös bestellt sei. Man möchte recht wünschen, dass diese Herren
einmal den Hohn eines Kierkegaard über das Massenchristentum („wir sind
ja alle gleicherweise Christen“!) auf sich wirken lassen würden, oder noch
besser, dass sie sich einmal ernstlich in- die Bergpredigt vertiefen möchten,
- damit es ihnen klar würde, dass Christentum doch etwas anderes und nicht so
>a
„tief religiöse Oberstkorpskommandant“ Sprecher genannt, dem man doch
3 christliche Gesinnung nicht absprechen könne. Sehr gut antwortete Martig
darauf, dass er in keiner Weise über das Christentum Sprechers urteilen
wolle, dass er aber seinerseits aus seiner eigenen Ueberzeugung ebenso die
_ Konsequenzen ziehen müsse, wie es Sprecher für sich auch getan. Und
< treffend antwortete der Verteidiger Martigs, Dr. Wolf (dessen Verteidigung
- besonders genannt zu werden verdient und auch dem Gericht, und sogar dem
Auditor (!) Eindruck gemacht hat), dass gerade Sprecher es gewesen ist, der
auf Grund seiner religiösen Einstellung für die Dienstverweigerer Zivildienst
- gefordert hat! — Verlegenheit und Ratlosigkeit —, es ist für die Hüter des
Bestehenden immer eine sehr unangenehme Sache gewesen, wenn sie der Re-
volution Christi begegneten! Mit Recht hat man an das Wort erinnert, das
Gandhi seinen Richtern entgegen gehalten hat: „Demissionieren Sie, oder ver-
urteilen Sie mich.“ Und verurteilt sind die beiden Verweigerer auch worden,
Zweifel zu drei Monaten Gefängnis und ein Jahr Einstellung in den bürger-
lichen Ehren, Martig zu zwei Monaten und ein Jahr Einstellung.
Wir aber stehen als Zuschauer dabei, fühlen uns mitschuldig an der
Schande, die über solchen Gerichten und Urteilen liegt, und fragen: Wie
lange noch? G. Felix, Präz.
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IE Sp ‚ En rl e RT
511
iakon, und Andreas Martig, Lehrer, ersterer in erster und Mar-
Selbstverständliches ist wie Brotessen! Selbstverständlich wurde auch der .
ar „. v - “
ee Re
_ Nüancierung, Beobachtung, Verarbeitung der Sinneseindrücke, a 32
_ fähigkeit heraus ein Gesetz, eine Ursache-Wirkungenkette, eine
En Fe
Wenn wir von dr Denkmethode Tolstois spre
so sind wir gezwungen, an ihr sehr viel Gegensätzliches, damit \
derspruchsvolles herauszulesen. Einerseits aus einer souveränen
herrschung und Verwendungsfähigkeit der Sinne heraus die reicl
ig =
denen ein ursprüngliches, aussergewöhnliches, in höchstem Ma &
künstlerisches Darstellungsvermögen entspringt. Andererseits das
immer wiederkehrende Bestreben Tolstois, aus der Abstraktions-
Fiktion zu bilden und dann von dieser Idee, von dieser Fiktion aus
den Reichtum des sinnlich Wahrgenommenen zu betrachten und zu
deuten, und wo er analysiert und reflektiert, zu entwerten. Diese
letztere Eigenschaft und Methode prägt sich je länger je mehr aus,
sodass der ältere Tolstoi das gefundene Gesetz, die geglaubte Fik-
tion der Darstellung voranstellt und ausschliesslich der Tendenz zu
dienen gewillt ist, was ihm allerdings von seiner überreichen Be-
gabung, glücklicherweise immer wieder, bis zuletzt, bis zu seinen
eigentlichen Tendenzdichtungen durchquert wird, sodass sie trotz
allem grosse, wahre,‘ buntgestaltete Schöpfungen bleiben und eben
durch ihren Reichtum der Wahrheit, die er so sehr in vereinfachten
Vergeistigungen sucht, ein Stück Weges weit dienen müssen. Aber die
Tendenz zur Vereinfachung, zur Gesetzfindung, zur Kodifizierung
seiner Gedanken trägt sehr häufig die zur Methode gewordene
einseitigeOrientierung in sich, so einseitig, dass er ver-
absolutiert, dass er zu Standpunktsbetrachtungen ge
langt und von ihnen aus die gesuchte Wahrheit entschieden ent-
stellt und fälscht. Wir wollen dies später, der Entstehung seiner
Werke folgend, an einigen Beispielen nachzuweisen versuchen.
Ein anderes Gegensatzpaar, das sich mit dem genannten ver-
webt, führt uns auf das persönliche, leibliche und geistige
Erleben Tolstois zurück und erklärt uns die Stellungnahme zu Fra-
gen, die bei ihm immer wiederkehen. Tolstoi, der Prediger der
Güte, in unzähligen seiner Lebenshandlungen an Güte sicher ein
Heiliger, ist unablässig. mit sich selbst beschäftigt, dreht sich sein
Leben lang immer um das eigene Ich, wäre, hätte er nicht über einen
so unerschöpflichen geistigen Gabenreichtum verfügt, bestimmt mit
einer gewissen Art seiner Denkmethode zum nervösen Beziehungs-
kranken geworden und war es in der Tat auch zu verschiedenen
Zeiten seines Lebens. Ihn quält sein Leib, vom Anfang bis zum
Ende seines Dasein. Er beschäftigt ihn beständig; schon in der
Jünglingszeit ist er über sein Aussehen entsetzt, plagt sich beispiels-
512
nn a ZE
Ihn
je er je mehr ıerträglichkeit Far:
nd Anhänger, der Gedanke an die Vergänglich
‚Leibes, der Gedanke an den Tod. Man begeent
tungen bei Tolstoi manchmal geradezu wie
Es ist sicher nicht immer Bekenntnismut ds an
änglichkeit und an ein Jenseits glaubenden Christen, dr
‚vom und um den Tod herum zu reden, ihn in seinen
in den verschiedensten Formen immer wieder auftreten
‚ das Memento mori, das „Gedenke des Todes“, immer
r vor unsere Augen zu bannen, sondern Angst davor, Furcht, tt
tas vanitatum, die Eitelkeit aller Eitelkeiten, nicht vergänglich
‚sein zu wollen, Hochmut des sich zwar Demut gebietenden Willens,
- dessen leitender Geist aber nicht fassen kann, dass es mit dem leib-
ichen Ende aus, gänzlich aus sei und dass auch ein Tolstoi, wie
alle andern, ins Gras beissen und in den anorganischen Zustand
übergehen müsse. Und wenn Tolstoi schon in seiner Kindheit beich-
tet: „Aus dieser ganzen schweren Arbeit sittlichen Nachdenkens
habe ich nichts hinweggetragen als eine geistige Dehnungsfähig-
keit, die meine Willenskraft lähmte und die Angewohnheit, bestän-
dig eine moralische Analyse vorzunehmen, die die Frische des Ge-
fühls und die Klarheit des Denkens ertötete. Meine Neigung zu ab-
- strakten Grübeleien führte mich oft zu den eigentümlichsten Ge-
dankensprüngen und weit ab von der Frage, die mich ursprünglich
beschäftigt hatte. Wenn ich mich selbst fragte, warum ich dachte,
so antwortete ich: Ich denke, warum ich denke. Und warum denke
ich jetzt? Ich denke, dass ich denke, woran ich denke usw. Da
steht einem der Verstand still,“ — wenn Tolstoi von dieser Denk-
methode schon in seiner Kindheit beichtet, so können wir damit,
wie gerade bei unseren nervösen Kranken, die behindernde Mecha-
nisierung gewisser Fähigkeiten nachweisen, wie wir ihnen im spä- '
teren Leben in noch ausgeprägterem Masse zu begegnen pflegen.
Hier ist eine Methode dargestellt, die das Denken einzwängt, das
Leben nutzlos belastet, die bei gewissen unserer Kranken die Angst
N vor der Angst vor der Angst vor der Angst hervorbringt; bie zum
B rein mechanischen Sich-ängstigen, — so auch mutet mich stellen-
2
weise die immer wieder auftretende Todesangst Tolstois an. Aller-
dings bleibt er eben der schöpferische Geist, der diese: Angst
schliesslich objektiviert, der ihr, wie im psychologisch erschütternd
wahren Tod des Iwan Iljitsch ein Denkmal setzt, mit dem sich der
Dichter selbst wesentlich befreit, abgeklärt, beruhigt haben dürite.
513
I a, nic :
a AFRN en Ki Me 4
. Wir wissen übrigens aus seinen ae EN ah
gab, da er mit ihm unerklärlichen Angstgefühlen nacht
und dass er selbst diese Vorkommnisse als mitbedingen«
Bedürfnis zum Gottesglauben buchte. (Daraus entstand das I
_ ment: Tagebuch eines Irren, 1884.) Wir sehen also nicht nur
dem Suchen nach absoluten Begriffen, aus der rein sozial durı
dachten ethischen Not, aus der Zuversicht heraus, dass der Me
ein Teil Gottes sein müsse, den Glauben an Gott und die Unsterb-
lichkeit in Tolstoi erwachen, sondern aus dem Urgrund allen Glau-
bens, allen religiösen Gefühls bei den Menschen, aus der Ohnmacht,
der Angst vor der eigenen Vernichtung und vor dem Wunder d es
Werdens und Vergehens. Tolstoi, der Glaubensstarke, gelangt zum
a Glauben wesentlich aus Schwäche, aus Ohnmacht, aus manchmal
Re geradezu krankhafter Verzweiflung. Nur immer mit dem Unter-
Be schied zum unproduktiven Schwachen oder gar Kranken, dass aus
seinen Kämpfen und Nöten Werke, in diesem Sinne Taten erwuch-
her sen, die vielleicht den Vorwürfen vieler seiner Nachfolger den
Stachel nehmen, dass nicht alle seine Taten mit seiner Lehre über-
Ba. | einstimmten, Taten, die durch ihre Entstehung aus vielgestaltigen
Schwankungen reicher und darum weniger vergänglich sind, als
wenn er vielleicht seiner Lehre in jeder Einzelheit nachgelebt und
sich dann versimplifiziert hätte. |
Unzulänglichkeit im wirklichen Lebenkönnen, fast krankhafte
Lebensungeschicklichkeit infolge der Denkmethode des allzuvielen |
Reflektierens und Analysierens ist oftmals bei Tolstoi der Antrieb
zu produktiven, künstlerischen und mehr oder weniger philosophi-
schen und religiös-philosophischen Schöpfungen, aber auch, zu“
sammen mit der Denkmethode der einseitigen Orientierung, zu For-
derungen, die einerseits dem Höchsten, dem Absoluten, Gott zu-
streben, andererseits die freie Entfaltung des Lebens verknechten,
das Leben verkürzen, abschneiden und sogar die eigene Erhaltung
behindern. Zumal bei Menschen, die solcher Lehre nachfolgen
wollten und nicht den ursprünglichen Reichtum einer Heroennatur,
wie diejenige Tolstois, zur Verfügung hätten.
Denn Tolstoi hat immerhin, trotz Leiden und Qualen, die er
sich und anderen verursachte, mit denen er trotz seiner Lehre von
der Güte, Liebe und Hingabe nicht immer allzusehr rechnete, ganz
erträglich lange, auf seine Gesundheit und sein irdisches Wohl-
ergehen sorgsam bedacht, gelebt. Er verlachte die Wissenschaft,
hasste die Aerzte, machte sich immer wieder über sie lustig. Aber
um ihn herum waren Aerzte vielfach bemüht; er hatte in den letzten
Jahren einen Freund und „Leibarzt“ beständig in Jassnaja Poljana.
Nach Astapowo wurden ihrer mehrere wie an das Sterbelager
eines Fürsten herbeigerufen, in einem Extrazug herangeführt. Er
514
n
R
vorspielen musste. Aus seiner einseitigen Orientierung heraus e-
klärte er den grössten Dichtern schonungslos den Krieg, konnte
= tigen Betrachtungsweise heraus verwechselte, lässt sich Schritt für
kel, ja diesenfalls von der Froschperspektive seines sittlichen Fana- =
tismus aus beurteilend und die Viel- und Gleichzeitigkeit der höch-
sten Werte, der Wahrheit in allen Beziehungen nicht mehr erfassen m
könnend. =
n 3 2 4 + ee * 5 R
Die Entwicklung dieser Abwendung von den Kulturwerten, die Er
Tolstoi letzten Endes mit solchen der Zivilisation aus seiner einseı-
Schritt, nicht erst durch die „Krise“ bedingt, verfolgen.
Kurz vor der Verheiratung (1859) schreibt er die reinste, viel-
leicht glücklichste seiner Dichtungen, „Familienglück“, — wenn :
man wollte, liesse sich auch hier zeigen, dass die Tendenz, diesen- vi
falls die Liebe und Ehe als etwas Segensreiches darzustellen, dass
diese einseitige Orientierung hier zur Bejahung sogar des Ge-
schlechtlichen in zarter Weise führt. Mit der Gründung der eigenen
Familie tritt Tolstoi in eine reiche Schaffensperiode. Von den Schul-
>
Be
- problemen, — er beschäftigte sich mit der Bildung seiner Bauern
in Jassnaja Poljana, — wendet er sich einem weitausspannenden
Epos zu, das ursprünglich die Zeit und das Wollen der Dekabristen
darstellen sollte, aber in den Anfängen stecken blieb, weil Tolstoi,
um die Geisteswelt der Dekabristen historisch zu untermalen, auf
die Zeit vorher, auf die napoleonischen Kriege zurückgrifi und so
in fünf Jahren den Roman Krieg und Frieden schuf. Es
liegt mir hier nicht daran, Inhalt, Wesen und Kritik der einzelnen
Werke wiederzugeben, sondern einige Grundzüge im Charakter Tol-
stois anzudeuten, die uns zum Verständnis und zurWürdigung seiner
Persönlichkeit dienen können. Krieg und Frieden, dieses gewaltige
Mosaik von der Sinnlosigkeit des Krieges, führt in die Verwirrun-
gen und Wirrnisse verschiedenster Klassen und Schichten, ins Chaos
der menschlichen Seele, ist durchdrungen von grenzenlosem Mit-
leiden mit der misshandelten Menschheit. Es entialtete sich gleich-
sam als Fortsetzung der selbsterlebten Krimkämpfe, aus der Er-
kenntnis, in welche die drei Sebastopolerzählungen schliesslich
ausmünden, dass auch er, Tolstoi, einmal Kanonenfutter war. In
Krieg und Frieden, wie überall, wo Tolstoi der Künstler am Werke
ist, verraten sich kaum noch die einseitigen Orientierungen, kaum
515
noch die Tendenzen. Höchstens in den zu lang gesponnenen Be-
trachtungen über das Wesen der Geschichte. Aber gerade dort ent-
steht eine tiefbegründete, weit vorausblickende Revolution gegen die
traditionelle Heldenverehrung, in dieser Hinsicht objektiv ‚nach
allen Seiten, über jedem Nationalismus stehend. Nicht nur die so-
genannten, die „ofliziellen“ Helden, die Helden als Kriegsherren
und Generäle, wie zum Beispiel Napoleon oder Kutusow, machen
die Geschichte, sondern gerade sie sind von den tausend ineinander-
verwobenen Geschehnissen in ihre historische Bedeutung gehoben
und geschoben. Daneben wachsen unzählige kleine, anscheinend
unwesentliche Menschen zu Helden des Alltags empor. Immer wie-
der schimmern in der Darstellung Diskussionen mit dem Todes-
gedanken durch, stellt sich auch der Dichter, dieweil er sich in ver-
schiedene seiner Helden aufteilt, in verschiedenster Weise dazu ein,
sieht man alle Konflikte, die er später in zugespitzter Form aus-
tragen sollte, auf Schritt und Tritt heraus.
Und ganz das Nämliche gilt von dem zweiten, in drei Jahren
(1873—1876) geschriebenen Roman-Epos, von Anna Karenina.
Mereschkowski warf Tolstoi vor, die zahllosen Personen aus Krieg
und Frieden, aus der napoleonischen Zeit, seien nur kostümierte
Zeitgenossen gewesen; sie seien nicht dargestellt worden, als hätten
sie aus ihrer Zeit heraus gedacht. Es wäre dies wiederum, wenn
auch das Urteil nicht völlig stimmt — Tolstoi hatte sich durch
gewissenhaltestes Quellenstudium zweifellos in die Zeit, die er be-
schrieb, hineingelebt — ein Beweis dafür, wie überaus wichtig
Tolstoi de Grundprobleme und nicht die literarischen Ge-
sichtspunkte waren, die er in seinen Darstellungen vertrat. In Anna
Karenina, einer für Tolstois Zeitgenossen schonungslos mu-
tigen Gesellschaftskritik, reden neben den sozialökonomischen, den
Boden- und Bauernfragen, die sexualethischen Theorien mit, sieht
man einerseits die soziale Anteilnahme wachsen, wie andererseits
die Verneinung all dessen, was mit Sinnlichkeit zu tun hat, mehr
und mehr hervortreten.
Tolstois Bekenntnisse, seine Briefe sind die ganzen Jahre hin-
durch voller Zärtlichkeiten für seine Frau. Wir wissen aber, wie
sehr Sämtliches, was er in objektiver Form in seinen Roma-
nen und Novellen wirkte, autobiographischer Natur ist. Wir
finden in Anna Karenina den Doppelgänger Tolstois, Lewin, in
glücklicher Ehe, aber auch er schon zerfressen von allerhand Grü-
beleien über das Wesen des Lebensrausches. „Die Familie und die
Kunst können mir nicht genügen. Die Familie, das waren Un-
glückliche gleich mir. Die Kunst ist ein Spiegel des Lebens. Wenn
das Leben keinen Sinn mehr hat, vermag uns das Spiel des Spiegels
nicht mehr zu vergnügen.“
516
Venen ae ee
5 n is“ (1886), eine gewaltige Anklage gegen Habgier und Sinnlich-
- keit, die auch den primitiven Menschen unweigerlich ins Verderben
a
u
- führen.
4 = AR
Istoi selbst seine
Sott. (Mein
ache, sodass eine Reihe seiner schönsten Märchen, Legen-
aus ‚dem Volksleben heraus, entwirft er das aus dumpfester
Triebwelt ausbrechende Drama, „Die Macht der Finster-
Fr >
* * *
. Je mehr sich der alternde Tolstoi der reinen Nachfolge Christi
zuwendet, dabei übrigens mit den grossen Religionsstiftern des
FE.
Fr E
4
- Ostens sich beschäftigt, sie ihm gleichstellt, in regste Verbindung
mit zahlreichen indischen, japanischen, chinesischen Intellektuellen
und Weisen tritt, je mehr er das Evangelium der Liebe, der Güte
- verkündet, desto mehr tritt auch die Verneinung des Materiellen,
- die Entsagung in den Vordergrund. Ich kann mich oft des Ein-
druckes nicht erwehren, als liebte Tolstoi nicht nur nicht, sondern als
haste er gerade das, was er an sich noch als leiblich, als sinnlich
FERNE TEELH TER
u a
empfand, als sei daraus ein unmenschlicher Kampf gegen das Leben,
gegen die menschliche Natur entsprungen, deren Vergeistigung er
sich in verbissener Einseitigkeit vorstellte. Mit furchtbarem Schlage
holt er in der Kreutzersonate (1889) einundsechzigjährig
gegen die Doppelmoral der Gesellschaft aus, rückt uns einen Teil
ihrer sozialen Ursachen ungeheuer eindrucksvoll vor die Augen. Die
Erziehung der Frau zum Luxustiere, die dadurch ganz und gar auf
die Beschäftigung mit ihrem Leibe, im besten Fall auf ihre Fort-
pflanzungsgeschäfte angewiesen wird, die Verderbtheit der Män-
ner, die sich die Frau zu ihrem Genusse auf solche Weise züchten,
sie so haben wollen und die offenen und verborgenen Verbrechen,
die daraus entstehen. Trotzdem bleibt die Tragödie der Kreutzer-
sonate ein Einzel-, nicht ein typischer Fall, wird ein Kriminalfall
verallgemeinert, dessen psychologisches Zustandekommen nicht
überzeugt. Wenn man bedenkt, dass Tolstois Frau dreizehnmal ge
bar, zehn ihrer Kinder selbst nährte, dass das Familienleben in
517
Volkserzählungen entstehen. In diesen Jahren, ebenfalls ganz B:
Jassnaja Poljana ein ungetrübtes war bis zum Augenblicke, da die
Gräfin Tolstoi sich für ihre materielle Existenz und das Erbe ihrer
Kinder wehrte und ihres Mannes Anschauungen Widerstand lei-
stete, so kann man die Ursache des heranwachsenden Uebels nicht
auf das prinzipielle Unglück, dass zwei Partner, wie die Eheleute
Tolstoi, geschlechtlich aufeinander angewiesen waren und sich
“ wohl auch sinnlich liebten, zurückführen. Sondern hier schuf Tol-
stois Fiktion von der Ueberwindung des Fleisches die Tendenz und
im literarischen Werke die unwahrscheinliche, wenn auch in atem-
beraubender Leidenschaft dargestellte Katastrophe, wie sie sich in
der Kreutzersonate zuspitzt. Es wären aber letzten Endes doch
andere Lösungen übrig geblieben als diejenige der völligen Ent-
sagung, Verfluchung und Ermordung des Fleisches, Lösungen, wie
sie denn auch Tolstoi viel später, neben den nämlichen Verwün-
schungen der Sinnlichkeit und Doppelmoral, in der „Auferste-
hung“ immerhin gefunden hat.
Im Beispiel der Stellung des alternden Tolstoi zur Geschlechts-
frage, — er ruft einmal beschwörend aus, man wolle doch nicht
Liebe und geschlechtliche Liebe miteinander nennen! — lässt sich
nachweisen, wie sehr ihn die einseitige Orientierung zu unrichtigen
und unmöglichen Verallgemeinerungen führte. Zwar — die Kreut-
zersonate möge auch heute recht viel gelesen werden, um in Verhält-
nisse zu zünden, 'wie sie jetzt und immer in einer verfaulten Gesell-
schaft bestehen und bestehen werden und wie sie beim Zusammen-
treffen widriger Umstände leicht zum Verbrechen führen können.
Wobei übrigens nicht die Beethoven’sche Musik daran schuld ist,
wie der Titel der Novelle fälschlicherweise vermuten liesse. Wenn
wir in unserer heutigen Zeit, dank allerhand Modeströmungen,
nicht zuletzt auf dem angeblich wissenschftlichen Gebiete der Psycho-
analyse an die Unverschämtheit, mit der sich alles Geschlechtliche
breit macht, denken, so müssen wir dem Propheten Tolstoi folgen.
Wenn wir sehen, wie die Sexualität überbetont wird, wie das Evan-
gelium vom Sich-ausleben-lassen immer nachdrücklicher gepredigt,
wie der ohne jede geistige Einstellung und Entscheidung isoliert ge-
suchte, materielle Geschlechtsgenuss weder als etwas Unsoziales,
noch als etwas Sozialwidriges gewertet wird, ja wie ge
wisse Grenzen, die man ziehen muss, aus selbstverständlichen
Gründen der Geschlechtsausgelassenheit- und seelenlosen Sexual-
verrohung, vollständig verrückt werden, und wie infolge
der Lehre von der angeblichen „Verdrängung unbefriedigter
Triebe“ ernsthait geglaubt wird, die soziale Not, Streike, Revolutio-
nen und Kriege hätten ihre tiefsten Urgründe in der allzugehemmten
Sexualität (Psychoanalyse), so müsste man in den Verzweillungs-
schrei der Kreutzersonate einstimmen. Man müsste, nach dem Bei-
518
diesen
diesen wid | Formen
zu werden, um sich ı
en Mitmenschen körperlich sexuell veranlagt ist.
| stoi sieht, dass bei einer sehr grossen Zahl von müssigen
oder inhaltlosen Mitmenschen das Geschlechtliche ganz im Zentrum
des Lebens liegt, dass die geschlechtliche Liebesfähigkeit künstlich
_ übermässig aufgepeitscht wird und alle übrigen Fähigkeiten über-
- wuchert, dass sie in Selbstzweck und gedankenlose Geilheit aus-
_ artet, so hat er mit seinem Proteste recht. Nicht aber, wenn er den
_ Naturforscher gänzlich verhöhnt, der erkennt, dass zum Wesen der
_ menschlichen Natur auch das Geschlechtliche als ein Bestandteil, als
ein Frontabschnitt unter vielen anderen Lebensfrontabschnitten ge-
' hört, der von vorneherein und zu Unrecht einfach als das Tierische
und das Viehische gebrandmarkt wird. Was wissen wir übrigens
' davon, ob nicht auch das Tier an seinen Sexualhandlungen seelisch
‚beteiligt ist? Warum wäre die letzte gegenseitige körperliche Hin-
gabe nach seelischer Entscheidung der Quell allen Uebels? Als ob
nicht gerade die leibliche Lust, vom Geiste geführt, zu unerhörten
Lebenssteigerungen zu führen vermöchte. Als ob nicht gerade die
Ehe, sofern sie auf richtigen Voraussetzungen sich aufbaut, durch
die geistige Entscheidung im Menschen die Quelle der Sexualnot
aufhöbe und ihm. eben durch diese Lösung Spielraum zur weiteren
seelischen Entfaltung gewährte, sodass er nicht vom Denken an das
_ Geschlechtliche ununterbrochen besessen zu sein braucht. Wie un-
7
u EN > EN:
Ei
der körperlichen Liebe Sünde und Unheil heraufbeschworen werde,
indessen es nicht nur der Erhaltung der Art, sondern auch dem ein-
samen Einzelschicksal aus der Verdopplung mit dem Geschlechts-
. liebespartner Entfaltung gewährleistet. Aber allerdings nicht in der
von allem Geistigen losgelösten, künstlich und unnatürlich isolier-
ten Geschlechtsbegierde, wie sie sich in jeder illustrierten Zeitschrift,
- in jedem Kino, in jedem Plakat, in jeder auf sexuelle Angeilung er-
- pichten Tanzdarbietung prostituiert. Schamlos ist auch in der heu-
tigen wie in jener Gesellschaft, die Tolstoi zum Ausgangspunkt
seiner Kreutzersonate nahm, diese halbverhüllte, libertinistisch öf-
FON OTEI WE a a a ie a E
fentlich legitimierte Exhibition, diese undelikate Schaustellung des‘
Fleisches, die jener Geschlechtsliebe Hohn spricht, welche sich aus
tiefster Natur, seelisch geführt und sorgsam verwaltet, aus tausend
guten Gründen in die Intimität des Schlaizimmers zurückflüchtet.
Es kann einer wohl zum Heiligen werden, das heisst, vermeinen,
ein Sucher zu sein, der nur das Geistige will und erkämpit, — da-
mit erledigt er keineswegs die Rechte der Natur, die Tatsache, dass
519
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erden, ı ı nicht bewusst zu werden,
1e Weise, wie alle diese wahllos geschlechtlich
selig der zerstörende Gedanke, dass durch das Glücksmoment in
ame. ie
u ch
. \ "EUR,
Rechte und Tatsachen,
bens liegenden Zustand einzugehen.
Und genau so einseitig, wie Tolstoi das Geschlechtsproblem
zu lösen suchte, glaubte er an die Umänderung der verfehlten, wirt-
schaftlichen Erdenverhältnisse. Er verzichtete für sich selbst auf
Eigentum, auf Besitz. Er gab ihn seinen Verwandten, um nicht von
ihm bedrückt zu sein, eine Lösung, die ihn selbst nie befriedigte,
stets weiterquälte. Er lebte doch, bis wenige Tage vor seinem Tode,
wohlbetreut im Hause zu Moskau oder zu Jassnaja Poljana, er war
nie proletarisiert, bei äusserster Bescheidenheit, beim Verzicht auf
mancherlei materielle Genüsse doch nie um seine leibliche Existenz
in Sorgen. Ja, die Gräfin Tolstoi äusserte einmal, ihr Mann habe
keine Ahnung, wie sein Vegetarianismus ihr in der Küche mehr Mühe
mache, mehr Erfindungsgeist zur Bereicherung der Tafel erfordere,
als die gewöhnliche Kost. (Tschechow tat übrigens aus Opposition
gegen die asketisch-moralisierende Tendenz Tolstois den Aus-
spruch: Dampf und Elektrizität enthielten mehr Menschenliebe als
geschlechtliche Keuschheit und Vegetarianismus.) Tolstoi konnte
schaffen und schreiben, geistig arbeiten, wann und wie er wollte,
ja durite gewiss sein, dass sich sogar das, was ihm seine geistige
Arbeit eintrug, für die Seinen äufnete. Er machte dann allerdings
in seinem letzten Lebenssommer in aller Heimlichkeit vor Frau und
Kindern, recht romantisch, mit Freunden zusammen, im Walde, auf
einem Baumstrunk sitzend, ein Testament, in welchem er ausbe-
dang, dass der Ertrag aller seiner literarischen Erzeugnisse, alles,
was bis zu dem Tage seines Todes aus seiner Feder vorhanden sein
werde, seiner Tochter Alexandra gehöre, in der Voraussetzung,
dass sie hernach dafür sorge, diese geistigen Schöpfungen insgesamt
zur Publikation freizugeben und keinen Gewinn aus ihnen zu zie-
hen. Dort, wo er an die Verbesserung der Welt dachte, sah Tolstoi
von Jassnaja Poljana, oder doch nur von den russischen Agrar-
Kr
520
fr = IS j . . “ zu: p\ F . ; d J J
- verhältnissen aus an den Rand des Horizontes und glaubte zuver-
sichtlich, dass mit passiver Resistenz, mit der Lehre, dem Uebel nicht
zu widerstehen, nicht mit Gewalt, alles geändert werden könnte. Das
wirtschaftliche Uebel entsprang, wie er in seiner Schrift an die
Arbeiter ausführte, daraus, dass diejenigen, die das Land be-
bauten, selbst keines, oder zu wenig davon besassen. Wenn sie nun
einsehen lernten, dass Land zu besitzen ein Uebel, eine Sünde sei,
wenn sie weiter als Sünde betrachteten, und infolgedessen sich wei-
gerten, gegen Lohn das Land Anderer zu bebauen, so würden diese
Anderen ohne weiteres gezwungen werden, auf ihren: Landbesitz,
da er ja dann unbebaut, brach liegen bleiben musste, zu verzichten
und es den wirklich Ackernden, Pflügenden und Säenden zu über-
lassen. In kollektiver Bewirtschaftung aber werde es nun möglich
sein, einzelne notwendige Spezialisten und Handwerker reichlich
mitzuernähren. Tolstoi war zweimal in jüngeren Jahren kurz in
Westeuropa. Er verfolgte den Weltlauf von seiner vielgeschäftigen
Einsiedelei aus und las nur sehr einseitig. Mit der Lösung ‘der Bo-
denirage, wie sie in Russland von grösster, wenn sicher nicht aus-
schlaggebender Bedeutung war, hofite er die soziale Frage zu er-
ledigen.
Lenin, der sich mehrmals zu Tolstoi äusserte, griff ihn noch
zu Lebzeiten (1908) in seinem Aufsatz „Tolstoi als Spiegel der rus-
sischen Revolution“,') indessen er ihm als Künstler seine Wert-
schätzung nicht versagen konnte, heftig an. Unter anderem schrieb
Lenin: „Die Widersprüche in den Werken, in den Anschauungen,
in den Lehren und in der Schule Tolstois sind tatsächlich schreiend.
Einerseits ein genialer Künstler, der nicht nur unvergleichliche Bil-
der aus dem russischen Leben, sondern auch erstklassige Werke der
Weltliteratur geliefert hat. Andererseits ein Gutsbesitzer und Narr
in Christo. Einerseits ein merkwürdig heftiger, unmittelbarer und
aufrichtiger Protest gegen die gesellschaftliche Lüge und Unehrlich-
keit, andererseits ein „Tolstoianer“, d.h. ein abgenützter, hysteri-
scher Jammerlappen, genannt russischer Intellektueller, der sich
öffentlich an die Brust schlägt und sagt: „Ich bin schlecht, ich bin
ekelhaft, aber ich befasse mich mit moralischer Selbstvervollkomm-
nung: Ich esse kein Fleisch mehr und ernähre mich jetzt von Reis-
koteletts“. Einerseits schonungslose Kritik der kapitalistischen
Ausbeutung, Entlarvung der Gewalttaten der Regierung, der Ko-
mödie der Justiz und der staatlichen Verwaltung, Enthüllung der
ganzen Tiefe der Widersprüche zwischen dem Wachstum des Reich-
tums und der Errungenschaften der Zivilisation und dem Wachs-
tum der Armut, der Verwilderung und der Qualen der Arbeitermas-
1) Aus „L.N. Tolstoi im Spiegel des Marxismus“, Verlag für Literatur
und Politik, Wien-Berlin, 1928.
521
Zi 3
sen; andererseits ein blödsinniges Predige
nicht dem Bösen“ durch Gewalt. Einersei
Herunterreissen aller und jeglicher Masken,
gen der niederträchtigsten Dinge, die es | 3t auf
gibt, nämlich der Religion, das Streben, an Stelle beamteter
pen Popen aus sittlicher Ueberzeugung zu setzen, d.h. das Ku
. vieren des raffiniertesten und deshalb besonders widerwärtig«
Pfaffentums. Wahrhaftig: ee
Du bist armselig und reich,
mächtig und ohmmächtig zugleich —
Mütterchen Russland !“
Kurz nach dem Tode Tolstois tat Lenin in seinem Aufsa 2
BR
Bi, Tolstoi und die Arbeiterbewegung,') dar, wie Tolstoi aus dem pa
“ triarchalischen Russland der Leibeigenenzeit herstammte und wie
ER gerade darum sein Verdienst als Kritiker der gesellschaftlichen und
a ökonomischen Verhältnisse um so grösser sei. Er nennt ihn einen
v hervorragenden Kenner des ländlichen Russlands. „Die Kritik Tol-
stois,‘“ sagt Lenin unter anderem, „ist nicht neu. Er hat nicht ge
sagt, was nicht schon lange vor ihm — sowohl in der europäischen
a als auch russischen Literatur — gesagt worden wäre, von jenen, die
\ auf Seiten der Werktätigen standen. Aber die Eigenart der Tolstoi-
E schen Kritik und ihre historische Bedeutung besteht darin, dass sie
mit jener Kraft, die nur genialen Künstlern eigen ist, den Um
schwung in den Ansichten der breitesten Volksmassen: Russlands
in der genannten Periode und besonders des ländlichen Russlands
zum Ausdruck bringt. Denn die Kritik der modernen Ordnung bei
Tolstoi unterscheidet sich von der Kritik derselben Ordnung bei
den Vertretern der modernen Arbeiterbewegung gerade dadurch,
dass Tolstoi auf dem Standpunkte des patriarchalischen naiven Bau-
ern steht, dessen Psychologie in seine Kritik, in seine Lehre über-
trägt. Tolstois Kritik zeichnet sich deshalb durch eine solche Stärke
des Gefühls, der Leidenschaft, der Ueberzeugungskraft, der Frische,
der Aufrichtigkeit, der Furchtlosigkeit im Bestreben, „bis an die
Wurzel zu dringen“, die wahre Ursache der Verelendung der Mas-
sen zu finden, aus, weil diese Kritik in der Tat den Umschwung der
Ansichten von Millionen von Bauern widerspiegelt, die soeben aus
der Leibeigenschaft in die Freiheit gelangt sind, und erkannt haben,
dass diese Freiheit neue Schrecken des Ruins, des Hungertodes,
einer entwurzelten Existenz inmitten des städtischen „Lumpenprole-
tariates“ usw. bedeutet. Tolstoi spiegelt ihre Stellung so treffend
wider, dass er ihre Naivität, ihren Mystizismus, ihre Sehnsucht, der 1:
1) Tolstoi und die Arbeiterbewegung, Unser Weg, Nr. 7 xL# 3
1910. Deutsch in „Das neue Russland“, 1928, Heit 78. SO
522
gegenüber dem
Geldes“ auch in seine Lehre hineinträgt. Der Pro-
nen Bauern und ihre Verzweiflung ist es, was sich
eb Lenin‘) in einem Aufsatz über Tolstoi und seine
„Die Lehre Tolstois ist fraglos utopisch und ihrem Inhalte
. nach eaktionär in der wahrsten und tiefsten Bedeutung des Wortes.
_ Hieraus folgt jedoch weder, dass diese Lehre nicht sozialistisch ist,
- noch, dass in ihr keine kritischen Elemente enthalten sind, die ge-
_ schrittenen Klassen zu liefern.“ ö i
z Die Reyvolutionärin Rosa.Luxemburg verbeugt sich trotz diesen
— Unzulänglichkeiten, wie sie aus der rein marxistischen Standpunkts-
betrachtung, die auch wieder für die einseitig orientierte und dar-
um so machtvolle Stellungnahme Lenins typisch ist, hervorgeht,
vor der Grösse Tolstois, gleichzeitig vor seinem Zeitgenossen Do-
. stojewski: „Dostojewski ist, zumal in seinen späteren Schriften,
_ ausgesprochener Reaktionär, frömmelnder Mystiker und Sozialisten-
hasser. Seine Schilderungen der russischen Revolutionäre (für
die auch Tolstoi gar kein Verständnis hatte) sind boshafte Karri-
katuren. Tolstois mystische Lehren schillern zum mindesten. in re-
aktionären Tendenzen. Und doch wirken auf uns beide in ihren
Werken aufrüttelnd, erhebend, befreiend. Das macht: Nicht ihr
Ausgangspunkt ist reaktionär, nicht sozialer Hass, Engherzigkeit,
Kastenegoismus, Festhalten an dem Bestehenden beherrschen ihr
Denken und Fühlen, sondern umgekehrt: Weitherzigste Menschen-
liebe und tiefstes Verantwortlichkeitsgefühl für soziales Unrecht.
Gerade der Reaktionär Dostojewski ist der künstlerische Anwalt
der „Erniedrigten und Beleidigten‘, wie der Titel eines seiner Werke
lautet. Nur die Schlüsse, zu denen er wie Tolstoi, jeder in seiner
Art, gelangen, nur der Ausweg, den sie aus dem gesellschaftlichen
Labyrinth zu finden glauben, führt auf Abwege der Mystik und
Askese. Doch beim wahren Künstler ist das soziale Rezept, das er
empfiehlt, Nebensache: die Quelle seiner Kunst, ihr bleibender Geist,
nicht das Ziel, das er sich bewusst steckt, ist das Ausschlag-
gebende“.
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ne Fan „A,
* * *
, Der Prophet Tolstoi sieht sein Ende voraus: Acht Jahre vor
seinem Tode schreibt er vier Akte seines eigenen Lebensdramas von
den fünf geplanten unter dem Titel: „Und das Licht scheinet in die
Finsternis.“ (1902.) Immer und immer wieder will er fort aus dem
1) Tolstoi und seine Epoche, von N. Lenin. (22. Januar 1911, N. 6 der
Swjisda. L. N. Tolstoi im Spiegel des Marxismus, 12.)
523
.
Kapitalismus und der
Ss Lehre vereinigte.“ — Und ungefähr ein halbes Jahr
eignet wären, wertvolles Material für die Aufklärung der vorge
sorglose, weltliche Gastfreundschaft seiner Frau und Kinder no-
lens—volens mitgeniesst, — die aufrichtigen oder simulierten
Tränen seiner Frau hindern ihn daran. Obwohl er nicht an den
Festlichkeiten im Hause teilnimmt, sich bescheiden mit Schreinerei
in einer Werkstatt im Hause beschäftigt, klagt man ihn der Heuche-
lei seiner eigenen Lehre gegenüber an. Aber durch sein Wesen, durch
seine Reden, die niemanden zur Nachfolge auffordern, macht er
Proselyten und Unglückliche, die um seinetwillen leiden müssen.
Ein Pope, durch seine Lehre überzeugt, verlässt die Kirche. Ein
junger Adeliger verweigert den Militärdienst, wird ins Irrenhaus
geschickt. Tolstoi (im Drama heisst er Sarintzeff) ist von Zweifeln
zerrissen. Befindet er sich im Irrtum? Reisst er nicht die andern
in Leid und Tod? Der fünfte Akt des Dramas ist nicht geschrieben,
nur skizziert. Tolstoi lässt sich durch die Mutter des Dienstver-
weigerers, der zum Strafbataillon versetzt wurde, der mit Ruten ge-
peitscht werden soll, ermorden. Er stirbt freudig für seine Idee.
In diesem Drama des 74jährigen Tolstoi atmet jugendliche Kraft
des Ausdrucks, der Darstellung; erschütternd die Szenenbilder und
die Gespräche. Die ganze Lebensnot Tolstois in wenigen, zusam-
mengedrängten Sätzen. Das Dienstverweigererproblem, die indi-
viduelle Dienstverweigerung, wie sie heute sich stets wieder ab-
spielt: Gütiges Zureden derer, die etwas Derartiges nicht verstehen
können, Drohungen, Untersuchungen durch Polizei- und Militär-
behörden, schliesslich Diskreditierung durch die Klassenpsychiatrie,
die den Dienstverweigerer von vornherein zum anormalen Men-
schen zu stempein berufen wird.
Aber der nicht geschriebene fünfte Akt des Dramas war dann
doch die Flucht. Heimlich vorbereitet und vollzogen, zusammen mit
der jüngsten Tochter, löst sie zunächst aus, dass die Gattin Tol-
‚stois sich in den Teich stürzt und gerettet wird. Tolstoi ist un-
terwegs in beständiger Angst, er könne verfolgt und zurückgeholt
werden. Der Telegraph spielt die Nachricht von seiner Flucht in
alle Welt hinaus. Tolstoi sucht bei einer Schwester, einer Kloster-
nonne, Zuflucht, fühlt sich auch bei ihr nicht sicher, nimmt den
Zug (ll. Klasse) weiter nach Süden. Vielleicht hatte er die Absicht,
zu den Duchoborzen zu gehen, zu Mitgliedern jener Sekte, mit
denen er so sehr sympathisierte, die sich trotz grausamsten Repres-
salien geweigert hatten, Militärdienst zu tun und das Eigentum an-
zuerkennen. Ein grosser Teil von ihnen wanderte dann nach Ka-
nada aus und erkannte dort, zur grossen Enttäuschung Tolstois,
das Eigentum wieder an. Vielleicht wollte Tolstoi, — er und die
Tochter hatten wenig Geld mitgenommen, — zu ihnen. In der
Bahn erkankt er an einer Lungenentzündung. In Astapowo ist die
524
tun: u A ee
ungen sind voll von Berichten. Das Sterben des grossen
der bis fast zuletzt noch versuchte, sein Tagebuch zu dik-
% ,‚ wird ergreifend von seiner Tochter Alexandra geschildert.‘)
Seine letzten Worte an die Andern waren, als die Tochter ihn fragte,
- obsie ihm das Kissen zurecht machen solle:
„Nein, nein. Nur eines rate ich euch nicht zu vergessen; dass
es auf der Welt noch viele Menschen gibt ausser Leo Tolstoi, wäh-
rend ihr nur den einen Leo zu sehen scheint!“ Tolstoi hatte sich
geweigert, obwohl ein Erzbischof und ein Abt auf geheimgehaltene
Anordnung des heiligen Synods und Innenministers hin nach Asta-
powo gefahren waren, die kirchlichen Sterbesakramente zu empfan-
gen. Als er schon in der Agonie lag, wurde seine Gattin ans Sterbe-
lager zugelassen.
Das Begräbnis Tolstois, wie es sein Freund, der Musiker Gol-
denweiser erzählt, zeigt ergreifende Augenblicke — Tausende wa-
ren aus Moskau, Tuia und der Umgebung hergekommen und war-
teten nahe bei Jassnaja Poljana auf die Ankunft des Extrazuges mit
den sterblichen Resten des grossen Mannes. Extrazüge waren zu-
erst von Moskau abgefertigt, weitere dann aber von der Polizei ver-
boten worden. Tausende und Abertausende standen am Weg, über
den die Angehörigen den Sarg trugen, defilierten nachher vor dem
Toten in Jassnaja Poljana. „In dem Augenblick, da sich der Sarg
in der Tür zeigte (um zum Grabe im Parke von Jassnaja Poljana
getragen zu werden), liessen sich alle Leute wie auf ein Zeichen
auf die Knie nieder. Die Söhne und Angehörigen trugen den Sarg,
und später wechselten darin alle der Reihe nach ab. Es wurde „Ewig
sei dein Andenken“ gesungen. Im Walde war es still. Der Sarg
wurde zum Grabe getragen und in die Erde versenkt, wobei wieder
alle niederknieten und die ganze Zeit „ewig sei dein Andenken”
gesungen wurde. Beim Versenken des Sarges stand in der Nähe ein
Polizist, der aufrecht stehen blieb. Es wurde ihm zugerufen: „Poli-
1) Tolstoi, Flucht und Tod. Bruno Cassirer, Berlin, 1925.
%.
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325
ins Sterbezimmer ihres Gatten hineinzublicken versucht.
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zeimann, auf die Kniee!“. Da kniete au
den wurden nicht gehalten. — — Alles
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rsammelt. — — Es war schon ganz finster gewor | Be =
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‚Wie das Satyrspiel nach der Tragödie > k
und amtlichen Korrespondenzen und Telegramme an, die geuech-
selt wurden, während Tolstoi mit dem Tode’rang und unmittelbar,
nachdem er ausgelitten hatte.“ Es stellte sich später aus aufgefun-
denen Akten heraus, dass zwischen dem Gouverneur und dem Erz-
bischof von Tula Depeschen gewechselt worden waren, weil der
Innenminister und der heilige Synod gewünscht hatten, es möchte
alles versucht werden, Tolstoi vor seinem Tode in den Schoss der
Kirche zurückzuführen. Ferner fand sich ein Telegrammwechsel
zwischen dem Generalgouverneur von Rjasan und dem Chef des
Gendarmeriedepartements Moskau, aus dem hervorgeht, dass letz 7
terer einen Rittmeister mit fünf Unteroffizieren nach Astapowo ge-
schickt hatte, dass dieser Rittmeister den Gendarmeriechef in Mos-
kau beständig auf dem Laufenden hielt über die verschiedenen Etap-
pen des Sterbens Tolstois, da man befürchtete, die Zivilbestattung
Tolstois könnte sich zu einer politischen Demonstration gestalten,
dass man eine möglichst grosse Zahl Gendarmerieunteroffiziere
zusammenzog, dass man in einem Bericht unter anderem vermerkte,
wie die Zeitungskorrespondenten am wenigsten verlässlich gewesen
seien, unter denen es nur drei Russen gab: „die übrigen waren, °
wenn nicht Juden, so doch ausgesprochen jüdischer Abstam-
mung...“ Die letzte Depesche an den Gendarmeriechef in Moskau,
General lL.wow, lautet: „Bei Astapowo vorbeifahrende Passagiere be-
suchen das Stationsgebäude, befragen Beamten Krankheit Tod Tol-
stois. Zugang Wohnung Bahnvorstehers gesperrt, Bahnvorsteher
erhält von Tolstoianhängern aus Russland und Ausland Danktele-
gramme.“
Wenn auch der Löwe Tolstoi still und wie jeder Sterbliche
in den Frieden hineinging, vielleicht ähnlich wie Iwan Iljitsch, der
nach tagelangem Hader mit dem Tode, als er nun endlich kam, den
so grauenvoll leibhaft gesehenen nicht mehr sah.
„statt des Todes war Licht da.“
„Das also ist es!“ sagte er plötzlich laut. „Welch eine Freude!“
Und zum Schluss, als er die anderen sagen hörte: „Es ist zu Ende“,
RR dem Tode ist es zu Ende“, sagte er zu sich, „er ist nicht
mehr“. — — —
— wenn auch der Löwe Tolstoi so starb, so war es ihm doch
nach aussen nicht gelungen, ohne Aufsehen auszulöschen. Alles,
was mit der verhassten Zivilisation zusammenhing, bemühte sich
um ihn, alles Sensationslüsterne heitete sich an ihn, auch dann noch,
als der unerfreuliche Streit um sein Testament zwischen den Nach-
526
|
des, fragenaufwühlendes Leben vermitteln uns immerzu seine lite-
}
ei:
üb ht und Tod. TE
Aber das Leben, die Legende, das Sterben des Heiligen, seine
Werke leben ohne diese Zutaten fort und fort. Frisches, anregen-
_ rarischen Schöpfungen aus jeder seiner Daseinsperioden, doch wohl
das Unvergänglichste an Tolstoi: Den Religiösen und Gottsuchern
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ist er unerschöpfliche Fundgrube trostreicher Glaubenssätze, den
sozialen Kämpfern, auch, wo sie nicht mit seinen praktischen Vor-
_ schlägen einiggehen, ist er trotz allem als Vorkämpfer, als Märtyrer,
als unentwegter Diener seiner Idee ein geheiligtes Vorbild. Und in
. der Tat, wenn wir seiner Legende gedenken, dürfen wir nicht verges-
sen die zahllosen Einzelhandlungen Tolstois in fast allen brennenden
Fragen seiner und auch unserer Zeit, die ungezählten Proteste, zu de-
. nen er begeisterte, kämpferische Worte fand, in denen er geistig aktiv
und nicht passiv war, in denen er zum Widerstand aufrief, ob er
auch dem Uebel nicht widerstehen wollte. Ob er sich nun zum
Schutze veriolgter Sektierer einsetzte, ob er sich gegen die Todes-
strafe äusserte, ob er zur Hülfe für die Hungerleidenden auffor-
derte, immer wieder kam ein Appell an die Liebe, an die Mensch.
lichkeit, an die Selbstverleugnung und Selbstaufopferung, ein Mahn-
wort zur Besinnung auf Mitschuld und Mitverantwortlichkeit aus
Jassnaja Poljana und bewegte einen grossen Teil der denkenden
Welt.
_ Tolstoi warnte den Zaren Alexander III. brieflich, obwohl
er den revolutionären Terrorismus ablehnte, die Zarenmörder Ale-
xander des Il. hinzurichten. Er schrieb einen zweiten Brief an Ale-
_ xander den IIl., um ihn zu verhindern, einen wegen seines Glaubens
verfolgten Adligen zu verbannen. Er schrieb an Nikolaus den II.,
weil Sektierern, die ihre Kinder nicht hatten kirchlich taufen lassen
wollen, diese Kinder von Gendarmen mit Gewalt weggeschleppt
worden waren. Der letzte Brief Tolstois an Nikolaus II. stammt
aus dem Jahre 1902:
„Ein Drittel der russischen Bevölkerung befindet sich im Aus-
nahmezustand, d.h. ist vogelirei. Das Heer von geheimen und offi-
ziellen Polizisten wird immer grösser. Gefängnisse, Verbannungs-
orte und Zuchthäuser sind mit Hunderten, Tausenden von Krimi-
nellen und politischen Verbrechern, zu denen auch noch die Arbei-
ter gezählt werden, überfüllt. Die Zensur ist in ihren Verboten so
unsinnig, wie sie es nicht einmal in den schlimmsten Zeiten der
Vierzigerjahre war. Die Religionsverfolgungen werden immer hef-
tiger. Ueberall ist in den Städten Militär zusammengezogen, das
527
oten zu leb n: sein To: i ‚ :
= Andenken tellung der Berichte
& ag Fe
£. den Bi Zu
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”
‚mit scharfer Munition gegen das Volk ausgerüstet ist.
sunken, und zwar so sehr, dass man in allen Kreisen nicht nur die
Regierungsmassnahmen, sondern sogar den Zaren selbst verurteilt
und verhöhnt. Der Absolutismus ist eine überlebte Regierungs-
form, die vielleicht noch irgendwo in Zentralafrika am Platz ist, aber
nicht in Russland, dessen Volk immer gebildeter, immer aufgeklär-
ter wird. Man kann ein solches System hier nur noch mit Hilfe
von Gewalt, Ausnahmezuständen, Verbannungen, Hinrichtungen,
religiösen Verfolgungen, Bücher- und Zeitungsverboten aufrecht
erhalten.“ N
. Tolstoi, der Zweiundachtzigjährige, schrieb in seinem Todes-
jahr an Korelenko unter dem frischen Eindruck, den eine Artikel-
serie des letzteren gegen die Todesstrafe auf ihn gemacht hatte:
„Eben habe ich mir Ihre Schrift über die Todesstrafe vorlesen
lassen und konnte mich, so sehr ich mich bemühte, der Tränen, ja
des Schluchzens nicht erwehren. Ich finde keine Worte, um Ihnen
meine Dankbarkeit und Liebe für diese nach Ausdruck, Gedanken
und Gefühl gleich vortreffliche Arbeit auszusprechen. Sie muss
nachgedruckt und in Millionen Exemplaren verbreitet werden. Keine
Duma-Reden, keine Abhandlungen, keine Dramen noch Romane
sind imstande, den tausendsten Teil der wohltätigen Wirkung aus-
zuüben, die von dieser Arbeit ausgeht.
Sie muss deshalb so wirken, weil sie ein derartiges Mitleid mit
dem erweckt, was jene Opfer des menschlichen Wahns erlaubten
und noch erlauben, dass man ihnen unwillkürlich verzeiht, was sie
auch getan haben mögen, während man, so sehr man’s wünschte,
unmöglich den Schuldigen dieser Schrecken verzeihen kann. Neben
diesem Gefühl weckt Ihre Schrift noch ein Erstaunen über die selbst-
bewusste Verblendung von Menschen, die diese Grausamkeiten ver-
üben, über das Sinnlose ihres Tuns, denn es ist klar, dass alle diese
dummen Grausamkeiten, wie Sie dies ausgezeichnet dartun, nur das
Gegenteil von dem erreichen, was sie bezwecken. Ausser all dieser
Gefühle ruft Ihre Schrift noch ein anderes hervor, das mich ganz
erfüllt: Das Gefühl des Mitleids nicht mit den Gemordeten allein,
sondern auch mit jenen getäuschten, einfachen, missbrauchten Men-
schen: den Gefängniswärtern, Aufsehern, Henkern, Soldaten, die all
die Scheusslichkeiten verüben, ohne zu wissen, was sie tun.
Erfreulich ist nur dies: dass eine Schrift wie die Ihrige, viele,
sehr viele lebendige, unverdorbene Menschen in einem gemeinsa-
men Ideal des Guten und Wahren vereinigt, einem Ideal, das, mö-
gen seine Feinde sich gebärden wie sie wollen, immer heller und
heller aufleuchtet.“
528
Während
vor fünfzig Jahren zur Zeit Nikolaus I. die Autorität der Zarenherr-
schaft hoch dastand, ist sie in den letzten dreissig Jahren tief ge-
.
4
.
einem der ;
ihn verehren
| men, ' und Persönlichkeit in seiner Umwelt und durch sein
‚ganzes Leben hindurch verfolgt, müssen wir ihn in uns wirken
lassen, um ehrfurchtsvoll dem Geschaffenen gerecht zu werden und
tausendmal für das erhaltene und erworbene Gesamterbe zu danken!
' Der Not des Leibes fliehend, suchte er den Geist,
allein, der Körper hatte sich titanisch lieb.
Im Leben strauchelte der Heilige zumeist;
Aus Heiligem, das uns von Werk und Wirken blieb,
E- ward uns ein Weltgeist, der zu Sternen aufwärts weist!
#4 Charlot Strasser.
Ee.(): Rundschau ar
ann nme na mur sn En RER een
Monatsschau,
= 1. Weltpolitisches.
_ Nach der Völkerbundstagung und dem Aufsehen, welches das erste Auf-
treten der englischen Arbeiterregierung auf dem weltpolitischen Theater und
Kampiplatz verursachte, ist eine Ebbe eingetreten, Immerhin ist einiges Be-
deutsame geschehen.
ä An die Spitze stelle ich, als alles Uebrige an politischer, und nicht nur
politischer, Wichtigkeit bei weitem überragend, die Nachricht, dass die Ar-
beiterregierung wirklich beabsichtigt, Indien den dominion status, d. h.
2 jene beinahe vollständige politische Unabhängigkeit zu gewähren, welche die
Dominions: Kanada, Australien, Neuseeland, und ebenso die Staaten von
P Südafrika, geniessen, die ganz freie, nur in bezug auf die Weltpolitik mehr
- oder weniger an dieses gebundene Glieder des britischen Commonwealth of
_ nations sind. Der englische Vizekönig in Indien, Lord Irwin, hat Indien
diese Botschaft verkündigt, und die Wirkung: ein Nachlassen der leidenschaft-
_ lichen blossen Auflehnungsstimmung, sei sofort eingetreten. Dass, nebenbei
gesagt, dieser Vizekönig seiner Gesinnung nach Sozialist ist, verdient
wahrhaftig auch Erwähnung.
Kr In welcher Form diese entscheidende Wendung eriolgen wird, ob der
dominion status sofort eintreten soll, oder über einige vorbereitende Stadien
hinweg, ist scheints noch nicht klar, ist aber auch nebensächlich. Die Haupt-
sache ist, dass der gewaltige und kühne Schritt überhaupt eriolgt. England
hat seit dem Abfall der Vereinigten Staaten entschieden etwas gelernt. Die
Engländer sind offenbar ein Menschenschlag, der, zum Unterschied von ge-
529
«
-
tung aus dürfen wir sein Wesen und-Leben betrach-
Tolstoi von allen Seiten, sein Werk alles in allem ge
‚auch dort, wo wir hundertmal nicht einverstanden sein mögen,
wissen andern Völkern, das Handeln noch nicht verlernt hat. Und dass es
der Sozialismus ist (der „religiöse Sozialismus“, würde Freund Passy nicht
ohne Grund u: der diese Tat tut, darf uns mit hoher Freude erfüllen.
Das ist auch eine Gutmachung von vielem, was sonst in dieser letzten Periode
der Sozialismus getan oder unterlassen hat. ; BT, j
Ueber die Folgen dieses Ereignisses und Wagnisses & ist ein Wagnis
des Glaubens, ohne den man eben Derartiges nicht tun kann!) brauche ich
nach allem, was über die unermessliche Bedeutung des „Kolonialproblems“,
d. h. der Erhebung Asiens und Afrikas, für die künftige Weltgestaltung hier
schon ausgeführt worden ist, vorläufig nicht viel zu sagen. Die unblutige
Lösung dieses Problems hat mit dieser Wendung einen wahrhaft gewaltigen,
vielleicht entscheidenden Einsatz gemacht. Man erkennt daran auch, wenn man
dafür die Augen hat, die Richtigkeit unserer, nicht grobwörtlich, sondern
symbolisch zu verstehenden Losung: Wilson oder Lenin, das will hier heis-
“sen: entweder die Gewährung demokratischer Freiheit oder gewaltsame und
blutige Revolution. Wir haben hier aber auch eine Phase des Ringens zwi-
schen England und Russland vor uns. Denn es ist der Kommunismus, der
auch in Indien die Massen ergriff und zur Erhebung trieb. Aber wie wir
immer hinzufügten: Auch Wilson und Lenin, und das bedeutet hier: die,
politische Freiheit genügt in Indien so wenig wie in China, es muss nun auch
darum gekämpft werden, dass nicht in Form eines „nationalen“ Kapitalis-
mus über diese Völker eine noch viel schlimmere Knechtschaft komme als
zuvor.
Vielleicht mag dafür, in Indien wenigstens, Gandhi eine neue Mission
bekommen. Für ihn bedeutet diese Wendung einen gewaltigen Erfolg, wenn
es auch falsch wäre, sie ganz und gar nur auf sein Wirken zurückzuführen.
Denn nur die ganze furchtbare Gefahr der gewaltsamen Erhebung Asiens
und Afrikas, die ihrerseits durch die ganze Weltumwälzung bedingt ist,
konnte England zu diesem Schritte treiben. Aber Gandhi hat seinen gewal-
tigen Anteil an dieser Entwicklung, besonders an ihrem, im Ganzen gesehen,
unblutigen Verlauf. Ihn selbst erlöst diese Wendung im letzten Augenblick
aus einer äusserst kritischen Lage. Denn der gewaltsame Nationalismus
drohte über ihn wegzuschreiten. Möge Gandhi nun für die kommende, fast
noch grössere und schwerere Aufgabe auch gesegnet sein.
Auch die englisch-amerikanischen Verhandlungen sind
weitergegangen und haben gute Frucht getragen. Ob auf der geplanten Kon-
ferenz gerade eine grosse wirkliche Abrüstung der Flotten zustande kommen
werde, mag zweifelhaft sein, aber die dunklen Wolken, die über dem atlanti-
schen und pazifischen Ozean lagen, haben sich verzogen, vielleicht doch für
immer. Dass Mac Donald vor dem Kongress der Vereinigten Staaten eine
Friedens- und Freundschaitsrede hielt, ist doch fast wie eine Aufhebung des
einstigen Abialls der neuenglischen Kolonien in Amerika. Es ist aber .auch
etwas Neues unter der Sonne. Man stelle sich vor, Briand hielte eine solche
Rede vor dem deutschen Reichstag oder Stresemann hätte eine vor der fran-
zösischen Kammer gehalten und man wird sich über den Sinn und die Trag-
weite eines solchen Ereignisses sofort klar. Ob es sich anderwärts wieder-
holen wird? Wir hätten dann jene neue „Methode der Freundschaft“ in den
Beziehungen der Völker, von der Wilson geredet hat, vor uns. Warum sollte
sie nicht möglich sein und Wirklichkeit werden?
Die englisch-russischen Verhandlungen scheinen eben-
falls vorwärts zu gehen, wenn auch mühsam. Das englische Unterhaus hat
Hendersons Vorgehen mit grosser Mehrheit genehmigt. Mit was für einer
Art von Diplomatie das „sozialistische“ Russland arbeitet, scheint die Affäre
Besedowsky zu illustrieren. Nebenbei gesagt: die Spionage-
geschichten, die immer wieder aufgedeckt werden (auch in diesem Be-
richts-Monat) zeigen, wie mächtig die alten Methoden überhaupt noch sind.
530
- Friedensgesinnung, wie wir sie nötig haben, Bedenklich erscheint bloss das
tarke Anschwellen der nationalsozialistischen, von Hitler geführten Bewe-
_ gung. Sie ist wohl ohne Zweifel ein Symptom eines noch andauernden krank-
£ haften Zustandes. Nicht das Volksbegehren, aber das deutsche Chaos ist das
2 Beunruhigende, soweit es die Gefahr der Diktatur in sich trägt.
Er Der Owen Young-Plan ist sicher geeignet, dieses Chaos zu meh-
ren. Seine Abschüttelung ist gewiss dringend zu wünschen, Man begreift
‚auch, dass er einfach als verhasstes Sklavenjoch erscheint, wenn man von
_ einer starken deutschen Schuld an diesem Zustand nichts weiss oder nichts
wissen will, und darum ebensowenig von einer Pflicht zur Reparation, wenn
& man auch nichts von der Not der Andern weiss oder wissen will. Dann
- stellt sich der Gedanke ein, der mir letzthin draussen wiederholt begegnet
ist, dass die Lage ähnlich sei wie einst vor der Erhebung gegen Napoleon.
Wie gesagt, bleibt die Abschüttelung des Owen Young-Plans trotzdem ein
dringliches Ziel. Nur kann sie nicht durch einen einseitigen und noch dazu
2 nach ‘der Art des Volksbegehrens begründeten deutschen Schritt erfolgen.
— Denn dann wären — um von allen übrigen Folgen abzusehen — ja bloss die
_ Andern allein Sklaven Amerikas. Auch ginge es einiach nicht. Das Ende
wäre der deutsche Ruin. Die ungeheuren sittlichen Kräfte, die allfällig eine
solche Tat möglich machten, sind nicht vorhanden, wären auch bei keinem
_ andern Volk vorhanden. Eee
So bleibt nur der längere Weg übrig. Es ist ja ganz klar, dass auch der
- Owen Young-Plan nicht dauern kann. Wenn Europa allmälig gesundet
_ und gesunden soll, so muss er daran zerbrechen und zwar sehr bald. Oder
_ er zerbricht in einer neuen Katastrophe. Der Weg, den wir verfolgen müssen
(ich sage „wir“, denn es geht uns alle an), ist die europäische Einigung, die
_ ein Druck auf Amerika wird, die Abrüstung, die ihm die Vorwände nimmt,
seinen Europatribut weiter einzufordern, die soziale Umwälzung, die dem
Young-Plan den Boden entzieht. Bei alledem ist stets zu bedenken: nicht
Frankreich und nicht der Young-Plan ist der „Feind“, sondern — in diesem
ganz bestimmten Sinne — Amerika und der Kapitalismus. Ganz sicher gibt es
_ einen Weg zur Freiheit — aber es muss ein neuer Weg sein, nicht ein von
der Demagogie gezeigter und vom Schwerte ausgehauener. Den gibt es nicht.
Nicht günstig erscheint gerade in diesem Zusammenhang die Wendung
Bin akrecch. Man wird es wohl bedauern dürfen, dass dort nicht ein
Li SER.
531
MM A, Lin Oil : bee 1 Zu, |
Be. ‚falls nicht wenig geholfen, es he Pe
‘Osten. In Polen scheint die Diktatur sich verschärfen zu wollen, ir:
a re
ab net zustande komm men ka ante ‚ Snowden
mit ihrer Ablehnung der Mitarbeit an einer Linksregierung au!
Aufgabe gestanden haben, kann unsereins nicht beurteilen. Ich für
dass Erwägungen einer blossen Wahl- und Machttaktik dabei eine
Rolle gespielt haben könnten. Katastrophal ist die Wendung wo
falls. Briand bleibt. RR N en.
alls rıan € opäischen nähere
Q
Dagegen häufen sich die Wolken über dem
auch der Widerstand gegen sie zu wachsen. In Ungarn arbeiten die Kr
die nicht europäischen Frieden bedeuten, weiter. Jugoslavien ist durch
die dortige Diktatur eine Verfassung aufgedrängt worden, die den gross
serbischen Zentralismus verstärkt. In Oesterreich geht die Krise va
wärts und der Ausgang ist noch schwer abzusehen. Die vorgeschlagene
Verfassung kann in verschiedenen Punkten von der Sozialdemokratie ohne
Selbstvernichtung nicht angenommen werden. Jedenfalls sollte sich die Wucht
der europäischei Friedensarbeit auf den Osten werien und auch auf den Kam .
gegen den Faschismus konzentrieren. Möge besonders die Arbeiterregierung
dafür noch Kraft frei behalten. En
u.
2. Militarismus und Antimilitarismus. ie
Ein Franzose (sein Name wird nicht genannt), der im Jahre 1915
den Kriegsdienst verweigert und dafür zu sieben Jahren Gefängnis und
sieben Jahren Verbannung nach Französisch Guyana ‚verurteilt worden war,
ist nun endlich freigelassen worden und hat die Heimat erreicht,
Emile Bauchet ist, nachdem drei seiner Brüder, dazu ein Schwager.
im Krieg gefallen waren und er selbst, seiner Mutter zu lieb, zwei Jahre lang”
den Militärdienst geleistet, desertiert und ist dafür zu einem Jahr Gefängnis”
verurteilt worden.
In Holland sitzen immer etwa durchschnittlich 20 Dienstverweigerer
im Gefängnis, während etwa 40 Rekruten den Zivildienst (Alternativdienst) -
in Spitälern und Regierungsämtern wählen. Die Behandlung muss zeitweilig”
so schlecht gewesen sein, dass zwei der Inhaftierten, Johann Jurian
und Jan Roos, starben und einer wahnsinnig wurde. Der Protest de
Oeifentlichkeit hat dann, wie es scheint, eine Aenderung bewirkt. I
1000 Russen, die aus religiösen Gründen den Militärdienst verweigert,
wurden im Frühjahr 1928 zu einem „Zivildienst“ von vier Monaten in Ural
einberufen, Der Bearbeitung durch die Offiziere, die sie zum Abfall von ihrer
Ueberzeugung zu verleiten suchten, widerstand die grosse Mehrheit.
Das Sekretariat des Internationalen Transportarbeiter-
Verbandes (Edo Fimmen?) hat durch ein Rundschreiben alle ihm ange
schlossenen Gewerkschaitsverbände, sie an früher geiasste Beschlüsse er-
innernd, aufgefordert, jeden Transport zu verweigern, der irgendwie mit
Krieg oder Kriegsvorbereitung zusammenhänge.
Bei wiederholten Probe-Abstimmungen in französischen Dör-
iern hat sich die grosse Mehrheit der Befragten für sofortige völlige Abrü-
stung ausgesprochen.
An der Düsseldorfer Nie-wieder-Krieg-Demonstration der Jungsozialisten
ermahnte Hermann Greid die Jugendgenossen zu einem entschlossenen sozia-
listischen Antimilitarismus. Ein von ihm verfasster Sprechchor endet mit fol-
genden Worten: ;
„Wir Jugend, die wir die Zukunft bauen,
Wir rufen: „Nie mehr Mord! Nie mehr Krieg!“ |
Wir rufen „Nein“ zu Waffen, #
Zu Wehrmacht, zu Völkertod, zu Brudermord;
532
halten Wacht, ER
ir, die Jungen des Proletariats,
Wir, die Jugend, die Wächter der Erde, _
Wir halten Wacht, BRr: v Tr
Und dröhnen laut in die Welt hinein | | u%
„Nein, nein, nein! | %
Nie mehr Mord! Nie mehr Krieg!“
Eine Reihe der hervorragendsten Mitglieder englischer sozialisti-
- scher Parlamentsmitglieder (u. a. George Lansbury, Walter
‚ Ayles, A. Fenner-Brockway, Alfred Salter, Wilfred Wellok) haben an den Kon-
_ gress der sozialistischen Jugend-Internationale in Wien (Juli 1929) ein anti-
militaristisches Pronunciamenta gerichtet, das zum Kampf gegen alle Kriegs-
Baus wie gegen die Wehrpflicht und für Dienstverweigerung auf-
_ fordert. BE
‚In der Schweiz geht der Kampf zwischen Militarismus und Antimili- ;
tarismus mit unverminderter Stärke weiter. Der Gegenstoss des Militarismus ä
hat sich in mehreren Formen vollzogen.
Da ist einmal der schon im letzten Heft erwähnte weitere Punkt der Lex
_ Häberlin, der in das neue Strafrecht hinein kommen soll. Es ist dafür ein
—_ Paragraph vorgesehen, worin es heisst, dass mit Gefängnis bestraft wird, 3
— „wer öitentlich zum Ungehorsam gegen militärische Beiehle, zu Dienstver- k
_ dletzung, zu Dienstverweigerung oder zum Ausreissen auffordert“ ’
3 und „wer einen Dienstpilichtigen zu einer solchen Tat verleitet.“ (Art. 243.)
Das „Auffordern“ und „Verleiten“ kann man ja beliebig auslegen und aus-
dehnen. An diesem Paragraphen glaubt man endlich die längst ersehnte
> Handhabe zu besitzen, die „Anstifter“ zu fassen, d. h. die ganze antimilitari-
f stische Bewegung mit Polizeimitteln zu unterdrücken. Wie ich im letzten Heft
erklärt, haben wir deswegen für unsere Sache keine Sorge. Aber um der Ehre
der Schweiz willen müssen wir den Kampf auch gegen diese neue Form der
Lex Häberlin aufnehmen. Dass die sozialdemokratische Fraktion ihn in der
Bundesversammlung so lau geführt hat, zeugt von dem „Geist“, der in ihr
vorherrscht. Gegen die Bestrafung des Ehebruchs hat sie sich ganz anders
eingesetzt. Aber die neue Lex Häberlin ist damit noch nicht in Sicherheit.
_ Das neue Strafgesetz wird ohnehin viele Gegner haben; wenn auch wir Anti-
- militaristen genötigt werden, uns mit Wucht dagegen einzusetzen, so mag das
- ganz wohl seinen Fall bedeuten. Vielleicht bedenkt man das in letzter Stunde
noch.
Der zweite Vorstoss ist das Buch: „Das Schweizer Heer“ mit
* dem Vorwort von Bundesrat Scheurer, mit dem sich eine andere Ausführung
beschäftigt (sie war für das letzte Heft gesetzt, musste aber aus Mangel an
Raum zurückgestellt werden) und einem unglaublichen Schlusswort des Mit-
gliedes der Völkerbundskommission für intellektuelle Zusammenarbeit, des
- Professors an der Universität Bern, Gonzague de Reynauld, von dessen Buch:
La Democratie en Suisse“, wir schon lange reden wollten. „Die Schweiz ist
”_ ihre Armee“, das ist die These dieser Obersten und Proiessoren. Und da
soll es keinen schweizerischen Militarismus geben! EN at,
Hintenher getrippelt kommt, statt den Säbel, wie die Oifiziere, die Kir-
chenfahne schwingend, der Berner Synodalrat mit einem Hirtenbriei
533
>
en
.:
an die bernischen Pfarrer, worin e
vor der Friedensidee mit ungeheuch
verweigerungen harren der Verhandlung.
die Rede.
3, Sozialismus und Soziales.
Der Sozialismus schreitet unwiderstehlich fort, allen Todesanzeigen
der Gegner, und was merkwürdiger ist, allen eigenen Fehlern zum Trotz.
Das bezeugen grosse Wahlsiege in der Tschechoslowakei, in England
(bei den Gemeindewahlen, wo er 112 neue Sitze erobert), in Australien (wo
eine neue Arbeiterregierung das Ergebnis ist) — im Kanton Aargau, wo er
sogar ganz bäuerliche Gemeinden gewinnt, in Newyork, wo er auf einen
Schlag von 36,000 Stimmen auf 170,000 ansteigt. ’
Ob wohl in Newyork die katastrophale Börsenkrise, die, wie be-
richtet wird, Verluste von 60 Milliarden Dollar (300 Milliarden Schweizer-
franken) erzeugte und 50,000 „Existenzen“ ruinierte, -auch etwas zu jenem
Wahlergebnis beigetragen hat? Jedenfalls geben Ereignisse wie diese Börsen-
krise zu denken.
Man kontrastiere damit die Verurteilung von Arbeitern, die an den wahr-
Verbeugung
haftig nicht durch sie verursachten Unruhen in Gastonia (vergleiche die”
letzte Monatsschau) beteiligt waren, zu sehr schweren und langen Freiheits-
strafen.
Ein riesiges schwarzes Fragezeichen zu unserer Gesellschaftsordnung
bleibt die Arbeitslosigkeit, die das ganze Jahr hindurch viele Millio-
nen von Menschen, im Winter noch einige mehr als im Sommer, in
und Not erhält und demoralisiertt. Auch die Arbeiterregierung scheint bis
.
j
t@
ä
jetzt in diesem Kampfie wenig auszurichten... Begreiflicherweise, denn die-
ses Uebel beseitigen heisst eine neue Gesellschaftsordnung schaffen.
Eine bedenkliche Sache war auch der grosse Streik im Basler
Konsumverein, der mit einem mässigen Sieg der Arbeiter geendigt hat.
Genossenschaft und Streik — das sollte nicht möglich sein. Das Ereignis
zeigt, wie dringlich eine Umgestaltung des Konsum-Genossenschaftswesens
auf einen wirklichen Geuossenschafts-Geist, und das heisst, auf den So-
zialismus hin (der ja nicht Marxismus sein muss) geworden ist.
. Fortwährend viel zu reden gibt bei uns die Frage, ob ein Sozialdemokrat
in den Bundesrat einziehen soll. Der sozialdemokratische Parteivorstand
hat sich mit bedeutender Mehrheit (32 gegen 21 Stimmen) dafür entschieden.
Dass der Vorstand der freisinnig-demokratischen Partei mit noch grösserer
Mehrheit (32 gegen 16 Stimmen) beschlossen hat, der Sozialdemokratie dieses
Zugeständnis zu machen, ist trotz gewissen dekorativen Verklausulierungen
dieses Beschlusses doch als ein Zeichen wiederkehrender politischer Vernunft
‘ und Loyalität zu betrachten. Wenn im übrigen zu meiner Ueberraschung auch
Freunde gegen den Eintritt der Partei in unsere oberste Landesregierung sind,
so glaube ich, dass sie sich im Irrtum befinden. Die notwendige echte Ra-
dikalisierung des Sozialismus, die mit einer Ueberwindung der fal-
schen Hand in Hand gehen muss, hat sich nach meiner Ansicht auf einer
ganz andern Linie zu vollziehen. Auf dieser Linie ist sie ja ohnehin
längst aufgegeben.
534
aH & ‘
re 9,= ve N nt sl L
l Korruptionsaffären rech-
jenigen Sozialisten, die es noch nicht wissen sollten, doch
ass keine Sozialisierung uns hilit, ja, dass sie für uns zum
1, wenn nicht jene sittlichen Kräfte geweckt werden, die unsere
_ verhöhnen. Im übrigen haben auch wir Schweizer sowohl in
Wrage) als in Neuchätel (Fall Guinand) unsere Affären, die zeigen,
5 auch bei uns steht. 3 et ”
ı Amerika. Man kann Beschreibungen des grossen amerikanischen Ge-
ng ae Sing-Sing im Staate Newyork lesen, die schon in Dantes Hölle
Ein Trost bleibt bei alledem: es ist Offenbarungszeit. Die Tiefen der
"Gottesierne tun sich auf, aber das geschähe nicht, wenn nicht auch eine neue
_ Gottesnähe sich ankündigte.
. „7. November. L.R.
ir
u Zur inneren Politik der englischen Arbeiter-Regierung. (Aus dem Wahl-
- manifest Mac Donalds: Labour and the Nation. Fortsetzung und Schluss.)
_ „Labours Sozialismus ist weder ein sentimentales Verlangen nach einer un-
& möglichen Utopie, noch eine blinde Revolte gegen Armut und Unterdrückung.
Er ist die praktische Anwendung des bekannten Wortes, dass „Sittlichkeit in
= der Natur der Dinge liegt“ und dass die Menschen in Wahrheit „Glieder“
- sind. Er ist die bewusste, systematische und unermüdliche Anstrengung, die
Waifen, welche in dem siegreichen. Kampfe für die politische Demokratie ge-
9 schmiedet worden sind, zu benutzen, um der kapitalistischen Diktatur ein
Ende zu machen, in der die Demokratie überall ihren schlauesten und unver-
£ söhnlichsten Feind hat.“ „Die Arbeiterpartei kämpft für eine entschlossene,
2 ohne Gewalt oder Verstörung, auf dem Wege von Erfahrung, Wissenschaft
* und praktischem Versuch, unter voller Benutzung aller Verwaltungskunst
_— herbeizuführende soziale Ordnung, worin die Mittel der Gemeinschaft mit
dem einzigen Ziel organisiert und verwaltet werden sollen, dass all ihre
Glieder ein möglichst grosses Mass von wirtschaftlicher Wohlfahrt und per-
_ sönlicher Freiheit geniessen sollen.“ „Die Politik der Arbeiterpartei ruht auf
- dem Glauben, dass Liebe stärker ist als Hass, Vernunft mächtiger als Unwis-
_ senheit und Vorurteil und eine anständige Rücksicht auf die gemeinsamen In-
teressen eine sicherere Grundlage für eine Gesellschaft, die Bestand haben
soll, als die Anmassung einer herrschenden Klasse...“ „Die Arbeiterpartei
_ will ihr Programm durch friedliche Mittel zur Verwirklichung bringen, ohne
Unordnung und Verwirrung, mit der Zustimmung der Mehrheit der Wähler
und unter Benutzung der gewöhnlichen Methoden einer demokratischen Re-
gierung. Wenn es, bei dieser Lage der Dinge, den Gegnern passt, ihre Politik
als revolutionär hinzustellen, so ist sie nicht aufgelegt, mit ihnen über Worte
“ zu streiten. Die gefährlichen Revolutionäre sind nicht die, welche die Macht
— suchen, um Reformen zu beginnen, die längst mehr als nötig sind, sondern
die Reaktionäre, die den Strom so lange zurückdämmen, bis er in rasendem
Durchbruch seine Ufer zerstört.“ „Die Arbeiterpartei ist der Meinung, dass,
_ wie unvermeidlich auch in der Vergangenheit die wirtschaftliche Privatunter-
nehmung gewesen sein und in gewissen Ländern immer noch sein möge, doch
das englische Volk nun einen bessern Weg gehen könne und dass dank der
535
1%
che auftreten und die Fäulnis unserer Gesellschaft kund-
larek-Fall besonders die Sozialdemokratie belastet,
Ein ähnliches „Zeichen“ sind die Aufstände von Gefangenen
Entwicklung der wissenschaftlichen Erkenntnis
dienstes, der kommunalen Selbstregierung, der
‚ des nationalen Verwaltung:
Genossenschaftsbewegung
”
Berufsorganisation aller Arbeiterklassen und nicht zuletzt der in der Indu-
strie selbst liegenden Tendenzen, das Gemeinwesen heute die Mittel besitzt,
seine wirtschaftliche Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, wenn es nur
den Willen besitzt, sie zu benutzen. Bis jetzt hat die grosse Masse der Men-
schen als Hörige einer Minderheit von Kapitalisten und Grossgrundbesitzern
gelebt. Die Arbeiterpartei, welche an die industrielle so gut als an die politi-
sche Demokratie glaubt, ist der Meinung, dass die grossen Hauptindustrien,
von denen das Wohle lien Aller abhängt, auch der Allgemeinheit gehören
und zu ihrem Nutzen verwaltet werden solien.“ „Obwohl das Fundament der
sozialen Neuordnung die Reorganisation des wirtschaftlichen Systems für
eine einsichtigere und darum ergiebigere Produktion sein muss, vergisst die
‚Arbeiterpartei nicht, dass menschliche Wesen nicht vom Brot allein leben und
dass die Industrie für den Menschen da ist und nicht der Mensch für die
Industrie, Sie hält sich in jeder Beziehung an das bekannte, aber ebenso ver-
nachlässigte als vielgebrauchte Wort: „Nur Leben ist Reichtum.“
Eine Frage an Bundesrat Scheurer. So weit sind wir immerhin: unser
schweizerischer Militarismus ist in der Defensive. Es ist bezeichnend für die
Sachlage, dass nun das Heer verteidigt werden muss. Diesem Zwecke
soll unter anderem ein Werk dienen, das soeben erschienen ist, und den
Titel trägt: „Das Schweizer Heer, sein Ursprung und seine Ueber-
lieferung, sein derzeitiger Stand, seine Notwendigkeit.“ Mitarbeiter sind Ma-
jor P. E. de Valliere, Oberst Feldmann, Oberstkorpskommandant Wildbolz,
Oberstdivisionär Sonderegger und Oberst Feyler. Das Vorwort schreibt
Bundesrat Scheurer, das Schlusswort Professor Gonzague de Reynold,
Heute interessiert uns vor allem das Vorwort von Bundesrat Scheurer.
Es ist in mancher Hinsicht lehrreich. Wer noch nicht wissen sollte, was
schweizerischer Militarismus ist, tut recht gut, es zu lesen, Er sieht dann,
wie sich im Kopfe eines heutigen Obersten, der zugleich Bundesrat ist, die
Geschichte und Gegenwart der Schweiz spiegelt. Wir wollen uns aber für
diesmal auf einen Satz konzentrieren. Scheurer schreibt: „Ein geschickter,
versteckt geführter, zäh und systematisch betriebener Feldzug gegen unser
Heer ist im Gange.“
Ein „versteckt geführter“! Ich möchte an Bundesrat Scheurer die Frage
stellen: „Wie kommen Sie dazu, so etwas zu behaupten? Was gibt Ihnen dazu
Recht und Anlass? Inwiefern wird dieser Feldzug versteckt geführt?
ec
Haben wir nicht von Anfang an offen erklärt, was unser, der Antimilitaristen °
Ziel ist: nämlich die Beseitigung der Armee und alles dessen, was dazu ge-
hört, auch des Militärdepartements und der Obersten? Lesen Sie doch ein-
mal den Vortrag, den der Schreibende anno 1924 ausgerechnet in Bern, sozu-
sagen unter Ihren Fenstern gehalten hat, und dem sogar Sie nicht werden
vorwerfen können, dass er nicht sage, was wir wollen.) Wenn Sie einmal nach
Zürich kommen und auf dem Bureau der „Zentralstelle für Friedensarbeit“
vorsprechen wollen, so wird man Ihnen alles zeigen, was dort ist und Ihnen
gern eine Anzahl Flugblätter und Flugschriiten gratis abgeben. Sollten Sie
„ dann gar noch in den obern Stock zu dem Schreibenden kommen, so wird er
Ihnen alles, aber auch alles sagen, was wir planen. Denn wir haben keine
Geheimnisse, wir arbeiten au grand jour. Wenn Sie selbst nicht alles wissen,
was wir tun, so ist das Ihre Schuld, nicht die unsrige.“
Sie werden vielleicht, geehrter Herr Bundesrat, antworten: „Das fiele mir
noch ein, mich um die Pläne der Antimilitaristen und ihre Literatur zu be-
. ,) Gemeint ist: „Die Abrüstung als Mission der Schweiz“,
in der „Zentralstelle für Friedensarbeit, Gartenhofstrasse 7, Zürich 4, zu haben.
536
für sic nicht c
agen, der, der in der be
‚nicht einiach ins Blaue geredet haben, um Ihre politischen
n ein schlechtes Licht zu stellen. Bitte, eine Tatsache!
eine Antwort auf die Frage: „Ist Ihnen, Herr Bundesrat, noch nie
nke gekommen, dass es auch ehrliche und ernsthaite, vom
en Imperativ getriebene politische Gegner, sogar Gegner der Armee
n könnte?“ 2 L. Ragaz.
“
‚Kirchenblattes für die reformierte Schweiz“, dem Organ der schweizerischen
protestantischen Pfarrerschaft, heisst es in einem Bericht über die Arbeit des
Blauen Kreuzes:
_ „Wer aber hätte damals geahnt, dass diese sogenannten Leiter- oder
Führerkurse mehr und mehr zu einer Auseinandersetzung mit den geistigen
- Bewegungen unserer Zeit führen sollten, die weit über den kleinen Kreis der
Hoffnungsbundarbeit hinausführte und auch bereits hinauswirkt? Immer
- deutlicher wurde gerade in diesem Kreis von Menschen, die mehr oder we-
_ niger in der Arbeit in Küche und Stall, in Werkstatt und Fabrik aufgingen,
- die Frage nach Gott lebendig und das Bedürfnis, sich auf den Sinn des Da-
_ und Soseins ernstlich zu besinnen. Es ist dieses Suchen ein Tasten im Dun-
keln gewesen. Keiner von uns stand über dem Ringen unserer Zeit. Kein
- Wunder, dass der ganze geistige Kampf, der unsere Zeit durchtobt, auch uns
= eriasste und mitriss. Was sich draussen in der weiten Welt abspielte, be-
— wegte auch uns. Und da war es vor allem die Botschaft der beiden Blum-
4 hardt und der Religiössozialen, die unter uns mächtiges Echo fand. Wie ein
Faniarenstoss drang es in unsere Reihen: Die Erde ist Gottes, die Menschen
sind Gottes, du gehörst Gott! Die Menschen und Geschehnisse von dieser
irohen Botschaft aus zu sehen, brachte uns eine ungeahnte Hofinung und
Verheissung: Also hier auf dieser Erde, nicht erst im Jenseits, soll Gottes
Wille geschehen. Eine neue Hofinung erfasste uns für das ganze Biaukreuz-
und Jugendwerk. Alte, langjährige Mitarbeiter, die im Kleinkampf fast zer-
mürbt worden waren, wurden wieder jung und hoffnungsfroh. Aus diesem
neuen Glauben heraus konnten alte Formen gesprengt werden: Statt der blos-
— sen Erziehung zur Abstinenz, die mehr oder weniger immer etwas Nega-
_ tives ist, wollten wir dem Kinde positive Kräfte vermitteln, es Freude er-
leben lassen, es wenn irgendmöglich in allen seinen Kräften zu eriassen und
zu bilden suchen. Darum wurden Handarbeit, Wanderungen und Ferienlager
- eingeführt, Spiel, Reigen und Volkslied aufs Programm genommen. In wei-
- ten Kreisen war die Enttäuschung gross, als das als die sichtbare Frucht der
Kursarbeit zutage trat. Warnende Stimmen sprachen von einem Abiall von
den bewährten Grundsätzen des Blauen Kreuzes: Evangelium und Enthalt-
samkeit. Das Jugendwerk werde einer gefährlichen Verweltlichung zugeführt,
man wolle die Kinder mit all dem nur ködern und doch gehe die Statistik
von Jahr zu Jahr zurück. Diese Warnungen schlugen wir nicht etwa in den
Wind, sondern wir prüften uns darüber. Auch in Kreisen, die uns wohl-
wollend gegenüberstanden, sprach man von einer gefährlichen Romantik, von
einer aus Deutschland importierten Jugendbewegung.
Als die Not aufs äusserste gestiegen war, kam uns grosse Hilfe. Unser
Freund Professor Brunner zerbrach uns damals den Götzen eines Tages, von
dem wir doch irgendwie das Kommen des Reiches Gottes, wenn auch im
537
undesrat, nennen Sie mir eine Tatsache, nur eine, die
Zur Abwehr und Verständigung. 1. Volkstanz? In Nummer 20 des.
n a ee 5: (u PR.
NETT LEHE
,
dem
| NE TEE NEM
„Es ist all unser Tun umsonst — auch in
3 Der Glaube, durch Erziehung, wenn schon durch eine völligere, umiassen
’ dem kindlichen Wesen entsprechende und mit religiösen Kräften rechnende
Erziehung, auf direkter und gerader Linie zum Reiche Gottes führen zu
N können. Damals wurde es uns klar, dass alle Erziehung, und mag es auch
die beste christliche Erziehung sein, durch einen Bruch hindurchgehen muss,
dass sie die Kluft zwischen dem Menschen und Gott nicht zu überbrücken
vermag, dass sie den alten, durch und durch sündigen Menschen nicht zu
einem neuen, Gott wohlgeläliigen Menschen machen kann, dass sie wohl
Kräfte binden und andere Kräfte frei machen, aber den wirklich freien Men-
schen niemals zustande bringen kann. Die Botschaft von Jesus Christus, dem
Gekreuzigten, dem Sünderheiland, oifenbarte uns unser ganzes gottwidriges
Unterfangen und wies die Erziehung dahin, wo sie hingehört: an die Peri-
pherie hinaus. Im Zentrum aber sollte nichts anderes stehen als die Frage
nach Gott, dem heiligen und in Jesus Christus geoffenbarten Gott.“
Das ist nun ein typisches Beispiel dessen, was ich vor einiger Zeit mit
Bedacht religiöse Verleumdung genannt habe. Wer das so liest und uns nicht
kennt, möchte meinen, die „religiös-soziale Bewegung“ sei vorwiegend eine
Jugendbewegung gewesen; Volkstanz, Gesang und Juchhe hätten bei ihr eine
grosse Rolle gespielt; im besondern hätten wir geglaubt, man könne und solle
die Menschen zum Reiche Gottes erziehen und könne sie durch Erziehung
hinein bringen. Dem gegenüber stelle ich folgendes. fest:
1. Weit davon entiernt, dass die religiös-soziale Bewegung vorwiegend
eine Jugendbewegung gewesen wäre oder noch wäre, gehört es vielmehr zu
ihren Charakteristiken, dass sie merkwürdig an der Jugendbewegung vor-
übergegangen ist. Man hat ihr das zum Vorwurf gemacht und ich habe
mich manchmal gefragt, warum das so gegangen ist. Die Tatsache der
„Freischaar“ ist kein Einwand dagegen; denn die „Freischaar“ ist von An-
ang Er ganz am Rande der Bewegung gewesen und hat sie auf keine Weise
einflusst.
2. Ebenso falsch ist es, den Schein zu erregen, als ob wir in Volkstanz,
Gesang und Juchhe gemacht hätten. Wer unsere Arbeit kennt, weiss, dass
davon bei uns nur zu wenig war und ist, weiss, wie bitter ernst unser Tun
war und ist. Eine solche Darstellung ist noch schlimmer als das blöde Ge-
schwätz von dem Optimismus, mit dem wir das Kommen des Reiches auf
Rosenwolken erwartet hätten. Unsere Verkündigung war die von Gericht
und Busse, hinter denen erst die Verheissung stand. Enthusiasmus war
darin, gewiss, und auf Sündengewinsel hielten wir nichts, wer aber behauptet,
dass wir die Schuld, das Böse nicht gekannt, d. h. nicht in ihrem Ernst
dargestellt hätten, der redet, bei aller Berufung auf das „Wort Gottes“, fal-
sches Zeugnis.
3. Ebenso falsch ist die Behauptung, dass wir der Erziehung eine
so grosse Bedeutung beigelegt hätten. Wer z. B. etwas von mir weiss, der
weiss auch, dass ich, oit zum Aergernis für meine Freunde, auf direkte Er-
ziehung nie sonderlich viel gegeben, sie oft geradezu bekämpft habe. Gewiss
wurde Erziehung uns eine wichtige Sache, aber in einem ganz anderen Sinne
und nie, aber auch gar nie, als Erziehung zur Herbeiführung des Reiches
Gottes „auf direkter und gerader Linie“,
Der Schreiber jenes Berichtes beschuldigt uns — freilich bloss indirekt —
der „Gottwidrigkeit“. Ich beschuldige ihn direkt der Leichtiertigkeit in der
Darstellung einer ernsten Sache — ihn und seinesgleichen!
2. Statisch-dynamisch-diabolisch! Der bekannte Jesuiten-
pater Friedrich Muckermann hat kürzlich auch das Bedürinis ge-
538 .
7
j Wi # Ba I
fühlt, sich mit dem
«
\
religiösen Sozialismus zu beschäftigen, Es scheint
lich nicht, dass er mehr davon kenne, als das erste Heft der Zeitschrift: „Re-
ligion und Sozialismus“. Seine Kritik ist denn auch ein Muster von unwis-
sender und absprechender Leichtiertigkeit. Davon zeugt schon der erste Satz.
- (Ich zitiere nach einer Wiedergabe in der Zeitschrift: „schönere Zukunft“):
„Der Protest gegen den Materialismus, der sich darin [s, c. im religiösen So-
zialismus] kundgibt, ist geeignet, unsere Ueberzeugung von der innern Le-
bendigkeit der katholischen Kirche zu befestigen, wenn wir wahrnehmen,
wie man im andern Lager unsere Bemühungen nachzuahmen sucht.“ Also
der religiöse Sozialismus eine Nachahmung der katholischen Kirche!
Wer auch nur eine Idee von seiner Entstehung Ai — man denke bloss an
Blumhardt — der weiss, wie lächerlich eine solche Behauptung ist. Nein, wir
sind denn doch lange vor der Enzyklika De regno Christi aufgestanden, und
wenn wir mit einem Grundgedanken des Katholizismus (Christus der Herr
aller Wirklichkeit) zusammenstimmen, so freut uns das gewiss — warum
nicht? — aber von Nachahmung könnten beinahe eher wir reden. Denn jene
Enzyklika kam nach Copec und Stockholm! — Muckermann behauptet
ferner, unsere philosophische Grundlage sei Bergsons „elan vital“, Dabei
denkt er offenbar an mich. Nun aber ist gerade der „Elan vital“ das, was ich
an Bergsons Philosophie stets beiseite gelassen habe. Mein philosophischer Aus-
gangspunkt ist stets Kant geblieben, während derjenige Kutters der Schel-
ling der letzten Periode war. — Völlig missverstanden hat Muckermann
meinen Satz: „Der religiöse Sozialismus würde aufgehoben, wenn das Be-
kenntnis zur jungfräulichen Geburt Christi oder zum ganzen Athanasianum
als Formel das Merkmal der Jünger Christi werden sollte.“ Aller Nachdruck
‚liegt hier auf den Worten „als Formel“. Ich lehne die intellektuelle, d. h.
philosophisch-wissenschaftliche Form des Dogmas als bindend ab, nicht etwa
seinen Inhalt und dessen biblisch unmittelbare Form, zu denen ich mich viel-
mehr bekenne. Wenn aber Muckermanns Meinung sein sollte, das Bekenntnis
jener Formel sei das Merkmal des Jüngers Christi, so scheint er das Wort
Christi selbst: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid,
so ihr Liebe untereinander habet“ (Joh. 13, 35) nicht zu kennen. Meine
Meinung ist, dass damit das Merkmal des Jüngers Christi in voller Klar-
heit angegeben sei. Dass diese Liebe auch bei uns „auf dem Fundament des
Glaubens“ ruht, hätte Muckermann leicht erfahren können, wenn es ihm
darum zu tun gewesen wäre. Auch jenes Heft sagt es deutlich genug.
Aber das Beste kommt noch. Ich führe in jenem Hefte (in dem Aufsatz:
„Was ist religiöser Sozialismus?“) aus, dass für uns die Wahrheit Christi,
die im Dogma „statisch“ geworden sei, „dynamisch“ werde, sich ins
Lebendige auflöse. Das bedeutet, wie der Zusammenhang mit voller Deutlich-
keit zeigt, nichts anderes, als dass wir an einen lebendigen Gott und
sein vorwärtsschreitendes Reich glauben. Muckermann aber be-
hauptet auf Grund davon: „Der religiöse Sozialismus erklärt sich solcherart
für die Schwarmgeisterei in Permanenz; dass er dieses sein anarchistisches
und diabolisches [von uns gesperrt. D. Red.] Wesen unter dem Gewand
der idealsten Forderungen des Christentums verbirgt, das macht ihn zum
Versucher, der der Schlange ähnlich ist. Wenn sich Christen von dieser Be-
wegung einfangen lassen, so tragen daran wohl auch die vielen Versager
kirchentreuer Christen eine indirekte Mitschuld. Aufgabe der katholischen
Aktion gegenüber der religiös-sozialistischen Bewegung ist es, uns aufzu-
rütteln, damit wir [wörtlich] mit den Kräften des Glaubens das vollbringen,
um was die Verheissungen der Schlange die Menschen, ach, die besten oft,
wieder betrügen werden.“
Dieses leichtfertige Geschwätz, das so deutlich wider Matthäus 5, 21—22
verstösst und dort mit dem „höllischen Feuer“ bedroht wird, ist wieder sehr
typisch. Idealismus, Evolutionismus, Titanismus, Autonomismus, Eritis sicut
539
ww
, f
u
' FEIN, ur Pr
Deus — ich höre aus Muckermanns Worten diese Ketzername
heute ganz besinnungslos herabgehaspelt werden, wo Theologen etw
un a das an nicht. m Pag EL es nn. eb;
as Muckermann eigentlich veranlasst, diese Haspel | u se
ist schwer zu sagen. Meint er etwa eine Aufl ‚aller Wahrheit in
Fluss des Relativismus? Dagegen habe ich mein ang «
Religiös-Sozialer, der irgendwie „führt“, vertritt so etwas. ;- £
von der Schöpfung zur Erlösung und von ihr zur Neuschöpfung. Wir k
nen nur das „feste prophetische Wort“ (2. Petri 1, 19—20 und seine Er-
füllung in Christus. Vielleicht könnte an Muckermanns Polemik das rich ig
sein, dass das, was ich „dynamisch“ nenne, mit dem mehr „statischen“ Den-
ken des Katholizismus in Widerspruch gerät, doch ist anderseits im Katholi-
„dynami-
Teufel da
hereinkommen solle. Das Eritis sicut Deus liegt unserem Denken so jern
wie jedem andern. Oder soll alles diabolisch ‘sein, was Muckermann nicht
zismus gegenüber dem Protestantismus ausgerechnet auch etwas
sches“, Nicht erfindlich aber ist, wo die Schlange und damit der
versteht oder was ihm nicht passt? Blumhardt, der Aeltere und der en
Fallot, Monod, Gounelle, Rauschenbusch, alle dem Teufel verfallen, im Dien
der Schlange? Ist solch ein Reden nicht ungeheuerlich?
Ich habe in der letzten Zeit wiederholt in der Auseinandersetzung mit
einem befreundeten Menschen die Jesuiten gegen den Vorwurf diabolischen
Wesens verteidigt. Und nun beschuldigt mich und meine Freunde ausgerech-
net ein Jesuit des Diabolismus. Wahrhaftig, man erntet wenig Dank für Rit-
terlichkeit! Wahrhaftig, es geht schön zu unter den „Jüngern Christi“, be-
sonders wenn es „Fromme“ oder gar „Theologen“ sind!
3. Tolstoi? Grundanders ist die ganze Art und Haltung Pater
Straatmanns, des bekannten katholisch-pazifistischen Vorkämpfers. Er
setzt sich in einem Vortrag über „das Wehrproblem“, den er in der „Friedens-
tagung deutscher Katholiken“ in Frankfurt am Main gehalten, auch mit mir
auseinander. Das tut er in jenem Geiste der Liebe und der Wahrheit, die
aus der Liebe fliesst und die nun wirklich das Merkmal des Jüngers Christi
bildet. Aber freilich vergreift auch er sich in den Argumenten und zwar
deshalb, weil er mich viel zu sehr als Tolstoianer versteht. Das tut er wohl
auf Grund meines Auisatzes über „Jesus Christus und die Gewaltlosigkeit“
im „Handbuch der Gewaltlosigkeit“, vergessend, dass ich dort nur von Jesu
eigener Haltung rede, nicht direkt vom Problem des Krieges für uns.
Jedenfalls bin ich bei aller Hochschätzung dessen, was Tolstoi bedeutet und
Uebereinstimmung mit ihm in vielem doch kein Tolstoianer. Auch operiere ich
im Kampf gegen den Krieg nie mit dem Begriff der „Gewaltlosigkeit“. Dieser
steht für mich auf einem ganz andern Blatte, Ich sage denn auch in jenem
Aufsatz ausdrücklich: „Jesus ist kein Doktrinär oder Dogmatiker
der Gewaltlosigkeit.“ Ferner: „Diese Gewaltlosigkeit ist nicht
die Hauptkategorie, in die die Erscheinung und Botschaft Jesu ge
fasst werden könnte. Sie ist ein Grundzug des Evangeliums, aber sie ist nicht
die Form desselben.“ Dieser letzte Satz namentlich erlaubt Pater Straatmann
nicht, den Vorwurf einer „sektiererischen Einengung“ des Evangeliums auf
mich anzuwenden. Es ist aber auch sonst alles, was er von einer falschen
Voraussetzung aus gegen meine Bekämpfung des Krieges sagt, neben mir
vorbeigeredet. Ich bekämpfe den Krieg von einem ganz andern Boden aus,
und zwar ganz ähnlich wie Pater Straatmann selbst. Dieser kommt näm-
lich, nach einer Ablehnung der Gewaltlosigkeit im allgemeinen und Recht-
fertigung des Verteidigungskrieges, wie er sein könnte, zu einer so völli-
gen und radikalen Ablehnung des wirklichen Krieges, des Krieges, wie
er heute allein denkbar ist, dass man nicht mehr wünschen könnte. Auch
die Dienstverweigerung ist darin eingeschlossen. Wenn wir also darin
Dee I I ee Ze N un
einig sind, warum sollen wir uns über den von Pater Straatmann selbst als
540
j h yi
aber im jetzigen Zeitpun
— nicht mehr sein dari, und auch
| igabe des Jüngers Christi ist heute, eine
inzurufen und darin zu vertreten, ohne die sie zu-
ıte ist die Beseitigung des Krieges auch Sache der Ver-
Zeiten aber ist es eine wirkliche Gemeinde Christi,
‚hofiend, liebend, leidend, das Kreuz auf sich nehmend dem
isti Bahn bricht. Für sie und für sie allein, wird „Gewalt-
los , recht verstanden, eine Aufgabe oder doch ein Problem. \
Es bleiben freilich im Hintergrund noch einige Unterschiede übrig. Sie
Be wirklich damit zusammen, dass er Katholik ist und ich Protestant.
/ ch
uf, nur
t taucht der Unterschied des „Statischen“ und „Dynamischen“ wieder
dass hier nicht mehr von Schlange und Teufel geredet wird. Auch
— ich denke an die „kleine Herde“) spielt mit. Darauf kann ich aber jetzt
nicht eingehen; vielleicht mag es ein andermal geschehen. Jedenfalls spielen
Schlange und Teufel auch dabei keine Rolle,
_ _Signalement, Jener Artikel in der Januarnummer 1928, worin ich mich
über die jahrzehntelange Kampagne persönlicher Verleumdung beklagte, der
- ich fast schutzlos preisgegeben sei und die mein Wirken aufs schwerste lähme,
worin ich auch die stereotypen Lügen gegen mich als solche klarlegte, hat fast
Wunder gewirkt. Seither darf nicht jeder journalistische Strauchritter mehr
- über mich schreiben, was ihm gerade einfällt und zweckmässig dünkt; es fin-
- den sich fast immer Männer oder Frauen, die sich dagegen zur Wehr setzen,
- sodass jene Ehrabschneider sich in Acht nehmen. Ich bin all diesen bekann-
- ten und unbekannten Freunden und Rittern von Herzen dankbar. Dieses Bei-
spiel zeigt, wie man gegen manches Uebel nicht so wehrlos ist, wie man
_ meint, wenn man sich bloss richtig zum Widerstand ermannt.
- Nur Einer scheint sein schönes Handwerk weiter treiben zu wollen. Eı
- zeichnet seine Artikel mit „E. Sch.“ und ist ohne Zweifel ein gewisser Rechis-
_ anwalt aus Zürich, einst Mitherausgeber oder doch Mitarbeiter der berüchtig-
ten „Stimmen im Sturm“, die während des Krieges unter schweizerischer
Maske eine wilde und wüste alldeutsche Propaganda trieben. Der Artikel
enthält all die Lügen und Verleumdungen, die ich in jenem Hefte dargestellt
habe. Wo also dieser E. Sch.-Artikel wieder auftaucht, da wissen meine
Freunde, mit wem sie es zu tun haben und dass sie bloss jenes Heit zu be-
fragen brauchen. Ich stelle auch fest, dass dieser Artikelschreiber letzthin
in einem Prozesse gegen Nationalrat Johannes Huber in St. Gallen als Ehr-
abschneider verurteilt worden ist. Er scheint dieses Geschäft also fast als
Metier zu betreiben und ist also ein armer Mensch, den man bedauern muss.
Persönlich habe ich ihn nie gekannt und ihm nie etwas zuleide getan,
Bei diesem Anlass möchte ich noch einen oder zwei warnen, die es nun
jahrzehntelang ähnlich treiben, wenn auch in der letzten Zeit etwas vorsich-
tiger. Wenn sie es erzwingen, sollen auch sie eines Tages ins Licht gestellt
werden.
Und num noch ein letztes Wort zuhanden meiner Freunde, die in die Lage
kommen, sich gegen dieses Reptiliengezücht der Verleumdungen für mich
"wehren zu müssen. Ich erkläre: Wer behauptet, dassich während
der Kriegsjahre und nachher, seis offen, seis geheim,
irgend etwas getan habe, was nicht die Bekämpfung und
Verhinderung sowohl des Völkerkrieges als auch des
541
Bar
“
N
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FEED IHTTEE
un I ne
5
er Unterschied von „Kirche“ und „Sekte“ (im weiteren Sinn dieses Wortes
Biere FRNERE
er Fi
Bürgerkrieges zum Zwecke hatte, der redet schmähliche
Unwahrheit und ihr dürft ihn in meinem Namen, wenn nötig öffentlich,
einen Lügner nennen. Er soll sich an mich halten, wenn er Lust, hat,
sein.
el und Maschine, Im „Berl. Tagebl.“ veröffentlicht E. Haupt,
Vorsitzender des Verbandes der Fabrikarbeiter Deutschlands, die folgende
überaus lehrreiche Darstellung der Auswirkungen moderner Rationalisierungs-
bestrebungen: e ö
Die moderne Maschinentechnik, in Verbindung mit der sogenannten Ratio-
nalisierung, hat den Arbeitsprozess in der Industrie derart zerlegt, dass viele
Arbeiten, in einzelne wenige Handgrifie aufgelöst, immer wiederkehren. Die
dadurch geschaifene Monotonie im Arbeitsprozess schädigt auf die Dauer
stärker als angestrengte körperliche Arbeit. Es wird fälschlich behauptet, dass
die Zerlegung der Arbeit in einzelne Handgriffe eine Erleichterung für die
Arbeiter mit sich bringt. In dieser Form ist das nicht richtig. Die fortgesetzte
Monotonie bei der Arbeit lähmt die Nervenkraft und untergräbt
aufdie Dauer auch die körperliche Gesundheit. Diese Ansicht
wird von allen Gewerbehygienikern vertreten. ;
In der Filmindustrie arbeiten die Prüferinnen, meist nur Mädchen,
jahraus, jahrein in dunklen Arbeitsräumen und lassen Tag für Tag die mit
Emuision belegten Filmstreifen hinter rotem Licht an sich vorüberziehen, um °
vorhandene Fehler festzustellen. Fehlerhafte Teile oder Stücke müssen heraus-
genommen werden. Diese Arbeitsweise erfordert fortgesetzt grösste Aufmerk-
samkeit bei Ueberanstrengung der Augen, ohne irgendwelche geistige Ablen-
kung und ohne nennenswerte körperliche Bewegung. Hinzu kommt noch, dass
die Augen während der Arbeitszeit dem Tageslicht entfremdet werden. Hier
ist die Grenze des Erträglichen überschritten, dauernde Schädigungen sind °
unausbleiblich.
In der Sprengstoffi- und Pulverindustrie stehen Frauen und
Mädchen an den Patroniermaschinen, wo sie Tag für Tag die Papierhülsen auf
den Stempel zu schieben, durch einen Fusstritt den Stempel auszulösen und die
fertigen Patronen abzunehmen haben. Auch hier wird die grösste Aufmerk-
samkeit der Arbeiterin verlangt, ohne ihr irgendwelche geistige Anregung zu
bieten. Dabei ruht das Körpergewicht meist nur auf einem Bein, weil mit dem
andern Bein fortgesetzt Bewegungen am Hebel ausgeführt werden müssen. Die
gieichen Verrichtungen sind auch an den Füllmaschinen in der pharmazeuti-
schen Industrie anzutreifen.
gegen aulzumucken. Hoffentlich darf das nun mein letztes Wort dieser Art
L. Ragaz.
‚ Bei der Saccharinfabrikation sind die Frauen und Mädchen °
beim Abwiegen und Verpacken des fertigen Süßstoffes so gleichmässiger Arbeit °
ausgesetzt, dass der fremde Beschauer davon überrascht ist. In kleinsten
Mengen wird der Süßstoff auf die Wage geworfen und dann verpackt. Die
Arbeit wird im Stehen verrichtet. Bei grösster Aufmerksamkeit und ausser-
ordentlicher Geschwindigkeit muss diese Arbeit von denselben Personen jahr-
aus, jahrein verrichtet werden.
In dr Gummiindustrie haben sich in der letzten Zeit durch die
Rationalisierung ähnliche Arbeitsmethoden eingebürgert. In einem Gross-
betrieb werden die Gummischläuche für Fahrradbereiiung am laufenden Band
fertiggemacht. Dabei stehen die Arbeiterinnen dicht nebeneinander und leisten
die verschiedensten Arbeiten. Die Schläuche müssen an der Verbindungsstelle
gesäubert werden. Das geschieht, indem eine Arbeiterin das eine Ende des
Schlauches mit einem Stückchen Sandpapier abschleift und diese Arbeit den
ganzen Tag hindurch verrichten muss. Der nächsten Arbeiterin fällt die Auf-
gabe zu, die abgeschlifiene Stelle des Schlauches mit Klebstoff zu bestreichen,
während eine dritte Arbeiterin die Enden des so vorbereiteten Schlauches in-
542
A
inanderschiebt und zusammenklebt.. Eine andere Arbeiterin hat in den bereits
an bestimmter Stelie durchlochten Schlauch das Luftventil eingesetzt, und eine
nächste Arbeiterin hat das Ventil mit einer kleinen Schraube zu versehen. Diese
‘immer gleichen, wenigen Handgrilie stellen auf die Dauer eine stärkere kör-
en Belastung dar als schwere Arbeit, die mit grösserer körperlicher Be-
_ wegung verbunden ist. Das wird auch bemerkbar: denn bei Einführung dieser
- Teilarbeit musste erst längere Zeit Auswahl unter den zur Verfügung stehen-
' den Arbeiterinnen getroffen werden. Erschwerend wirkt, dass diese Arbeit am
5 laufenden Band vollbracht wird, die Arbeiterinnen also auch die Befriedigung
_ ihrer persönlichen Bedürfnisse bis zur Pause zurückstellen oder durch Ersatz-
leute abgelöst werden müssen.
F Die Liste solcher Arbeiten kann beliebig verlängert
_ werden. Im Interesse der Volksgesundheit müssen solche Verrichtungen
nach Möglichkeit der Maschine übertragen werden. Das dürfte mit Ausnahme
der Filmprüfung z.B. bei allen hier aufgeführten Arbeiten möglich sein,
en
Personalia. I. Frau Dr, Helene Stöcker hat am 13. November ihren
_ sechszigsten Geburtstag gefeiert. Auch wir möchten ihr in den „Neuen We-
gen“ nachträglich unsere Glückwünsche darbringen. So ungern wir dieses
„zwar“ aussprechen, dürfen wir es doch nicht verschweigen: wir sind mit ihrer
Stellung zum sexuellen Problem nicht einverstanden. Und zwar gerade
> aus tieistem Empiindungs-Gehorsam gegen das: „Du sollst nicht töten!“,
oder, was das Gleiche ist, aus Ehrfurcht vor der Freiheit und Heiligkeit des
Menschen, und besonders der Frau. Aber wir wissen, dass auch diese
Stellung bei Frau Stöcker aus den edelsten Motiven entspringt. Und wir
sind mit ihr verbunden durch den Kampf gegen Krieg und Gewalt für
- den Menschen und seine Freiheit. Darin sind wir uns in entscheidenden
“ Stunden begegnet: während des Krieges selbst. Wer damals sich bewährt
- hat, der bleibt für uns bewährt, wie — mit einigem Vorbehalt — auch um-
gekehrt. Sie ist eine herrlich tapiere, menschliche, gütige, grosse Frau —
ein Mensch. Möge sie in diesen furchtbaren Zeiten vor allem als solcher noch
lange ein Trost für Viele sein und mithelfen, dass wir aus der Hölle endgültig
hinaus gelangen in das Land des Menschen und Bruders.
II. Eine grosse Frau war auch Katharina Sturzenegger, die
vor kurzem von uns gegangen ist. Sie war gross durch ihr Herz, ein tapieres,
warmes, lauteres Herz, wie man es selten findet. Als Jüngerin Henri Dunants,
der das Rote Kreuz gegründet, hat sie dieses Herz zu den Bedrückten und
Leidenden, auf Schlachtfelder und in weherfüllte Hospitäler getragen — be-
sonders das Serbenvolk mit mütterlicher Treue liebend — aber auch im Kampf
der Meinungen durch Mut und Selbständigkeit die Masse der Männer über-
troffien. In Armut und Einsamkeit ist sie froh und getrost gestorben.
Arm und einsam gestorben ist auch Arno Holz, ein Revolutionär der
Dichtkunst, das tragische Los vieler Revolutionäre teilend; gebrochen durch
den Wettersturm der Geschichte Fürst Bülow, in entscheidungsvoller
Zeit allzusehr Salon- und Amateurpolitiker, statt hart durchgreifender Staats-
mann, aber ein Mann von hoher menschlicher Kultur; dazu Prinz Max von
Baden, einer der zu spät Gekommenen, auf den doch ein ehrenvoller Strahl
vom Licht grosser Weltgeschicke her gefallen ist. i
Zu diesen auf der Weltbühne Gestandenen noch ein „Stiller im Lande“,
Siegfried Bloch, der Bibliothekar der „Zentralstelle für soziale Litera-
tur“ in Zürich, ein immer williger Berater, ein Mann, dem der Sozialismus
noch Herzenssache war — wie er dies übrigens auch seiner Gattin, Rosa
Bloch, gewesen! — der darum auch über den Parteizaun schaute, ein durchaus
unabhängiger Charakter, mit einem starken Zug vom Spinoza-Typus, auch
arm und freiwillig arm, ist ebenfalls plötzlich von uns genommen worden.
Viele werden ihn vermissen. Dass er auf seine Weise immer auch ein treuer
Freund und Leser der „Neuen Wege“ war, soll nicht unerwähnt bleiben. L.R.
543 .
7 ZI
© Prien;
Versammlungen. Basel, Wir machen unsere Leser darauf aufı
‚dass der Arbeiterbildungsausschuag Basel am Bene den 2. Dezember, im
"Unionssaal des Volkshauses einen Vortra & veranstaltet über den „Gift-
gaskrieg“. Referentin ist Fräulein Dr. Gertrud Woker aus Bern.
er Vortrag ist öffentlich und unentgeltlich. Der Besuch desselben ist sehr
zu empfehlen. ; ee.
Bern. Die Leser der „Neuen Wege“ werden gebeten, folgende Veranstal
tungen zu besuchen: Mittwoch, den 20. November und Mittwoch,
den 4. Dezember, 20 Uhr, wird Pfarrer Lindt-Barth zu uns sprechen
über: „Die Einstellung der neureformierten Theologie
zumSozialismus.“ Lokal: Konferenzsaalder französischen
Kirche. Sonntag, den 15. Dezember, 20 Uhr, findet ein Ander-
sen-Nexö-Abend statt, an dm Alfred Wirz aus des Dichters Le-
ben erzählen und einiges aus seinen Werken vorlesen wird. Musikalische
Darbietungen von Frau und Fräulein Rasmussen (Klavier und Geige
werden den Vortrag einrahmen. Lokal: Daheim, grosser Saal. i
s
\
(Eingesandt.) Gedenket auch der Taubstummen, sowohl bei Freuden- als
'Traueranlässen durch Gaben und Vermächtnisse a ri des „Schweizeri-
«schen Fürsorgevereins für Taubstumme“ (Postcheckkonto III 270), denn die
Taubstummheit wiegt in ihren Folgen viel schwerer, als gemeiniglich ange-
nommen wird, und ist ebenso sehr auf wohlwollende Unterstützung angewie-
sen, wie andere Gebrechen. Willkommen sind auch Sendungen von Stanniol
‘und gebrauchten Briefmarken aller Art an Eugen Sutermeister, Taub-
stummenfürsorge, Bern-Bümpliz. .i
Verdankung. Für die Hungernden in China eingegangen von: S. H. in B.
‘Fr. 20.—; E. F. in $S. 20.—; E.N. in C. 20.—; J. M. in R. 60.—; R. H. in?
RE F. D. in Sch. 3.—; H. in Z. %0.—; Ungenannt, Z. 30.—; E. M.
‘in A. 50.—.
iz
ÄRHRRERRTIRRRERRRRRERERDELEURRRRRRERRERKRRERRRRRERERUERERRRRRRERKRTRRERKRRERERRRRRRRRERKKRERREREERRRRRRRRRERRRRELKURRRRRRKRRRRNERERKRKRRRRANETUKTLURRRHRRRKKRKRREUHRNRNEHRURTRRERHERKRKERANRRN
“ Von Büchern ®
ELLLEITTTTTTTTTTTTTITLTTETTERTTEITELTTTTTTTETTTTTITITTITLTETTTTTILTETITTETTTETTELTETTITTERTTTTETETEETTETTITERTTTTERTLTELTETTTLTTETTELTLTETTLERRTSTTELTERTTRERTTTTETERITETTTETELTLETTTLITETTITT
“
Ingeborg Maria Sick: Mathilde Wrede. Esquisse biographique. Traduit
par Ernest Morel. Victor Attinger, Neuchätel. i
Piarrer Morel in Neuchätel hat das Buch der bekannten nordischen Ro-
mandichterin über Mathilde Wrede ins Französische übersetzt und hat es dabei
wesentlich verbessert. Darum kann man diese französische Bearbeitung ganz
besonders empfehlen. Im übrigen weiss man ja, dass Mathilde Wrede eine
Heilige der Liebe in unseren Tagen ist und von ihr zu erfahren ein tiefer Segen
R.
ALLETTTTTTTT TUT
DLITTLTEI IT
LETTTTTTITTTT
LLITTITT TI I I ES
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und kostbarer Gewinn.
Redaktionelle Bemerkungen.
. Die etwas auffallende Anordnung dieses Heftes beruht auf dem Prin-
zip, dass die Betrachtung an die Spitze gestellt wird und dass nicht zu viel
klein Gedrucktes nacheinander kommen soll.
Ich habe nur aus Gründen der Raumersparnis und weil sie letztes Mal
so viel Platz einnahm, diesmal die Rubrik: „Zur Weltlage“ weggelassen.
Es soll das eine Ausnahme sein, die die Leser gewiss verzeihen werden.
Der Kampf mit dem Raum ist stets eine harte Sache. die manchen schönen
Plan verdirbt. j
544
*
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rin) In Elend, Jammer gross,
3 Ist doch Herr aller Herren,
% Sein Herrschaft hat kein Mass.
Di Altes: Lied,
E ‚Christus allein.
x Ihr Obersten und Aeltesten des Volkes, wenn wir heute Re-
chenschaft ablegen über die Heilung jenes kranken Menschen
und zeigen, durch wen dieser gerettet worden ist, so sei euch
allen und dem ganzen Volk Israel bekannt gegeben, dass dies
im Namen Jesu Christi von Nazareth geschehen ist, den ihr
gekreuzigt, den aber Gott von den Toten auferweckt hat. Durch
ihn ist der, der hier vor euch steht, gesund geworden. Er ist
der Stein, den ihr, die Bauleute, verworfen habt, und der nun
zum Eckstein geworden ist. Und es ist in keinem andern das
Heil und ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den
Menschen gegeben, durch den sie gerettet werden könnten.
Apostelgesch. 4, 8—12.
Christus allein — das ist ein Wort, dem unter uns widerspro-
chen wird. Und doch ist es fundamentale Wahrheit. Ich will es,
so gut es in einer Betrachtung geht, die weder ein Aufsatz noch
eine Predigt sein soll, bloss von zwei Seiten her anzudeuten ver-
suchen.
Es gibt viele unter ‚uns, die das, was man „Religion“ nennt,
nicht ablehnen — sie sind: keine „‚Freidenker‘‘! —, die vielleicht auch
vor dem Wort „Gott‘“ nicht scheuen, wohl: aber vor dem Wort
„Christus“ — nicht bloss vor dem Wort „Christentum“, was etwas
sehr Anderes wäre — die die Ohren und die Herzen verschliessen,
wenn es auftaucht, gerade wie sie vielleicht gern ein religiöses
Buch lesen, aber vor der Bibel eine völlige Angst haben und sie
den „Muckern“ und „Stündelern“ oder auch den Pfarrern über-
lassen, weil sie auf der Kanzel nach ihrer Meinung ja unschädlich
- ist. Buddha, Laotse, Plato — jawohl, aber Christus? Nein! das
geht nicht!
Ich meine aber, dass sie damit G ott aus dem Wege gehen.
Zwar kann ich sie in mancher Beziehung schon begreifen. „Chri-
545
“RR
PER
rauchtes
Wort.-Davon nachher. Aber weil ich einst auch so empfunden habe,
begreife ich auch etwas Anderes: sie meinen, „Christus allein“ zu
sagen, sei eine unerlaubte Verengung der Wahrheit, Gott ofien-
bare sich auch in andern Menschen und andern Religionen, er sei
nicht an diesen Punkt in der Geschichte gebunden, der Christus
heisse. 4
Ich antworte, vielleicht zu ihrem Entsetzen: Warum denn nicht?
Wie, wenn es nun Gott gefallen hätte, gerade diesen „Namen“ zu ©
der Tatsache zu machen, in der er selbst uns begegnen will, an der
sein Wesen uns kund werden soll? Könnte Gott, wenn ich mir er-
lauben darf, so zu reden, dafür nicht gute Gründe haben? Könnte
darin nicht ein guter Sinn liegen? Es gibt doch auch sonst solche
Tatsachen, die fundamental sind, die nun einmal dastehen und
gelten und kein: weiteres Warum kennen, durch die aber die Wahr-
heit nicht eingeschränkt, sondern gerade ausgedrückt
wird. So ist das Naturgesetz, so das Sittengesetz, so das Denk-
gesetz, so der Himmel, so die Erde — warum sollte, in seiner
Sphäre, als Offenbarung Gottes, als Punkt der entscheidenden Be-
gegnung Gottes mit dem Menschen, nicht Christus eine solche
Tatsache sein? Warum sollten wir gerade ihr eigenwillig aus
dem Wege gehen?
Noch einmal: wir gehen damit G ott aus dem Wege. Denn
nurin Christus wird das, was wir Gott nennen,
etwas Bestimmtes, und damit etwas Wirkliches
und Entscheidendes.
Das lässt sich negativ und positiv zeigen. Wenn man bloss so
im allgemeinen „religiös“ sein will, nur so im allgemeinen „Gott“ ©
gelten lassen, vielleicht auch suchen will, dann endet man im Zer-
fliessenden, Nebelhaften. Man mag dann vielleicht viel”
Religion haben, aber G ott bleibt ein grosses X. Vor allem aber: °
mankommtimGrundenichtübersichselbsthin-
aus, man gelangt zu einer Ahnung von Gott, bildet sich eine Idee
von Gott, Gott selbst wird eine Idee, aber er bleibt auch eine
Idee, er wird keine schafiende, richtende und erlösende Kraft Dar-
aus folgt: Es kommt dann zu keiner wirklichen Entschei-
dung für oder wider Gott, für Gott oder für die Götzen. Wie
könnte ein Gott, den. wir selbst schaffen, Anlass zu solcher Ent-
scheidung sein? Gott muss ein „Stein“ sein, an den wir stossen.
in dann allein, in der Entscheidung, finden wir wirklich einen
ott.
Damit sind wir schon bei unserm positiven Grund an-
gelangt. Wir fragen: Was heisst denn, einen Gott haben?. Ich
546
glaube, dass wir darauf so antworten müssen: Ein Gott, besser,
der Gott, den wir suchen, der Gott, der wirklich Gott ist und den
- wir als solchen erkennen, muss uns auf eine doppelte Art begegnen.
Er muss über uns sein, muss über der Welt, über aller Wirklich-
keit, die nicht er selbst ist, sein; er muss schlechthin, unendlich welt-
‚erhaben und damit der Herr und unser Herr sein. Damit allein
erfüllt sich das, was wir als Gott suchen; damit allein) ist Gott
Gott.. Gott muss fern, unendlich welt- und menschenfern sein,
um Gott sein zu können. Aber das ist nur die eine Seite der Wahr-
‚ heit Gottes. Die andere ist, dass Gott, um uns Gott zu sein, auch
unteruns, dasernahe, unendlich welt- und menschennahe sein
inuss. Gott, unser Herr, muss auch Gott unser Vater sein.Nur bei-
des zusammen macht Gott zu Gott und zu unserm Gott. Nur der
— Gott, der uns unendlich fern ist, kann uns auch unendlich nahe sein;
f
denn es soll ja Gott sein, der uns naht, der unendliche Gott. Die
Welt erlösen kann: nur der Gott, der „qualitativ anders“ (Kierke-
- gaard) ist als die Welt. Der Gott, der uns helfen soll, darf keine
blosse Idee sein, er muss der lebendige Gott sein, der der all-
mächtige ist. Der Gott, der uns Gott sein soll, darf nicht ein
Gemächte unseres Kopfes oder eine Dichtung unseres Herzens sein,
er muss uns als G ott entgegentreten, als der absolute Souverän,
als der, der da spricht: „Ich bin der, der ich bin.“ Der Gott, der
uns erlösen kannn, muss uns auch richten; denn nur aus den Hän-
den des Richters können wir unsere Freisprechung annehmen. Der
Herr allein kann uns zum Vater werden, denn nur einen solchen
Vater suchen wir; aber auch umgekehrt: nur den Vater kann unser
Herz ganz und freudig: als Herrn anerkennen. Vor diesem Gott
allein kommt es zu einer Entscheidung, zu der Entscheidung des
Glaubens und Gehorsams, ohne die Gott nicht Gott ist. So allein
wird Gott Gott, und unser Gott. Soaber begegneter
ansın Christus und’in Christus allein.
Denn in Christus — wozu ich nicht nur Jesus rechne, sondern
die ganze Israel und der Gemeinde Christi geschenkte Offenbarung
des lebendigen und heiligen Gottes, das Wort, das in die Ge
schichte eingeht, Fleisch wird — in Christus, sage ich, wird Gott
bestimmt. Hier ist er nicht mehr bloss eine Idee, sondern
der persönliche Gott, der Gott, der mit mir, gerade mir, zu
tun hat und ich mit ihm, der lebendige Gott, der Macht über die
Welt hat und über mich, der mich richtet, auch meine Gedanken
und Ahnungen von ihm richtet, aber der mich auch er löst, der
mich gesund macht, der Herr, der mir entgegentritt, sou-
verän, als Tatsache. |
Ja als Tatsache. Das ists. Gedanken, Ideen, Ahnungen sind
immer auch unser eigenes Gebilde, Gott aber, der Gott, der uns
wirklich Gott sein kann, muss eine von uns völlig und unendlich
547
ae.
Br
unabhängige Wirklichkeit sein, — wenn ich so sagen darf: "etwas
durchaus Unerfindliches, darum auch etwas uns zunächst Frem
des, ja Anstössiges. Das ist er in Jesus Christus. Nichts ist para-
“% . doxer, nichts wunderbarer, nichts unglaublicher, als dass ge-
A rade an diesem Punkt der Geschichte, gerade in diesem Menschen-
leben Gott selbst mit seinem ganzen Wesen, mit seiner ganzen
Gottheit hervorgetreten sei. Das Kind in der Krippe, in seiner
Armut und Unerfindlichkeit der Lage ist auch ein Ausdruck dieser
Paradoxie. Der andere aber ist das Kreuz. Das war der Stein des
Anstosses, an dem Juden und Griechen einst sich stiessen und an
dem „Juden“ und „Griechen“ (nicht national verstanden!) auch
heute sich stossen, weil es den Einen ein‘ „Aergernis“ und den An-
dern eine „Torheit“ war und ist. (1. Kor. 1, 22 ff.) Aber gerade
darum ist Christus der Eckstein der Wahrheit und Erkenntnis Gottes.
Darum tritt in ihm gerade der lebendige Gott hervor, der un-
erfindliche, in die Geschichte eingehende, die Geschichte revolutio-
nierende, der „qualitativ. andere“, der richtende und erlösende, ge-
sund machende Gott. Dieser „Jesus Christus aus Nazareth‘ wird
immer wieder von den Menschen gekreuzigt. Die Sache Christi
stösst, wo sie in ihrer Echtheit vertreten wird, immer mit der Welt
in einem Kampf auf Tod und Leben zusammen, ist ihr nicht nur
theoretisch, sondern noch mehr praktisch ,‚Aergernis‘ und „Torheit“,
aber sie wird auch immer wieder von den Toten auferweckt und
zum Eckstein aller Wahrheit, die bleibt. Nur wo das Kreuz richtet,
wird der Mensch gesund. Nur wo Kreuz ist, da ist auch Auferste-
hung. Nur wenn die Sache Christi ihre Salzkraft (um ein anderes
Bild zu brauchen) bewahrt, kann sie die Welt retten und dem Men-
schen Gott als wirklichen Gott bezeugen; nur wenn sie Stein des”
Anstosses und Zeichen des Widerspruchs ist, kann sie auch Eck-
stein werden. Nur in dieser paradoxen, anstössigen, unerklärlichen
Tatsächlichkeit ist die Gotteswahrheit in Christus das, was uns’
einen allmächtigen Gott gibt, einen Gott, der unbedingt helfen
kann, einen Gott, der das Wunder ist und das Wunder tut. |
Denn noch einmal: Der ferne Gott.ist auch der nahe. Diese
Nähe aber — verbunden mit der Ferne — ist nirgends ‚unter dem
Himmel‘ gegeben wie in Jesus Christus, in keiner Religion, Philo-
sophie und Theosophie, nicht bei Laotse und nicht bei Buddha und
nicht bei Plato — diese Weltnähe und Menschennähe, dieses Ein-
gehen in den Alltag, dieses Hineingehen in Armut, Krankheit,
Leid, Schuld, Tod, bis zu der letzten Höllentiefe. Hier nur ist Gott
der Vater. Und darum bedeutet Gott in Christus erkennen, Gott
in Christus begegnen: einen Gott haben, der Gott ist, weil er in
unser Leben, wie in die Welt eingreift, weil er Schicksal und Schuld,
Not und Tod gewachsen ist, weil er, als der Ferne, unbedingt
helfen kann und, als der Nahe, unbedingt helfen will. Und zu
548
es Wille, ein wunderbar grosser
Christus u
e. So will
| OR
ist das nun eine Einengung, eine Einschrän-
r Wahrheit? ee Sr
eine nicht, ich meine sogar das Gegenteil!
al: Die Bestimmtheit ist nicht Engigkeit. Ich glaube viel-
ass nur dr Bestimmte ganz weit sein kann. Denn
mehr, .
‚extremes se touchent — allzugrosse Weite geht leicht in irgend
eine Engigkeit über. Niemand ist unduldsamer als die „Freigeister“.
- Nicht der Unglaube oder Schwachglaube, sondern der Glaube
- macht weit; denn er führt zu Gottes weitem Herzen und gründet
- in der Zuversicht zu seiner Wahrheit. Man darf den „Namen“
Christus bloss nicht von vornherein als etwas Enges und: Ein-
engendes fassen. Christus ist der lebendige Gott selbst in seiner
_ allumfassenden Macht und Güte. In ihm ist alle Welt Gottes und
- alle Kreatur sein Kind. Christus ist „das Licht der Welt“, nicht die
Verdunkelung der Welt. Wer etwas von Christus versteht, der ver-
steht erst recht Laotse, Buddha, Plato. Denn das Licht ist es, das
hell macht, im Halbdunkel des Unentschiedenen kann man nicht den
_ —_ Irrtum erkennen, aber auch nicht die Wahrheit im Irrtum und über
_ ihm. Von Christus aus fällt ein Licht in die „Religionen“, dass ihr
Irrtum, aber vor allem auch ihre Wahrheit offenbar wird. Von Chri-
stus aus schliesst das ganze Rätsel der Welt sich auf, Christus geht
auch in die Hölle, als Richter, aber als richtender Retter, als Herr,
aber vor allem als Bruder. Es gibt keine freiere, umfassendere, küh-
nere Menschen, als solche, die den „Namen“ Christus recht verstan-
den haben. Wie wenig verstehen wir ihn noch!
Ja, wie wenig verstehen wir ihn noch! Und da sage ich nun
erst recht mein zweites Wort: In Christusalleinkönnen
gott ertragen, Gott verstehen an Gott
Freude haben.
Denn sicher: Gott wird uns entleidet durch die Gläubigen;
sicher: das Christentum wird uns durch nichts so verekelt wie
- durch die Christen, und so wird Christus selbst zu einem Gegen-
stand ‚der Scheu. Wenn man nur diese „Christen“, ‘diese „From-
men“, diese „Gläubigen“ vor sich sähe, diese Pharisäer und Schriit-
gelehrten und Sadduzäer, diese kleinlichen Mucker, diese Stützen
von allem, was ungöttlich ist im „Namen“ Christi selbst, diese
„Heuchler“, dann müsste man zu den „Ungläubigen“, zu den „Frei-
=:
Er
er
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&
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dr
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Y
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Ye.
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nser Gott werden.
wankende ist eher geneigt, heftig, einseitig zu werden. Les
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% 6
, 15 d
Er 4 =
wahrt geblieben sind, trotz gelegentlicher starker Versuchungen, dann
war es Christus allein, der uns zurückgehalten hat. In ihm,
dem unendlich Grossen und: Freien, erscheint auch Gott so gross
‘ und frei, in ihm, dem Menschensohn, so sehr als Gott der Men-
schen, als der, in dem der Mensch erst recht Mensch wird, als
der Vater. In ihm erscheint er als der Herr und Vater. In ihm
ist Gott Gott. In ihm ist Gott nicht Nebel, Bedrückung, Enge,
sondern Sonne und Höhenluft — Gott, Gott, der Seele unendlicher
Jubel. Er selbst hat ja die „Frommen‘“ in jeder Gestalt gehasst
(man verstehe das Wort recht!), er selbst ist ja von ihnen gehasst,
verworfen, ans Kreuz geschlagen worden. Darum aber kann in
ihm, in ihm allein — und was von seiner “Art in der Welt
glänzt — der Mensch als Mensch zu Gott als Gott kommen. So
ist auch in diesem Sinn der von den Bauleuten verworfene Stein
der Eckstein des Bundes von Gott und Mensch geworden.
Also, wenn du wirklich mit Gott zu tun haben willst, wenn
du den wirklichen Gott suchen willst, gehe zu Christus, zu
Christus allein. Denn zu ihm allein heisst: zu allem Reichtum
Gottes. Nur wenn die Welt sich von den Götzen, auch den
christlich eingekleideten, den schlimmsten und gefährlichsten von
allen, abwendet zu Christus allein, kommt sie wirklich zu Gott
und der wirkliche Gott zu ihr. L. Ragaz.
Das Wort, das wir brauchen.
Der zweite (der Bezeichnung nach dritte) Blumhardtband ist
schon vor fast einem Jahr erschienen. Das war wohl das Wich-
tigste, was in diesem Zeitraum geschehen ist. Der Umstand, dass
die Welt davon nichts gemerkt hat, ändert daran nichts; denn wann
hätte die Welt je das wahrhaft Wichtige als solches erkannt? Es
‚ist ja auch nicht immer so leicht zu erkennen. Mir ist das in diesem
rn a se EIERN
Fall an mir selbst klar geworden. Ich habe seit vielen Jahren sozu-
sagen auf diesen Predigtband gewartet, aber als er nun da war,
habe ich seine volle Bedeutung nicht sofort verstanden. Ich habe den
ganzen Band zweimal gelesen, wirklich gelesen, nach und nach,
gelesen besonders inmitten von Not und Kampf, gelesen in dunklen
550
i Stunden, in Sehnsucht, Seelendurst, Anfechtung. Beim zweiten Male
habe ich schon viel mehr darin gefunden als beim ersten Mal, und
nun, da ich den Band zum dritten Mal durchgehe, meine ich, jetzt
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erst schlage mir daraus das volle Licht entgegen, das darin leuchte.
Diese Eigenschaft, dass sein Sinn sich nur nach "und nach, und. |
nicht bloss aus dem Denken, sondern vor allem aus dem Leben
erschliesst, teilt dieses Buch mit der Bibel, deren ganze Wahrheit
= ee — ich wage es zu sagen — wie sonst kein zweites
Aber wie soll ich nun davon reden? Hat es einen Sinn, davon
zu reden? Genügt es nicht, bloss immer wieder zu sagen: „Nimm
und lies!“? Vielleicht ist doch gut und nötig, Einiges zu sagen,
um gleichsam den Schutt wegzuräumen, der den Weg zu diesem
Schatze versperren könnte. Mehr ist nicht nötig — es ist, mit an-
dern Worten, nur eine Hindeutung, von ferne nicht eine Be-
schreibung nötig.
1
Wenn ich, wie sichs gebührt, an früher über Blumhardt Gesag-
tes anknüpfen soll, dann könnte ich versucht sein, zu sagen: „Hier
haben wir nun den revolutionären Blumhardt.“ Es würde
mich das auch insofern reizen, als es heute bei einem gewissen arm-
seligen, der Reaktion die geistliche Schleppe tragenden Theologen-
volk Mode ist, von der Revolution abzurücken, unsere doch vor
allem für den Geldbeutel bange Welt zu versichern, die Reformation
sei ja keine Revolution gewesen und so fort.‘) Dem gegenüber er-
klärt Blumhardt, der vor allem auch ein Mann war:
_ Kein Wunder, dass es schliesslich zur Revolution kam; denn genau ge-
nommen, war das die Reformation.
Man mag sagen, was man will, die französische Revolution ist doch ein
Kind der Reformation; natürlich ist es eine fürchterliche Abart, aber doch
in der Hand Gottes. (14) Ä
Die Angst vor dem „Umsturz“, welche jene theologischen Wei-
ber erfüllt, deren langer Rock insofern recht symbolisch ist, war
Blumhardt so fremd, wie allen wirklichen Gottesmännern.
Die Leute haben Angst vor dem Sturz der Welt — ich freue mich darauf;
ich wollte, es würde heute schon anfangen krachen und zusammenfallen. (342)
Dieser Christus wird siegen und dieser Christus wird die Welt umwer-
fen. Ja, nennt mich einen Umstürzler! Wollte Gott, ich würde sofort die
Welt umwerfien ohne Rücksicht. (443) EN
Heutzutage geht es überall aus den alten Verhältnissen heraus. Es muss
sich ein Volk Gottes bilden auf einem ganz neuen Boden, ganz anders. (166)
Jene geistlichen Angstmeier können sich offenbar unter Revolu-
tion nur blinde Zerstörung, Petroleum und Bomben denken; Revo-
lution ist aber überall da, wo, im Gegensatz zur blossen Revision,
%) Ausdrücklich bemerke ich, dass ich dabei nicht an den bei all seinen
Mängeln doch bedeutenden Holländer Abraham Kuyper, sondern an
allerlei andere Erscheinungen denke.
551
, GT a =
Sein eues Prinzip:
ja wird
ri
PS Re nD are
' den Plan
früheren Bande schon spürte man das Erzittern des Bodens wie bei a
‚einem Erdbeben. Es ist ein leidenschaitlicher Ringkampf zwischen
Alt und Neu: der alte Boden der pietistischen und kirchlichen Fröm-
1
>
6
migkeit spaltet sich, zerbricht. Im jetzigen bricht das Neue als ge
waltiger Glutstrom hervor, aber — hier versagt das Bild — nicht
verheerend und zerstörend, sondern eine neue Welt verkündigend
und schaffend. Dort ertönt immer stärker die Losung: „Sterbet mit 4
Jesus!“, hier immer stärker die scheinbar entgegengesetzte, in Wirk-
lichkeit nur die Fortsetzung von jener bildende: „‚Lebet mit Jesus!“;
dort ist Karfreitag das oberste Wort, hier ist es Ostern und
Pfingsten. s
ZN i
Und wie wollen wir nun an die ganze gedrängte Fülle dieser
Welt herankommen ?
Wie gesagt, nur hindeuten wollen wir, nicht beschreiben.
Es sind einige grosse Losungen, die stürmisch durch das ‚ganze
Buch brausen. Der Herausgeber hat durch den Titel des Buches
(„Ihr Menschen seid Gottes !“) eine herausgegriffen, die
allerdings sehr im Mittelpunkt steht; sie heisst: Der Mensch!
Der Mensch ist wirklich in dieser Zeit ein grosses, ja, in gewis-
sem Sinne das Anliegen Blumhardts. Das mag demjenigen Leser,
dem einerseits Blumhardts Gedanken im allgemeinen nicht unbe-
kannt sind und dem anderseits die Losungen der „neuen Theologie“
in den Ohren tönen, zunächst wohl am stärksten auffallen. Die
„neue Theologie“ wird ja gewöhnlich, etwas vergröbert wohl, so
verstanden, als ob sie sich in einer einseitigen Herabsetzung des
Menschen erschöpfe. Ueberhaupt ist ja heute auf der ganzen Linie
der Kampf gegen die „Autonomie“ des Menschen im Gange. So-
weit man darunter die falsche Autonomie, die Autonomie der
Schlange im Paradies meint, ist der Kampf auch bitter notwendig,
ja selbstverständlich. Man erinnert sich wohl, dass auch der erste
Band auf seine Art diese Autonomie bekämpft, indem er allem
Menschenwerk, aber — wohlverstanden — auch dem frommen, dem
religiösen, christlichen, kirchlichen, theologischen, im Namen des
lebendigen Gottes ein: „Sterbet!“ zuruft: Aber nun, im zweiten
Band, wird gerade hier aus dem „Sterbet!“ ein „Lebet! Dax
552
ER N E ne ra
TR m
a:
‚r ist darin oft jusqu’au bout
ı Freunde sich etwa darob
t auch gut war. EssollvonGottausinderMen-
schenwelt anders werden. Der Mensch ist ungeheuer
wichtig. Gott und Mensch gehören sozusagen unlöslich zusam-
Der liebe Gott muss Menschen haben. (27)
Im Gegensatz zu der heutigen Art, die sozusagen durch Vernich-
tung des Menschen zu Gott vordringen, auf des Menschen Unehre
_ Gottes Ehre begründen will, geht Blumhardt in dieser Zeit oft bis
4
|
TI
x
da
zum Gegenpol auch seines frühern Weges. Man muss zuerst.
den Menschen zu Ehren bringen, vorher gibt es kein Verständnis für
die Ehre Gottes; der Mensch muss zuerst lernen, Gott in sich selbst
zu achten, dann erst kann er Gottes Gewalt über die Welt erfas-
sen; er muss Gottes Recht für sich selbst geltend machen, wenn er
- Gottes Recht an der Welt verstehen will; wer aber sich selbst weg-
wirft, der wirft Gott weg.
Denn das sage ich euch: Menschliches muss zu seinem Rechte kommen,
dann kommt Göttliches auch zu seinem Rechte,
Du hast doch etwas Menschliches — dem gib Recht, das Menschliche lass
einmal ganz einfach wieder gelten ... dann bin ich überzeugt, es wird der
Jesus, von dem ich weiss, dass er lebt, auch dir, der du es vielleicht nicht
glaubst, nahetreten und wird etwas aus dir machen können. (15 und 16)
Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Schriftgelehrten! Das
ist der erste Feind: das sind die Menschen, die Gott so vergotten, dass kein
Mensch mehr zu Gott kommt. Merket euch den Satz! Der Geist der Schrift
gelehrten und Pharisäer und aller Parteien ist der Geist, der Gott so ver-
gottet, dass kein Mensch mehr zu ihm kommen. kann und Gott zu keinem
Menschen mehr kommen kann, dass immer eine Scheidewand da ist. Dann ist
es aus. Dieser heillose Geist reisst fast alle Menschen vom Felsen herunter;
dieser Geist hat den Aposteln die ganze Kirche heruntergerissen und so lie-
gen sie [s.c. die Pharisäer und Schriitgelehrten, die „Frommen“] im Sumpf und
wagen gar nicht mehr, sich und Gott zusammen zu denken. Sie stellen sich
nicht auf den Christus im Fleisch, sondern auch Christum weisen sie wieder
aus dem Fleisch heraus, dass niemand zu ihm kommen ‘kann. So kommen
denn diese falschen Geister, die die Menschen bedienen mit Theologie und
Philosophie und Christentum; die bedienen uns aus den Erinnerungen von
Christus nach der Schrift. Wir werden bedient in unserem Dreck drin! —
aber da kann nichts werden, darum haben alle Oifenbarungen auigehört.
Heut handelt es sich darum, diesen Geist zu bekämpfen, der Gott so ver-
‘ gottet, dass kein Mensch mehr zu Gott kommen kann, der Christus so ver-
gottet, dass kein Mensch mehr auf den Felsen in ihm, der im Fleisch ist,
sich zu stellen wagt. (93 und 94)
993
Andere haben es dann, wie vieles sonst, von ihm über-
freilich ohne dies zu verraten, was zwar nicht fair, aber
Woher stammt diese Wend stammt,
sagten wir, gerade aus Gott, aus dem Ernstmachen mit Gott.
er
ung zum Menschen? Sie stamm
DennGottistdieLiebe.
Damit sind wir zu der zweiten gewaltigen Grundlosung dieses
Bandes gelangt. Wir stossen hier auf einen zentralen Punkt in
Blumhardts Kampf, den man leicht übersehen kann. Glaube und
Hoffnung treten eng verbunden darin so gewaltig heryor, dass die
„Liebe“, die doch die grösseste unter ihnen ist, weniger beachtet
wird. Auch scheint die Hoffn ung.darin das Eigenaitige, weilNeue ;
zu sein, während von der Liebe, auch der Liebe Gottes, das Christen-
tum immer schon genügend geredet habe. -In Wirklichkeit ist auch
bei Blumhardt gerade die Liebe, die Liebe Gottes, aus der die Liebe
des Menschen erwächst, auch „die grösseste unter ihnen“. Es ent-
hüllt sich gerade darin die biblische Wahrheit in einer Eigenart
und Gewalt, die recht zu fassen wir noch weit entfernt sind. Die
Eigenart dieser Liebe offenbart sich besonders an dem: „Richtet
nicht!“ Ich wähle mit Bedacht diese Formel, einmal, um dar-
auf hinzuweisen — was man noch zu wenig beachtet hat — wie
Blumhardt, ohne es zu sagen, meistens wohl ohne direkt daran zu
denken, ein Stück der Bergpredigt auslegt, sodann, um an
dieser Stelle auf die Berührung mit Tolstoi aufmerksam zu ma-
chen. Nicht richten, sondern verstehen! Nicht verdammen, sondern
lieben!
Es hat noch nie ein Mann Gottes gewagt, einen Sünder zu verdammen.
Die Liebe Gottes, die im Menschen lebendig werden soll und in
Jesus Fleisch geworden ist, kennt keine Schranken und Grenzen.
Sie dringt in alle Höllen und zersprengt sie.
An Jesus hängen wir die allerweitesten Hoffnungen für uns und für die
ganze Welt, und in Jesus machen wir unsern Geist stark wider alles Böse;
wir lassen keinem Bösen auch nur nagelsgross Recht. Wundert euch nicht,
wenn ich keinen Teufel und keine Hölle und keine Verdammnis gelten lasse —
mir wühlt es das ganze Herz auf um Jesu willen. (16 und 17)
Alles, was auch gesündigt ist, ist abgetan, weil man durch die Liebe
Gottes auf eine neue Bahn gekommen ist. (38) 7
9) Der liebe Gott mag dich doch, wenn auch kein Mensch dich mehr mag.
Diese Liebe Gottes führt immer zu den „Zöllnern und Sündern“.
Unter den eigentlichen Sündern sind die edelsten Menschen; mancher
liegt im Kot der Sünde und ist der glänzendste Edelstein. (39)
Man vergleiche dazu das Wort Jesu: „Wahrlich, ich sage euch:
Zöllner und Huren kommen eher in das Reich Gottes als Pharisäer
und Schriftgelehrte.‘“ (Matth. 21, 31.)
Christus im Fleisch, das gibt uns’die Liebe zu allen Menschen, das gibt
uns die Liebe auch zu unsern Feinden; ... . das gibt uns die Freundschaft
zur Welt, nicht die Schmeichelei gegen die Welt, sondern die Freundschaft zu
allen Menschen, die hohe Freundschaft, in welcher wir es durchbehaupten:
554
Re A a a
n
I.
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hy ui un I Fa rr
Christus ist auch in dieses Fleisch der Sünder gekommen, es ist nur eine
Frage der Zeit, so ist das Andere aus ihnen fort und Jesus lebt. (202 u. 203)
' Dass diese Liebe etwas Grundanderes ist, als was die „‚Moder-
nen“ oder „Neuen“ davon schwatzen, braucht wohl nicht gesagt
zu werden. er
4.
Wenn ‚dergestalt das neue Menschentum, das Blumhardt meint,
aus der Liebe Gottes quillt, so muss diese Liebe Gottes doch noch
nach andern Richtungen hin erläutert und damit jene Hinwendung
‚zum Menschen verständlich gemacht werden. Wir haben ja schon
wiederholt gesehen, dass sie auch zusammenhängt mit der Losung:
„Im Fleisch !“ Und das ist in der Tat eines der weiteren, ge
waltigen Grundworte dieser Zeit, wie auch aller späteren Zeiten
Blumhardts, und zwar so, dass wir manchmal meinen möchten,
gerade darin sei der eigentliche Blumhardt, dadurch werde sein
Allerbesonderstes bezeichnet. Wir könnten uns zunächst darüber
wundern, wenn wir uns daran erinnern, dass im ersten Band die
Wendung gerade gegen das Fleisch ging, dass dort alles Fleisch
sterben musste, auf dass Jesus lebe.
Was bedeutet denn nun diese Wendung: „Im Fleisch !“?
Machen wir zuerst klar,. was sie nicht bedeutet. Wir stossen
dann wieder auf das, was Blumhardt verneint. Diese Vernei-
nung ist wahrhaftig revolutionär genug. Er verneint, mit Jesus,
mit der ganzen Bibel, nicht weniger als Religion und Chri-
stentum, Kirche und Theologie.
Herausgekämpfit. muss ‚es sein, dass Jesus nicht ein Religionsstifter ist,
ein Konfessionsstifter — denn Religionen gibt es eigentlich gar nicht, es gibt
nur Konfessionen — sondern dass er der Lebensbringer ist, und dass
hinter ihm das Lebensvolk in die Totenmasse hineingeht. (114 u. 115)
Jetzt handelt es sich nicht mehr um Konfessionen und Glaubensbekennt-
nisse und Kirchen — die Zeit ist vorüber. (143)
Frei heraus sage ich es: Das Christentum gilt mir blutwenig; das ist
heute nichts als eine geschichtliche Erscheinung unter den Völkern. Nehmt es
mir nicht übel — ich schmeichle niemand mehr — aber das Christentum ist
ja nichts mehr nütze; es ist wie mit dem Judentum, da kam ja Gott auch
nicht zu seinem Recht. (148 und 149) \ j
Es war ein grosser Irrtum, dass wir meinten, jeder Theologe, jeder Pfar-
rer könne lösen und binden — es muss in einem Menschen das Licht -des
Vaters im Himmel sein, aber kein Scheinlicht: nicht ein Amt, das wir machen,
hat die Schlüssel in der Hand, nein, da wo wir die Leute auslesen, wo wir
sie examinieren, ists nicht. Mit dem geben wir ihnen nicht die Schlüssel des
Himmelreiches, sondern wo Einer ist, der die Oifenbarung Gottes empfängt,
der ist ein lösender Mann. Jeder Bauer, jede Frau kann eine lösende Person
werden — steht sie auf dem Felsen, so ist sie eine lösende und es kann die
Gemeinde Christi aus lauter Armen, Unmündigen zusammengesetzt sein und
sie ist doch eine lösende, Und so kommen die Wirklichkeiten Gottes auf Er-
OT 2 h
'z ee as bis jetzt enorm betrogen; wie sind nicht die Leute
durch falsche Propheten in die Irre geführt worden, und wie sind wir in
599
“ Verlegenheit, z. B.. auch heute,
eo
2 a tr o ech k; EN ;
durch historische Entfaltung des
tums, des Papsttums, des Zarentums und Pfaffentums, weil d ie
nis zu Gott eben dadurch wieder verderbt und aufs neue in Frage ge
stehen . . . (273 und 274) .;
Ich las kürzlich in einem Büchlein von einem russischen Pfarrer, in dem
derselbe sagt, wir brauchten keine Kirchen und Kathedralen, eine Scheune
tue es auch ..... Es ist wirklich schade in unserer Zeit für das viele Geld,
das man an die Kirchen wendet — für das Reich Gottes hats keinen Wert!
Damit kann man nicht selig machen, das zeigt gerade die heutige Zeit. Jesus
ist kein Religionsstifter; er ist der Erneurer des Lebens. Das Menschheits-
wort Gottes muss geliebt werden ..... (304 und 305)
Das ist das Nein Blumhardts zu den Mächten, die zur Zeit seines
Auftretens als die edelsten Träger und höchsten Verkörperungen
der Sache Gottes galten und als solche zum Teil noch heute gelten.
Dieses Nein, schon im ersten Band aus leidenschaftlichem Ringen
hervorbrechend, ertönt im zweiten Bande umso gewaltiger und
sieghafter, als es aus einem entsprechenden J a stammt, ja gewisser-
massen nur dieses Ja mit einem andern Vorzeichen ist. Wer die
geistige Lage unserer Zwischenzeit (denn eine solche ist es in mei
nen Augen) kennt, der weiss, dass dieses Blumhardtsche Nein heute
wenigstens scheinbar und besonders in den religiösen Kreisen ein
schwächeres Echo findet, als vor zehn und zwanzig Jahren. Es ist
Restaurationszeit. Religion und Christentum, Kirche und Theologie
werden wieder aufgerichtet, ja, man redet bekanntlich von einem
kommenden „Jahrhundert der Kirche“, und wenn man heute davon
auch schon etwas weniger zuversichtlich redet, so denkt man
doch vielfach so. Es ist die Frage, ob dieser Mann, der doch wahr-
haftig als einer erscheint, der „Gewalt“ hatte und den Gott „seine
Wege wissen liess“, (Psalm 103, 7) Recht behalten wird, Aussicht,
Verheissung hat, Recht zu behalten, oder diese Restauratoren von
Heiligtümern, die er Ruinen nennt. Davon ein andermal mehr!
ke wir nun: Welches ist denn das Ja, aus dem jenes Nein
wird!
Damit kehren wır wieder zu der Losung „Im Fleisch!“ zurück.
Wir müssten nun eigentlich sagen: nicht im Fleisch, sondern
ins Fleisch. Und das bedeutet: die Wahrheit Gottes, die Christus
heisst, will nicht im Himmel bleiben, sondern will auf die Erde,
und sie will hier nicht im stillen Heiligtum des innern Lebens blei-
ben, sondern will in die Welt, in die Gesellschaft, in die Verhältnisse
hinein, sie will auch nicht bei sich bleiben, nicht in Tempeln und
nicht in Systemen, nicht in Religionen und Konfessionen, und hies-
sen sie auch „christlich“, sondern will in die Wirklichkeit hinein,
und zwar nicht nur in die schöne, edle, leichte, nein, umgekehrt,
gerade in die hässliche, verachtete, dunkle Wirklichkeit, in Sünde,
Laster, Not und Tod hinein; sie will in die Welt hinein, bis in ihren
556
worden ist. Es tut einem also leid und will einen oft ganz böse ı EN
dass Leute in der Religion etwas zu sagen haben wollen, de doch nichts e 5
#
&
\
j
— so will sie
==
1;
uns geboren wird, lebt, stirbt, aufersteht und siegt,
Zu, einer körperlichen Wahrheit, heisst es in diesem Sinne einmal,
muss der Tag unseres Gottes werden, der Tag unseres Herrn Jesu Christi. (10)
Aber auch das drückt sich darin aus, dass Gott wirklich der
Herr ist. Denn nur so: wenn wir mitten in der Wirklichkeit des
„Fleisches“ seine Wirklichkeit spüren, spüren wir ihn auch als den,
dem noch alles gehören muss. Eine blosse „Idee“, ein blosser
„Geist“ (im abgeschwächten, griechischen Sinn, den das Wort Joh.
557
{ kannt haben sollten, so kennten wir ihn doch jetzt nicht mehr“,
3 (2. Kor. 5, 16) am rechten Ort so wenig bestreiten, als wir es tun,
-
k
Entwertung der, im tiefsten Sinn des Wortes, geschichtlichen Wirk-
lichkeit Christi zugunsten der blossen Christus-I dee dienen sollte.
„Im Fleisch“ und darum weiter: „Ins Fleisch“, das ist die Losung,
die auf dem Banner der Sache Christi steht. Es drückt sich darin
aus, was ich etwa den heiligen Materialismus der Bibel nenne,
was man aber auch ihren heiligen Realismus nennen kann. Die
Sache Christi ist nicht bloss»Religion, Frömmigkeit, heilige Inner-
lichkeit, Spiritualismus, Idee, Sehnsucht, Heimweh, sie ist Wirklich-
- keit, will es immer mehr werden, nichts ist ihr zu profan, nichts zu
äusserlich, sie ist nicht „inwendig in uns“, sondern „mitten unter
uns“, die feste, greifbare, „materielle“ Wirklichkeit der Wirklich-
keiten, das fleischgewordene und immer wieder fleischwerdende
_ — Wort des allmächtigen Gottes, der die wunderbare Liebe ist, die für
j
Ra,
5
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4, 24: „Gott ist Geist“ nicht hat) flösste uns
7} My. ni ar
allmächtige und lebendige Herr der Welt.
11°
Die Sache Gottes will in die Welt. Das ist nur eine andere
te uns kein Zutrauen in
ihren Sieg ein, nur der Gott, der „im Fleisch“ erscheint, ist der
Wendung und gleichsam die Fortsetzung jener allgemeinen. Die
Sache Gottes ist für dieErde. Das wird mit der Einseitigkeit
der Entdeckung und des Kampfes gesagt.
Wo der Mensch ist [es ist selbstverständlich der Mensch Got tes
gemeint], da ist der Himmel auf Erden. Lasst heute in unserer Gemeinde Boll
oder irgend einer kleinen Gemeinde wahre Menschen werden, und das Para-
dies ist da! Es braucht keinen besondern Himmel dazu, es ist schön genug
auf unserer Erde, aber rechte Menschen müssen drin sein und dann ist das
Paradies da. (63) ji
Gott folgen in unserer Zeit ist das Wichtigste, und dadurch werden wir
klug. Zu diesem Umgang kommen wir aber nur, wenn man die Klugheit hat,
wie wir sie hatten, nie von der Kirche, nie von Gemeinde zu hören, sondern
immer nur vom Reiche Gottes. Schon in meinem dritten, vierten
Jahr hat mein Vater uns in sein Zimmer genommen und hat uns grosse Kar-
ten gezeigt und gesagt: „Ihr müsst die Welt erobern, denn das Reich Gottes
muss in die Welt kommen.“ (313) /
Ohne dieses „Gott in der Welt“ hätten. wir niemals den Weg gefunden,
der uns einigermassen nach oben führt. (59)
In diesem Sinne sagt Blumhardt von sich selbst:
Ich will ein Weltmensch sein, ich will’ein Herz haben für die ganze Welt,
ich will eine Arbeit haben für die ganze Welt, eine Freudigkeit und eine
Liebe für die ganze Welt. (25)
Und so war er auch ein Weltmensch, hatte gar nichts „Geist-
liches“ an sich, auch wenn er einmal einen schwarzen Rock trug
oder auf einer Art Kanzel stand und predigte. Darum aber hatte
er auch „Vollmacht“.
Heute muss man, sagt er ein andermal, ein Gottesmann sein in der Welt.
Wer das nicht versteht, hört die Stimme des Herrn nicht, die schon lange
schreit. (165)
5.
Wenn auf diese Art das Reich Gottes „ins Fleisch“, „in die
Welt“ (und in die Hölle!) will, dann muss es zur Erfüllung
kommen und darf nicht bloss bei der Verheissung bleiben, so
wie Christus im Fleische selbst Erfüllung und nicht bloss Verheis-
sung (obwohl freilich auch Verheissung!) ist. Es darf also, um Julia
Hansens Formel aufzunehmen, nicht bloss bei der „Rechtierti-
gung“ bleiben, sondern muss zur „Erlösung“ kommen.
Wenn man nur geschwind Verzeihung der Sünden bekommt, Rechtierti-
gung! — das ist alles, was man in der Religion sucht, ob man dann Sünder
bleibe oder nicht. Man macht aus der Gnade eine Art Leichentuch, das den
Tod der Sünde zudeckt — was darunter ist, fragt i
des Todes bleibt stehen. (84) re u re
‚ Aber wer wirklich Christus hat, der hat in ihm Erlösung, das
heisst, er hat den Sieg über die Sünde. Er hat darum auch nicht
bloss Trost, sondern hohe Freudigkeit des Sieges in allem,
Jesus hat nicht bloss Trost bringen wollen, Jesus will andere Menschen
558
9 a a u
„ganz andern Sphä
EL
EB 'bebe
‚den
Sieg alles Lebens. Sie ist nicht bloss ein vereinzeltes historisches
umhardt nun auf und bleibt so.
welches grösser ist als der Tod. (256 und 257)
@ _ Es ist ein Triumphgesang ohnegleichen. „Tod, wo ist dein
Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg? Gott sei Dank, der uns den Sieg
gegeben hat.“ (1. Kor. 15, 55) Wenn es vorher hiess: „Sterbet, damit
Jesus lebe“, so heisst es darum jetzt: „Jesus lebt, Jesus ist das
Leben, Jesus ist die Auferstehung, darum lebet, stehet auf.“ Und
welche Vollmacht hat diese Botschaft bei Blumhardt! —
er Aber diese Auferstehungsbotschaft gilt nun nicht bloss dem
- Einzelnen in seiner Not, sondern der ganzen in Todesdunkel ver-
sunkenen Welt, der ganzen Gesellschaft. Und hier stossen wir
auf das weitere Element, das diesem Band und dem Leben Blum-
hardts den Charakter gibt: das Soziale! Aber gerade, weil
dies so ungeheuer bedeutsam und entscheidend geworden ist und in
seinem Werke geradezu die Durchbruchsstelle bezeichnet, brauchen
wir hier nicht viel davon zu sagen.
Wie zentral dieses Element für Blumhardt selbst war, möge die
5 folgende Stelle beweisen:
3 Der Heiland will ja eigentlich im Grunde, wenn wir es so ausdrücken
E
3
K-
6
ak da U:
wollen, die soziale Frage lösen. (287) ') .
Und noch schlagender die andere: |
Jesus ist eigentlich viel weniger religiös als — dass ich so sage —
menschlich lebendig, oder — erlaubt mir den Ausdruck — sozial. (324)
1) Der Herausgeber der Predigten hat in seinem Nachwort zu dem Bande
e sowohl die Gründe, die Blumhardt zu seiner Stellungnahme für den Sozialis-
| mus und seinen Eintritt in die sozialdemokratische Partei veranlassten, als
i auch sein Wirken innerhalb der Sozialdemokratie eingehend dargestellt. In
2 den dem Anhang beigegebenen beiden Antwortschreiben Blumhardts an seine
Freunde, worin er diesen über seinen grosses Aufsehen und viel Aergernis
erregenden Schritt Rechenschaft gibt, spricht Blumhardt ‚selbst die Motive
seines Verhaltens in klassischer und gewaltiger Einfachheit aus. _
Ueber einen neuesten Versuch, Blumhardt möglichst vom Sozialismus zu
trennen, das nächste Mal.
E.. | 559
erall geht es um den grossen Kampf zwischen Tod und
n. Jesus aber bedeutet das Leben und seine Auferstehung
€ ignis, das uns ja wenig bedeuten könnte, sondern ist nun sozu- |
‚en das grosse Grundprinzip der Welt Gottes. So tritt es bei 2
ni Fan e en u a f. > . . 5 f h
— _ /Wir feiern nicht Ostern zum Andenken an einen einmal auferstandenen
Jesus, sondern wir feiern Ostern im Preis Gottes, der uns das Leben gibt,
IE
F ’ a2 Fa
Es soll im übrigen nur noch betont werden, ‚dass das, was wir
in einem ganz weiten und grossen Sinne Sozialismus nennen kön-
nen, nirgends aus einem so tiefen Grunde strömt, wie bei ihm.
Dieser Grund ist Gott selbst, der Lebendige, ist die Liebe Gottes,
so wie Blumhardt sie versteht, ist Christus im Fleisch, ist das Reich
Gottes in der Welt, ist die Erlösung des Menschen, ist die „Auf-
erstehung des Fleisches“. Blumhardt hat also nicht, wie die „neue
Theologie“, zwischen das Evangelium und den Sozialismus (im
weiteren Sinne) eine breite neutrale Schicht, ein „Niemandsland‘“,
gelegt, oder die bessere soziale Ordnung etwa aus dem sogenannten
Naturrecht abgeleitet, sondern hat die Wiedergeburt der Gesell-
schaft unmittelbar aus der Tiefe des Vaterherzens Gottes und der
Liebe Christi (was das Gleiche ist) her geschehen lassen. Dass das
von dem lebendigen Gott und seinem ins Fleisch gekommenen, lie-
benden, leidenden, siegenden, wiederkommenden Christus aus-
gehende Leben in alle Todestiefen der Gesellschaft flute: in das
soziale Unrecht und die soziale Not, in die vom Egoismus gebun-
denen Herzen, in die Wohnungen, wo Krankheit und Laster brüten,
in die Fabriken, wo der Mensch zum Sklaven wird, in die Stät-
ten, wo die Zöllner und Sünder wohnen, in die Hölle, und dorthin
die Liebe. Gottes und sein heiliges Recht für alle, das Leben und
die Freude, die Auferstehung, kurz: Gott, den Menschen, den Bru-
der, das Reich bringe — das ist nach Blumhardts Meinung der Sinn
der sozialen Frage. So hat er sie ausgelegt und gelebt. So hat er
sie gedeutet als das Anpochen Gottes an die Tore unserer Gesell-
schaft, so den Sozialismus gedeutet als einen Vorglanz des Reiches
Gottes und die Sozialdemokratie als seine ungewollte und unbe-
wusste Prophetin. „Eigentlich sind sie [sc. die vielgeschmähten
Sozialdemokraten“) Propheten.“ Sie tun, wie auch andere Bewe-
gungen, nach der Art des zweiten Sohnes im Gleichnis, den Willen
Gottes, ohne es zu wissen, ja ohne es zu wollen. Gott ist ja oft da,
wo man ihn leugnet und nicht da, wo man ihn bekennt.
, Sie müssen! — dieses Stichwort hat ebenfalls Blumhardt geprägt — Ja,
sie müssen — ohne dass sie an Christus glauben, müssen sie seinen Willen
tun und zuletzt wird Christus als der ihnen erscheinen, von dem heute alles
Gute ausgeht. (307)
Kurz, alles Tiefste und Grösste, was die alten und neuen „Reli-
giös-Sozialen“ (mögen sie sich so nennen oder nicht) vom Sinn der
sozialen Bewegung zu sagen wissen, haben sie zwar nicht bloss
bei ihm geholt, aber er hat es in einer Fülle und Tiefe, Gewalt und
Vollmacht ausgesprochen, wie Keiner sonst.
Nur ein Element sei aus der sozialen Botschaft Blumhardts
noch kurz hervorgehoben. Die religiöse Vornehmtuerei der heuti-
gen Theologen und Frommen kann vom Pazifismus nicht ohne
Naserümpien reden. Dieser Mann aber, der von Gott und Chri-
stus ganz entschieden mehr gewusst hat als sie, bekennt sich stets
560
aller Sünde liegende Welt liebt.‘) (254)
%
En re le EU A a is
ein! Ne
dlich wei
welches die
verwelken soll:
2, n sie jetzt einen Friedenskongress halten, so ist mir das einerseits =
ine grosse Freude; wenn aber die Völker sich nicht achten lernen und sich
‚nicht schätzen lernen, [so] dass ein Volk vom andern sagt: „Es ist viel mehr |
eine
wert als ich, und wenn es noch nicht ist, so muss es werden“, dass wir uns
auch gegenseitig helien lernen, so wird der Friede sehr problematisch sein.
Wenn die Umstände danach sind, so haben wir morgen Krieg, ausser es ist
dieser unmoralische Ungott-Boden zerstört, herausgerissen aus den Herzen, und
es ist die Liebe Gottes eingepflanzt, die Liebe, die die gottlose Welt, die noch
‚unerlöste, die arme Welt und die zerschlagene Welt und in allem Elend und
“6. |
kung des „Gott in die Welt“, „Gott ins Fleisch“ noch einen Augen-
blick zu der allgemeinen Linie zurück. Blumhardt glaubt an das
Kommen des Reiches Gottes auf die Erde mit ungebro-
‚chener (nicht, nach der heutigen Losung, gebrochener) Kraft. Gott
kann und will ins Fleisch kommen. Finitum est capax infiniti — so
hätte er ohne Zögern gesagt, wenn man ihn vor jenen bekannten
Streit gestellt hätte. Er scheut sich auch nicht, den heute so ver-
pönten Fortschrittsgedanken damit zu verbinden.
= Es ist ganz merkwürdig, wie gerade mit dem Christentum dieser Fort-
schrittsgedanke gekommen ist. (105)
Freilich kommt der Fortschritt nicht von selbst, im Sinne einer
natürlichen, ungebrochenen Entwicklung, sondern, um es kurz zu
sagen, durch Kreuz und Auferstehung, aber Blumhardt will nichts
von jener verkümmerten eschatologischen Auffassung des Pietismus
"wissen, dass nur der „kleinen Herde‘ das Reich gehöre. Er nennt
das einen „schrecklichen Irrtum“, (129) Nur ihr wird es gege-
ben, freilich, aber für alle.
Im Glauben an dieses Kommen des Reiches können und sollen
wir auch Taten tun. Ja, sein Kommen ist in gewisser Hinsicht
davon abhängig. Auch darin ist Blumhardt anders als die Neuesten,
die sich entsetzen, wenn man — offenkundig mit der Bibel — das
sagt. Dass diese Taten nur „mit Gott“, das heisst: aus seinem Geiste,
getan werden können, ist dabei ihm, wie uns, selbstverständlich.
In diesem Sinne aber heisst es:
! ise für die ausführlichere Darstellung der sozialen Botschaft
an men Blumhardtbuch, esandere das Kapitel: „Die Er-
lösung“ (2. Aufl., S. 97).
561
Kehren wir von dieser gewaltigen und entscheidenden Auswir-
er at EIFLENE
‚das Ungebildete, das Unz:
Taten müssen geschehen; das Unehrliche,
‘und Törichte in den Menschen muss aufhören — aber wie? Es muss des
heiligen Geistes Majestät, des allmächtigen Gottes Grösse mitten unter uns w
sein. Taten müssen geschehen an den Herzen, an den Leibern, in der Luft
und in der Erde, an Bien, was lebt, Taten Gottes. Dafür will uns der liebe
Gott brauchen — wir sollen ihm helfen! Und so sagen wir denn fröhlich:
Gott will mit uns Taten tun, und wird sie auch mit uns tun, weil wir es wol-
len, weil wir nicht die Kühnheit haben, zu denken, wir könnten etwas tun
— wir können nichts tun! — aber Gott wird mit uns so viel tun, dass die
Welt noch staunen wird — mit seinen Kindern kann er ja alles tun! (142)
Wenn man solche Worte liest, hört man den Entsetzensschrei
der heutigen Theologie: „Titanismus! Luzifer! Menschliche Ueber-
hebung! Autonomismus! Eritis sicut Deus!“ Aber ich habe nie
einen Menschen kennen gelernt, der demütiger vor Gott gestanden,
ihm in Tat und Wahrheit, nicht bloss in Worten, mehr ‚die Ehre
gegeben hätte, als der Mann, der diese Worte gesprochen!
Und gerade unsere Zeit hat diese Verheissung. Bedenken
wir: Blumhardt ist zu einer Zeit aufgetreten, wo man von der Be-
deutung einer Zeit vor Gott, von der Verheissung, die einer Zeit
geschenkt sein könnte, wenig verstand, Er hat uns erst wieder die
Ohren und Augen für Wort und Walten des lebendigen Oottes
öffnen müssen.
Es ist doch heute eine neue Zeit, sagt er, eine Zeit, wie sie noch nie war,
solange die Welt steht. (15)
Ich weiss es gewiss, dass in unsere Zeit ein lebendiger und siegender
und kräftiger Gotteswille hereindringt. (19)
Jetzt kommt eine neue Zeit. Haltet ihr mich für kühn oder phantastisch?
Ich kann nicht helfen, es kommt eine Zeit des Sieges des Gotteswillens in den
Menschen und in der ganzen Kreatur. (22)
Wird man wagen, es „Hybris‘“) zu nennen, wenn ein Blum-
hardt das sagt?
In heutiger, entscheidungsvoller Zeit, wo die Menschen unruhig und
schwermütig werden vor lauter Getrieb, wo sie in der Hast, ihr Eigenes an
sich zu reissen und sich darum zu wehren, herrisch werden, Händel miteinan-
der kriegen und wo ein Durcheinander ist von Parteien, von denen jede herr-
schen will — heute ist das Himmelreich wieder nahe, heute will Gott regie-
ren und es fängt schon an. (72) ;
Ich meine, noch nie habe sich Gott so lebendig geoffenbart als heute.
In welcher Zeit ist uns so viel vom Wesentlichen Gottes ins Herz geflossen
als heute? Wie hätte doch ein Apostel Paulus gejauchzt [statt, wie seine
heutigen Ausleger, zu höhnen], wenn er hätte den Gedanken fassen dürfen: Nie-
mand darf mehr Krieg führen, ohne sich dem Urteil der Welt auszusetzen!
Ist das nicht eine Offenbarung Gottes? ... Das internationale Reden Gottes
heute ist mir mehr als alles, was Abraham und Mose und die Apostel er-
fahren haben. Heute redet Gott gross, heilig, wahrhaitig, gnädig für die ganze
Welt. (118)
Heute gibts wieder eine neue Epoche, deswegen ist die heuti eit eine
Reichgottes-Zeit — da rührt sichs. (179) : a
‚ Das ist nun selbstverständlich alles andere als „Optimismus“,
wie die Heutigen sofort rufen würden. Blumhardt weiss genau, was
‘) Gottlose Selbstüberhebung.
562
rn Te RÄT
auf dem Spiele steht. Er weiss, was ohne die Umkehr der Welt
kommen wird:
Es wird eine riesige Blutlache sein, so hoch, dass sie die Erde be-
deckt. (109)
. Das_bisschen christliche Kultur wird uns nicht schützen vor den aller-
ärgsten Zeiten, da Millionen Menschen zugrunde gehen, wenn nicht das Ende
konımt, wenn Gott nicht Leute hat, die sich beteiligen auf das Ende hin. (176)
. Es wird gewiss noch einmal zu einer Katastrophe kommen, dass es sich
zeigen wird, welcher Geist Herr ist. Solche Katastrophen müssen wir vor-
aus in uns erleben. (299)
Unendlich viel Lüge zieht durch unsere Gesellschaft. (335)
Am wenigsten wird uns, wie die Flachköpfe meinen, unsere
Technik retten.
Gerade jetzt, wo wir vielleicht auf die Höhe gekommen sind an dem,
was der Mensch schaffen kann, dass wir sagen müssen: Lieber Gott, höre
auf und sage uns nichts mehr; wenn sie noch ärgere Erfindungen machen,
dann geht es ins Uebertriebene hinein! — Heute fühlt man es am allermeisten:
das ist nicht das Licht, in das wir endgültig versetzt werden müssen .
Alles, was wir so haben, was nützt es heute? (267)
Denn wir sind am Ende der Zeiten. (352)
Aber gerade darum heisst es:
Das ist die heutige Zeit, und es ist eine grosse, eine prachtvolle Zeit, da
das Subjektive und Kleinliche der eigenen Person verschwindet. Im Reich
Gottes muss es schliesslich so gehen; es ist eine Völkerfrage, die gelöst wer-
den muss, und Gott gebe, dass sie ordentlich gelöst wird, auch wenn es noch
durch Gericht geht. Natürlich, wenn es an die Völkerirage kommt, wird
manches Gericht sich zeigen, denn auch die Sünden der Vergangenheit rächen
sich, aber sind wir dabei, dass Gott Ehre einlegt, dann wird auch das Gericht
und selbst die Strafe, da wir-noch leiden müssen, lauter Gutes zeugen, und
es werden die Völker zu Gott bekehrt werden, die Völker zu Gott kommen,
die Gesamtheit, endlich einmal die Gesamtheit, Gott spüren, und dann kann
es auch in den Einzelnen recht werden. (198)
7
Das ist es, was Blumhardt hofit und erwartet. Nicht etwa eine
Luther- oder Calvin-Renaissance oder gar Restauration. Davon
sagt Blumhardt zum voraus:
Es ist bloss ein Drang nach Altertümern ..... Luther nützt uns nichts,
Calvin nützt uns nichts. (181)
Bei ihm findet man auch nichts von all den Einengungen, die
uns Heutigen, in der Restauration, das Atmen so schwer machen.
Seine Atmosphäre ist die einer unerhörten Freiheit. Er lebt in
der Bibel, vielmehr aus der Bibel, wie nie ein „Biblizist“ gelebt
hat, aber er sagt einmal: ! A
Und da mag in der Bibel stehen, was will — da bin ich grösser als die
Bibel. Es steht zwar in der Bibel, aber schliesslich muss ich das wissen,
was aus Gott wahr ist, nicht was ein Mann einmal vor zweitausend Jahren
so und so ausgedacht hat. (248 und 249) _ Me
Was er [sc. Jesus] sagt und was er ist, ist so gross, dass man’s nirgends
hinschreiben kann; es steht deswegen auch nicht in der Bibel. (302)
Er lebt mit Christus; Christus ist sein Leben, und doch
sagt er:
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Es soll nicht so sein, dass wir sozusagen an den Rockschössen Jesu
Christi hängen wie die unmündigen Kinder, sondern indem wir mit ihm
zusammenhängen, werden wir selbständige P
im Himmel ist unser Vater. (123) Ä
Gott ist der Odem seines Lebens und doch findet man sogar
ein Wort wie dies:
Ich dulde keine Hölle, ich dulde keinen Teufel, keinen Dämon, keine Fin-
sternis, nein, nein, tausendmal nein! Bis hinunter in die untersten Oerter der
Erde hat niemand ein Recht an irgendeinen Menschen, bis das letzte Wort
Gottes gesprochen ist — dann will ich sehen, wer es gewonnen hat! Wenn
es der Teufel gewonnen hat — nun ja, dann kehre ich meinem Gott den
Rücken, das heisst, nicht meinem Gott, sondern dem Gott, der es einfach
dann verspielt hat. (150) ; A :
Und er, der so unendlich Demütige, er, der im Gehorsam
lebt und atmet, wagt von sich zu sagen:
So kommen viele zu mir, die sagen: „Bete für mich.“ Ist schon recht,
ıch tue es ja gerne, bin auch gross genug, für Sünder und Ungläubige zu
beten. (32); , 3 5 1
Er weiss nichts von jener winselnden Demut vor Gott, die
heute wieder so sehr im Schwang ist und die doch nichts ist als
lauter Heuchelei. ur a
Das ist die Freiheit des Reiches Gottes, das die Freiheit Christi,
die mit der Liebe Gottes Eins ist und nicht von ihr getrennt werden
darf. Lasst uns frei sein, denn Christus ist die Freiheit“ — das
ist auch eine der Losungen Blumhardts, die schon hier mächtig
ausbrechen.
Die Christen sollten die allerfreiesten Menschen sein, selbst von Sitte und
Brauch; wenn man sich auch drein schickt, doch frei, von Mann frei, von Weib
frei, Eltern von Kindern frei, Kinder von Eltern frei, alle frei!, auch in den
Völkern und in den Staaten, in den Entwicklungen oder in den Zuständen der
Gesellschait frei; wir sind die Freien, weil wir in die Entwicklung des Reiches
Gottes gestellt sind, das nicht fertig ist. (371)
Jesus ist frei, sage ich auch. (147)
Solange wir so stehen, seit Möttlingen, suchen wir Christusbildung, wir
fragen nach der ganzen Welt nichts — ein Blumhardt, ein echter, der im
Geist für den lieben Gott einsteht, der hat noch nie nach einer frommen Regel
gefragt. (166)
In dieser „herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ hat Blumhardt
gelebt. Sie strahlte von ihm aus, mit der Liebe, einer Liebe, an der
nichts mehr von dem Falschen hing, das sich sonst meistens damit
verbindet, Eins geworden.
. Man sieht wieder, dass die Ehre Gottes bei Blumhardt nicht
wie bei manchen Neueren in der Vernichtung, sondern in der Er-
höhung des Menschen besteht. Das Aufleuchten der Schöpfung
in ihrer ursprünglichen Herrlichkeit, und dies besonders im Men- .
schen, das ist die Ehre Gottes. Das ist natürlich kein idealistischer
und moderner Humanismus, sondern etwas ganz Anderes. Man
kann es ja auch Humanismus nennen, aber dann mit einem beson-
deren Vorzeichen. Blumhardt weiss natürlich auch, dass nur eine
neue Geburt, eine Geburt aus dem Tode ins Leben, zu diesem Men-
564
ersönlichkeiten und der Vater
“Een
ner Kanal, durch den die Ehre
auf liegt bei Blumhardt durchwegs der Nachdruck.
Ei Br soll er sein, ja sogar eine „Vertretung
°h höher hinauf geht es: er soll „Jesus werden“.
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2 nu
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predigt, aber. in ihren Schriften, in den Briefen hadern sie nur; die Briefe
> 4 Trennung von Gott und Mensch.
Dieses Geborensein von ‚Gott [in Christus] war nun vollständig aus-
gelöscht — im Gedächtnis der Menschen, möchte ich sagen, nicht tatsächlich,
wie Luther sagt: „Die Sünde hat die Geburt des Menschen aus Gott aus-
4 löschen können.“ Da ist die katholische und die lutherische [und die refor-
x mierte] Kirche und alles Christentum, das nach dieser Seite hin geglaubt hat,
2 Gott dienen zu müssen, in den Irrtum gekommen. Wenn wir vollständig an-
- dere Wesen sind als Gott . . „ so kaun auch sein Sohn nicht zu uns ge-
kommen sein. (276)
“ - Ueberhaupt sollen wir uns vor menschlicher Systematisierung
- und Zurechtmachung der Wahrheit des lebendigen Gottes hüten.
Dieser wird gerade als lebendiger erlebt. Blumhardt nimmt sich,
wie ich schon in einem früheren Aufsatz gezeigt habe, vor diesem
heute geächteten Wort gar nicht in Acht.
| Darum sind wir aber auch die Menschen, die immer so viel darauf hal-
ten, dass immer etwas erlebt wird. (100)
Erlebt aber wird der Lebendige in seinen Taten. Wie Martin
"Buber übersetzt Blumhardt aus seiner „Genialität“ heraus „Jeho-
vah (Jahwe) als: „Da ist er.“ (99 ff.) Darum aber ist auch eine voll-
ständige Lehre von ihm etwas Wertloses, Irreführendes. Es gilt,
Gott selbst zuerst reden zu lassen, nicht sein Tun durch unser Re
den zu ersetzen oder ihm gar vorauszureden. Nur wenn Gott ge-
ackan 23
! 565
x Darum wird zwar des Menschen Abfall mit einer Wucht auf- E
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Zur
redet hat — und zwar, wie er allein redet, durch Wirklichkeit —
dürfen wir vielleicht auch reden.
Ich habe es schon vor zwanzig Jahren im Herzen gehabt und habe es
nicht gesagt, weil ich immer nur das sar‘ n will, was Gott sagt; heute hat es
längst Gott gesagt, jetzt sage ich es auch, (213) }
8.
So ist in Blumhardt, wie er uns nun in dem ersten un d zweiten
Bande dieser seiner Botschaft entgegentritt, verbunden, was so oit
im Zwiespalt auseinandergeht: Gottund Mensch. Das „Oott
allein die Ehre“ (Soli Deo gloria) kann unmöglich entschiedener,
ernster, gewaltiger verkündigt werden, als er es tut, niemand kann
schroffer das Nein zu allem sprechen, was.sich gegen Gott erhebt,
aber von diesem Nein aus geht es — genetisch betrachtet — zu
einem, wenn ich so sagen darf, noch gewaltigeren Ja, und von Gott
aus geht es zum Menschen, in die Welt, ins Fleisch. Niemand hat
je, von den Aposteln abgesehen, machtvoller die ewigen Fundamente
der Christuswahrheit ans Licht gestellt, sie neu entdeckt, aber auch
niemand wie er die Christuswahrheit in das Element der höchsten
Gottesfreiheit gerückt. Darum, meine ich, ist Blumhardt das Zei-
chen, in dem wir uns einigen könnten, selbstverständlich nur
soweit er der Zeuge Christi ist; darum, meine ich, sei nun ein
Boden gefunden, auf den wir alle uns stellen könnten. Unter dem
„Wir“ verstehe ich hier ganz besonders auch die „Familie Blum-
hardts“, ich meine alle die, welche von ihm Wesentliches, Entschei-
dendes empfangen haben, von ihm vielleicht ausgegangen sind,
und vor allem auch die Vertreter der „neuen Theologie“. Man wird
gemerkt haben, dass ich mit Bedacht immer wieder gezeigt habe,
wo Blumhardt zu ihr in einem gewissen Gegensatz steht. Nun füge
ich aber hinzu, einmal, dass das Stärkste, was in solchen Zusam-
menhängen steht, nicht ihr gilt, sondern ihrer Karikatur, sodann,
dass ja das, was ihr grosses Anliegen ist, in Blumhardt auch zu
seinem Rechte kommt, besonders im ersten Band der Predigten,
aber auch immer wieder nachher. Ich bemerke hier nur noch, dass
ich meinerseits auf der Linie, die Blumhardt bezeichnet, die Fort-
führung dessen erblicke, was die Reformation begonnen hat.
Er nimmt alles auf, was an ihr wesentlich ist, überwindet aber das
Stehengebliebene daran, indem er die Pforte aufbricht, die Hoff-
nung heisst, und durch die wir tiefer in die Bibel hineinkommen,
als es den Reformatoren möglich war. Auch darauf möchte ich
nochmals hinweisen, dass ich auf dieser Linie Blumhardts die
Ueberwindung sowohl des Gegensatzes zwischen den Reformatoren
und den protestantischen „Ketzern“ (den Täufern und Andern), als
des von Lutherisch und Reformiert erblicke.
Ob mein Ruf gehört wird? Es ist nicht sehr wahrscheinlich.
Ich selbst stelle mich jedenfalls auf diesen Boden — einerseits in
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den; er bietet sich nicht sofort, bietet sich nicht leicht dar. Es ist
merkwürdig: als ich Blumhardt predigen hörte, da erschien er mir
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zwar ganz anders als sonst Redner und doch auch, auf seine Weise,
als gewaltiger Redner. Gewöhnlich nun ist das so, dass der Ge-
dankengehalt solcher Reden nachher, beim Lesen, nicht entsprechend
gross erscheint. Sie waren ein Sturzbach, kein Bergwerk. Blum-
‚hardts Reden aber sind ein Bergwerk. Es ist eine Gediegenheit
im höchsten Sinne darin, die wieder an die Bibel — und daneben
etwa an Luther — erinnert. Nur ganz nach und nach, indem man
Stunden — erfährt man ihren ganzen Wert und ihre ganze Fülle.
Und noch eine andere Bemerkung möchte ich machen: Nach
seine Predigten gehört und was ich einst von ihnen im Manu-
skript gelesen, erscheinen mir diese als gar nicht so revolutionär.
Man muss sich dieses Element hinzudenken, muss wissen, muss
spüren, wie sie aus dem Augenblick, aus Kampf und Not geboren
sind. Freilich, wenn man bedenkt, dass sie nie „studiert“, sondern,
nach allerkürzester direkter Vorbereitung, stürmisch, oft auch
vulkanisch, aus seiner Seele geflossen sind, muss man nur umso
mehr über ihren Vollgehalt an Gotteswahrheit staunen und wird
auch durch diesen Umstand ein wenig inne, was dieser Prediger
in seinem ganzen Wesen war.
Wenn ich im übrigen erklärt habe, dass es nicht leicht sei, des
Schatzes, der in diesen Reden liegt, habhaft zu werden, so muss ich
noch ergänzend hinzufügen, dass das — wie in der Bibel oder bei
Luther — nur von der Sache gilt, aber nicht von der Form.
Von dieser muss vielmehr gesagt werden, dass sie, was ja zu ihrem
Wesen und Ursprung gehört, von kraftvoller Volkstümlichkeit ist.
Dazu gehört eine gewisse Derbheit. Wer sich daran ärgern kann,
567
immer wieder zu diesen Reden greift — besonders auch in schweren
dem, was ich aus der am meisten stürmischen Zeit Blumhardts über
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- der hat von Blumhardt nichts verstanden; er bleibt ihm fern. Es £:
ist wahr: Blumhardt schreitet nicht in ‚homuletisch-liturgischer
Feierlichkeit daher. Er redet, er predigt nicht, könnte man in die-
sem Sinne sagen. Er redet auf der Kanzel, wie er auch sonst redet.
E Darum kann er vom „Kaputtgehen“ reden, vor „Versaulen“, von
ıgweiligen religiösen Menschen“, kann en:
„langw rs nichts ee einen die Leute in den Denk (292),
en halte es fast nicht mehr aus, dieses bloss Heiland im Himmel und‘
lauter Lumpengesindel auf Erden. (214)
Und hat noch ganz Anderes gesagt, besonders über die Theolo-
gen. Er sagt von Paulus, „dass er einen sehr kleinen Verstand emp-
fangen hatte“; er braucht ungescheut „banale“ Worte wie „enorm“,
„kolossal“, einfach, weil man sie halt auch sonst braucht, einfach,
weil er aus der vollen Wahrheit und Wirklichkeit redet „und nicht
wie die Schriftgelehrten“. Wer das nicht versteht, der schlage auch
seine Bibel zu, besonders die Evangelien, jedenfalls aber seinen
Luther und Zwingli.
Ich meinerseits sage: auf diesen Boden wollen wir uns stellen.
Es sprudelt auf ihm von Quellen Gottes und er strotzt von heiliger
Kraft. L. Ragaz.
LLLTLTITELESTETTTTTTESTTTETTTLERETTTTTTEITTTTTEDTTEETTOTTLETETTTTTTETELEETETTTTTETETTERTTTEETIERZERTTTITSTTESTDEBERERZTRSTTITTETTRETESESTSSTITTETESTESTTSETETETETTTEREZTETTETETESTTTTTTE TEE
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ALLETEETTITTTTTG
Zune
zu
1. Eine internationale religiös-sozialistische Zusammenkunft.
Ein paar Wochen nach unserer Casoja-Konferenz musste ich an eine
andere religiös-sozialistische Zusammenkunit, und zwar eine internationale.
Ich wollte über sie eigentlich nichts berichten, weil sie vertraulicher Natur
war. Aber da nun doch berichtet worden ist, möchte ich doch auch ein
Wort darüber sagen. An sich war ja diese andere Konferenz bedeutsam
genug.
Sie fand aniangs November in Köln statt. Es waren zu ihr bloss
„Führer“, d. h. in Kampf und Arbeit Stehende, mit der Bewegung eng Ver-
bundene, nicht Fremde und Unbeteiligte eingeladen. Etwa dreissig Teilnehmer
mochten es sein, die überwiegende Mehrheit Deutsche, dazu drei -Holländer,
ein Oesterreicher, ein Engländer. Die Nord- und Ostländer waren diesmal
noch nicht eingeladen. Paul Passy, der väterliche Führer der französischen
Gesinnungsgenossen, konnte wegen plötzlicher Erkrankung nicht kommen
— leider, leider! Und so waren auch die Belgier verhindert. Von Schwei-
zern waren zwei erschienen: neben dem Schreibenden Freund Lejeune. Dass,
wie es am Platze gewesen wäre, noch mehr Schweizer kamen, verhinderten
zum Teil die Umstände, zum Teil unsere schweizerische Apathie, der „Akti-
vismus“ vorzuwerien schon recht paradox ist. Glücklicherweise durften wir
wenigstens Freund Blum auch ein wenig für uns beanspruchen.
‚Es war gegenüber Casoja schon ein sehr verändertes Bild. Statt an
alpinen Bauernhäusern und herbstlich weidenden Viehherden vorüber, fuhren
wir zum Ziel durch die rheinische Industriegegend mit den unheimlichen
Wundern der modernen Technik und Wirtschaft, den rauchenden Schorn--
568
scheine e ich diese Gegenden
h ein romantisch-friedliches .Idyll, verglichen mit de
! Nur das Mittelstück des Rheines ist fast noch wie ei
s Wunder Europas, die alte Schönheit und Romantik n
Aber vor dem Loreleifelsen bemerkte eine deutsche Mi
ıde, d relei könne ja nicht mehr droben sitzen und mit goldenem
mm ihr goldenes Haar kämmen, denn nun herrsche ja der Bubikopf! Ich
e diesen Witz wieder, weil er wirklich den Umschwung der Zeiten
‚drastisch beleuchtet. — Und dann Köln! Noch ragt der alte Dom, wie einst,
‚gewaltig über Stadt und Landschaft, aber hart daran ist der Bahnhof. Die
von ihm ausgehenden Dämpfe zerstören das Gestein, aus dem der Dom
gebaut ist. Tram und Auto umlärmen ihn Tag und Nacht, und wenn man in
der zum Himmel ragenden, den Himmel tragenden Pfeiler- und Säulenhalle
. umhergeht, dröhnt von oben her das Brausen der Flugzeuge in die mystische _
Musik der Steine. Dom und Maschine, Mittelalter und technisches Zeitalter —
— wer wird es So stehen auch die übrigen wundersamen Denk-
mäler des mittelalterlichen, mystischen „heiligen Köln“ — die Apostelkirche,
St. Gereon, Maria im Kapitol und die andern — als Fremdlinge in der
modernen Welt des Handels und der Industrie.
Hier also tagten wir. Welch ein Gegensatz! Droben die hellen, ver-
' “trauten Räume von Casoja, auch von Valbella aus ringsum die Berge, über uns
der weite Himmel, auf den Weiden die Herden — drunten ein düsteres Un-
terrichtszimmer, zwar in einem gastfreundlich warmen Pfarrhaus, doch in
düsterer, öder Gasse, freilich nicht weit vom Rhein, der, breit *geworden,
die Verbindung mit der Höhenheimat herstellt, jedoch selbst ringsum von
F der Industriewelt umfasst wird — indess diese ganze Situation vielleicht i
en als Rahmen für die religiös-sozialistische Sache noch viel passender, der
E—- zum mindesten, auf ihre Weise, ebenso passend als die in den Höhen droben. >
g, Denn wir dürfen wohl in den Höhen Kraft holen, aber wir müssen dann aus r
k den Höhen in die Tiefen, in die Höllentieien der heutigen Welt, wo zu aller-
fs tiefst doch der Himmel, der Himmel Christi, zu finden ist. :
Be Einen ins Einzelne gehenden Bericht will ich nicht geben. Es war für
K _ uns zwei Schweizer, die wir gerade von Casoja kamen, bedeutsam, hier in
Köln, im breiteren Rahmen, so ziemlich genau die gleiche Lage und die
gleichen Probleme anzutreifen, wie droben in Casoja. So verschieden im
Einzelnen die Lage und Gestalt der vielen nationalen Bewegungen sein
mag, so haben sie alle doch so ziemlich mit den gleichen Problemen
zu ringen. Sie sind überall in den Kampf mit dem Freidenkertum
: gestell. Auch in Köln kam man darauf hinaus, dass bei der ungeheuren
Schuld des offiziellen Kirchentums an dieser Lage in diesem Kampie starke
Zurückhaltung und überlegenes Verständnis zu wahren und die Entschei-
5 dung inmitten des Christentums selbst zu suchen sei, dessen Erneuerung
a allein auch das Freidenkertum entwafiinen könne. — Dann haben alle Bewegun-
gen (wenigstens die festländischen) es mit der Partei zu tun und zwar
vor allem mit der Sozialdemokratie. Das Verhältnis ist verschieden: ähnlich,
wenn auch nicht gleich, wie bei uns in Holland und Oesterreich; vorläulig,
abgesehen vom Freidenkertum, freundlich in Deutschland; nicht unfreundlich,
aber noch etwas fremd in Frankreich; ungestört warm und selbstverständlich
reibungslos in England. Man kam im Zusammenhang mit den hieher ge-
hörigen Problemen stets wieder auf das Zentralproblem des Marxismus.
Hier schieden sich die Geister am deutlichsten. Es zeigte sich, dass die
Deutschen dem Marxismus am nächsten stehen — er ist ja auch deutschen,
allerdings preussischen Ursprungs — während sich alle andern Bewegun-
gen, besonders die älteren, wie die holländische und schweizerische, im
Kampf mit ihm befinden. Allerdings sind hierin auch die deutschen geteilt.
Besonders in Süddeutschland gibt es eine starke Gruppe, die den „religiösen
569
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Sozialismus“ ziemlich so versteht, wie wir Schweizer. Es wurde aber erei, a2
dass wir dieses Problem unserer Stellung zum Marxismus gründlich und
entscheidend behandeln müssten. Es war ja auch schon für diese Konferenz
geplant gewesen, das Thema: „Christentum und Marxismus“ in den Mittel-
punkt der Verhandlungen zu siellen, aber es war dann geratener erschienen,
zunächst einmal eine Aussprache über Lage und Taktik der verschiedenen
nationalen und koniessionellen Bewegungen zu halten, und ich meine, der
Verlauf der Konferenz habe uns recht gegeben. Aber es ist ohne Zweiiel
ut, dass wir nach dieser mehr persönlichen Art, es zu behandeln, das
Pröbleni in Bälde einmal auch systematisch-theoretisch nach allen Seiten hin
erörtern. Das soll auf einer besonderen Konferenz und inzwischen auch
literarisch geschehen,
Wie in Casoja bildete sozusagen den andern Pol der Probleme die
Kirche. Hier entspann sich eine Diskussion vor allem über Wert und
Tragweite der Kirchenpolitik. Wieder zeichnete sich ein gewisser
Unterschied ab zwischen den deutschen und den andern Gruppen. Während
jene einerseits sich enger als diese an die Partei halten, treiben sie ander-
seits eifriger Kirchenpolitik und haben dabei zunächst grossen Eriolg.
Sie sind ja, neben dem Barthianismus, das stärkste bewegende Element des
deutschen Christentums. Wir Andern warnten vor einer Uebertreibung dieser
Methode, weniger aus Unkirchlichkeit, als weil wir die Geiahr im Auge
haben, dass man auf diesem Wege von dem Kampf um die Wahrheit
ab in den Kampf um die Macht geraten könnte und weil wir der Mei-
nung sind, dass unsere Sache, wenn sie in ihrem Zentrum und nach ihrem
letzten Sfın recht vertreten werde, von selbst auch so weit in die Kirchen
eindringe, als dies möglich sei,
Es trat aber auch das Problem der Kirche an sich gelegentlich in den
Mittelpunkt, und dies hauptsächlich von der katholischen Seite her.
Denn es war ja ein Charakteristikum dieser Zusammenkunft, dass darin
neben dem protestantischen auch der katholische religiöse Sozialismus ver-
treten war und eine grosse Rolle spielte. Besonders ergreifend war, was
uns Freund Otto Bauer, dieser seltene Mensch, von seinem und seiner
Freunde hochbedeutsamen Kampf in Oesterreich erzählte und sehr interes-
sant, wie sein hochbegabter deutscher Mitstreiter, Heinrich Mertens,
der Leiter des „Roten Blattes der katholischen Sozialisten“, uns das Problem
des katholischen Sozialismus nahe brachte. Darüber kam es gelegentlich —
in aller Freundschaft — zu einer fast etwas kritischen Lage, Aber man
einigte sich rasch auf dem Boden völliger Freiheit. Wir lassen unsere
Freunde im katholischen Lager selbstverständlich ihren eigenen Weg gehen,
voll Achtung und Liebe, voll Ehrfurcht auch da, wo wir nicht folgen kön-
nen. Was uns verbindet, ist Christus und der Sozialismus, dazu eine Ahnung
und Hoffnung einstiger neuer Einheit der Christenheit. Jedenfalls ist diese
katholisch-sozialistische Bewegung, die in Deutschland und Oesterreich
höhere Wellen schlägt, als man gemeinhin weiss, von ganz grosser Be-
deutung.
Nur eins, das uns in Casoja so stark beschäftigte und in.der Schweiz
so viel zu tun gibt, spielte keine Rolle: die Theologie. Was ich von der
Rolle der. „Neuen Theologie“ bei uns berichtete, fand reges Interesse, aber
es erschien nicht als ein Alle angehendes Problem. Die holländische Be-
wegung ist von diesem Problem bis jetzt noch nicht berührt, die Deutschen
aber meinen, einen deutlichen Rückschlag gegen den Barthianismus bei der
jüngsten Generation feststellen zu können, einige sogar so weit gehend,
dass sie von seinem Fiasko sprechen. Nur einmal tauchte, ohne direkten
Zusammenhang damit, die Theologie auf, und zwar, bezeichnenderweise,
als Störung, aber etwas Anderes erwies sich glücklicherweise als stärker.
Möge es so bleiben!
570
.Andie vertrauliche Aussprache schloss sich eine gut besuchte öffent-
liche Versammlung — immerhin in bescheidenem Rahmen — an.
Obes ein guter Grifi war, mit teilweise übermüdeten und fremden Rednern
so etwas zu improvisieren, weiss ich nicht. Dergleichen ist mir zu sehr‘
bloss Demonstration. Doch war im übrigen der Verlaut auch dieser Ver-
anstaltung nach meinem Eindruck recht erfreulich. Das Echo davon, zeigte
wieder, wie gross das Interesse ist, das die Oeffentlichkeit unserer Sache
zuwendet. Ihre Lebendigkeit wurde überhaupt durch diese Kölner
Konferenz aufs neue bewiesen. Und ihre Einheit. Gerade die gewalti-
gen Probleme, vor die wir alle gestellt sind, bezeugen jene, und gewisse ,
Unterschiede der Lage und Art machen diese nur reicher. Der ganze Ton
und Stil des Zusammenseins war, sehr zum Unterschied gegenüber gewissen
andern Anlässen, warm, kameradschaftlich, brüderlich. Wir empfinden uns
als grosse Familie und unsere Probleme als Familienprobleme, Wenn nur
etwas mehr Zeit zu freiem menschlichem Zusammensein gewesen wäre!
Trotzdem: wir gingen erwärmt und gestärkt, mit erweitertem Horizont und
neuem Glauben auseinander — und doch nicht auseinander!
2. Die Motion Lejeune.
Es war längst in den Tagesblättern zu lesen, dass am 20. November in
der Zürcher Kirchensynode eine von Pfarrer Lejeune eingereichte, von
etwa 35 Synodalen aus allen drei Fraktionen unterschriebene Motion ange-
nommen worden sei, die dahin zielt, dass die Militärgerichte den Dienst-
verweigerern gegenüber die Gewissensgründe als „achtungswerte
Gründe“ gelten lassen und von der entehrenden Nebenstrafe der Einstellung
im -Aktivbürgerrecht Umgang nehmen. Die Sache, um die es sich han-
delte, war wirklich unwidersprochen, eine Kirchensynode konnte doch nicht
hinter General Wille zurückbleiben, der schon im Jahre 1917 die Einstellung
im Aktivbürgerrecht für Dienstverweigerer als unstatthaft ausdrücklich ab-
lehnte.
Und doch erhob sich nach dem sehr eingehenden, überzeugenden, fünf-
viertelstündigen Referat von Piarrer Lejeune am Nachmittag eine volle drei-
einhalb Stunden dauernde Diskussion, und die Abänderungsanträge mehrten
sich, sodass schliesslich ein halbes Dutzend Fassungen zur Abstimmung vor-
lagen. Warum das, da doch die Sache selbst von keiner Seite angefochten
wurde, auch nicht vom Referenten über den Gegenvorschlag des Kirchenrates?
Wohl traf man sich allseitig in der Ablehnung der ehrenrechtlichen Strafen,
aber der Ausgangspunkt war doch ein sehr verschiedener und den konnte
und wollte der kirchenrätliche Vorschlag nicht verleugnen und betonte des-
halb die Notwendigkeit der Landesverteidigung, während die Mo-
tionäre im Interesse der vorliegenden Frage ausdrücklich eine Diskussion
über die grundsätzliche Frage der Landesverteidigung und damit über das
ganze Militärproblem vermeiden wollten. Der Kirchenrat aber wollte seine
Anerkennung der Notwendigkeit der Landesverteidigung nicht preisgeben
und wurde dann von der Fraktion der Positiven (Synodalverein) überboten,
indem von dieser Seite zur Anerkennung noch der Dank an die Dienst-
tuenden beigefügt wurde. Auch diese Fassung genügte einer gewissen Gruppe
noch nicht, sie wollte festgestellt wissen, dass die Ausübung der Wehrpflicht
mit der Christenpflicht vereinbar sei. Die einzige Möglichkeit, diese Tendenz
zu paralysieren, bestand darin, die Notwendigkeit, dass die Christen aller
Länder mit allen Mitteln den Frieden fördern sollen, jener Anerkennung der
Landesverteidigung gegenüber oder wenigstens an die Seite zu stellen. So
wurden denn schliesslich, um eine ER zu en die beiden ent-
tzten Ausgangspunkte zusammengekoppelt. f
eeentiber verandiung der Motion Trautvetter, welche vor etli-
chen Jahren das Abrüstungsproblem direkt zur Diskussion gestellt hatte, kann
571
-
man einen Fortschritt in der Richtung des Friedenswillens konstatieren. Im
Grossen und Ganzen aber ist die Situation immer noch dieselbe: die über-
wiegende Mehrheit.der Kirche, aus positiven und konservativen Kreisen be-
stehend, ist rückwärts orientiert, hält am Vergangenen fest und schützt das
Bestehende; nur der kleinere Teil wagt es, zum Teil aus Idealismus, zum
Teil bewusst auf dem Boden des Evangeliums stehend, in die Zukunit zu
schauen, an eine neue Welt zu glauben und von dort her die Direktive sich
geben zu lassen. Diese Gegenüberstellung, die im Votum von Pfarrer Mau-
rer ergreifend zum Ausdruck kam, bildete den Kernpunkt bei der ganzen
Verhandlung. N 4
Es tut einem leid, dass je orthodoxer man ist, umso entschiedener das
Bestehende sanktioniert rd entgegen aller Hofinung der Propheten und
aller Verheissung des Evangeliums vom Reich Gottes. % leid muss es einem
tun; denn was sich mit dem Bestehenden verkettet, wird mit demselben
untergehen. Lt,
3, Zwei Militärgerichtsentscheide aus neuester Zeit.
(13. November und 11. Dezember.)
Wenn ich hier nur von zwei bestimmten Dienstverweigerungsfällen
rede, so geschieht dies nicht, weil ich den übrigen weniger Wert und
Bedeutung zumessen würde, sondern einfach weil ich nicht Gelegenheit
hatte, den andern Gerichtsverhandlungen beizuwohnen und weil ich mich
gerade zu den Gerichtsverhandlungen äussern möchte. Der Art nach waren
beide Fälle sehr ähnlich. Es handelte sich beide Male um Menschen, die
schon lange mit dem Problem der Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit von
Militärdienst und Christentum gerungen hatten, die aus ihrem Zweifel heraus
den Sanitätsdienst gewählt und sich als äusserst gewissenhaite und pflicht.
treue Angehörige der Armee erwiesen hatten. Dann kam der Tag, wo
Pflicht und Gewissen sie auf einen andern Weg wiesen, wo sie auch diesen
Sanitätsdienst nicht mehr leisten konnten. Dass nach den bestehenden Ge-
setzen das Gericht für die Nichtbefolgung eines Militäraufgebotes den
Schuldigen eine Strafe auferlegen muss, ist klar. Ich möchte mich, zumal im
ersteren der beiden Fälle, nicht einmal über das Strafmass (zwei Monate
Gefängnis) aufhalten. Im zweiten Falle steht das Strafmass allerdings in
keinem Verhältnis zum „Vergehen“ — für einen nicht abgedienten zwölf-
tägigen Wiederholungskurs drei Monate Gefängnis! Aber lassen wir das
dahingestellt! Sogar die Nebenstrafen — beide Male Einstellung in den
bürgerlichen Rechten auf ein Jahr — möchte ich nicht näher berühren. Ueber
diese Nebenstrafen haben Leute vom Fach (Professor Baumgarten, Basel, und
Professor Haiter, Zürich) ihre Gutachten abgegeben, die zum mindesten be-
weisen, dass es sich juristisch durchaus verantworten liesse, wenn nicht
sogar geboten erschiene, auf diese Nebenstrafen zu verzichten. Was mir
an diesen Gerichtsverhandlungen als das Erschreckendste entgegentrat, war
die vollständige Verständnislosigkeit des Gerichtes gegenüber irgendwelchen
geistigen Begründungen in der Beweisführung der Angeklagten, die völlige
Verschlossenheit gegenüber jeglicher Beweisiührung überhaupt. Im einen
Falle (13. November) ist der Auditor davon auszunehmen, der die Tat-
sache einer Dienstverweigerung aus Gewissensgründen und damit ehren-
hafte Motive auf Grund der Aussagen des Angeklagten einfach voraussetzte
und seinen Strafantrag entsprechend stellte. Das Gericht sprach dann aber,
unbekümmert um diesen Antrag, eine höhere Strafe aus, und die Urteils-
begründung zeigte ein solch krasses Missverstehen der Aussagen des An-
geklagten, dass man sich fragen musste, ob die Sprache überhaupt noch ein
Verständigungsmittel sei, Aber noch viel schlimmer trat dieser Mangel an
Verstehenwollen oder Verstehenkönnen im Strafantrag und in der Urteils-
begründung vom 11. Dezember zutage. Es wird niemand von einem Militär--
gericht verlangen, dass es dem Dienstverweigerer bis in seine letzten Mo-
572
N u
Beige x |
, „Erstens, dass ein Militärgericht in solchen Fällen kein unparteiisches
Gericht ist und sein kann; es ist Ankläger und Richter zugleich,
_ Zweitens, dass die berühmte Freiheit und Demokratie, die unsere Armee
behauptet, zu verteidigen, nicht die Freiheit und Demokratie ist, die wert
ist, beschützt zu werden. Clara Ragaz.
} 4. Unter Helden.
_ Um einer zu erwartenden Lügenbildung ein wenig Boden zu entziehen,
. sehe ich mich veranlasst, über eine Versammlung zu berichten, die in Sachen
. der Abrüstung unlängst zu Stäfa am obern Zürichsee stattgefunden hat.
Ich bin von der dortigen Sektion der „Frauenliga“ eingeladen worden, in
Stäfa einen Vortrag über das Thema: „Christentum, Krieg und Ab-
rüstung“ zu halten. Als ich am Sonntag, den 8. Dezember, in das Gast-
haus kam, wo der Vortrag stattfinden sollte, fiel mir sofort auf, dass der
Saal ganz durch ein homogenes Männerpublikum angefüllt war, dessen
gegnerische, wenn nicht feindselige Haltung ich zu spüren glaubte Ein
anderer Teil des Publikums war in ein. Nebengemach gedrängt. Während
meines Vortrages zeigte sich rasch, wess Geistes Kind das Saalpublikum
war. Zwischenrufe kamen, dummes Gelächter begleitete Ausführungen,
die keinem anständigen und verständigen Menschen zum Lachen Anlass ge-
geben hätten. Und das alles, trotzdem mein Vortrag von. ferne, nichts
Verletzendes an sich hatte. Es zeigte sich bald, dass wir es mit einer
Mache zu tun hatten: es waren oitenbar die Offiziere und Unteroffiziere
der ganzen Gegend aufgeboten worden, um die Versammlung zu stören,
ihren Zweck ins Gegenteil zu verkehren und Rache für Piäflikon zu neh-
men.
In der Diskussion trat das noch deutlicher hervor. Sie begann mit gemeinen
Verdächtigungen und Verleumdungen meiner Person. Nur einige wenige
gegnerische Redner hielten sich in den Grenzen des Anstandes, aber keiner
fand ein Wort des Tadels für das wüste Benehmen der „Wafienkameraden“.
Was an Unwissenheit, Borniertheit und bösem Willen in bezug auf das zur
Behandlung stehende Problem im Verlauf der Jahre sich angesammelt hat,
kam hier in konzentrierter Form zur Ausstellung. Schliesslich erfolgte der
eigentliche Coup: Man hatte eine Resolution gerüstet, worin die Zustim-
mung der grossen Mehrheit der Versammlung zur Landesverteidigung (natür-
lich der militärischen) ausgesprochen war, Das war natürlich eine ganz
illoyale Vergewaltigung, der sich die Leiterin der Versammlung hätte wider-
setzen können. Denn es ist gegen allen Anstand und Usus, in einer Versamm-
lung, die von anderer Seite einberufen ist, eine solche Resolution zur Ab-
stimmung zu bringen. Wir unsererseits haben schon Dutzende von Ver-
sammlungen über die Abrüstung abgehalten, an denen wir die unbestrittene
grosse Mehrheit für uns hatten, nie ist es uns eingefallen, die Andern
durch eine solche Resolution zu vergewaltigen. Dennoch habe ich mich
nicht widersetzt. Wenn sie die Resolution haben ‚wollten, so sollten sie sie
haben. Als auch noch ein Teil der auf unserer Seite Stehenden weggegangen
war, offenbar eine solche Abstimmung nicht ahnend, wurde die Resolution
573
Fr
An? auch "wirklich mit grosser Mehrheit angenor und durch ‚die =
Telegraphenagentur dieser grosse „Sieg“ in die Welt hinausgetragen.
Ich bin um eine Erfahrung reicher. Mein ganzer Kampf gegen den
Militarismus ist nie einer gegen die Militär gewesen. Ich habe mir, zum
Teil aus Gerechtigkeit und Ritterlichkeit, zum Teil offenbar aus Unwissen-
heit, unsere Militär besser vorgestellt, als sie sind. Nie hätte ich gedacht,
dass sie auf einem so niedrigen intellektuellen und moralischen Niveau stün-
den, wie es sich bei diesem Anlass kund tat. Dieses feige, unritterliche,
illoyale Vorgehen gegen Frauen (denn darum handelte es sich ja), dieser
wütende Hass gegen alle Volksgenossen, die nicht ihrer Ansicht sind, diese
Vergewaltigung einer Versammlung und des freien Wortes — das ist also
der Geist dieser Verteidiger der schweizerischen Ehre und Freiheit; diese
unanständige, bubenhafte Aufführung offenbar die vielgerühmte edle Frucht
der militärischen Erziehung!
Aber noch mehr: es ist mir an diesem Nachmittag ein Geist der fin-
steren Borniertheit, des wilden Hasses besonders gegen alles, was nach
Sozialismus aussieht, dazu eine Geistesrohheit entgegengetreten, die mir das
Gesicht unseres Militarismus enthüllt haben wie noch keine bisherige Er-
fahrung. Vor allem aber ist mir ein Geist völligen Unglaubens
an alle Mächte des Guten und des entsprechenden Glau-
bens an das Böse begegnet, über den man schon staunen musste.
Diese Menschen waren in ihrer Mehrzahl völlig unfähig, einen andern Ge-
danken, als die ihnen vom Leibblatt und vom Stammtisch her bekannten
auch nur zu fassen. Sie waren in diesem Glauben an das Böse wie in einen
undurchdringlichen Panzer gehülli. Wäre ein Erzengel vor ihnen gestanden,
so hätten sie gemutmasst, es sei ein Teufel hinter ihm versteckt. Das ist
also die Macht, mit der wir es zu tun haben. Wir wissen, dass wir in
unserem Kampfe auf das Aeusserste gefasst sein müssen.
Aber so wenig erbaulich diese Offiziere und Unteroifiziere auch waren,
so haben sie mich doch nicht so angeekelt, wie ein paar „Gläubige“, die
auch gegen mich das Wort ergriifen und den Militär mit ihren frommen
Sprüchen sekundierten. Dieses Geschwätz von der Notwendigkeit der Ge-
walt, diese Berufung auf das alte Testament und kriegsbejahende Stellen der
Kirchenväter und Reformatoren, diese Verweisung auf die Wiederkunft Chri-
sti, die es dann machen werde, diese religiöse Verleumdung, die nach einem
solchen Vortrag das Pharisäer-Sprüchlein zu singen wagt, wir wollten es
ohne Gott machen, dieses Christentum, das erklärt: „Ja, der Friede wäre
schon eine schöne Sache, er wird auch vielleicht einmal kommen, unter den
gegenwärtigen Umständen aber, aber, aber“ — das ist noch zehnmal schlim-
mer als der Militarismus mit all seiner Geistesrohheit — es ist Heuchelei in
dem Sinne, worin Jesus das Wort immer braucht. Wenn ehrliche Menschen
sich von diesem Christentum angeekelt abwenden, wer will es ihnen ver-
argen? Und wer will es verargen, wenn das Volk, aus Schlaf und Trug er-
wachend, eines Tages sich in hellen Scharen von einer Kirche abwendet,
die in dieses Wesen hinein kein Wort spricht, das Christus die Ehre gäbe,
wohl aber viel über das „Wort“ redet!
Man kann aus solchen Erfahrungen auch allerlei praktische Leh-
ren ziehen. Es ist wohl gut, wenn man auf einem Boden, der für unsere Sache
so wenig vorbereitet ist — was ich in diesem Fall nicht wusste — keine der-
artigen Versammlungen veranstaltet. Auch das Thema ist für solche zu gut:
wenn ich von Aniang an genau gewusst hätte, wen ich vor mir habe, so
hätte ich darüber wohl kaum reden können. Ich empfinde es hintenher als
eine Art Wegwerfung, es getan zu haben. Im übrigen aber lässt mich die
„Niederlage“ sehr ruhig. Es macht mir auch gar nichts aus, einmal ganz
allein zu stehen. Und ich war ja nicht einmal ganz allein: eine tapfere und
gescheite Frau, ein Genosse, ein bekannter mutiger Piarrer sagten immerhin
574
4
auf unserer Seite ihr Wort. Eine solche Niederlage“ ist vielleicht besser
„
_ als ein Sieg; man ist im Innersten ruhiger und getroster dabei.
Anhang. 1. Im Stäfa spielte die Lügende, die sich um die Pfätti-
koner Versammlung vom letzten Früh ing gebildet, eine grosse Rolle,
Darum sei dazu nachträglich noch folgendes bemerkt:
„1. Es ist eine Verleumdung, wenn behauptet wird, ich hätte damals
möglichst viele „Anhänger“ nach Pfäffikon entboten. Es war mir bekannt
und ich war damit einverstanden, dass die Freunde in jener Gegend auf die
Versammlung aufmerksam gemacht wurden (was wäre denn dagegen ein-
zuwenden?), aber ich war sehr verwundert, als von Zürich und andern
Orten ein Trupp von etwa zwanzig Menschen mitkamen. Denn ich war auf
ein ziemliches Alleinsein vorbereitet. Heimschicken konnte ich diese Freunde
doch nicht. In jener grossen Volksversammlung bildeten übrigens die auf
diese Weise zu ihrem Besuch Veranlassten nur eine ganz kleine Minderheit.
„2% Dass einige dieser Freunde nacheinander das Wort ergriffen, war
ein Fehler. Ich hatte das weder erwartet und gewünscht, noch konnte ich
es verhindern. Es blieb übrigens für die Andern noch Zeit genug.
3. Es ist eine Unwahrheit, wenn immer wieder behauptet wird, ich
hätte an jener Versammlung besonders scharf und provozierend geredet.
Das genaue Gegenteil ist wahr. Nur gegen einen Pfarrer, der in der
Diskussion erklärte, er sei Einer, der es mit der Jüngerschaft Christi ver-
einbar halte, Giftgasbomben auf Kinderfeste oder schlafende Städte abzu-
werfen, ja, er würde sich, wenn er nicht zu alt dafür wäre — dabei ist
er keineswegs alt — selbst dazu melden, habe ich allerdings Worte von
äusserster Schärfe gebraucht, aber nicht von der Leidenschaft hingerissen;
ich würde sie heute genau so brauchen.
3. Es ist am Schluss zu Unterbrechungen von Oberst Wille gekommen.
Aber sie waren — im Gegensatz zu Stäfa — durchaus anständig, eine einzige
etwas „persönlich“, aber nicht verleumderisch wie in Stäfa so vieles, und
Oberst Wille hatte sie provoziert. Denn er kam erst im Schlusswort mit
einer Reihe von Themen, die vorher gar nicht erörtert worden waren. So
behauptete er, dass Belgien durch Verletzung seiner Neutralität sein Schick-
sal zum guten Teil selbst verschuldet habe; das ist eine Behauptung, die
ich in einer schweizerischen Versammlung nicht ohne Widerspruch durch-
gehen lasse, auch wenn dieser als Zwischenruf — in Form eines: „Ich prote-
stiere“ — geltend gemacht werden muss. Das ist alles. Jene Versammlung ver-
lief zum Schluss etwas stürmisch, aber es gab keine Verleumdungen, keine
Gemeinheiten und keine Vergewaltigungen.
. 4. Miteiner Ausnahme, Man hatte mir bis kurz vor dem Vortrag, wo
nichts mehr zu machen war, weder von einem Korreferat noch von der Per.
son des Korreferenten ein Wort gesagt. Ich hatte durchaus nur an eine
Versammlung von Kirchgemeinderäten gedacht. Als ich von der Anordnung
erfuhr, machte ich sofort auf die Gefahren einer solchen Versammlung aui-
merksam und bedang mir das Schlusswort aus, Aber dieses Schlusswort
wurde Oberst Wille erteilt und dadurch der ganze Verlauf der Ver-
sammlung verstört. Wer mich nicht bloss aus Zeitungs- und Biertisch-
Verleumdung kennt, der weiss, dass ich das Schlusswort stets dazu be-
nutze, um, wenn es solches gibt, das Gemeinsame festzustellen. Das
hat man damals illoyalerweise verhindert. Wahrhaftig — nicht wir sind
schuld daran, wenn an jener Versammlung einiges schief ging. Nicht wir
waren die Illoyalen, die Störer. Und ich selbst habe reine Hände.
II. Wie ich vorausgesehen, hat sich an Stäfa nun ebenfalls die Lügende
geheitet. Durch die „Mittelpresse“ geht ein Bericht darüber, dass ich er-
klärt habe, die Schweiz könne nicht zuerst abrüsten, dass ich — ofienbar
aus Angst vor den 120 Offizieren und Unteroflizieren — viel weniger scharf
geredet habe als in Pfälfikon, dass ich in die Enge getrieben worden sei etc.
Daran ist kein Wort wahr. Ich habe auf den Einwand hin, warum denn
575
A Be nn A a ai BR du 5 ©
a A A
.die Schweiz zuerst abrüsten müsse, erklärt, es handle sich nicht um das
Zuerst, auch nicht um ein Vorher oder Nachher, sondern darum, dass jedes
Land vorgehe, ohne auf die andern zu warten. Die Wichtigkeit des Beispiels
der Schweiz im Guten wie im Schlimmen habe ich stark betont. Zu be
haupten, ich hätte in Stäfa „zahmer“ geredet als in Pfäffikon, ist das Gegen-
teil der Wahrheit. Noch nie in meinem Leben habe ich so stark geredet,
wie in Stäfa. Dass mich diese Leute „in die Enge getrieben“ hätten, ist
lächerlich. Sie waren bloss unfähig, meine Denkweise auch nur zu fassen
und hinderten mich durch stete Schlussrufe, Zwischenrufe, Gelächter und
so fort am Reden. Was endlich die andere Behauptung betrifft, die Schweiz
werde erst abrüsten, wenn zwei Drittel bis drei Viertel ihrer Bürger vom
Recht der Abrüstung überzeugt seien, so habe ich das schon Dutzende von
Malen öffentlich gesagt und ist das in meinem Munde nichts Neues. Es
versteht sich auch völlig von selbst, denn es ist Demokratie.
Am Sonntag nach der Versammlung, in Stäfa hat eine in Rappers-
wil, also ganz in der Nähe, stattgefunden. Sie war viel grösser und hat
einstimmig eine Resolution für die et angenommen. Dazu er-
. schienen nun jene Militaristen, die zum Teil Rapperswiler sind, nicht.
Diese Helden von Marignano zogen es vor, eine von Frauen einberufene
und geleitete Versammlung zu überfallen und zu vergewaltigen, statt sich vor
Männern zu stellen. Das sind also die „Verteidiger“ unserer Frauen
und Kinder! LxB
ÜLLILITTILILRLETLITDETTTERTETTRETTELTERTERRTELTETTERTERTTETTELEITETTETERETELTTTZELTELTERTERLERTERELETTETTZETTESTTERTSTTETZETEETTESSTITTSETETEETTETTTETTELEELTETZETESRESTETETTESZETZET ZEIT
oO: Zur Weltlage Me)
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ALEITITTITTTITTTE
Die Welt am Jahresschluss.
Rückblick und Vorblick.
Wir haben uns das ganze Jahr hindurch bemüht, über die Welt-
begebenheiten ein wenig aus der Vogelschau zu berichten und zu ur-
teilen. Dennoch mag es am Platze sein, am Jahresschluss ein zu -
sammenfassendes Bild zu versuchen. Das mag umso notwen-
diger sein, als wir ja heute mit einem kurzen Gedächtnis rechnen
müssen. Wie immer bei solchen Versuchen, gehen wir von dem
aus, was am ehesten sichtbar und greifbar ist, um von hier zum
schwerer Fassbaren fortzuschreiten, es wäre aber ganz falsch, an- °
zunehmen, dass uns das Letztere weniger wichtig wäre. Gerade
in solchen Darstellungen kommt ja das Wichtigste am besten an
den Schluss.
i
i
1. DiepolitischeLage.
Die grosse politische Tatsache dieses Jahres, die auf alle an-
dern einen bestimmenden Einfluss hatte, ist die englische Ar-
beiter-Regierunmg. Die Hoifnungen, die auf sie gesetzt wur-
den, haben sich jedenfalls auf dem Gebiete der Weltpolitik vollauf
erfüllt. Nicht nur ist die ganze Atmosphäre der Weltpolitik durch
diese Wendung verändert, sondern es sind dadurch auch schon
konkrete Ergebnisse von grosser Tragweite erzielt worden. Die
576
on
N ’
Beziehungen mit]
Te 3
& tung eines andern Weltreiches sich als Macht des Friedens und
_ der Freiheit erweist.
einem Jahre England durch die Indier ein Ultimatum gestellt wor-
den ist, nach welchem die Loslösung Indiens vom englischen Reiche
4 erfolgen werde, falls bis Ende Dezember 1929 ihm nicht die Selbst-
_ werwaltung gewährt sei. Eine Loslösung in dieser Form, die
wohl ein Signal für die Erhebung aller übrigen „Kolonialvölker“
gebildet hätte, wäre nach unserer Meinung nicht nur für England
- und Europa, sondern auch für Indien und die andern „unterdrück-
. ten Völker‘ ein schweres Unheil. Ihre Beireiung und Erhebung muss
wenn möglich im Frieden erfolgen und so, dass ein gewisser Zu-
sammenhang mit Europa (und Amerika), ein Zusammenhang, den
man als Zusammenarbeit in Freundschaft und auf dem Fusse der
Ebenbürtigkeit, oder doch (bei noch sehr zurückgebliebenen Völ-
kern) als ein Verhältnis der Erziehung bezeichnen mag, gewahrt
bleibt. Das Ziel muss wohl sein eine wirkliche Völkerrepublik,
eine commonwealth of nations, in dem der british commonwealth
- einen Kern bildet und worin die absolute „Souveränität“, das Idol
des Nationalismus, durch einen Weltföderalismus ersetzt ist, der
allen’ viel mehr tatsächliche Freiheit sichert, als sie bei ihrer ge-
träumten absoluten Unabhängigkeit besitzen. Im Lichte dieser Ge-
danken erscheint es als Zeichen eines „Regimentes“, das über der
571
ptischen: ver-.
Sch q ranknüpfung
a sland und die grössereErnst--
, die durch den neuen Einfluss der Völkerbund erhalten ht.
Einfluss aber auch sonst sehr stark mitgeholfen ht,
ngelnden Kriegsflammen zu dämpfen und böse Geister t
t Art niederzuhalten, haben wir an allerlei Beispielen gezeigt.
eben diesen und andern direkten Auswirkungen der grossen neuen.
sache ist aber die zu betonen, dass der durch Russland in so:
ncher Beziehung kompromittierte Sozialismus (der auch in die-.
r Gestalt durch Gottes Hand, die auch aus dem Uebel Gutes.
affen kann, trotzdem der Welt Segen bringen mag!) nun in der
> Wir sind damit schon zu zwei Hauptthemen dieser Betrachtung
gelangt: die Befriedungder Welt und der Lösung des Pro-
blems, das die Befreiung Asiens und Afrikas bedeutet.
Um mit dem letzteren zu beginnen, so hat dieses Problem, wie:
_ schon angedeutet worden ist, im vergangenen Jahre gewaltige Fort-
schritte gebracht. Als solche sind ja die Gewährung der indi--
- schen und Wiederherstellung der ägyptischen Autono-.
— mie zu betrachten. Wir erinnern uns daran, dass vor ungefähr
Ges
- s E Y sr
ER VEENGENG 1 \
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chichte waltet, wenn nun im |
TuS #32,
” ! “
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dem Bessern Bahn schafft. .
‘Wenn nun auch auf dem Wege zu diesem Ziele im vergangenen
Jahre bedeutsame Schritte getan worden sind, so steht die Aufgabe
selbstverständlich immer noch gewaltig und schwer vor uns. Chi-
weltgeschichtlichen Augen-
blick die Wendung eingetreten ist, die das Schlimme verhindert nd.
Di
r
nas Zustand ist immer noch, oder immer wieder, das Chaos, und so
lange das der Fall ist, bleibt fremde Einmischung in jeder Form im-
mer möglich. Und sie istauch wirklich. Auch ist die politische Er-
hebung aneine soziale gebunden. Wenn an Stelle des politischen
Imperialismus der Fremden der eigene Kapitalismus tritt, dann sind
diese Völker aus dem Regen in die Traufe gekommen. Ein verheis-
sungsvolles Zeichen ist darum die auf das Jahr 1930 angekün-
digte panasiatische Arbeiterkonferenz. Möge sie
nur nicht vom Kommunismus beherrscht sein, der die nationale
und soziale Erhebung der „unterdrückten Völker“ bloss als Mittel
für eine abstrakte Weltrevolution, d. h. für Sowietrussland, miss-
braucht. Aber auch der Nationalismus in jeder Form wäre für
jene Völker eine böse Gabe. Gegen ihn müssen sich aus ihrer
eigenen Mitte alte und neue geistige Mächte erheben: Konfutse,
Laotse und Buddha in neuer Gestalt, Tagore und Gandhi, Ut-
schimura, Kagawa und ihre Gesinnungsgenossen, Christus, der
Christus aller Völker, das Reich Gottes, das grösser ist, nicht
zwar als Christus, aber als das Christentum. Wir müssen darum
bitten, dass dieser Geist über die Erde wehe.
Damit sind auch schon die Aufgaben angedeutet, die aus die- 7
sem Zentralproblem entstehen. Die sozialistische Arbeiterbewegung,
die nicht kommunistisch ist, muss nach Asien und Afrika stärker
übergreiien. Geistige Beziehungen aller Art müssen zwischen Osten,
Westen (und Süden) hergestellt werden. Es muss die Bruderhand von
uns aus nach diesen Völkern und Kulturen ausgestreckt werden. Auch
unter diesem Gesichtspunkt ist die europäische Gleichgültigkeit
gegen die chinesische Hungersnot ein ungeheurer Fehler, ja eine
schwere Sünde. Die Mission hat eine Aufgabe bekommen, deren
Grösse sie zwar zu erfassen versucht, aber viellleicht doch nicht
ganz erlasst hat. Wobei mir natürlich klar ist, wie problematisch
die Mission einer Christenheit wird, die „zuhause“ die Sache Christi
'so sehr verrät wie die heutige. Auch wir wollen uns an jener Auf-
gabe weiterhin beteiligen und haben dafür Pläne, die hoffentlich
noch in diesem Jahre reifen.
Was das andere Zentraithema betrifft, die BefriedungEuro-
pasundder Welt im Sinne der Kriegsverhinderung (im Grunde
ist es bloss das übergeordnete Thema, von dem das behandelte einen
gewaltigen Ausschnitt bildet), so fehlt es dem vergangenen Jahre
auch nicht an Fortschritten. Die Wahl des Präsidenten Hoover hat
578
FE ER Be VE ee Sr
sich, trotz den Vorbehalten, die man immer noch machen muss,
als Glück für die Welt erwiesen. Macdonald und Hoover — es
werden der Welt doch immer wieder die Menschen geschenkt, derer
sie in ihrer Not bedarf. Beides nicht Genien, sondern Menschen,
die vor allem der „gute Wille“ gross macht, homines bonae volun-
tatis, wie die lateinische Uebersetzung des „unter den Menschen
‚ff
ein Wohlgefallen“ heisst. Dass unter Hoovers Einfluss der Bei-
- tritt der Vereinigten Staaten zum Internatio-
nalen Gerichtshofim Haag erfolgte, betrachte ich, trotz
der amerikanischen „Vorbehalte“, als sehr wichtiges Ereignis. Denn
diese „Vorbehalte“ sollen wohl vor allem das Gesicht wahren. Es
gibt in Amerika ernsthafte und einflussreiche Menschen genug,
denen dieser Anschluss eine ehrliche und heilige Sache ist; sie wer-
den dafür sorgen, dass er nicht ein Schein oder Schlimmeres wird.
Zu den wichtigen Tatsachen dieses Jahres, die ebenfalls mit
Amerika in Beziehung stehen, gehört wieder die, dass der Kel-
logg-Pakt doch auf eine fast unerwartete Weise aus dem Sta-
dium einer schönen Gebärde in das einer ernsthaften Wirklichkeit
rückt. Das Wort von der Aechtung des Krieges wirkt in den Völ-
kern und wird nicht fruchtlos bleiben. Für Europa im besonderen
gilt das gleiche von der Idee Paneuropa. Auch sie ist, beson-
‚ders durch das Eintreten Briands dafür, doch dem Stadium des
Verwirklichungsernstes in diesem Berichtszeitraum mäher gerückt.
Die Befriedung Europas hat aber auch im Konkreten Fort-
schritte gemacht. Dahin ist besonders die geschehene Räumung eines
Teils der Rheinlande und die in sichere Aussicht gestellte des
übrigen Teils für die allernächste Zeit, und ebenso die bevorstehende
Lösung der Saarfrage zu rechnen. Ebenso die Ersetzung des
Dawes-Planes durch den Young-Plan. So problematisch dieser
noch bleibt, ein Fortschritt scheint er mir trotz allem. Die ganze
Reparationsfrage ist dadurch doch etwas in den Hintergrund ge-
rückt. Und die internationale Bank in Basel ist doch auch ein Zei-
chen einer gewissen Völkervereinigung in der Weltwirtschaft, frei-
lich ein Zeichen, das der sozialen Ergänzung bedarf, wenn es
nicht zu einem schlimmen werden soll. Rechnen wir dazu
noch die schon erwähnte Belebung des Völkerbundes, so sind das
immerhin doch schöne Aktivposten in dieser Jahresbilanz.
Zu diesen mehr auf dem politischen Gebiete liegenden Tat-
sachen der Friedensarbeit gesellt sich die Friedensbewe-
gung im engern, im mehr privaten, ethischen und religiösen
Sinn. Auch sie hat in diesem Jahre eine grosse Arbeit getan. Ganz
besonders auch in der Schweiz. Hier hat die Bewegung, wie uns
allen sehr gegenwärtig ist, in der letzten Zeit besonders die Kir-
chen ergriffen. Die Dienstverweigerungen haben zu-
genommen und halten das Volksgewissen wach. Die antimilitari-
579
stische Stimmung ist mächtig gewachsen und für die Militaristen
bedrohlich geworden. Die Gegenaktion gibt ihr nur neue Kraft.
Schweiz die sittliche Kraft leider nicht hatte. Vergessen wir endlich
nicht das sehr wichtige Ereignis der den Krieg demaskie-
renden Literatur, an deren Spitze Remarques „Im Westen
nichts Neues“ steht. Ich rechne diese Bewegung, trotz allen Vor-
behalten, auch zu den Aktiven dieses Jahres.
Selbstverständlich dürfen wir die Lage deswegen nicht für allzu-
schön halten. Die erwähnten Tatsachen sind zwar geeignet, uns.
gegen den Modegeist eines sich reif und tief dünkenden Pessimis-
mus zu schützen und uns den Glauben an immer neue Wege Gottes _
in der Not und aus der Not heraus zu stärken, aber sie dürfen uns.
nicht abhalten, die gewaltigen Gefahren und Aufgaben zu sehen, °
die vor uns sind. Wir erinnern uns daran, wie deAbrüstungs- 7
aktion des Völkerbundes nicht von der Stelle kommen
will. Wir wissen, wie überall aufgerüstet wird, vor allem auch in
der Schweiz, wie der Militarismus in die bisher von ihm verschonten =
östlichen Völker eindringt; wir wissen, welche satanischen Mächte
in den Laboratorien der Wissenschaft am Werke sind, neue, un-
erhörte Mittel der Zerstörung zu schaffen. Wir kennen den Geist
eines wilden Nationalismus und Revanchedranges in vielen europäi-
schen Völkern; wir kennen den verbissenen Willen des Militarismus,
sich mit allen, aber besonders mit bösen (Fall Shearer) zu be-
haupten, und sehen ihn im Bunde mit dem offiziellen Christentum
und dem „Unverstand der Massen“, sogar, in gewissem Sinne,
der sozialistischen, und das alles sagt uns, dass der schwerste Teil
des Kampies noch vor uns liegt. Er wird von furchtbarer Härte
und Leidenschaftlichkeit sein.
Als Aufgaben scheinen sich mir. aus dieser Lage folgende auf-
zudrängen:
1. Die Regierungen müssen durch eine wachsende Volks-
erhebung gezwungen werden, mit der Abrüstung ernst zu ma-
chen. Das ist mein caeterum censeo.
2. Die Friedensbewegung im engern Sinne muss mehr
Einheit und Stosskrait gewinnen. Wir müssen einerseits genauer
wissen, worauf wir im „Ernstfall“ zählen dürfen und anderseits
den Kampf gegen die Vorbereitung des Krieges mit neuen Mitteln
und neuer Entschlossenheit führen.
. 3. Wir müssen die Arbeiterbewegung immer mehr gei--
stig und organisatorisch gegen den Krieg mobil machen.
ee N ee
580
: Veni, ereator spiritus!
} 2. DiesozialeLage. 2
wir von der politischen zur sozialen Lage übergehen (wo-
nir erlaube, Einiges in dieser Rubrik unterzubringen, was
wohl auch in die politische Rubrik ginge), so scheinen sich mir
aus dem Bilde des Jahres auf diesem Gebiete etwa folgende Haupt-
züge herauszuheben: Br.
Der Sozialismus wächst äusserlich. Wir haben seine vier
len Wahlsiege, denen verhältnismässig wenige Rückschläge nt-
gegenstehen, immer wieder verzeichnet. Sie fehlen auchin der u
Sehweiz nicht. Auf die grosse Tatsache der Arbeiter-Regierung 2.
in England haben wir schon in der politischen Rubrik hingewiesen. 2
- Freilich aber wächst auch der Faschismus. Er hat Jugoslavien
- erobert, hat sich in Polen festgesetzt und dringt neuerdings in
Deutschland vor. Ueberhaupt scheint mir, trotz einer gewissen
Friedlichkeit der Oberfläche, eine Zuspitzung der sozialen Gegen-
sätze offenkundig. Jedenfalls geht die Konzentration des “
- „Kapitalismus stetsfiort rasch weiter. Immerhin scheint mir die =
-— Lage des Sozialismus doch so zu sein, dass er immer mehr, auf .
_ dieser Linie, und ein wenig auf allen, das grosse Thema der
Geschichte wird. Dem steht allerdings die Tatsache gegenüber,
dass es ihm an Geist und Schwung mehr fehlt als in irgend einer
seiner früheren Perioden. Es hat ihn da und dort eine gewisse
Sattheit des Machtbesitzes ergriffen, er ist weitgehend der „Ver-
bürgerlichung“ verfallen, die bis zu gut bürgerlicher, besser:
3 kapitalistischer Korruption führen kann (Sklarek-Skandal und so
fort), ja sogar zur Stütze des Bestehenden geworden. Letzteres be- 4
E sonders in Deutschland. Sodann treten gewisse Folgen einer fal-
- schen Orientierung seiner „Weltanschauung“ stärker hervor, so be-
- sonders in der Neubelebung des sozialistischen (im Grunde bür-
- gerlichen) Freidenkertums und in der Stellung zu den
sexuellen Problemen. Es zeigen sich in ihm eine gewisse
Leere und seelische Ermüdung, die ihm nicht erlauben, die letzten
Ziele des Sozialismus kräftig zu erfassen und den Sozialismus als
- Gesinnung zu verwirklichen, sondern ihn: mit materiellen Verbesse-
rungen und politischen Tageserfolgen zufrieden sein lassen. Und
endlich fehlt es ihm in auffallendem Masse am Geiste schöpferischer
Gestaltung des Sozialismus. Er geht zu sehr auf den ausgetre-
tenen Bahnen weiter und verfehlt damit die völlig neue Lage mit
ihren neuen Problemen und Möglichkeiten.
Das Manko des Sozialismus wird einerseits durch Russland, an-
F
581
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_ dererseits durch den Faschismus beleuchtet. In Russland
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hen gewaltige und unheimliche Dinge vor sich, die auch ande 0
wärts in diesem Hefte behandelt werden. Es kommt von dorther
sicher eine Fülle von Anregung zu sozialistischem Denken, aber
auch eine ungeheure Gefahr, die sich vielleicht durch drei Stich-
wörter bezeichnen lässt: Entpersönlichung des Menschen, völlige R
Auflösung der Seele in eine rationalisierte Massenkultur, wirkliche,
nicht bloss formale, Gottlosigkeit. Es erwächst der westlichen so-
zialistischen Bewegung daraus die Aufgabe, dieser Art von Sozia-
lismus einen organischen, mit Freiheit, Persönlichkeit, Geist
rechnenden Sozialismus entgegenzusetzen und einen solchen also
zusuchen. Was aber den Faschismus betrifft, so ist anderwärts
ebenfalls angedeutet, dass er Volksmassen nicht ergreifen könnte,
wenn dem Sozialismus nicht etwas fehlte, wenn dieser organischer,
geistvoller, menschlicher, volksmässiger wäre, wenn er mehr die
volkstümliche Sehnsucht befriedigte — so wie er es in England
tut, weil er dort darnach ist.
Die Aufgabe, die dem Sozialismus durch die Sachlage gestellt
ist, lässt sich also etwa so beschreiben: |
1. Er muss sich selbst neu denken lernen. Er muss das soziali-
stische Prinzip in neuen Formen schöpferisch gestalten lernen und
die alten Formen neu beleben. Ich denke etwa an das Problem der
Wirtschaftsdemokratie, der neuen Arbeitsfreude, der „Sozialisierun-
gen“, an die Weltwirtschaitsfragen, die sozialistische Bildung und
Lebensführung und Asehnliches.
2. Zu diesem Zwecke muss er sich aus alten, denkträge machen-
den geistigen Schablonen, heissen sie Marxismus oder sonstwie, frei
machen.
3. Wenn das geschehen soll, muss Geist und Schwung, Glaube
an seine letzten Ziele wieder über ihn kommen. Woher? Nun,
man kennt ja meine Gedanken darüber und sie werden in der fol-
genden Rubrik wieder auftauchen.
Bei der Arbeit an dieser Aufgabe wird ihm der Umstand zu
Hilfe kommen, dass die kapitalistische Welt trotz aller
Scheinblüte deutliche Symptome des Verfalls zeigt. Davon
zeugten im vergangenen ‚Jahr die zahllosen Zusammenbrüche und :
Betrugsaffären, die New-Yorker Börsenkatastrophe und vieles dieser
Art; davon zeugt überhaupt die ganze sittliche Fäulnis und Un-
haltbarkeit der heutigen, vom „Kapitalismus“ beherrschten Kultur,
die sich in diesem Zeitraum auch immer mehr enthüllt hat. Dass
die heutige Welt vom Mammon beherrscht ist wie noch nie ein
Zeitalter, ist in diesem Jahre überhaupt besonders deutlich gewor-
den. Es muss vom Grund auf neu gebaut werden, und dazu ist
vor allem auch der Sozialismus berufen.
Zu dieser negativen Aufmunterung gesellen sich positive. Da
582
ec
ist wieder die Tatsache der englisc hen Arbeiter-Regie-
©
fr
rung. Dass der Sozialismus auch so auftreten kann, ist doch eine
herrliche Verheissung. Dazu rechne ich ferner die in diesem Jahre
ebenfalls stärker hervorgetretene Tatsache des katholischen
Sozialismus, die vollends grosse Perspektiven eröffnet und
freilich zur folgenden Rubrik weiterweist.
Es wäre wohl über die soziale Weltlage in einem weiteren Sinne
' noch mancherlei zu sagen. Das Bild ist zum Teil eines der Auf-
lösunginsChaos. Deutlich scheint mir besonders der Zug,
dass das, was wir bisher Staat nannten, sich immer mehr zer-
setzt und an seine Stele andere Gebilde treten: auf der einen Seite
die Korporationen, Gewerkschaften, Genossenschaften, Truste und
andere wirtschaftliche Verbindungen, auf der andern das, was wir
im weitesten Sinne des Wortes allfällig Kirche nennen könnten,
ich meine: Gebilde, die durch ein geistiges Band zusammen-
gehalten werden. Insofern gehen wir, darin hat Berdajeff recht, ei-
nem „neuen Mittelalter“ entgegen (so lautet auch der Titel
eines seiner Bücher), und das ist gut. Wohlverstanden: es handelt
sich um ein neues Mittelalter, eine wieder durch den Geist ge-
einigte und auf Grund der Arbeit solidarisch organisierte, an Gott
und dem Menschen orientierte Gesellschaft. Gerade auf dieser Linie
treffen wir die Aufgaben eines organischen Sozialismus an.
Damit sind wir auch schon zur letzten Rubrik gelangt.
3. Die geistige Lage.
. Dass über die geistige Lage besonders schwer zu reden ist, habe
ich schon zu Beginn festgestellt. Denn hier scheint das Chaos am
buntesten zu sein. Ich muss, wenn ich den Versuch mache, sie
dennoch darzustellen, dafür ganz besonders um Nachsicht bitten.
Es wird hier bei der Auswahl der Tatsachen besonders stark die
eigene Einstellung zu den Dingen in Betracht kommen. Eine Er-
leichterung bildet dabei der Gesichtspunkt, dass es sich hier nicht
darum handelt, das ganze Bild der geistigen Lage zu zeichnen,
sondern bloss diejenigen Züge zu treffen, die im Laufe des Jahres
besonders hervorgetreten sind.
In Bezug auf das sittliche undkulturelle Leben scheint
mir das vergangene Jahr nur immer mehr unter das Zeichen der
Mechanisierung, Technisierung, Hypnotisierung, Brutalisierung, der
Verflachung und Verödung, des Götzentums und der Dämonisie-
rung getreten zu sein. Sportrekorde, Fortschritte der Verkehrstech-
nik und dazu unglaubliche Verbrechen haben die Völker am mei-
sten in Atem gehalten. Eine gottlos gewordene, allen Götzen: die-
nende Kultur rast mit betäubender Eile der Katastrophe entgegen.
Wenn es.nicht aufhaltende und: rettende Elemente gibt.
Gibt es solche? Vielleicht doch. Der Umschwung im Den-
583
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ken,.d. h. in Wissenschaft und Philosophie, dazu in. der Kunst, is
offenkundig. Sollte dieser Umschwung nicht allmählich von
Höhen in die Tiefen, aus den Studierstuben in die Werkstätten
Ratssäle dringen? Auch sind Anzeichen einer Reaktion ge
diese betörende und betäubende Bewegung der Zeit vorhanden, vor
allem in dem Lande, wo sie am ausgeprägtesten ist, in Amerika.
Aber auch überall sonst. Eine Abwendung von den Götzen zu
Gott bereitet sich vielleicht doch in den Herzen vor. ”
Die Aufgabe ist jedenfalls für uns Andere klar: unerbittlicher
Widerstand gegen den Strom, der uns zum Niagara treibt (Car-
Iyle). Mutige Vertretung des Besseren, auch wenn wir dadurch da
und dort einsam werden. Solcher Kampf hat oft mehr Aussicht,
als man ahnt. Denn das Gesetz des Kontrastes herrscht auch in
diesen Dingen. Auf einseitige „Aktionen“ erfolgen einseitige „Re- 7
aktionen“. Nicht mit fatalistischer Notwendigkeit zwar, aber es
gibt etwas wie eine Dialektik, eine Entwicklung in Gegen-
sätzen und durch Gegensätze in der Geschichte. Und dazu gilt
das Wort: „Wo die Not am grössten ist, da ist Gott am nächsten.“
Wenden wir uns dem religiösen Leben zu, so bietet das
Jahr eher ein Bild der Leere. In der katholischen Kirche °
hat der Pakt des Vatikans mit Mussolini viel Raum in Anspruch
genommen. Was wir darüber denken, wissen die Leser. Der Ka- 7
tholizismus dringt im übrigen schon vor. Das preussische Kon-
kordat bedeutet für ihn einen Sieg. In der Schweiz ist er daran, die
im Jahre 1712 durch die Vilmerger Schlacht und zuletzt 1847 durch
den Sonderbundskrieg verlorene Position Stück für Stück wieder zu
erobern, zum Teil mit Hilfe seines einstigen Todfeindes, des „Frei-
sinns“. Davor muss der Protestantismus aber nicht Angst haben;
das ist bloss Macht, und die tut einer Sache, die unter dem Zei-
chen des Kreuzes stehen will, nicht gut. Aber auch im Geistigen
gibt es eine katholische Renaissance. Ohne Zweifel. Ein Buch
wie das von Professor de Reynold: „La Democratie en Suisse“ ist
auch ein Zeichen davon.
Wie steht es dem gegenüber mit dem Protestantismus?
Drei Dinge sind es, die ihn heute bewegen, so weit in ihm
überhaupt Bewegung vorhanden ist: Der Einigungs-
gedanke, die Erneuerung der Theologie, das so-
ziale Problem. In Bezug auf alle diese Dinge ist nach mei-
nem Urteil und Empfinden in diesem Jahre nichts Bemerkenswertes
Nr
vorgefallen. Die Arbeit geht vorwärts, aber ohne starke neue Im-
pulse. Auch von Stockholms Wirkung spürte man nicht viel Neues.
Die Theologie hat ihr Wesen ihrer Natur gemäss mehr in einem
engern Kreise. Der Einigungsgedanke ist seit Lausanne mehr ins
Stille zurückgetreten.
Wenn so das Christentum als sichtbare Macht in diesem
584
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Ei
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Frage und in der Ueberschätzung des Körpers.
ese Sache hat auch ihre Kehrseite. Das Revirement des
ums zeugt von einem Steigen der religiösen Welle, Ein
en das Christentum, wie der in Russland, ist ebenfalls
en von Zerfall der Sache Christi. Daneben gibt es übri-
n Russland selbst und überhaupt im russischen Geistesleben
rwachen des Glaubens.‘) Und was das Neuheidentum betrifit,
ist ja ganz gut, wenn es offen heraustritt. Das gilt noch mehr
den eigentlichen Mächten der Gottlosigkeit. Die Sache
i sti muss vielleicht, wie im alten Römerreich, wieder unter das
Zeichen des Kreuzes, muss Sache einer neuen Minderheit wer-
> den, um Kraft zu einer neuen, aber nun tiefergreifenden: „Eroberung
der Welt“ zu sammeln. Das ist wohl gegenüber dem jetzigen ver-
- heuchelten Zustand ein Gewinn. Christ und Antichrist! Der Anti-
christ geht dem Kommen Christi voraus.
Was die sogenannte theologische Besinnung betrifft, so würde
ich doch noch lieber von religiöser Besinnung reden. Sie wird als
blosse Besinnung nicht ewig dauern können. Und sie wird nicht
im luftleeren Raum, sondern im Ringen mit der Welt am besten
- Frucht bringen. Es regen sich Zeichen, dass diese Einsicht wieder
erwacht. Das soziale Problem wird seine Wucht und seinen gött-
- Stagnation und Restauration — deren Zeichen auch dieses Jahr nicht
- fehlen — werden vielleicht bald vorüber sein. Jedenfalls lebt der
_ „religiöse Sozialismus“ kräftig auf, auch in katholischer
Ei ” . . ” ”
# Form, wie wir sahen, aber auch sonst. Auf dieser Linie wird
2
_ einst die Auferstehung des Christentums kommen. Arbeiten wir
auf ihr weiter!
2 Eine gewisse Ruhe liegt auf der Christenheit als solcher. Ruhe
des Todes oder Ruhe vor dem Sturm? Ich glaube letzteres. Wäh-
_ rend ich dies schreibe, braust der Sturm der Natur gewaltig um
meine Fenster. Eines Tages wird der Sturm des Geistes so ge
waltig in die Welt fahren. Jetzt ist Advent, aber er bedeutet ja das
_ Kommen Christi. Er ist noch nicht da, aber er kommt!
12. Dezember 1929. L. Ragaz.
1) Es sei bei diesem Anlass auf die im Verlag Harder in Wernigerode
am Harz herausgegebenen „Russischen Blätter“ hingewiesen, die
über russisches Geistesleben trefilich orientieren.
585
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_ lichen Sinn schon wieder stärker geltend machen. Die Tage der
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Es sind, so viel ich sehen kann, in der Berichtsperiode nicht gerade
Ereignisse allerersten Ranges hervorgetreten. Die Geschichte spinnt ihr 4
Garn ab; die Probleme der Zeit offenbaren sich auf die mannigfachste Weise,
im Grunde aber sind sie überall und in allem von der gleichen Art. r
1. Weltpolitisches. Me
Die Verhandlungen zwischen Amerika und England gehen weiter.
Sie sind durch eine neue Rede Hoovers, worin er die Freiheit der
Meere, das bedeutet: das Verbot der Blockade im Falle des Krieges, emp-
fiehlt, nicht erleichtert worden. Das wird von seiten Hoovers, der das Elend
des Hungerkrieges selbst — als grosser Helfer — aufs tiefste miterlebt hat,
ehrlich gemeint sein, aber es ist eine Halbheit. Denn es will eine „Humani-
sierung des Krieges sein, und das ist eine Illusion, die der radi len Be
kämpfiung des Krieges im Wege steht. Wenn der Krieg „humanisiert“ wird,
dann ist er ja nicht mehr so schlimm. Nun wissen wir aber, dass er im
Ernst nicht „humanisiert“ werden kann, dass alle solche Versuche vor der
wilden Feuersbrunst des Krieges dahinschmelzen wie Schutzmauern aus
Stroh. Das hat auch Herriot mit Recht gegen Hoover geltend gemacht. Die
einzig mögliche „Humanisierung“ des Krieges ist seine Annihilierung. Da-
zu kommt, dass man geneigt sein wird, in dieser Wendung einen amerikani-
schen Cant zu erblicken. „Wenn die Amerikaner im Falle des Krieges nur
wacker verdienen können, dann sind sie schon zufrieden; das ist ihr ganzer
Pazifismus.“ Und endlich ist die Blockade die einzige Waffe, die dem
Völkerbund gegen einen friedensbrecherischen Staat übrig bleibt, wenn er
nicht zum Sanktionskrieg greifen will, und so schrecklich auch jene Waife
erscheint, so erscheint sie doch viel menschlicher und tauglicher als Krieg.
Wenn durch solche Probleme die Abrüstung zur See gehemmt 'wird,
so auch besonders durch den Zwiespalt zwischen Frankreich und Ita-
lien, von denen jenes die Unterseeboote nicht preisgeben will, dieses aber
die gleiche Flottenstärke wie Frankreich beansprucht.
Und endlich scheint es überhaupt zweiielhaft, ob die geplante „Ab-
rüstung“ der Flotten wirklich eine solche sein wird und nicht bloss eine
Umgestaltung, die bloss die Kosten etwas vermindert, die Kriegsgefahr aber
unvermindert bestehen lässt. Gewiss werden die Admiräle alles tun, um
die Bewegung in dieses Geleise zu lenken. Caeterum censeo: Nur eine
mächtig anschwellende Volksbewegung, die sich gegen die Heere und Flot-
ten überhaupt wendet, kann die Welt vor dem drohenden Untergang be-
wahren und eine neue Periode der Geschichte einleiten. Das gilt es zu
schaffen und dafür muss der Hebel tief angesetzt werden,
In China ist es inzwischen zu einem kriegerischen Zusammenstoss mit
Russland gekommen. Doch wäre es falsch, darin nun sofort ein Versagen
des Kellogg-Paktes zu erblicken. Denn es handelte sich bloss um einen
Scheinkrieg: die chinesische Armee war bloss eine Kulisse, die durch einen
leichten Stoss ausgeworfen werden konnte. Ganz sicher war sich auch
Russland im Klaren darüber, dass es einen Krieg fast um jeden Preis ver-
meiden müsse und bedurite des inzwischen erfolgten öffentlichen
Schrittes der andern „Kellogg-Mächte“ nicht.
Ueber China aber ergiessen sich weiter die Wellen des Elendes. Die
Hungersnot zieht ihren schauervollen Weg. Wir werden sie im näch-
sten Heit wieder durch einige neue Dokumente beleuchten. Und Europa
586
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- Kirchen haben Wichtigeres zu tun: sie haben die „Landes-
2 eu zu verteidigen. Nur da und dort regt sich eine edelmütige
Hilfe. — Zur Hungersnot gesellt sich wieder die Revolution. Der Be-
_ richterstatter ist augenblicklich nicht in der Lage, darüber zu urteilen, ob
es sich bloss um einen persönlichen Machtkampt ehr- und geldgieriger Ge-
neräle, die vielleicht den Interessen fremder Mächte verkauft sind, oder um
ein Wiederaufflammen des radikalen Nationalismus handelt. Das Erstere
ist sehr viel wahrscheinlicher und auf alle Fälle sind diese chinesischen Vor.
gänge eine sehr deutliche Wiederlegung des Irrtums, dass der Militarismus
irgend einmal ernsthaft und auf die Dauer ein Befreier seirı könne.
Er ist immer nur ein Tyrann.
Die Erhebung Asiens und Afrikas verzeichnet, so viel ich
sehe, in der Berichtszeit zwei sichtbare Tatsachen: in Indien tritt der
Vizekönig in Unterhandlungen mit Gandhi ein. Er ist halt nur Vizekönig
von Indien, ein schweizerischer Regierungsrat (um von einem Bundesrat
zu schweigen) würde sich nie so tief erniedrigen. Denn die eignen sich
das Bibelwort an: „Wir sind Götter.“ (Vgl. Psalm 82, 6.) Die zweite Tat-
sache ist der Beschluss, dass im Jahre 1930 ein panasiatischer Ar-
beiterkongress stattfinden soll. Wer Augen hat zu sehen, der sehe!
Auch in Palästina flackert immerfort das Feuer des arabischen Nationalis-
mus, aus dem schliesslich doch der Judeumord vom August entstanden ist,
wieder auf.
Kommen wir nun wieder nach Europa, so sind stets die Vorgänge auf
dem Balkan beunruhigend. Dort bilden Mazedonien, Albanien, Dalma-
tien, Kroatien, die Dobrutscha, das Nationenproblem in Jugoslavien, Bul-
gariens allzutiefe Demütigung durch den (von ihm übrigens freventlich auf
sich gezogenen) Krieg, vor allem aber der Gegensatz zwischen Bulgarien.
Ungarn und Mussolini auf der einen und Jugoslavien auf der andern Seite
ewige Feuerherde des Völker- und Bürgerkrieges. Mord, Zerstörung, Verge-
waltigung sind dort an der Tagesordnung. Einer der besten Menschen un-
serer Tage, der Amerikaner Kirby Page, Mitherausgeber der „World:
Tomorrow“, hat vor einiger Zeit diese Gegenden bereist und ist entsetzt
über ihre Zustände. Es ist bedeutsam, dass er, der radikal-pazifistische
Amerikaner, sagt, dass die einzige Macht, welche dort den Ausbruch eines
neuen grossen Brandes verhindern könne, eben doch der Völkerbund sei!
In Polen aber schafit die drohende Wendung zur Diktatur eine neue
europäische Gefahr. Vandervelde, Leon Blum und Jouhaux haben recht:
bloss für ein freies, nicht für ein despotisches Polen haben sich hundert
Jahre lang alle selbst die Freiheit liebenden Völker und edlen Menschen
eingesetzt. i ö h E
Es ist mir sehr wahrscheinlich, dass die englische Arbeiterregierung
in bezug auf all diese Probleme und Gefahren einen heilsamen Einfluss
ausübt. Das Gleiche ist in bezug auf Oesterreich im englischen Unter-
haus durch Henderson offen zugestanden worden. Inzwischen ist die
österreichische Krise zu einem vorläufigen Abschluss gekommen, der rebus
sic stantibus nicht ganz unerfreulich ist. Es ist gelungen, die schlimmsten
Forderungen der Heimwehr-Bewegung abzuschlagen. Die Sozialdemokratie
ist mit ihren Zugeständnissen so weit gegangen als möglich war. Sie hat
gut daran getan. Aber weıun man daraus einen „Sieg“ machen will, so
erinnert das allzusehr an die Kriegsberichterstattung von 1914 bis 1918.
Ein Sieg kann daraus nur werden, wenn die Sozialdemokratie weiter und
gründlich aus dieser Erfahrung lernt. i
In Deutschland gehen eigentümliche und ebenfalls wenig beruhi-
gende Dinge vor. Die deutschnationale Partei zerfällt, Hugenbergs Dikta-
fur zeriliesst, dafür aber nehmen die Nationalsozialisten zu. Das Auftreten
des Präsidenten der Reichsbank, Schacht, gegen den Young-Plan (so wird
es im Volke doch wohl verstanden) wird sie vorläufig noch mehr stärken.
587
Ob das nur ein vorübergehendes Symptom des deutschen Krankheitszustan-
‚des, der doch auch ein enenge rozess ist, bedeutet? Mir scheint, es soll- r
ten darüber besonders die Sozialdemokraten nachdenken. Denn eine solche
Erscheinung wäre schwerlich möglich, wenn ein sich selbst treuer Sozialis-
mus mit vom Hauch des Geistes geschwellten Fahnen als hinreissende Volks-
bewegung auf dem Plan stünde. \
So ziehen überall neue Wolken auf und rüsten sich neue Kampfesfronten.
Freuen wir uns wenigstens an einem Adventszeichen, wie es der An-
schluss der Vereinigten Staaten an den Haager Ge.
richtshof bedeutet; er ist doch eigentlich ein maskierter Eintritt in den
Völkerbund.
2. Milttarismus und Antimiltarismus.
Der Kampf zwischen Militarismus und Antimilitarismus hat während
der Berichtszeit in der Schweiz an Leidenschaft zugenommen. Er hat sich
besonders auf dem Boden der Kirchen abgespielt. Man findet Berichte
darüber anderwärts. Darum nur noch ein paar Bemerkungen. ;
Ob man das Ergebnis der Zürcher Synodalverhandlung für erfreulich
oder unerfreulich hält, hängt von dem angewendeten Masstab ab. Erireu-
lich ist der Eindruck, den das ausgezeichnete Referat von Lejeune auf diese
doch etwas abgebrühte Gesellschaft machte, erfreulich die einmütige Zu-
stimmung zu der Forderung, dass den Dienstverweigerern keine Ehren-
straien aufgelegt werden sollten. Ob dazu die Autorität der Bibel oder die
von General Wille und Generalstabschef Sprecher, sowie die der Proiesso-
ren Baumgarten und Hafter mehr beigetragen haben, bleibe dahingestellt.
Unerfreulich ist das Ergebnis insofern die Synode sich mit grosser Mehr-
heit für die Notwendigkeit der militärischen Landesverteidigung aussprach.
Ueber die Berner Synode ist kein Wort zu verlieren. Da genügt der
Bericht. Zu bedauern ist vielleicht, dass sowohl in Zürich als in Bern
vermittelnde Amendements eine klare Stellungnahme vermeiden halfen. Das
Wort: „Eure Rede sei: Ja, ja, Nein, nein“ steht halt nur in der Bergpredigt
und die hat bei den Theologen wenig Autorität, ist bloss Verlegenheit!
Auch die Aargauer Synode spürte das Bedürfnis, den wankenden
Koloss etwas zu stützen und die Obersten zu beruhigen. Man griif auch
in der Presse die Safenwiler Angelegenheit wieder auf und ver-
suchte ihr eine Wendung gegen Pfarrer Ott zu geben, natürlich durch un
wahre Darstellung des Sachverhalts. Inzwischen ist in Safenwil das kirch-
liche Leben lebendiger, als es dort irgend einmal war. Wenn die Kirche
den Abzug von Leuten so sehr bedauert, die wegen einiger Predigten, so
ihnen nicht gefielen, zu einer andern Konfession übertreten, die sie vorher
gar nicht ernstlich gekannt haben, bloss weil ein geistlicher Logenbruder
aus derselben sich willig in den Dienst der Dorimatadoren gestellt hat,
dann muss es ‚mit ihr weit gekommen sein, aber auf der Linie des Abstiegs.
‚. Ziehen wir das Fazit. Die protestantische Kirche hat durch drei von
ihren Vertreterinnen (denen sich selbstverständlich alle andern in der
Schweiz anschliessen würden) wieder einmal gezeigt, dass sie in der grossen
Mehrheit ihrer Diener eine getreue Stütze der bestehenden Ordnungen
ist, mögen es auch Ordnungen des Teufels sein, wie das heutige Kriegs- und
Militärsystem sicher eine ist. Ein solches Gebilde noch als Vertretung der
Sache Christi anzuerkennen, erfordert viel Phantasie!
. Eine Austrittsbewegung grossen Stils wäre vielleicht das beste Mittel,
eine solche Kirche aus ihrer Herzensträgheit zu wecken. In eine erwachte
könnte man ja wieder eintreten. Aber dazu reicht es noch nicht. Es ist dazu -
ein religiöses Erwachen nötig; die Kirche lebt inzwischen vom Gesetz der
Trägheit, nicht etwa von dem Guten, das sich in ihr ja gewiss auch regt.
Uebrigens halten diese von den dem Staate willfährigen Kirchen erbauten
Dämme die Bewegung selbstverständlich nicht auf. In Bern regnete es.
588
3
3
a klärungen gegen den Ukas des Synodalrates und des Kirchendirektors.
Es protestierten Lehrergruppen, Piarrergruppen (und zwar sehr grosse!)
_ sogar Kirchgemeinderäte. Zwei der hervorragendsten Pfarrer der bernischen
Kirche, die Herren Schädelin und von Greyerz in Bern, haben in
RE - Predigten dazu Stellung, genommen, die im Druck erschienen sind. Die
eine, die von Schädelin, ist vorsichtig abwägend, die von Greyerz rückhalt-
los. Wir möchten beide sehr empfehlen. Bei diesem Anlass sei noch auf
- die ebenfalls sehr tapfere und tifeKarfreitagspredigtvonGreyerz
aufmerksam gemacht, die infolge einer Kombination von Umständen in den
„Neuen Wegen“ nicht rechtzeitig angezeigt worden ist.
Auch die Dienstverweigerung geht vorwärts. Neuerdings sind
vor A hlägsericht gestanden: Otter, Dubois, Anderfuhren, Wer-
ner Kissling und Dr. Brenner. Otter und Dubois sind zum vierten
und fünften Mal verurteilt, aber nun auch endlich aus dem Heere ausgestossen
worden. Anderiuhren hat wegen Verweigerung der Militärsteuer zehn Tage
Gefängnis bekommen, Kissling drei Monate Gefängnis und ein Jahr Ein-
stellung in den Bürgerrechten, Dr. Brenner das Gleiche,
Ueber die zwei letzten Fälle steht ein besonderer Bericht anderwärts.
Das „wie lange noch?“ steigert sich von Fall zu Fall, wenigstens hier in
Zürich wird das Regime Eugster-Pienninger immer unerträglicher.
Fügen wir noch hinzu, dass Australien (wohl unter dem Einfluss
- seiner neuen Arbeiterregierung) den obligatorischen Militärdienst durch
einen freiwilligen ersetzt hat.
an nn a 0 Ai
3. Sozialismus und soziale Bewegung,
- Es ist fast überall ein ‚Steigen der sozialistischen Welle zu beobachten.
“ In der Tschechoslovakei haben die Sozialdemokraten einen grossen
Wahlsieg errungen und bilden nun mit den bürgerlichen Tschechen und
- " Slovaken zusammen das Ministerium. In Niederösterreich hat sich,
mitten in der Agitation der Heimwehren, die Sozialdemokratie durchaus be-
hauptet. Das Gleiche ist in Deutschland bei den Gemeindewahlen ge-
schehen, trotz dem Sklarekskandal, der bloss in Berlin einen starken Rück-
schlag erzeugte. Allerdings bildet hier in Deutschland, wie schon erwähnt
wurde, das mächtige Anwachsen der Nationalsozialisten ein ernstes Frage-
zeichen. Auf der andern Seite wieder ist sehr erfreulich, dass von vielen
„Nationalen“ nicht nur ein Hugenberg abgeschüttelt, sondern auch eine neue
und zwar bejahende Stellung zur Arbeiterbewegung gefordert wird. Sogar
in der A. F. L. (American federation of labour, amerikanischer Arbeiter-
bund) scheint sich eine radikalere Strömung zu regen. An die Tatsache,
dass. bei der Wahl der Bürgermeisters von Newyork der sozialistische
Präsidentschaftskandidat Norman Thomas (ein ehemaliger Piarrer) 175,000
Stimmen erhielt, knüpfen’ amerikanische Radikale und Sozialisten die Hofi-
nung, dass vielleicht, doch bald ähnlich wie in England eine neue Partei
neben den bisherigen, innerlich veriaulten aufkommen könnte, die einen
wirklichen, namentlich sozialen Fortschritt verträte Für die englische
Arbeiterregierung allerdings häufen sich die Schwierigkeiten, Na-
mentlich macht ihr das Problem der Arbeitslosigkeit zu schaffen. Es er-
‘hebt sich aus der eigenen Mitte eine heitige, besonders von Schottland
ausgehende Opposition gegen sie. Diese Tatsache ist scheinbar gefährlich,
aber ein Beweis für den Unabhängigkeitsgeist, der das englische Partei-
leben so erfreulich kennzeichnet. Auch in der Kohlenirage geht es nur
mühsam vorwärts. Wenn in diesen beiden Beziehungen die Regierung und
die Partei, die hinter ihr steht, mit gewaltigen Schwierigkeiten kämpit, die
sie nicht verschuldet hat, so scheint mir bedenklich, dass das wichtigste, und
wenn ich nicht irre, sogar einzige Tagesorgan der Partei, der „Daily
Herald“ in die Hände eines kapitalistischen Unternehmens übergeht, wo-
durch es, ohne der Kontrolle der Partei. zu entgehen, in allen Arten und
589
J)
in
DTED
Unarten moderner journalistischer
mag zwar dem englisch uns jedenfall
ch Harin V 2 5 und eine orundia
Methode. Uns ist ernstlich nicht mit mehr, so ss mit weniger .
tation gedient. .
a - J ie ised vollziehen sich gerade jetzt schicksalsvolle Vorgä
Da ist vor allem das Riesenexperiment des „Fünfjahr-Plans“, wodurch
ganze Landwirtschaft des Weltreiches im kollektivistischen Sinne umges
werden soll und dies vorwiegend durch das System der Rieseniarmen,
jeweilen viele Hunderte von Bauern zu einem Betrieb zusammenias
instweilen scheint es an gewissen Erfolgen nicht zu fehlen. Allerdings
werden diese seltsam beleuchtet durch die Tatsache, dass die seit Jahrhun-
derten dort angesiedelten deutschen Bauern, die Elite des russischen Bauern-
tums, Russland zu vielen Tausenden (13,000) fluchtartig verlassen und ebenso,
wenn auch weniger dramatisch, die Griechen und andere Nationalitäten,
darunter auch die Juden, was diejenigen beachten müssen, die Bolschewis-
mus und Judentum allzusehr identifizieren. Ebenso unheimlich sind die
‚jortwährenden Massenerschiessungen von „Rebellen“. Was wird wohl aus
alledem werden? 4
Dass im Westen, und vor allem in der Mitte Europas der Faschis-
mus sich ausbreitet, liegt auf der Hand. Man denke nur an die Vorgänge
in Oesterreich und Polen und das Wachstum des Nationalsozialismus in
Deutschland. Das Neueste ist die Schaffung einer Art von „Tertiariertum“, 7
des Faschistenordens, der Amici del fascismo, zu welchen Nicht- 7
italiener ernannt werden können. ‘
Erinnern. wir im übrigen noch an die gewaltigen, das ganze Land er-
regenden Streikbewegungen der Textilarbeiter in den Ver-
einigten Staaten, an die steis neuen Formen des Sklarek-Skan- 7
dals und dazu an die massenhaften, oft mit Betrug verbundenen ge-
schäftlichen Zusammenbrüche in Deutschland. Es kracht eben 7
doch überall in dem aus Unrecht und Not emporgetürmten Götzenbau der
kapitalistischen Zivilisation. B
An dieser Fäulnis der kapitalistischen Zivilisation nimmt auch der
Sozialismus teil, ja, er treibt sie vielfach auf die Spitze. Dieses Letz.
tere ist von dem Feldzug für die Abtreibung zu sagen, ‘den in
Zürich die Sozialdemokratie betreibt. Das ist moralischer Selbstmord des
Sozialismus. Dass Frau Helene Stöcker, der wir zum sechszigsten Geburts-
tag auch unsern Gruss entboten, wenn auch nicht ohne Vorbehalte, gerade
in bezug auf diesen Punkt, diesem Feldzug etwas von dem Glanz verliehen
hat, der von ihrer Persönlichkeit ausgeht, hat uns im Herzen leid getan.
an Er dient sie keiner guten Sache. Von dieser Sache hoffentlich in Bälde
mehr!
4. Schweizerisches.
Die Schweiz steht seit Wochen unter dem Zeichen der Bundesrats-
Wahlen. Es ist ein Zeichen schlimmer und guter Art, ein schlimmes,
weil es die ganze Verkommenheit unserer bürgerlichen Politik ins hellste °
Licht stellt, ein gutes, weil sich doch auch inmitten des’ bürgerlichen Lagers
Opposition dagegen regt, besonders bei den Jungen. Erfreulich ist auch, °
dass der schweizerische Vorstand der Evangelischen Volkspartei sich für
die Wahl eines Sozialisten erklärt, unerfreulich allerdings, dass der Vorstand
des zürcherischen Zweiges der Partei diesem Beschluss zuwider sich gegen
einen solchen ausspricht, weil die Partei in Zürich eine christentumsieind-
liche Haltung einnehme. Als ob die „Züricher Post“ und die „Neue Zürcher
Zeitung“ dem Christentum näher stünden als das „Volksrecht“! Es sind
doch einige Männer in dieser Partei, von denen ma icht b : 4
sie nicht mehr Weitblick zeigen, n-nicht begreift, "dazu
LE
.
590
© Die Sozialde mokratie steht gerade, wenn ihr die Vertretung im
- Die Frage ist bloss,
Bundesrat verweigert wird, wieder vor einer äusserst günstigen Situation.
ob sie in der Lage ist, diese Gunst für sich fruchtbar
_ zu machen. Ihr Par teitag in Basel hat die Frage der Beteiligung am
_ Bundesrat mit mehr als Zweidrittelmehrheit bejaht. Es zeigte sich, dass das
udoradikale Regime, das zum Unheil des schweizerischen Sozialismus so
lange dessen Führung hatte oder doch, was beinahe die gleiche Wirkung
übt, zu haben schien, gründlich gebrochen ist. Aber es käme nun dar-
auf an, dass es endlich auch offen und rücksichtslos beseitigt würde. Statt
dessen hat es in Basel noch einen wirklichen oder scheinbaren Triumph
Stra Als es sich um die Wiederwahl des Parteipräsidenten Reinhard
andelte, dem Dinge vorgeworien werden, die ihn, falls sie sich erwahren
sollten, einer solchen Stellung unwürdig machten, stellte unser Freund Dr.
Max Weber die Forderung, dass eine Untersuchungskommission einge-
setzt werde, welche jene Anklagen prüfen solle. Er wurde aber an der Be-
gründung dieser Forderung verhindert dadurch, dass man ihm das Wort
entzog und Reinhard wurde daraufhin mit grosser Mehrheit wieder gewählt.
Gegen dieses Verhalten des Parteitages und seines Leiters muss scharfer
Protest erhoben werden. Die Forderung Webers war mehr als berechtigt.
"Wir haben in der Leitung der Partei saubere Leute nötig. Nichts raubt uns
bei den breiten Volksmassen, wie bei der moralischen Elite aller Kreise, so
sehr den Kredit, als wenn wir moralisch zweifelhafte, vielleicht gerade den
Sozialismus kompromittierende Personen an verantwortungsvollen Stellen
erhalten. Der Sklarek-Skandal sollte uns doch hierin als Warnung dienen.
Also eine unparteiische, durchaus zuverlässige Untersuchung der Änklagen,
die gegen Reinhard vorliegen und der Nachweis, dass sie unrichtig sind
oder seine: Beseitigung als Parteipräsident. Ein Mann wie Weber stellt eine
solche Forderung nicht ohne guten Grund. Darum aber ist vor allem da-
gegen die Schärfe des Protestes zu richten, dass einem solchen Mann das
Wort entzogen wird. Parteitage lieben ja freilich störende Auseinander-
setzungen nicht und das Vertuschen ist gerade in der Schweiz eine beliebte
Kunst. Aber es ist auch eine gefährliche Kunst. Faule Dinge müssen als
‚solche aufgedeckt und ausgeschnitten werden, sonst fressen sie weiter und
verpesten die Luft. Freies Wort und rücksichtslose Selbstkritik aber sind
das Salz, das eine Bewegung vor Fäulnis schützt. Der Parteitag hat grössten-
teils wohl aus Mangel an Orientiertheit, aber doch wohl auch aus einer
falschen Stimmung heraus, eine andere Methode vorgezogen. Aber er hat
durch seine Haltung die Tatsache nicht verschleiern können, dass eine auch
öffentliche und formelle Aenderung des Parteiregimes notwendig ist, dass
Dr. :-Max Weber einer unserer besten Männer ist, ein Mann von einer Ehr-
lichkeit, Lauterkeit und Tüchtigkeit, wie man sie selten findet, und dass er
unserer Sache ehrenvoll dienen wird, wenn jenes Regime mit seinen Trä-
gern längst zu den bösen Erinnerungen gehört.
Neben der Bundesratswahl hat die Angelegenheit Peretti zu reden
gegeben, eines tessinischen Eisenbahnangestellten, der sich törichterweise
nach dem Italien Mussolinis begab und dort harmlose Unvorsichtigkeiten
beging, für die er nun zwei Jahre Gefängnis erhalten hat. Man sieht
bei diesem Anlass wieder, was unsere gloriose Armee nützt, die uns nach
der Behauptung ihrer Verteidiger vor „Beleidigungen“ schützen soll. Um- -
gekehrt sehen wir im Zonenkonflikt, wie viel wirksamer der Schutz
einer internationalen Rechtsordnung ist, für die wir uns dann aber auch
einsetzen sollen, dadurch dass wir das Kriegssystem auch bei uns selbst
zerbrechen.*)
1) Nachdem die obigen Ausführungen über die Bundesratswahl geschrie-
ben waren, kam der Bericht über das Ergebnis. Kein Wort reicht zu, um
die Niederträchtigkeit dieses Verhaltens unserer Bürgerlichen genügend zu
591
| gottesgeschichtlichem Riesenmass, wie sie seit dem Auftreten des Islam nie‘
sinnungsgenossen fordert, folgendes:
a 3 fie Ri Er © = äN Bd EN TE, 2,
Pr le 5. Kirche nd | ni 9 ee:
Das Buch von Ernst Michel: „Politik aus dem Glauben“ ist von de
römischen Kirche auf den Index gesetzt worden. Das ist ein schlimme
Zeichen. Denn es ist ein sehr schönes Buch, das auch Protestanten r
grossem Gewinn lesen können, das aber, sollte man meinen, für den 6
zismus wirbt. Sollte dieser solche lebendigen und freien Kräfte nicht
seiner Mitte dulden können, so wird er eines Tages die Frucht des geis
en Todes ernten. wi Be
$ In Russland scheint der Kampf gegen die Religion an Heitigkeit zu-
zunehmen. Wir erleben hier eine Erscheinung von weltgeschichtlichem, reichs-
te
Er
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wi" ah 2 . E
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.
mehr dagewesen ist. Zwar dari man das, was in Russland geschieht, nic)
übertreiben. Es ist nach der Aussage wohl Orientierter auch jetzt noch,
was die Möglichkeit betrifft, dort die wirkliche Botschaft von Christus zu
verkündigen, vieles besser als unter dem Zarismus, aber trotzdem bleibt doch
bestehen, dass dieser russische Kampi gegen das Christentum als ein Riesen-
zeichen der Mahnung zur Einkehr und Umkehr an den Himmel geschrieben
ist. Desto unangebrachter ist es, gerade jetzt über das „oziale Evan-
gelium“ (social gospel) zu höhnen. Als ob nicht die russische
fung des Christentums genau diese Ursache hätte, dass das soziale Evan-
gelium von der Kirche so lange vergessen worden ist. Ich lese in dem
„Schweizerischen evangelischen Pressebericht“, dessen tendenziöse (und da-
neben schwankende) Haltung überhaupt die Aufmerksamkeit unserer Ge-
”
Ein bedeutsamer Umschwung in Amerika.
„Social gospel“, soziales Evangelium, soziales Christentum war in
Amerika lange ein Schlagwort, mit dem man die unmöglichsten Veräusser- 7
lichungen des religiös-kirchlichen Lebens zu rechtfertigen suchte. Nun ur-
teilt der bekannte amerikanische Gelehrte Prof. W. A. Brown, Newyork: Es
ist der Niederbruch der hochgespannten Erwartungen, die die soziale Be-
wegung in Vielen lebendig gemacht hatte, denen sie die Begeisterung eines‘
neuen Evangeliums brachte. Der Fehlschlag oder wenigstens die Verschie-
bung grosser sozialer Umwälzungen auf unbestimmte Zeit hat wieder die
ganze Frage der persönlichen Frömmigkeit aufgeworien und dem alten Wort
Gott neue Bedeutung gegeben. Man gibt sich nicht mehr zufrieden mit Er-
örterungen über soziale Gerechtigkeit und allerlei Versuche, sie da oder dort
in Tat umzusetzen. Von der Aussenwelt wendete sich das Interesse wieder
den zentralsten Fragen der Seele zu, die im Zeitalter der gesteigerten Ehe
scheidungen, der Dollarjagd im ganzen Geschäftsleben und des abendlichen
Vergnügungstaumels furchtbare Schädigungen erlitten hat.“
Der auimerksame Leser wird die seltsame Logik dieser Worte wohl
kennzeichnen. In einer Zeit, wo Sozialisten das englische Weltreich regie-
ren, zum Heil der Welt, wo Sozialisten die dänische Regierung bilden, in der
tschechoslovakischen sehr stark vertreten sind, wo sie in Schweden, Norwe-
gen und Belgien ebenfalls schon Ministerien gebildet haben, in Frankreich
eindringlich gebeten worden sind, mitzumachen, wagt man es bei uns, der
ganzen einen Hälite des Volkes (denn die vertritt die Sozialdemokratie) ein
Mitglied in der obersten Behörde zu verweigern. Man muss sich der
Schweiz in Grund und Boden hinein schämen, man könnte an ihr ver-
zweifeln. Diese Leute sollen noch einmal kommen und heuchlerisch vom „Klas-
senkampl“ der: Sozialdemokratie oder von ihrer „Diktatur“ und dergleichen
reden! Wenn in der Sozialdemokratie die schon fast besiegte bolschewisie
rende Richtung wieder aufkommen sollte, so haben diese bürgerlichen Poli-
taster die Schuld, diese Bolschewisten des Geldsacks und der Soutanel
Eine unter aller Kritik jämmerliche Gesellschaft!
592
ı den „Dollar“ Dollar sein lasse und sich damit begnüge, seine Seele zu
h n? Für einen solchen Gott wird sich die Welt immer mehr bedanken
- und mit Recht — allem kurzsichtigen Theologismus und Frömmigkeitskult
zum Trotz.
=, Der Holländer W. A. Vissert Hooft hat scheints ein Buch mit dem
Titel: „The background of the social Gospel in America“ (Der Hintergrund
> des sozialen Evangeliums in Amerika) geschrieben, aus dem nun gewisse-
- Kreise ein Wesen machen, die meinen, viel von Gott reden sei das, wor-
auf es ankomme. Von dem gleichen Verfasser stammt auch ein Buch über
_ die schweizerische religiös-soziale Bewegung, das eine sehr loyale und
- freundliche Darstellung dieser Bewegung mit einer Kritik derselben ver-
' bindet, die ein wenig der des Barthianismus gleicht. Kein Wunder, dass
-— man auf dieser Seite darüber entzückt ist, obschon es uns nicht schwer fällt,
- seine Kritik zu widerlegen. Was aber Amerika betrifft, so ist vorläufig der
grösste Vertreter des „Social Gospel“ immer noch Rauschenbusch.
Wer ihm, weil er nicht „Barthianer“ ist, die Wurzelung in den Tiefen des
Evangeliums abspricht, nun, der erblickt halt das Evangelium bloss in den
Formeln des Heidelberger Katechismus oder — seinen eigenen.
Es bleibt dabei: gerade das soziale, das heisst: das von Gott in Chri--
stus- aus das soziale Problem erfiassende Evangelium ist die grosse Not-
wendigkeit der Gegenwart und Zukunft. Es bedarf gewiss der stetigen Ver-
tiefung, in Amerika und in Europa, aber ihrer bedürfen auch seine Gegner.
Sie haben wahrhaftig Gott nicht gepachtet.
Be: 712. Dezember: 1929. IRRE
- %
* ‘ Personalia, Ueber Clemenceau müsste jemand schreiben, der seine-
2 Laufbahn verfolgt und auch seine Bücher gelesen hätte, dazu Frankreich
—
5
“
genauer kennte, Bei mir trifft das alles nicht zu. Clemenceau ist mir stets
eine fremde und wenig sympathische Gestalt geblieben. Was mir bedeutsam
erscheint, ist gerade, diese Tatsache, dass in Frankreich wie in England
immer wieder Männer eine führende Rolle spielen, die zugleich bedeutende
Gelehrte, Schriitsteller, Denker sind (man vergleiche damit unsere heuti-
gen Politiker), und dann diese Lebenskraft, diese unbezähmbare Tatkraft im
Dienste seiner Sache. Hätten wir das! Aber die „Kinder dieser Welt“
sind oft nicht nur klüger auf ihre Art, als die Kinder des „Lichts“, sondern
_ auch tapferer, energischer! (Vgl. Lukas 16, 8.)
1v Pfarrer Albert Reichen in Winterthur — welch ein Kontrast! —
- der nach langem Schwächezustand doch plötzlich mitten in der Arbeit ge-
storben ist, war neben Paul Pilüger einer der ersten Pfarrer in der Schweiz,
die in die sozialdemokratische Partei eintraten, und zwar schon vor dem
Aufkommen der religiös-sozialen Bewegung. Von dieser wurde er wohl vor
allem durch eine gewisse unduldsame Ausschliesslichkeit abgehalten, die sie:
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in ihren Anfängen ch bestand immerhin,
Verbindung zwischen ihm und uns, die auch in gemeinsamen Ak
. darstellte, Gewiss hat es ihm auch nicht an Verständnis für uns. gel
Für den Schreibenden ist er öffentlich mit Wärme eingetreten. In der
Partei stand er tiefer drin als die meisten von uns, aber in einer geist sen
Freiheit, die er auch sonst stets wahrte. Er war ein ehrlicher, re
| herzenswarmer Mensch von grosser a weitem Horizont und bis
x zuletzt von ungeschwächter ka ng ndigkeit des Geistes, wie nur
g echter Idealismus sie verleiht.
dächtnis bewahren.
772
De mortius, Ein eigentümliches Zusammentreffen hat es gefügt, dass
zwei Männer, die im letzten Heft Gegenstand kritischer Auseinandersetzung
waren, rasch nacheinander gestorben sind, und zwar der eine von ihnen,
Bundesrat Scheurer, in dem Augenblick, wo die „Neuen Wege“ zwar noch
nicht erschienen, wohl aber gedruckt waren und eine W: ee er „Offe-
nen Frage“ an ihn nicht mehr anging, der andere, Proiessor o
mittelbar nachher. Ich denke, die Leser werden verständig genug gewesen
sein, diesen Sachverhalt von sich aus festzustellen, Glücklicherweise steht
in der „Frage an Bundesrat Scheurer“ nichts, was ich nun bereuen müsste
geschrieben zu haben. Es war übrigens schon für das Oktoberheft berechnet
gewesen, aber aus technischen Gründen zurückgestellt worden. Noch weniger
lag in der gegen Prof. Hadorn gerichteten Bemerkung (der Erinnerung an
seine Stockholmer Worte) etwas Unberechtigtes. Sie drängte sich, wie
zahlreiche andere Zitierungen dieses Wortes beweisen, im Angesicht des
bernischen Synodalerlasses völlig auf. Selbstverständlich wären die gegen
die beiden Männer gerichteten Aeusserungen dennoch bey, nach-
dem sie dem irdischen Kampf entrückt waren, wenn die Nachricht davon
rechtzeitig zu mir gelangt wäre. Im übrigen aber kam der Umstand, dass
wir sterben müssen, kein Grund sein, den Wahrheitskampf zu unterlassen,
sondern bloss ihn so zu führen, dass wir es stets verantworten können, und
das ist bei diesem Anlass durchaus der Fall.
Und wenn ich nun über die beiden Verstorbenen noch ein: Wort sagen
soll, so kann das De mortius nil nisi bene selbstverständlich nicht den Sinn
haben, dass man das Urteil über einen Mann soiort völlig ändere, nach.
dem er das Auge geschlossen hat, sondern höchstens, dass man es, wo es
einem Geschiedenen gilt, wenn nötig noch sorgfältiger, erwäge und milder
formuliere. }
In der Erfüllung dieser Pflicht kommt mir zu Hilfe, dass unser Kampf
gegen Bundesrat Scheurer nie etwas „Persönliches“ gehabt hat. Wir °
waren seine sachlichen Gegner und umgekehrt, aber persönlich haben wir
im Guten und Schlimmen nie etwas zu tun gehabt. Freilich, ein edler
Gegner war er nicht, aber doch, mit den heutigen Massen gemessen, ein
anständiger. Nie hat er zwar für unser Wollen einen Hauch von Ver-
ständnis und Achtung oder gar Anerkennung gezeigt, immer nur hartköpfige,
überlegen lächelnde Ablehnung. In einer wirklichen Demokratie wäre es doch
gewiss am Platze gewesen, dass dieser Mann gewünscht hätte, uns einmal
anzuhören, eine persönliche Aussprache mit uns zu suchen. Denn schliess-
lich sind wir auch Schweizer und es steht hinter uns ein nicht kleiner Teil
des Schweizervolkes. Sogar in einer Monarchie hätte vielleicht der Regent
oder Premierminister so etwas gewünscht. Aber schon es auszusprechen,
erscheint bei uns lächerlich. Starr und steif wie gewisse Götter stehen un-
sere „demokratischen“ Magistraten über den Sterblichen — ausser wo.
diese sehr deutliche Figuren des machtpolitischen Schachspiels geworden
sind. Also an solcher seelischer Grösse hat es auch diesem Manne gefehlt, °
wie übrigens allen andern dieser Art. Und es ist festzustellen, dass er in der
historischen Stunde, wo die Schweiz die Mission hätte, einen neuen Weg
594
ir werden ihm ein gutes und dankbares Ge-
d
dorn, un-
g
DE ee No
nern
gehen, er. sich steif und starr abwehrend vor und in diesen Weg
ellt und den andern gewiesen hat. Kein Grab darf uns hindern, Pe et
— zustellen. Und wenn der: Jene ‚der die Leichenrede hielt, das am
. Grabe von Oberst Sprecher geübte Verfahren wiederholend, lächerlicherweise
uns Antimilitaristen. einlud, angesichts der Frömmigkeit des Dahingegange-
_ nen: unsere Heite zu revidieren und wieder ein wahrer Heroenkultus mit
diesem Verstorbenen getrieben wird, so erinnern wir an den bluttriefenden
„Erlass Scheurer“. Keine verlogenen Leichenreden, auch am Grabe die
Wahrheit! 4 Fa Et 12
} Aber nachdem dies festgestellt ist, soll freilich anerkannt werden, dass
der Verstorbene ‚im Rahmen seiner von uns nach wie vor scharf abgelehn-
ten Denkweise ein achtungswerter, tüchtiger und charaktervoller Mann war.
Wenn er auch nicht edel und gross war, so war er; wie gesagt, anständig.
= Und durch und durch ehrenhaft im persönlichen und ce Wandel.
_ Dazu gewissenhaft, fest, treu, unermüdlich, auf seine Art, so wie er es
2 verstand, sein Leben dem Vaterland hingebend bis zum letzten Tropien sei-
ner Kraft und durch diese Dinge auch Grösse gewinnend. Das’ alles
— wollen auch wir ehren. Wir haben ihm darum persönlich nie gegrollt und
werden es künftig erst recht nicht tun.
Und nun Professor Hadorn. Ueber ihn zu reden fällt mir
& schwerer. Wir haben gelegentlich freundschaftliche Beziehungen gehabt. Es
“ fehlte ihm nicht ganz am Verständnis für unser Wollen und: für unsere
Sache. Seine Stockholmer Zitierung des bekannten (freilich seinem kriegeri-
schen Zusammenhang entfremdeten) Zwingliwortes ıbeweist, dass er unter
der Suggestion bedeutsamer Eindrücke fähig war, sich neuen Dingen zu-
‘ zuwenden. Aber leider fehlte ihm: die Kraft, das in Stockholm Empfundene
in Bern festzuhalten. Er besass dafür nicht jene steife und unzugängliche
-— Bernerart Scheurers. So wurde er ein beliebter und einflussreicher Kirchen-
- mann, aber kein Führer auf schweren, neuen Bahnen, Es ist wohl eine letzte
Gunst des Geschickes gewesen, die ihn wegnahm, bevor er die tragische
Seite einer solchen Haltung auszukosten bekam. Um all des Besseren,
Freieren willen, das bei alledem doch in ihm lag, sei auch ihm ein freund-
liches, sogar dankbares Andenken bewahrt.
-Ein Missverständnis. Eine mündliche Aussprache hat ergeben, dass der
im letzten Heft unter dem Stichwort „Volkstanz?“ wiedergegebene Ab-
schnitt aus einem Bericht des „Blauen Kreuzes“ von uns missverstanden
worden ist. Es sei damit keine Herabsetzung der „Religiös-Sozialen“, sogar
das Gegenteil, gemeint gewesen. Auf Grund dieser Erklärung bedauere ich
das vorgefallene Missverständnis aufrichtig. Ich ‚glaube freilich, dass dieses
sich fast aufdrängen musste, wie es denn auch andern Lesern jenes Berichtes
sich aufdrängte, Ich persönlich bin seit Jahren an eine gewisse Art von
Darstellung unserer Sache gewöhnt, die nach dem Schema verläuft: grosse
Anregung durch die Religiös-Sozialen, Enthusiasmus, Erwartung des Rei-
ches Gottes, durch. menschliche Kräite herbeigeführt, darauihin tiefe Ent-
täuschung, dann aber Rettung durch Barth, Thurneysen, Brunner, Hinweis
auf die Offenbarung, das Wort Gottes, auf Sünde und Gnade — ich bin,
wie gesagt, so an dieses Schema — Schema F. F. wollte ich darum meine
Gegenbemerkung überschreiben — so gewöhnt, dass ich meinte, dieses mir
allzubekannte Schema in jenem Bericht wiederzufinden. Nur dass uns nun
auch die Jugendbewegung mit Reigen, Lied — übrigens an sich ganz gute
Dinge — dazu Erziehung zum Reiche Gottes zugeschrieben würden, schien
mir des Guten zu viel und veranlasste meine Gegenbemerkungen.
Dies bloss zur Erklärung und Entschuldigung. Der Verfasser jenes Be-
richtes (dessen Namen ich als mebensächlich weggelassen hatte) war sich
der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit einer solchen Auffassung desselben
offenbar nicht bewusst. Möge dieses Missverständnis, das ich nochmals
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bedauere, uns mahnen, dass wir einander al
sollten schenken dürfen.
Aarau. Zusammenkunft der Freunde des „Aufbaus“ und der „N
Wege“, Sonntag, den 5. Januar 1930, nachmittags 2.15 Uhr, im alkoholir
Restaurant „Helvetia“ (1. Stock). Fortsetzung des Vortrages von Pfarrer
Ernst Ott in Safenwil über: „Peter Krapotkin“. Diskussion.
Zahlreiches Erscheinen unserer Gesinnungsireunde erwartet ie
Verdankung. Für die Hungernden in China eingegangen von: Dr. St.
in’R. Fr, Her R. W. D. in L. 10.—; Kinderspende durch Frl. D. in Sch,
1.50. Herzlichen Dank! > ji
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zungen
EERRERTRRREREN
Kurs über Wissenschaft, Philosophie und Religion in Bern.
Auf Wunsch von verschiedenen Freunden veranstalten wir gleich nach
Neujahr einen Kurs, der vier Abende umfassen wird, über das Thema:
„Wissenschaft, Philosophie und Religion“. Es ist uns ge
lungen, Herrn Prof. Dr. L. Ragaz als Leiter dieses Kurses zu gewinnen.
Kursabende: Je Montag und Dienstag, 6. und 7., 13. und
14. Januar. .
Lokal: Zimmer Nr. 8, Volkshaus, Bern.
Näheres Programm: 5
1. Von Wissenschaft und Philosophie — was sie sind 7
und wie weit sie reichen.
2. Was heisst: eine Weltanschauung haben?
3. Gibt es eine Wahrheit?
4. Was ist und will das Christentum?
Die Ihemen werden mit steter Beziehung auf den Sozialismus und die
geistigen Interessen seiner Anhänger behandelt. Auf eine lebhafte mündliche
und schriftliche Mitarbeit der Teilnehmer wird sehr gehofft.
Wir laden alle Leser der „Neuen Wege“ herzlich ein, den Kurs zu
besuchen. ,
Der Ausschuss der Gruppe „Neue Wege“ und „Aufbau“, Bern.
ÄHRITDIBIBERDERDDDERETDRLIEEROSTRRRSESERERLERERBRERRIADRRTIEABERTESLERBIUDRRERTETTETEHNERBERERRTRDERETELTTREBRITERTEREUDRRRLLETERTRETTERBERSERERTITERRRKAEEHTRDERERENRTTETERRRKNEERERKLTRRGER
; Von Büchern
ÄRDRERBERERERERRERRRRRRETRERERERERRRRRRERERBRRRRRERERRERKRERERKRERURNERURERERKRÜRRALKRRERUTSERERTRRTKHERKRKRRRERKEKTKTERÄRRTRRDRTRTRRRTRURURDELEKRRRERKARTLEHRERKRTÄRTLERHERIEKRRTERNRKRERKNN
Für Weihnachten und Neujahr.
Ich möchte besonders empfehlen:
1. Robert Friedmann: Leo Tolstoi zur Ergänzung des Vortrages von
Dr. Strasser, eine wundervolle Auswahl von Worten Tolstois, ein ganz feines.
Büchlein für Weihnachten, eine Botschaft von der Liebe und Bruderschaft,
wie es wenige gibt. (Erschienen im Verlag von Rütten und Löning in
Frankfurt am Main.)
2. Julie Schlosser: „Wir und die Kreatur“ (im Verlag Leopold
Klotz in Gotha erschienen), eine flehentliche Schutzschrift für die Tiere,
en für Esel, Schaf und Tauben, die um die Wege des Christkindes: :
sind.
2
IE Ari
3. Das Handbuch der Gewaltlosigkeit, herausgegeben von Dr. Franz
Kobler (im Rotapielverlag erschienen), ein Buch, vor dem in den „Neuen
596
“
und tiel
+6. Endlich ‚der pazilistische Abreiss-Kalender „Neues Deutschland“ 1930,
er Ei feinen Bildern und Sprüchen, (Verlag: „Friede durch Recht“, Wies-
yaden.) EN =
Zum Jahresschluss.
Wenn ich die Arbeit überschaue, die in dem nun abschliessenden
Jahrgang durch die „Neuen Wege‘ geleistet wurde, so bin ich mir,
wie immer, ihrer Mangelhaftigkeit schmerzlich und sans phrase be-
wusst. ‚Wie vieles hat auch nur der ewige Kampf mit dem Raum
verhindert, der trotz allem weitherzigen Entgegenkommen des Re-
daktionskomitees. und der Vereinigung der Freunde nicht aufhören
will. Wie könnte man fast jedes Heft interessanter und abwechslungs-
reicher gestalten, wenn man in dieser Beziehung volle Bewegungs-
freiheit hätte! Um gerade daran anzuknüpfen, so gedenke ich, im
kommenden Jahrgang die Rubrik ‚„Monatsschau“ eingehen zu las-
sen. Sie kostet mich zuviel Arbeit und Raum und kann doch nie
recht genügen. Denn wie vieles sollte man jeweilen noch lesen,
und wissen, um in der Beurteilung der Lage einer so bunten und
chaotischen Welt, wie die heutige eine ist, einigermassen auf der
Höhe zu sein. 'Es soll zum Ersatz für das Wegfallende einmal die
Rubrik „zur Weltlage‘“ wieder mehr den Tagesereignissen gewidmet
sein und sodann zu einzelnen von diesen, die es zu fordern scheinen,
gründlicher Stellung genommen werden. Sollte aber aus dem
Leserkreis starke Einsprache gegen diese Aenderung‘ erfolgen, so
wollen wir es bei der bisherigen Form bewenden lassen und uns
anders zu helfen suchen. Lange Aufsätze nehmen gar viel Platz
weg. Ich möchte sie nicht ganz vermissen und zwar nicht nur
trotzdem, sondern gerade weil heute die Stimmung dem Raschen
und Leichten zugewendet ist; denn es gilt, gerade dazu ein Gegen-
gewicht zu schaffen. Wir wollen den „Neuen Wegen“ stets den
nötigen Tiefgang zu erhalten suchen. Aber manches wieder kann
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ohne Not kürzer gesagt werden und wir wollen uns darin Mühe
geben. B
- Im übrigen ist in diesem Jahrgang Einiges, das mich besonders
freut. In seinem Zentrum steht doch recht deutlich das Doppel-
problem, das durch die Stichwörter: „Religiös“ und „Sozial“ be-
zeichnet wird. Die Ausätze über Blumhardt, das Jahr 1529, noch
mehr die von Julia Hansen, dazu der von Professor Brunner über
„Theologie und Gemeinschaft“, haben dessen eine, die über den ka-
_tholischen Sozialismus und den sozialistischenBruderkrieg, die Wege
zum Sozialismus dessen andere Seite stark in den Mittelpunkt ge-
rückt. Auch das sexuelle Problem ist durch die Aufsätze von Bieten-
holz und Guerin ein wenig zu seinem Rechte gekommen, das noch
mehr geltend zu machen längst unsere Absicht ist. Die Betrach-
tungen an der Spitze, die Einigen zum Anstoss gereichen, Andern
besonders lieb sind, haben ein so ziemlich einheitliches Ziel be-
kommen, das man hoffentlich erkannt haben wird. Sie sollen im
neuen Jahrgang ein neues vorwiegend ins Auge fassen. Zu Kierke-
gaard und Blumhardt hat sich Landauers und Tolstois Bild gesellt,
andere werden folgen. Daneben sind in der Rubrik „Aussprache“,
dazu besonders in der „Monatsschau“, überhaupt in der „Rund-
schau“, die Tagesfragen und Tagesprobleme auf mehr aktuelle
Weise behandelt worden. Zu kurz gekommen ist die Rubrik ‚Von
Büchern“. Das soll wenn möglich besser werden; indessen haben
wir doch besonders wichtige Bücher auf andere Art und dann
gründlich besprochen. Alles in allem darf ich sagen, dass viel Kampf
und Arbeit auch in diesem Jahrgang steckt. Das Werk der „Neuen
Wege“ ist mir eine ernste, schwere Gewissensache.
So soll es bleiben. Und dass es doch immer besser getan werde,
trotz der Mängel, die bleiben werden, darf ich wohl hoffen. Zu
bedenken ist stets, dass es nicht leicht ist, einem so mannigfaltig
zusammengesetzten Leserkreis zu dienen. Dieser Kreis reicht vom
Arbeiter bis zum Professor und umschliesst eine bunte Fülle von
Geisteshaltungen. Dann kann unmöglich alles allen gleich pas-
sen. In diesem Jahrgang mögen die mehr theologisch gearteten
Beiträge Einigen Mühe gemacht haben. Ich kann nicht versprechen,
dass diese ganz aufhören werden. Es wird im neuen Jahrgang so-
fort die Aussprache mit Professor Brunner und der Neuen Theo-
logie einsetzen. Doch wollen wir nach Möglichkeit dafür sorgen,
dass alles einfach und verständlich bleibt und das eigentliche Ge
lehrte und Fachmässige vermieden wird; dazu aber werden wir uns
bemühen, bald in den vollen Strom der unmittelbaren Glaubens-
fragen zu gelangen, die jedem Menschen als solchem nahe liegen.
Die Linie des „Sozialen“ wollen wir dabei ebenfalls festhalten und
alle übrige Arbeit,
In der letzten Zeit haben wir wieder etwas mehr das „Schwert“
- I
> En N
u
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598
fs
ingen müssen, fast immer zur Verteidigung. Das ist also nicht
R nsere Schuld. Es ist glücklicherweise auch ein Zeichen, dass
_ unsere Sache lebt und wirkt. Nur darf niemand meinen, wir fühlten
_ uns verpflichtet, auf jeden Angriff, jede Verleumdung zu ant-
_ worten. Wir greifen höchstens da und dort etwas heraus, wo
' Schweigen uns schädlich vorkommt. Wir haben durch Schweigen,
wo wir hätten reden sollen, viel gefehlt. Möge es uns gelingen,
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zwischen falschem Reden und falschem Schweigen immer besser
das richtige zu trefien.
Es wird das umso nötiger sein, als es scheint, dass wieder
_ stürmischere Zeiten kämen. Nun, diese haben den „Neuen Wegen“
nie geschadet. Träge, stagnierende Zeiten sind für sie sehr viel un- -
günstiger. Aber nach wie vor ist klar, dass wir auf die Treue der
Freunde rechnen müssen, die unermüdlich an ihrer weiteren Ver-
breitung arbeiten. Darin können uns ja viele helfen — und tun
‚es auch — denen Schreiben und Reden nicht liegt. Wir bitten um
neue Nachsicht, verstehende Treue, Hilfe äusserer und innerer Art
und befehlen unsere Sache dem, der helfen kann und will. Das Ver-
trauen zu ihm nicht „wegzuwerfen‘ bleibt stets die grosse Haupt-
sache. DerRedaktor.
Programm für den Winter 1929/30.
Zweite Hälite.
I. Die Bergpredigt Jesu Christi (Fortsetzung und Schluss). Sams-
tag, abends 8 Uhr. Leiter: L. Ragaz. Wiederbeginn:
11. Januar.
II. Sozialistischa Kommunalpolitik. Leiter: Paul Pflüger.
Montag, abends 8 Uhr. Beginn: 13. Januar (drei bis vier
Abende).
Das Thema wird immer wichtiger und zentraler, eine Einführung in
diese Aufgabe immer dringlicher. Der Leiter, der bekannte ehemalige Piar-
rer, Nationalrat und Stadtrat, ist dafür wie Wenige berufen.
II. Sozialistische Bildung. Montag, abends 8 Uhr. Kurs in fünf
Abenden. 1. Ziel und Aufgabe einer wirklich sozialistischen
Bildung. 2. Die Volkshochschule und der Sozialismus. 3. Die
Arbeiterbildung und die Arbeiterhochschule. 4. Die Arbeiter-
bewegung als Trägerin neuer Bildung. 5. Die Arbeiterbildung.
und die Weltanschauung. Referenten: Hans Neumann, Leonhard
599
Mi
I. 2 Febrdarı\ Genauere Mit a
Abends 8 Uhr. Thema: Die oliendendemmh ie S
- VI. Es werden an den Sonntagen von Zeit zu Zeit Abend
Auch dieses Thema bedarf keiner Begründung
Aufgabe rückt immer mehr in den Mittelpunkt 2 soralitnchen
IV. Der Frauenabend. Jeden ersten und dritten. Dienstag i im onar
lehre in der Erziehung (Fortsetzung). Leiterin:
Frau Dr. med. S. Oetli. Wiederbeginn:7. Januar 1930 D.
V. Der Musikabend. Donnerstag, abends 8 Uhr, alle vierzehn Tage.
_ Thema: Werke von Mozart und Schubert, mit Berichten aus IS
ihrem Leben (Fortsetzung). Leiterin: Fräulein Sophie
Widmer. Wiederbeginn: 16. Januar 1930. er
VI. Monatsabend. Jeden vierten Dienstag im Monat. Thema: Po-
‚litische und andere Tagesfragen. Wedel
beginn: 28. Januar 1930.
Der Monatsabend will die Mitglieder der ie und die Kurs.
teilnehmer,- aber auch einen weiteren Kreis von Menschen zu einer Bi
hängigen Verhandlung von wichtigen Problemen des heutigen Lebens ver-
einigen.
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Y
kr
3
feiern stattfinden. 4
Für die Kurse II. und II. wird ein Kursgeld von Fr. 3.—
erhoben, die übrigen sind frei. Alle stehen im übrigen jedermann
offen. |
Wir stellen auch eine gute kleine Bibliothek zur Verfügung.
Alle Anlässe finden im „Heim“, Gartenhofstrasse 7, Zürich 4,
statt.
Helfet das Werk, das wir tun, fördern!
Der Ausschuss.
Redaktionelle Bemerkungen.
Wieder hat sich so viel dringlicher Stoff eingestellt, dass Einiges mit
schwerem Herzen auf das nächste Heft zurückgestellt werden musste, so ein
Bericht über die Berner Synode und ein Aufruf der amerikanischen Kirchen.
Ich hoffe, das Januarheit dafür früh herauszubringen. Ihm wird auch das
Tall Werzeichuis für 1929 beigelegt werden.
Der Redaktor hat in diesem Heite leider wieder zu einseitig das Wort.
Das wird im neuen Jahrgang besser werden.
Allen Lesern für Weihnachten und Jahreswende reichen Segen!
600